Vorwort. Die Volksſprache des Kurfürſtentums Heſſen, deren Wortvorrat ich hier darzulegen verſuche, zeigt ſehr erhebliche Verſchiedenheiten. Auf der Grenze des oberdeutſchen und niederdeutſchen Sprachgebietes gelegen, umſchließt Kurheſſen eben ſo wol entſchieden oberdeutſch, wie entſchieden niederdeutſch redende Bezirke, ſo wie diejenigen Gegenden, welche, weſentlich der oberdeutſchen Sprache durch ihren Conſonantismus angehörig, im Vocalismus und im Idiotismus die Uebergänge zwiſchen Oberdeutſch und Niederdeutſch darſtellen. Dieſe Verſchiedenheiten prägen ſich nicht nur in dem Dialekt, deſſen Darſtellung von dem Idiotikon ausgeſchloßen bleiben muß, ſondern auch in dem Wort⸗ vorrate deutlich, oft ſehr entſchieden aus. Die Grenze zwiſchen Oberdeutſch und Niederdeutſch zieht ſich in Kurheſſen ziemlich genau von Oſten nach Weſten hin, auf der Waßerſcheide zwiſchen den der Eder und Fulda zugehenden Flüßchen: Elbe, Ems, Bauna und Ahna einerſeits, und den der Diemel zugehenden kleinen Gewäßer: Erpe, Twiſte, Warme und Eſſe andererſeits. Sie beginnt an der Fulda oberhalb Knickhagen, ſetzt ſich auf der Höhe zwiſchen Immenhauſen und Hohenkirchen fort, geht über den Brand und Stahlberg zwiſchen Weimar und Fürſtenwald hindurch, wendet ſich von da an ſüdlich nach dem Dörnberg und Habichtswald, geht zwiſchen Ehlen und Martinhagen, ſodann zwiſchen Iſtha und Balhorn, Bründerſen und Altenſtädt hindurch, und endigt am Weidelsberge, wo das im Quellgebiet der Elbe liegende Dorf Ipping⸗ hauſen, als einzige Ausnahme, dem niederdeutſchen Sprachgebiete angehört. Der politiſchen Einteilung nach umfaßt dieſes niederdeutſche Sprachgebiet die Kreiße Hofgeismar und Wolfhagen. Außerdem gehört hierher die tief in Niederdeutſchland als Enclave liegende Grafſchaft Schaumburg, deren Idiotismen indes, weil längſt voll⸗ ſtändig durch das Bremiſch⸗Niederſächſiſche Wörterbuch vertreten, ich, um nicht abſchreiben zu müßen, mit geringen Ausnahmen nicht berückſichtigt habe. Das Niederdeutſche der vorher abgegrenzten Gegend theilt ſich aber merklich in den weſtfäliſchen und den ſächſiſchen (hanoveriſch⸗braunſchweigiſchen) Dialect, von denen der erſtere den weſtlichen Theil des niederdeutſchen Kurheſſens, den Kreiß Wolfhagen, der andere den öſtlichen Theil, den Kreiß Hofgeismar, im Allgemeinen genommeu, umfaßt. Zu dem weſtfäliſchen Heſſen gehört das Gebiet der Erpe, Twiſte und Warme, ſo wie der obere Lauf der Diemel bis Sielen, zu dem ſächſiſchen Heſſen das Gebiet der IV Weſer ſelbſt und der Eſſe, ſo wie der untere Lauf der Diemel. Zwiſchen dieſen beiden Gebieten, dem weſtfäliſchen und dem ſächſiſchen Dialektgebiet, finden ſich jedoch mehrfache Uebergänge (Ehrſten, Meimbreſſen, Schachten, Deiſſel, Langenthal u. a.). Entſchieden oberdeutſch iſt das ganze Fürſtentum Hanau, das Groß⸗ herzogthum Fulda, die Herrſchaft Schmalkalden und der ſüdlichen Theil von Oberheſſen. Die nächſte Verwandſchaft untereinander haben Fulda und Schmalkalden, was mich auch beſtimt hat, die Schmalkalder Idiotismen mit aufzunehmen, wiewol die meiſten in Reinwalds Hennebergiſchem Idiotikon bereits verzeichnet ſind. Von dem Fuldaiſchen Dialekt und Wortvorrat unterſcheidet ſich ſehr beſtimt die angrenzende ſ. g. Obergrafſchaft Hanau, und noch mehr die ſ. g. Niedergrafſchaft Hanau, welche, ähnlich dem ſüdlichen Theile von Oberheſſen, die nächſte Verwandtſchaft mit dem Dialekt der Wetterau hat. Während ich mit der vorliegenden Samlung beſchäftigt war, hatte Herr Profeſſor Dr. Weigand in Gießen die Abſicht, ein Wetterauiſches Idiotikon herauszugeben, weshalb ich, um nicht ſehr unnötiger Weiſe zu collidieren, die Niedergrafſchaft Hanau mit geringen Ausnahmen aus meiner Samlung ausſchloß, wobei es geblieben iſt, wiewol ich dieſen Mangel, welcher übrigens nicht ſehr erheblich iſt, jetzt bedauere. Der nördliche Theil des Kreißes Hünfeld, richt unbedentend verſchieden von dem Rhönbezirk, nähert ſich in Sprache und Wortvorrat dem Amt Landeck und dem Stift Hersfeld. Es iſt derſelbe unter dem Namen „Haun⸗ grund“ aufgeführt. Geographiſch genommen reicht freilich der Haungrund von Unterhauna bis hinauf nach Frieſenhauſen in der hohen Rhön, doch verſteht man im gemeinen Leben den Namen gewöhnlich ſo, daß darunter die Ortſchaften von Burghaun abwärts bis Unterhauna begriffen werden; ich habe mir geſtattet, unter dieſem Namen auch die Idiotismen aufzuführen, welche aus den übrigen Theilen des ehemaligen reichsritterſchaftlichen Cantons Rhön⸗Werra (Buchenau, Mansbach, Werda, Langenſchwarz) von mir aufge⸗ leſen oder mir zugetragen worden ſind. Das Stift (Fürſtentum) Hersfeld bildet das Verbindungsglied zwiſchen der Fuldaiſchen Sprache (näher der Sprache des „Haungrundes“) und der Sprache, welche im eigentlichen Niederheſſen herſcht, einerſeits, ſo wie andererſeits der Sprache der Grafſchaft Ziegenhain. Niederheſſen ſelbſt aber, wenn gleich im Ganzen eines und deſſelben, ziemlich breiten und nicht ſauber darzuſtellenden, conſonantiſch hochdeutſchen, vocaliſch niederdeutſchen Dialektes, und hinſichtlich des Wortvorrats mit zalreichen niederdeutſchen Idiotismen durchſetzt, bietet mehrere nicht ganz unerhebliche Schattierungen dar. Der öſtliche Theil, das Werragebiet von Heringen bis unterhalb Eſchwege, hat mehrfache nahe Verwandtſchaft mit der thüringiſchen und hennebergiſchen Sprache und Idiologie, unterhalb Eſchwege fangen niederdeutſche Elemente au, ſich einzu⸗ miſchen; noch weit ſtärker vertreten ſind dieſe Elemente an der untern Schwalm Vorwort. Vorwort. 1 und Eder und in der Umgegend von Kaſſel, merklich weniger im eigentlich innern Heſſen (Homberg, Rotenburg, Melſungen, Spangenberg, Lichtenau). Die Sprache der Grafſchaft Ziegenhain ſchließt ſich im Gebirgstheil theils an das ſo eben bezeichnete Sprachgebiet des innern Heſſens, theils an das des Stiftes Hersfeld an, wogegen das Gebiet der eigentlichen Schwalm ſich der oberheſſiſchen Sprache annähert, doch mit zalreichen Eigentümlichkeiten, an welchen der nördliche Theil der Grafſchaft, das Amt Schönſtein (Treyſa), am reichſten iſt, und mit den, jetzt oberheſſiſchen, ehedem ziegenhainiſchen Bezirken (Rauſchenberg, Gemünden, Haina) noch bis jetzt in der nächſten Verwandtſchaft ſteht. Das nördliche Oberheſſen (Frankenberg) zeigt manche merkliche Spuren des Niederdeutſchen, die ſich ſporadiſch bis in das Hinterland, weſtlich von Marburg, fortſetzen, und unterſcheidet ſich dadurch deutlich von dem ſüdlichen Oberheſſen (Amt Fronhauſen, Treis an der Lumbde, Ebsdörfer Grund, Amt Amöneburg, Amt Kirchhain). Auch iſt das von Marburg öſtlich gelegeue Oberheſſen von dem Hinterland nicht unmerklich verſchieden, und wiederum haben die ehemals mainziſchen Ortſchaften jenes öſtlichen Theiles manche Beſonderheiten in Dialekt und Wortvorrat. Die Anlage zu dieſem Idiotikon wurde von mir vor jetzt vierzig Jahren, 1827— 1828, gemacht, und die Samlung der Einzelheiten, planmäßig vom Jahr 1835 an, mit einigen Unterbrechungen bis zum Ende des Jahres 1866 fortgeſetzt. Den gröſten Theil habe ich ſelbſt durch Verkehr mit dem Volke aus Niederheſſen, Hersfeld, dem Haungrund, Ziegenhain und Oberheſſen, theilweiſe auch aus Fulda und Schmalkalden, in den Jahren 1827— 1832, dann 1835 — 1843, zuſammengebracht; die Citate aus den oberheſſiſchen Renterei⸗ und Forſtrechnungen des 16. 17. Jarhunderts ſind den betreffenden in meinem Beſitze befindlichen Literalien entnommen. Sehr vieles aber ver⸗ danke ich bereitwilligen und freundlichen Mitteilungen Anderer. Unter denen, welchen ich Dank für wertvolle umfangreiche Samlungen ſchulde, habe ich zunächſt mehrerer Verſtorbenen zu gedenken: des in Hamburg verſtorbenen ehemaligen Pfarrers Bering von Niedermeiſſer, den ich als einen beſonders einſichtigen Samler (für das weſtfäliſche und ſächſiſche Heſſen) rühmen muß, des Reallehres Salomon Berlit zu Hersfeld, eines ſprachkundigen und ſorgfältigen Beobachters der Sprache des Volksſtammes, aus welchem er ſelbſt hervorgegangen war (Schmalkalden), des Cantors Straube zu Schmal⸗ kalden, des Pfarres Deichmann zu Helſa (damals, 1829, in Grebenſtein; für das ſächſiſche und weſtfäliſche Heſſen), des Archivrats Dr. Landau in Kaſſel, welcher theils durch Mitteilung von Urkunden, theils von Auszügen aus denſelben mir eine ſehr wertvolle Hülfe gewährt hat, und ſonſt Manches, namentlich aus dem weſtfäliſchen Heſſen, für mich ſammeln ließ, des Metro⸗ politans Brunner in Gudensberg (für das öſtliche Heſſen und für Schönſtein), und des Oberconſiſtorialrats Dr. Wiß in Fulda (für die Reichsritterſchaft). Unter den Lebenden haben höchſt dankenswerte Beiträge von größerm Umfange VI Vorwort. mir zu Theil werde laßen Herr Domcapitular Dr. Malkmus zu Fulda, dem ich den gröſten Theil der Fuldaer Idiotismen verdanke, Herr Pfarrer Dr. Vömel in Eichen (früher in Steinau; von ihm ſind ſämtliche Idiotismen der Obergrafſchaft Hanau ſorgſam geſammelt und mir freundlichſt zum Ge⸗ brauche überlaßen worden), Herr Pfarrer Knoll in Wernswig, Herr Pfarrer Endemann, jetzt in Eberſchütz (für Schmalkalden), und Herr Poſtwagen⸗ meiſter Becker in Marburg. Einzelne wertvolle Mitteilungen verdanke ich dem verſtorbenen Geheimen Regierungsrat Ungewitter, dem verſtorbenen Metropolitan Fröhlich in Neukirchen, dem verſtorbenen Pfarrer Bücking in Michelbach, ſo wie den Herrn Pfarrern Schilling in Oberrieden, Karff in Obermeiſſer, Zülch in Hombreſſen und Heldmann in Weitershauſen. Uebrigens hat es mir die lange Dauer des Sammelns möglich gemacht, die große Mehrzal der Wörter und Ausdrücke, welche mir zu der Zeit als ſie mir mitgeteilt wurden, erſt durch dieſe Mitteilungen zur Kenntnis kamen, nachher ſelbſt zu controlieren. Dieß gilt insbeſondere auch von den Idiotismen, welche mir aus andern als den ſo eben namhaft gemachten zuverläßigen Quellen zukamen; wo die Controle derſelben nicht gelingen wollte, aber Warſcheinlichkeit für die Richtigkeit der Mitteilung vorhanden war, iſt dieß überall (meiſt durch ein „ſoll“) angegeben, zweifelhafte Idiotismen habe ich vorgezogen, gänzlich wegzulaßen — worin ich zuweilen vielleicht zu weit gegangen bin, da mir einige von den jetzt in den Nachträgen aufgeführten, namentlich fuldaiſchen und oberheſſiſchen, Wörtern verdächtig ſchienen, und nun doch durch die gütige Mitteilung der Herrn Domcapitular Dr. Malkmus und Medicinalrat Dr. Schwartz, ſo wie einiger andern freundlichen Mithelfer, nachträglich volle Beſtätigung erfaren haben. Nahe am Schluße der Ausarbeitung, und nachdem ſogar ein großer Theil der einſchlagenden Artikel bereits ausgearbeitet war, habe ich mehrere hundert Artikel der Samlung wieder ausgeſtoßen, ſolche nämlich, welche, aus ältern Schriften und Urkunden entnommen, jetzt nicht mehr üblich, nicht auf Heſſen beſchränkt und nicht von hervorragendem Intereſſe oder auch, als dem ältern deutſchen Recht angehörig, ſonſt ſchon hinreichend bekannt und in den betreffenden Wörterbüchern vertreten ſind. Dieſelbe Maßregel der Ausſtoßung hat einige weitere Hunderte betroffen, welche Ortsnamen, Berg⸗ und Wald⸗ Namen enthielten, in ſo fern denſelben ein irgend bedeutendes ſprachliches oder geſchichtliches Intereſſe nicht beizuwohnen ſchien. Nur die erheblicheren aus beiden Kategorieen habe ich ſtehen gelaßen. Auch eine Reihe techniſcher Audrücke, die nicht auf Heſſen beſchränkt ſind, habe ich nachträglich wieder beſeitigt, was ich hinſichtlich einiger, die dem Ausſterben nahe ſcheinen, jetzt faſt bedauere; es gilt dieß von manchen Fiſcher⸗, Jäger⸗ und ſogar Berg⸗ mannsausdrücken. Sehr bald aber gab ich es auf, die Bezeichnung der zalreichen Kinderſpiele und vollends die innerhalb derſelben vorkommenden Ausdrücke zu verzeichnen. Schon jene Bezeichnungen wechſeln nach oft ſehr Vorwort. yn engen Bezirken, ja nach einzelnen Ortſchaften, und die Spielausdrücke, noch mehr örtlich wechſelnd, ändern ſich ſogar nach der Zeit, und überdauern nicht ſelten kein volles Menſchenalter, ja ein nicht geringe Anzal derſelben wird offenbar willkürlich erfunden. Das Wenige dieſer Art, welches ſtehen geblieben iſt, hätte faſt durchgängig ohne Nachtheil wegfallen können. Manche Wörter und Ausdrücke ſind nur nach ihrer eigentlichen Heimat verzeichnet worden, während dieſelben ſporadiſch auch in andern Gegenden vorkommen; dieß gilt von einigen ſchmalkaldiſchen Idiotismen, welche auch im Fuldaiſchen, von einigen ziegenhainiſchen, ja niederheſſiſchen, welche einzeln auch in Oberheſſen erſcheinen, und wol noch von einigen andern. So zähe die Volksſprache im Ganzen die alten Wörter, ja einige der allerälteſten, wie Aidchen (äithei, eidi), Gnenn (ginamno), Heite, Owwe, viele Jarhunderte lang feſthält, ſo fehlt es doch auch nicht an Beiſpielen des Abſterbens einiger und nicht unerheblicher Wörter und Formeln ſelbſt im Volksmunde. Dieß gilt zunächſt von den tief niederrheiniſchen, ja nieder⸗ ländiſchen Wörtern, welche im 15. und zum Theil im 16. Jarhundert in Niederheſſen, einige auch in Oberheſſen, erſcheinen, mit dem Ende des 16. Jarhunderts aber gänzlich verſchwinden; es gilt aber auch von alteinheimiſchen oberdeutſchen Wörtern, welche bis zum Ende des vorigen Jarhunderts üblich waren, und in den letzten 60 bis 70 Jahren, einzelne erſt ſeit 1830, abge⸗ ſtorben ſind. Die Anlage dieſes heſſiſchen Wörterbuchs iſt zunächſt eine ſprachlich⸗ wißenſchaftliche, zu welcher Schmellers bayeriſches Wörterbuch das uner⸗ reichbare Vorbild gewährte, indes berührt die Samlung auch das ſachliche Gebiet (den allzu ausführlichen Artikel „Waldrecht“ bitte ich, einem Altheſſen freundlichſt nachſehen zu wollen) und iſt nicht bloß auf Sprachforſcher berechnet, ſondern eben ſo wol, und mehr vielleicht, auf diejenigen, welche die heimiſche Sprache in ihrem lexicaliſchen Gehalt als Ausdruck des Lebens und der Sitte des Volkes kennen lernen und lieb gewinnen wollen. Die frevelhafte Unweisheit, gegen welche der erſte flüchtige Gedanke einer Veröffentlichung eines heſſiſchen Wörterbuchs, im Jahr 1828, gerichtet war, als jene After⸗ weisheit eben in der höchſten Blüte ſtand: in den Volksſchulen abſichtlich alles Volksmäßige in der Sprache der Kinder durch Tadel, Hohn und Strafe zu vertilgen, iſt ſeitdem gänzlich abgeſtorben, und hat erfreulicher Weiſe einer oft ſehr ſorgſamen, allezeit dankenswerten Pflege der altvolksmäßigen Sprache und Sitte Raum gegeben. Ich darf wol hoffen, daß man auch dieſes Buch als einen Beitrag zu dieſer Pflege aufnehmen werde. Allerdings wird noch gar Manches fehlen, welches mir entgangen iſt und Aufzeichnung verdient, ſogar gefordert hätte; iſt es doch dem unermüdlichen verewigten Schmeller nicht anders gegangen, deſſen Nachträge zu ſeinem Wörterbuch (jetzt glücklicher Weiſe in den befähigtſten Händen unter allen, des Herrn Dr. Frommann in Nürnberg) an Umfang dem Wörterbuch gleich ſtehen. vIII Vorwort. Was die Einrichtung des Wörterbuchs betrifft, ſo ſind die meiſten abge⸗ lteten Wörter unter den Stammwörtern verzeichnet, verſäumt aber habe ich, die ſämtlichen Ableitungen, welche einen andern Anlaut oder Inlaut haben, als das Stammwort, an ihrer alphabetiſchen Stelle beſonders, mit Verweiſung auf das Stammwort, zu notieren, was im Intereſſe des praktiſchen Gebrauches wol nötig geweſen wäre; bei den meiſten iſt es indes geſchehen. Alle mit den untrennbaren Präpoſitionen be⸗ ge⸗ ver⸗ zer⸗ zuſammengeſetzten Wörter ſuche man jedoch unter den Stammwörtern; ausgenommen ſind ſolche Wörter, deren Stamm nicht mehr erfindlich iſt (wie: Geſtieke), oder wo die ſcheinbare Vorſilbe zum Stamme gehört, wie betucht. Einem mir geäußerten dringenden Wunſche habe ich nachträglich dahin nachgegeben, daß ich diejenigen mit ver- zuſammengeſetzten Wörter, welche angeblich nicht ſofort aufzufinden ſeien, beſonders mit Verweiſung verzeichnet habe. Die Gemination ck folgt nicht im e ſondern im I (einige durch Verſchiebung der einzelnen Blätter des Manuſcripts veranlaßte Irrtümer abgerechnet), wohin ſie gehört, dagegen habe ich, da wir nun einmal ch ſchreiben, dieſe Aſpiration nach b, in der dritten Stelle des Alphabets, belaßen. Vielleicht iſt es auch jetzt noch nicht überflüßig, die Vocalbezeichnungen dahin zu erläutern, daß ä der Umlaut des (kurzen) a, ae der Umlaut des à, ö der Umlaut des (kurzen) o, oe der Umlaut des 6, ü der Umlaut des (kurzen) u. üe Umlaut des uo, jetzt à iſt, daß ferner e das breite, aus i entſtandene, e das helle als Umlaut aus a hervorgegangene, e das lange, in der Regel dem alten ai (ei) entſprechende e bezeichnet. Die Bezeichnungen ahd. (alt⸗ hochdeutſch), mhd. (mittelhochdeutſch), altſ. (altſächſiſch), agſ. (angelſächſiſch) dürfen als allgemein bekannt gelten. Die Literatur der Quellen und Belege hier beſonders anzuführen, würde überflüßig ſein, da dieſelbe mit vielleicht allzugroßer Deutlichkeit, ja Peinlichkeit bei den einzelnen Artikeln verzeichnet iſt. Nur das iſt zu bemerken, daß, wo einfach Eſtor mit Angabe der Seitenzal citirt iſt, Eſtors Probe eines oberheſſiſchen Wörterbuchs in ſeiner Teutſchen Rechtsgelahrtheil (Frankfurt 1767) 3, S. 1403—1423 gemeint iſt. Das hundertjährige Jubiläum dieſes erſten Verſuches eines heſſiſchen Wörterbuches wird durch das vorliegende Buch bezeichnet, aber es iſt auch dieſes Jubiläumsjahr das erſte des Ver⸗ ſchwindens von Kurheſſen aus der Reihe der deutſchen Staaten, und dieſes Buch vielleicht das ſchmerzliche letzte Zeugnis für den ſechshundertjährigen Beſtand der Heſſenkaſſeliſchen Lande, welche von einer langen Reihe trefflicher Fürſten mit Einſicht und Gerechtigkeit zum Segen ihres Volkes regiert worden ſind. Marburg, am 31. Auguſt 1867. g. d. E. Büwar. AAPJ. A A. abgelten, leiſten, erſtatten; iſt noch jetzt nicht ganz außer Gebrauch, wenigſtens in Oberheſſen, wo es noch hin und wieder gehört wird. „Hartmann Riedmüller zu Oberſimtshauſen (wird um 1 ½ fl. geſtraft) das er dieſelb muel erſtmals Hans Müllern, vnd ehe er den Weinkauf abgolten, vnd den kauf wider aufgeſagt, andermals Johannes Fauſten verkauft hat“. Wetterer Buß⸗ regiſter von 1591. Grimm WB. 1, 47, wo neben andern Belegen auch einer aus B. Waldis angeführt wird. äbich (Oberheſſen), alk, äll (Schmalkalden), äkle (hohe Rhön, Elters) verkehrt. „Einen Sack äbich machen“, einen Sack links machen, umkehren; „die äfke Seit eines Tuchs“; „Fritz hat ſein Kamiſol äfk ange⸗ zöhnt“. Im Schmalkaldiſchen wird afk, afk auch für irrig, irrtümlich, gebraucht. Goth. ibuhs, relrogradus; ahd. abuh, aboh, agſ. awoh, aſ. awuh, per- versus. Schmeller baier. Wörterbuch 1, 11. Reinwald henneberg. Idiotikon 1, 1. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landeskunde 4, 51. Vgl. Graff althochd. Sprachſchatz 1, 89—91. Ableilungen hiervon ſind abscſen, eppen, eppsch, w. f. verndffen, verkehrt machen, verunſtalten, meiſt nur von Kleidern ge⸗ braucht, beſonders im Participium: vernäfft, „der Rock iſt vernäfft“, paſſt nicht, iſt verkehrt zugeſchnitten. In einigen nach dem Vogelsberg hin liegenden Ziegen⸗ hainiſchen, Mainziſchen und Fuldaiſchen Ortſchaften. 2 111, 4... ablegen, Koſten ablegen = erſtatten. vnd sollen die von Cappil dem wibe oder kinden ir bewerecht an dem gaden uff dem kirchhobe, ab sie das mit eyn gehuwet hatten ir zewyleil obelegen nach des landes rechte, hetten aber die landsiddel das gaden allene gebuwet so solte man es ju alles abelegen, vnd hetten sie schuren vnd huss daruffe gebuet des hetlen sie ouch genossen, das solle man jn nicht abe legen. (Spruch der Schiedsmänner zwiſchen Abt Joh. Rotzmul zu Spießkappel und den Männern des Virnegaus 10. Mai 1430). 7“ so doch die keuffer oder ire erben ir bewrecht oder mist in sulchem gute hetten, ?: es inen nach erkentnis framer lute zuuor abgelacht werde. Urk. v. 1539. Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 51. Landgr. Philipps Reformation, Geſetze und ordnung v. 18. Juli 1527. Mar⸗ burg 1528. 4. Bl. Ba. Ein geborgtes Capital ablegen iſt noch heute weit üblicher als abtragen. Grimm 2B. 1, 70. Ablegung, Erſtattung, Vergütung. „Daß dem Stadthalter und Brüdern (des d. Ordens zu Marburg) ſolche ihre Hoefe — — nach jhren alten Frepheiten vnd herkommen zu allen ſchaldtjahren frey vnd ledig, an allerley Bilmar, Idiotikon. 4 2 Abnehmen — Achel. ablegung verleddiget vnd heymgefallen ſien“. Schiedſpruch von 1464 bei Lennep Leihe zu LeR. C. pr. S. 240. ahnchmen muß ehedem auch den Sinn von wiedervergelten gehabt haben. Eine Anekdote bei Melander Jocoseria No. 705 (1603 S. 762. 1604 S. 713.) ruhet auſ dieſer Doppelbedeutung des Wortes abnehmen: ein Hund hat dem Krämer Oel gefreßen, und der Krämer ſagt: „cum non parvam mihi noxiam feceris, equidem hoc te fuste tantisper dedolavero, dum damnum istud mihi praestiteris; germanice: ſich, laß ſehen, das will ich dir redlich abnemmen“; worauf dann eine Scene folgt, in welcher dem Hunde das Oel (Saalfett) ſehr unfigürlich wider Erwarten und Willen des Krämers abgenommen wird. — Da eine Anekdote auf dieſer Doppelbedeutung ruhet, ſo muß dieſelbe allgemein gebräuchlich geweſen ſein; indes kommen in den ſchriftlichen Denkmälern jener Zeit nur äußerſt wenig Belege für die Bedeutung von abnehmen als „vergelten“ vor. Im Paſſional (v. Köpke herausg.) findet ſich 288, 17: ez wird dir abe⸗ genumen, was keinen andern Sinn haben kann, als den bei Melander vorkom⸗ menden; eben ſo ebendſ. 511, 44. Vgl. Pfeiffer Germanid V. 2, 236, wo Fedor Bech (in der Rec. von Lilienerons Ausg. der Thüringer Chronik von Rothe) auch eine Stelle wo abnemen in unſerm Sinne vorkommt aus Rothe (Ausg. v. L. S. 295), außerdem jene 2 Stellen aus dem Paſſional und noch eine aus Pfeiffers d. Myſtikern (105, 5) anführt. abschaffen, fortgehen heißen. Jetzt kaum noch üblich, erſcheint aber in ältern Schriften häufig: „er hab ihr gerathen ſie (die Inquiſitin, aus ſeinem Hauſe) abzuſchaffen“. Marburger Kindermords Proceſſacten von 1673. Grimm Wörterbuch 1, 95. Auch in der Bedeutung: vom Amt abſetzen, entlaßen, ſehr häufig: „Alexander Dauipheus, Schullehrer zu Kirchhain, wird abgeſchafft“ 1585. sich abschaffen, ſich wegbegeben, ſich packen, jetzt gleichfalls faſt ganz außer Ge⸗ brauch, in ältern Verhandlungen aber oft vorkommend: (Nachdem die Milch mit Meßern geſtochen war, kommt die vermeinte Hexe und) „wolt wie ſich annahm ein ſack gelehnet haben des Morgens vor tag vmb 3 Uhr, ſagte, was wir ſo frue machten, ihr die andtwordt gaben, wz ſie dann ſo frue wollte, ſolte ſich abſchaffen, ſie lehneten ihr nichts oder wolten dem Hausherrn ruffen“. Kirchhainer Hexenprozeſſacten von 1654. abschen, meiden, fliehen. Haunthal. Das Wort iſt eine Ableilung von abuh, und nichts andexes als das alte apuhon, abahon, aversari. S. dbich und eppen. Abseite kem. Nebenbau an einem Gebäude, Anbau, zumal an einer Scheune, kommt noch jetzt hin und wieder vor, und zwar in Oberheſſen, wo es ſchon im 16. Jarh. erſcheint („iſt eine abſeite an das pfarrhaus gebauet worden“ Regiſter der Pfarrei Michelbach von ca. 1560), wiewol dieſer Gebrauch des Wortes vorwiegend oder ausſchließlich niederdeutſch iſt. An ſich iſt abseite nichts anderes als das griechiſche duis, ahd. abside, und bezeichnet das Kirchengewölbe, urſprünglich wol des Chors, ſpäterhin der Seitenſchiffe und das Seitenſchiff ſelbſt; ſo nur erſcheint das Wort in Oberdeutſchland. Schmeller b. W. 3,291. Als man es für ein deutſches Wort (aus ab und seite) zu halten anfieng, ver⸗ ſtand man darunter jeden Seitenbau. Grimm WB. 1, 116. Koſegarten W0B. der niederd. Spr. 1, 149. Achel fem. (meiſt im Plural Acheln), die gröberen Ahne (Enne ſ. an), auch die Getreidegranne; nes iſt mir eine Achel in den Hals gekommen“; „du Acheln — Achtwort. ³ kratzeſt (räuſperſt dich, huſteſt) ja, als wenn du Acheln im Halſe hätteſt“. Ziemlich allgemein üblich. Grimm WB. 1, 162. Schmidt ſchwäb. Wörterb. S. 9. Klein Provincialwörterbuch S. 7. Hiernach muß das Wort in Schwaben, am Mittel⸗ und Niederrhein, und, da es Voß braucht, wahrſcheinlich auch tief in Niederdeutſchland im Gebrauche ſein. acheln, eßen, ein aus der Judenſprache (dem hebräiſchen achal) und Gaunerſprache herübergenommenes, beſonders im öſtlichen Heſſen gebräuchliches Scherzwort. Reinwald henneb. Id. 1, 1. 2, 19. Klein Prov. WB. S. 7. Grimm WB. 1, 162. achen ſeufzen, klagen. Wenig mehr üblich außer in der ſehr gewöhn⸗ lichen Redensart: mit Achen und Krachen, eigentlich mit Seufzen und faſt zuſammenbrechend; in dieſem eigentlichen Sinne wird zwar die Redensart noch heute gebraucht, wie ſie in Heſſen ſchon im 16. Jahrhundert üblich war (H. W. Kirchhof milit. Disc. 119). „Wie gehen ſie aber auß der Welt? R. Wie ſie in die welt kommend ſeynd, mit achen und krachen, mit ſchmertzen und wehe, ſchwach und unvermöglich, arm und nacket“ Ludwig Schröder Diae. zu Homberg Klag⸗ und Trauer⸗Predigt auf L. Moritz 3. Miai 1632. (Monum. sepulcr. 1638. S. 135). Indes iſt ſie weit üblicher in dem allgemeinen Sinn: mit genauer Not. Grimm WB. 1, 162. Schmidt weſterw. Id. S. 2 hat Ach nnd Gerach, in zwei abweichenden Bedeutungen, von denen nur die zweite hierher gehört; die erſte beruhet auf einer Verwechslung des krachen mit gerach. S. rach. Achtel neutr., ein Getreidemaß und ein Salzmaß. Letzteres iſt nur auf den Salinen, nicht im Verkehrsleben, erſteres nur im Fürſtentum Hanan üblich. Hier iſt das Achtel gleichbedeutend mit dem heſſiſchen Viertel oder Malter, nur kleiner (vier Hanauer Achtel ſind gleich drei Kaſſeler Vierteln), und zerfällt in vier Simmer (Simri), ſo wie dann weiter in Metzen, Sechter (Viertel eines Simmer) und Geſcheid (Viertel eines Sechter). achter, hinter. Niederdeutſches, im ganzen niederdeutſchen Heſſen übliches Wort, im übrigen Niederheſſen und in Oberheſſen völlig unverſtändlich. Achtwort fem. Ein uraltes ſächſiſches Wort, welches in ſächſiſchen Urkunden ſehr häufig erſcheint (ſ. Haltaus Gioss. S. 252. 253), und auch in heſſiſchen Urkunden, ſelbſt aus Gegenden welche nicht ſächſiſch ſind, vorkommt. Es iſt zuſammengeſetzt aus dem dunkeln acht, welches entweder, und zwar war⸗ ſcheinlicher, dem hochd. eht, legitimus, oder dem ahd. ahta praedium gleich iſt, und word (altſ. wurdh, agſ. vurd), urſprünglich saxelum, dann unangebauetes Land, Wald und Weide. Nach der erſteren Ableitung von acht iſt demnach achtword an und für ſich legitima sylva, legitimum pascuura, nach der andern sylva, pascuum, ad praedium pertinens. Gebraucht wird es aber weniger in dem Sinne von nemus oder pascuum, als in dem Sinne von jus nemoris, jus pascui: recht⸗ mäßiger Anteil an Wald und Weide, Waldrecht und Weiderecht, Nutzungsrecht, mittellateiniſch usuagium. Brem. Wörterb. 1, 290. Grimm WB. 1, 172. Koſegarten Wörterb. der niederd. Spr. 1, 53. Es erſcheint in Heſſen z. B. in einem Weistum von Wetter vom Jahr 1239 (Grimm Weist. 3, 343): forestum, quod dicitur achtuort; — ſodann in einer Urkunde der Groppe vom 20. November 1322 (Wenck 2, Urk. B. S. 285): duos mausos cum dimidio sitos in Franckenhusen, et jus vulgo dictum Achtwarre in silva dicta Frankehusir hollz. Aus dem Munde des Volkes iſt das Wort, und zwar auch in den ſächſiſchen Bezirken Heſſens verſchwunden. S. jedoch Wurdk. 1 4 Adebar — Alä. Adebar msc. Storch; bekanntes niederdeutſches, in Heſſen außer im Schaumburgiſchen nur an der Diemel übliches Wort. Indes ſcheint es, als ſei daſſelbe ehedem bis nach Oberheſſen hinein gebräuchlich geweſen. In Holzhauſen (Rauiſch⸗H.) wird nämlich die Familie Herbener, Beſitzerin eines Bauernhofes, im gemeinen Leben die Uddemarſche (Uddemarſchen⸗Gut) genannt, und dieß daher erklärt, es habe auf dieſem Hauſe von undenklichen Zeiten her ein Storchneſt geſtanden, der Storch aber habe ehedem Udebar geheißen, und daher habe der Hof und die denſelben beſitzende Familie jenen Namen erhalten. ⸗f.. 1241. 4 Adel, neulr., Miſtbrühe, Jauche. In ganz Heſſen üblich, oft zuſammen⸗ geſetzt mit sutie: ödelsotie, adelsetie, älsutte, welche Compoſition nicht anderes als das einſache Wort bedeutet, wol aber davon Zeugnis gibt, daß adel an ſich etwas anderes als Miſtbrühe bedeutet haben müße. Das Wort iſt ſehr alt (angelſächſiſch adelseid), von adel, progenies, nobilitas, urſprünglich durch den Conſonant unterſchieden, und weit verbreitet. Nach dem Teutoniſta (vgl. Richey hamburg. Idioticon S. 444) iſt am Niederrhein adel ein Sumpf, Pfuhl. Schmeller baier. Wörterb. 1, 26, wo angeführt iſt, daß in der ſchwediſchen Provinz Oſtgotland koadel Kuhharn, in Dalekarlen adla harnen bedeutet. Grimm d. W. 1, 177. Vgl. Weigand im Friedberger Intelligenzblait 1844 Nr. 95. Brem. WB. 1, 10. Strodtmann Idiot. Osnabrug. S. 1. Journ, v. u. ſ. Deutſchland 1786, 2, 115 aus der Grafſchaft Hohenſtein. 7, 2. 1.1 Aduch msc., zuweilen auch neutr., ein mit Steinen und Dornen gefüflter Graben, welcher zur Ableitung der in einem Acker befindlichen Näße dient, ſonſt auch „Ackerfontanelle“ genannt. Ohne Zweifel iſt dieſes Wort nichts anderes, als aquae ductus, indes findet ſich das Wort bereits in oberheſſiſchen Flur⸗ beſchreibungen aus der erſten Hälfte des 16. Jarhunderts und iſt noch jetzt in Oberheſſen üblich; doch kommt Sache und Name durch das neuere Drainieren allgemach in Abgang. Hin und wieder, wo die appellativiſche Natur des Wortes, wie es ſcheint, erſtorben iſt, erſcheint Aduch, Adich, Adig auch als Eigenname von Feldplätzen. Vgl. Erdoche. ., uak. Adventsreiter, eine ſagenhafte Perſon in Schmalkalden, welche während der Adventszeit in den Straßen umherreitet, und ihren Kopf, den ſie unter dem Arme trägt, hinter den Kindern herwirft, die ſie antrifft. Afa oder affa k. iſt eine Vergröberung des goth. ahra = aqua, fließendes Waßer, welche nur gewiſſen Diſtricten, namentlich aber Heſſen, ange⸗ hört; während das Althochdeutſche in dieſem Worte wie auch ſonſt, die Spirans y in der Spirantenverbindung hy unterdrückt (saihvan, sehan u. dgl.), alſo aus shva aha werden läßt, iſt hier die Spirans h unterdrückt und v zur Aſpirata f vergröbert worden. Vgl. Zeitſchrift des Vereins für heſſ. Geſch. u. Landeskunde 1, 257 — 258. Es wird eine Aufzälung der in Heſſen vorkommenden Endungen von Fluß⸗ namen, welche auf afa ausgehen, hier nicht entbehrt werden können. Als ein⸗ faches Wort habe ich es bis jetzt noch nicht wargenommen, während das hoch⸗ deutſche Aha als Ohe in Heſſen erſcheint, wie es denn auch ſonſt häufig in Oberdeutſchland, und noch häufiger als Aa in Niederdeutſchland, vorkommt. Anir-afa, Antreff, Nebenfluß der Schwalm. Asoffa, Asphe, Nebenbach der Wetſchaft. 4. 7,47. Bentreff, Nebenbach der Wohra. Biberaffa, Berf, Nebenfluß der Schwalm. Pernaſfa, Berf, Nebenfiüßchen der Lahn. Affalter — Aftertrach. 9 Dudafa, Dautphe, Nebenbach der Lahn. Elsaſfa, Elſoff, Nebenbach der Eder. Griniiſa, Grenf, Nebenfluß der Schwalm. Hanaſu, Hanfe, Bach bei Simmershauſen. Herafa, Herf, Nebenbach der Werra. Leinefe, Leinfe, bei Somplar. Matsoff, Bach bei Metze, Nebenbach der Ems. Nenfe, Bach bei Bottendorf. Notreff, am Bitſtein bei Großalmerode, nach Landaus Angabe. Rosoſa, Rosphe, Nebenbach der Wetſchaft; ſcheint jetzt ihren Namen ver⸗ loren zu haben. Swinafa, Schweinfe, Schweife, Nebenbach der Wohra. Uife, Nebenfluß der Fulda; eine zweite Ulfe iſt Nebenbach der Sontra. Urafa, Urfe, Nebenbach der Schwalm. Waiafa, Walfe, Nebenbach der Werra, von Weidenbach bis Wahlhauſen fließend. Weitiſfa, Wetſchaft, Nebenfluß der Lahn; das gleichnamige Fluͤßchen bei Wetzlar aber heißt jetzt die Wetz. Wiehoft, Bach bei Wichdorf, im Gebiete der Ems. Dazu kommt noch Hurnafa, Horlof, in der Wetterau. Niederdeutſch lautet aka: ape, und auch hierfür ſind einige Flußnamen anzufüren: der uralte Flußname Erpe, Nebenfluß der Diemel, Holzape, gleichfalls Nebenfluß der Diemel, Wilpe, Nebenbach der Twiſte. //, Lez Affalter msc. und neutr., meiſt Affolder, Affoller, Aföller geſprochen, jetzt nur noch Eigenname von Flurplätzen, meiſt Wieſen, welcher hier und da, z. B. bei Marburg, bei Seelheim („wendet an den Affaldern“ 1358), und ſonſt vorkommt. Es iſt dieß Wort das alte aphaltrahi (aphal-triu-ähi) und bedeutet Apfelbaumpflanzung. Niederdeutſch lautet das Wort Eppeltren, und kommt in den mehr (oder ganz) niederdeutſchen Gegenden Heſſens gleichfalls als Flurbezeichnung hin und wieder (Ehrſten) vor. Vgl. Faltergarten. 4 1z2 tag Vgl. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 1, 248. 7. 4 Aftergericht, alte, bis in den Anfang dieſes Jarhunderts vor⸗ kommende Bezeichnung der örtlichen Untergerichte, d. h. der Rügegerichte. „Dieſes Jahrs ſind an den Vngebotten vnd Afftergerichten keine Ruge inbracht worden“ Rauſchenberger Rentereirechnung von 1606. Afterschläge, forſtwirthſchaftlicher Ausdruck, welcher in den heſſiſchen Forſtordnungen, die in den Landesordnungen abgedruckt ſind, ſo wie in den älteren Forſtregiſtern ſehr häufig vorkommt, jetzt aber kaum oder gar nicht mehr gehört wird. Es bedeutet derſelbe die Ueberbleibſel der zu irgend einem Gebrauche bereits im Walde zugerichteten gefällten Baumſtämme; z. B. wird ein Baum zu vier Achſen zerſchnitien, ſo macht das, was über den Bedarf der vier Achſen von dem Stamme noch übrig iſt, namentlich die Baumſpitzen („Zael“), und das grobe Geäſte die Afterſchläge aus. Jetzt meiſt „Ober⸗ holz“ genannt. Aftertrach neulr., 1) der Klotz mit Kerbe, auf welchem der Pflug⸗ baum (Kringel, Ringel d. i. grendil) mit ſeinem Vordertheil ruht; Oberheſſen, doch nicht allgemein (vgl. Pfalf, ſodann Boss, Schemel, Aufholz, Suln). 2) der⸗ jen ge Theil des Wagens, durch welchen der Hinterwagen an den Vorderwagen befeſtigt wird; Amt Treyſa; ſo ſchon von Eſtor T. Rechtsgel. 3, 1403 ver⸗ geichnet. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. 2K. 4, 51. esgrani. 12n Marhurg a. d. iata 6 Aehren aisch. ähren, meiſt geſprochen ehren, ihren, Aehren leſen, ſtoppeln. Be⸗ ſonders in Niederheſſen ſehr üblich. Es bedeutet dieſes Wort indes nicht bloß was ahd. ohirön, ehirôn, mhd. eheren, Aehren leſen im buchſtäblichen Verſtande, ſondern auch das Nachſuchen nach den auf dem Felde zurückgebliebenen Produeten überhaupt, namentlich nach Kartoffeln, wofür dann ausähren gebraucht wird: „die N. hat eine ganze Köze voll Kartoffeln ausgeirt“. Vgl. Grimm WB. 1, 191. 2. 44 al-ai. Dieſes bekannte Kinderſchmeichelwort wird in Heſſen auch ſub⸗ ſtantiviſch gebraucht: 1) ein ai-ai, gewöhnlich im Diminutivum: ein ai-aichen, bedeutet das Wangenſtreicheln; „ein Aiaichen machen“; „nun, gib mir doch ein Aiaichen“. Schmidt Schwäb. Wörterb. S. 12. Stalder Schweiz. WB. 1, 82. vgl. Schmeller b. WB. 1, 1. Klein Prov. WB. S. 2. 2) Liebkoſungswort für Kinder, „ſieh einmal das Aiai“, d. h. das niedliche kleine Kind; in letzterm Sinne iſt es jedoch nur hin und wieder (in einzelnen Orten an der Schwalm) üblich. aien (sich), ſich liebkoſen, gern haben; am meiſten von Kindern. Im Schmalkaldiſchen. aich, aich, eich, meine ich, glaube ich, etwa, dem Vernehmen nach; zwiſcheneingeſchobener Redeſatz in Schmalkalden. Reinwald henneb. Id. 2, 20. aichen ſ. äugen. † Aidchen fem., geſprochen Aidche, Aedche, Aige, Aege, im Fuldaiſchen Aiche, Aeche, Mutter, Mütterchen; ſchmeichelnd und in der Kinderſprache. Oberheſſen, zumal weſtlich und ſüdlich von Marburg. Das Wort iſt das Be⸗ minutiv von dem goth. dithei, mater (Ulfilas hat für mater nur das einzige githei. kein mödar), ahd. eidi, mhd. eide, wiewol nicht nur eide ſondern auch eidi zu den ſehr ſeltnen Wörtern gehören, und ahd. wie mhd. faſt nur muotar (muoter) üblich iſt. Außer den genannten Bezirken und etwa der Herſchaft Schmalkalden, in welcher Aige und eine entſtellte Form Taige für Mutter noch einzeln vorkommen ſoll, ſcheint auch bei dem Volke eide gänzlich erloſchen. Die Deminution wird nicht mehr empfunden, da das Wort nur femininiſch, nicht neutral gebraucht wird. Aus dem Volksmunde iſt das Wort ſeit 1844, wo ich in der Zeitſchrift für heſſ. Geſchichte und Landeskunde 4, 51 — 52 die erſte Notiz von demſelben gab, noch einmal, wenn gleich unrichtig und mit irriger Auslegung, aufgezeichnet worden, in Heuſer Entſcheidungen des Criminalſenats des O. App. Gerichts zu Kaſſel 1, 373. 382, wo der letzte Seufzer der von ihrem Manne erſchlagenen Frau zu Mengers im Fuldaiſchen mit den Worten: Ach du lieber Euchel verzeichnet und dieſer Ausdruck S. 382 durch „ach du liebreiche (Mutter Maria)“ erklärt wird. Daß die Mutter Gottes mit jenem Stoßſeufzer gemeint war, iſt richtig, da ſie mit dem Worte Mutter (aiche) angeredet wird; dieſes aiche aber durch reich erklären zu wollen, iſt ein ſeltſames Misverſtändnis des der Volks⸗ ſprache und des Volkslebens offenbar gänzlich unkundigen Protokollführers. Pfeſ⸗ Vgl. Grimm Gramm. 3, 22. Graff althochd. Sprachſchatz 1,153; 3,379. aisch adj., ſchädlich, giftig, häßlich, widrig; eine Schlange iſt ein „aiſch Ding“; auch eischt: „eiſchtes Wetter“, „ein eiſchter Kerl“. Vgl. eischek, ungezogen, Grafſch. Hohenſtein im Journal v. u. f. Deutſchland 1786, 2, 115. Sächſiſches Heſſen bis nach Fritzlar einerſeits und an der Werra hinauf bis nach Allendorf hin andererſeits, allgemein üblich, wie in den meiſten Gegenden von Niederdeutſchland (vgl. Schottel Haubtſpr. S. 1309. Richey Idiot. hamburg. S. 53. Strodtmann ld. Osuabe. S. 50. Vrem. WB. 1, 8), im innern Nieder⸗ Acker — Al. heſſen und in Oberheſſen unbekannt. Es iſt das Wort wol ohne Zweifel aus egislich (furchtbar, abſcheulich) zuſammengezogen, wie ſchon das Brem. WB., dann Docen Misc. 2, 13 angenommen hat. Vgl. eisen, eissem. A. s. Acker. Das Maß eines Ackers war in Oberheſſen und Niederheſſen verſehieden. Der niederheſſiſche, durch die allgemeine Kataſtrierung ſeit dem Jahr 1763 zu allgemeiner Geltung gekommene Acker hält 150 Quadratruten, die Rute zu 14 Schuh. Der alte oberheſſiſche Acker aber hielt 180 Quadratruten, die Rute zu 16 Schuh; mithin war der oberheſſiſche Acker um ! kaſſeliſchen Acker und 10 ½ kaſſ. Ruten größer als der niederheſſiſche. Noch zu Eſtors Zeit (t. Rechtsgel. 1, §. 1689) war dieſer oberheſſiſche Acker gültiges Maß; in der allgemeinen Kataſtrierung aber iſt er untergegangen, und jetzt (1866) nur noch die Tradition von ihm als „alter Acker“, „großer Acker“ übrig.ℳLhr?. Ackergang masc., Ackerbau. Dieſes mhd. übliche Wort (ackerganc), neben welchem ackerbu faſt gar nicht vorkommt, iſt in Heſſen bis zum Ausgange des 16. Jarhunderts im Gebrauche geweſen. In den Verhörprotokollen aus den beiden letzten Decennien des 16. Jarhunderts erfolgt auf die Frage nach dem Gewerbe des Verhörten in Niederheſſen meiſt die Antwort: „nehre ſich des ackerwerks“, in Oberheſſen aber, wo übrigens ackerwerk auch erſcheint, „ernehre ſich des ackergangs“. Das gemeinhochdeutſche Wort Ackerbau ſcheint ſo wenig damals im Munde des Volkes ſich gefunden zu haben, wie es heute im Volks⸗ munde lebt; üblich iſt nur Ackerwerk, welches Wort bekanntlich in Luthers Bibelüberſetzung und ſonſt im 16. Ih. oft vorkommt, in der Schriftſprache aber jetzt, wie Ackergang ſchon früher, erloſchen iſt. Ackermännchen, der niederheſſiſche Name der Bachſtelze, welche nur im Schmalkaldiſchen Beinſterz und Steinberz, ſonſt aber weder Wagſterz noch Bachſtelze heißt. Die Kinder ſingen im Vorfrühling bei der Ankunft der Bachſtelzen: „Ackermännchen, Ackermännchen, acker mir mein Beetchen!“ Die Bezeichnung Ackermännchen iſt vorzugsweiſe niederdeutſch: quikstert, ackermenneken (Chgtraeus nomenclator saxonicus bei Hoffmann horae belg. 7, 32. Strodt⸗ mann Idiot. Osnabrugense S. 12), jedenfalls nicht gemeinhochdeutſch, und rührt nicht, wie Grimm WB. 1, 174 meint, von der Vergleichung der rührigen Be⸗ wegung des Schwanzes dieſes Vogels mit dem Pflügen, ſondern davon her, daß ſich derſelbe, beſonders im Frühling, ſeiner Nahrung wegen bei dem Pflügen regelmäßig einfindet. In Oberheſſen iſt zwar Ackermännchen gleichfalls die Bezeichnung eines Vogels, indes nicht der Bachſtelze, ſondern der Blaumeiſe, deren Lockruf als „ſpitz die Schar“ oder etwas dem Aehnliches interpretiert wird. 2 2. 1g. Al masc. und neulr., der enge dunkle Raum zwiſchen zwei Häuſern, auch innerhalb des Hauſes z. B. der Zwiſchenraum zwiſchen Hausflur oder Küche und Stall, der Verſchlag unter der Treppe u. dgl. Oberheſſen, zumal weſtlich und ſüdlich von Marburg, ſo wie auch weiterhin in der Wetterau (vgl. Weigand in dem Friedberger Intelligenzblatt 1844 No. 95 S. 378). E. Alberus Dict. Bl. Ooiiſjb: Aln, angulus. „Eckhard zum Kirchain, welcher ſie in ihrer Scheur, als ſie ins 18. Jar gangen in ein Aal geführt, vnd bei ihr geſchlafen“. Mar⸗ burger Hexenproceßacten v. 1654. Klein Prov. WB. S. 10, welcher das Wort aus Coblenz in der Form Ahlen hat (wie es auch im darmſtädtiſchen Oberheſſen früherhin/ vorgekommen iſt, ſ. einen Beleg aus dem Jahr 1593 Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 6, 215); Schmidt weſterw. Id. S. 3 (Ahle, masc.), Grimm 2B. 1, 199, welcher das Wort für ein Ueberbleibſel des goth. alhs, 8 Albern — Alp. aßd. altſ. alak, kemplum hält, was auch mir das Wahrſcheinlichſte dünkt. Man vergleiche übrigens das miltellateiniſche alcha, penarium, Vorratskammer, welches auch in der Limburger Chronik (1720) S. 5 „alle Gaſſen und Alhen waren voll Leut und Guths“ vorkommt und wol nichts anderes als unſer al iſt: ver⸗ ſchloßener, geheimer, dunkler Ort. Noch aber verdient Beachtung, daß al, ale auch als Bezeichnung von Feldplätzen, und zwar im 16. Ih. augenſcheinlich noch als Appellativum, vor⸗ kommt: hinten in dem ale; der ale (Michelbach 1550 und noch jetzt); im Ahl (Fronhauſen); im finſtern Alen (Goßfelden) und oft in Oberheſſen. albern, jemanden necken. Schmalkalden. e Alberer msc., ein zum Necken geneigter Menſch, der niemanden in Ruhe läßt. Schmalkalden. alèg, matt, kraftlos. Schmalkalden. all, in der Bedeutung von ſchon, bereits, im ſächſiſchen Heſſen üblich: „ik ſy oll da geweſt“. AlleballälI fem., eins von den ſeltſamen Sprachverderbniſſen und will⸗ kürlich gebildeten Wörtern der Herrſchaft Schmalkalden; das Wort iſt ein Schelt⸗ wort und bezeichnet einen albernen, tölpelhaften Menſchen. aller, adverb., eigentlich der Genitiv Plur. von all, vielleicht elliptiſch für aller Dinge, erſcheint im 16. und 17. Jarh. in Heſſen ſehr häufig; in Verhandlungen des 18. Ih. iſt es mir bis jetzt noch nicht begegnet. Zwei Belege aus dem J. 1580, welche in der Zeitſchr. für heſſ. Geſch. und Landes⸗ kunde 3, 314. 322. ſich finden, hat Grimm WB. 1, 220 angeführt, und zwar als einzige, wiewohl aller auch ſonſt, indes freilich ſehr ſelten vorkommt z. B. Froſchmeuſeler (1608) Bl. Hija: obs aller gar ſey oder roh. In Beiſpielen, wie folgende zwei ſind, ließe ſich fragen, ob nicht aller der Nom. Sing. Masc. von all ſein könne, worauf auch Grimm a. a. O. hindeutet: „hette Er dem⸗ ſelbigen gefolgt, ſo wehre dieſer ſtreytt aller verhuttet worden“. Verhörprotokoll Treisbacher Gemeindemänner von 1609. „Alß die Eyla die Kröte mit dem ſtecken geſtochen, ſey der Miſt aller glimmendt geworden“. Marb. Hexenprozeſſ⸗ acten von 1633. Vgl. Schmeller 1, 42. Aus dem Munde des Volkes habe ich aller niemals vernommen. allerà, zu arg, zu auffallend: „das iſt aber allerà“. Schmalkalden, wo viele dialectiſche, bis zur Verhunzung herabgehende Entſtellungen ganz gewöhnlicher Wörter vorkommen, dergleichen auch dieß eins ſein mag, welches indes ſo un⸗ kenntlich geworden iſt, daß es ſchwer ſein möchte, deſſen richtige Form aufzüdecken. alleweile, jetzt, eben, im Augenblick. In ganz Heſſen in dieſem Sinne üblich, während alleweile (alldieweile) anderwärts ſo viel bedeutet, als während, indeſſen, oder allezeit. allrüsch adv., raſch, geſchwind, aus dem verſtärkenden all und risch zuſammengeſetzt. Schmalkalden. Alp neutr., albernes Geſchöpf, Pinſel; ein in den Mittelſtänden und in den Städten übliches Scheltwort: „du biſt doch ein rechtes Alp“. Wenn es geſtattet iſt, dieſes Wort auf die Elben zurückzubeziehen, ſo verdient angemerkt zu werden, daß dieſes ſonſt masculiniſche Wort, der elhe, gerade bei einem alten Heſſen, Herbort von Fritzlar, neutral gebraucht erſcheint: diu elber (alſo Nomin. Sing. daz alp) v. 756; Frommann zu Herbort S. 228. Alrést — Amen. 5 alrest adr., das mhd. olrést, allereheſt, in dem Sinne von erſt, jehzt erſt. Schmalkalden. als, Adverbium, eigentlich ollez (alles), Accuſativ von all. 1) allezeit, beſtändig, z. B. „er iſt als dabei geblieben“. Dieſe älteſte Bedeutung erſcheint ſchon im Jwein ſ. Benecke Wörterbuch zum Jwein S. 4. Grimm d. Wörterb. 1, 229. Im ſächſiſchen Heſſen, wo vor⸗ zugsweiſe dieſe Bedeutung des Wortes im Gange iſt, wird daſſelbe richtig nicht mit weichem, ſondern mit hartem s (alz, alß) geſprochen. 2) immerhin, weiter. „Des Morgens früh fuhren wir als weiter zum Landt hinein“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567 fol. 2, Bl 30b). Eben ſo in Iſaae Gilhauſen Grammatica. 1597. 8. S. 43: Filius. Wohin? wohin? da merck ich auff. Rusticus. Ey fragſt du erſt? als hin gen hoff. Und eben ſo noch heute: als zu; als fort (alſefort); als drauf! (Zuruf beim Zuſchlagen, zumal bei Prügeleien); als in einem weg. 3) einſtweilen. „Geh als hin, ich komme dann“. 4) zuweilen. „Ich bin als da geweſen“; auch als einmal (geſprochen: alſtemal). Reinwald Henneb. Id. 1, 2. 2, 20. Schmeller baier. WB. 1, 42. Schmidt ſchwäb. WB. S. 18. Journal v. u. f. Deutſchland 1786, 2, 115: altzt, dann und wann (Grafſchaft Hohenſtein). 5) je, in diſtributiver Bedeutung: „vor 2000 cziegel als vor das hundert x alb. geben“. Singliſer Vogteirechnung von 1560. Eben ſo noch jetzt überall. Alse fem., Wermut, artemisia abeynthium. Dieſer am Rhein ziemlich übliche Name des Wermuts findet ſich auch in Heſſen, doch ſelten, und iſt von mir nur an der untern Schwalm (Wabern) gehört worden. W &eo Alte kem., Alter, Lebensalter, Lebenszeit. Sehr üblich. Reinwald Henneb. Id. 1, 2. Alimutter. Scheint ehedem hin und wieder neben Eltermutter anſtatt des noch jetzt ganz unüblichen Großmutter im Gebrauche geweſen zu ſein. Verhandlungen aus der Werragegend (z. B. Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657) ergeben es am häufigſten. Heut zu Tage iſt es außer Gebrauch. amber, entweder; Oberheſſen. Wahrſcheinlich nur eine Entſtellung der urſprünglichen Form, gleich ambern für antworten. ambern, embern, in Oberheſſen und im Fuldaiſchen die gewöhnliche Form für antworten; doch hat Eſtor S. 1403 eine Redensart als oberheſſiſch: „Das kann er nit einbern“ = das kann er nicht verweigern, ausſchlagen, welche zu beweiſen ſcheint, daß in der jetzigen Form dieſes Wortes zwei verſchiedene deutſche Wörter, nämlich außer antworten auch das alte, ganz in dem eben angegebenen Sinne gebrauchte entbern, embern, enthalten ſeien. Amen msc., die Bauchſeite des wilden Schweins. Dieſes niederrheiniſche Wort (ſ. Teutonista [1477] bei Richey Idiot. hamburg. S. 444) iſt heut zu Tage nicht mehr üblich, kommt aber in ältern Schriften häufig vor. „dry rucke, zewey heupt vnd eyn amen ſwinen wiltprad“. „zewene rucke, eyn heupt, eyn amen ſwinen wildpradt“. Marburger Rechnungen von 1497. ammen 1553; einen Lehen Amen, 1568. Landau Geſchichte der Jagd S. 230 (wo indes das Wort unrichtig erklärt wird). „Ein wildes Schwein hat am Ammen keine Dutten“ Ebdſ. S. 239. 10 Ampe — andelagen. Ampe kem. Himbeere. Im Iſenburgiſchen (Waldensberg). Vgl. hierzu etwa ammelbeere Grimm WB. 1, 279. Schmeller baier. W0B. 1, 53. An fem., zuſammengezogen aus agen, oberheſſiſch, wofür niederheſſiſch enn, enne geſprochen wird, der Splint des Flachsſtengels, welcher als Abſchabſel beim Brechen und Schwingen abfällt, und auch beim Hecheln und Spinnen nicht ganz entfernt wird. Goth. ahanu, ahd. agana. Die niederheſſiſche Sprachform wird meiſt verkehrt als die Enden, Flachsenden, verſtanden. Grimm WB. 1, 189. Eſtor d. Rechtsgel. 1, 643 ſchreibt die agen; aber ſchon Alberus Dict. Bl. Ogb: Aun (= än). „Zehen Möth Schieb Ahne ides Möth für zwen Alb habe ich vndenbenantin zu verbawung meines Gn. fürſten vnd Herrns Schornſtein alhie vfm Schlos verkauft“. Quittung der Witwe Anna v. Weiters⸗ hauſen, Rauſchenberg 30. Dec. 1609. Vgl. Schebe. an, als Adverbium für voran, in elliptiſchen Redensarten in der Bedeutung von zum Voraus, an der Reihe, ſehr üblich. Ein Zehntpflichtiger hatte vier, fünf Garben an, wenn auf dem eben in der Zehntabzälung ſtehenden Acker vier, fünf u. ſ. w. Garben über das Zehend überſchoßen, alſo auf ſeinem dem⸗ nächſt in die Zehnterhebung kommenden Acker mit fünf, ſechs u. ſ. w. anſtatt mit eins zu zälen angefangen werden mußte. Wer im Kartenſpielen das Ausſpielen hat, iſt an, wer bei dem Auslooßen das erſte Looß gezogen hat, iſt an oder hat das an. Schmidt weſterw. Id. S. 5. Es berührt ſich dieſer Gebrauch des an ſehr nahe mit der Bedeutung deſſelben in anſtimmen und anwerfen (zuerſt die Stimme erheben, den erſten Wurf in Kegel⸗ und Würfelſpiel haben). Andacht msc., die in Heſſen im 16. u. 17. Jarhundert übliche Be⸗ zeichnung der, ſeit länger als einem Jarhundert in Heſſen mit einzelnen, in Oberheſſen vorkommenden Ausnahmen nicht mehr angebaueten, Getreideart ador, ſonſt Dinkel, Dünkel, Spelz, Kernen genannt. Oefters in den Heberegiſtern jener Zeit: „vier Metzen Andacht hat N. N. zu liefern“. „Dieweil aber der Pfarher jetzo das Hafferfeld ausgeſtellet und beſahmet, und noch etliche Acker mit Andacht zu beſehen ſeindt, ſo ſollen und wollen der Pfarher und obgedachte beide ſchweſtern die zum Andacht bereitte Länderei zuſammen und uf gemeine unkoſten vollends zurichten und mit Andacht beſamen und hinwidder beids Haffern und Andacht miteinander einernden“. (Fürſtl. Canzlei Abſchied vom 8. Mai 1600 in Sachen Henrich Cramm, Pfarrherrn zu Trendelburg wider Hanſen Beckers geweſenen Bürgers daſelbſt hinterlaßene zwei Töchter). Warſcheinlich iſt dieſe ſeltſame Bezeichnung nichts anderes, als ein Syno⸗ nymum für Dünkel, wie Dinkel ſchon in älterer Zeit geſprochen und geſchrieben wurde; Dünkel und Andacht aber ſind (z. B. bei Luther) gar nicht ſelten als Synonyma gebraucht worden. Zumal aber hat vielleicht das Misverſtändnis das lat. ador, welches man als von adorare abſtammend und als gleichbedeutend mit adoratio faßte, zu der Bezeichnung des ador durch Andacht beigetragen. Vgl. Kummer. andelagen, verandelagen, minislrare, porrigere, überantworten, überreichen; ein aus dem uralten dunkeln andelago, welches nur in fränkiſchen, burgundiſchen und longobardiſchen Urkunden als Symbol der traditio vorkommt, abgeleitetes und bis zum Ende des 16. Jarhunderts in Heſſen vorkommendes Wort. Außer in Heſſen ſcheint es nur in der Wetterau und in Thüringen vor⸗ zukommen. S. Grimm Rechtsaltertümer S. 196, vgl. S. 588. Grimm WB. 1, 304, wo zalreiche Belege angeführt ſind, die ſich übrigens aus gedruckten und ungedruckten Urkunden noch ſehr erheblich vermehren laßen; z. B. Kopp Anderfarb — andern. 11 Gerichtsverf. 1, Beil. 13, S. 34; Beil. 31, S. 64; 74, S. 140. Häfner Geſch. der Herſch. Schmalkalden 2, Beil. 5, S. 156. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landest. 2, 161; 4, 52. Oft kommt andelagen ohne den Beiſatz eines weitern Verbums vor: darumbe sol nicht deminder die vorgeschrieben almusen genzlich und triulich den armen gehandelagt werden. (Deutſche Abfaßung der Urkunde des Herman von Grune von 1314, die Stiftung des Hainaer Almoſens zu Fritzlar betreffend, welche in lateiniſcher Abfaßung mit der Angabe daß ſie von 1312 ſei, bei Falckenheiner Geſchichte heſſ. Städte 2, 193 f. ſtehet; die Stelle lautet hier: non eo minus elemosina prescripta plene et fideliter pauperibus ministretur). Und were ess sache, dass ich dass forwerg off gebe, so sal ich en dass huss vnd dye schuren andelagen in aller masse als ich dar ezv komen (Urk. des Claus Kitich für Spießcappel von Palmarum 1423). Und sullen ehn sulche czinse alle jor verangelagen zu erem gots husse (Urk. der Elſe Rode zu Homberg v. 1513) und ſo ſehr oft in den Spießcappeler Urkunden, 1513 — 1514 in den Formen angelogen, verandelogen, verangelogen. Noch häufiger aber erſcheint bezalen und andelagen, geben und andelagen: Ich Jacob schellehorn vnd ich Else sin elich wirlin Burgere zu Marpurg bekennen offenliche — daz wir — sullen alle jar geben vnd andelegin gnossenliche Helten wydewin Henr. fon Rosphe — funff vnd ezwenczyk schyllinge penninge geldes (Urk. v. 18. Januar 1362). Vnde die broche sol her von stunt — bezalen vnde den formunden rorandelagen (Urk. der Fiſcherzunft zu Witzenhauſen vom Epiphaniastage 1445). Wullen — eynem igelichen geben vnd verandelogen lossen — eyn malder sin lebetage (Urkunde des Abts Joh. Zuddel zu Spießeappel vom S. Valentins Tage 1508). Außerdem bedeutete andelagen auch operam praebere, Handreichung thun bei einer Arbeit, einem Handwerk. Der Steindecker Hans Noldener von Marburg quittiert 21. Mai 1554 über Bezalung der von ihm an dem Schloß zu Rauſchenberg verrichteten Steindecker-Arbeit „darzu meynem knaben zu lohn vij albs ſo mir geandelogt“. Eben ſo quittiert 17. September 1567 Hans Dreudel, Bürger zum Rauſchenberge: „Zehen alb. hab ich — empfangen, hab dem Weißbinder zur handt gegangen vnd geandelogt“. Alberus hat in gleichem Sinne (Dict. Bl. b) daſſelbe, nur verkürzte Wort andeln, ministrare, und das Subſtantivum Andeler, opera, der dem meiſter handreichung thut (Bl. na). überandelagen, eine abundante Compoſition: „wollen wir den obgemelten gwardian, brudern vnd couent (der Barfüßer zu Marburg) hiermitde ubergeandelagt han solich gud vnd brilr (Urk. Henrich Heckmanns v. 1474). überandelung, Rückgabe. „Und nu vif solch gut ere waltrecht vnd andere gerechtikeit, -mit obirandelunge den herrn zu cappel ere waltrechtsbrieue, vor den amptluden czu Homberg genczlichen verczegen“ (Urk. v. 1492). Anderfarh neuir., geſpr. ännerfarr, ein im Schmalkaldiſchen übliches Kartenſpiel, wobei die Farben durch Zeichen und Redensarten verraten werden. andern, verandern (sich), in der beſondern Bedeutung „ſich verheiraten“ in ganz Heſſen, am meiſten in Oberheſſen üblich. Zcum andern male wan sie (die Gotteslehen von Cappel) ere kynder verandern woln das mugen se thun war sie wollen mit eynes Apts von Cappel rate (Urteil der?⸗ Schiedsmänner zwiſchen dem Abt Rotzmul zu Spießeappel und den Männern des Virnegaus, v. 10. Mai 1430). ich ensal oder enwil mich auch nit ver- andern geistlichen ader werntlichen in keyne wyse an wysszen vnd willen myns bruders obgenant. (Alimentationsurk. des Ritters Reinhard v. Schwalbach 1446). 12 biss so lange das sie manbar worden unde sich elich reranderten; Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 673. Demnach ich mich mit hans kürsner eelichen verandert. Crim. Pr. A. v. 1538. vnd als er daruf geantwort, Ich will mich noch nicht andern, hab ſie daruf ferner geſagt, Du wilt doch bald ein weinkauf trinken (Rede eines Junggeſellen, dem von ihrer Mutter die Tochter angeboten wird; Marburger Hexenproceſſacten von 1579). Die nächſte Erklärung dieſes Ausdruckes mag leicht die ſein, ſeinen urſprünglichen Zuſtand, den der Eheloſigkeit, ändern. Weigand nahm im Friedberger Intelligenzblatt 1845. No. 95 an, der Sinn ſei: ſich mit einem andern ehelich verbinden, alſo ſo viel wie ſich zweien, ſich verdoppeln; daß dieß jedoch unrichtig ſei, beweiſt die Stelle aus des R. v. Schwalbach Urkunde von 1446. anferben, den zu ſpinnenden Flachs um den Wocken (Spinnrocken) anlegen. Oberheſſiſcher, mir zur Zeit unverſtändlicher Ausdruck. anfertigen, auf der Fart, Reiſe, angehen, anhalten, anfallen. Wen eyn rad ader eyn richter geleytet, den ensal nymant anefertigen, her en frege dy radesmeyster unde den richter, ob he von en sy geleytet. Statuta Eschenwegensia aus dem 15. Jarh. (von Röſtell 1854 herausgegeben, S. 3). Grimm WB. 1, 329. angen, verlangen, ſich ſehnen; „der Sterbende hat ſehr nach ſeinem Bruder geangt“. Fuldaer Land. Es iſt dieſes Wort nach dem mhd. Adjectiv ange, ſehnlich, gebildet, könnte übrigens auch mit dem niederdeutſchen, im übrigen Heſſen gebräuchlichen anken, ſtöhnen, zuſammenhängen, zumal da in den nörd⸗ lichen fuldaiſchen Gegenden dieſes angen auch anken ausgeſprochen wird, und ſogar die Grundlage zu dem ſehr volksüblichen angeln, eifrig nach etwas ſtreben, abgeben, ſo daß man letzteres Wort nicht als eine Metonymie vom Fiſchfange zu betrachten hätte. Reinwald Henneb. Id. 1, 3 hat in gleicher Bedeutung wie hier angen erſcheint, das Wort ankern, und ſtellt es mit jenem angeln in warſcheinlicher Weiſe zuſammen. Anliang masc., wird in perſönlicher Beziehung meiſt für Concubine gebraucht, wie in der ältern Zeit allgemein üblich war, indes auch für Theil⸗ nehmer an einem Geſchäft, Conſorten. So ſchon 1542 in einem Landſiedel⸗ leihbriefe des Landgr. Philipp von 1542 (Lennep von der Leihe zu LSR., Cod. prob. S. 29) „George Becker vnd Curt Hanſen Inwonern zu Vilbel ſampt jrem anhang“ Vgl. Grimm WB. 1, 366—367. Anlaul masc., iſt der gewöhnliche Ausdruck für Anfang, zwar in ganz Heſſen, ausſchließlich jedoch, ſo daß das Wort Anfang gar nicht verwendet wird, an der Schwalm und in Oberheſſen gebräuchlich. Anke kem., der Hinterkopf, der Nacken, das Genick. Iſt durch ganz Heſſen der übliche Ausdruck; Nacken' iſt gänzlich unbekannt, Genick wird nur in beſtimten Beziehungen gebraucht. Es gehört mit enke, talus, zu einem Stamme, wie ſchon Schmidt weſterw. Idiot. S. 6 angenommen und Grimm WB. 1,378 beſtätigt hat. Ahd. ancha. Reinwald henneb. Id. 1, 3. Weigand Friedb. Int. Bl. 1846 No. 61. Schmidt ſchwäb. WB. S. 24. Schmeller baier. WB. 1, 83. anken, ſtöhnen, ſeufzen, welche beide Wörter dem Volke gänzlich unbekannt ſind. In ganz Heſſen ſehr üblich, wie in dem gröſten Theil von Anferben -— anken. Anne — anschneiden. 13 Niederdeutſchland: Richey Id. Hamb. S. 6. Klein Prov. WB. S. 16. Grimm WB. 1, 379, wo auch ein Beleg aus B. Waldis angeführt iſt. „Durch ihr jämmerliches weinen vnd ancken“ Torquemada Hexamereon überſ. von dem Fütternden (Landgr. Hermann). 1652. S. 347. anne adv., fort, weg; faſt nur in der Verbindung mit gehn üblich: anne gehn; geh anne, lummel dich. In Niederheſſen (doch nicht in den ſächſiſchen Bezirken) und Hersfeld, ſo wie im Schmalkaldiſchen (hier in der Form äne, geſprochen äne) und Schwarzenfelſiſchen üblich; in der Grafſchaft Ziegenhain und Oberheſſen unbekannt. Außer dem Elſaß iſt dieß Wort bis jetzt nicht nachzuweiſen. Fiſchart hat es im Gargantua, in der Form annen dreimal: 1582 Lb (1504 96a) Hui annen, hui annen, Lerma, lerma ir hofleut, ſagt der Teuffel, ritt er auf der Sau. M4a (1594 106b) gleich wie dem König Xutho ſein erſter Sohn alsbald vom gehn mußt Jon heiſſen — hui annen. 3b (1594 137b) Hui nun annen, laſſet uns die reimen herum rammelen vnd rommelen. In Arnolds Pfingſtmontag (Straßb. 1816) erſcheint es einigemal, und wird im Gloſſar nicht unwarſcheinlich durch anhin erklärt. Grimm WB. 1, 418 hat nur die dritte Stelle aus dem Gargantua, und hält das Wort, ohne Zweifel irrig, für ein Verbum. Den bis jetzt vorhandenen Idiotismenſamlungen fehlt dieſes Wort. Anrichte fem. der, meiſt etwas niedrige, Küchentiſch deſſen Platte von drei Seiten mit Leiſten eingefaßt iſt, niedriger Küchenſchrank, deſſen Deckel zu einem ſolchen Tiſche eingerichtet iſt. Ein früherhin allgemeines ſchriftdeutſches Wort (Grimm WB. 1, 426 — 427), welches jedoch Adelung als Provincia⸗ lismus gekennzeichnet hat und darum als in Heſſen vorfindlich hiermit eonſtatiert werden ſoll. anschneiden bezeichneie, ſo lange und wo immer ſich der Kerbhölzer bedient wurde, den Schnitt am Kerbholz vollziehen; die Conſtruction war die, daß der Gegenſtand, welcher durch den Schnitt bezeichnet werden ſollte, das directe Object des Verbums anſchneiden bildete, während die Perſon, welche den Kerbenſchnitt vollzog, in activiſcher Fügung das Subject, in paſſiviſcher das dativiſche, indirecte, Object war. Das directe Object wurde indes als ſelbſt⸗ verſtändlich in der Regel nicht ausgedrückt; der Holzfuhrmann pflegte dem Thor⸗ ſchreiber zuzurufen: „ich will angeſchnitten haben“ oder „ſchneiden Sie mir an“, weil ſich die Abwerfeſcheiter von ſelbſt verſtanden. Ganz ähnlich verhielt es ſich auch in ältern Zeiten, nur daß ehedem die Kerbhölzer und das Anſchneiden eine weit umfangreichere und wichtigere Rolle ſpielten, als noch vor dreißig Jahren oder gar heut zu Tage. So war ehedem die Benutzung der Wälder in bei weitem ausgedehnterer Weiſe geſtattet, als gegenwärtig: es konnte, nach erhaltener und ſehr leicht zu erlangender Erlaubnis, in das Legerholz (ſpäter, noch im 16. Jarhundert: Leſeholz) mit Wagen und Karren gefaren, im Walde gereiſert (Reiſer gehauen) und Vieh gehütet, auch das geweiſte (jetzt: angewieſene) Holz gefällt werden, aber es mußte jede dieſer Handlungen ange⸗ ſchnitten werden, oder es traf den das Anſchneiden Vernachläßigenden Wald⸗ buße (im 16. Jarhundert von 7 bis 13 Albus). Eben ſo mußten die zur Maſt gehenden Schweine bei ſchwerer Waldbuße angeſchnitten werden. Die alten Forſtregiſter, namentlich die Bußregiſter geben für alles dieß faſt zalloſe Belege. Sehr oft wird in den letzteren ohne weitern Beiſatz geſagt „hat nit ange⸗ ſchnidden, ⸗hat nit lahen anſchneidene weitens jeduch mnt den beireffenden 14 Auspenneln — Antonius. nähern Angaben: z. B. „r alb. Johann Roden, das er nicht, als er in leger holtz gefaren, angeſchnitten hat“ (1562); oder nur „— das er in wald ge⸗ faren vnd nit angeſchnitten“; die alte Mangerſche zu Wetter, das ſie in wald faren laßen, vnd ir nit angeſchnitten iſt worden (1572); „hat im wald gehuett vnd. nit angeſchnitten“ (1566); „hat ein buchen gehawen vnd nit angeſchnitten“ (1567); 1 fl. N. hat ſein Schwein nit angeſchnitten“ (1565).2. 130 anspenneln, mit Stecnadeln befeſtigen; üblicher in der metaphoriſchen Bedeutung: einen an eine Arbeit feßeln, ihn (bittweiſe) zur Uebernahme eines Geſchäftes vermögen, von dem er nachher nicht wol wieder los kommen kann. S. Spennel. Schmidt weſterwäld. Id. S. 7. anstössig, unwol, unpäslich. Schwarzenfels. Iſt noch nach dem ehemaligen Gebrauch von anſtoßen, wofür jetzt ungefähr zuſtoßen gebraucht wird (es ſtößt mich ein Fieber an, es hat ihn eine Schwachheit angeſtoßen) gebildet. In Niederheſſen gilt für dieſes anſtößig: aufſtützig. anthun, 1) wie gemeinhochdeutſch, einem etwas anthun = ihn be⸗ zaubern. 2) ſich anthun, ſich ankleiden; einen Rock anthun. Faſt ausſchließlich gebrauchter Ausdruck, neben welchem anziehen kaum wenn von einzelnen Kleidungs⸗ ſtücken die Rede iſt, vorkommt, niemals wenn vom Ankleiden im Ganzen geſprochen wird. Am häufigſten hört man dieſes Wort, wenn das Anlegen der Sonntags⸗ kleider bezeichnet werden ſoll. „Hielte doch darvor, weil ſie ſich (an einem Sonntage) anthun wollen, wehre ſie in die andere ſtube gangen“. Marburger Hexenproceſſacten von 1658. Anthuerin die Todtenfrau; im Schmalkaldiſchen. Antonius-Schwein, Töngessau. Urſprünglich (vgl. Schmeller baier. WB. 1, 86) ein Schwein welches von den Gläubigen zum Beſten eines Antoniterhauſes (urſprünglich des Kloſters St. Antonii bei Vienne in der Dauphine) dergleichen eins zu Grünberg beſtand (ſ. Ayrmann in Kuchen⸗ becker Anal. hass. 4, 390 f.) unter Aufſicht eines zu dieſem Zwecke exponierten An⸗ tonitermönchs gehalten und gemäſtet meiſt auch durch eine Glocke am Halſe ausgezeichnet wurde. Die Ankoniter pflegten mit einem Hammerkreuz d. i. einem Kreuze, welchem der obere Arm fehlt (T) umherzugehen und zu terminieren; am Ende des Kreuzes hieng ein Glöckchen. Auch ließen ſie wol bei dieſem Terminieren ein Schwein mit einer Glocke am Halſe hinter ſich hergehen und terminierten Futter für daſſelbe (Heſſ. Hebopfer 5, 72), woher die ehedem ſehr übliche und noch jetzt nicht ganz vergeßene Redensart: „mit der Sauglocke läuten“ ihren Urſprung hat. Die bemerkte Art des Mäſtens hatte die Folge, daß die Antoniusſchweine geringer als die Schweine der Fleiſchhauer waren. In Em⸗ merichs Frankenberger Gewohnheiten bei Schminke Monimenla hassiaca 2, 707 heißt es: Sant Anthonius swyne die hauwt man dureh eyn ander, unde gilt 1 punt eyns hellers mynner dan der fleischhauwer fleisch, das sy oich durch eyn hauwen, wie das des jars gegolden hait. Häufig wurden die Antoniusſchweine, Töngesſauen, Gegenſtände des Spottes, und dienten zu einer Menge von ſpöttiſchen paraboliſchen Redensarten, z. B. ſagt Landgr. Philipp von einem im Jahr 1558 nach Sachſen und Meißen geſchickten Lakai „wir achten er laufe umher wie eine Thongesſau und bettele und ſei alle Tage voll“. Landau Geſch. der Jagd S. 230 (wo freilich dieſe Stelle misverſtanden worden iſt). Burkard Waldis ſagt in ſeiner Ueberſetzung von Th. Kifchmoir Reguum Poapislicum (das Päpſtiſch Recn 199d. 4). Antworler — Ar. 15 Bl. Ce a Antonius der ſew muß hüten Das nit der wolff dawider wüten. Drumb man im in den ſtedten hegt Ein Schwein das ſeine Schellen trägt. und Bl. Qiija Groß, feißt gemeſt Anthonis Schwein Gar gut in jren Kuchen ſein. All die in weigern ſolche ſtewr Bedrawens mit Sant Tonnis ſewr. Antworter. „Der Antwörter (al. Antworter) oder appellat“. L. Philipps Reformation ꝛc. v. 28. Juli 1527. Bl. Ba und ſonſt oft in den Ver⸗ handlungen aus der erſten Hälfte des 16. Jarhunderts. Im 17. Ih. iſt das deutſche Wort ſchon völlig von dem lateiniſchen verdrängt. Haltaus Gloss. p. 27. Grimm WB. 1, 510. Anwan msc. lem geschehe ein dotschlog in diesem gericht und gesche der anwan so naue, dass das haupt hinus ſiele ete. Salzſchliefer Weistum von 1506. Grimm Weist. 3, 375. Iſt dieſes anwan = anwand? Grenzſtück. angewan kommt ebendaſ. S. 377 vor: so er (der Fiſcher) wolt ein angewan abschlagen, wo es allerdings Grenzſtück zu bedeuten ſcheint. Anwand fem., Grenze, Grenzacker, vorzugsweiſe ein ſolcher Acker, auf deſſen lange Seite mehrere andere Aecker mit der ſchmalen Seite ſtoßen. Ein ſehr altes und ſehr übliches Wort, z. B. Lennep Leihe zu LSN. Cod. prob. S. 233: „in guten Reinen, Steinen, Anwanden halten“ Urk. v. Alsfeld v. 1558. Grimm WB. 1, 513. S. anwender, gewand, wenden. Vgl. Strodtmann Id. Osnabr. S. 1. Anwandung fem., Grenze. „Es ſoll auch itzt genanter Joſt Hoſe berürte wieſen in guten reinen, ſteinen, Malen und Anwandungen, auch in ſtetiger beßerung vnd weſen behalten“. Leihebrief des A. W. v. Döringenberg für Vockerode (Gericht Katzenberg) v. 1565 bei Lennep Leihe zu LSR. C. pr. S. 229. Anwender msc., 1) was anwand, ein Acker auf deſſen lange (breite) Seite andere Aecker mit der ſchmalen Seite (Stirnſeite) ſtoßen. Sehr üblich, neben Anwand, welches manchen Gegenden, z. B. dem Fuldaiſchen Land, zu fehlen ſcheint, ſo daß hier nur Anwender (äwengel) gehört wird. „Anwendels ein ſchmales Ackerbeet“ Grafſch. Hohenſtein (Jour. v. u. f. Deutſehl. 1786,2,115). 2) der Beſitzer einer Anwand (eines Anwenders). Grimm WB. 1, 514 hat Anwander. S. anwand, gewand, wenden. Angewende neutr., 1) das Recht, den Pflug zu wenden auf eines andern Acker. Eſtor d. Rechtsgl. 1, 680 (v. 1693), 2) gleichbedeutend mit an- wender (1) und anwand (Eſtor ebdſ.) Ar (Aar), der eigentliche Name des Adlers, findet ſich zwar in der Volksſprache ſo wenig wie das zuſammengeſetzte Wort Adler, wie denn auch der Vogel ſelbſt ſchon in alter Zeit bei uns ſelten geweſen zu ſein ſcheint, aber in einigen, freilich nur ſehr wenigen, Ortsbezeichnungen hat ſich Ar (aro) gleichwol erhalten. Zunächſt kommt in Betracht die Burg Arnstein bei Witzenhauſen, der Stammſitz der von Bodenhauſen; ſodann ein Waldberg zwiſchen Treisbach und Engelbach: das Arennest; hieran ſchließt ſich der Name eines Waldes oberhalb Völkershain nach Wallenſtein zu, welcher mit ſehr alter Flexion bis in das 14. Jarhundert Arnisnest hieß, jetzt Armsneſt genannt wird. Indes ſetzt dieſe Annahme freilich voraus, daß ein Nominativ arn, wie das niederdeutſche 16 Aren — artlich. arnd, ſtatt aro, ar, anzunehmen ſei. Unter dieſer Vorausſetzung könnte mand darauf geführt werden, die ziemlich häufigen Armsberge, deren ältere Schreibung abgeht, als Arnisberge aufzufaßen. aren, acern. Ein altes reduplicierendes Verbum (Prät. ier, Partie. gearn), welches im Participium bis in die neuere Zeit volksüblich war und in Oberheſſen zum Theil noch üblich iſt; das Präſens Indic. und der Infinitiv, die übrigens ſchon in ſehr früher Zeit er, eren gelautet haben, ſind wie es ſcheint ſchon längſt ausgeſtorben, und das Präteritum iſt bereits mhd. in die ſchwache Conjugation übergegangen. „jglich forwergk ſal jerlichen zu yder art eren eynen tag nach landes gewonheyt“. Immichenhainer Leihbrief von 1446 bei Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 192. „Unde furte ſie darnach zu felde uff eynen acker, unde ſpyn er V adder VI an eynen pluck in erin hemmeden, unde erte mit en eyne forch — — unde wan die forch gearn was, ſo ſpyn er andere in“. Wigand Gerſtenberger bei Schminke Monim. Hass. 1, 243. „hat hinder einem Mahrſtein her geahren, welcher auch außgeworfen iſt worden“; — „hat ime ein Ort Ackers abgeahren“ Wetterer Bußregiſter von 1591. „hat einn lebendigen Rhein abgeahrn“ Ebdſ. von 1583. Schmeller b. W. 1, 97 — 98. Man kann verſucht werden, das Wort aeren (iren) ſtatt zu Aehre, hierher zu ziehen. Arke fem., ein großer Haufe, zumal Holz, auch Stroh. In Ober⸗ heſſen und Schwarzenfels üblich, in Niederheſſen unbekannt. Eſtor S. 1403. „It. axxviij lb. ij ſchilling vor ziij arcken hultzs gekaufft, des ſint vi arcken eyn vor dry punt vnd vij arcken eyn vor iij lb. ri ſchill. gekaufft“. Rechnungen des deutſchen Ordenshauſes zu Marburg von 1497. Dagegen ſcheint in folgendem Satze: „biss an der flud argken boben der Nidder molen“ Emmerich Franken⸗ berger Gewohnheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 701, die Flutarke nichts anderes als arca, Holzgerinne, zu ſein. Vgl. Schmeller 1, 103. Grimm WB. 1, 545. / 2., Armedei fem., Armut, jedoch niemals im abſtracten, ſtets in con⸗ eretem Sinne: armſelige Hauswirtſchaft, armſeliges Gewerbe, armſelige Nahrung. Allgemein üblich, und in gleichem Sinne ſchon von Hans Sachs und Fiſchart verwendet (Binenkorb 1580 Bl. 39a; 1588 Bl. 37b „da iſt nichts dann Armadei im Baurenläger“). B. Waldis und S. Franck ſcheinen das Wort eben ſo abſtract wie Armut, als ein Synonym von Armut, zu verwenden. Grimm WB. 1, 558. 562. In dieſem abſtracten Sinne erſcheint es ander⸗ wärts öfter, z. B. in der Grafſchaft Hohenſtein: „Armetey, Dürftigkeit“. Journal von u. für Deutſchland 1786, 2, 115. Armelding nir. In Hünfeld und Umgegend die beinahe ausſchließ⸗ liche Bezeichnung des Kamiſols, welches Fremdwort daſelbſt faſt unbekannt iſt. Arsch. Grimm WB. 1, 564 —568. Sehr üblich ſind die Schimpf⸗ wörter Lappa., Bettela., Nacka. für einen armſeligen, bettelhaften Menſchen. arthar adj., vom Ackerboden, angebauet, Frucht tragend; „artbares Land“, dem Trieſch entgegengeſetzt; wie gemeinhochd. urbar. Althochd. arlon, colere, hubitare. Grimm WB. 1,513. Vgl. Schmeller b. WB. 1, 111 —112. artlich, ſonderbar; „er ſprach ſo artlich“, er ſprach ſo ſeltſam, unver⸗ ſtändlich, mit einer dem Hörer nicht faßlichen Bedeutſamkeit; „mir iſt ſo artlich“ mir iſt ſo ſonderbar (zumal: ſchwindlig) zu Mute, ſo daß ich eine Krankheit ahne. In ganz Heſſen, wie in Baiern (Schmeller b. 20B. 1, 111) und ander⸗ Arzetei — asken. 17 wärts. Grimm WB. 1, 575. In der ältern Bedeutung, für das gemein⸗ hochdeutſche artig, erſcheint artlich auch nicht ſelten: „das iſt ja gar artlich gemacht“, das iſt eine künſtliche, ſorgſame, fleißige (auch ſeltſame, Verwunderung erregende) Arbeit. Arzetei fem., noch jetzt zuweilen gehörte Form für Arzenei, ehedem beſonders im Gebrauche für Arzneikunde. L. Philipps Reformation vom 18. Juli 1527. Bl. Diija und ſonſt oft. Ascher, Ischer, Escher, msc., der zum Behufe des Seifenſiedens in Aſche eingerührte ungelöſchte Kalk, welche Einrührung den Aeſcher anſtellen heißt. Ass ntr., die ehemalige Bezeichnung des dem Viehe (Ochſen, Kühen, Kälbern, Schweinen und Hunden), gereichten, aus geſchrotenem und eingeweichtem (gemilgetem) Korn, für die Hunde Hafer, beſtehenden Futters. Das Wort kommt in allen heſſiſchen Hof⸗, Schloß⸗ und Rentereirechnungen des 15. und 16. Jarhunderts unzäligemal vor. Borken 1451: iij firtel korns zeur molen zeu aße den ſwynen. Grebenſtein 1462: 1 mlt. korn zu aſſe dauon zu milgende den melken kuwen vnd heleſwynen. Reichenbach 1425: expoſita der fruchte dieſes jars. den meſteſwynen vnd anders den noßern im hofe zu aße vnd zu milgeſale gemalen vnd gemacht. Rauſchenberg 1562: ſechs meſten korn gemalen vnd zu hunde brot vfgangen vnd midt hinwegk gefürt gen marpurg; item drittehalb malter habern zu hunde oiß gleicher geſtalt geaczt vnd midde genomen. Vom 16. September 1562 bis zu Neujahr 1563 verzehrten des Landgrafen Philipp Jagdhunde in dem einzigen Rauſchenberg zwölf Mött (vier Mött auf ein da⸗ maliges Marburger Malter, welches 16 Meſten faßte, gerechnet) Korn zu Hundebrod und elf Malter elf Meſten Hafer zu Hundeaß; die Zal der Hunde belief ſich auf 90 im Minimum, öfter aber auf mehr als 100, und ſie hielten ſich in dem angegebenen Zeitraum ſiebenmal, jedesmal 1—3 Tage in Rauſchen⸗ berg auf. Vgl. Strodtmann ldioticon Osuabrug. S. 17, nach welchem Aat (Aut) die Bezeichnung der Träber des abgebraueten Malzes iſt. Ase fem. (äse) ſoll, wie in Baiern und Tirol (Schmeller 1, 115. Frommann Mundarten 4, 64) bei Wetter der Balke oder das Holzgeſtell im Schornſtein, an welches Speck und Würſte zum Räuchern aufgehängt werden, welche Vorrichtung ſonſt Deise (Dese) heißt, auch das Holzgeſtell über dem Ofen, welches ſonſt gleichfalls Deise heißt, genannt werden. So Landau in ſeiner „Dritten Ausführung über den nationalen Hausbau“ in der Beilage zu No. 12 des Correſpondenzblatts ꝛc. Daſelbſt gibt er auch einen Reim an, welchen die Kinder in und bei Wetter um Faſtnacht ſingen, wenn ſie mit hölzernen Spießen umherziehen und Speck, Würſte u. dgl. betteln: Liebe liebe Waſen, Steig ſe in de Aſen, Lang ſe me en Stück Speck armeslang, Kann ſe's nit geſchneide, Lang ſe me de ganze Seiten. Das Wort fehlt bei Grimm. asten, ein bisher noch unerklärtes Verbum, welches ſtets mit bauen verbunden (asten und bauen) auftritt, und die Cultivierung eines Ackergutes zu bezeichnen dient. Vorzugsweiſe tritt es in Weistümern der Wetterau und deren ſüdlicher und öſtlicher Nachbarſchaft auf, wie z. B. in dem Altenhaslauer Weistum von 1351 (Grimm Weist. 3, 413, wo indes auch die nicht ganz zu verachtende Bilmar, Jdiotikon. 6 18 Variante essen vorkommt), indes iſt es auch in Oberheſſen bis in das 16. Jar⸗ hundert üblich geblieben: „Herman Dalheuſer von Rechelshauſen ſagt bei ge⸗ thanem Aidt: Er hab die Aldenburgk vor viertzigt Jaren helffen aſten vnd bawen“. Marburger (Gladenbacher) Zeugenverhör von 1562. S. Grimm WB. 1, 589. Atzel fem. 1) die Elſter, doch nur im Haungrund, im Fuldaiſchen und ſonſt einzeln im öſtlichen Heſſen; bei Kirchhof Wendunmut erſcheint das Wort Bl. 185b. Grimm 20B. 1, 596. Redensart: die Atzel wollt auch gern mit traurig ſein, konnt aber das Hüpfen nicht laßen. 2) ſchlechte Perücke, Perücke überhaupt, meiſt im Scherz und Spott. Reinwald henneb. Id. 1, 5. Schmidt weſterw. Id. S. 9, vgl. Grimm WB. a. a. O. 3) Hundekrankheit, gemeinhochdeutſch die Raude genannt; im öſtlichen Heſſen ſehr üblich. 4) zänkiſche Perſon „das iſt eine kleine Atzel“; „der iſt eine recht böſe Atzel“. Sehr üblich. atzelig, zänkiſch, leicht zu beleidigen, unverträglich, bißig; allgemein üblich, indes im Haungrunde doch in milderer Bedeutung: lebhaft, flink, im Gebrauche. Die bis daher erſchienenen Idiotismenſammlungen kennen dieß Adjectivum nicht. ein atzlet gemüt, welches Grimm a. a. O. aus Keiſers⸗ berg anführt, ſcheint abweichender Bedeutung zu ſein. atzeln, necken; sich alzeln, ſich ſtreiten, mit Worten zanken: allge⸗ mein üblich. Vgl. itzeln. Reinwald henneb. Idiot. 1, 6 hat das Wort in einer Bedeutung (vergebliches, läppiſches Zeug vornehmen), welche hieſigen Landes nicht üblich iſt. Auch in der Bedeutung bunt ſein, bunt machen, welche Grimm WB. 1, 596 dem Worte zueignen möchte, iſt es mir nirgends vor⸗ gekommen. aube, aufwärts, was in entſchiedenen oberdeutſchen Gegenden auffe lautet; meiſt nur mit gehen verbunden: aube gehn. Schwarzenfels. auern, au ſchreien, laut jammern, wehklagen; der Hund auert wenn er eingeſperrt iſt; der Menſch auert bei einer chirurgiſchen Operation; auch be⸗ zeichnet man das weinerliche Bitten kleiner Kinder mit auern. Sehr üblich, zumal in Niederheſſen. Wird in den Idiotiken nicht aufgeführt; fehlt auch Grimm WB. Aehnlichen Sinnes iſt autschen, einen lauten Schmerzensruf (autſch) ausſtoßen; dieß Wort wird von Thieren gar nicht, und vom Menſchen nur gebraucht, um einen einzelnen Schmerzenslaut zu bezeichnen. So ſagt man auch: „es thut autſch“, d. h. wehe zum lauten Aufſchreien. Gleichfalls ſehr üblich. Aufholz nir., in denjenigen Gegenden, wo die eigentümlichen Aus⸗ drücke für die Ackergeräthſchaften, zumal für die Pflugtheile, erloſchen ſind, z. B. in manchen Dörfern der Umgegend von Kaſſel und abwärts, der Name für denjenigen Pflugtheil, welcher anderwärts Schemel, Boss, Pfaif (Pel), After- irach heißt. 2194 773 aufsetzen iſt in Niederheſſen, wo ſcheppeln unbekannt iſt, die Be⸗ zeichnung des Schmückens der Züchtmägde (ſ. d.) mit Kränzen und Bändern; ein Mädchen aufſetzen; die Mädchen waren bei der Hochzeit gar ſchön aufgeſetzt. S. ſcheppeln. Grimm WB. 1, 736. 9. 3 %. 15. Ai.., aufstehen ſ. stehen. 7 394. aufstützig, unwol, unpäslich. Niederheſſen, auch wol Oberheſſen. „indem Juncker Hans Wilhelm (v. Keudel) angefangen auffſtutzig zu werden, Atzel — aufstützig. Au lung — Aussalz. 19 das er eine Cur vber die ander brauchen müſſen“. Chriſtoph Dietrichs Chronik v. Schwebda zum Jahr 1675. 1606 ⅜⅝ iſt ein Ochſe, „ſo ein Vffſtößer geweſen“ in das herrſchaftliche Schlachthaus zu Marburg geliefert worden. Rauſchenb. Rent. Rechn. v. 1606. Vgl. anstössig. 4. 4 an fung, au fungst, au fonk, ein ſchmalkaldiſches verderbtes Wort, deſſen Urſprung aufzuklären mir nicht hat gelingen wollen. Seine Bedeutung iſt 1) vollends, ſynonym mit ausemer und ausegrad; 2) die einer Verwunderungs⸗ Interjection: warum nicht gar! was du ſagſt! nicht möglich. Vgl. fung. 2. 411. äugen, geſprochen eigen, zeigen. Iſt in Heſſen nur in der Reflexiv⸗ conſtruction sich äugen (eigen), aber allgemein, üblich, und bedeutet dieſes ſich äugen die meiſt abergläubiſche Andeutung, welche ein Abweſender, zumal im Augenblick des Todes, oder auch ein Verſtorbener von der Anweſenheit ſeiner Seele in der Heimat gibt; der Abweſende (Sterbende) äugt ſich, wenn ein Hausgerät oder dergleichen, welches von ihm war gebraucht worden, ſich auf ſcheinbar unerklärliche Weiſe, meiſt mit Geräuſch, bewegt. Es iſt das goth. augjan, ahd. ougen, welches gemeinhochdeutſch in ereignen entſtellt worden iſt. Im Fuldaer Lande iſt sich aichen (Haungrund eigen) ſo viel als ſich raͤchen, ſein Mütchen kühlen; ausaichen „ſeinen Gift an jemanden ausaichen“ ſeinen Zorn an jemanden auslaßen. Gehört dieß Wort hierher, oder zu eichen, ahd. eichon? Graff Sprachſchatz 1, 127. 7 «.Le V. ⅞. F3. Auwel, Aul fem. und masc., die Eule, nach der in der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen herſchenden Ausſprache des d, richtige dort her. ſchende Form des mhd. äwila, welches in Niederheſſen als ale ausgeſprochen wird⸗ „Er hatte vermeint, es möchte ein Aul in den Schornſtein gefallen ſein“. Marb. Hexenproceſſacten von 1659. Vgl. das engl. owl. aupern (sich), ſich rühren, ſich rippeln, d. h. ſich bemerklich machen, ſich auflehnen, iſt nach Reinwalds Angabe (Henneb. Id. 2, 24) im Schmal⸗ kakdiſchen üblich; mir hat es bis jetzt nicht vorkommen wollen. Warſcheinlich iſt das Wort nichts anderes als das von Reinwald ebdſ. S. 22 aufgeführte uppern, von dem ahd. auaron, iterare. ausemèr, eine der mancherlei arg entſtellten Sprachformen, welche in der Herſchaft Schmalkalden vorkommen, auch ansemer geſprochen. Ihre Bedeu⸗ tung iſt: auch vollends: „du hätteſt auſemehr bis N. gehen können“; „ich will auſemehr bis ein Uhr warten“. In angrenzenden Gebietstheilen gilt in ganz gleichem Sinne des mehrſt. Ein Synonym von ausemer iſt ausegrad. Ausmann, pl. Ausleute, auswärts Wohnender; Stalula Esch⸗ wegensia (1834 von Röſtell herausgegeben) S. 2, wofür ebendſ. auch gast gebraucht wird. In den Weistümern (z. B. dem von der Elbermark und von Rorbach, Grimm Weist. 3, 321. 327) bezeichnet Ausmann insbeſondere auch den Grundbeſitzer, welcher außerhalb der Mark ſeinen Wohnſitz hat, Ausmärker, forensis. Vgl. Auswartmann./ 29 aussetzen, ausſteuern, verheiraten; eine ehedem gemeinhochdeutſche, bei Luther (Richter 12, 9) häufig vorkommende, jetzt erloſchene Bedeutung des Wortes, welche im Schwarzenfelſiſchen, im Schmalkaldiſchen, auch theilweiſe noch im Fuldaiſchen üblich iſt. Grimm WB. 1, 970. Aussatz m., die Mitgift, Ausſteuer; überall da üblich, wo ausſetzen in der eben verzeichneten Bedeutung ſich im Gebrauche befindet. 2 20 Ausse — Auszug ausse, hinaus; ſüdliches Fuldaer Land, Schwarzenfels; ausse faren Vieh austreiben, zur Weide treiben (wie fahren im ganzen weſtlichen Heſſen vom Viehtrieb gebraucht wird). ¼ ⸗ Auswartmann, Auswartfrau, Auswartleute kommen in einem Schlüchterner Weistum aus der zweiten Hälfte des 15. Jar⸗ hunderts (Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. und Landesk. 4, 286 — 287) vor, und bedeutet augenſcheinlich extraneus, foreusis, Ausmärker, wie noch heute der Adj. aus⸗ wärtig gebraucht wird. Vgl. Auswohner, Ausmann, und Einwart. ☚⸗, Auswärts m. (Atuswart, Auswert m. Ausfart fem.), Frühling, Vor⸗ frühling, zumal der bevorſtehende Frühling. Jetzt nur noch im Amt Netra, in den Dörfern der Herſchaft Schmalkalden, und ſonſt einzeln z. B. im Amt Spangenberg (hier aber in der Form Ausfart) üblich, ehedem in ganz Heſſen im Gebrauche, wie noch zur Zeit in Baiern ſ. Schmeller B. WB. 1, 117. 4, 161. Marburger Hexenprozeſſacten von 1658: „Selches wehre ihrem bedüncken nach negſt abgewichenen auswarts drey jar geweſen“. Andere Ausſagen über denſelben Zeitraum beſtimmen denſelben: im frühen Frühjahr, zu Oſtern. Eben⸗ daſ. von 1659: „Ihrer Dochter Barbe geweſener Man Henche Höcken zu Cölbe Sohn hette von auswerth ahn bis 14 tage vor Chriſtag geſohret“. Andere Ausſage über denſelben Gegenſtand: „Fr. wie lang er geſohret? A. Von ge⸗ dachten Oſtern bis 14 Tage vor negſt darauf folgenden Chriſtag“. Dem Aus⸗ wärts ſteht, jedoch nicht in Heſſen, der Einwärts, das ablaufende Jahr, die Spätherbſtzeit, gegenüber. Grimm WB. 1, 1011. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 52. Auswoner msc. exiraneus, forensis. Wolfhager Rechnung von 1563. Vgl. Grimm WB. 1, 1020. Vgl. Ausmann und Auswartmann. 42, o ausziehen in der Bedeutung ausnehmen, ſich vorbehalten, iſt jetzt wol kaum noch volksüblich, war ehedem hier wie anderwärts ſehr gewöhnlich, und erſcheint ſo in vielen Urkunden, z. B. in einer von 1490, die Antoniter⸗ güter zu Ringshauſen bei Niederasphe betreffend in Lenneps Cod. dipl. ezu ſeiner Abhandlung von der Leihe zu Landſiedelrecht 1768. No. 16 S. 52: alß derselbe vnser herre den walt zu solichem hoffe gehoret auch Kuppel strüche boume vmb den selben hoff vnde walt gelegen in solicher lehnunge ossgezogen vnde vor sich vnde sin nachkomen behalden hait. Grimm WB. 1, 1039. Auszug m. 1) Ausnahme, Vorbehalt. In dieſem Sinne iſt Auszug die dem heſſiſchen Bauer in den nicht ſächſiſchen bzw. nicht leibeigenen Bezirken von Nieder⸗ und Oberheſſen allein geläufige Bezeichnung des Altentheils, wo⸗ gegen die von den heſſiſchen Juriſten gebrauchte Bezeichnung Leibzucht aus dem ſächſiſchen Sprachgebrauch entlehnt und jenen Bezirken gänzlich fremd und unver⸗ ſtändlich iſt. Auszug bedeutet hier den von der Uebergabe an den Sohn aus⸗ genommenen Theil des Gutes, den vorbehaltenen Beſitz. Der Auszug konnte ſelbſtverſtändlich nur bei freien (nicht leibeigenen) Bauern vorkommen, ſo wie die Leibzucht nur bei leibeigenen, denen der Herr ihre Leibesnarung auch wenn ſie unvermögend waren, aber mehr nicht, zu geben verbunden war. Auszugsurkunden, welche dieſe Wortbedeutung feſtſtellen, ſind noch manche aus älterer Zeit vor⸗ handen, z. B. eine unter den Urkunden des Kloſters Spießcappel vom Jahre 1499, worin ein Einwohner des Dorfes Wernswig die Uebergabe des Gutes an ſeinen Sohn, welche hier als ein förmlicher Verkauf an den Sohn dargeſtellt wird, bezeugt, und in der es am Schluße heißt: auch hain ich heyneze schroder vor- kouffer obgenant in disseme kouffe vud briffe rsgescogin vnd die helifte solichs Cue-,tiuNe„ M Pelm. 1r 1. ₰t Aui Ahele s g-: An W r d e l . .Au. . — Iſch epper cho?“ Dem „B. T.“ entnehmen wir folgendes Schweizer Ferngeſpräch: Als ich in Zürich ankam, mußte ich telephanſeren. Einem alten Freund „Grſiß, Gött“, ſagen; geſchwind.) Als daß. Amt, ſich meldete, ſagte ich: „Reunzehn' ſieben? RÜäukeis „Nühzö ſtiwwe, hökte ich'ſie' bakalf ſugten! Ich Perüiütete dahin⸗ ter ein lokales Geheinwort fnd ſchwieg. Dunn'warterlch lange auf Antwort. Aber mein Freund kam nicht. Nur die Stimme des Tele⸗ phonfräuleins hörte ich wiedert ean „Iſch epper cho?“ „Wie? ſagte ich und erſchrat. „Iſch epper cho?' „Wie ie? „Ob epver cho iſch? „Was iſt das, bitte?“ „ Ja, verſchtghn denn Sie nüt dütſch?“ „Doch, poch. „Guat. „Wie 2 iol Schweigen und Geduld, Geduld und Schweigen waren der In⸗ halt der nächſten fünf Minuten. Dann begann es wieder: „Iſch epper cho? „Ja, Himmeltreuz. . „A quelqu'un répondu?- „Non, Mademoiscllo,“ ſagte ich aufatmend. „Alors je sonnerai encore une fois.“ „Merei bien, Mademoiselle.“ Dann kam endlich mein Freund. „Du, Paul, was heißt das bei euch: Iſch epper cho?⸗ „Iſt jemand gekommen?“ heißt das. Uebrigens ſprichſt du das Schwyger Dütſch ſchon gang famos. e w AAe A E- auet At. Pn O △ üAu d 4rt At 2. AA & P'Atp — 7 AI Eeaet A. JAl, 714. Aalio9 m Ti Auszüger — Bade. 21 kodens vnd zcugehorunge myn lebenlang zen gebruchen behalden. S. ausriehlen. Lennep Leihe zu LSR. S. 684 f. Kopp Handb. 1, 382. 2) exceptio, Einwendung vor Gericht, dann auch Vorwand, Ausflucht; in älteren Schriften hier wie anderwärts häufig, im Munde des Volkes nur noch ſelten anzutreffen; „het aber der verelagt rechtmeſſig außzug widder die vnbe⸗ quemlickeit des Richters formalien der appellation, formlicheit der libels, vnſchick⸗ licheit der artickel, odder der gleichen ſachen fürzubringen“. Landgr. Philipps Reformation ꝛe. vom 18. Juli 1527. (Marburg 1528. 4. Bl. Bb). Grimm WB. 1, 1042. Auszüger, Auszöger msc. Der alte Bauer, welcher ſein Gut dem Sohne übergeben und ſich „auf den Auszug“ geſetzt hat. Im öſtlichen Heſſen findet ſich die Sitte der Eltern, ſich auf den Auszug zu ſetzen, alſo auch Auszug, Auszöger, ſeltner. aut, etwas. Oberheſſen und Schwalm; hostm aut gega? (haſt du ihm etwas gegeben?) „man ſagt von naut, es kommt von aut“; „wenn ich doch aut wüſte, wollt ichs ſagen“ unzälige Mal wiederholter Ausruf einer angeblichen Zauberin aus Kirchhain auf der Tortur zu Marburg 1. 3. und 26. Auguſt 1658. ebei aut Verwunderungsformel (= wie was!) im oberheſſiſchen Hinterlande. Am häufigſten erſcheint das Wort heut zu Tage in der Formel aut oder naut, eigentlich: etwas oder nichts, die aber jetzt faſt nur in der Bedeutung entweder — oder! Ja oder Nein! um das Schwanken der Entſchließung oder die Unent⸗ ſchiedenheit überhaupt nachdrücklich abzuweiſen, im Gebrauche und ſehr üblich iſt, auch weit außerhalb ihrer Heimat von den gebildeten Ständen nicht ungern an⸗ gewendet wird, freilich nicht ſelten in lateiniſcher Verkleidung: aut-aut. Es iſt das ahd. éowiht, iowiht, ieht, mhd. iht, altfrieſ. àwet, angelſ. aviht, avht, engl. ought, welchen letzteren Formen aut am nächſten ſtehet. Vgl. Grimm Gramm. 3, 52. WB. 1, 1044. Das Wort fehlt in den Idiotismen⸗ ſammlungen. Egl. nam. f 24. autschen ſ. auern. 7. I awäsk, albern, in welcher Bedeutung das Wort jedoch nicht ſo häufig vorkommt, als in der Bedeutung verkrüppelt, verwachſen. Im Fuldaer Lande. Es iſt das mhd. Awitzic. Schmeller 4, 207. Brem. WB. 1, 1. S. awisig. awisig, aweisig, albern, ſinnverrückl. In den ſächſiſchen Bezirken, wie in ganz Norddeutſchland. Strodtmann ld. Osn. S. 18. Brem. WB. 1,1—2. S. awdsk- Awetze fem. in der Gegend von Fritzlar der Name der Artemisia abrotanum, des Gartenhains (Gartenhahns) wie dieſe wolriechende Pflanze im übrigen Heſſen heißt. 2. f. ze N.ltn.1% Lua- Plasft in 1. 1e, och. ke4r Etmurx2.1 L. W.4 1.31 G. O. N .f4t4,u1 1 BAde kem. (richtig: Bade), Nutzen, Vorteil, Hülfe. Ein in ganz Heſſen, wie in ganz Niederdeutſchland gebräuchlicher Ausdruck; verhältnismäßig am ſel⸗ tenſten hört man ihn in den öſtlichen Diſtricten Heſſens. Verſtärkt: gute Bade. sich zu Bade arbeiten, ein Stück ſeiner Arbeit zum Voraus thun, um ſich z. B. die Aufgabe des nächſten Tages zu erleichtern. alle Bade hiift, ſprichwörtlich: (uc-autie 11 N„ A.ꝛ⸗ Pe. Ir 1t. Dtr leun Mae s7 r Lsg A b f M d uabuſag uht oil uvm uusa 'ꝛeuvſlcß aötzſppac slsig sluzuuozun a3g 113161gnpj6i1ß 13g zm ogana topuvm 3185 not uaupise 2ag söljo sog vilag a auvzg aspiſiloiplulli asquobilpajag plimoz ziol uollag samnoazfiolch sag uofjouz uohaabſplaig aig uszun aaih ſpnv uohni jipionols uduhvmob auoß usgmoal aouſs gnv uam aoß aia o sig usas uune ai 13g uag uanjg usnag usgjo) ab⅝ 13g ustpiide usyliotnp aig silsiag a e usmij a3ic ualang uaa juuub uviag alico ugagrab jia une a(pjoc vl uagiig jolglaogigt goquoploazogn un useuvjlagubg aoaolun uauog iim uomaoluzinjg gun ⸗aonpjg uoaag usupilct obuog auſs uohnjg gun usunab uauht aazun gun aagen uub, usjoig bundigolalag obzui ailigupjgmoaL sog auzag sog anl ogaif 10g aaaolun a(pjoa jobaidlasllog uogul aig uaoquol gul viaig us(plinog aoralun aogjiqiivavgg aig (piſzuobi zoa jiozuobo i! e A 31 uoanjL uswpioauouinjg gun ager ai zpiu so qun janvgasgen Aſpaszne piaoinia apnbiner aig idinguois juagoi uouag ino 4. at.. A 7. 7. a Ae A A Ef- a n Pn ℳ A,1/ Eü d. 4 P Ai: A.& A'hlp — — 7— Ahn4alu 4 Brau4n 939— Bartmemptjſ. ſ, Pefasf h r. A4. 6/je Uthliar Suctlc. 9 Sl PaM, diale Eetie. A.L, 121. Aallou.5p . J t—.1f. 7.1 u. u 9u. Lm an Ad 4.d f, M. Ln2. Fu 2 Ry— . Auszüger — Bade. 21 kodens vnd zcugehorunge myn lehenlang zeu gebruchen behalden. S. auszieſen. Lennep Leihe zu LSR. S. 684 f. Kopp Handb. 1, 382. 2) exceptio, Einwendung vor Gericht, dann auch Vorwand, Ausflucht; in älteren Schriften hier wie anderwärts häufig, im Munde des Volkes nur noch ſelten anzutreffen; „het aber der verclagt rechtmeſſig außzug widder die vnbe⸗ quemlickeit des Richters formalien der appellation, formlicheit der libels, vnſchick⸗ licheit der artickel, odder der gleichen ſachen fürzubringen“. Landgr. Philipps Reformation ꝛc. vom 18. Juli 1527. (Marburg 1528. 4. Bl. Bb). Grimm WB. 1, 1042. Auszüger, Auszöger msc. Der alte Bauer, welcher ſein Gut dem Sohne übergeben und ſich „auf den Auszug“ geſetzt hat. Im öſtlichen Heſſen findet ſich die Sitte der Eltern, ſich auf den Auszug zu ſetzen, alſo auch Auszug, Auszöger, ſeltner. aut, etwas. Oberheſſen und Schwalm; hostm aut gega? (haſt du ihm etwas gegeben?) „man ſagt von naut, es kommt von aut“; „wenn ich doch aut wüſte, wollt ichs ſagen“ unzälige Mal wiederholter Ausruf einer angeblichen Zauberin aus Kirchhain auf der Tortur zu Marburg 1. 3. und 26. Auguſt 1658. eei aut Verwunderungsformel (= wie was!) im oberheſſiſchen Hinterlande. Am häufigſten erſcheint das Wort heut zu Tage in der Formel aut oder naut, eigentlich: etwas oder nichts, die aber jetzt faſt nur in der Bedeutung entweder — oder! Ja oder Nein! um das Schwanken der Entſchließung oder die Unent⸗ ſchiedenheit überhaupt nachdrücklich abzuweiſen, im Gebrauche und ſehr üblich iſt, auch weit außerhalb ihrer Heimat von den gebildeten Ständen nicht ungern an⸗ gewendet wird, freilich nicht ſelten in lateiniſcher Verkleidung: aut-aut. Es iſt das ahd. éowiht, iowiht, ieht, mhd. iht, altfrieſ. äwet, angelſ. aviht, avht, engl. ought, welchen letzteren Formen aut am nächſten ſtehet. Vgl. Grimm Gramm. 3, 52. WB. 1, 1044. Das Wort fehlt in den Idiotismen⸗ ſammlungen. Wgl. namt. / 2P autschen ſ. auern. 2:. I awäsk, albern, in welcher Bedeutung das Wort jedoch nicht ſo häufig vorkommt, als in der Bedeutung verkrüppelt, verwachſen. Im Fuldaer Lande. Es iſt das mhd. Awitzic. Schmeller 4, 207. Brem. WB. 1, 1. S. awisig. awisig, aweisig, albern, ſinnverrückl. In den ſächſiſchen Bezirken, wie in ganz Norddeutſchland. Strodtmann ld. Osn. S. 18. Brem. WB. 1,1 —2. S. awdsk.“ Awetze kem. in der Gegend von Fritzlar der Name der Artemisia abrokanum, des Gartenhains (Gartenhahns) wie dieſe wolriechende Pflanze im übrigen Heſſen heißt. 4. † A, R.t.1 ⁸u.-, ¹iaefe i. 1./ t, ocha. u.. 9 14z2 Rlmun2. 7 2. i. 1.11 f O. Art 1.ZtAfU1t Bade kem. (richtig: Bade), Nutzen, Vorteil, Hülfe. Ein in ganz Heſſen, wie in ganz Niederdeutſchland gebräuchlicher Ausdruck; verhältnismäßig am ſel⸗ tenſten hört man ihn in den öſtlichen Diſtricten Heſſens. Verſtärkt: gute Bade. sich zu Bade arbeiten, ein Stück ſeiner Arbeit zum Voraus thun, um ſich z. B. die Aufgabe des nächſten Tages zu erleichtern. alle Bade hiiſft, ſprichwörtlich: 22 Bäden — Bahrgericht. auch eine geringe Beihülfe iſt annehmbar, wenn z. B. nur ein geringer Arbeiler, ein Kind, an der Arbeit ſich beteiligt. ein Heller thut dir gute Bade, doch hüte dich vor Schuld und Schade ſprichwörtliche Scherzrede, wenn eine unver⸗ hältnißmäßig geringe Leiſtung, Zalung inſonderheit, entrichtet wird. Unbaden msc. Unfug, Verlegenheit; ungezogener Bube. hAden, auch batten (richtig: baden), helfen, nützen, faſt nur noch in feſtſtehenden Redensarten üblich: das badkei (batt) mich nichis, das hilft mich nichts, kann mir nichts nützen. es batt nicht, es geht nicht, geht nicht an, fügt ſich nicht, rückt nicht vorwärts. das hilft und baft nicht, das kann nun einmal nicht anders ſein. bddets nicht so schadeis nicht, superflua non nocent, eine beſonders in der Diemelgegend häufige Redensart. In der Schriftſprache iſt dieſes Wort während der zweiten Hälfte des 17. Jarhunderts erloſchen. In dem Liede „Wacht auf ihr Chriſten alle“ komt die Zeile vor: „Geld, Gut kann dich nicht baten“; in einem 1677 in Kaſſel ge⸗ druckten Geſangbuch findet ſich S. 283 dieſelbe noch unverändert, wogegen das 1690 zu Marburg gedruckte Geſangbuch S. 113 ſchon hat: „Geld, Gut kann uns nicht rathen“. Wgl. Scherz⸗Oberlin S. 98. Richey Hamb. Id. S. 10. Brem. WB. 1, 61. Schottel Haubtſpr. S. 1282. Schmidt Weſterw. Id. S. 14. Schmeller 1, 215. Grimm WB. 1, 1153 — 1155. Gramm. 1, 494. 2, 43. Badegeld, ein Geſchenk älterer Zeit, dem Trinkgelde gleich. Rech⸗ nung des deutſchen Ordens zu Marburg von 1479 über den Weinbau daſelbſt; Zeitſchr. für heſſ. Geſch. u. Landeskunde 3, 175. Bacher, Baecher mse. der weiße linnene Rumpfkittel der Bauern. Dieſe Tracht, welche ehedem ſeit Jarhunderten im ganzen Oberheſſen, theilweiſe auch in Niederheſſen üblich war, iſt ſeit dem Jahre 1840 in Abnahme gekommen, und ſeit 1848 dem Verſchwinden nahe; ſie hat der blauen Blouſe weichen müßen. Der Name Bacher kam jedoch nur in Oberheſſen vor, iſt auch von Eſtor in ſeinem oberheſſiſchen Wörterbuch (D. Rechtsgel. 3, 1404) verzeichnet; jetzt iſt er faſt gänzlich erloſchen. bàfen, hart zuſchlagen, hart niederwerfen. „baf die Thür nicht so“, ſchlag die Thür nicht ſo hart zu; „bäf das Holz nicht so hin“; „ich bäfte ihn in die Ecke“. In ganz Altheſſen üblich. Neuerdings bedeutet das Wort, zumal in Oberheſſen, auch: Brantwein ſaufen: „einen bdfen“, einen Schluck Brantwein nehmen, gierig hinunter ſchlucken. baffter (bi after), außer. Das Wort kommt in heſſiſchen Schriften im 15. Jarhundert ſehr häufig vor, wird aber ſchon in der erſten Hälfte des 16. Jarhunderts ſelten. Seit den beiden letzten Decennien des 16. Ih. habe ich es nicht mehr gefunden. Nach dem Vorkommen deſſelben in jenen Schriften kann nicht bezweifelt werden, daß es im Volksmunde lebendig geweſen iſt. bachen iſt im Volksmunde nur in einer Bedeutung, und auch in dieſer, meines Wißens, nur im öſtlichen Heſſen im Gebrauche: Stöcke im heißen Backofen röſten, ſo daß die Rinde ſich von dem Holze löſt, und das letztere, nachdem es mit Oel eingerieben worden, ſich braun färbt. In dieſem Sinne kommt das Wort auch im Brem. WB. 1, 35 vor. Vgl. Buewes./ 49 Bahrgericht. Ein ſeit dem Anfange des 13. Jarhunderts übliches Gottesurteil. Der vermutliche Mörder mußte ſeine rechte Hand auf den Leichnam Backofenkröffer — Backsbeere. 23 des Ermordeten legen, und wurde für ſchuldig, ſpäter wenigſtens für der That hochverdächtig gehalten, wenn in Folge dieſer Berührung die Wunden des Er⸗ mordeten anfiengen zu bluten. Grimm D. Rechtsaltertümer S. 930 —931. Beiſpiele dieſes Gerichtsgebrauchs finden ſich in Heſſen bis zum Ende des 17. Jarhunderts. Zwei derſelben mögen hier angeführt werden. Im Jahre 1603 wurde bei Niederwetter eine Frauensperſon auf der Landſtraße ermordet gefunden, und der Leichnam Tags darauf begraben. Jetzt erſt erhob ſich Verdacht gegen einen Fremden, welcher im Begriff ſtand eine Bürgerstochter von Wetter zu heiraten, und da ſeine Ausſage bei der Beſprachung ſchwankend waren, ſo wurde zum Gottesurteil geſchritten: „weil dann, berichtet der Schultheiß zu Wetter „22. October 1603, ſeine außage deromaßen gethan das man Vrſach gehabt ein „gewiſſers zu probiren, So haben wir mit vorwißen vnd bewilligung auch beiſein „des Pfarrherrs Eltiſten vnd des Raths der entleibten Perſon grab wider er⸗ „offnen laßen, verdechtigen hertzutretten vnd ſie anrühren laßen. Ob dan wohl „der korper ſehr bleich vnd faſt der erden gleich auch die wunden ſo er geſchlagen „deren 8 oder Neun geweſen, gantz ſchwartz vnd zugerunden geweſen, So ſeindt „doch nicht allein die wunden wider ſobalt friſch Roth vnd fließendt ſondern „auch die entleibte fraw vnder irem geſicht widder ſo Rother geſtalt als ob ſie „noch lebte vnd ſchlieffe worden, daruf dan er Heinrich (Vogt, der Ehemann r⸗ „und Mörder der fraglichen Frauensperſon) wider zu E. F. G. haften gebracht, „vnd bißherr verwart gehalten wirdet, das weib aber wider in ir grab gelegt „worden“. Die hierauf von dem Fiskal erhobene peinliche Amtsanklage nahm ausdrücklich Bezug auf das Gottesurteil („18, Sondern es iſt auch whar, als der ermordete korper dem Beclagten vorgelegt, vnd von demſelben betaſtett worden, dz die Wunden, ſo ſonſt verblichen vnd eingefallen, friſch blutt von ſich geben“), und der Defenſor beantwortete dieſen 18. Klagartikel dahin: „zum erſten vnd „andern maell habe er den todten korper betaſten müſſen, vnd ſeine finger in die „wunden vff der ſtirne leggen müſſen, da habe ſich die Wunde des corpers nitt „entferbet, als aber der corper gewendt vnd er zum dritten maell die wunden „betaſten müſſen, habe ſich die wunde mit bluctt entferbet“; — eine hinreichend deutliche Hinweiſung auf die Art und Weiſe, durch welche man die Leichname der Ermordeten zum Bluten gebracht haben mag. — Im Jahr 1673 war in Wohra ein Kindsmord vorgefallen, und die des Mordes beſchuldigte Weibsperſon mußte in der Vorunterſuchung zu dreien Malen die Hand auf den vorgelegten Leichnam des Kindes legen. *. Im Volksglauben ſtand (und ſteht zum Theil noch heute) die Richtigkeit dieſes Gottesurteils unerſchütterlich feſt; eine Ausſage aus Betziesdorf vom J. 1673 über einen von der verſchmäheten Geliebten angeblich Ver⸗ gifteten ſagt: „vnd am dritten tage nach ſeinem todt habe er vbergeſchoſſen, daß „er faſt im blutt geſchwummen, vnd habe ſeine ſchweſter die Windtſche geſagt: „Er hette noch kein blutt vbergeſchoſſen, biß daß des Schnabels tochter kommen „vnd krentze bracht, mit ihren fünff brüdern, welche ihm alle fünff an die groſſen nzehen vffm rechten fueß gegriffen daß ſie ſich nicht furchten ſolten, vnd als „Schnabels tochter ihme auch an dieſe zehen gegriffen, habe er Blutt vber⸗ „geſchoſſen“. Backofenkröfrer msc., d. h. Backofenkriecher, iſt an der Eder der von der Form ſeines Neſtes hergenommene Name des Weidenzeiſigs, Zaun⸗ königs. Im öſtlichen Heſſen wird dieſer Vogel aus gleichem Grunde geradezu Bachöfelchen genannt. Der Name Zaunkönig iſt gänzlich unbekannt. Backsbeere fem. 1) im eigentlichen Sinne: gedörrte (gebackene) Virnen, wie getrocknete Aepfel, Zwetſchen, Virnen zuſammen im öſtlichen Heſſen 24 Bälle — Bann. „gebacken Werk“ genannt werden. Sonſt Hutzel. Scherzhafte Frage an eigen⸗ ſinnige, wähleriſche Kinder: „Schätzchen, willſt du Hutzeln oder Backsbeeren? 2) uneigentlich in den Mittelſtänden gebräuchlich für kleines Gepäck, kleine Geräthſchaften. „Ich will nur erſt meine Backsbeeren vom Tiſche räumen“; „wer trägt mir wol meine Backsbeeren nach Hauſe? Bälle, nur im Plural, das Zahnfleiſch, zumal der kleinen, zahnenden Kinder. Das Wort iſt jetzt ganz ſo geformt und wird auch ſo verſtanden, als ſei es Plural von Ball, während es doch nichts anderes iſt, als pilren, Piller⸗ lein. Nur hin und wieder hört man wol: die Bällen; noch ſeltner die faſt richtige Form die Bällern. Vgl. Schmeller bair. WB. 1, 168. bälfern bedeutet im Fuldaiſchen füllen, vollſtopfen; die Taſche (Sack) bälfern, die Naſe mit Schnupftabak bälfern. Balhorn. Der Name eines anſehnlichen, auf einer Hochfläche, welche die Urſprünge der Flüßchen Elbe, Ems, Erpe und Warme enthält, im Gebiete des erſteren derſelben gelegenen Dorfes, öſtlich von dem Städichen Naumburg. Wie die Namen jener Flüßchen vom köchſten Altertum ſind, ſo auch der Name dieſes Dorfes. Es kommt als Balahorn bereits in dem Breviarium S. Lulli (Wenck heſſ. Landesgeſch. 2, Urk. B. S. 17) und in einer Urk. des 10. Jarh. (Wenck 3, Urk. S. 30) vor, und enthält als erſtes Compoſitionsglied das Wort balu (goth. balys). Dieſes Wort erſcheint goth. altſ. ahd. nur in abſtracter Bedeutung: perniciosus, malus, das Subſtantivum in dem Sinne von pernicies. Hiernach könnte Balahorn bedeuten: die ſchlimme, verderbliche Höhe, oder da Horn auch in der Bedeutung Winkel vorkommt: der ſchlimme, verderbliche Winkel. Möglich aber wäre es, daß balu urſprünglich die concrete Bedeutung der Todtenbrandſtätte gehabt hätte, und dieſer Ort die von den Hauptſitzen der Katten (Maden, Metze, Wichdorf, Kirchberg) nicht weit entfernte Stätte geweſen wäre, wo das Volk ſeine Todten feierlich verbrannt hätte. Bambaster, Unterfutter unter die Sättel. „iij elen Iyns duchs den waissir eseln (den Waßereſeln, welche das Waßer auf das Schloß zu tragen hatten) zu Bambaster vnder die seddel“. Marburger Schloßrechnung von 1475. Ob man nötig habe, zur Erklärung von Bambaster das Wort Basi, Packſattel, mittellateiniſch basta und bastum (Brem. WB. 1, 60) hinzuzuziehen, will ich nicht entſcheiden. S. Bomsen. bambeln, (pampeln), was ſonſt bammeln und gemeinhochdeutſch haumeln iſt: ſchlaff herabhängen oder herabhängen laßen und in ſchwankender Bewegung ſein oder in dieſelbe bringen. „Mit den Beinen bambeln“; „es bambelt alles an ihm“ er hat eine nachläßige, ſchlaffe Haltung und eine nach⸗ läßige Kleidung. „Arme hände und beine (eines neugeborenen Kindes) weren „geweſen alß gantz zerſchlagen, und hette alles gepampelt, daß man es auch „nicht zurecht bringen können“. Ausſage der Hebamme Margarete Clermund zu Frankenberg 29. Juni 1697. Metaphoriſch: langſam gehen, langſam arbeiten: „der bambelt den ganzen Tag“ arbeitet langſam ohne etwas vor ſich zu bringen. Ein Bambeler, ein langſamer Arbeiter, welcher die Geſchäfte hängen läßt. Schmidt weſterw. Id. S. 12 -13. Reinwald henneb. Id. 1, 117. Grimm d. W. 1, 1095 (unter bammeln). Bann m. iſt jetzt aus der Volksſprache völlig verſchwunden, nachdem die letzte Erinnerung an den Vann, die Bannmühlen, ihr Bannrecht dürch Ablöſung Bändern — Bär. 25 vekloren haben. Bis zum Jahr 1820 bezeichnete Bann (geſprochen Bon) in der Stadt Hünfeld einen Zeitraum von acht Tagen im Herbſt, während deſſen Tanz⸗ beluſtigungen Statt fanden und gewiſſe Wirte ihre Bannrechte (das Recht, in dieſer Zeit allein Muſik und Tanz halten zu dürfen) ausübten. Von dem Erlös dieſer Bannrechte der Wirte bekam in altern Zeiten der Beamte zu Hünfeld einen Theil ſeiner Beſoldung. bannen iſt als ſcherzhafter Ausdruck üblich im Sinne von bewältigen, zwingen, z B. einen Gegner im Ringen (wrangeln), eine ſtarke Portion Speiſe und dergl. bändern, das Haar mit Bändern und Blumen durchflechten, wie die jungfräulichen Bräute, Gevatterinnen und Züchtmägde thun. Geißgrund, Um⸗ gegend von Hersfeld. S. aufsetzen, scheppeln, schnatzen. /9. §üt, 34 Bandermägde, gebänderte Mädchen, vorzugsweiſe die Züchtmädchen. Bänderwerk iſt da, wo Schapel (ſ. d.) unbekannt iſt, d. h. im ganzen innern Heſſen, und wo auch die Bezeichnung „Aufſatz“ nicht gäng und gäbe iſt — um Fritzlar, Felsberg, Melſungen — die Bezeichnung für den be⸗ bänderten Kranz (Schapel) der Kranzjungfrauen (Scheppelmägde). Die Unbe⸗ hülflichkeit des Ausdrucks beweiſt hinlänglich, daß entweder in den bezeichneten Bezirken das Scheppeln überhaupt nicht einheimiſch, ſondern nur geborgt iſt, oder daß dieſe Bezirke geneigt ſind, Traditionen der Sprache zu vergeßen. Bansen msc. (eigentlich Banse), Haufe, zumal von Getreidegarben, Strohgebunden oder Holz, beſonders wenn die Garben, Holzſcheite u. ſ. w. auf⸗ geſchichtet ſind. An der Diemel üblich, auch ſonſt einzeln vorkommend. In der Bedeutung Scheuer, in welcher dieſes ſehr alte, im Gothiſchen (Matth. 6, 26. Luc. 3, 17 bansts) vorhandene, aber bis dahin weder im Althochdeutſchen noch im Mittelhochdeutſchen aufgefundene, und nur in der niederdeutſchen Volksſprache gebräuchliche Wort bei Schottel Haubtſpr. S. 1283, Stieler S. 54, Scherz⸗ Oberlin S. 94, Klein Prov. W. S. 38 erſcheint, iſt es in Heſſen meines Wißens nicht üblich. Nur Schütze holſt. Id. 1, 67 hat es in einer dem heſſiſchen Gebrauche gleichen Bedeutung. bansen (banzen, panzen) Heu, getrockneten Klee, Getreide in Garben, Handbuch 1, 415. 312 (aufbanſen) und die daſelbſt angeführten Stellen aus den ältern heſſiſchen Verordnungen; — auch wol metaphoriſch von andern Gegen⸗ ſtänden: „den Ranzen ganz voll banſen“. Ganz allgemein üblich. Grimm d. W. 1, 1119. Rär, ursus. Unter den mancherlei vom Bären hergenommenen Redens⸗ arten mag hier eine ſtehen, welche ich nur aus einer heſſiſchen Schrift kenne und die bei Grimm WB. 1, 1123 fehlt: „ann Bern hetzen vnd darnach da⸗ hinten bleiben“ L. Philipps Dritte warhafte verantwortung wider H. Heinrich (Marburg 12. Merz 1541) 4. Bl. Qa. Der Sinn derſelben iſt: in gefährliche Unternehmungen verſtricken, zu ſolchen anreizen, und dann ſich heraus ziehen. Unter den zalreichen Ortsbezeichnungen in Heſſen, welche vom Bären her⸗ genommen ſind, iſt die aͤlteſte das ſchon im 8. Jarhundert vorkommende Berinscozo, jetzt der Flecken Allendorf mit dem Beinamen im Berſchießen, in der neueſten Zeit: Allendorf am Bärenſchuß. In der Gemarkung dieſer Ortſchaft ſindet ſich noch jetzt eine Bärenhege und ein Bärenbach. Außerdem gibt es mehrere Bärberge und Bärenberge (Knüll, Zierenberg), eine Bärenburg (Meisner, Wolferode), mehrere Värenhecken, eine Vernſtrut, einen Vernſtein (Groß⸗ ogfaph. inetit, (Matburg a. d. Lah. enre Barbeinig — Bàs. 26 ſelheim, Schröck), ein Bärenloch, ein Bärenneſt (Untergeis) und mehrere Bärenwinkel (Großenritte, Hainrode, Flörsbach). Endlich findet ſich in Heſſen (Zweſten) der kaum noch anderwärts vorkommende Familienname Bärenfänger. barbeinig, barfuß. Schmalkalden. Reinwald henneb. Id. 1, 7. Vgl. busheinig. BAre, Böre fem., alte Kuh. Im nordöſtlichen Oberheſſen (Rauſchen⸗ berg, Wohra, Sebbeterode) vorkommend. Bare fem. Milchtopf, in welcher die Milch zum Gerinnen geſchüttet wird; eine Bare iſt ſehr weit und niedrig, und führt dieſen Namen nur im nördlichen Theil von Niederheſſen (ſonſt: Röbbes); in Oberheſſen werden zu dieſem Zweck umgekehrt ſehr ſchmale und hohe Töpfe verwendet. Warſcheinlich iſt bare Nebenform oder auch nur Entſtellung von barn, Trog, Krippe. Henn erbens gele hat dem westerwalt eyn milcheborn frebelich zu ryssen. Büdinger Bußregiſter von 1475 — 1482. folkers hennen frauwe hat peterchin geschuldiget er hube ir jun iren milcheborne geschißen. Ebdſ. Vgl. Richey Hamb. Id. S. 10, wo dieſe Redensart als Metonymie aufgeführt und auf barm, Hefe, an ſich wol irrig, zurückgeführt wird.: L 7. /i Ban Bärenhäuter m. (Bernhüter) war bis vor wenig Jahren in Schmalkalden die ſpottende Bezeichnung der Hoſenträger von Seiten derer, welche die alten kurzen Hoſen (ohne Leibſtück) trugen. Seitdem die langen Beinkleider allgemein in Gebrauch gekommen ſind, iſt die Bezeichnung ausgeſtorben, und man hört ſie jetzt nur noch aus dem Munde der älteſten Leute. Barg (richtiger Barch) msc., verſchnittenes männliches Schwein, porcus, ahd. paruh. Nur im Schmalkaldiſchen iſt die einfache Form (geſprochen Börk, Bark) üblich; in dem übrigen Heſſen (zumal in Niederheſſen) kommt nur das Deminutiv Bärgel, Börgel (neutr., auch masc.) vor. Schottel Haubtſpr. S. 1284. Reinwald henneb. Id. 2, 26. Barte fem. kleine Axt, welche mit einer Hand geführt wird, bald mit breiterem, beilähnlichen, bald mit ſchmalerm, axtähnlichen Bart, Handaxt, Hand⸗ beil. In ganz Niederheſſen iſt das Inſtrument und der Name allgemein ge⸗ bräuchlich, in Oberheſſen iſt das Werkzeug wenig gebräuchlich, und der Name völlig unbekannt; bei Kirchhof im Wendunmut erſcheint der Name öfter, auch ſcheint es, als ſei dieß Gerät damals als Wurfwaffe gebraucht worden, wenig⸗ ſtens wirft bei Kirchhof (Wendunm. 1602 S. 329) ein Bauer mit einer Barte nach einem Haſen. Bei den Bauernſchlägereien des 16. Jarhunderts in Nieder⸗ heſſen, Thüringen u. a. O. ſcheinen die Barten gleich den Bauernſpießen eine nicht unerhebliche Rolle geſpielt zu haben. S. Grebenordnung Art. 23. S. 1. (2O. 4, 621). Brem. WB. 1, 40. Vgl. Grimm d. W. 1, 1143 — 1144. Bartel msc. Name verſchiedener Kleidungsſtücke: 1) Pelzhaube der Weiber im Schmalkaldiſchen; Reinwald henneb. Id. 1, 7. 2) Frackrock, zumal derjenige, welcher in ſeinen Schößen nicht ſpitz zulauft, ſondern breit abgeſchnitten iſt; im Fuldaiſchen Land. Bàs msc., Herr. Dieſes niederländiſche Wort findet ſich noch jetzt in den weſtfäliſchen Gegenden Heſſens (Obermeiſſer, Ober⸗ und Nieder⸗Liſtingen, Oberelſungen u. a. Dörfern) im Gebrauche, doch nur ſo, daß das Volk ſich deſſelben bloß unter ſich bedient; vor den Hochdeutſchen wird es vermieden, und kommt g. B. dem Pfarter nur in Zuſtänden großer Aufregung des Gemeinde⸗ 27 gliedes zum Gehör (wie das freilich mit vielen derartigen Wörtern geht, vgl. wicken). f. 15. Bäss m., ausgemäſteter Hammel; — dann auch Schimpfwort für einen dicken, trägen Menſchen. Schwarzenfels, Schlüchtern, Steinau. 1. Bäschke, ein unverſtandenes, im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen ſehr übliches Scheltwort. Im Fuldaiſchen (Hünfeld) wird es ernſtlich, im Schmalkaldiſchen dagegen nicht böſe gemeint, und vorzüglich gegen Weiber ange⸗ wendet. Vgl. Büss. /2. .! baselig, zerſtreut, ohne Ueberlegung. Sehr üblich in Niederheſſen. verbdseln, irre werden, ſich verkehrt anſtellen; verbaselt sein, üblicher als verbaſeln, ſeine volle Beſinnung nicht haben, zerſtreut und verkehrt ſein. Niederdeutſches, in Niederheſſen ſehr übliches Wort. Brem. WB. 1, 59. Schmidt Weſterw. Id. S. 288. Grimm WB. 1, 1148. Bast. Redensarten: „ſich das Baſt von den Händen winden“, ſehr üblich vom heftigen Händeringen in großer Angſt oder Betrübnis; — „ſich die Schuhe mit Baſt binden“ (oder auch: „mit Widen“, was noch üblicher iſt), ſehr übliche Formel, um große Dürftigkeit zu bezeichnen; auch anderwärts übliche und bereits altherkömmliche Phraſe, vgl. S. Frank Sprichwörter 1541. Bl. Ka; Froſchmeuſeler Bl. Va. Sonſt iſt Baſt die regelmäßige Abkürzung des, übrigens ziemlich ſeltenen, Vornamens Sebaſtian. gebaest adj., erpicht, ungeduldig erwartend; „er iſt gebaest auf das Kartenſpiel“. Oberheſſen, zumal an der untern Lahn gebräuchlich. hätschen wie hochd. palschen, im Waßer mit den Händen (zumal unnötig), im Kot und ſchmelzenden Schnee mit den Füßen ſich bewegen. Batschwetter, Schlackwetter, halb Schnee und halb Regen; ſcherzhaft auch „der Hätſchbätſch“ (vor 50 Jahren ſehr gewöhnlich) genannt. Batsch msc., kotiges, naßes Wetter. Vgl. Schmidt weſterw. Id. S. 15. Vgl. auch päntſchen bei Schmeller b. WB. 1, 288. batzeln, (batzeln) (sich), ſich ſtreiten, zanken, wobei es bis nahe an Thätlichkeiten, doch noch nicht zu denſelben kommt. In ganz Altheſſen, mit Ausſchluß der ſächſiſchen Bezirke, üblich. batzig, trotzig, zum Zank herausfordernd in übermütiger Weiſe; eir auch in der Schriftſprache vorkommender Ausdruck; ehedem auch batzet (d. i. batzicht): „In dieſer Frage macht ſich der newe Fechtmeiſter ſunderlich gar batzet vnd vnnütze“. G. Nigrinus Von der rechten waren katholiſchen — Kirchen gründtlicher bericht. 1591. 4. S. 119. batzen, gleichbedeutend mit kleiben, die Gefache der Gebäude mit Strohlehm ausfüllen und mit Lehm bewerfen und glatt ſtreichen; auch wol für tünchen verwendet. Das Wort muß, nach Kopp Handbuch 6, 68 zu urteilen, ziemlich allgemein üblich geweſen ſein, auch habe ich daſſelbe bis etwa 1824 einigemale vernommen, ſeitdem aber nicht wieder gehört, auch nicht in Erfarung bringen können, daß daſſelbe irgendwo noch jetzt in Uebung befindlich ſei. Bauch msc. In der Bedeutung venter ſind die Formeln zu bemerken 1) im eigentlichen Sinn: einen böſen Bauch haben, welche in Oberheſſen üblich iſt, und bedeutet den Durchfall haben; 2) im tropiſchen Sinn: keinen guten Bauch zu jemand haben, überall nicht gut mit jemanden ſtehen, ihm Bäss — Bauch. 28 gram ſein. Beide Formeln ſind auch ſchon von Schmidt Weſterw. Jd. S. 16 verzeichnet; die letztere iſt gegenwärtig in Oberheſſen, wo ſie übrigens allein vorkam, zwar noch vorhanden, aber dem Ausſterben nahe. In ſchrifklichen Ver⸗ handlungen älterer Zeit aus Oberheſſen findet ſie ſich häufig, z. B. „als ſie durch das dorff bober des Erdthauſers haus kommen hette Elſa an der hecke geſeſſen, ond were das Kalb nieder gefallen vnd hette nicht fortgewollt, vnd were eine fraw von Hachborn, ſo in der zeit mit gekraute nach Marburg gehet, mit geweſen, welche geſagt, vwe des Streichs, des bin ich erſchrocken, ich ge⸗ trawe der Elſa (einer angeblichen Hexe) nicht wol, ich habe keinen guten bauch zu ihr“. Marb. Hexenproceſſacten von 1655. In der, ſich übrigens mit der Bedeutung venter unmittelbar berührenden und vermiſchenden Bedeutung uterus iſt zu bemerken, daß noch im Anfange dieſes Jarhunderts in ganz Heſſen die Worte ſchwanger, ſchwängern im Verkehr der Bauern unter ſich unerhört waren und nur im Verkehr mit den „Großen“ (Edelleuten, Beamten, Pfarrern) von ihnen gebraucht wurden; es hieß vielmehr nur: „einen dicken Bauch haben“ und „einer einen dicken Bauch machen“. Bauerschaft. Ein jetzt nicht einmal in dem ſächſiſchen und weſt⸗ phäliſchen Altheſſen (an der Weſer und Diemel), und kaum noch in der Graf⸗ ſchaft Schaumburg vorkommender Ausdruck; üblich noch jetzt in den tiefer in Niederdeutſchland gelegenen Hoyaiſchen, ehemals Heſſen⸗Kaſſel zuſtehenden Bezirken (Ucht, Freudenberg, Auburg), wo z. B. der große Flecken Wagenfeld in vier Bauerſchaften geteilt war. In älterer Zeit aber fand ſich Sache und Bezeichnung auch in Altheſſen. So war die Stadt Wolfhagen vom 14. bis zum 17. Jar⸗ hundert in vier Bauerſchaften (Bürscap 1457, Bürschaft 1563) geteilt, doch verſtand man Sache und Wort um 1626 ſchon ſo wenig mehr, daß man das Wort Bürschaft in Bursse verderbte. Es iſt dieß der noch jetzt in der holländiſchen Sprache vorhandene Gebrauch des Worts Bare: Wohner, Nachbar, und Buurt- schop: Geſellſchaft der Zuſammenwohnenden, Nachbarſchaft; alſo daſſelbe, was wir jetzt in den Städten mit dem ohnehin unpaſſend gewordenen Fremdwort: Quartier bezeichnen. Baum. In ältern, zum gröſten Theil noch jetzt fortdauernden Flur⸗ bezeichnungen kommen ſehr oft Bäume, als dem Flurſtück den Namen gebend, vor, und zwar werden dieſe Bäume noch nach ihren alten Beſtimmungen benannt. Sehr häuſig ſind die Namen, welche das Aufhängen der Verbrecher an Bäume, ehe man Galgen hatte, bezeichnen: Diebbaum, Hengelbaum, Galgenbaum (dieß an mehrern Orten), Todtenbaum; ſodann kommen vor Pilſenbaum (d. i. Bilwizbaum), Hexenbaum; Ruhbaum, Sch. ßbaum; Zehrbaum, Zielbaum u. ſ. w. Eine der merkwürdigſten, weil möglicher Weiſe an die altheidniſche Mythologie erinnernde Bezeichnung iſt: der gute Gobsbaum (bei Zierenberg). Vaum wurde ehedem auch für Lichtſtock, Leuchter gebraucht: „daz wir eynen boym mit eynem waslichte yu vuser pharkircheu zu Witzenhusen gemacht vnd gesasst han“. Ungedr. Urk. der Fiſcherzunft zu Witzenhauſen von Epiphanias 1445. baumen adj. (boumin), von Baum, von Holz, verfertigt. Dieß längſt untergegangene Adjectivum dauert, freilich unkenntlich geworden, noch in einem berühmten Orts⸗ und Geſchlechtsnamen in Heſſen fort. In der Nähe des Dorfes Wichmannshauſen liegt eine Burg, jetzt in Trümmern, welche von ihrer urſprüng⸗ Bauerschafl — Baum. saumfuchs — Beiderwand. 29 lichen Bauart (im 9.—10. Jarhundert) den Namen die bomene burg, die von Holz erbaute Burg, genannt wurde. Dieſen Namen (Bomeneburg, Bömelburg) hat ſie ſo wie das von ihr benannte adliche Geſchlecht lange Zeit (das Geſchlecht zum Theil bis auf unſere Tage) geführt; die zuſammengezogene Form aber, Boineburg, iſt die herſchende geworden, wird übrigens richtiger geſprochen: Böneburg, als geſchrieben. Baumfuchs iſt in einigen Gegenden Heſſens (Oberheſſen, Schwarzen⸗ fels) der Name des Eichhörnchens. Metaphoriſch von einem unruhigen jungen Menſchen (Springinsfeld): Baumfüchschen (Bämfixel), beſonders ſcherzweiſe drohend gegen unruhig und übermütig werdende junge Burſche in einer Geſell⸗ ſchaft: „ihr Baumfüchschen (Bamfixen)!“. Vgl. Schmeller bair. W. 1, 135 wo ſich das „bafixene“ aus dieſem heſſiſchen Gebrauch ganz gut erklären zu laßen ſcheint. bauschen hat im Schmalkaldiſchen den Sinn: jemanden zauſen, durch⸗ prügeln. Reinwald henneb. Id. 1, 8. Bausch msc., Gebund Stroh, plur. Bäusch. Nur in Oberheſſen und zwar jetzt vorzugsweiſe in den ehemals Mainziſchen Ortſchaften, üblich, vgl. Blitier. In den Rentereirechnungen des 16. und 17. Jarhunderts (Wetter, Rauſchenberg, Frankenberg) kommt unzälige Male vor: „ſo und ſo viel peuſch ſtröe (oder ſtröer) hat der (Rentmeiſter oder Landknecht) zu fürſtlicher hoffhaltunge in Renthof zu Marpurgk gelieffert“. Sehr gewöhnlich wird heut zu Tage der Singular Bäusch, Päusch, geſprochen. In der Knüllgegend ſpricht man Busch, Basch, in Niederheſſen heißt das Gebund Stroh Schüttling. Bauz, Bäz msc., einer von den vielfältigen Namen, mit welchen die Gefängniſſe bezeichnet zu werden pflegen. Bauz iſt nämlich im Amt Brotterode der Name des dortigen Amtsgefängniſſes. Wgl. Blobach, Goldkammer. J, y. 432 Baewes msc., ein Stück geröſtetes Brod. Nur im Schmalkaldiſchen üblich, wo auch, jedoch ſelten, das von Reinwald henneb. Id. 1, 8 angeführte baeben, beben d. h. baewen anſtatt baejen, heut zu Tage bähen, gehört wird. S. baehen. Ad kuz 7. 472 béden, ſtilk warten. Oberheſſen, doch nicht häufig; Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1404; anderwärts in Heſſen unbekannt. Gothiſch beidan, ahd. bitan, ober⸗ deutſch beiten, biten. Ehedem muß jedoch dieſes Wort in Heſſen allgemein, und namentlich auch in dem öſtlichen Niederheſſen üblich geweſen ſein. Aus letzterer Gegend ſtammen nämlich die Reime auf die Ankunft des Landgrafen Friedrich I., Königs von Schweden, in Heſſen (Aller Reddelichen Heſſen⸗Kenger Herzeliche Freude ꝛc. Eiſenach 1731. 4), in welchen es heißt: Ach waaß honn mä ſe lange gebeit Erſcht tä ſitt rewer kummen Das Herze im Liwe hott uns gefreit ꝛc. (Abgedruckt auch Hersfelder Intelligenzblatt 1832. No. 9, 25. Februar). Bciderwand fem. und neutr., Beidermann msc. und neutr., Ge⸗ wand, Zeug, aus beiden Stoffen, Gewebe halb aus Linnen halb aus Wolle: der Aufzug iſt Linnen (weiß), der Einſchlag Wolle (meiſt grünlich gefärbt). Es iſt dieß die Tracht der ärmeren Gegenden in den Thälern der Geis, der Aula, der obern Efze und deren Umgebungen; noch immer wird ein großer Theil dieſes Beiderwands von den Händen derſenigen, welche daſſelbe tragen, nicht allein ge⸗ 30 ſponnen ſondern auch gewebt. Der Geisgrund trägt von dieſer Tracht den Namen Beiderwands (manns) grund. Daß dieß Gewebe im 16. Jarhundert ſchon vorkam, zeigen Kleiderreſte aus jener Zeit, gewis aber iſt es weit älter; indes hat ſich der Name zur Zeit doch nicht über E. Alberus, welcher in ſeinem Wörterbuch Bl. Jiäb die entſtellte Form beiderwen hat, hinaus ver⸗ folgen laßen. In der Bedeutung Raſch, Serge, in welcher es Friſch 1, 77 hat, kommt es in Heſſen nicht vor. ¼/,1ea.Z. △, Maeiestee Grimm d. W. 1, 1366. Beier msc., iſt im Haungrund, um Eiterfeld, und weiter der Name der Bremſe (Oestrus bovis, Beisfliege), durch welche das Beiern (ſ. d.) des Rindviehes bewirkt wird. Ob eine Entſtellung aus Beia d. h. Biene? Daß bisen ſelbſt in beiern übergegangen ſein ſollte, iſt nicht wol glaublich, da in einer und derſelben Gegend beiern und bisen (ziſchen) zuſammen vorkommt. beiern, 1) ſterben; ſcherzhaft und verächtlich. Allgemein übliches, aus perire verderbtes Wort, nicht aus der Judenſprache entlehnt, wie Schmidt weſterw. Idiot. S. 18 meint. 2) Das meiſt raſch auf einander folgende Anſchlagen des Glockenklöpfels an die Glocke, welches entweder (bei kleinen Glocken) mit der Hand oder mittels eines Seiles bewirkt wird; es wird hierdurch ein dumpfer, ernſt und gleichſam melancholiſch klingender Glockenton erzeugt, und demnach das Beiern zum Ein⸗ läuten der hohen Feſte und der Leichenbegängniſſe gebraucht. In dem letzten Jarhundert war dieſer Gebrauch nur in den zu den Diöceſen Mainz und Cöln gehörigen katholiſchen Ortſchaften (Amt Amöneburg mit Neuſtadt, Naumburg, Volkmarſen) üblich, der Name deſſelben, beiern, jedoch um Amöneburg unbe⸗ kannt. Um das Jahr 1838 wurde die Art des Läutens wegen des damit (theils wirklich, theils angeblich) verbundenen Unfugs durch policeiliche ſtrenge Maß⸗ regeln in den Aemtern Amöneburg und Neuſtadt abgeſtellt. Vgl. Grimm d. W. 1, 1368, wo auch die bekannte Stelle aus Voß Idyllen 2, 22 und Anm. (übrigens als einziger Beleg) angeführt wird. Das Wort ſcheint niederdeutſchen Urſprungs. Richey hamb. Jd. S. 15. 3) Das durch die Bremſen veranlaßte Toben des Rindviehes, wobei daſſelbe von der Weide weglauft, welches anderwärts bisen heißt, wird im Fuldaiſchen beiern genannt, auch metaphoriſch von unbeſonnenem, wildem Laufen, dem Ausreißen, der Menſchen gebraucht: „wo beiert der hin ?“33 beihülten (sich), in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Gegenden, namentlich in den Städtchen des Eſſethals, übliche Bezeichnung des Verſteckſpiels der Kinder: ſich bei Seite, in Hut (Sicherheit) bringen. Beinsterze tem., Bachſtelze; im Schmalkaldiſchen. Nun iſt zwar „Bachſtelze“ ſelbſt eine beinahe lächerliche Verderbnis aus wagsterz (= bewege den Schwanz), indes läßt ſich dieſe Verderbnis doch noch (durch Conſonanten⸗ verwechſelung) erklären, was mit dem Bein in Beinſterz nicht leicht gelingen möchte. Reinwald henneb. Id. 1, 9. Eine noch ärgere, gleichfalls im Schmalkaldiſchen vorkommende Verderbnis, eigentlich nur eine monſtröſe Corrumpirung von Beinſterz iſt Steinbers (ſ. d.). beisshöse, grimmig böſe. Eine ſignificante, jedoch nur im Schmal⸗ kaldiſchen übliche, Compoſition. beiweln, beiweln und schneibeln, unnötige Geſchwätze machen. Hin und wieder in Heſſen, z. B. im Amt Landeck, üblich. Beier — beiweln. 2. Beke — Bér. 31 Beke fem., Bach, niederdeutſche, im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen übliche Form, appellativiſch und als Eigenname (Nebelbeke bei Obermeiſſer, Apenbeke bei Niedermeiſſer, Beberbeck u. a.) verwendet. 7. † Uebrigens iſt das hochdeutſche Bach in Heſſen dem weit überwiegenden Gebrauche nach gleichfalls Femininum. Belchen msc., uralter Name der beiden höchſten Bergköpfe des Söhre⸗ waldes (Kaufungerwaldes) in der Nähe von Eſchenſtrut; 1291 Belichen (Landau Geſchichte der Jagd S. 190. Deſſ. Beſchreibung der wüſten Ortſchaften S. 57); heut zu Tage die Belcherköpfe (Belgerköpfe). Auch die höchſte Spitze des Schwarzwaldes heißt der Belchen. Einer Anlehnung an deutſche Worturſprünge entzieht ſich dieſer Name. Es ſcheint unvermeidlich, denſelben für keltiſchen Urſprungs zu erklären, und ſomit ihn anzulehnen an die Namen der keltiſchen Gottheit Beal, Beli (Grimm Mythol. 579. 208), die als eine noriſche Gottheit unter dem Namen Belenus ſchon bei Tertullianus (Apologel. c. 24), bei Auſonius und ſonſt erſcheint, eine Licht⸗ und Feuergottheit geweſen iſt, und in Heſſen nicht unbekannt geweſen ſein kann, da der, dem Beli gewidmete Cultus bealline (Feuer des Beal, Beli) als Notfeuer in Heſſen, wenigſtens in dem Städtchen Neuſtadt, bis zum Jahre 1820 gedauert hat. Was die Silbe chen bedeute, iſt ſchwer zu ſagen. Deminutiven Sinn ſcheint ſie nicht zu haben, da Belchen nicht etwg neutral, ſondern entſchieden masculiniſch iſt. 8 e Bender mse. (Benner), Böticher, Böttner. Findet ſich jetzt nur noch ſelten, am meiſten noch im nördlichen Oberheſſen; ehedem ſehr üblich, und, wie es ſcheint, in Heſſen ſogar die allgemein gebräuchliche Bezeichnung dieſes Hand⸗ werks. Oberheſſiſche Schriften des 16. und 17. Jarhunderts haben nur Bender; in Schriften aus Niederheſſen kommt dagegen in jener Zeit auch Büttner vor. Bentheim. Eine, wenigſtens in den erſten Decennien dieſes Jar⸗ hunderts, äußerſt übliche Verwunderungsformel, vorzugsweiſe ſcherzhafter Art, lautete: Herr Gott von Bentheim! Da Bentheim als Wallfartsort niemals gegolten hat — wodurch allein dieſe Formel eine genügende Erklärung finden würde — ſo muß irgend ein, jetzt gänzlich unbekannt gewordenes Ereignis dieſem, nunmehr unverſtandenen Ausrufe zum Grunde liegen. Bèr msc., Eber; der im nördlichen Niederheſſen bis in die Gegend von Homberg (jedoch mit Ausnahme des eigentlich ſächſiſchen Heſſens, Sababurg), außerdem im Schmalkaldiſchen, ausſchließlich gebräuchliche Name des (zahmen) männlichen Schweins. An ſich deeliniert das Wort ſtark (Genit. Bers) und hat mit bero (ursus) durchaus nichts zu ſchaffen, es lautet vielmehr althochd. ber, angelſ. bär, engl. boar. Vgl. Grimm d. Gramm. 3, 326. Geſch. der d. Spr. S. 695. Indes iſt es in Heſſen ſchon früh in die ſchwache Declination über⸗ geführt worden: Der Hofmann in dem Haſunger Kloſterhof zu Böddingen mußte Aul! einen Ochſen und einen Beeren halten (Urkunde aus dem Ende des 15. Ih. L/« bei Lennep Leihe zu LSR. 2, 505). Derjenige Bürger zu Wolfhagen, welcher: fso die „zwien Beeren“ hielt, bekam jährlich zwei Viertel Korn (Wolfhager Rechn. v. 1563), und heut zu Tage wird es meiſt Bähre geſprochen und geſchrieben (ſ. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 53). Das Wort Eber iſt in Heſſen nirgends volksüblich; wo das deutſche Wort Ber nicht gebräuchlich iſt, herſcht das vielleicht nordiſche Wort Watz (ſ. d.). Vgl. jedoch Kämpe. (/94 231 Grimm d. Wtb. 1,1124. Schottel Haubtſpr. S. 1286. Br. WB. 1,77f. 32 Bèr — Bessa. bèr, bères, bergut, im Schmalkaldiſchen übliche Ausdrücke für. gut genug, längſt gut. Reinwald henneb. Id. 1, 9 hat den Ausdruck „behr⸗ gut“ in der Bedeutung „untadelich⸗gut“. Man iſt verſucht, es für eine Ver⸗ derbnis aus bar, nudus, elarus zu halten. Oder gehört es zu dem dunkeln Par — bei Schmeller b. W. 1, 1842 Bere fem. 1) die Tragbahre; 2) der Theil des Schiebkarrens, der nach Wegnahme des Rades und des über denſelben hingehenden gebogenen Hinter⸗ theils noch übrig bleibt. Vgl. Radeber und Treiber. 3) (meiſt Bern geſvrochen) die Wagenſcheere, in welcher ein einzelnes Pferd geht. In den letzten beiden Bedeutungen nur im Schmalkaldiſchen üblich, in der erſteren ebendaſelbſt und in Oberheſſen, Eſtor 3, 1404. Es iſt dieſes Wort das Subſtantivum zu péran, tragen, welches wir jetzt nur noch in gebaͤren übrig haben. Vgl. Reinwald henneb. Id. 1, 10. Berkert neutr., masc., Birkenwald, Birkengebüſch; jetzt und ſchon längſt nur Eigenname für Feldplätze. „ein klein acker im Niederwetter feld der Berkart oder Birkenacker genant“. Pfarreicompetenzen von Wetter 1568. Zwiſchen Oberaula und Hauſen, nahe bei letzterm Dorfe, liegt ein niedriger Baſalthügel, mit einigen ſehr alten Eichen beſtanden, welcher das (der) Berkert heißt, wenn gleich auf dieſem Hügel ſeit Jarhunderten Birken nicht mehr geſtanden haben. Eben ſo im Odenwald Birkenhort 1012, jetzt in der Nähe das Dörſchen Birkert. Simon Geſch. der Dyn. u. Gr. v. Erbach. 1858. S. 45. Aehnlich iſt Birkich (richtiger⸗Enkicht) neulr., oder Gebirkich, Name eines Waldes an der Grerze der Aemter Friedewald und Schenklengsfeld. Vertrag des L. Philipp mit Abi Michael vom 26. Juli 1557 bei Ledderhose Jurium ꝛc. 1787. 4. S. 186. bernen (birnen) iſt die in ganz Altheſſen nebſt Schmalkalden übliche niederdeutſche Metatheſis für brennen, doch vorzugsweiſe vom Ofenfeuer ge⸗ bräuchlich, während für Krankheitszuſtände u. dgl. nicht ſelten die Form brennen angewendet wird. „Ja nun merk ich, was Ecce heißt, Ecce heißt der Beltz börnt“ heſſiſche Anekcote bei Melander Jocoseria Lich 1602 S. 570 No. 569. Reinwald henneb. Id. 1, 13. Besmen msc., die alte Form unſeres abgeſtumpften Wortes Beſen, in Wolfhagen noch jetzt üblich. Bessa, uraltes Dorf im Amt Gudensberg, im 8. Jarhundert Passaha. Das Wort entzieht ſich allen deutſchen Sprachſtämmen, und wird keltiſchen Urſprungs ſein, gleich Pasuhsteli und Pesuhhinga Graff Sprachſch. 3, 352. Uebrigens gehörte Beſſa, einer ſicherlich ſehr alten Tradition zufolge, zu den ſechs eigentlichen Heſſendörfern (Dissen, Deute, Ritte, Haldorf, Büne, Besse, Das siud der Hessen Dörfer alle sesse), und ſcheint bis in das 16. Jarhundert hinein eine gewiſſe bäuerliche Rolle geſpielt zu haben, wenn auch nicht eben die nobelſte. Sprichwörtlich war im 15. Jarhundert die Braut von Beſſa, vermöge einer zwar lächerlichen aber unſaubern Begebenheit, welche Kirchhof Wendunmut 1, No. 361 (1602 S. 512) aus dem Volksmunde berichtet. Eben daſelbſt gedenkt Kirchhof auch eines Liedes von Beſſa, welches „in allen Bauerngeſellſchaften geſungen“ werde. Dieſes dem 15. Jarhundert angehörige, übrigens völlig un⸗ poetiſche Volkslied (Anfang: 7„In Felsberg bat mich Kiedte“) findet ſich in Kornmanns Frau Veneris Berg 1614 S. 365 und daraus Wunderhorn 2, 254. Bgl. Grimm Gesch. d. d. Spr. 2, 570. Bettel — beugeln. 33 Bettel msc. das Betteln; „der Bettel ernährt auch ſeinen Mann“, Sprichwort. Beltelmann der ausſchließliche Ausdruck für Bettler. Sprichwörtlich und gleichſam hypokoriſtiſch: die Betielleute schlagen sich: es rumpelt im Leibe. Beitelsack: „er geht mit ihm um, wie die Sau mit dem Beltelsach“ ſehr übliche Redensart für: er hudelt ihn auf das Aeußerſte. Phil. v. Sitte⸗ wald Geſichte 1, 475. Beuellans ſprichwörtlich für etwas recht Erbärmliches, Nichtiges; im Schmalkaldiſchen auch für Zänkerei. Beltelmannsumkehr; Redensart: „es sicht hier aus, wie auf der Bettel- mannsumkehr“ d. h. ſehr unordentlich, lüderlich. Vgl. Schmeller bair. WB. 2, 324, wo dieſe Redensart eine etwas andere Wendung erhält. bettrisig, bettlägerig, alter Ausdruck (betliriso ahd.), aber noch jetzt unvergeßen. „Ich armer krancker bettriſſiger Mann, der ich nunmehr bald ein Ihar zu Bett krangk gelegen“ Marburger Bittſchrift von 1594, und ſo durch das 16. und 17. Jarhundert in den oberheſſiſchen und niederheſſiſchen Schriften (Ferrarius von dem gemeinen nutz 1533 Bl. 60b), Acten und Briefen äußerſt häufig. betücht, betügt 1) in der Judenſprache, aber auch ſonſt, wenn gleich als jüdiſcher Ausdruck wol bekannt, nicht ungebräuchlich: ſicheres Vermögens, wolſtehend; ein betuchter Mann iſt ein Solcher, welcher zu Wolſtand gekommen iſt. Dieſer Gebrauch ſteht dem urſprünglichen Sinne des hebräiſchen Wortes N15 nMn2 (ſicher, iuto, ohne Furcht) am nächſten. Vorzugsweiſe in Nieder⸗ heſſen und in der Grafſchaft Ziegenhain bekannt und gebraucht. 2) im Schmalkaldiſchen und Fuldaiſchen, indes auch anderwärts nicht unbekannt: ſtille, ſchweigſam, bedrückt. „Er war ganz betucht, und lange nicht mehr ſo laut, wie ſonſt“. „Der Hund iſt wol krank, er thut ja ſo betucht“. Das Wort iſt aus der Gaunerſprache (Grimm WB. 1,1740), und von dieſer aus dem Hebräiſchen (ſ. vorher) entlehnt. Frommann Mundarten 6, 221 ⁸). beudlicht, beudlecht, leicht wund, ſo daß die Wunde von einer An⸗ ſchwellung begleitet iſt. „10 alb. (wird geſtraft) Heintz Gimpell zu vnderſten Roß, das er ſein dienſtmeitlein — bloe, beudleicht und ſchwart geſchlagen hat“. „1 ½ fl. (wird geſtraft) Herman Hoffmeiſters frauw zu Steinerzhauſen daß ſie Gerlach Böſers frauw — mit einem beſenſtiel vmb jhren kopf, bloe ſchwartz vnd beudtlecht geſchlagen hat“. „3 ¼ fl. (wird geſtraft) Heuſer Henchen, das er Lentz Allendorfern mitt eim ſtein vff den kopf wundt vnd beudelicht ge⸗ worfen“. Wetterer Bußregiſter von 1591. Der Ausdruck ſcheint jetzt gänzlich ausgeſtorben zu ſein; es iſt ein von bauder (bei Fiſchart päuderling), Schlag, welcher eine leichte Wunde mit Beule hervorbringt, abgeleitetes Adjectivum. Vgl. Schmeller baier. WB. 1, 155. Schmid ſchwäb. Id. S. 48. Grimm d. Wb. 1, 1169 1170. beugeln ein im Haungrunde ſehr gewöhnliches, außerdem aber mir in Heſſen bis daher nicht vorgekommenes Wort mit den zwei, übrigens unter ein⸗ ander verwandten Bedeutungen: 1) nachhelfen (den Zurückgebliebenen, Ver⸗ ſäumten); Vieh, welches ungeſättigt von der Weide in den Stall zurückkehrt, ²) rNnH SW ſitz ruhig, daher scheft betucht! (gauneriſch) oder beiuches (Hebel Weike 3, 274: „ging ganz ſtill und betuches wieder in ſein Bett“). Vilmar, Idiotikon. 3 , Beune — beuten. 34 wird gebeugelt d. h. nachgefüttert; 2) bei gelindem Feuer langſam kochen laßen. Es iſt ohne Zweifel daſſelbe Wort, welches ſchon mhd., dann bei Alberus Dicl. Bl. 2 4a erſcheint: „ich bechel, recreo“, und bei Fiſchart als aufwecheln vorkommt. Schmeller 1, 145 hat aufbacheln von dem Auf⸗ ziehen eines ſchwachen Kindes. Beune ſ. Binde. Beute kem. Beckertiſch, auf welchem das Brod aus dem Backtrog aus⸗ gewirkt wird. „hab ein Neue Beuth — vffs ſchloiß Rauſchenberg gemach!“ 2 1575. (Rent. Rechn.). „Wan der Becker das brodt außgewürcket, vnd vff der Beüte liegen gehabt“ Ausſage des Ordensförſters Nikol. Ebert zu Marburg von 1675 über die Hausordnung im Deutſchen Hauſe daſelbſt. Der Backtrog, wie Grimm WB. 1, 1750 meint, iſt Beute hiernach und in Heſſen überhaupt nicht. Es iſt dieß Wort die eigentliche deutſche Bezeichnung desjenigen Haus⸗ gerätes, welches wir mit dem lateiniſchen (griechiſchen) Namen“ discus (Scheibe), Tiſch, ſeit dem 12. Jarhundert allgemein zu bezeichnen pflegen. Gothiſch biuds masc. Marc. 7, 28 v. a. St., althochd. biut (Oifrid 2, 18, 20), altſächſ. biod, in der lex salica 49 und angelſ. beod, altnord. biodr; im Mittelhochdeutſchen ſchon nicht mehr vorhanden. Graff althochd. Sprachſchatz 3, 76 — 77. Grimm d. Gramm. 3, 432. D. Mythol. 2. Ausg. S. 43. Das Wort bedeutet ur⸗ ſprünglich die (erhöhete) Stelle, von welcher aus dargeboten wird, zunächſt den Göttern das Opfer, alſo Altar, dann den Menſchen die Speiſe, und es hatte unzweifelhaft der biut ſo wenig die Form einer Scheibe (discus) wie die heutige Beute. Das Wort iſt ſeit den letzten dreißig Jahren in Marburg, wo es faſt allein in Heſſen noch üblich war, faſt gänzlich ausgeſtorben, und wird nur noch von den älteſten Perſonen des Beckergewerbes verſtanden; üblicher war es wenig⸗ ſtens bis 1844 noch in Gießen. Vgl. Biede. J Beutel msc., ein niederdeutſches Wort: Budel, Büdel, welches die Be⸗ deutung eines angebaueten Grundſtückes hat, aber auch Vermögen, Güter im Allgemeinen zu bezeichnen ſcheint; Brem. WB. 1, 154. Bei uns kommt dieſes Wort, übrigens Büdel geſprochen, nur als Eigenname von Flurſtücken, und dieß wieder nur in den ſächſiſchen Bezirken, auch, ſo viel ich weiß, nur in Compoſitionen ror: Galgenbeutel (Zierenberg); Greinbeutel (Calden); Kornbeutel (Knickhagen); Leimenbeutel (Hofgeismar); Pfannenbeutel (Helmarshauſen); springebeutel (Hermanrode). Es iſt daſſelbe Wort, welches in Wolfenbüttel, Ritzebüttel, Bruns⸗ büttel u. ſ. w. erſcheint; vgl. Friſch 1, 160. Pz(. /. . 1 beuten, eigentlich: austeilen, dann: tauſchen, und in dieſer Bedeutung kommt es in ältern heſſiſchen Urkunden und Schriften, doch, ſo viel ich ſehe, erſt ſeit dem Beginn des 15. Jarhunderts, ſehr häufig vor, zumal in den Com⸗ poſitionen rerbeuten und abbeuten. „muste war umbe war rerbulet vnde gekütet werden, unde nymant muste umbe gelt kouffen noch verkoulfen“ Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 674. „ader ist rerbuts (verbutetes) ebdſ. S. 723. „das wir recht ynd redelich erhlich vnd ewiglich verkaufft ynd verbeutei haben, verkauffen ynd rerbeuten. Urk. Heinz Scheffers zu Hermershauſen von 1499. „Das wir der Ehrw. Frau Fr. Ger⸗ truden Storn, Abbatiſſin zu Caldern ꝛc. erplich vnd ewiglich verpeut han vnſer gutgen zu Melnaw gelegen“ Urk. Peters v. Saſſen v. 1522. „Die Eltiſten hatfen ſie (die Wilden) geſſen, Vnd was von jungen waren, den Portugaleſern Béwittig — Biege. für wahr (merces) verbeutet, alſo daß diſer junge Geſell auch den Portuga⸗ leſern verbeutet war“. Hans Staden Reiſebeſchr. (Weltbuch 1567 kol. I Bl. 37a). „So kamen ſie bey dem Dorff — auch an — vnd beutteten den Wilden Pfeffer, Meerkatzen vnd Pappegeyen ab“. Ebendaſ. Bl. 43b. Butunge, Tauſch, Erbbutunge, Erbtauſch. Marburger Urk. v. 1495 bei Kuchenbecker Anal. hass. 7, 43. Alle dieſe Wörter ſind niederdeutſchen Gebrauches. Grimm d. Wb. 1, 1753. Bewittig, Bebich (Boewittig, Boebich), Name des Kibitzes in Ober⸗ heſſen von ſeinem Ruf (biwiit), woher ja auch der gemeinhochdeutſche Name dieſes Vogels ſtammt. Schmidt weſterw. Id. S. 144: Pöwitz, bei Weſter⸗ burg (bedeutet aber dort den Maikäfer!!). Im Vogelsberg iſt dieſer Name des Vogels noch weiter entſtellt: Peterwitzel. Bézel mse. (ſcharfes langes e), Schimpfwort für einen ſich uugeſchickt und unanſtändig betragenden Menſchen. Oeſtliches Heſſen und Schmalkalden; ſehr üblich. Betzel kem. in ganz Altheſſen der gewöhnliche Ausdruck für Mütze, ſowol für die Kopfbedeckung der Männer wie der Weiber, nur in Oberheſſen iſt für die weibliche Kopfbedeckung neben Betzel auch Haube im Gebrauche. Im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen ſpricht man Belze fem., und verſteht darunter auch die Hauben der Vögel (Hüner, Enten, Goldhähnchen), aber es iſt dieſes Wort auch die Bezeichnung der Hündinnen und lüderlicher Frauens⸗ perſonen. Riede fem., Mülbiede; Gebief neutr. Preterboden auf einem Zimmer⸗ gerüſt, bei den Zimmerleuten; das aus ſtarken Holzſäulen beſtehende Gerüſt in der Mühle, auf welchem der Bodenſtein ruhet. Die Mülbiede (Eſtor t. Rechtsgelahrtheit 1, §. 530) muß von der Herſchaft, nicht von dem Müller unterhalten werden. „Sechs gulden ſechzehn alb. haben wir vndenbenante vom „Rentmeiſter zum Rauſchenbergk entpfangen, haben daß gebieth zuſampt den „trogen vnder die kampreder vnd ſchwellen der mülen zu Schmaleichen gemacht“. Quittung des Zimmermanns Hans Haſe (auch Haſenſchart) zu Langendorſ von 1568. „Die Walckemollerſche vor ein buchen zur beth“ (Wetter 1559). „Paul der moller vor ij buchen zu Schufeln vnd beden“ (Niederwetter 1560). Es iſt möglich, daß dieſes Wort kein anderes iſt als biuds, biut (ſ. 2¹ Beute) wie denn auch Grimm d. Wörterb. 2, 3 die beiden Bezeichnungen als identiſch faßt. Der gebrochene Vocal in biede weiſt jedoch auf eine Endung in a hin, von welcher biuds frei geweſen iſt. In Niederheſſen iſt das Wort entſtellt in Bett, Mühlbett neutr., wozu die angeführte Form Beth, beden die nächſte Veranlaßung gab. Biege fem. der ſchräglaufende Balken (Strebebalken) in der Zimmer⸗ wand, welcher mit dem einen Ende in die Schwelle (Riegel), mit dem andern in den Stock eingezapft iſt. Jede gezimmerte Wand beſteht aus Stöcken (Säulen, perpendienlaren Stücken), Biegen (diagonal laufenden) und Riegeln (horizontalen Stücken). Im Fuldaiſchen Land. Biege mse., gewöhnlich Biegen, fälſchlich mitunter Bügen geſprochen und geſchrieben, bedeutet Krümmung (ahd. piuko, sinus), und iſt, jetzt faſt durch⸗ gängig unverſtanden, der ſehr häuſig vorkommende Eigenname von Flurſtücken, namentlich von Wieſen, welche an der Krümmung eines Flußes belegen ſind. 3 35 36 Bien — Bickeislein. Bien msc., der Bienenſchwarm, Bienenſtock. Schwalm, Oberheſſen, Fulda, wie in der Wetterau und auf dem Weſterwald. „Schwärmet aber ein junger bien noch ſelbigen jars, ſo nennt man diſes einen jungfernbien“ Eſtor deutſche Rechtsgetehrſ. 1, 537 (§. 1297). Vgl. Schmidt weſterw. Id. S. 25. Grimm WB. 1, 1816. Bierzapfe msc., das Recht, Bier zu ſchenken. „Do als Helwig von Rugkirshusen den bierzappen in vnserm dorffe Spexwingkel den wir ime gegeben hain, der kirchen da selbs furter uffgelassen — vnde moigen die heiligenmeister adir vormunde der kirchen soilichen biertzuppen der kirchen zum besten virlihen“. Urkunde des Grafen Johann von Ziegenhain vom Donnerstag nach Pfingſten 1443. Das Wort iſt noch jetzt, doch nur hier und da, üblich. Biestmilch, colostrum, kommt zwar hin und wieder vor, z. B. bei Kaſſel, in der Nähe größerer Domänenpachtungen, welche von nichtheſſiſchen Pachtern, denen dieſer Ausdruck geläufig iſt, beſtanden werden, iſt aber im Ganzen ſelten und in manchen Gegenden gänzlich unbekannt. Ricke, Gebicke neutr., Häckſel. Bis gegen das Ende des 15. Jarhunderts wurde das zum Futter beſtimte Heu und Stroh auf Klötzen mit einem Bicker (ſ36.) gebickt, d. i. klein gehackt (woher noch jetzt das Wort Häckſel), und erſt im Anfange des 16. Jarhunderts wurden die Stroh⸗ oder x Schneideladen (Futterladen), auf denen das Heu und Stroh mit dem Futter⸗ meßer geſchnitten wird, erfunden. „Anno 1492 hat man dem viehe das futter auff ſtöcken gehacket, darumb wird es noch gehacke vnd gebicke genant, und ſeynd zu dieſen zeiten die ſtrohe⸗ oder ſchneide Laden erfunden worden“. Hand⸗ ſchriftliche Chronik des Pfarrers Theophil Seibert in Asbach bei Allendorf von 1679. wen biekesuydern dy gebicke gesnedin hon dem ryntfye. Roſen⸗ thaler Rechnung von 1493. In einer Marburger Rechnung von 1488 kommt eine im Renthofe zu Marburg befindliche bigkelaube vor. Jetzt iſt das Wort nur noch im Fuldaiſchen üblich, wo es Geböck geſprochen wird, auch heißt dort die Futterlade noch immer Geböcksbank. 2) kem. verſchnittenes Mutterſchwein. Oberheſſen. Vgl. Grimm Wörterb. 1, 1808, wo dieß Wort aus einem Theile der Wetterau als gleichbedeutend mit harg und als Masculinum angeführt wird. Brem. WB. 1, 85: Bigge, ein Ferken. Rickel msc. iſt hier zu Lande nur in der Bedeutung ligo, Spitzhacke, nicht in der Bedeutung talus, welche zwei Bedeutungen Grimm d. W. 1, 1808— 1809 zwei verſchiedenen Wörtern zuweiſt, bekannt und üblich. Eickelstein bedeutet entweder den mit dem Bickel behauenen Stein, den Quaderſtein (welche Bedeutung das von Grimm a. a. O. unter „Bickel⸗ ſtein“ angeführte mhd. Citat zecht wol zuläßt) oder der Abfall, welcher bei dem Behauen der Quadern ſich ergibt. In den folgenden Redensarten werden übrigens große, ſchwere Steine, alſo Quadern, verſtanden. Bickelſtein kommt nämlich jetzt nur metaphoriſch von ſchwerem Regen und großer Kälte in folgenden, übrigens ſehr geläufigen, Formeln vor: „dieſe Nacht aber frierts Bickelſteine d. h. ungewöhnlich hart; — „es regnet Bickelſteine“; „was wird dir das bißchen Regen ſchaden? es regnet ja keine Bickelſteine“; „ich muß durch, und wenn es Bickelſteine regnet“. Rgghen hand. Jd. S. 19. Schmidi weſterw. Jo. S. 29. Bren. 2B. 1, 87. Bickelhart — Binde. 37 bickelfest metaphoriſch vom feſten, tiefen Schlafe: „das Kind ſchläft ſchon bickelfeſt“ d. h. wie ein ſchwerer, nicht zu bewegender Stein. bickelhart bezeichnet gewiſſe Arten von Härte, z. B. der hartge⸗ frorene Boden iſt bickelhart gefroren; der Cement wird, wenn er trocken iſt, bickelhart. Bicker msc., beilartiges Inſtrument der ältern Zeit, mit welchem man das (Heu und) Stroh zu Häckſel hackte, ehe die Schneidladen (Futterladen) vorhanden waren. viij schuppen, vier hauwen, vi gabeln, eyn bicker, eyn kile, sess par vrlen, xx drappen neil. Deutſchordensrechnung zu Marburg von 1497. S. Bicke. 9 Eile kem., im innern und nördlichen Heſſen der allgemeine Name der Ente, ſo daß man zuweilen ſogar Biter msc. für Entrich hört. Ganz allgemein iſt Bile der Lockraf für dieſen Hausvogel, auch componiert Bilentehen. Der Name iſt wol ohne Zweifel dem Laute entnommen, welchen das Thier hören läßt. Reinwald henneb. Jd. 1, 12. Bille fem., penis; ſonſt Biller msc., diminutiv Billerchen. Die femi⸗ niſche Form iſt nur im Schmalkaldiſchen gebräuchlich. Vgl. Bulle und bullern. . 8e Bilstein, Name einer nicht geringen Anzal felſiger Berge in Heſſen. So vor allen des unterhalb des Meisners nahe am Werrathale gelegenen Felſen⸗ berges, welcher das Schloß Bilſtein, den Sitz der gleichnamigen, im 14. Jar⸗ hundert ausgeſtorbenen Grafengeſchlechtes, trug; ferner der Bilſtein oberhalb Großalmerode, einer der höchſten Berge des Landes (mit Ausnahme des Thüringer Waldes in Schmalkalden). Sodann hieß der Fels am Südabhange der Amene⸗ burg, wo die Gerichtsſtätte war, der Bilſtein; eben ſo findet ſich ein Bilſtein am Langenberge bei Gudensberg; an der Söhre (Kaufungerwald) bei Helſa; am Burgwald bei Bracht; am Knüll dreimal: die beiden Bilſteinsköpfe bei Kämmershagen, und Bilſtein bei Raboldshauſen; dann bei Hohenborn, am Iſthaberge, am Habichtswald, bei Rengershauſen und wol noch anderwärts. Der Name iſt uralt, und muß eine allgemein bekannte, appellativiſche Bedeutung haben; welche dieß jedoch ſei, iſt nicht leicht zu ermitteln. Verſtanden iſt der⸗ ſelbe wol ohne Zweiſel ſchon im 14. Jarhundert als bit, Haue, Steinhaue, denn jene Grafen von Bilſtein führten drei Hauen, Beile, im Wappen. Gleich⸗ wol ſind alle jene Bilſteine nichtsweniger als behauene oder uur zum Behauen geeignete Felſen, vielmehr von Natur ſchroff und ſteil emporſteigend, ſo daß man unwillkürlich auf ein, mit gutem Grund zu vermutendes, ſtarles Verbum bilu, bol, bälum, bolaps, zurückgeführt wird, welches etwa die Bedeutung aufſpringen, hervorſpringen gehabt haben muß, ſo daß Bilſtein den hervorſpringenden, ſteil aufſteigenden Stein bedeutet haben mag. Vgl. Müller mhd. WB. 1, 117. Graff alth. Sprachschatz 3, 90 f. Grimm Gramm. 2, 65. 32./ 4 Binde fem., richtiger Bünde, dann Bünge und Binge geſprochen, im Hanauiſchen aber Beune, iſt jetzt nur noch als Eigenname von Garten⸗ und Feldſtücken übrig, lautet urſprünglich piunta, biunda, oberdeutſch Peunt, und bedeutet clausu-a, ein Ackerſtück, welches gleichwol eingefriedigt iſt. Schmeller 1, 287 — 288. Außer der Niedergrafſchaft Hanau und Niederheſſen ſcheint das Wort nicht eben häufig vorzukommen: auf der Binde (Gudensberg, Homberg); auf der Bünge (Trendelburg); Binge (Hilgershauſen bei Felsberg; Wetter, wo das Wort 1568 noch appellativiſch vorkommt: „die Binge auf der Bonburg“); Aittelbinge (Kirchditmol; Garten beim Hauſe); Oberbinge (Wahlershauſen)⸗ Bindereitel — Bitze. 38 Klimmenbinge (Harle); Steinbinge (Schwarzenberg); der Bingeacker (Münch⸗ hauſen; Acker zwiſchen Gärten), die kuchsbinde (Ebendaſ.),, die Hesselbinde (Schemmern); Bündestück (Elgershauſen); das (die) Gebinge (Solz) u. a. O. Am Rhein ſpricht man die Bende, und verwendet das Wort noch appellativiſch. Im Hanauiſchen ſpricht man mit Beune den urſprünglichen Vocal iu richtiger: eu (ſogar au), aus, unterdrückt aber den im heſſiſchen Dialect bewahrten oder doch erkennbaren Conſonank t (d): auf der Beune (Biſchofsheim, Lieblos); in der Beune (Niedermittlau; Grabgarten); auf der Bäune (Eichen, Somborn); ober der Beune Ellern (Oberdiebach); auf der Baune (Kilianſtädten); in der Ruschbaune (Langenſelbold); obig der Steppenbeune (Rotenbergen) u. a. Orten, wie in der ganzen Wetterau. Grimm d. W. 1, 1747—1748 (Beunde). Bindereitel msc., größerer Stock, meiſt zum Zuſammenbinden der Reiſigwellen u. dgl. gebraucht. Bindestock m., kurzer glatter an einem Ende ſtumpf zugeſpitzter Stock, mit welchem die Garben gebunden (d. h. der Knoten des Strohſeils [der Wide, Leiſel] geſchlungen) werden. Bindetuch neutr., eine weißleinene Schürze, welche die Mannsperſonen in den Aemtern Homberg, Felsberg, Fritzlar, Gudensberg und deren nächſten Angrenzern, theils bloß beim Fruchtbinden auf dem Acker, theils aber auch als gewöhnliche Haustracht tragen. Rire (auch Bere) fem., Birne; die einzige in Heſſen gebräuchliche Form — ſo, daß vor nicht allzulanger Zeit Birne unverſtanden war. „Da haſt du eine Birn“ oder: „willſt du eine Bire?“ ſehr übliche niederheſſiſche Formel zur Beſchwichtigung eines Aufgeregten, die erſtere Formel zuweilen mit dem Zuſatz: „und halt dein Maul“. Saufliren, Suffbiren, Name der Feldbirnen, welche gewöhnlich nur zum Keltern verwendet werden, im öſtlichen Heſſen; „bei den Saufbieren“, Name eines Feldplatzes bei Breitau. bisen, 1) ziſchen. Im Haungrund. Vgl. pfeisen, pfeschen. 2) das durch die Bremſen veranlaßte Toben des Rindviehes auf der Weide, wobei es von der Weide wegzulaufen pflegt. Hin und wieder in Oberheſſen (Anzefar) üblich; doch muß das Wort nach B. Waldis (Eſopus 1, 62) zu ſchließen früherhin in allgemeinem Gebrauche geweſen ſein. Richey S. 15. Grimm d. W. 2, 46. Vgl. beiern. ¾, 30 Witek msc., ein ſaurer Apfel. Im ſächſiſchen Heſſen, an der Diemel üblich. Vgl. Soetek. ⸗.j 4g Bitze fem., Baumgarten; jetzt jedoch nicht mehr appellativiſch, ſondern nur als Eigenbezeichnung von Gärten und Flurſtücken verwendet, aber in ganz Heſſen, die niederdeutſchen Bezirke abgerechnet, vorkommend. „das vierteil der houme die da heizzent Bilse“. Urkunde vom 18. Oct. 1290, Steckbach betreffend in Böhmer Cod. francof. 1836. S. 253. Noch heute heißt dieſe Stelle bei Seckbach „an der Bitze“. Eben ſo bei Praunheim: „in der Bitz“; bei Stauſebach: „auf der Bitze“; eben ſo bei Simtshauſen, bei Reßelbrunn, Wetter und ander⸗ wäris. Mitunter findet ſich auch Betz, Bötz geſchrieben und geſprochen: „in der Betz“ (Gonsroth); „in der Bötz“ (Niedermittlau); eben ſo, doch dazwiſchen auch Bitze, in Caldern, Ernſthauſen bei Rauſchenberg, Friedigerode, Rengers⸗ hauſen und ſonſt. Der Plural erſcheint in Meiſungen: gin den Bitzen“, und, Bizen — Blacher. 39 wenn nicht ein Schreib⸗ oder Druckfehler vorliegt, das Maseulinum in Bebra: „auf dem Bitzen“. Zuſammenſetzungen ſind nicht ſelten: „der Bötzegraben“ „in den Bötzegarten (Stauſebach), „im Pitzenweg“ (Roth), „im Bitzen⸗ grund“ (Bebra). Die letzte Andeutung eines appellativiſchen Gebrauchs dieſes Wortes finde ich 1568 in Wetter; hier gab es damals mehr als eine Bitze: die eine wird bezeichnet als „krautgarten in der aw beim ſteg vf der bitzen“, von einer andern aber heißt es: „vi alb. viij hlr. (Erbzins) von der Bitzen, welche nun gemeyner Stadt Wetter die vorſteher der ſtiffts von der ritterſchaft verkauft haben“. Vgl. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landeskunde 4, 53—51, und daraus Grimm Wörterb. 2, 58. Grimm entſcheidet ſich für die ſchon von Schmeller 1, 303 angenommene Ableitung des Wortes von pituni, pizaun, clausura. bizen, verſtolener Weiſe (z. B. aus einem Loche heraus) nach etwas ausſchauen. Oberheſſen. bizeln, jucken (in der Naſe, oder bei Froſt in den Fußzehen und Fingerſpitzen, welche vom Froſt gelitten haben). Im Schmalkaldiſchen, ſonſt un⸗ bekannt. Reinwald 2, 29. In Batern bilzeln, Schmeller 1, 220. Das Wort iſt ein deminutives Frequentativum von beißen. blàen, blähen, wie hochd., doch nur von der bekannten Krankheit des Rindviehes gebraucht. Gehläi neutr., das Geblähe; wird, während das Verbum ſich meta⸗ phoriſch nicht verwenden läßt, nur figürlich gebraucht: ein auffallender Fortſchritt aus kleinem Anfang, auffallender Pomp u. dgl. wird ein Geblai (dreiſilbig) genannt. Südliches Oberheſſen. blacen, vom Blöken der Schafe ſehr gewöhnlich gebraucht, häufiger als bleken. Alberus Dict. Bl. Xiijb: balare, blehen. Blaelamm, Scheltwort für eine dumme Perſon. Blacken msc. (anſtatt Blache, wie genöhnlich) Stück, Flecken (welches letztere Wort im heſſ. Dialect auch für Stück gebraucht wird), ſowol'1) für ein Stück Land (ein Blacken Land, ein Wieſenblacken, äußerſt übliche, in den Kataſtern ungemein häufig vorkommende Bezeichnung), als auch 2) für Lappen, Flicken und 3) für Fleck, verſchabte Stelle an Kleidungsſtücken, und für Schmutzfleck überhaupt. Die beiden letztgenannten Bedeutungen von Blacken ſind weniger in Oberheſſen (wo man auch zu 1) lieber Blech als Blacken ſagt) als in Niederheſſen üblich. Joch wa ir cleit zurizsen, vom aldere was zuslizsen, Placten zwete zie da fur. Eliſabethleben, Dieutiska 1, 419. der wolf den hund noch basz besach, sprach, was schatt dir hinden im nacken? da hast du ein kalen placken. B. Waldis Eſopus 1, 56. Vgl. Brem. WB. 3, 325. Grimm d. W. 2, 59. Blacker msc., auch Blachert, Dintenfleck, Fleck überhaupt, grober Fehler im Allgemeinen. Nur im öſtlichen Heſſen üblich. Schmeiler1, 234 (aus Nürnberg, mit der Bedeutung Fehler). Grimm d. W. 2, 59 — 60, wo jedoch zwiſchen Blacker (Dintenklekſer) und Blackert (Klecks) unterſchieden wird, was der heſſiſche Dialect nicht thut. Blak, Dinte, findet ſich im ſächſiſchen Altheſſen nicht, ſondern nur im Schaumburgiſchen, wo übrigens auch das Bleiſtift Biak heißt. 40 Blarr — blatzeu. Blarr mse., eigentlich: die Augenverdunkelung, die Starblindheit, aman⸗ rosis. In dieſem Sinn iſt jedoch das Wort nicht mehr ſonderlich üblich, deſto gebräuchlicher aber die Redensart: „den Blarr kriegen, den Blarr haben“, welche bedeutet: vor Verwunderung, Erſtaunen ſtarr und ſtumm ſtehen. Zuweilen wird das Wort auch femininiſch gebraucht. blarren, mit ſtillſtehenden Augen, wie der Starblinde ſie hat, etwas anſehen, anſtarren — von Verwunderung, Schrecken u. dgl. Hin und wieder gebräuchlich. blarren üblicher als blärren, bierren, einen unartieulierten rauhen, lauten Ton von ſich geben; das Weinen des unartigen Kindes wird zum Blarren. Vorzugsweiſe wird es von Menſchen, weit weniger von Thieren (am meiſten von jungen Kälbern) gebraucht; und ſo mag es in Heſſen ſchon im 16. Jar⸗ hundert gebraucht worden ſein, da es H. W. Kirchhof im Wendunmut und ſonſt nur von menſchlichem, ungefügem Geſchrei anwendet, während das Wort anderwärts mehr vom thieriſchen Geſchrei im Gebrauch iſt. Vgl. Grimm d. W. 2, 66. Blâse fem. 1) ſelten von dem Ausſchlag gebraucht, ſonſt wie hochdeutſch. 2) In Mittelheſſen der große kupferne Topf, welcher hinter dem Stubenofen in den Ofenhals eingemauerk iſt, und mit dem zum Heizen der Stube dienenden Feuer geheizt wird. Die Blaſe dient zum ſteten Bereithalten warmen oder heißen Waßers, beſonders ſo weit daſſelbe zum Viehfutter nötig iſt, auch wol zum Sieden von Kartoffeln. Vgl. Trombe. 2. 9ze-. BlAsenkopf, Scheltwort für einen Hohlkepf, der ſich, wie Hohl⸗ köpfe gewöhnlich thun, brüſtet und groß thut. Eben ſo bezeichnend nennt man in Schmalkalden einen ſolchen Hohlkopf Schuellhaupt. . J22 blaten in Niederheſſen die Außenblätter der heranwachſenden Kohl⸗ pflanzen (Weißkraut, Blaukraut, Braunkohl, Wirſing) zur Viehfütterung ableſen. In Oberheſſen, wo man blatien, blellern ſpricht, bezeichnet dieſes Wort das Abſchneiden der Spitzen der Waizenhalme, durch welche Operation der allzu geile Wuchs der Halme verhindert und der Körnerertrag befördert wird. Vgl. dachen und schremen.. Z S.- 564 Blatz msc., plur. Blelz, runder platter Salzkuchen von geringem Um⸗ fang (Hersfeld); anderwärts auch Speckkuchen (Loſekuchen). Schmidt weſterw. Id. S. 143. In neuerer Zeit werden auch die beiden eben genannten Gebäck⸗ arten durch die Compoſita Salzblatz, Speckblatz, bezeichnet, wie es denn auch außer dem gemeinhochd. Zuckerplatz noch einen Kartofſelblatz gibt (geriebene Kartoffeln, auf der eiſernen Herdplatte gebraten, zuweilen jedoch auch in gleicher Bedeutung mit Kauſchel, Schepperling, Spanuckel) und einen Honigblatz gab: „wilche (zwei Dirnen) Ime, dem verſtorbenen Philips Guntern, ſeine krencke, in „der Meinung, Liebe dadurch zu machen, in einem honigplatz zu eſſen gegeben „haben ſölten“. Marb. Hexenprozeßaeten v. 1579. Blatz msc., Knall, beſonders Peitſchenknall. blafsen, knallen als Neutrum und Activum, in letzterm Sinn meiſt vom Peitſchenknallen. Faſt nur im Schmalkaldiſchen üblich, wiewol die Platzbüchſen ein überall bekanntes Frühlingsſpielwerk der Knaben ſind. lolentegm, Alorde Peeree Nlander, andriontern, loers eicheib machen. Blaufuss — bieuen. 41 Geplats neutr. Geſchwätz, leeres Gerede. Marburger Hexenprozeſſacten von 1655. blaishaflig, ſchwatzhaft, plauderhaft. „Producentin ſey Schwatzhafftig und blatzhafftig geweſen“. Marb. Hexenproc. A. von 1596. Die Inquiſitin hieß mit ihrem Annamen die PlatzElſe, Pletz Elſe, auch Pletſchin. Jetzt faſt gänzlich ausgeſtorben. Wlaufuss msc. Falke, Beizfalke (Falco islandieus I., F. gyrlolco, F. eyanopus); jetzt in Heſſen nicht mehr einheimiſch, ehedem nicht ſelten. Der Falkner des Landgrafen Philipp befand ſich 1562 in Erxdorf, um auf dem Ger⸗ wigshagen „die blofeuß zu fangen, welches ich vngewitters halben nit hab thun können“, und 1563 in Gemünden/, um „junge Bloefueß vfm Weczſtein auß⸗ zuheben“. Blech neutr. bedeutet in Oberheſſen einen breiten Platz in der Ebene, ein breites Ackerſtück, dann ein Landſtück überhaupt. „Das war einmal ein Blech!“ d. h. ein großer Raum, Platz (den z. B. das Linnen, die Wäſche, auf der Bleiche einnahm). „Item ein Mesten plech am Bickenbergk“ Urkunde Heinz Scheffers von Melnau vom Jahr 1520. „Zwei Krautblecher in der Bon⸗ burg“ Wetter 1568. Die Frankenberger Bürger haben ihre Pflanzenbleche am Goßberge. „Ein Garten, thun zwei Blecher“; „ein Garten zu andert⸗ halbem Biech“ Frankenberger Flurbezeichnung von 1550. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen nicht üblich, wiewol das Wort weiterhin in Niederdeutſch⸗ land wieder erſcheint, z. B. bei Fallersleben, wo Blek in ganz gleicher Bedeutung vorkommt. Frommann Mundarten 5, 51. biechen, Geld zalen, zumal in ſo fern dieß hart ankommt. Allgemein üblich, wie am Rhein und überhaupt durch ganz Oberdeutſchland. blefren, verblüffen, abſchrecken. In ganz Altheſſen und Fulda üblich; „verblüffen“ iſt unbekannt. Schmidt weſterw. Jo. S. 24. bleischen, zerſtreuen. Wo viel Strohhalme liegen, iſt Stroh ge⸗ bleiſcht; das gemähete Gras wird gebleiſcht, damit es dürre werden könne (dafür gewöhnlicher: gezettet, gezettelt). rerbleischen, ſo zerſtreuen, daß das Zerſtreuete ſich nicht wieder zuſam⸗ men bringen läßt; „verbleiſch die Hüner nicht“, jage ſie nicht ſo, daß ſie ſich vom Hofe verlaufen oder verfliegen. Allgemein üblich, zumal in Niederheſſen. Anderwärts ſcheint es nicht vorzukommen. blecken, hohnlächeln, boshaft lachen. Schmalkalden, Grafſchaft Ziegen⸗ hain und anderwärts. sich blechen unaufhörlich und ohne Urſache lachen; Ober⸗ heſſen und anderwärts. blenden, in Verwirrung bringen; kommt in der früher ſehr üblichen und noch jetzt mitunter gehörten Redensart vor: ſchänden und blenden. S. schänden.(/ Blèse fem. (meiſt nur pluraliſch: Bléseu, gebrauch!) heißt im Fuldaiſchen der an eine lange Stange befeſtigte Strohbündel, wie man ſich deren zur Feier des Hutzelſonntags (ſ.d.) und des Johannistags bedient; neben den Bleſen wurden auch Hagelräder (ſ. 8h angezündet. Dieſe uralten Feuerbeluſtigungen ſind elwa ſeit dem Jahr 1830 von der Polizeibehörde verboten worden, und deshalb von Jahr zu Jahr ſeltner geworden, jetzt faſt gänzlich erloſchen. bleuen, eben ſo häufig und in manchen Gegenden von Niederheſſen 42 Schleifenblauel — blind. häufiger, ja regelmäßig blauen, ſchlagen. Nur vom Flachs und von der Wäſche, ſo wie von dem Garn, welches der Weber blaut, ehe er es ſpult, gebräuchlich. Der Flachs wird, wenn er aus der Roße gekommen, geſtaucht und getrocknet und ſodann einige Monate aufbewahrt worden iſt, im Freien mit dem Flachsblauel geblaut; der Flachsblauel iſt ein dickes mit einem gekrümmten Stiel verſehenes Bret, auf deſſen unterer Fläche tiefe Kerben in die Quere ge⸗ zogen ſind; auf das Blauen folgt das Brechen. Wäſche und Garn werden mit dem Waſch⸗ (Garn⸗) Blauel geblaut; dieß iſt ein länglich viereckiges, unten ganz glatt gehobeltes ſchweres Bret mit Griff. Der Waſchblauel iſt nicht überall, vorzugsweiſe nur in Niederheſſen, gebräuchlich. Gothiſch bliggvan, ahd. pliuwan, mhd. bliuwan, ſtark conjugierende Verba, aus deren ablautendem Prä⸗ teritum (blaggv, plou) die Farbenbezeichnung blau ſtammt. Das Wort geht durch das ganze obere Deutſchland; die Form blauen kommt ſchon im 16. Jarhundert in Heſſen und ſonſt in Mitteldeutſchland z. B. bei Erasmus Alberus im Wörterbuch und im Barfüßer Eulenſpiegel vor. Dagegen iſt das Wort den Niederdeutſchen fremd; im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen tritt anſtatt blauen beim Flachs das Wort boken ein. Grimm d. W. 2, 111. Schleifenblauel mse. „Die Heiden haben auch des müſſiggangs (vnd) vnnutzen lebens der nachpawern groſſe vorſorge getragen, nit allein das es an ſich ein ſchentlich leben — — ſonder auch vmb der edeln zeit willen, die ein ſollich ſchleiffenplawel ſein leben lang vnnutz zubrengt“. Joh. Ferra⸗ rius von dem gemeinen Nutze. 1533. 4. Bl. 57b. „Iſt aber einer nit minorierig, ſonder zu ſeinen tagen komen, vnd doch ſo verthun, das er das ſein bößlich zu⸗ zubrengen vnd zuuertilgen vnterſtehet, ſal jme ein Rhaet von ſtunden ſein gutter verpietten laſſen, vnd vorſteher ader Curatores ſetzen vnd verordnen, welche die guter vnterhanden haben, darmit jme zu gutem gepärn, ob als dan ye der ſchwälger vnnd ſchleiffenplawel in ſeinem vnſinne pleiben wolte, das doch die gütter zuſamen gehalten wurden“. Ebdſ. Bl. 58b. Friſch hat 2, 195 dieſes Wort in der Form Schleifen⸗Blawer aus Gobler Rechtsſpiegel Bl. 249 b, wo zur Erklärung beigeſetzt wird: Galgen⸗ ſchwengel; er bezeichnet daſſelbe als ein veraltetes Schimpſwort, und erklärt es durch Blauel, Schwengel, welcher in der Schleife hängt wie der Klöppel in der Glocke, fur suspensus, pistillum in patibulo. — Das Ziehen der Crucifixe durch das Waſſer, um Regen zu erzeugen, heißt in Toulouse nach Bodin: La Tiremasse, und dieß Wort überſetzt Fiſchart Dämonomanie 1581 S. 391 (1586 S. 377): der Schleyff den Klotzen. —. Es ſieht das Wort hiernach weit mehr aus wie ein Imperativ: ſchleif den Blauel, einer der den Blauel hinter ſich her ſchleppt — aber wozu? zur Strafe, wie die Kugelſchleifer ehedem in den Feſtungen? etwa der den Prügel ſchleppen mußte, mit dem er geprügelt wurde? oder wie? — Jedenfalls bedeutet das Wort in beiden Stellen Eiſermanns einen Müßig⸗ gänger, und es wäre wol möglich, daß es die eigentliche Bezeichnung wäre, welche nachher ſich in das unverſtandene Wort Schliffel, Schlüffel metamor⸗ phoſirt hatte. „Aber ſie haben die Freiheit, Waſchblawel zu ſchleifſen, vnd mit zu Stolpen. 1520. Jen. Ausg. 1535. 1, 219b. [Hier iſt Bleuel ſchleifen pffenbar ſo viel wie betrügen, aus dem Klaren etwas Unklares, aus dem blind. Dieſe dem Heſſenſtamme zugewieſene Bezeichnung, welche derſelbe Blinzening — Blitier. 43 mit weik größerer Beſtimtheit trägt, als der Volksſtamm der Schwaben, iſt jetzt unverſtändlich geworden, weil man ſeit der Mitte des 17. Jarhunderts das Subject, welchem eigentlich die Blindheit zukommt, aus dieſer Bezeichnung aus⸗ gelaßen und endlich völlig vergeßen hat. Bis zu dem angegebenen Zeitpunkt hießen die Heſſen nämlich niemals ſchlechtweg „blinde Heſſen“, wie jetzt, ſondern „blinde Hunde“ oder „blinde Hundeheſſen“, Ein Beleg für das erſtere findet ſich bei Hans Sachs, welcher ſagt: „die Heſſen engſt (vexiert) man mit den Hunden“ (IV, 3, 92a); für das zweite bei Lüntzel Hildesheimiſche Stiftsfehde S. 36 u. a. St., und bei v. Rommel 7, 202 aus dem Jahr 1621. Die Bezeichnung der Heſſen als Hunde, blinde Hunde aber bezieht ſich, wie J. Grimm in ſeiner deutſchen Mythologie 2. Ausg. S. 346 angedeutet, in ſeiner Geſchichte der d. Sprache S. 566 ausgeführt hat, auf eine uralte mythologiſche Stamm⸗ ſage, nach welcher der Stammesanherr der Heſſen und Schwaben entweder, der Sage von den Merovingern und von dem Schwanritter analog, wirklich von einem Hunde erzeugt, oder, wie die ſpätere gemilderte, ſehr bekannte, Sage von den Welfen d. h. jungen Hunden überliefert, als Neugeborener für einen blinden Hund iſt ausgegeben worden; oder daß er endlich, was allerdings auch möglich, aber weniger warſcheinlich iſt, blind geboren, daher huelk (Welf, catulus, nicht zu verwechſeln mit wolk) genannt, nachher aber ſehend und ein deſto gewaltigerer Held geworden wäre. Auf keinen Fall iſt die gedachte Bezeichnung direct ſchn.ähend im jetzigen Sinn: Blindheit im Sinne von Einfältigkeit, Dummheit genommen, freilich auch noch weit weniger lobend: Blindheit im Sinne von blinder Tapferkeit verſtanden. Es iſt eben die Bezeichnung einer mythologiſchen Anſchauung, welche allerdings zur Schmähung gewendet werden konnte und ge⸗ wendet worden iſt, an ſich aber nichts als ein vermeintliches Factum bezeichnen ſollte. Deutlicher als bei den Heſſen tritt dieß bei den Schwaben heraus, von welchen man ſagt, daß ſie erſt am zehnten Tage ſehend würden — eine Hin⸗ weiſung auf die Geburt als Hunde, die mir den Heſſen gegenüber noch nicht begegnet iſt. In älterer Zeit ſcheint übrigens der Name der blinden Heſſen, blinden Hundeheſſen, blinden Hunde vorzugsweiſe nur bei den nächſten nördlichen Nachbarn der Heſſen, den Sachſen und Weſtfalen, gäng und gebe geweſen zu ſein; auffallend bleibt es, daß weder Sebaſtian Frank (in ſeinem Weltbuch) noch Johann Fiſchart im Gargantua und in der Praktik, welche Beide die ſchmähenden Bezeichnungen der verſchiedenen deutſchen Stämme einzeln, zum Theil wiederholt, aufführen, der Eigenſchaft der Heſſen als Blinder auch nur mit einem Worte gedenken, während ſie doch der Armut des Heſſenlandes, der „mageren Heſſen“, des „Geißenlandes“, des „heſſiſchen Schneiderſpecks“ reichliche Erwäh⸗ nung thun. Im 17. Jarhundert findet ſich denn auch die Redensart, welche noch heute umlauft: „Senes bis pueri. Die Alten werden zweimal blind, wie die Heſſen einmal“; Filidors vermeinter Prinz (1665) S. 93, womit denn der Sinn, welchen man heut zu Tage mit der durch ganz Deutſchland gehenden Be⸗ zeichnung „ein blinder Heſſe“ verbindet, hinreichend eingeleitet iſt: einer, der etwas nicht ſieht, was doch augenfällig genug iſt. blinzening, auch wol, doch ſelten, blinzeling, mit zugekniffenen Augen, blindlings, ohne etwas zu ſehen. Allgemein gebräuchlich. Blitter msc., auch Bletter, Pletter (Eſtor d. Rechtsgel. 3, 1416) ein Gebund Stroh. In Oberheſſen, jedoch mit Ausſchluß der katholiſchen Ortſchaften des Amts Amöneburg (ſ. Bäusclt). An der Schwalm: Rlett msc. Die nieder⸗ 41 Blobah Blumze. heſſiſche Bezeichnung iſt Schüttling. Der Hofmann im Renthof zu Marburg quiltirt 11. Nov. 1603 über 53 Rückenſtro, 55 hafferſtro, 51 gerſtenſtro, 4 Weißenſtro, 3 Erbesſtro, fünff plett ſtro, 2 malter Heldt vnd ſprewe. Hiernach muß da⸗ mals Plett = Krummſtroh oder dgl. geweſen ſein. Das Verbum blittern, plittern, welches Schlottel Haubtſpr. S. 1287 als pelulanter currere et sirepere hat, kommt einzeln auch vor, doch nur in der Bedeutung auseinander ſtreuen, verzetteln. ☚ Blobah, Blaubach msc., Name des in der Stadt Eſchwege befindlichen Gefängniſſes. Der Stadtknecht daſelbſt, welcher die Zauberin Rudloff im Jahr 1657 aus dem Gewarſam und von der Kette hatte entſpringen laßen, wurde wegen ſeiner „Warloſigkeit“ an Händen und Füßen geſchloßen und in den Blobach geführt. Eſchweger Hexenproceſſacten v. 1657. Dietrich Dietrich aus Schwebda wird 14. Auguſt 1679 „nach eſchwe geführet, auf den blaubach geſetzet“. Chriſtoph Dietrichs Schwebdaer Chronik.— Vermutlich, wie es ander⸗ wärts öfters vorkommt, eine Bezeichnung, welche von dem Namen des erſten oder eines beſonders merkwürdigen Inſaßen dieſes Gefängniſſes entlehnt war. 4. 10 Blockgewicht wird metaphoriſch für „ein unteilbares Ganzes“ geſetzt in einer von dem Rentmeiſter Peter von Sachſen (Saſſen) zu Wetter dem Kloſter zu Caldern im J. 1527 ausgeſtellten Erblehn⸗Reversurkunde: „Auch wollen wir angezeigten Hoff nit von einander teilen oder zureiſſen vnd in viel Hende vereuſſern, Sondern für ein Plockgewicht ſeczen“. Hiernach werden auch die aus dem Franzöſiſchen en bloc herübergenommene Ausdrücke „Blockſumme“ u. dgl. (welche Grimm d. W. 2, 138 fehlen), gleich dem bloc ſelbſt als urſprünglich deutſch, dann in das Franzöſiſche übergegangen und aus demſelben zurückgenommen angeſehen werden müßen. bluddern bezeichnet den Laut, welcher durch die ſtoßweiſe erfolgende Erſchütterung der Luft, des Waßers, des Sandes mittels einer größern Anzal kleiner Bewegungswerkzeuge hervorgebracht wird: der Wind bluddert, wenn er in einzelnen Stößen, zumal durch das Baumlaub fährt; das Huhn bluddert (auch bluddert ſich) im Sande; die Kindsmörderin Enchen (Anna) Runkel zu Marburg ſagt am 29. Juni 1680 auf der Toꝛtur aus: das Kind habe im Eimer gebluddert. bluddericht auseinandergeſtreut, wie wenn der Wind Halme auseinander⸗ wirft; durch einander und über einander geworfen, unordentlich. Allgemein üblich. bluffen, bellen, beſonders von dem dumpferen, halb unterdrückten, Bellen der Hunde. An der Diemel üblich, ſonſt unbekannt. Blümchen blau. „Da gehts blümchen blau“ ſehr übliche heſſiſche Redensart, um zu bezeichnen, daß es irgendwo herrlich und in Freuden, in Unbeſorgtheit um den eigentlich zu großen Aufwand, unbekümmert um eine vielleicht bedenkliche Zukunft, gleichſam drunter und drüber, gegangen ſei. Es hängt dieſe Redensart ohne Zweifel mit der „blauen Blume“ der Märchen zu⸗ ſammen, ermittels deren die unterirdiſchen Schätze der Berggeiſter erſchloßen werden konnten. Auch iſt Blümchenblau ein Name des Teuſels. Grimm d. Mythol. 2. Ausg. S. 1015. Blunze fem., doch faſt nur im Plural: Blunzen gebräuchlich, bedeutet in Heſſen nicht wie anderwärts (Schmidt weſterw. Id. S. 143. Schmeller b. W. 1, 336. Grimm d. W. 2, 169) Blutwurſt, auch nicht metaphoriſch einen dicken, plumpen Menſchen, ſondern Geld, und zwar mit dem UNR ERSULATSGNOOTEN 4, deſſiſche Landes⸗geitung Freitag. 5. Jum 1035 Das Rätſel der heſſiſchen Blutſeen von v. Kal maden Suichi B reie piegeln kon landſchaft und Himmel, Wälder und Wolken Mlüpfen in eiſtere ins ſo ind wie der K hineinu jere Gold eines gro duen Kn eeu iatur im Wälten ans heſiclten dürk aiich 1. en un t ee Denn etwas beſonderes hat es auf ſich mit der oten Seen We Rn: Bichfaderen Rea in S t, . . E5 Aer Mr 3 Aen Mte Mrärt Rgt e. ne Das war noch anno dazumal und um die Zeit 3, 2650 MR 5: i5 E Rn d. i Arcte Kun . E. ER. 7 MM: r Me Me Are 8 rliche Zeiche Pisei. ELLb 1. . geiſueie e E 7 R Als Brderieus ver gegen Ogſierreih eit, Fran RM ANFE Ar danr. den MMeuNe luch ipäter haben die Scen wieder gedlute⸗ sWbe E . . e r 5 dr ertrec. a Rgsn. Hrlaa. e n den ſpäleren Jahren, als die Au War 3 du M.Rr r ete MRE N ies üeber E e M ai er. der M 1 255 & Re3 a6, Kr. u des oberen Sn Mne Fcn 1& AMAATE. e dieſer See1 lese r. Fr men. r .. Wtenet, Füeriler 1A üeie t EM3 25r Ei 1. Mrheter imran Arne Feuee 1Meu.REM A Annahme wi . Ahee Eite PArm.rur . W. 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Bldt fem., mhd. bluot fem., die Blüte, d. h. das Blühen im Allge⸗ meinen; von der einzelnen Blüte (Blume) wird es nie gebraucht: „die Baum⸗ blut iſt dieß Jahr ſchön“. In ganz Heſſen, am üblichſten im öſtlichen Heſſen (Schmalkalden, Werra, Ziegenhain). Elut neutr., sanguis, iſt in Heſſen volksüblich in den Formeln „unser Blut“ (Verwandtſchaft), „das Blut regt sich“ (das natürliche Verwandtſchafts⸗ gefühl macht ſich geltend) (dazu auch: Blatströpfehen, kleines Kind, auch über⸗ haupt ein Einzelner, aus der Verwandtſchaft; „ich habe doch noch kein Bluts- tröpfchen zu sehen gekriegt“, Klage einer jungen, in weiter Ferne von der Heimat verheirateten Frau); böses Blut haben (machen); Blut lassen müssen, bis zum Aeußerſten gedrängt, zur gerichtlichen Verurteilung, zur Auspfändung u. dgl. gebracht werden; Milch und Blut u. dgl. Gottes Blut war eine im 16—17. Jarhundert auch in Heſſen häuſige Verwunderungs (Fluch⸗) Formel. Der Corporal Johannes Mebus aus Lehn⸗ hauſen hatte an einem im Jahr 1636 dicht vor Marburgs Thoren unter An⸗ fürung des Rittmeiſters Biſchoff und des Lieutenants Schorlemmer begangenen Straßenraub Theil genommen; zwei der Angegriffenen waren erſchoßen, der dritte durch einen Schuß verwundet worden. Als Mebus von dieſem vernahm, daß die Angefallenen „keiſeriſch und darmſtädtiſch“ wären, rief er voll Schrecken aus: „Gotis Blut, was haben wir gethan!' Blutkrant, Tormentilla erecia. Das Kraut wird überall in Heſſen eifrig geſucht und als Mittel gegen Verblutungen (zumal des Uterus) ſehr häuſig in Anwendung gebracht. Es bildet das Blutkraut nebſt der Mannskraft (ſ. d.) einen Hauptbeſtandteil der Kräutereinſamlung, welche am Morgen des Himmel⸗ fartstages angeſtellt zu werden pflegt (des Gekrüdigs). 7 11⸗ blutt, blou, auch Mlutch, blotch (Eſtor S. 1416), federlos, haarlos, implumis, impubes. „er gebe mir meine Federn wieder, ſo würde er gar plutte“ Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 3, 317. „NB. Die Genß ſeindt noch bloth geweßen“ (4 junge Zinsgänſe). Rauſchenb. Rent. Rechn. 1580. blutte Mädchen, blutte Jungen (letzteres weit häufiger als das erſtere) puellae, pueri impuberes; wird auch wol gebraucht ohne daß der Begriff der Unmannbarkeit ausdrücklich mitgedacht würde, gleichſam wie: unbedeutend, einer Berückſichtigung nicht wert. blutte Vögel, blutte Mäuſe. Bei Großenritte liegen neben einander zwei Hügel: der eine, bewaldete, heißt der Holzbürgel, der andere, unbewaldete, der blotte Bürgel. Ein blutter Vogel heißt in Hünfeld ſubſtantwiſch ein Blunder. Das Wort iſt ganz allgemein üblich, und in der ältern, zumal ober⸗ rheiniſchen Literatur (S. Brant, Fiſchart) ſtark vertreten, alſo nicht etwa eine niederdeutſche Form von bloß. Grimm d. W. 2, 194—195.. blutzen, auch wol, doch ſeltner, blotzen, niemals plutzen, plotzen, 1) hart und ſchwer auffallen, zu Voden fallen: „er blutzte kahin, wie ein 46 Sack“; „das ſind geblutzte (vom Baume gefallene oder geſchüttelte, nicht ge⸗ brochene) Aepfel, die halten ſich nicht“. Ueberall gebräuchlich. 2) Tabak rauchen, zumal wenn dabei viel Dampf erzeugt wird; auch: viel rauchen. Blntz msc., Fall, beſonders ſtarker Fall; „der N. hat einen böſen Blutz auf die Tenne gethan“. Blutzer msc., 1) ein kurz und dick gewachſener Menſch. 2) ein ſtarker Raucher, auch ein Raucher überhaupt. bober, aus be-ober verſchleift, geſprochen bower (ſächſiſches Heſſen), büwer, büwwer, bewwer, derbüuuer, oberhalb, darüber.“ Ueberall üblich, und in der heſſiſchen Schriftſprache in der regelmäßigen Form bober bis in den Anfang des 18. Jarhunderts gebräuchlich. entöoben „hie enlboben“ = hierüber, hac in causa, findet ſich in Acten des 16. Ih. öfter, z. B. L. Philipps Reformation v. 18. Juli 1527. Marburg 1528. 4. Bl. A4b. Vgl. bunter, buten; bafter. Bôcht msc. und neutr., unreinliche Näße; das Kind, das Schwein liegt im Bocht. In ganz Heſſen bekannt, am üblichſten jedoch in Oberheſſen. Mhd. bäht, Pfütze, Moraſt. Vrid. 146, 10; in eben dem Sinn und mit demſelben Vocal auch noch jetzt (Bacht, Baacht) in der Schweiz üblich. Stalder 1, 123. Bei Königshofen aber erſcheint es geradezu in der Bedeutung von Kot, Dreck (mit welchem geworfen wird). Der heſſiſche Gebrauch dagegen findet ſich bei Hans von Schweinichen 1, 59. Bei Schmidt weſterw. Id. S. 29 erſcheint das Worl („Vogi“) bloß als „Schweinsbette“. Warſcheinlich gehört hierher auch das von Richey Hamb. Id. S. 370 und Brem. WB. 3,370 aufgeführte „Puuk, Pook, ſchlechtes Bette“. Eſtor t. Rechtsg. 3, 1416 hat das Wort auch (Poocht) aber in der Bedeutung „Dampf“, was auf einem Misverſtändnis beruhet, denn in dieſem Sinne kommt es nie und nirgends vor. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. 4, 54. Grimm d. W. 2, 201. Böhme msc., Benennung einer, im 15. und 16. Jarhundert allge⸗ mein in Deutſchland verbreiteten, und auch in Heſſen äußerſt gangbaren Münze: ein böhmiſcher Groſchen, zwanzig zu einem Gulden gerechnet. Der Böhme war von gutem Silber, und hatte vor dem meisniſchen Groſchen den Vorzug. Daher mag es kommen, daß in alten heſſiſchen Stiftungen ſo oft der „Böhme“ erſcheint, welcher zu Zeiten den mit den ältern Münzverhältniſſen unbekannten heſſiſchen Rechnern der Neuzeit nicht wenig Kopfbrechens gemacht hat. „Wir han ouch vorwillet, wass wir von lessin (Lachſen) fangen, dar von iglichem lasse sal eyn behemen gefallen zu dem lichte (welches die Zunft eben ſtiftete), vnde die Behemen sollen ussgegeben werden von den jennet, die sie fengit“. Ungedr. Urk, der Fiſcherzunft zu Witzenhauſen vom Epiphanias 1445. Und in ähnlicher Weiſe ſehr oft. höken, niederdeutſche Form für pochen; Schottel Haubtſpr. S. 1290. In faſt ganz Niederheſſen ziemlich üblich für darauf ſchlagen, heftig ſchlagen, Flachs boken kommt jedoch nur in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Bezirken vor. boeken, laut rufen, ungeſtüm, ungeziemend rufen. In Niederheſſen von dem Brüllen des Rindriehes, aber auch von menſchlichem Rufen äußerſt üblich. Biutz — boeken. Bocken — verbombeisen. 47 bocken iſt in demſelben Sinne, in welchem es gemeinhochdeutſch ge⸗ bräuchlich iſt, auch in Heſſen üblich; außerdem aber bedeutet es im Haungrunde und Umgegend: ſchmollen, aus Mislaune nicht reden wollen. bölken in Niederheſſen ſehr gewöhnliches niederdeutſches Wort für laut und grob rufen, ungeſchlacht ſchreien; auch von dem Brüllen des Rindviehes, gleich boeken, gebraucht. Brem. WB. S. 113 (wo bolken ſteht). Schottel Haubtſpr. S. 1291. Richey hamb. Id. S. 20. Laurenberg Schertzgedichte S. 136. Die hochdeutſche Form, blöcken, iſt als blehen vom Rindvieh in Niederheſſen nicht, nur von Schafen üblich, im Fuldaiſchen jedoch auch von Kuh und Kalb. Bolle lem, Mulde. Im Schwarzenfelſiſchen. Daher Krebsholle, Flußmuſchel. (Vgl. Krebsſchachte). E. Alberus Dicl. Bl. ddiiſb: alueus, ein gefees oben weit, ein narten, boll, mulen, kar. Vgl. Narde. bollern, niederdeutſche Ausſprache des hochdeutſchen poltern; ſehr gewöhnlich in Niederheſſen für ira Hlagrare, tumulluari, wild auffaren u. dgl. J. B. Schupp hat in der erbaren Hure (Sämtl. Schr. 1719 i, 475) beide Formen, die niederdeutſche und die hochdeutſche, neben einander: „da wirſtu einen rechten troſtreichen Prediger hören, der nicht alſo poltert und bollert wie dieſer unſinnige Pfaff“ Bollrian, Polterer, ein Menſch, welcher bei jeder Kleinigkeit mit lautem ſcheltendem Tadel auffährt, Hitzkopf. An der Eder und anderwärts. Richey hamb. Id. S. 28. Bolze. Die Redensart „einem alles zu Bolzen drehen“, faſt die einzige, in welcher der alte Bolze (Pfeil) noch in ſeiner eigentlichen Geſtalt forilebt, findet ſich auch in Heſſen als volksübliche Redensart, in dem Sinne: „einem alles übel auslegen, alles Geringfügige, Unbedeutende, zu etwas Be⸗ deutendem, zu einem Vergehen machen“. In früheren Zeiten hatte dieſe Metapher nicht oder doch nicht bloß dieſe ſchlimme Bedeutung, ſondern nur die: „alles gerade machen, zurecht richten“, z. B. S. Frank Sprichwörter 1, B4a; 2, Dd4b. Fiſchart Ehezuchtb. L6b. Daß die Phraſe dieſen Sinn hatte, ſieht man am deutlichſten aus dem unechten Geſicht „Kaufhaus“ des Philander v. Sitte⸗ wald S. 337: „alle krummen Höltzer zu geraden Voltzen zu drehen“. Der üble Sinn kann in die Redensart nur dadurch gekommen ſein, daß man den Pfeil, als eine Waffe, für etwas Schlimmes angeſehen hat: aus jedem unſchuldigen krummen Holz eine gefärliche Waffe machen. Vgl. Grimm d. W. 2, 234. holzenstrack, ſteif aufrecht; ſehr üblich. Schmidt weſterw. Id. S. 31. Bolzer msc., der Kater. In der Diemelgegend. Brem. WB. 1,114: Bolze, ein Kater. Bombai fem., Ort des Untergangs. Nur in der Redensart üblich: es geht mit dem Meuschen über die Bombai, es iſt mit ihm bald vorbei, er geht unrettbar zu Grunde. Haungrund. verbombeisen, eine Sache verkehrt anfangen, verkehrt behandeln, ſo daß ſie ſehlechterdings mislingen oder verderben muß. Haungrund. Vgl. verfumfeien und verpopeizen. Der Ausdruck iſt dunkel, eben wie der in der Grafſchaft Ziegenhain ſeit dem Anfange des 16. Jarhunderts vorkommende, anſcheinend mit dieſem Bombai verwandte Familienname Vambep. Das Warſcheinlichſte iſt, daß die gedachten 48 Wörter Nebenformen von kumfeien ſind, und daß, wie Richey S. 67 und hier⸗ nach das Brem. WB. 1, 466 — 467 angibt, kumkeien eigentlich geigen bedeutet, verkumfeien alſo: bei Geigenſpiel durchbringen. Bomsen, abgekürzte Form für bombasin (hombyeinum), baumwollenes Zeug welches zu Satteldecken und zu Unterfutter unter die Sättel gebraucht zu werden pflegte; vgl. Fiſchart Gargantua 1582. Bl. N2b: „Sindal — zu vnder⸗ futer oben am hals, wie Bombaſin: gar ſubtil als man vnter die Sätel fütert“. Daher wurden denn auch die Satteldecken ſelbſt Bomsen genannt: „vij ele linen tuchs zu Bomsen den eseln“ (welche das Waßer auf das Schloß zu tragen hatten) Spangenberger Schloßrechnung von 1464; wenn gleich in dieſem Falle die Decken aus Linnen verfertigt wurden, und nicht Pferden, ſondern nur Eſeln zu gute kamen. Noch 1674 erſcheint in einer Urkunde des Kaſſeler Magiſtrats ein Kaſſeler Einwohner: „Albert Herbert, Bomſeinmacher“. Vgl. Bambaster, welches Wort wol nur die vollſtändigere Form von Bomsen, bombycinum, ſein wird. Bonéwen msc., das Nebenpferd im Geſchirre; ein an der Efze und Eder gebräuchlicher Ausdruck, welcher zweifelsohne eigentlich ein Adverbium iſt: beneben = bei neben. Im übrigen Heſſen, namentlich im ſüdlichen und öſtlichen Niederheſſen, wird das Nebenpferd ganz ähnlich, nämlich der Neben genannt. bonsen (bunsen), das in ganz Heſſen, beſonders im innern Heſſen (Ziegenhain, Homberg) übliche Spiel der Kinder mit Bohnen (geſpr. Bunn). Es wird ein Loch gegraben, in daſſelbe ein Einſatz, aus einigen Bohnen be⸗ ſtehend, von jedem Mitſpieler gemacht, und nun von jedem Muſpieler aus einer gewiſſen (hin und wieder nach Bundſchuhen (ſ. d.] bemeßenen) Entfernung eine Bohne nach dem Loche hingeſchnellt; wer in das Loch trifft, hat den geſammten Einſatz gewonnen. Bonum neutr., Mund. Judendeutſch, warſcheinlich von 58 (8). möglicherweiſe auch von wsod gebildet, aber da, wo viele Juden wohnen, z. B. im öſtlichen Niederheſſen, im Amt Oberaula, auch volksüblich gewordenes Wort, Scherzwort. Worn. 1) Quelle. Dieſe niederdeutſche Form iſt in Heſſen die bei weitem vorwiegende; die Form Brunne wird faſt nur in dem Sinne von Quellenbehälter (Brunnenkammer, Ziehbrunnen, einen Brunnen graben u. dgl.) gebraucht. 2) Quellwaßer; an vielen Orten (z. B. in Hersfeld) in ſcharfem Gegenſatz gegen Waßer, worunter man nur das fließende und ſtehende Waßer verſteht; Trinkwaßer iſt nur Born. Bosz msc. iſt in der Grafſchaft Ziegenhain und weiter in Niederheſſen der Klotz, auf welchem der Pflugbaum Pflugwit, Grendel) ruhet, und an welchem die Achſen der Pflugräder angebracht ſind. In Oberheſſen, wenigſtens in den Gegenden, wo dieſer Pflugtheil Aftertrach und Schemel heißt, iſt Boß der correſpondirende Theil des Wagens, nämlich der Balken, welcher je die beiden Achſen mit einander verbindet. 4. 1F 4r½ Vgl. Pfalf. Bôsze oder Bössen msc. (ſehr ſelten Bösze fem.), großer Bündel Flachs, wie er, eben ausgerauft, zum Nachhauſefaren und alsbaldigen Reffen zuſammen gebunden wird. bözu, fasciculus, Gloſſen des 12. Jarh. Haupt u. Hoffmann alideutsche Blätter 1, 31. Klein Provincial⸗Wörterbuch hat Boſen für Bündel überhaupt: ein Voſen Stroh. Das Brem. WB. hat 1, 121 Boot (Bote) Bomsen — Böste. Bosseln — boetei. 49 Flafſ (als masc. und neutr.), von zubereiteten Flachs: ein Bündel von 60 Riſſen, ehe er auf die Hechel kommt, wofür hier zu Land nicht leicht Boße ſondern Gebund geſagt wird. Das Wort iſt hauptſächlich in Niederheſſen gebräuchlich, wo der Flachsbau mehr als anderwärts noch jetzt betrieben wird und chedem in großer Blüte ſtand; indes iſt es doch auch in Oberheſſen, und zwar von alter Zeit her, in Uebung: „5 Perſon haben v. G. F. vnd H. Flachs Zehent boßen os dem Felde gen Aes (Niederasphe) getragen, — den Flachs gereffelt, ins waßer vnd draus bracht“. Wetterer Rentereirechnung von 1600. In den niederdeutſchen Bezirken Heſſens Bote, auch wol Baute, wie im Lippiſchen (Frommann Mundarten 6, 51), wird aber gleichfalls bloß von dem eben ausgerauften Flachs gebraucht. bosseln, auch busseln (Kaſſel), bösseln, bässeln (Schmalkalden), kleine, geringfügige aber verhältnismäßig mühſame Arbeit thun, namentlich aber klopfen, hämmern, und beſonders ſchnitzen. Im Haungrunde bedeutet es bloß Feiertags⸗ arbeit thun, Nebendinge treiben. Ein durch ganz Oberdeutſchland in dieſer Bedeutung gebräuchliches Wort; eine andere aber hat es in Heſſen nicht. Eſtor S. 1416. Grimm d. W. 2, 265. 6147.117 7. L⸗ Bössler, Bässeler, Schnitzer, Kleinarbeiter. Schmalkalden. Bösselei, geringfügige, wertloſe Arbeit. Schmalkalden. Bussel m., in Heſſen (zumal in Kaſſel) in demſelben Sinne üblich, wie ſonſt in Oberdeutſchland Bossel. Schmeller 1, 298. „Es war der N. ein gutes Thier, aber er wurde eben darum im Hauſe nur für einen Buſſel ge⸗ achtet“ d. h. für einen zu den niedrigen Arbeiten beſtimmten Menſchen, für einen Aſchenbrödel. Grimm d. W9B. 2, 264. Gehôt neut., die Verſamlung einer Zunft. Alter, bis in die aller⸗ neueſte Zeit und zum Theil noch jetzt üblicher Ausdruck. „Zu Gebote gehn“, in die Zunftverſamlung gehen, dieſelbe beſuchen; früher auch: auf Anheißen der Zunftmeiſter in Gemeinſchaft mit den übrigen Zunftgenoßen ein gemeinſames Geſchäft verrichten, eine gemeinſame Pflicht ausüben, z. B. giengen die Färber zu Gebete, wenn das bisherige Färbehaus der Zunft durch die Zunftgenoßen abgebrochen wurde; die Leinweber giengen zu Gebote, wenn ein Galgen errichtet werden mußte u. ſ. w. „Weilen N. N. nicht zu gebode gegangen, da man das alte zunfthauß abgebrochen wird er (von der Wollweberzunft in Wetter) um 7 alb geſtrafft“; 1583. „Beim gebott habe er nicht geſeſſen wie ein ander“; „beim gebott ſaſſe er ſo vor ſich weg“. Marburger Ausſagen von 1658. Und ſo ſehr oft. Den Namen Gebot führt die Zunftverſamlung daher, weil die⸗ ſetbe eigens angekündigt, geboten, wurde. Tiugzi 2,23 fne 71, J. . Vgl. Ungebot. 1 Oh.ℳu ¹) /44tea bocten (im Schaumburgiſchen bouten), beſprechen, eine Krankheit durch eine Segensformel heilen. Grimm d. Myth. 2. Ausg. S. 988. Dieſe nieder⸗ deutſche Form des ahd. puozan (büßen) iſt ſelbſtverſtändlich nur in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Diſtrieten Heſſens vorhanden. In dieſen Gegenden bedeutet 4s die Anwendung einer (abergläubiſchen) Segensformel ganz im Allgemeinen; im Schaumburgiſchen jedoch verſteht man unter boeten eine beſondere Art der Anwendung der betreffenden Segensformeln, welche geeignet iſt, die Identität des böten, hoeten — Feuer anzünden, mit unſerm Worte darzuthun (falls nicht etwa der umgekehrte Fall einträte, daß die Art der Anwendung des Segens aus dem Worte gefolgt wäre, was keineswegs außerhalb der Möglichkeit liegt): Die Bilmar, Joiokikon. 50 7. 3 ¹ beutende (das Beuten geſchieht doch faſt nur durch Frauen) ſchlägt mit einem eigentümlich geformten Feuerſtahl an den Feuerſtein ſo, daß dem Patienten die blauen Funken auf den leidenden Theil fallen, wobei dann die Segensformel leiſe hergeſagt wird. FLerci, P. 224. Re. böten, auch boeten, einboeten, Feuer anzünden, einheizen. Im ſächſiſchen Heſſen ganz allgemein. Schon Richey Hamb. Id. S. 23 behauptete, es ſei dieß Verbum ein von boeten = puozan, büßen „ganz unterſchiedenes“ Verbum, und wirklich iſt die Ausſprache des hier beſprochenen Wortes von boelen = puozon in vielen Gegenden, aber freilich keinesweges in allen, merklich verſchieden. Dem Sinne nach ſcheinen indes beide Verba identiſch zu ſein, denn auch dieſes Verbum ſcheint offenbar nur beßern, und Richey hebt ſeine eigene Behauptung damit auf, daß er dieſem unſern Worte das Segnen des Aberglaubens zuweiſt, welches ganz ohne allen Zweifel dem boeken = puozan zugehört. Sollte aber wirklich unſer böten ein eigenes Wort ſein, ſo bliebe kein anderes altes Stammwort dafür übrig, als pôzan, agſ. beätan (bétan), mhd. boßen, bußen, butzen d. h. anſtoßen, und in dieſem Sinne kommt freilich betau kyr im Angelſächſiſchen vor, was dem mhd. fiur anstozen nicht übel entſpräche. Auch Grimm d. W. 2, 572—573 hat dieſe Frage nicht zur ſchließlichen Beantwortung bringen wollen. Rôzemann, mse., das was ſonſt in Deutſchland Butz, Butzemann heißt: Geſpenſt, Schreckbild. In Niederheſſen, wo das d niemals verkürzt wird. Kinderreim beim Tanzen: Es tanzt ein Bozemann auf unſerm Boden rum, er rüttelt ſich, er ſchüttelt ſich, er wirft das Säckchen hinter ſich. Vgl. das oberheſſiſche Momholz, wo o in botu wie ſonſt in Deutſchland kurz iſt. Botz (Polz) msc., ſtarker Schall, Krach. Haungrund. Vgl. büzen. boezen, in Schrecken ſetzen, Furcht einjagen. Die Kinder werden mit einem Bozemann (ſ. d.), Niklas u. dgl. geboezt; „er hat mich nur recht hoezen wollen, Ernſt wars nicht“. („Herman Schaller in Schwebda) nimbt die flinden von der wandt, vnwiſſent, daß ſie geladen vnd geſpant, helt ſie in Schimpf nach dem metgen, es alſo zu bötzen, So aber losgehet ꝛc.“ Chriſtoph Dietrichs in Schwebda Chronik v. J. 1664, ². Reinwald henneb. Id. 1, 14. Ganz allgemein üblich. butzen, bützen findet ſich in Heſſen in dieſem Sinne nirgends. Bráke msc., gewöhnlich pluraliſch Bräken, die Dornreiſer, welche zum Ausbeßern (Binden) der Zäune (Hecken) gebraucht werden. Weſtfäliſches Heſſen. brallen, brellen, laut und heftig mit abgeſtoßenem Laute rufen. Brall, lauter, heftiger Ruf, nach dem die Ohren gellen. Sehr üblich. daz mere mohte iezu erbiben von des rufes bralle si schruen io heilalle. Eliſabethleben, Diutiska 1, 410. Brâm kem., ein im Schmalkaldiſchen vorkommendes Schimpfwort für Weiber: „alte Bram“. Vgl. etwa das (freilich niederdeutſche) Brame, Hummel. Brame fem., Hummel. Scheissbrame, Rostäfer. Im weſt⸗ fäliſchen Heſſen: Wolfhagen, Volkmarſen, Liebenau. Bramme kem., kleine Pflaume, Pflaume überhaupt. In Oberheſſen ſehr üblich, auch von Eſtor t. Rechtsg. 3, 1405 ſchon aufgeführt. Hin und Böten — Bramme. Brammen — Brausel. 51 wieder im weſtlichen Oberheſſen heißt übrigens auch die Brombeere Lramme. Von andern Gewächſen z. B. spartium scoparium, vom Hopfen u. dgl., wovon in der Schweiz brame gebraucht wird, konimt in Heſſen dieſer Name nicht vor. Zu bemerken iſt, daß das a dieſes Wortes in unſerm Dialect (wie auch in Brombeere und dem heſſiſchen Familiennamen Brambeer) Verkürzung erfaren hat. Althochd. präma, mhd. bräme, holl. bruam. Grimm d. W. 2, 293. brammen v. neutr., zum Gebet, Ave Maria, läuten; „es brammt“. Fritzlar. Bei dieſem Läuten wird die Glocke nicht voll geſchwungen, ſondern nur zu einzelnen Schlägen angezogen; anderwärts in Heſſen nennt man dieß „ſtimmen“. Brangel msc., mitunter auch, der Ableitung näher ſtehend, Prangel geſprochen, ein Prügel, beſonders ein ſchwerer, derber, zu ernſtlicher Verteidigung oder etwa auch zum Angriff dienender Prügel. In Niederheſſen allgemein üblich, auch in den andern Landestheilen nicht unbekannt. Das Wort gehört zu dem gothiſchen praggan, paipragg, mhd. pfrengen, premere, nicht aber, wie man in den niederdeutſchen Gegenden Heſſens gemeint hat, zu wringen, weil von wringen das Verbum wrangen, wrangeln (gewöhnlich brangeln geſprochen), gebildet iſt, welches Wort ſich balgen bedeutet. Brast msc. 1) große Verlegenheit, Beſchwerde, ſchwere Sorge, Druck, Kummer; Subſtantiv zu bresten. Ganz allgemein üblich. dardurch werd gringer sein noht vnd brast; Iſaae Gilhauſen Grammatica. Marburg 1597. 8. S. 16. „daß ſie von des Lahn hartmans frau gehort, daß ihrem bruder ver⸗ geben worden, dadurch ſie in ſo einen groſſen Braſt gerathen, das ſie ſonſt in der meinung geſtanden, daß unſer herr Gott ihm eine ſolche ſchwachheit zugeſchickt hette“. Marburger Hexenproceſſacten von 1673. Grimm WB. 2, 308. 2) für Brass: Haufe, Maſſe; „da liegt der ganze Braſt“. Sehr üblich. Reinwald henneb. Id. 1, 15. Grimm WB. 2, 305. Brem. WB. 1, 135. Kirchhof (im WendUnmut) ſchreibt noch Braſſ. Bräune fem. Unter dieſem Wort verſteht das Volk, ſo weit es ſich deſſelben aus der Tradition und nicht an die techniſche Sprache der Aerzte ſich anſchließend bedient, zunächſt nicht den Croup, die heutige Halsbräune der Kinder, ſondern die Halsentzündung, angins, wie dieſelbe als Seuche, zumal in den Feldlagern, im 15. und 16. Ih., ſodann auch im dreißigjährigen Kriege wütete, und noch jetzt häufig iſt. Kirchhof milit. disc. S. 202. In Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657 kommt vor: „das kind hat die Braune gehabt, die ihm auch gelaſſen worden“, in dem Sinne von „Ader laßen“. Es erſcheint dieß auf eine mit der Bräune vorgenommene chirurgiſche Operation hinzuweiſen, wie eine ſolche erſt in der neueſten Zeit gegen den Croup in Anwendung ge⸗ konimen iſt. Braunschnitzer msc., vaccinium vitis idaea, die Preiſelbeere, Moſtjocke. Im Schmalkaldiſchen. Brause f., geſprochen Brüse, in den niederdeutſchen Bezirken der übliche Name der Gießkanne. Brausel, Bruwesal neutr., diejenige Quantität Brauſtoff, welche auf einmal zum Brauen verbraucht wird, ein Brauſel, wofür man jetzt Gebräue ſagt. Das Wort iſt mit -sal gebildet wie Heckſel, Schickſal, Labſal, Kochſal, Milgeſal u. dgl. „vi zcober treber vnd ein bruwesal hoppen den swinen“ Kaſſeler Rechnung von 1479, und öfter in den Rechnungen jener Zeit. 4 52 Braut — Breimehl. Brant. Brauthafer, Abgabe, welche ehedem die Leibeigenen bei der Verheiratung entrichten mußten. Eſtor kleine Schriften 1, 72; t. Rechtsgl. 1, 391. Brauthuhn, Abgabe, welche ehedem die Leibeigenen bei der Verheiratung entrichten mußten. Eſtor a. a. O. Um das Jahr 1820 war die Erinnerung an deu Brauthafer und die Brauthühner im ſ. g. Schenkiſchen Eigen in Oberheſſen noch vollkommen lebendig. Frautrocken msc., heißt im Schmalkaldiſchen das Geſchenk, welches man einer Braut bei ihrer Verheiratung macht, und welches urſprünglich in einem angelegten (mit Flachs voll umwickelten) Spinnrocken beſtand, noch jetzt aber ſtets aus einem Stück Hausrat, niemals in Geld oder Eßwaaren beſteht. Kopp Handbuch 2, 182. Bräutelgabe, eine auch in Heſſen ſeit alter Zeit, in Urkunden ſeit Anfang des 15 Jarhunderts oft zu findender und dem Volke nicht ungeläufige Bezeichnung der Mitgift, namentlich wenn dieſelbe in einem Stück Land beſtand oder beſteht. verbrdutelgaben ein Gut oder einen Gutstheil dem Eidam bei der Ver⸗ heiratung der Tochter mitgeben. Eſtor t. Rechtsgl. 1, 784 (§. 69, 31). Bratze fem., große, ſtarke Hand; großer, ſtarker Fuß. Im Fuldaer Land, ſonſt faſt unbekannt. Grimm WB. 2, 313. Bratzematz msc., läſtig weitläufige, unnötige Erzälung, breites albernes Geſchwätz. Im Amt Landeck, auch zuweilen anderwärts. brätzen, in weichlicher Weiſe, durch Verwöhnung, kränklich ſein: „er brätzt immer“, iſt immer leicht unwol, weil er ein Weichling iſt. Im Fuldaer Land; anderwärts nicht üblich. Deminutivformeln ſind brotzeln, kränkeln, welche Form im Haungrunde, und brütseln, was im Schwarzenfelſiſchen gebräuchlich iſt. bréheln, brépeln, prépeln, in Oberheſſen, Fulda, Ziegenhain ſehr üblich für: halblaute, kieinliche Vorwürfe machen, verdrießlich mäkeln. Gebrébel neutr., halblaute verdrießliche Mäkelei. In demſelben Sinne hört man auch zuweilen brekeln, Gebrekel. brechen und büssen. Alliterierende alte Formel, von liegenden Gütern gebraucht, welche zerteilt (vereinzelt) oder wieder zuſammen gebracht werden durften. Eppenſteiner Urkunde von 1339: also das die vorgeschriben Munlburen (Vormünder) mit allen den lehen — brechen vnd bussin sollen vnd mugent als dicke es noit geschicht (Wenck heſſ. Geſch. 2, No. 350. S. 347). Ungedr. Urkunde des Ritters Volprecht Luzzilkolbe vom Johannes⸗ und Paulus⸗ Tag 1355 über den Verkauf ſeines Gutes zu Butlinhorn an den deutſchen Orden zu Marburg: die deutſchen Herren ſollen mit dieſem Gute brechin vud büssen alz mit irme eygene güde. breffen, ſtopfen, vom Verſchlingen der Speiſen, z. B. vom geringen Eßen der Kinder, ſodann vom Stopfen der Gänſe: „die Gänſe breffen“ d. h. mit Nudeln oder Pletſchbohnen (vicia faba) zum Fettmachen ſtopfen. In Ober und Niederheſſen üblich. Mittelniederländiſch braeuwen. Grimm Reinh. Fuchs S. 284. Zur „proffung einer Gans“ werden „dem Juden“ 1 Meſte Hafer, z Meſte Gerſte und ½ Meſte Erbes und Von gegeben. Wetterer Rentereirechnung von 1603. Breimehl neutr., Grütze, geſchrotenes Getreide, zumal Korn (Roggen zu Roggenbrei), dann aber auch Weizen, Gerſte, Hafer. xarj deu, vor bier Bremschen — brideln. 53 vnd ij den. vor hryemel (für die Erntearbeiten). Heſſiſches Ernteregiſter von 1391. Das Wort war im Anfange dieſes Jarhunderts noch hier und da im Gange, jetzt iſt es wol nirgends mehr weder üblich noch auch nur bekannt, da der „Brei“, dieſe regelmäßige Speiſe alter Zeit, ſeit der Herſchaft der Kartoffel ſehr ſtark abgenommen hat, und in vielen Gegenden gar nicht mehr vorkommt. Vgl. Grimm W0B. 2, 355. bremschen (d. i. bremsen), wüten, toben, von zornigen Menſchen. In der Diemelgegend ſehr üblich, z. B. auch von ſich bäumenden und aus⸗ ſchlagenden Pferden, anderwärts nicht bekannt. Es iſt ein Frequentativum des alten préman, rugire, erſchemt aber in der Schriftſprache nicht häufig. Grimm WB. 2, 364, wo nur zwei Belege angefürt ſind, einer aus Luther, der andere aus Paul Meliſſus. Brenne kem., Feuerſtätte mit dem darauf brennenden, lohenden Feuer, auch Haufe glühender Kolen. Grimm WB. 2, 304. 364. Im eigentlichen Sinn wenig üblich, deſto häufiger metaphoriſch in der äußerſt geläufigen Redens⸗ art: um die Brenne herumgehn, in der Nähe eines Ortes, eines Menſchen herumgehen, ohne daß man ſich getrauete, näher zu kommen; auch in noch weiterer tropiſcher Anwendung: bei der Mitteilung einer bedenklichen Sache erſt mit Andeutungen, Umſchweifen vorgehen, um ſo dem Gegenſtand der Mitteilung ſich unvermerkt zu nähern. Schmidt weſterw. Id. S. 34, wo nur die Annahme eines Plural „die Brände“ (von Brand) unrichtig iſt. Brenz fem., die Pein, Qual, zumal in Krankheiten. Haungrund. breschen, breischen, 1) auseinander breiten, verſtreuen (vgl. bleischen), in welcher Bedeutung es jedoch wenig üblich iſt; 2) laut und viel reden, groß⸗ thun, prahlen. Brescher (Breischer) msc., ein laut und viel Redender, ein Großthuer, Praler; tadelnde Bezeichnung der Bewohner der Stadt Hersfeld in übler Nach⸗ rede: „ein Hersfelder Breſcher“. In Niederheſſen, Fulda, bis in die Wetterau, auch im Schmalkaldiſchen (als Prascher), verhältnismäßig am wenigſten in Ober⸗ heſſen üblich. Reinwald henneb. Id. 1, 15, wo die Form Braſcher aufgeführt wird, Wgl. praschen. Gebröschel, Gebresche, lautes Reden. „Vund iſt ſich aus dem geſchray vnnd gebröſchel: das etlich hyrten vnd bawrn dabey im holtz gehort vnd geſagt haben züuermuten: das der hertzog nit allein geweſt ſey, ſunder etlich im holtz verſteckt die im züuolbringung ſolchs mordts geholffen haben“. Ausſchreiben derer von Hutten v. 10. Nov. 1515 (den im Mai 1515 bei Böblingen von H. Ulrich an Joh. v. Hutten vollbrachten Mord betr.) bresten (sich), ſich bekümmern, ſich grämen. es brest (brüst) mich, es grämt mich. Im Haungrund und weiter im Fuldaiſcheniſehr üblich, auch anderwärts mitunter im Gebrauch. An ſich bedeutet dieſes Wort zerbrochen werden, und in dieſer Bedeutung iſt es mit der niederdeutſchen Umkleidung in berſten in der Schriftſprache noch vorhanden; aus dieſer Bedeutung hat ſich die Bedeutung mangeln, fehlen, und aus dieſer endlich die hier verzeichnete entwickelt. Vgl. Brast. brideln, zäumen, zähmen, bändigen. du kunde man mit slangen unde mit grosser erbeyd kume den lewen gebrydeln. W. Gerſtenberger Frankenb. Chronit bei Schminke Mouim hass. 2, 302. Henn girhart hati in der ruge 54 wider molnhennen gesprochen er wulle jme vor sin augen dreden und wolle en brgdeln, der amptmann konde en nit gebrgdeln. Büdinger Bußregiſter v. 1475 — 1482. Grimm WB. 2, 392 [wo dieſelbe Stelle aus derſelben Quelle, Dr. Crecelius). Das dieſem Worte zum Grunde liegende Subſtantivum iſt das ahd. pritil, Zaum, woraus franz bridel, jetzt bride. Das hier erſcheinende Verbum lautet bei Stieler und anderwärts breideln. Grimm WB. 2, 355. Briek. Zu Anfang dieſes Jarhunderts war es ganz üblich, alles Geſchriebene Brief zu nennen, und Urkunden werden noch jetzt Briefe genannt. Briefe tragen hat den Sinn von anzetteln, verhetzen, complottieren. Eine Stelle, durch welche dieſe figürliche Redensart erläutert wird, und in der dieſelbe in eigentlicher Bedeutung, doch ſo, daß die metaphoriſche bereits durchblickt, erſcheint, findet ſich in einem Verhörprotokoll Treisbacher Gemeindsmänner von 1609: „Mollerhanß, Hanß Naumann vnd Hanß Schuſſeler hetten die Brieff getragen, die mochten auch darvor ſtehen, Er (der Comparent, Jakob Thiel) hette nichts ferners darmit zu thun haben wollen“. Die hier genannten Ge⸗ meindsmaͤnner von Treisbach hatten nämlich alte vom Stift St. Stephan zu Mainz im 14. und 15. Jarhundert ausgeſtellte Urkunden im Kirchenkaſten ent⸗ deckt, nach welchen der Gemeinde zu Tr. die Einſetzung ihrers Pfarrers zuſtehen ſollte, und benutzten dieſelben, um ſich des vom Landgraf Moritz ihnen geſetzten jungen Pfarrers Alexander Vitriarius, welcher den Verbeßerungspunkten anhieng, zu entledigen: ſie ließen ſich auf dieſe „Briefe“ hin eine Vorſtellung an den Superintendenten Schönfeld, dann an den Landgrafen ſelbſt machen, die „Briefe“ in Amöneburg abſchreiben, giengen mit den „Briefen“ nach Battenberg, um ſich Rats zu erholen, der „Möllerhans“ auch ſelbſt nach Kaſſel, und nun wurde eine weitläufige Unterſuchung gegen dieſe „Briefträger“ angeſtellt. Frieftabak, geſchnittener Tabak in viereckigen Viertelpfundpaketen; eine jetzt ſchon faſt völlig veraltete Bezeichnung. Reinwald henneb. Id. 2,31. Kopp Handbuch 2, 196. Brig msc., urſprünglich wol: unruhige Geſchäftigkeit, dann: Geſchäft, Erwerb, auch: Zank. Dieselben (Vorſprecher d. h. Anwälte) suln dem gerichte sweren unde loben recht ze thunde, unde dem unrechten abstant, so vern sie sich des vorstan, ader underwiset werden, sunder bryo, hass, gobe, genyss eym itzlichen thun als dem andern tzu sinem rechten. Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 718. Des wurden sie geforchtet unde kregin sulchin gebrig das sie ussermassen riche wurden. W. Gerſten⸗ berger Frankenberger Chronik bei Schminke Mon. hass. 1, 284. gebriglich, thätig, nützlich, förderlich. wilcher auch den gewaldigin unde amplluden mit erin fründen nicht gebriglich wus in erme vornemen, derselbe muste orloip haben. W. Gerſtenberger a. a. O. Das Wort iſt allem Anſchein nach keltiſch, und ſindet ſich als briga in allen romaniſchen Sprachen; im Italieniſchen bedeutet es Geſchäft, im Alt⸗ franzöſiſchen, Spaniſchen, Portugieſiſchen u. a. Zank, im heutigen Franzöſiſch (brigue) Bewerbung, und iſt das Stammwort zu brigand, brigantine u. ſ. w. Vgl. Diez etymol. Wörterbuch der romaniſchen Sprachen 1853. S. 69—70. In der deutſchen Sprache iſt es außer den angeführten Stellen aus den Frankenberger Schriften bis daher nicht aufgefunden worden. Möglich, daß hiermit auch das agſ. brégo, breogo, Herr, König, zuſammenhängt. Nach Frankenberg mag ſich das Wort in Foige der großen Handelsverbindüngen, in Brief — Brig. Brinkel — Brod. 55 denen dieſe Stadt während des 14—15. Jarhunderts mit den weſtlichen und ſüdlichen Nachbarn Deutſchlands ſtand, verirrt haben. Brinkel, Brenkel, msc. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1405 hat dieſes Wort als Bezeichnung eines kleinen hölzernen Gefäßes mit ſpannbreitem Rande, welehes dazu diene, das zu kochende Kraut darin zu ſchneiden (ſcharben). Das Wort iſt unzweifelhaft richtig (Schmid ſchwäb. Wörterb. S. 96; Fiſchart Gargantua 75 4L 4852. Bl. Mm 2a), es ſcheint aber ſeit Eſtors Zeit die Sache, und mit ihr der Name aus Oberheſſen verſchwunden zu ſein. E .Hx.L. A Ayau. brizeln, brizeln, bretzeln, Bezeichnung des Tones, welchen bratendes Fett von ſich gibt. Am üblichſten im öſtlichen Heſſen und im Schmalkaldiſchen. Brod. Sehr gewöhnlich iſt in Heſſen die Prädication „das liebe Brod“, als Bezeichnung des Wertes, den man auf die Gabe der täglichen Nahrung, deren eigentliche Subſtanz das Brod iſt, legt; der Culturwelt iſt dieſer Ausdruck der Liebe und des Dankes abhanden gekommen. Selten, und nur im Gegenſatz gegen das, früher ſehr ungewöhnliche, gemiſchte Brod wird das Korn⸗ brod als „Rückenbrod“ (ſ. Roggen) bezeichnet. Ueblich war es warſcheinlich ſeit Jarhunderten, aus der Metze Korn vier, aus der Meſte ſechs Laibe Brod zu backen, und die ſofort anzuführenden älteren Angaben von Broden ſetzen voraus, daß dieſe verſchiedenen Arten ſich unverändert durch eine Reihe von Generationen, in derſelben Qualität und Quantität, erhalten haben müßen, während wir genötigt ſind, das Gewicht und vor allem die Qualität des Brodes eigens in jedem Falle zu beſtimmen. Vgl. auch Ecke. Fr auenbrod. In dem Kloſter Spießcappel wurden durch Urkunde vom 25. November 1488 dem' Probener Kunz Gebersdorf und deſſen Frau täglich zwei Frauwenbrod gewährt; 1508 dem Kraft Lotze als „Homeinſter“ alle tage ein frauwen broid. Herrenbrod. Dem zum Homeinſter und Scheuernmeier des Kloſters Cappel am Spieß angenommenen Ewald Lodemann und ſeiner Schwägerin und Gehülfin Katharina Vick wurde in ſeiner Beſtallung 19. November 1514 verſprochen: „vnd ſollen ehn (ihnen) alle tage verangelogen (d. i. verandelagen) ehre prebende mit namen drey herrn brode, ehme tzwey, vnd ehr eyn“. Was das Grau⸗ herrnbrod Kopp Handbuch 5, 352 ſein mag, kann ich nicht ſagen. Der Ausdruck iſt von 1791. Praebendebrod. „zwelff probende brode als wir die vngeferlich in vnße cloſter plegen backen zu laſſen, ſollen vnd wollen wir vnd vnſer nachkummen den ebgenanten koiffern ader heldern dißes brifes — kuntlich yr lebetage — alle wochen geben vnd in vnſerm cloſter alle Sonnabende virhandeln laſſen“. Urk. des Convents zum Anenberge auf St. Barbaren Tag 1479, Lennep Leihe zu LSR. Cod. pr. S. 737. Frauenbrod, Herrenbrod und Präbendebrod werden weſentlich identiſch geweſen ſein, da ja beide erſteren Präbende genannt werden; jedenfalls verſtand ſich unter jeder dieſer Bezeichnungen von ſelbſt ein unverändert ſich gleich blei⸗ bendes Gebäck. Ein nicht zu verachtender Beleg für die in älteren Zeiten unangreifbare Stätigkeit aller Lebensverhältniſſe. Schoen Brod, d. h. helles Brod, weißes Brod, kommt wie anderwärts auch in Heſſen äußerſt häufig als eine Abgabe von verliehenen Gütern und als Wolthat für die Armen, welche regelmäßig, wenn auch nicht ganz ausnahmslos, zu Weihnachten oder Neujahr geleiſtet oder gewährt werden mußte, in den älteren Uirtunden vor, und es däuert dieſe Gabe als Geſchent, von den Paten an ihre 56 Palenkinder zu Neujahr gegeben (Neujahrsweck, Schorn ſ. Sehorn), noch heute fort. Auch dieſes ſchöne Brod muß von beſtimter ſich von ſelbſt verſtehender Qualität und Quantität geweſen ſein; in älteſter Zeit wurde der albus panis, in nativitate Domini datus, als denariala (je ein Brod für einen Denar) be⸗ zeichnet (Urk. von Röllshauſen v. 11. November 1261 bei Kuchenbecker Anal. hiass. 11, 148); von demſelben Werte erſcheint ein ſolches Brod 250 Jahre ſpäter: „ir gutgen zu Hermershauſen gelegen, daraus ſie dann jerlichs fallendt gehapt haben ſechtzehen ſchilling pfennig Marpurger wehr, vier genß, vier hanen vnd zwei hüner, vnd darzu ein weiß brodt zum newen Jahr, von eim ſchilling pfennig“. Ungedr. Urkunde Heinz Scheffers von 1499. Walter Schwarzenberg und Gela deſſen Ehefrau geben dem Kloſter Caldern vier Schil⸗ linge von einem Hauſe zu Marburg, welche vier Schillinge von der Küſterin zu Caldern jährlich aufgehoben werden ſollen, damit dieſelbe den Nonnen dafür ſchone broidt kaufen ſoll, Ungdr. Urk. v. 19. Nov. 1395. „Des morgins wan dy Selmeſſe geſungin iſt, ſal man kauffen dryßig ſchone Brod vnde ſal dy armin Ludin geben vmme Godis willin“. Biedenkopfer Urk. v. 1397, Heſſ. Hebopfer 4, 899. Wenn die Gotteslehen von Cappel am Spieß ihre Kinder verändern (ſ. d.) wollten, ſo mußten ſie „dem Abte ſich beweiſen mit eyme Stobichen wynis elſeßers des beſten ader mit eyme ſchonen brode das des beſten wynis eynis Stobechen wert ſey“. Schiedſpruch vom 10. Mai 1430. „Ouch ſo ſoln vnd woln eyn Meyſtern vnd eyne koſtern (zu Hachborn) uff den karfreytag laiſſen kouffen ſchonebroid vor eynen ſchilling penge zu Ebiſtorff vnd das andelagen den heilgenmeiſtern da ſelbis, das die ſelben heilgenmeiſter geben ſoln armen luten vmb gots willen“; Urk. des Andreas Menger vom 1. Febr. 1434. „Zu dem iſt etwan ein ſchwanger frawe, frembdt ader kranck menſch, der gern eins friſchen ader ſunſt ſchön brots genieſſen wolt“. J. Fer⸗ rarius von dem gemeinen nutz. 1533. Bl. 55à. Der Ausdruck kommt bis in die zweite Hälfte des 17. Jarhunderts vor, dann verſchwindet er, wie es ſcheint, mit einem Male. Bremer WB. 4, 672. Hasenbrod ſ. Hase. Nachtbrod ſ. Nacht. Audadu i turuim tit, Fle z. P 550 Erodtuch, Tiſchtuch, Serviette der modernen Welt nach der Be⸗ zeichnung des 16. Jarhunderts. Ein Leinweber aus Niederasphe ſagt 1576: „— daß ich meines Handwerks ein Leinweber bin vnd darauff eine gute Zeit gewandert, alſo daß ich Zwilch vnd gebildte Brodtücher vnd Handthwelen machen kan Got hab lob“. Brék mse., auch wol neulr., ſumpfige Wieſe. Das Wort iſt in voller Uebung nur im weſtfäliſchen und ſächſiſchen Heſſen, in der hier verzeichneten Form. Das gemeinhochdeutſche Bruch, pl. Brücher wird zwar verſtanden, aber vom Volke wenig oder gar nicht verwendet. Vgl. die unſaubere Anekdote Melander Jocoseria (Lich 1603. 8) No. 652, welche ein allgemeines Verſtändnis, wol auch allgemeinen damaligen Gebrauch des Wortes in Oberheſſen vorauszu⸗ ſetzen ſcheint. brommeln, brömmeln, bremmeln, Frequentative von brummen, welche beſonders im untern Niederheſſen ſehr üblich ſind, um das mislaunige, kleinliche und bei jeder Gelegenheit kund gegebene, indes doch nicht laut ausgeſprochene Tadeln krittlicher Perſonen zu bezeichnen. Grimm d. W. 2, 397. Brodiuch — bromnelu. Brose — brüd. 57 Brose fem., Krume, Brodkrume; deminutiv Rrösel mse., Krümchen. bröseln, verbröseln, Brod zerkrümeln. Im Schmalkaldiſchen und Fuldaiſchen. Reinwald henneb. Id. 1, 16. brösen, pullulare, Knospen, Schößlinge treiben. Ein im Haungrunde gewöhnliches, im übrigen Heſſen meines Wißens nicht vorkommendes Wort. Es iſt das mhd. brozzen, doch mit der zwiefachen Aenderung, daß der Vocal ver⸗ längert und das (weiche) z in s noch weiter erweicht worden iſt. Aus der Schriftſprache ſcheint dieſes Wort ſeit dem 16. Jarhundert verſchwunden zu ſein. Schmeller b. W. 1, 265. Grimm W0B. 1, 399. Brotze fem. 1) Knospe. Im Haungrund üblich, kommt aber auch ſonſt vor. Es iſt das ahd. mhd. broz, in der Schweiz und in Baiern Broß (Stalder ſchweiz. Id. 1, 231. Schmeller baier. WB. 1, 265), welches hier den Auslaut des weichen z in das harte z umgeſtaltet hat. Es bleibt dieß um ſo verwunderlicher, als in eben der genannten Gegend das mhd. brozzen nicht etwa brotzen, ſondern brôsen lautet. 2) vorſtehende Lippe, Hängmaul; auch Brots msc., was jedoch mehr die Handlung des brotzens bedeutet. Auch doppelt ausgedrückt: Brotzmaul; Brotz⸗ geſicht. Allgemein üblich. Vgl. Prutsche. brotzen, urſprünglich wol: die Lippen vorſtrecken vgl. Haupt Zeilschr. 7, 337: Weib und Geiß müßen brozuen nach ihrer rechten Speiſe; nur muß allerdings hierbei gleichfalls der Uebergang aus z in 1 vorausgeſetzt werden. Es iſt dieſes, auch ſonſt übliche Wort (Grimm d. W. 2, 407) in Heſſen neben mutzen (ſ. d.) das gebräuchliche Wort für maulen, ſchmollen, welches letztere Wort übrigens urſprünglich gleichfalls die Bedeutung des Aufwerfens der Lippen hat. Ob unſer Brotz, brotzen in der Bedeutung des Vorſtreckens der Lippe auf Frala zurückzuführen ſei, wie Grimm d. W. 2, 407 meint, iſt mir mehr als zweifelhaft. brotzeln und bröseln, im Kochen langſam aufwallen: der Brei, das Mus brolzelt (brözelt). verbrotzeln, verbrözeln, verkochen, von einer Flüßigkeit, welche durch das Kochen allmälich verdampft und zu dick (ſteif) wird; kocht eine Suppe, Brühe u. dgl. zu lange und folglich zu ſtark ein, ſo verbrotzelt ſie, iſt ſie verbrotzelt. Warſcheinlich nur ein Deminutiv zu braten, denn mit brosen (pullulare) und brotze (Knospe), ſo wie brdtsen, brötseln, brüiseln (aegrotare) ſcheint eine Verwandtſchaft anzubahnen nicht möglich. Das Wort iſt in Altheſſen allgemein üblich, und komt ſelbſt in den ſächſiſchen Diſtricten vor. hrüd, ſtolz, hochmütig, hochfarend, namentlich mit dem Nebenbegriff der mit unverſtändigem Uebermut oft gepaarten Unſtätheit und Unruhe; auch in dem Sinne von grob, ungezogen gebräuchlich. Kommt faſt nur in Oberheſſen vor („laß mich ungebrüd“), von wo es auch Eſtor d. Rechtsgl. 3, 1405 in der Form „verbruidt“, welche mir nicht vorgekommen iſt, verzeichnet hat. Man iſt verſücht, an das mhd. broede zu denken, indes weicht die Bedeutung allzu⸗ weit ab. Daſſelbe aber, was das heſſiſche brüd, wird ſein das anderwärts erſcheinende prüts, prütſch, superbus, „ſich prütſch halten“. Schottel Haubtſpr. S. 1379. Schmidt weſterw. Id. S. 37. Richey hamb. Id. S. 25. Stalder 1, 236. Grimm d. W. 2, 456. Brem. WP. 1, 146: brüen, aufziehen, 58 vexieren; 147: verbrüet, etwas trotzig, ſtolz. Dieſes Verbum, welches Eſtor a. a. O. gleichfalls verzeichnet, ſcheint jetzt nicht mehr vorzukommen. Brudel msc., Dampf, Brodem. Im Schmalkaldiſchen üblich, auch ſonſt einzeln und ſelten vorkommend. Reinwald henneb. Id. 1, 16. Brüel, Prühl masc., jetzt nicht mehr in appellativiſcher Bedeutung: Wieſe, die mit Buſchwerk bewachſen und ſumpfig iſt, vorhanden, ſondern nur noch Ortsbezeichnung, welche hin und wieder vorkommt. So in Eſchwege, wo 1657 die als Zauberin proceſſierte Katharina Hochapfel „im Bruell“ wohnt; in Kaſſel (Beſchreibung von Kaſſel 1767 S. 94; Landesordnungen 1, 456), Goß⸗ felden („eine Wiſſe vor der Hardt, genandt der Brüel““1568), Erksdorf, Ernſthauſen A. Rauſchenberg, Rauſchenberg, Weiterode und anderwärts, meiſt Wieſen. Grimm d. Wörterb. 2, 426. Erunkel msc. und neutr., urſprünglich Appellativum, warſcheinlich Anger, feuchte Wieſe bedeutend, wie das Wort ehedem oft und einzeln noch jetzt vorkommt. „½ fl. wird geſtraft Donges ſcheffer zu Sarnauw, das Elßbett ſeine Baße mit ſeinem Schafvieh Born Micheln ſein Wießen brunckel hat vßgehuett“, Wetterer Bußregiſter von 1591. „Der Brunkel im Hach“, Rollshauſen 1834. Jetzt iſt das Wort eine, durch ganz Altheſſen verbreitete, Eigenbenennung von Wieſen und Flurſtücken, zuweilen Brünkel, Brinkel, Bringel geſprochen und geſchrieben. So in Hundelshauſen, Lohra bei Felsberg, Caldern, Haina A. Frankenberg, Momberg, Sterzhauſen, Dagobertshauſen und ſonſt. Auch Compoſitionen kommen vor: der Brunkenacker (Harle). Es wird nichts übrig bleiben, als das Wort an Brink anzulehnen. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 54. Grimm WB. 2, 431. brunzen, mingere, wie überall in Deutſchland, von brunne abgeleitetes Verbum. In Heſſen faſt nur von dem weiblichen Geſchlecht und von kleinen Knaben üblich, ſonſt ſeichen. brunzeln, brünzeln, Deminutiv von brunzen. „Daß Strohhenrichs fraw die gewaſchene ſchüſſeln, darauß man eſſen müſſen von dem banck genommen, darein b. m. gebrintzelt“. Marburger Hexenproceſſacten von 1658. Grimm WB. 2, 441 — 442. Brustileck msc., Weſte. In den öſtlichen Dörfern des Kreißes Hünfeld. Erütschniller msc., Benennung des Hirſchkäfers, Lucanus cervus, in Oberheſſen an der untern Lahn. Da dieß Wort eigentlich ein obscoenum iſt, wird es, wenn Anſtoß befürchtet wird, in Brütschnider traveſtiert. Bubenschenkel, ein Weizengebäck, deſſen größere Form in Nieder⸗ heſſen Schorn heißt (ſ. Schorn). Sache und Name ſind in Marburg und weiter ſüdlich, nicht im übrigen Heſſen, üblich, auch durch Clemens Brentanos Gockel Hinkel Gakeleia ſeit 1840 weit und breit bekannt geworden. Büchse fem. Hoſe. Ziemlich überall verſtändlich, auch von Eſtor S. 1405 aufgeführt, eigentlich üblich jedoch nur im ſächſiſchen Heſſen; wo ſonſt das Wort vorkommt, wird es mehr im Scherze verwendet. Im Schaumburgiſchen heißt der Werwolf Böxenwulw. Die Ausſprache iſt im ſächſiſchen Heſſen lieber Büsse, und als eigentliches Scherzwort gebraucht, Buxe. büchen, büchten (meiſt bichen, bichten geſprochen), die zu reinigende Wäſche in heißer Lauge einweichen. Die hier angegebene Form, in den nieder⸗ Brudel — büchen. Bulfe — Bulenslrut. 59 deutſchen Bezirken buken, iſt die einzige hieſigen Landes gebräuchliche; weder beuchen noch, und viel weniger, wird bauchen geſagt. Büche, Büchte f. das Einweichen der Wäſche in heißer Lauge. Das Wort gehört der deutſchen Sprache nicht ausſchließlich zuz nicht allein daß es in den übrigen Sprachen germaniſchen Stammes in Europa er⸗ ſcheint, ſo haben es auch ſämtliche Lomaniſche Sprachen. Bufle msc., gewöhnlich Buffen, Brocken Brod, ſo viel man auf einmal in den Mund ſteckt. buffeln, buffeln, das, zumal in eine Flüßigkeit (Kaffee, Milch) ein⸗ getunkte, Brod brocken und ſo brockenweiſe verzehren. Beide Ausdrücke kommen als üblich nur im Schmalkaldiſchen, einzeln auch im öſtlichen Heſſen, vor. büh, in der Redensart: buh coll, ganz voll, insbeſondere von einem Betrunkenen in Oberheſſen ſehr üblich. Schon bei Eſtor 3, 1406. Büill msc., ahd. buhil, kleiner, ſanft anſchwellender Hügel. Dieſes gemeinhochdeutſch, der niederdeutſchen Sprache völlig fremde Wort iſt in Heſſen ehedem üblich geweſen, jetzt aber als Appellativum ſo gut wie ausgeſtorben. Die heſſiſchen Schriften des 16. Jarhunderts (z. B. Kirchhof im Wendunmut) gebrauchen es noch appellativiſch, im 17. Jarhundert iſt es mir als Appellativum nicht mehr begegnet. Als Eigenname erſcheint es häufig: einfach in Oberaula; zuſammengeſeßzt in Fleckenbühl (Hof zwiſchen Schönſtädt und Bürgel, von welchem die am 12. Juni 1796 ausgeſtorbene adlige Familie der Fleckenbühl genannt Bürgel den Namen führte), ſodann in Hombehl (am höhen bühl) bei Niederurf, bei Sebbeterode u. a. O.; in Stembel, eine Höhe der Lahnberge unfern des Frauenbergs, oberhalb der Höhé Capelle und Hahnenheide, welche 1269 Steinbole, 1341 Steymbol genannt wird — übrigens eine auch anderwärts vorkommende Bergbezeichnung; in Sambel (Sandbühl) bei Oberaula und anderwärts; in Spembel (Spanbühl, vielleicht aber auch aus Steinbühl ver⸗ derbt) bei Solz, und in anderen Compoſitionen: Dambühl, rote Bühl (Wohra 1535) u. dgl. Dühlen (sich), Kopf und Hals, auch den Oberleib weit rückwärts biegen, wie es ungezogene Kinder machen, denen man den Willen nicht thut. Im Schmalkaldiſchen, im Haungrund. Ohne Zweifel ein von bühl, Hügel, gebildetes Verbum. Bulenstrut fem., jetzt gewöhnlich Bunstrut, Bonstrut geſprochen, iſt der Name eines Landſtriches in Oberheſſen, welcher die Dörfer Selen, Grüſen, Lehnhauſen, Ober⸗ und Niederholzhauſen, Bockendorf und Römershauſen begreift; Marburger Beiträge 3, 252. Engelhard Erdbeſchreibung von Heſſen S. 551. Kopp Handbuch 2, 230. Im weiteren Sinne rechnet man wol auch Herbel⸗ hauſen, Elnrode und Halgehauſen zur „Bonſtrut“, welche ſich ſchon vorlängſt durch ihre Pferdezucht, auch durch ihre Wolhabenheit auszeichnete. Was der Name bedeute, iſt nicht leicht zu ſagen. Es fragt ſich zunächſt, ob das Stamm⸗ wort bule oder buole ſei? Die Verkürzung in Bunstrut, Bonslrut, ſcheint für bule (kurzes u) zu ſprechen, und es wäre dann daſſelbe Wort, welches in dem Namen der Hanauiſchen Waldſtrecke Bulau, Bulau, vorkommt. Aber was bedeutet bule? Im Mittelhochdeutſchen iſt es bis jetzt nur einmal gefunden worden (Minneſänger bei Hagen 3, 16b) und bedeutet Rücken, was nicht paſſt und wodurch nichts erklärt wird. Dagegen iſt bei Kopp Gerichtsverfaßung 2, Bei⸗ lagen S. 110, No. 56 eine Urtünde abgedruckt, welche einem Copialbuch ent⸗ 60 Bulge — bullern. nommen iſt, deſſen Abfaßung angeblich in den Anfang des 13. Jarhunderts fällt, und in dieſer Urkunde erſcheint, freilich wieder neben bulenstrud, die Form buolenstruth. Buole bedeutet nun urſprünglich Oheim, Vetter, und wenn dieſes Wort der Beſtandteil der erſten Hälfte unſerer Bulenſtrut wäre, ſo müßte Buolenstrut einen ungebaueten Landſtrich bedeuten, welcher einer Verwandtſchaft, Familie, zugehörig geweſen wäre. Daß in Oberheſſen der Name Buole, Buoler, der Name alter Güterbeſitzer geweſen ſei, ſieht man daraus, daß in Bracht 1548 eine Hofſtatt war, welche von Alters her Bulers Hof hieß, Kopp a. a. O. S. 250, No. 122. Ueber buole vgl. Dietr. v. Stade luth. Wörterbuch S. 149. Grimm d. W. 2, 500. Merkwürdig iſt übrigens, daß das Wort Buole, gleich Buohe, im Althochdeutſchen unerfindlich iſt und erſt im 13. Jar⸗ hundert unvermittelt erſcheint, und es wird durch dieſen Umſtand die Ableitung des ſicherlich ſehr alten Namens Bulenslrut von Buole keineswegs begünſtigt. Bulge fem. Welle, zumal größere Welle, Waßerſchwall, Woge. Nieder⸗ deutſches und nordiſches Wort (altn. byigia); in Nieder⸗ und Oberheſſen, wo weder „Welle“ noch „Woge“ (das letztere wenigſtens jetzt nicht mehr) bekannt iſt, gilt Bulge für Welle und Woge ausſchließlich. Hans Staden aus Hom⸗ berg Reiſebeſchreibung (Weltbuch, Frankf. 1567 II, 27b und öfter): „da die Bulgen vornen ins Schiff ſchlugen“. „für den hohen bülgen vnd wellen, die vmb es (das Schiff) her ſich erhuben, von ſtercke der winde“. G. Witzel Poſtill. 1539. kol. Bl. 1264. Grimm d. W. 2, 511. Der ſteile Felsabhang des Berges, an welchem die Stadt Marburg liegt, hieß an ſeiner öſtlichen Seite, an welcher die Lahn unmittelbar herfließt, der Bulgenſtein, Bülgenſtein („Bylgenſtein“ 1536 in der Rede des Reinhard Lorich in laudem Academiae Marpurgensis [Panegyrici Acad. Marp. 1590. 8. Bf A 3bl, Billichenſtein 1496 ſ. [v. Canngießer] Rechtsbegründete Nachricht von dem Urſprung des deutſchen Hauſes 1751. kol. Urk. S. 45), d. h. Stein an den die Wellen anſchlagen; aus dieſem Namen wurde im 18. Jarh. der Name Pilgrimſtein (wie die unter jenem Felsabhang ſich herziehende Straße jetzt heißt) durch Misverſtändnis gebildet. Das Volk ſpricht noch jetzt, wie Lorich im Jahr 1536: Bilgeſtein. bulgen, bülgen, Wellen ſchlagen. „die ſtarcken winde giengen ſo ge⸗ waltig in den See, vnd trieben ihn ſo mechtiglich, das er in die höhe bülget, vnd ſolche wellen kriegt vmb das Schiff her, das man es von auſſen auff dem waſſer nicht hat ſehen mögen“. G. Witzel Poſtill 1539. kol. Bl. 126a. Wenn ſeine waſſer brauſen vnd bülgen. Ebdſ. Bl. 130b. Das Wort wird auch noch heut'zu Tage nicht ſelten gehört: „das Waßer bulgt immer höher, bis es am Ende noch über die Brücke ſchlägt“. Ueberſchwemmung vom 17. Jan. 1841. Eulle fem, vulva. Nur im Schmalkaldiſchen üblich. Vgl. Bile. 47.)1. bullern, in den niederdeutſchen Bezirken pullern, ſonſt auch bullern, billern geſprochen, mingere; hauptſächlich von Kindern, namentlich kleinen Knaben gebraucht. Bullarsch, ein Knabe, welcher häufigen Drang zum Urinlaßen hat; auch Benennung von Feld⸗ und Waldplätzen (Günſterode, Niederbeisheim, Ziebachs⸗ mühle, Oſtheim). Vgl. Bille und Bulle.“ Bullerborn, Name von Qüellen und Brunnen, theils ſolchen, welche nur langſam, tropfenweiſe aus der Brunnenröhre fiteßen, theils ſolchen, welche mit Bundschuh — bunter. 61 einem gewiſſen Geräuſche aus dem Boden hervorkommen. Der Name erſcheint ziemlich häuſig, mitunter auch als Billerborn. Rundschuh. Dieſe alte Fußbekleidung der Dorfbewohner, die in Deutſchland nur noch in Oberöſtreich vorkommt, iſt in Heſſen zwar ſeit Jar⸗ hunderten nicht mehr vorhanden, ja nicht mehr gekannt, aber der Name derſelben hat ſich, unverſtanden allerdings und zum Theil bis zur völligen Unverſtändlich⸗ keit entſtellt, bis jetzt erhalten. In dem Frühlingsſpiel der Knaben im öſtlichen Heſſen mit Thon⸗ und Marmorkugeln (Wacken, Ullern, Schoßern, Merbeln, Hüppern, ſ. dieſe Wörter), in welchem ſich mehrere, aus dem Leben längſt ver⸗ ſchwundene Ausdrücke erhalten haben (ſ. Leich), findet ſich auch der Ausdruck Bundſchuh. Es bezeichnet derſelbe eine Schuhlänge (auch Schuhbreite), um welche man, wenn man ſich dieſes Wortes zeitig bedient, die Stelle ſeines zum Abſchnellen gebrauchten Schoßers verrücken darf, um ſich in eine zum Abſchnellen bequemere Lage zu bringen. Außerdem iſt die im 15. und 16. Jarhundert ſehr übliche Redensart, mit welcher man halb ſcherzhaft halb unwillig eine längere Reihe von Aufzälungen abzuſchließen, vielmehr abzuſchneiden pflegt: „et ceiera Bundſchuh“ (bei Fiſchart, in v. d. Hagens Narrenbuche S. 531, Haupi Zeitſchrift 1, 433 vgl. Schmeller 3, 340) noch jetzt üblich, nur lautet dieſelbe: „et cetera Bonenſtro“. Auch die zum Abſchluß einer Erzälung von Abge⸗ ſchmacktheilen gebrauchte Phraſe: „Reim dich Bundſchuh“ mag in Heſſen in Uebung geweſen ſein, wenigſtens kommt dieſelbe bei Kirchhof vor, Wendunmut 1602. S. 595. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 4, 55. Eune fem., ein Waßerbau von Weidengeflecht, um den Stoß des Strom⸗ laufs vom Ufer abzuhalten; dieſe Zäune pflegten eine Strecke vom Ufer des Flußes in das Ufergelände hinein zu reichen, ſo daß ſich bei Anſchwellungen des Flußes vor den Zäunen Lachen bildeten, in welchen ſich nicht ſelten Fiſche in großer Anzal fanden, welche dann von den Beſitzern der betreffenden Landſtücke für ihr Eigentum pflegten gehalten zu werden. Eſtor d. Rechtsgel. 1, 894 -895. Brem. N. S. Wörterb. 1, 663. Pratje Bremen und Verden 2, 26. Auch nannte man (und nennt wol noch) die Lachen ſelbſt, welche der ausgetretene Fluß bildet, Bunen. Grimm hat WB. 2, 510 dieſes Bane mit Bune identiſicirt, und namentlich gemeint, Goethe habe 41, 320 „Buhnen“ bloß dem Reim „Neptunen“ zu gefallen geſchrieben. Der heſſiſche Dialect aber macht zwiſchen Bane und Bune (Bünne, Bönne) wo überhaupt das letztere Wort vorkommt, den aller⸗ beſtimmteſten Unterſchied. Büne fem., geſprochen Bünne, Bönne, im ſächſiſchen Heſſen der obere Theil des Hauſes, das obere Stockwert, die Stube oder Kammer über der Haus⸗ flur oder dem Wohnzimmer, welche ſehr gewöhnlich zur Aufbewarung von Obſt, Hülſenfrüchten u. ſ. w. dient; derjenige obere Theil des (ſächſiſchen) Hauſes, welcher zur Aufbewahrung des Viehfutters dient, heißt Futterbüne. Im übrigen Heſſen iſt dieſe Bezeichnung unbekannt, wie umgekehrt das Wort Läube, welches ſonſt in Heſſen dieſe Hausteile zu bezeichnen dient, im ſächſiſchen Heſſen (mit Ausnahme von Borleube) faſt gänzlich unbekannt iſt. In Kaſſel verſteht man unter Büne die Zimmerdecke. bunter, geſprochen bunger, aus be⸗unter verſchleift. unterhalb, darunter. In ganz Heſſen üblich. Grimm Gramm. 3, 263- 264. Vgl. boben und buten. ussrm han Marburg a. d. lahn 62 Bunze — bussbeinig. Bunze, Bunz, fem., vulva. Vorzugsweiſe im öſtlichen Heſſen gebräuch⸗ lich, aber auch außerhalb Heſſens üblich. Grimm WB. 2, 531. Rechtsalterth. S. 381. Bürde fem., wie gemeinhochdeutſch: Tracht (Heu, Klee, Haſelſtöcke zum Korbflechten); iſt aber nur im Schmalkaldiſchen gebräuchlich, im übrigen Heſſen unbekannt und unverſtanden. 0 ſ 1 b?.75. Faatc. büren, heben, aufrichten. Im weſtfäliſchen und ſächſiſchen Heſſen, ſonſt unbekannt. ein Hlaus büren, das Hausbüren, das Zimmerwerk eines Hauſes auf⸗ richten, welches hier wie überall in Deutſchland eine Feſtlichkeit der Zimmerleute iſt. Es iſt das alte purjan efferre, erigere (Graff ahd. Sprachſchatz 3, 163). Bürgermeister, nicht anders als: Burgemeister geſprochen, war bis zum Jahr 1834 die ausſchließliche Bezeichnung der Ortsvorſtände in den Städten und den ſogenannten Flecken, während die Dorfvorſtände Greben oder Schulzen genannt wurden. Die Gemeindeordnung vom 23. October 1834 ver⸗ lieh dagegen, in bedauerlicher Nachahmung fremdländiſcher Beiſpiele, dieſe Benen⸗ nung allen Ortsvorſtänden ohne Unterſchied. Gemeindsbürgermeister war in manchen Slädten (Rotenburg u. a.) eine untergeordnete Function in der ſtädtiſchen Verwaltung. Dem Gemeindsbürger⸗ meiſter lag insbeſondere die Beſorgung und Beaufſichtigung der öffentlichen Arbeiten ob, ſo hatte er z. B. zum Dienſte anzuheißen u. dgl. Kuhbürgermeister war in vielen Dörfern die halb ſpöttiſche aber doch regelmäßig angewendete Benennung desjenigen Gemeindegliedes, an welchem die Reihe war, den Faſelochs zu halten; auch wurde daſſelbe wol einfach Bürger⸗ meiſter genannt. Dieſe Bezeichnung hat, ſeitdem die Dorfvorſtände den Titel Bürgermeiſter führen, begreiflicher Weiſe aufgehöret; es kommt dieſelbe aber ſchon im 17. Jarhundert vor und iſt warſcheinlich weit älter. „Die inquisila were einmal burgermeiſter geweſen, nun were der brauch zu Cappel, daß der hirt den Kühen die hörner abbrennete, vnd muſte des burgermeiſters fraw, inqui⸗ sita, mit dem fewer mitgehen“. Marburger Hexenprozeſſacten von 1655. burgwerken iſt noch jetzt in Gudensberg der Ausdruck für: Fron⸗ dienſte leiſten. Bursch m., ſehr oft Burst geſprochen (wie auch bei Fiſchart), plur. die Burſch und die Burſchen, ein ſeit dem Anfange des 17. Jarhunderts all⸗ mälig in Gang gekommene, aber erſt im 18. Jarhundert, nach dem Untergang des Wortes Knecht in deſſen eigentlicher Bedeutung, herſchend gewordene Be⸗ zeichnung der jungen Mannsperſonen überhaupt. Die alte Bedeutung war bis auf die neueſte Zeit (1830—1840) am lebendigſten auf dem Gymnaſium zu Hersfeld, deſſen Schüler in der Stadt nicht nur, ſondern auch Seitens des Oekonomen und der ältern Lehrer vorzugsweiſe und eigens die Burſche (bursarii) hießen, da ſie wirklich bis zum Jahre 1825, wenigſtens theilweiſe, in einem bursarium (dem „Kloſter“) wohnten. Platzbursch, aber an vielen Orten noch jetzt auch Platzknecht genannt, iſt der von den übrigen Burſchen gewählte Feſtordner bei der Kirmes (ſ. d.); meiſtens wurden zwei, zuweilen auch mehrere, Platzburſche (Platzknechte) gewählt. Eurzel msc., kleiner unanſehnlicher Menſch, Scherzwort; einzeln im öſtlichen Heſſen und im Schmalkaldiſchen gebräuchlich. bussbeinig, oft entſtellt geſprochen faussbénig, mit bloßen Beinen. Oberheſſen, von wo es ſchon Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1404 und zwar in der Busseling — Buttermachersche. 63 Redensart beibringt, in welcher es noch jetzt gehört wird: „barbes un bus⸗ beinig, ohne ſchuhe und in bloſen beinen“, d. h. ohne Schuh und Strümpfe. Busseling, Boteling msc., der ein⸗ bis zweijährige Stier, zumal der eben verſchnittene. boteling und boseling erſcheint in dieſer Bedeutung in Kaſſeler Rechnungen von 1451. „Zum erſten ſol niemants von vnſern lantſeſſen vnd vnderthanen, ſie ſein edel oder vnedel, Ritter oder knecht, burger oder bawer, kein kuhe, kalb, ochſſen, ſtier, büſſeling, kalben, ſchaff, hämel, lam oder geyß, jung oder alt, keinem fremden oßlendigerm menſchen — verkeuffen“. Landgraf Philipps Reformation vom 18. Juli 1527. 4. Bl. Eiija. LO. 1, 55. jehrige busselinge Ludwigſteiner Rechnung von 1576. vier stier oder grobe busslinge Kloſter Hainaer Rechnung von 1621. Bei Chytraeus Nomenclator saxonicus iſt bötling 352 gleich hamel, vervex und 357 equus castralus. Hoffmann horae beig. 7, 24. Friſch 1, 123. Weder vom Pferd noch vom Hammel kommt busseling in Heſſen vor, iſt auch jetzt, außer in den ſächſiſchen Bezirken des Landes (wo Boeteling geſprochen wird), wenig oder gar nicht mehr im Gebrauch. Grimm WB. 2, 277. Busmen msc., der Buſen; unorganiſch gebildete Form des urſprüng⸗ lichen (ahd.) puosum, des noch im Holländiſchen vorhandenen boezem, die jedoch im Gegenſatz gegen das gemeinhochdeutſche Buſen das m noch bewahrt. (Vgl. Besmen). Dieſe Form, ſo wie das Wort ſelbſt iſt nur im weſtfäliſchen Heſſen (Wolfhagen und Umgegend) noch üblich, in einfacher Form der Volksſprache im übrigen Heſſen völlig fremd. 54t.: 0, 1, 7 22 5 Auratitt 2, 32. Busmenlatz (Bosm.), Bruſtlatz, Weſte; ebendaſelbſt üblich, ſonſt unbekannt. Buselapp, Bruſtlatz, Weſte. Schmalkalden, ſonſt unbekannt. Reinwald büsern, ein alter, jetzt ausgeſtorbener, aber bis zur Mitte des 18. Jar⸗ hunderts auch in Heſſen üblicher Rechtsausdruck: den Buſen geltend machen; die leibeigenen Frauen büſerten (activ], und die Kinder der leibeigenen Frauen büſerten, d. h. die Leibeigenſchaft der leibeigenen Frauen pflanzte ſich auf deren Kinder fort. Eſtor kleine Schriften 1, 118, t. Rechtsgel. 1, §. 388. Das Wort fehlt in Grimms Wörterbuch. büten, aus be dien verſchleift, draußen, außerhalb. Nur im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen gebräuchlich. Vgl. bober und bunter. In ältern Schriften, vorab in niederheſſiſchen, indes hin und wieder auch in oberheſſiſchen, findet ſich auch die hochdeutſche Form: baussen („N. N. hat baußen den holtz: lagen gefaren“ 1566), die mir im Leben nicht mehr vorgekommen iſt. Pie.: 10 Butte fem. Traggefäß für Flüßigkeiten, zumal für das vom Brunnen La. zu holende Waßer, von der Geſtalt eines abgekürzten Kegels, deſſen (offene) Baſis nach oben, die abgekürzte Spitze nach unten gerichtet iſt und den Boden bildet; es wird mit zwei Tragbändern (Buttenbänder, aus Werg geflochten) auf dem Rücken getragen. Im innern und öſtlichen Heſſen iſt die Butte ausſchließlich gebräuchlich, in Oberheſſen, wo man das Waßer in Zubern auf dem Kopfe trägi, gänzlich unbekannt. Der Gebrauch des Wortes für Kübel, Zuber, Bütte (Bade⸗ bütte) u. dgl. iſt in Heſſen unbekannt; man braucht für dieſe Gerätſchaften die Bezeichnungen Gelte, Zuber, Wanne u. dgl. Wo die Butte unbekannt iſt, heißt auch der Faßbinder nicht Böltner, ſondern Vender. Eeer&u, 7 k2f (4 Vgl. Grimm d. WB. 2, 519- 580. Buttermachersche, Buttermacherin, das ehedem in Heſſen wie anderwärts übliche Wort, welches zu gelinderer Bezeichnung einer Here (Hexin, 64 Butierrogel — gedaeg. Zauberſche) gebraucht wurde; z. B. „ich weiß doch wol, daß mich der ſchultheiß jeder zeit vor ein Buttermacherſche gehalten“ Kirchhainer Hexenproceſſacten von 1654. Es war nämlich eine geläufige Beſchuldigung gegen vermeintliche Hexen, daß ſie eine ungewöhnliche Menge Butter und Käſe bereiteten. Zu dieſem Endzweck hielten ſie, hieß es, im Keller in einem Käſtchen Butterkröten, welche von ihnen ſorgfältig gefuttert und bisweilen an die Sonne getragen würden. Noch jetzt iſt dieſe Bezeichnung als ein nunmehr unverſtandenes Schimpf⸗ wort hier und da im Gange (Oberaula). Buttervogel iſt im öſtlichen Heſſen, zwiſchen Fulda und Werra, der ausſchließliche Name des Schmetterlings, vorab des gemeinſten, des Kohl⸗ weißlings. Vgl. Papiller, Zwitzvogel, Murkstafel. Buxtclaude. Sprichwörtliche Redensart der Mittelſtände in Nieder⸗ heſſen, um neugierige Fragen nach dem Ziele einer unternommenenen Reiſe, nach dem Zwecke eines begonnenen Unternehmens abzuweiſen: (ich will) nach Buxte- hutle in die Pelzmühle. Vor funfzig Jahren (1810 — 1820) noch war dieſe Redensart ungemein häufig, jetzt ſtirbt dieſe Erwähnung des Lüneburgiſchen Abdera, Buxtehnde, deſſen Papiermühlen übrigens im 17. Jarhundert den Zunft⸗ gerichtshof für die Papiermüller im nördlichen Deutſchland bildeten, allgemach aus. büzen, auch bufsen, ſich ſtoßen, anſtoßen, zumal mit dem Kopfe. Am üblichſten im Haungrund, aber auch ſonſt gebräuchlich. butzen, butzeln, verbutzeln, verdecken, verhüllen, namentlich das Geſicht verhüllen. Eſtor S. 1406. Eutzen msc. Haufe, Klumpen; ein Butzen Werg, Gras u. dgl. Allgemein üblich. Im Schmalkaldiſchen iſt das Deminutiv Büesel in gleicher Bedeutung, jedoch vorzugsweiſe von einer Hautgeſchwulſt, Beule, gebräuchlich; eben ſo im Fuldaiſchen, wo Butzel geſprochen wird. Reinwald henneb. Id. 2, 33. D: dabberig, dawwerig, weich, z. B. von weich gewordenen reiſen Ge⸗ ſchwüren, ſaulendem Obſt u. dgl. Ziemlich allgemein üblich. dachen (reflexives Verbum), beſchwichtigt, geſtillt werden, nachlaßen; vom Schmerz, den Krankheitsparoxysmen, auch von Ungewitter und Sturm ge⸗ bräuchlich: „der Schmerz dacht ſich nach und nach“; „der Krampf war arg, aber er dachte ſich doch bald“; „die Krankheit hat ſich nun gedachl“. Im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen, ſonſt unbekannt. Im Haungrund ſpricht man jedoch idgen: „die Wehthat tägt ſich, hat ſich getägt“. Rteinwald 1, 18, welcher dieſes allerdings auffallende Wort (deſſen Anlehnung an lag, ſo daß er = vertagen wäre, nicht warſcheinlich iſt) an das goth. thahan, aſ. dagen, anſchließt, was freilich auch keine allzugroße Warſchein⸗ lichkeit für ſich hat. Nicht unwarſcheinlich gehört hierher auch gedaeg, gedaek, im Fuldaiſchen, gede im Schmalkaldiſchen, welches bedeutet: nachgiebig, durch Unglück gedemütigt, gedrückt, und in jenen Gegenden ſehr üblich iſt; „der ist ganz gedaeg (gede) geworden“ = er wagt nicht mehr laut zu werden, mucſt nicht mehr. Dachen — Dam. 65 dachen ſoll außerdem hin und wieder das Abſchneiden der Spitzen der allzugeil aufſchießenden Weizenhalme bedeuten, was im Fuldaiſchen durch schremen, in Oberheſſen durch blalten bezeichnet wird.⸗9 4 74, Dachsel fem., auch Dochsel geſprochen, eine groß gewachſene aber unbehelfene Frauensperſon. Im Haun⸗ und Eitragrunde üblich. Dacht neutr., ellyehnium, Docht. Nur im öſtlichen und nördlichen Heſſen gebräuchlich, im weſtlichen unverſtanden; hier braucht man Wieke. Dacket msc., langwierige Krankheit, auch heftiger Krankhei. sanfall. Oberheſſen. Eſtor S. 1406. Vgl. Tuchs. dahlen, ſchwatzen, plaudern. Nur im ſächſiſchen Heſſen gebräuchlich, und doch nicht allzu häufig verwendet. dalgen, manibus confrectare, meiſt in tadelndem Sinne gebraucht: „die Kinder haben die Blumen ſo lange gedalgt, bis ſie verwelkt ſind“; ein Mädehen herumdalgen. Schmidt weſterw. Id. S. 249 hat das Wort auch, aber in dem Sinne von prügeln, in welchem es bei uns nicht vorkommt Vgl. dalmen, delpen, dulchen. Dalhepapier, Löſchpapier. Im Fuldaiſchen; hier die ausſchließlich gebräuchliche Bezeichnung. dalkig, ſeltner talkig geſprochen, ſchmierig, vorzugsweiſe von unaus⸗ gebackenem Brode gebraucht. Schmidt Weſterw. Id. S. 249. Reinwald Henneb. Id. 1, 61. Dalk mse., das unausgebackene Mehl, die ſchmierige Maſſe, welche in einem „ſitzen gebliebenen“ Brodlaibe oder Kuchen ſich findet. Schmeller 1, 368. Dalles mse., Verderben, Untergang. „Der hat den Dalles“, der hat genug, mit dem iſt es vorbei. „Das wär nun gar der Dalles“. Das Wort iſt ſehr allgemein üblich, übrigens der Judenſprache entlehnt. Die Juden nennen ihr Todtenkleid, mit dem ſie ſich am großen Verſöhnungstage betleiden, den Tallis, Dalles, hebr.⸗chaldäiſch Moin, und die eigentliche Formel, die man auch, ehedem wenigſtens, im öſtlichen Heſſen am häufigſten hörte, deren ſich auch die Juden, wenn nicht ausſchließlich, doch vorwiegend, bedienten, lautet: „er hat den Dalles an“, „hat den Dalles ſchon an“ d. h. iſt ſchon wit dem Todtengewand bekleidet. Schmidt Weſterw. Id. S. 250 hat das Wort auch, aber eine ſinnloſe Ableitung deſſelben. dalmen, manibus contrectare, meiſt, gleich dalgen im tadelnden Sinne gebraucht, und üblicher als dalgen; letzteres bezeichnet eine derbere Manipulation als dalmen. „Dalm den jungen Hund nicht ſo, dann gedeiht er nicht“; „in einem fremden Hauſe muß man nicht an allem dalmen“ (an allem herum⸗ dalmen, alles bedalmen). Vgl. delpen und dulchen. Dam, Dammer, Dammel, erſte Compoſitionshälfte des Namens mehrerer, meiſt bewaldeter Berge in Heſſen: Damberg (bei Goßmannsrode und anderwärts); Dammskopf bei Ludwigseck, Dammshecke (Sarnau), Dammersberg („Dammerſche Berg“, bei Solz), damsche Berg (Sarnau 1574), Dammelsberg (1525 Dams- berg, bei Marburg), wozu der Name des Dorfes Dammersbach und das Dammersfeld, einer der gröſten Rhönberge, an der Grenze von Heſſen, kommt. Soll das Dam auf ein deutſches Stammwort bezogen werden, ſo iſt Damberg der Verg der Tamen, Damhirſche, und alsdann würden die übrigen Wörter montes damulae (tamili) bedeuten. Daß die Damhirſche ihren Namen nicht von Wilmar, Idiotikoik 5 66 Dampf — Datsche. Dänemark führen (von wo ſie 1370 nach Heſſen gebracht worden ſind) wie Landau Geſch. der Jagd S. 264 gemeint, iſt kaum nötig zu erinnern, da der Name Täme etwa 500 Jahre vor dieſer Einführung beſtanden hat. Dampf msc. (geſprochen dämp), Aſthma, Engbrüſtigkeit. Oberheſſen, Ziegenhain. In Niederheſſen iſt Dumpf (domp, dump) msc. üblicher. Vgl. Grimm WB. 2, 715. 1522 - 1523. dampfig (dampig), dumpfg (dompig) aſthmatiſch, engbrüſtig. Vgl. dumpig in der Gr. Hohenſtein. Journ. v. u. f. Deutſchl. 1786, 2, 115. dämpsch, daempsch, aſthmatiſch; weit üblicher als dampfig (dämpig). Eſtor t. R. 3, 1406. bedumpe, bedompe, dumpfig, von der Lage der Häuſer und der Zimmer, von der rheumatiſchen Eingenommenheit des Kopfes, von beginnender Engbrüſtigkeit. Schmidt Weſterw. Id. S. 17. bedappeln, begreifen, einſehen, verſtehen. Allgemein üblich, meiſt zwar im Scherze, aber doch auch nicht ſelten ganz ernſtlich gebraucht. däppen, beſchwichtigen, zur Ruhe bringen, dämpfen; „wir wollen die Schmerzen ſchon däppen“; „der ſchlimmſte Schmerz war bald gedäppt“. Im Fuldaiſchen, faſt ganz in dem Sinn, welchen dispen (ſ. d) im übrigen Heſſen, dipsen im untern Haunthal hat. Däpper msc., auch Dopphacker, die größere aus Marmor gedrechſelte Kugel, mit welcher die kleinen Mädchen zu ſpielen pflegen. Fulda. Pgl. Knipshüpper, Schoßer, Merbel, Pecker (Bicker). doppen, mit dem Däpper ſpielen. Fulda. dar, dahin, hin. Alte und riehtige, in Oberheſſen noch jetzt übliche Form, in der Schriftſprache zu deren Nachteil ſeit der Mitte des 17. Jar⸗ hunderts ausgeſtorben. darren, in Niederheſſen die üblichſte Form des gemeinhochdeutſchen dörren, gebräuchlich vem Obſte, vom Malze und ehedem vom Flachſe. Ander⸗ wärts iſt därren und derren mehr im Gebrauche. Darre fem. 1) Anſtalt zum Dörren des Obſtes, des Malzes. Für Hürde, erates, auf welcher das zu trocknende Obſt ausgebreitet wird, kommt Darre in Heſſen nicht vor. 2) Schwindſucht, mehr von Thieren als von Menſchen gebräuchlich; namentlich heißt die Lungenſchwindſucht der Menſchen wol niemals Darre; eher kommt das Wort von andern Krankheitserſcheinungen z B. der ſogenannten Bauchſchwindſucht vor. DAst msc., Moos, Flechte, beſonders das in Klumpen und lang herab⸗ hängenden Zipfeln an den Bäumen wachſende, und das in Mooren wachſende Moos. Obere Werra, Schmalkalden; hier auch wol figürlich für Verwirrung, Unordnung, Wirrwarr, und gern Täst geſprochen. Daster msc., auch, doch ſelten, Taster geſprochen, der klebrige, fettige Ueberzug welcher ſich bei der Beſchäftigung mit fettigen, klebrigen Gegenſtänden oder durch Unreinlichkeit, auch bloß durch den langen Gebrauch, auf den Kleidungsſtücken bildet. dasterig mit einem ſolchen Ueberzug verſehen; „meine Schürze iſt bei dem Obſtkeltern und Saftkochen ganz daſterig geworden“. Datsche fem., der aus Lumpen oder aus Salbenden zuſammengenähete oder zuſammengeflochtene Schuh (Ueberſchuh) der ärmeren Leute, zumal der Datschein — de. 67 Frauensperſonen, ſonſt auch Lätschen, Lätsche genannt. Es iſt dieß Wort nichts anderes als das gemeinhochdeutſche Tatze; Landgraf Wilhelm IV. ſchreibt 1584 an irgend einen Fürſten: er ſchicke ihm hier von zwei Bären von jedem zwei Datſchen; Landau Geſchichte der Jagd S. 211. Auch wird das Wort, immerhin aber in etwas verachtendem Sinne, von der Hand gebraucht; am üblichſten iſt in dieſer Beziehung Linkdatsch, Bezeichnung eines Linkshändigen. datscheln, mit der Datſche etwas behandeln: plump angreifen, plump und oft mit den Händen betaſten, anfaßen, zumal etwas Weiches z B. Teig; dem dalgen verwandt. Beſonders üblich iſt bedatscheln als tadelnde Bezeichnung der alles betaſtenden, ungezogenen Kinder und der impudica contrectatio puellarum. Schmidt Weſterw. Id. S. 253. datschig, datschicht, daischig (-cht), unangenehm weich, weichlich, naß weichlich anzufühlen. Eſtor S. 1406. datteln (daddeln, gewöhnlich dolteln, doddeln geſprochen), 1) unſicher, ſchwankend, ſich bewegen, — iaumeln, wie ein Trunkener gehen. In der letztern Bedeutung und in der Form dotteln iſt das Wort beſonders im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen üblich. 2) tändeln, ſchäkern. Haungrund, Umgegend von Hersfeld. dattelicht, unbeholfen, kindiſch, unſicher in ſeinen Bewegungen und Verrichtungen. Ueberall in Niederheſſen ſehr üblich. „Catter Thöle wehre heut vff dem wertgen aller dattellecht gangen“ (hätte ihr Bleichtuch bald hierhin bald dorthin legen wollen) Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657. Eſtor S. 1406 hat: „dattericht, weichlich“. Vgl. Grimm d. W. 2, 827. dattern, daddern, oft auch dädern; in Heſſen das gewöhnliche Wort für ſchnattern, beſonders vom unnützen Vielſprechen gebraucht. „Verwohr es eß kein Getater“ Aller Reddelichen Heſſen⸗Kenger Herzeliche Freude. Eiſenach 1731.4 (auch abgedr. Hersf. Intell. Bl. 1832. No. 9). [Reime auf Landgr. Friedrich I). Schottel Haubtſprache S. 1299: datteren anserum est. Vgl. Grimm d. W. 2, 671 (dadern) und 2, 828 (dattern). dè (hin und wieder faſt wie dae geſprochen) iſt die durch ganz Nieder⸗ heſſen mit Einſchluß von Ziegenhain und Hersfeld übliche Form für den Nominativ der zweiten Perſon des ungeſchlechtlichen Perſonalpronomens im Plural. Die gemeinhochdeutſche Form ihr wird in Niederheſſen zwar verſtanden, aber niemals gebraucht. „De lieben Lüthchen“, O. Melandri Jocoseria. Schmalk. 1611. 2. S. 739 (No. 554). „de wissts besser wie me (als wir)“. Dagegen iſt in Oberheſſen nur ihr gebräuchlich, de unverſtanden. Steht de hinter dem Verbum, ſo wird es mit Schwächung des Tons, die oft zur Tonloſigkeit herab⸗ ſinkt, und mit Verkürzung des Vocals angeſchleift, und nur der Imperativ macht hiervon theilweiſe eine Ausnahme. „wisstde dos net?“ „das heisst de (nennt ihr) de? das heiss ich noch nit einmal du“ Aeußerung eines Bauers⸗ mannes, welchem in einem Beamtenhauſe Thee gereicht wird, der ihm nicht ſchmeckt. Es iſt die Vermutung erlaubt, daß dieſes, in Deutſchland ſonſt nicht erſcheinende de der uralte regelmäßige Plural von du ſei, ähnlich wie im Alt⸗ nordiſchen der Plural von thu, freilich in ſpäterer Zeit, ther lautete. In dem Mangel des auslautenden r (ſtatt des urſprünglichen s) ſtimmt de mit dem alt⸗ ſächſiſchen gi und dem angelſächſiſchen gö überein. Beſtätigung würde dieſer Anſicht zu Theil werden, wenn die allerdings warſcheinliche Annahmne Vopps 5 * Gede — Deise. 68 (Vgl. Gramm. S. 475) außer Zweifel geſetzt werden könnte, daß das ſanſkritiſche ju eine Erweichung von tu ſei. J. Grimm hat dagegen in ſeiner Geſchichte der deutſchen Sprache 2, 974. 977 dieſes niederheſſiſche de (oder dà, wie er nicht zutreffend ſchreibt) für einen alten Dualis erklärt, gleich dem öſterreichiſchen dös, döz, bair. tiss; altnord. thit. gede ſ. dachen. Dehes, Dewes, Entſtellung des Namens Tobias. Dieſer ehedem häufig vorkommende Name iſt jetzt in Heſſen ſelten geworden. Marburger Hexenproceſſ⸗ acten von 1658: „Frage. Ob ſie einen gekennet, der Tobias Piſtor geheiſen? Antwort. Ja, Sie hab ihn wohl gekennet, hab Debes geheiſen“. In denſelben Acten kommt auch vor: „daß auff der Neuſtadt alhier vor vngefehr 20 jahren ein becker gewohnet, mit nahmen Tobias oder Debus Piſtor“; an andern Stellen derſelben Acten: „Tobias oder Döwus P.“, „Tohiae oder Töves Piſtor“. Ein⸗ zeln kommt noch der Familienname Debus in Heſſen vor. Jetzt wird dieſer Name gleich mehreren andern ſehr gewöhnlich zur Be⸗ zeichnung eines Einſaltspinſels gebraucht: „Du biſt doch ein rechter Debes“. Eben ſo werden die Namen Stoffel, Dönjes, Peter, Trine benutzt; vgl. die alte Ueberſetzung von Boccaz (Ausg. v. 1561. Bl. 90 u. 91): Fraw Metze; Fraw Gietel; Fraw Neſe. dedeln, undeutlich ſprechen, wie Kinder thun; auch: die Sprache ver⸗ ſtellen. Oberheſſen. deftig, trefflich; tüchtig, kräftig; derb („deftige Schläge“). Nieder⸗ deutſches, im öſtlichen Heſſen hin und wieder vorkommendes Wort. Richey hamb. Id. S. 34 Deiker mse., ein Schwätzer, Klatſcher; Deikerei, Klatſcherei. Schmal⸗ kalden. S. übrigens auch Teufel. Deiphenker wird ſehr gewöhnlich als eine Art von Hypokoriſtikon für Teufel verſtanden und gebraucht: „den Deiphenker auch!“ „dich ſoll der Deiphenker holen!“ Indes hat das Wort an ſich nichts mit dem Teufel zu thun, und iſt, vielleicht eben dem „Deibel“ zu Liebe, entſtellt worden aus Dieb⸗ benker, Henker der Diebe. Eſtor 1. Rechtsgl. 3, 1406. Schmidt weſterw. Id. S. 253. Deise, gewöhnlich geſprochen Dese, oberheſſiſch Des, fem. Rauchfang, Holzgeſtell im Rauchfang, an welches Speck und Würſte zum Räuchern gehängt werden. Alter niederheſſiſcher, noch jetzt, wenigſtens in der Umgegend von Spangenberg, üblicher Reim der Knaben, mit welchem ſie die im Küchengeſims, am Rauchfang, niſtenden Schwalben anzuſingen pflegen: llänschen of der Dese, Bisst dich dann der Röch? Hü bisst dich net allene, Hü bisst die angern (alios) öch. „Die Würſte hängen noch in der Dees“ in Oberheſſen übliche ſcherzhafte Ent⸗ ſchuldigung, wenn beim Eßen kein Fleiſchwerk (dürr Fleiſch, Wurſt) aufgetragen wird. „Die Dees tröpfelt“, Zeichen der Wetterveränderung (Eintritt von Thauwetter, Regen). Auf Martini pflegt in Oberheſſen ein reichliches Eßen, wobei Sauerkraut nicht fehlen darf, gegeben, und dabei den Kindern ſcherzhafter Weiſe geſagt zu werden, ſie müßten ſich mehr als ſatt eßen, ſonſt käme der Märten („mit den ſieben Gerten“ pflegt wol gugeſetzt zu werden) und würfe ſie Deisem — demmeln. 69 über den Deeſebalken (Querbalken im Rauchfang) hin; und zur großen Ergetzlichkeit der Erwachſenen eßen nun die Kinder aus Leibeskräften. In der Gegend von Wabern heißt auch das über dem Stubenofen ange⸗ brachte Holzgeſtell, auf welchem Wäſche u. dgl. getrocknet zu werden pflegt, die Deiſe, und an manchen Orten im öſtlichen Heſſen iſt Deis die Hühnerſtiege. Die urſprüngliche Bedeutung des Wortes iſt wol ohne Zweifel die eines, beſonders zum Trocknen gewiſſer Gegenſtände, hergerichteten Holzgeſtelles, wie denn nach Friſch 2, 365b die „Tehſe“ in den alten Salzwerken der Trocken⸗ boden für das Holz war. Adelung kennt (unter „Döſe“) das Wort nur aus Friſch, und es ſcheint außer Heſſen (das großherzögliche Oberheſſen mit einbe⸗ griffen) nirgends üblich zu ſein, wie es denn auch weder ahd. noch mhd. erſcheint. Vermutlich iſt es ein niederdeutſches Sprachelement; die Wurzel aber iſt völlig dunkel. Vgl. Grimm d. W. 2, 914, wo deise, siccinum, aus einem Vocabularius ex quo von 1469 angeführt, übrigens aber nur aus Vogelsberger Idiotismen belegt wird. Deisem msc., der Decem, Zehnte, doch vorzugsweiſe der in eine Fruchtabgabe umgewandelte Zehnte. Das Wort war früherhin allgemein, auch in Heſſen, üblich, indes bis in die neueſte Zeit herein nur im Schmalkaldiſchen gebräuchlich; jetzt auch dort im Erlöſchen begriffen. Deitscher (auch Deischer) msc. 1) eine Art Kuchen, und zwar im Schmalkaldiſchen (wo auch Ditscher, Titscher geſprochen wird) vorzugsweiſe ein Kartoffelkuchen, in Oberheſſen ſowol der aus Aftermehl gebackene Afterkuchen, als der in den Haushaltungen zu Weihnachten aus gutem Weizenmehl gebackene und zu Pathengeſchenken verwendete Kuchen von länglicher Form, ¾ Fuß lang, 4 Zoll hoch und eben ſo breit. Auch die Becker in den Städten backen wol ſolche Kuchen, dieſe heißen aber in Fronhauſen und Umgegend nicht Detſcher, ſondern „Gießer Hannjörge“. 2) im Fuldaiſchen die von Inſekten angeſtochene Zwetſche, welche aufſchwillt, bleichgelb und platt wird, und ohne einen Kern anzuſetzen und reif zu werden, abfällt; — anderwärts Taſche genannt. Vgl. Dotsch, Dötsch. Grimm d. W. 2, 1313. déleisen, in der Speiſe rühren, ohne zu eßen; langſam und wider Willen eßen. Deleiser msc., einer, der ſolches thut; meiſt Kindern gegenüber gebraucht. Hersfeld und Umgegend von Hersfeld. Delle fem., Vertiefung jeder Art, doch allezeit flache Vertiefung: „in den Zinnteller iſt eine Delle geſtoßen“; „er hat von dem Schlag eine tiefe Delle im Kopf“; „Delle im Backen“, Wangengrübchen; „Delle im Felde“ flache Bodenvertiefung; in dieſem Sinne ſogar neben dem appellativiſchen Ge⸗ brauche auch ſehr häufig Eigenname von Feidplätzen. Allgemein üblich. Eſtor t. Rechtsgehrſ. 3, 1406. delpen, palpare, manibus contrectare; oberheſſiſcher Ausdruck für das, was in Niederheſſen delmen, in Niederheſſen und Fulda dalgen (dalken), in Fulda dulchen iſt. An jungen Katzen, Hunden u. dgl. delpen die Kinder. demmeln, zuweilen auch, doch ſelten, temmeln geſprochen, hart und oft mit den Füßen aufſtampfen; „einen demmeln“, mit Füßen treten. rerdemmeln, durch häufiges und ſtarkes Auftreten beſchädigen; den Raſen verdemmeln, ein Gartenbeet verdemmeln; auch wol: ein Bett verdemmeln, durch Wälzen auf einem gemachten Bett daſſelbe in Unordnung bringen. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1406. Schmidt weſterw. Id. S. 43 hat dammern. Id fc Errf . 70 Demut — dess. Demut msc., ſchmalkaldiſche Entſtellung von thymus; es wird dort mit Demut, der Quendel, thymus vulgaris, bezeichnet. Im übrigen Heſſen: Thymian. dengeln, die Senſe, auch die Sichel, ſchärfen; die Senſe wird auf den Dengelklotz (Klotz in welchen ein eiſerner Pflock gefügt iſt) oder auf eine Kanonenkugel gelegt und die Schneide mit einem Hammer geſchlagen. Ueblich iſt dieſes alte und bekannte Wort nur im öſtlichen Heſſen; in Oberheſſen bis nach Wabern hin iſt es unbekannt. Vgl. haren. Grimm d. W. 2, 925 — 926. Denje, ein weiblicher Vorname, welcher, indes nicht häufig, im öſtlichen Heſſen vorkommt, und dem ſlaviſchen Zdena auffallend ähnlich iſt. Warſcheinlich jedoch iſt er nicht von Zdena geborgt, ſondern Denje und Zdena ſind beide gleicher Weiſe Verkürzungen von Sidonia (in welcher Form auch der Name Denje in die Kirchenbücher eingetragen zu werden pflegt). Dieſer letztere Name erſcheint im 16. Jarhundert in den höheren Ständen häufig, iſt aber damals durch Patenſchaften, welche adliche Damen übernahmen, auch in die niedern Stände, in denen er ſonſt unerhört war, übergeführt worden. S. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 56. denken. denk, anſtatt denk ich, dem engliſchen I thank ganz ähnlich, ein zu einem Adverbium eingeſchrumpfter Satz, welcher ſo viel wie „freilich“, „ungefähr“, „wol“ bedeutet, z. B. „es wär denk wahr“, es könnte freilich wahr ſein. Wabern. entdenken mit dem Dativ der Perſon: „es iſt mir entdacht“, ich habe es vergeßen, beſinne mich nicht darauf. „Es wehre Mollerhanß vnd noch etzliche, deren Nahm ihme aber itzo entdacht, nach Wetter geſchickt worden“. Treis⸗ bacher Verhörprotokoll von 1609, und in derſelben Zeit öfter in den Verneh⸗ mungsprotokollen. denner msc., de fem., des neutr., jener. Schmalkalden; vgl. Reinwald henneb. Id. 1, 19. 2, 31. Das Maseulinum wird im Nominativ nur ſubſtantiviſch (abſolut) gebraucht, ganz wie das frangöſiſche celui-là. dentac, vorgeſtern. Schmalkalden. derlich, ungewohnt und deshalb unangenehm; wunderlich, auffallend. Der neue Dienſt thut dem Dienſtboten derlich; es war für die junge Frau ein gar derliches Ding, daß ſie in eine ſo große Hauswirtſchaft kam; „es dinkt mech recht dörrlich ſein, es wundert mich“. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1406. In ganz Altheſſen ſehr üblich. Das Wort ſcheint niederdeutſchen Gebrauches zu ſein, wiewol ſich das Wort in den niederdeutſchen Idiotiken nicht, ſondern nur in den altniederdeutſchen Gloſſen Diutiska 2, 219a gefunden hat: nit derleke, innocue, wo auch das Verbum derjen, laedere, erſcheint. Mit dem von Schambach Gött. Id. S. 45 verzeichneten dörlik (welches übrigens ſichtlich zwei verſchiedene Wörter in ſich begreift) hat das Wort in der Bedeutung thöͤrlich nicht das mindeſte zu ſchaffen, wol aber könnte die zweite Bedeutung dieſes dörlik: ſchlimm, hierher gehören, nur daß dann die Anlehnung an tore (fatuus) aufzugeben ſein würde. Ob das Wort derren, dirren, welches in Hexenproceſſacten des 16. und 17. Jarhunderts ſehr gewöhnlich von dem Schädigen durch Zauber gebraucht wird, hierher zu ziehen ſei, wie ich einſt Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 57—58 annahm, mag zweifelhaft ſein; für warſcheinlich halte ich es noch jetzt. dess anſtatt dass, kommt in Niederheſſen ſehr häufig, beinahe regelmäßig, vor; ausnahmslos aber in den Verwunderungs⸗ und Verwünſchungsformeln: „dess dich das Mäuschen beiß“ (d. h. der Teufel hole), abgekürzt: „dess dich! Hiſtoriſcher Verein für Heſſen Darmſtadt (Staatsarchiv) Schloß Poſtſcheckonto: Frankfurt a. M. Nr. 14285 — Fernſprecher 780 Darmſtadt, im Juli 1936. Ende Auguſt erſcheint im Selbſtverlag des Hiſtoriſchen Vereins für Heſſen das Taſchenwörterbuch des Heimatforſchers Bearbeitet von Profeſſor Dr. W. M. Becker Herausgegeben von der Heſſiſchen Landesregierung, Abteilung II. Dae „Taſchenmärtorbuch“ füllt aine lange euapfundene Lſick ang Denj Heimatforſcher mird damit eines der wichtigſten Hilfsmittel für ſeine Arbeit zur Verfügung geſtellſ Neben der Erklärung von Abkürzungen und Kalenderangaben, von Münzen, Maßen und Gewithten, von fremdſprachlichen Ausdrücken iſt beſonderer Wert auf die Erläuterung von Begriffen gelkgt, die mit dem rechtlichen, wirtſchaftlichen, kirchlichen und kulturellen Leben unſeres Volkes in Beziehung ſtehen. Eine Probeſeite ſinden Sie umſtehend. Das Büchlein ſoll und wird deshalb gerade dem ländlichen Geſchichtsforſcher, dem Dorfforſcher, dem ſein Wohnſitz den Beſuch einer öffentlichen Bibliothek nur ſelten geſtattet, dienen und nützen. Die Heſſiſche Landesregierung, Abteilung Il, hat ſich daher veranlaßt geſehen, das „Taſchenwörterbuch“ durch Ausſchreiben vom 17. Juli 1936 — Nr. II/V 34265 — zur Aufnahme in die Lehr⸗ und Schulbücherei zu empfehlen. Das etwa 6 Bogen (96 Seiten) umfaſſende Buch koſtet nur 1,50 RM. Es wird bei Vor⸗ einſendung dieſes Betrags portofrei zugeſandt. Zahlkarte liegt hierfür bei. Hiſtoriſcher Verein für Heſſen Dr. Elemm. Deputatamt) — 26 Präſekt; Rheinheſſen gehörte dienſtlich dienſtwillig 1797 bis 1814 zum Dep. Dienſtpfennig Handgeld der Donnersberg(Mont-Tonnerre) Dienſtboten Deputatamt, Deputatdörfer:die Dies einerum Aſchermittwoch einem Mitglied der regierenden Familie zu ſeinem Unterhalt zugewieſen ſind Dies Jovis Donnerstag Dies lunae Montag Dies Martis Dienstag Teputation Ausſchuß für be⸗ Dies Mereurii Mittwoch ſtimmte Zwecke Deſignation Verzeichnis deſterbas um ſo beſſer Deszendenten Nachkommen (Kinder, Enkel uſw.) deuchel ſ. Teichel deutſchhaus Niederlaſſung des deutſchen Ritterordens Devotion Ergebenheit Dies sabbati Samstag Diestag (Dingestag, Dinſtetag) Dienstag Dies Veneris Freitag dimidius halb Ding (nicht Thing) Gerichtsver⸗ ſammlung, öffentliches Gericht dingen Vertrag ſchließen, mieten, pachten D. d. (Dei gratia) von Gottes Dinggeld Abgabe der Gerichts⸗ Gnaden d. G. G. V. der Gottesgelahrt⸗ hait Mfliſſan (t .) Piaconus Hilfsgeiſtlicher, oft zugleich Lehrer diäten Zehrgelder der Beamten bei auswärtigen Dienſtgeſchäf⸗ ten; auch der Landtagsmit⸗ glieder dichter ſ. Diechter dicke, zum dicken mal, dickermal oft, häufig dickgemelt, dickgenant ofterwähnt dietus genannt diechter' (Dichter) Enkel, Enkelin; Urdiechter Urenkel Diener Dienſtmann, Lehnmann; Beamter dienerbeſiallung Urkunde über Amtsübertragung Dienerbuch Beamtenverzeichnis Dienſt auch = Dienſtbote dienſtgeld Abgabe als Ablöſung dee deenp et ſchöffen an den Landesherrn (Weist. v. Dromersheim) dingpflichtig verpflichtat, zur Ge⸗ richtsverſammlung zu erſcheinen Dinkel Spelz dioecesis Diözeſe, Bistums⸗ ſprengel dirre dieſer dirte, der dritte diseretus „beſcheiden“ (Titel vor⸗ nehmer Bürger) dit, ditze dieſes Divisio apostolorum (Apoſtel⸗ teilung) 15. Juli Dole (Dohl, Tole) Abzugsgraben mit Unterführung doliarius Bender, Küfer Doll Vorname =— Bartholomäus dom. = dominica dies Sonn⸗ ta Domſabrik Vermögen des Doms, woraus ſeine Baukoſten zu be⸗ ſtreiten; Verwaltung dieſes Ver⸗ e Deuschper — Diele. 71 In ſchriftlichen Aufzeichnungen ſindet ſich dieſes deß zwar nicht, aber in den, die thüringiſche Volksmundart oft wiedergebenden, Trauer⸗ und Miſchſpielen Filidors (Schwiegers) von 1665 kommt das „deß dich“, und zwar eben in den angeführten Formeln (S. 60 und 65 der Ernelinde) vor. Deuschper msc., ſchmalkaldiſche Bezeichnung für den gekräuſelten Saum eines Frauenkleides, auch für Faltenwurf und Gekräuſel an Kleidern über⸗ haupt. Reinwald 1, 19. deutschen, ausdeutschen, bedeutschen, in Niederheſſen, Ziegenhain, allgemein üblich für erklären, auslegen, zurechtweiſen, bedeuten. Dem Volke bei uns wie anderwärts iſt deutſch, volksthümlich, ſo viel wie klar, deutlich, be⸗ ſtimmt. Schmeller 1, 406. Grimm d. WB. 1, 844. 2, 1051. Die üblichſte Form bei uns iſt bedeutschen. Idichten bedeutet im Schmalkaldiſchen: etwas ausſinnen, auf etwas Auef denken, ſtudieren. Grimm d. WB. 2, 1059 — 1060. Briefe dichten, d. h. 9 dictieren, z. B. Schminke Monim. hass. 2, 708. Grimm d. WB. 2, 1058. dick adj. adv., häufig; oft; dickmal, oftmals. In Oberheſſen, Ziegen⸗ hain und bis in den Geisgrund ſehr gehräuchlich, weiter öſtlich nicht üblich. Eſtor i. Rechtsgel. 3, 1406. 5 uecC: 24 Dicke Tonne fem., eine jetzt gänzlich erloſchene, ehedem in Nieder⸗ heſſen (beſonders dem nördlichen), in der Grafſchaft Ziegenhain und in Ober⸗ heſſen äußerſt geläuſige Bezeichnung der franzöſiſchen Six livres-Stücke, Laub⸗ thaler, Ducaions, von welchem letztern Worte die „dicke Tonne“ nur eine Ent⸗ ſtellung iſt. Mit dem Verſchwinden dieſer Münze im Anfang der dreißiger Jahre dieſes Jarhunderts iſt auch deren Bezeichnung verſchwunden und iſt die⸗ ſelbe jetzt gänzlich unverſtändlich. Richey Hamb. Id. S. 35. Schmidt Weſterw. Id. S. 46. Diebstock, Stock, an welchem die Diebe, mittels des an demſelben hängenden Halseiſens, ausgeſtellt wurden. Seit dem Verſchwinden dieſer Strafart iſt auch dieſe Benennung verſchwunden; in älterer Zeit kommt ſie begreiflicher Weiſe oft vor; in Heſſen iſt ſie mir zuerſt begegnet in dem Oberaulaer Weistum von 1419. Grimm Weist. 3, 333. Diechter msc., Enkel, nepos, abgeleitet von diech, femur, wie Enkel von enke, talus. Das Wort erſcheint in älteren heſſiſchen Schriften mitunter. So 1336 in einer Urkunde der Gräfin Heilwig, Witwe Engelbrechts von Ziegen⸗ hain: „sundirliuge liebe, gunst vud gnade, die wir han zu Gotfrid vnserm Dgchteren“, auch (in derſelben Urkunde) Dychtener. „Gerlach von Nassauw, der was eyn dichtern Konnigs Adollks“. W. Gerſtenberger in Schminke Monim. hass. 2, 476. Es ſoll das Wort in heſſiſchen Acten (Verhörprotokollen ?) noch im vorigen Jarhundert vorgekommen ſein; ich habe dergleichen nicht geſehen, glaublich aber iſt es immerhin, da noch Dilich ſogar das Femininam Diechterin braucht, ſ. Grimm Wörterb. 2, 1099, und der Pfarrer Philipp Gilhauſen in Kirchhain im Jahr 1626 die dort gebräuchlichen, ihm jedoch wie es ſcheint auffälligen Benennungen Diechter und Diechtermann (Ehemann der Enkelin) im Kirchenbuch verzeichnet. Diele fem. (geſpr. Dele) hat außer der gemeinhochdeutſchen Bedeutung eines langen aus dem ganzen Baum geſchnittenen Bretes im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen die Bedeutung Hausflur, Dreſchplatz, wie im übrigen Nieder⸗ deutſchland, eine Bedeutung, welche durch niederdeutſche Schriftſteller auch in das 8 5 12 Diepehen — Ding. neuere Schriftdeutſch iſt eingefürt worden, aber im übrigen Heſſen gänzlich un⸗ bekannt iſt, wo man nur Hausern kennt. Auch in der Bedeutung von oberem Stockwerk, Boden, iſt Diele in Heſſen nicht gebräuchlich. Diepchen iſt an der untern Werra Bezeichnung der Mehlklöße, welche anderwärts in Niederheſſen Hebes heißen. „Diepchen und gebacken Werk“ Mehlklöße und getrocknetes Obſt (Schnitzen und dürre Zwetſchen), eine ſehr übliche Speiſe. „Tibichen, Mehlklümpe“ Idiotikon der Grafſchaft Hohnſtein im Journal von und für Deutſchland 1786, 2, 117. Diesack msc., die Taſche, welche die Weiber an der rechten Seite ihres Rockes haben. Schmalkalden. Nach Reinwald 1, 19 bezeichnet Dieſack jede Taſche. Schwerlich aber kommt das Wort von Diebsſack als deſſen Ver⸗ kürzung her, wie Reinwald meint (ſeine Berufung auf Scherz⸗Oberlin 1, 233 trifft nicht ganz zu), ſondern von diech, die, femur: eine Taſche, welche auf dem Schenkel liegt. Doch iſt immerhin Reinwalds Vermutung unter der Voraus⸗ ſetzung annehmbar, daß mit dieſer Bezeichnung die Weibertaſche in ſo fern gemeint ſei, als dieſe eine verborgene Taſche (von dem Oberkleid bedeckt) iſt. Mit dem Diſack, Duſack (dem breiten kurzen Schwert ohne Griff, ſtatt deſſen mit einem Oehr zum Eingreifen verſehen, welches die Kopffechter führten) hat dieſes Wort nichts zu thun. difreln, auch tiffeln geſprochen, im Geheimen etwas thun, ſich insge⸗ heim verabreden; „die zwei diffeln mit einander“. Haungrund. Bgl. dufteln. Dilitop, Dilidop msc. 1) ein kleiner, meiſt aus einer Knopfform mit durchgeſtecktem Hölzchen, welches den Fuß bildet, verfertigter Kreißel; ein ſehr übliches Winterſpiel der Kinder in den Stuben und auf den Tiſchen. 2) ein täppiſcher, linkiſcher, überall anrennender Menſch. In Heſſen iſt die erſte Be⸗ deutung des Wortes die urſprüngliche, als abgeleitet erſcheint die zweite, welche ohnehin nicht häufig iſt, indem man weit gewöhnlicher ſich der Vergleichung bediente: „er dormelte herum wie ein Dilldop“, „er drehte ſich wie ein Dilldop“. In der ältern Sprache bedeutete topf den Kreißel, und ſo war es auch noch im 16. Jarh. in Heſſen: „Dann der teuffel kan nit ruhe haben, er muß alzeit ſein topff tryben, biß ſo lang dem ſchimpff der boden außgehei“. Joh. Ferrarius von dem gemeinen nutz. 1533. 4. S. ixa. Anderwärts ſcheint die zweite Bedeutung die urſprüngliche zu ſein; als⸗ dann aber iſt das Wort ſchwer zu erklären. Vgl. Grimm d. W. 2, 1151. Ding neutr. 1) Gerichtstag, Gericht, in gebotenes und ungebotenes Ding unterſchieden; letzterer wurden meiſtens drei während eines Jahres in jedem Gerichtsbezirk gehalten. S. die betreffenden näheren Angaben Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 4, 97 f. In dieſem Sinne findet ſich das Wort ſchon im 16. Jarhundert nur noch ſelten; das ungebotene Ding heißt, mit Verſchwei⸗ gung, bald mit Vergeßen, des Wortes Ding: Ungebot, und die drei Un⸗ gebot kommen bis in das vorige Jarhundert hinein vor. Das gebotene Ding heißt in gleicher Weiſe das Gebot; in dieſem Sinne hat das Wort für die Zunftgerichte, auch für die Verſamlungen der Zunftgenoßen bis in die neueſte Zeit fortgedauert. Furt la 7. 1j. f4m Fuſ.Pbri Hfolading, Gericht über Holzfrevel, ſpäter Forſt⸗Rüge⸗Gericht, mit nicht ſonderlicher Verbeßerung des Ausdrucks, genannt. Weistum über die Elbermark von 1440. Grimm Weisthümer 3, 321. 323. ²) Sache, unbeſtimmbares oder nicht näher zu bezeichnendes Weſen; Dingen — Dirue. 73 giemlich im Sinne der Schriftſprache; z. B. iſt Ding für Mädchen, auch für Kind, ganz üblich. Sonſt aber heißt Ding insbeſondere das Geſpenſt (ein dem Volke gänzlich fremdes Wort), auch Wanderding (wanerding). Der Plural iſt Dinger. Das böſe Ding iſt der Name des ſchmerzhaften und gefährlichen Nagelgeſchwüres, mitunter guch des ſ. g. Umlaufs, einer milderen Form des Nagelgeſchwüres. 2 4 F. Aſe. Mitunter werden auch die pudenda durch Ding bezeichnet, namentlich iſt ſür penis in anſtändiger Sprache dieſer Ausdruck üblich. Früherhin wurde auch das Gefängnis das Ding genannt, wie Eſtor S. 1406 richtig angibt: „ins Ding ſtecken, ins Baurengefängnis“. dingen, ſchwach conjugierend, iſt in ganz Heſſen der ausſchließlich gebrauchte Ausdruck für das Mieten der Dienſtboten; im Anfange dieſes Jar⸗ hunderts wurde in manchen Gegenden „mieten“ gar nicht verſtanden; das Miete⸗ geld (Angeld, durch welches der Dienſtbote ſich rechtlich verpflichtet, den Dienſt anzutreten) hieß Dinggeld, während jetzt nur noch „Mietegeld“ geſagt wird. Dinggnacken ſ. Gnache. dinsen, ziehen mit Kraftanſtrengung, daher in ganz Altheſſen das von dem Zugvieh (mit Ausnahme derjenigen Gegenden, wo die Stiere, unter einem Joche gehend, ſchergen) ausſchließlich gebräuchliche Wort. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1406. Eben ſo iſt dinſen ausſchließlich im Gebrauche für jedes Kraft er⸗ fordernde oder gewaltſame Ziehen in der Landwirthſchaft, z. B. wird das Getreide mittels des Scheurenſeils aufgedunſen; das Viehſtück wird, in ſo fern es nicht freiwillig geht, aus dem Stall oder in den Stall gedunſen; ſoll ein Wagen ohne Zugvieh bewegt werden, ſo dinſen die, welche an der Deichſel ſtehen, und die Andern ſchergen an den Radſpeichen, u. ſ. w. Daher heißt weiter das gegenſeitige Herumzerren, namentlich bei den Haaren, dinſen, ſich mit jemanden dinſen: „Moller Johans fraw zu Niederwetter vnd Ludwig Gonthard fraw daſelbſt haben ſich einander gedonßen“ Wetterer Bußregiſter von 1583. Endlich wird das Wort auch für ein ungehöriges Verhältnis zwiſchen den Geſchlechtern als tadelnde Bezeichnung gebraucht: „der N. hat ſich mit der N. nun ſchon ein Jahr gedunſen und dinſt ſich noch immer mit ihr, und kann doch keine Heirat daraus werden“. Stärker wird dieß noch durch das neutrale Collectivum ausgedrückt: Gedinse: „was haſt du für ein Gedinſe mit dem ſchlechten Weibsmenſch?“ „etwan ein Viertel jar hero hat ſie mit eczlichen Per⸗ ſonen ein gedenße gehabt, vnd iſt ein geſchrey entſtanden“. Marburger Verhör⸗ protokoll von 1596. Vgl. Grimm 2B. 2, 1179. dinster, dunkel, finſter. Das Wort war ehedem in Heſſen ſehr üblich, zumal in der Gegend zwiſchen Fulda und Werra, ſo wie im Schmalkaldiſchen, wurde jedoch ſchon im Ahfang dieſes Jarhunderts nur noch von alten Leuten gebraucht und galt bei dem Volke ſelbſt für veraltet. „1 phunt (wird geſtraft) Hans Junge, daz her nach der wechterglocken dynſtern ane lycht vff der gaſſzen gyngk“. Eſchweger Bußregiſter von 1496 (Zeiſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 2, 377). Im Schmalkaldiſchen iſt es gegenwärtig ausgeſtorben, und exiſtiert nur noch in der Ausſprache des gothaiſchen Fleckens Finſterberge, welcher Name im Schmalkalder Munde Dinsterberge lautet, ſo wie in dem Namen einer Bergwand oberhalb Kleinſchmalkalden, welche Dinsterlith heißt. Dirne kem, in hochdeutſcher Form nur im Schwarzenfelſiſchen und ſonſt Dispen — Docke. 74 in der Obergrafſchaft Hanau gebräuchlich, in niederdeutſcher Form, Déren, nur im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen üblich; anderwärts völlig unbekannt. dispen, dämpfen, unterdrücken. Das ausbrechende Feuer wird z. B. durch darauf geworfenen Miſt gedispet; die Schmerzen werden durch Linderungs⸗ mittel gedispet; der Zank wird gedispet; man dispet (demütigt) einen Uebermütigen u. dgl. In ganz Altheſſen, am meiſten in Niederheſſen üblich. Im Haungrund ſagt man im gleichen Sinne dipsen, düpsen, während dort duspeln (ſ. d.) eine andere Bedeutüng hat. Vgl. däppen. Distel fem., dialektiſche Form für Deichſel, im Schmalkaldiſchen. Dit neutr., deminutiv Ditti, mamilla. Dieſes Wort, welches faſt nur als Kinderwort behandelt wird, als ſolches aber in ganz Heſſen bekannt und in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Bezirken anſtatt Dutzen und Dits, ſo wie Hutz, ausſchließlich üblich iſt, muß als heſſiſche, das u und ü und dann in i verwan⸗ delnde Ausſprache des Wortes Dutie, Dütte angeſehen werden. In dieſer letztern Form erſcheint das Wort in ältern heſſiſchen Schriſten: „vnd inwendig dem ſchlitz hais (das Beutelthier) die dütten“. Hans Staden Reiſebeſchr. Welt⸗ buch 1567. fol. 2,57b. Ein wildes Schwein hatte „am Ammen keine Dutten“ (1581). Landau Geſchichte der Jagd. S. 239. Vgl. Grimm Gramm. 2, 15. Grimm Wörterbuch 2, 1768 ff. Von den daſelbſt angeführten Bedeutungen des Wortes Dute, welche daſſelbe im Volksmunde da oder dort hat, iſt in Heſſen keine üblich, als die gegenwärtige. S. auch Dutsen, Hutz und Memm. ditz, Neutrum des Pronomens dieſer, dieſe, dieſes. Dieſe alte Flexion und Ausſprache iſt im Gebirgsteil der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen noch jetzt die ausſchließlich herſchende. Auch wird eben daſelbſt, ganz wie im Mittelhochdeutſchen, aſſimiliert geſprochen dirre = dieſer. doh, zart, weich, fein. Haungrund. dobra, dobber, ruſſiſches Wort, gut bedeutend; ſeit dem Durchmarſch der Ruſſen 1813 — 1814 gehörte dieſes Wort zu den gebräuchlichſten Wörtern der Volksſprache im öſtlichen Heſſen, friſtete aber ſeine Dauer nicht über das Leben der damaligen Generation hinaus; im Jahr 1840 habe ich es zum letzten Male gehört, und ſeitdem iſt es gänzlich erloſchen. Docke fem. 1) Mutterſchwein, Sau, in ganz Altheſſen und im Ful⸗ daiſchen ſo wie in der Obergrafſchaft Hanau die faſt ausſchließliche Bezeichnung; nur in Marburg und in deſſen ſüdlicher Umgegend hört man auch wol Muck (ſ. d.), im weſtfäliſchen Heſſen tritt neben Docke auch Sügge (Sau). wan ein dogke ir ersten frucht brengit, so sin die ferkelin des zehenden fri, aber als digke die dogke darnach frucht brengit, so gevellit davon der zehende. Ulm⸗ bacher Weistum von 1415. Grimm Weist. 3, 397. Deminativ: Döckchen; daher das Knabenſpiel Döckchen hüten im öſtlichen Heſſen und Kaſſel, welches . dem baieriſchen Schmerbickeln analog iſt; es ſpaltet ſich hier zu Lande das „Schmerbickeln“ in die Spiele „Häkel die Geiß“ und „Döckchen hüten“. Dockenblätter, rumex aquatica, im Schmalkaldiſchen; ähnlich Alberus Dict. Bl. EEija. 2) Zapfen des Rades, in welchem die Spindel lauft; techniſch, übrigens auch im Fuldaiſchen volksüblich. Die Bedeutungen von Docke: Puppe, Mädchen, Bündel ſind in Heſſen gänzlich unbekannt. (uer: Docke. Doede — Dönjes. 78 Bei Grimm Wb. 2, 1208 —1212 fehlt die heſſiſche Bedeutung von Doede masc. und fem. (auch noch in der ältern Form Dode, Dote) Pate, Patin. Dieſes in ganz Oberdeutſchland übliche, ſchon ahd. als toto und tota, mhd. als tote vorkommende Wort findet ſich in Heſſen nur in den Hanaui⸗ ſchen und Fuldaiſchen Bezirken bis nach Hersfeld (Amt Holzheim) hin, und in Schmalkalden; in Ober⸗ und Niederheſſen gilt nur Petter und Pate, ſeltner Gott w. ſ. — Doedemann wird im Schmalkaldiſchen von dem Mädchen der Ehemann ihrer Taufpatin genannt; Dödefraile, Doedefraile die Großmutter, welche zugleich Patin iſt. Schmalkalder Dialektſcherz: Du, di (dein) Dott dütt, Zuruf eines Knaben an einem andern, deſſen Pate Hirte iſt und eben auf dem Horne bläſt. Doödebätel 1) Patenbeutel, Pathengeſchenk; im Schmalkaldiſchen, wie in Franken überhaupt.Schmeller 1, 465. 2) Name der Pflanze Geum rivale, ebendaſelbſt. 7. 1 Grimm d. W. 2, 1312—1313. Dôkes msc., der Hintere, podex, nates; meiſt halb ſcherzhaft. Schmidt Weſterw. Id. S. 255 hat das Wort als Dockes, Daukes, in derſelben Bedeutung; gleichwol habe ich daſſelbe in Oberheſſen, der nahen Nachbarſchaft des Weſter⸗ waldes, weder gehört noch aufzufinden vermocht; ſehr üblich iſt es dagegen im öſtlichen Heſſen, wo es indes, und zwar unbezweifelt richtig, als aus der Juden⸗ ſprache entlehnt angeſehen wird. Dolde, geſprochen Dolle, fuldaiſch Dale, kem. bedeutet in Heſſen nur den Baumwipfel, oder auch (fuldaiſch) das geſamte Geäſte des Baumes. „Der „wagt ſich weit heraus in die Dolle“, Redensart, um ein vorwitziges und ge⸗ wagtes, wenigſtens keckes Unternehmen zu bezeichnen. Grimm d. W. 2, 1227 trennt Dolle, indem er Heniſch und Stieler ſolgt, von Dolde mit Unrecht, um beide Wörter dennoch wieder auf einem mehr als bedenklichen etymologiſchen Wege wieder zu vereinigen. bedolben. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1404 führt auf: „bedolben, der mage vertragt es. ech kan es bedolbe“. Das Wort ſoll allerdings hier und da in Oberheſſen gehört werden oder wenigſtens gehört worden ſein, im allgemeinen Gebrauche aber findet es ſich nicht. Es kann wohl nichts anderes ſein, als bedelben, begraben, unterbringen. Dolle fem., auch, und öfter Dollnagel, ſtarker hölzerner Nagel, welcher halb in den Durchzug und halb in den Balken befeſtigt wird, damit ſich die Balken nicht verſchieben. Ein techniſcher Ausdruck der Zimmerleute, der mir indes nur im Fuldaiſchen vorgekommen iſt, wo dieß Wort von Dale d. i. Dolde ſehr beſtimt unterſchieden wird. Warſcheinlich auch anderwärts gebräuchlich. Dömmes msc.;, Dummkopf, als gelindes Scheltwort. Schmalkalden. Dône fem., der Hauptträger, Tragbalken, in den Gebäuden; die Quer⸗ balken heißen Dönbalken. Oberheſſen und Fulda; allgemein daſelbſt üblich und die ausſchließliche Bezeichnung dieſer Bauſtücke. Eſtor t. Rechtsgel. 1, 708. 711. 3, 1406. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 59. Grimm d. WB. 2, 1220. Hin und wieder in Oberheſſen wird Döne auch für Bühne, Zimmerdecke, oberes Stockwerk, geſagt (vgl. Büne, Leibe). Dönjes (Tönjes, Dönges), Abkürzung von Antonius, Anton: der Name iſt in Heſſen nicht häufig, aber als Familtenname kommt er faſt überall daſeibſt Dounerkittel — Dort. 76 vor. Doch führte auch eine Familie franzöſiſcher Refügies in Kaſſel (jetzt nach Amerika ausgewandert) dieſen Namen als Umdeutſchung ihres urſprünglichen Namens Donge (= donné). Dippendönges, dummer, ungeſchickter Knabe, Pinſel, vgl. dicken Tonjes Brem. WB. 2, 82. Döngesſau ſ. Antonius. Donnerkittel mse., ſcherzhafte Bezeichnung des ehedem in Ober⸗ heſſen, im Amt Nentershauſen und einigen andern Bezirken üblichen weißen linnenen Rumpfkittels der Bauern; jetzt mit dem Kleidungsſtück, welches faſt nur noch in einigen (katholiſchen) Dörfern des Amts Amöneburg üblich iſt, verſchwunden. Vgl. Bacher. Dönse kem., ein im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen noch immer zwar bekanntes, aber je mehr und mehr außer Gebrauch kommendes Wort, welches heizbare Stube, Stube, im Gegenſatz der nicht heizbaren Kammer bedeutet. Es wird in den bezeichneten Gegenden jetzt eben ſo, wie im übrigen Nieder⸗ deutſchland, ohne r, geſprochen, während es eigentlich Dörnse geſprochen werden ſollte, und ehedem in Heſſen wirklich ſo geſprochen worden iſt: „ihr Mann hab das geld in der Dorntzen von einem Balken gelangt“ Ausſage aus Vake 1536. Hochdeutſch lautet es Düͤrnitz, Schmeller 1, 398— 399; auch bei Chytraeus Nomenclator saxonicus Dorntze. Da Alberus das Wort als Dirnſen in ſeinem Wörterbuch (Bl. Ji 4b) aufführt, mag daſſelbe auch im übrigen Heſſen, wie ſonſt in Deutſchland, im Gebrauche geweſen ſein, wiewol ſich bis jetzt kein Beleg dafür hat auffinden laßen wollen. Vgl. Friſch 1, 203b. Brem. WB. 1, 229. 185. Die Ableitung von dörren wird ſchwerlich haltbar ſein; vielleicht iſt Schmellers Vermutung annehmbarer, daß das Wort ein ſlaviſcher Eindringling und eine Entſtellung des ruſſiſchen gornitza (Stube, von gorjt, brennen) ſein möge. Vgl. Grimm WB. 2, 1734 f. Dörheling (Derbeling) msc., ein junges, nicht recht gedeihendes Schwein. Diemelgegend. Dorffriede ſ. Friede. Dorfspiess. So hieß 1) die Hellebarte, welche bis in die dreißiger Jahre dieſes Jarhunderts der Dorfbote (gewöhnlich Tagewächter genannt, welchem auch das Geſchäft des Bettelvogts zu verſehen oblag) führte, wie ſchon in alten Zeiten die Boten an der Führung des Spießes erkannt wurden; 2) der Knebelſpieß (Schaft mit einem Kolben an einem Ende, aus welchem das Speereiſen hervorragte), welchen die Nachtwache auf den Dörfern führen mußte. Jeder Nachbar war zur Nachtwache, wie ihn die Reihe traf, verpflichtet, und zum Zeichen ſtand Tags vorher der Dorfſpieß vor der Hausthür desjenigen, welcher an der Reihe war. Daher die, meiſt im Spott gebrauchte Redensart: es geht herum wie der Dorfſpieß. dorst, gedorst, beherzt, dreiſt. Schon von Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1406 (der das Wort freilich als „getroſt“ verſteht, indes doch alsbald hinzuſetzt: „gedorſt gehen, kühne ſein“ als oberheſſich verzeichnet, und bis jetzt im ſüdlichen und weſtlichen Oberheſſen üblich. Es iſt eine der wenigen noch übrigen For⸗ mationen des goth. gadaursan, ahd. turran, durran, mhd. türren, dürren, audere, wovon im 16. Jarh., namentlich in Luthers Bibelüberſetzung z. B. noch „thürſtiglich“ übrig war. (Vgl. Grimm Wörterbuch 2, 1743). Dort masc. und neulr., Trespe, auch Lolch; meiſt aber die auf der Dreſchtenne nach dem Worfeln zuvorderſt liegen bleibende mit Treäpe und Lolch Gedöster — drauen. 77 vermiſchte leichteſte und geringſte Frucht. Oberheſſen und Fulda (im Fuldaiſchen wird dürt geſprochen). Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1407 (wo auch duurt geſchrieben iſt). Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 60. Das Wort iſt ſehr alt: durth Heliand 77, 23, und niemals außer Gebrauch gekommen „was das korn ganlz entsessen vnd voll dord“, Pachtregiſter des deutſchen Ordens v. 1468. (Zeit⸗ ſchrift 3, 202). In den oberheſſiſchen Rentereirechnungen des 16. und 17. Jar⸗ hunderts fehlt das Dort niemals, z. B. „50 ſeil korn geben 13 meſten korn, 4 meſten dort“ Rauſchenberg 1596. Im Jahr 1606 wurde in Oberheſſen der Dort des Roggens in gleichem Preiſe mit dem Hafer verkauft. Vgl. Heniſch S. 737. Stieler S. 237. Grimm d. WB. 2, 1304. (Das ebdſ. aus Alberus angeſetzte Femininum Dort für Körnerhülſe, Spreu, iſt unzweifelhaft ein Irrtum, denn Bl. 66ija hat Alberus vollkommen deutlich und richtig: „zizanio, allerlei vnkraut, dort ꝛc.“, und eben ſo an allen übrigen Stellen, wo er dort aufführt). dortechtig, voll Dort, leichtes, ſchlechtes Getreide. „1 malder dortechtigen korns“ Pachtregiſter von 1497. „260 Malter Haffern, an reiner truckener, vnd keiner dortechtigen Frucht“. Marburg 1599, und oft. Gedöster neutr., Zank; Unruhe, welche mit haſtigem Hin⸗ und Her⸗ reden, Wortwechſel, Schimpfen, verbunden iſt; Zanklärm. In Oberheſſen ſehr üblich. Eſtor S. 1409. bedôwert, beſinnungslos, taumelig, gedankenlos; verkehrt im Reden und Handeln. Im öſtlichen Heſſen ſehr üblich. drà adv., leicht, gern, gut; ein im weſtfäliſchen und ſächſiſchen Heſſen in gewiſſen Verbindungen übliches Adverbium, z. B. „ich will von Hofgeismar eben ſo drd nach Kaſſel gehen, wie nach Carlshafen“; „machs wie du willſt, es geht das eine ſo dra wie das andere“. Warſcheinlich nichts anderes, als das mund⸗ artlich abgekürzte drato, ſchnell, welches in Niederheſſen trede lautet und ſeine Bedeutung verändert hat, während drd die Bedeutung beinahe unverändert bewahrt. 7.415 Dralch msc., halb ſcherzhaftes, hin und wieder übliches Scheltwort für einen dicken, unbehülflichen Menſchen: „ein dicker Dralch“. Eſtor S. 1407: „drollch, dick, dick⸗fuſigt“ [?). drall adj., niederdeutſches, auch im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen (Weſer⸗ und Diemelgegend) in dem Sinne übliches Wort, in welchem daſſelbe durch Voß, Campe u. A. in die gemeinhochdeutſche Sprache iſt übergeführt worden: knapp, feſt, eng anſchließend; — auch im Allgemeinen in der Bedeutung wol⸗ anſtehend, von Kleidern, und hübſch, von wolgewachſenen Perſonen. dramchen, zaudern; Eſtor S. 1407. In Oberheſſen zwar hin und wieder vorkommend, doch nicht allgemein gebräuchlich. Drassel fem., die Troddel, zumal der an den Leinwandſtücken ſtehen bleibende Aufzug; die denſelben bildenden Faden heißen Drasselfaden. Ziemlich überall üblich, am meiſten in Niederheſſen. (Wochenblatt für die Prov. Nieder⸗ heſſen 1838 No. 54, Polizeinachrichten S. 122). Drassel fem., meiſt pluraliſch gebraucht; Drasseln, Schläge mit der Hand als Strafe für ein Kind; doch ſind damitimmer gelindere Schläge ge⸗ meint. Oberheſſen. drauen, Waßer welches über die in der Seihe befindlichen Gegenſtände (. W. Gemüſe) geſchättet worden, in den unter der Seihe beſindlichen Seihkorb 78 ablaufen laßen. Haungrund. Merkwürdig iſt es, daß dieß in Heſſen ſonſt nicht erfind⸗ liche Wort in Ditmarſen erſcheint als „droren, dörchdroven, durchſeigen, periolare“, wie denn auch dort eine Seihe Drove genannt wird. S. Zieglers ldioticon Ditmarsicum in Richeys Id. Hamb. S. 409. Dracwes msc. (Draebes), Verdrehung, Verwirrung; „einen Dräwes an etwas machen“ eine Sache in Verwirrung bringen. Schmalkalden. drensen, mit verhaltenen lang ausgezogenen Tönen ächzen, tief auf⸗ ſeufzen, ſtöhnen (ächzen, ſeufzen, ſtöhnen ſind dem Volke völlig fremde Wörter). „Als er aber geſehen, daſſ es ſich gegen den getroheten ſchofſ nicht gewaigert oder gereget, ſondern alda hangend zum zweiten mahl gedrenſet vnd darnach gekrauchet“. Marburger Hexenproceſſacten von 1659. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1407. Drens msc., lang hingezogener Klagton, ſtöhnender Seufzer: „er thut ſo dicke Drens, ich glaub es iſt ihm nicht recht“. Im ſüdlichen Oberheſſen, wo man auch fleissen ſtatt llenzen ſpricht, ſpricht man anſtatt drensen und Drens: dreisen (auch treisen), Dreis. Vgl. dresen Grimm WB. 2, 1406. Dresen mse. (eigentlich Tresen von tresor), verſchloßener Kaſten, in welchem Geld und Geldeswert aufbewahrt wird. Ehedem und bis in den An⸗ fang dieſes Jarhunderts ein in allen wolhabenden Bauernhäuſern anzutreffendes Hausgerät, ſeitdem ſchnell in Abgang gekommen und jetzt nirgends mehr anzu⸗ treffen, ſo daß ſchon in den zwanziger Jahren dieſes Jarhunderts der Name deſſelben nur den ältern Perſonen noch erinnerlich war. Hin und wieder, am meiſten in den niederdeutſchen Städtchen Heſſens und im Schaumburgiſchen, wird jedoch Dreſen auch für den Krämertiſch (Donbank) oder deſſen Geldſchublade gebraucht. Vgl. Brem. WB. 5, 107. driwisch ſ. träbisch. DDrômI msc., das gemeinhochdeutſche Trum, Ende eines Fadens, Faden ſo viel jedesmal in die Nadel eingefädelt wird. Im Schmalkaldiſchen üblich, im übrigen Heſſen unbekannt. drudeln, ein zwar ſehr übliches, beſonders den Mittelſtänden geläuſiges Wort, welches jedoch faſt nur in Verbindung mit Adverbien: aufdrudeln, herbei drudein, zusammen drudeln gebraucht wird: auftreiben, herbeiſchaffen, zuſammen⸗ bringen, mit dem Nebenbegriff kleinlicher Sorge, Bemühung. drücken kommt hin und wieder, am häufigſten in Oberheſſen, in der Verbindung mit fort, in dem Sinne vor: eine Sache nachdrücklich' verfolgen; „es gilt nur, fort zu drücken“. „Vnd hette Hanß Moller geſagt, ſie ſolten mit der ſachen frey fort trucken, Er wolte ihnen vor allen ſchaden gut ſein“. Treisbacher Verhörprotokoll von 1609. Drückdrauf mse., Nachdruck, Entſcheidung; „den rechten Drück⸗ drauf geben“, entſcheidend eintreten, das bereits Begonnene zu einem Reſultate bringen. Sehr üblich. drucksen, Iterativform von drücken, mit der Sprache nicht heraus wollen, auch zögern, zaudern ohne erſichtlichen Grund; auch: mit dem Gelde, der Zalung nicht heraus wollen, filzig ſein. Am üblichſten in Niederheſſen. Druckser msc., ein hinterliſtig ſchweigſamer, auch: ein aus Unbehülflichkeit und Blödigkeit der Rede nicht fähiger Menſch; auch wol ein Zauderer und ein im Zalen gäher Menſch. Vgl. Grimm AB. 2, 1451. Draewes — drucksen. Druschel — düne. 79 Druschel kem, dichtes Laubwerk, dichter runder Buſch, dicht belaubter Baumzweig: „der Junge hat eine ganze Druſchel mit Kirſchen abgebrochen“; auch das Kraut der Rüben und dergleichen Wurzelpflanzen wird wol Druſchel genannt. Mittelheſſen, Schwalm, Haungrund. Hin und wieder iſt auch Druſchel („Trutſchel“ in der Sprache der „Gebildeten“) Koſewort für ein kleines, rundes, volles Mädchen. H. druschelig, dicht belaubt; allgemein in Uebung. Drusel fem., iſt in Altheſſen, beſonders in Niederheſſen, die Benennung der in den Straßen der Städte befindlichen Rinnſteine, Goßen. Der Name rührt von dem Flüßchen Druſe (Druſel) her, welches am Habichtswalde bei Kaſſel entſpringt und durch die Rinnſteine in Kaſſel geführt wird, um dieſelben zu reinigen. Daher wurden die Rinnſteine in Kaſſel, durch welche eben die Druſel floß, Druſeln genannt, und dieſer Name iſt denn auch, wenn gleich in unpaſſender Weiſe, auf die Rinnſteine auch der übrigen Städte übertragen worden. Der Name Druſe ſcheint deutſch und ſehr alt zu ſein, und unter dieſer Voraus⸗ ſetzung das fließende, mit ſtarkem Fall verſehene Waßer zu bezeichnen. Druselpſtanze, Spottbenennung der nicht in Kaſſel Wohnenden für einen „Kaſſelaner“, welcher niemals aus Kaſſel herausgekommen, und für den Kaſſel die Welt iſt. du iſt an der Werra noch jetzt, doch im Abſterben begriffen und nur noch im Munde alter Leute, von do (ibi) ſo verſchieden, wie mhd. do von da ver⸗ ſchieden war, und bedeutet: hierauf. In Heſſen wurde ſchon in älterer Zeit, wenig⸗ ſtens im 14. Jarhundert, du ſtatt do geſprochen. Schminke Monim. hass. 2, 299. 754 u. v. a. St. düben wird in der Grafſchaft Ziegenhain, doch mehr in den Städten als auf dem Lande, anſtatt des ſonſt üblichen drüben (dar üben) geſagt; eben ſo wird auch doben ſtatt droben (dar oben) dort verwendet. dubeneckisch, im Fuldaiſchen von Blick, Miene und Betragen: finſter, maulig; dubenecksch einen ansehen, jemanden überzwerch (übereck) an⸗ ſehen. Auch wol drübeneckisch geſprochen, namentlich wenn das Subſtantivum Drübenech msc., ein finſterer, mauliger, unfreundlicher Menſch, gebildet wird. Im Schmalkaldiſchen ſpricht man doberneckisch, und verſteht darunter zwar auch das finſtere Inſichgekehrt⸗ſein, vor allem aber die an Tobſucht grenzende Ver⸗ rücktheit, die Unſinnigkeit. Vgl. Reinwald 1, 20. düfteln, diſteln, kleine, kleinliche Arbeit machen. Allgemein üblich in Altheſſen. Eſtor S. 1406. Reinwald Henneb. Id. 1, 20. duideln, zögern, zaudern: „duidel doch nicht ſo lang]" Geduidel neuir., die Unentſchloßenheit, das Zögern, Zaudern. Im Fuldaiſchen. dulchen, dulgen, im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen: palpare, ein Kind, ein junges Thier (Hund) ſtets in den Häͤnden haben und, meiſt unſanft und täppiſch, betaſten; in Niederheſſen dalken, dalgen (welcher Ausdruck übrigens im Fuldaiſchen nicht unbekannt iſt), dalmen, in Oberheſſen delpen. Reinwald 2, 35. Dumpf, bedumpe ſ. Dampf. düne ady., im ſüchſiſchen Heſſen donne, dicht, gedrängt, feſt, ſtraff. Der Eine drängt ſich dune an den Andern; ein Sack wird dune geſtopft; ein Seil wird dune angezogen; ein Pflock wird dune eingeſchlagen. Das Wort hängt mit donen, dehnen, zuſammen. Algemein üblich. 80 Dung — dürr. Vgl. done Grimm d. W. 2, 1220; dun 2, 1529. O. Melander Jocoseria. Smale. 1611, 2, no. 419 S. 529 „ick bin alle dun“ aus Hanover = ich bin voll getrunken und deshalb ſehr ſtark. donne im Lippiſchen From⸗ mann Mundarten 6, 57. Dung fem., Butterdung. Das Wort iſt mir nur einmal, in einem Verhörprotokoll von 1655 vorgekommen, wo ein achtjähriger Knabe aus Cappel bei Marburg ſich dieſes Worles mehrere Male bedient, und der Protokollführer für nötig gefunden hat, demſelben die Erläuterung „Butterbrod“ beizugeben; bei der erſten Ausſage lautet es einfach Dung, bei den Wiederholungen kommt neben Dung auch Butterdung vor. duppern, wankend und ſtolpernd gehen, gleichſam mit Beſorgnis vor dem Fallen. Allgemein üblich. Durchwachs, Bupleurum rotundikolium. Die Pflanze iſt in Heſſen nicht allzuhäufig, und führt ihren, auch in die Botanik aufgenommenen Namen nur im Munde des Fuldaiſchen Volkes; anderwärts, z. B. bei Kaſſel, wollte man von einem Namen, den dieſe Pflanze führe, nichts wißen, wiewohl ſie ehe⸗ dem eine Stelle unter den Arzneikräutern eingenommen hatte. dürr adj., dürre adv. (dörr, dörre) 1) was ohne Feuchtigkeit iſt, die⸗ ſelbe an ſich entbehrt, oder ohne Feuchtigkeit ſein ſoll, und unterſcheidet ſich von hei (ſ. d.) ſehr beſtimmt: hei bedeutet der Feuchtigkeit ermangelnd, die Feuchtig⸗ keit bedürfend aber dieſelbe entbehrend. Man wird mithin ſagen: ein heies Jahr, aber nicht heies Heu, Obst, Fleisch. Luther, dem hei unbekannt oder ungeläufig war, hat in der Bibelüberſetzung ſehr oft dürr gebraucht, wo nach unſerer Sprache hei, heige hätte ſtehen müßen, und damit dieſem unentbehrlichen Worte hei den Untergang in der Schriftſprache bereitet. 2) dürr bedeutet aber nicht bloß ohne Feuchtigkeit, ſondern auch ohne Fettigkeit, mager. Im erſteren Sinne werden zalreiche Feld⸗ und Waldplätze als dürr be⸗ zeichnet: der dürre Rück, die dürre Lith, der dürre Rain, die dürre Heide u. ſ. w., ſogar Bäche, welche in heißen Sommern austrocknen: die dürre Mül⸗ miſch, die dürre Nieſt, und ſagt man: dürres Obſt (Dürrobſt, Dörrobſt), ſagte auch ehedem: ein dürrer Bruder, ein dürrer Dieb, d. h. ein Gehängter am Galgen. Dürres Fleiſch dagegen hat doppelte Bedeutung, ſowol im erſten als im zweiten Sinne von dürr: 1) geräuchertes Fleiſch, wie dieſe Bezeichnung noch jetzt faſt allgemein, am meiſten in Oberheſſen, üblich iſt, ſehr oft als Compoſition: Dürrſieisch geſprochen. „i sol. vor dorre fleisches daz smelezede man in den koil“ Ernteregiſter von 1391. „ob er nicht geſagt, als ihm die fraw Dürr⸗ fleiſch aufgetragen, das fleiſch kähme aus weſt Indien“ Marburger Hexen⸗ proceſſacten v. 1658. 2) mageres Fleiſch, ohne Fettanhang, nur im beſtimmten Gegenſatz gegen Fett, Speck u. dgl. gebräuchlich, jetzt aber von „mager“ faſt verdrängt; in L. Philipps Reformation v. 18. Juli 1527 komt „dor rindtfleiſchu im Gegenſatz gegen „weiß fleyſch“ (d. i. fettes Fleiſch) ſo wie gegen „gelbes oder ſchwartzes fleyſch“ (fettes Fleiſch mit gelber oder ſchwarzer Brühe) vor; dürre Gänſe, ungemäſtete. In dem Sinne von mager hat dürr eine Anzal von Compoſitionen: rappeldürr (die häufigſte), rackerdürr, zaunrackerdürr, ſtockdürr, und eine Reihe von Vergleichungen: dürr wie eine Ziege; dürre Beine, wie der beſte Hammel im Stall; dürr wie ein alter Zaunspfahl; dürr wie ein Eſelsrücken u. R9b. R. Dürrlitzig — Dutzen. 81 därrlitzig, von magerer, ſchmächtiger Statur; ſelten von Thieren und Gewächſen gebraucht. Dürrlits msc., ein mageres, ſchmächtiges Perſönchen, namentlich von ſchmächtig gewachſenen halbwüchſigen Mädchen gebraucht. Durste fem., meiſt Därschte, Dörsche geſprochen, Strunk der Kohl⸗ arten, auch Kraut der Rübengewächſe. Schmalkalden (Reinwald 1, 21) und Oberheſſen. Grimm WB. 2, 1304. dorscheln, das Kraut von den Kohlrabi, weißen Rüben, gelben Rüben abſchneiden. Oberheſſen. duͤse, das franzöſiſche doux, gelinde, ſanft, allmälich. Das Fremdwort iſt ſeit den „Franzoſenzeiten“ äußerſt üblich geworden, und trotzdem, daß es ziemlich weite Verbreitung hat (Schmidt Weſterw. Id. S. 50. Schmeller 1, 402) bin ich in der, ohnehin von allen denen die das Wort gebrauchen, getheilten, Ueberzeugung je länger je mehr beſtärkt worden, daß wir es mit einem Fremdworte und nicht mit einem Worte deutſchen Stammes zu thun haben. Das duss, das, welches trübe, dunkel bedeutet, iſt zuverläßig nichts anderes als Stamm entweder, oder Abkürzung von duster, düster. Auch Grimm WB. 2, 1756 hat ſich durch letzteres Wort auf den Irrweg leiten laßen. Dusel mse., auch Dussel, Taumel, Schwindel, halbe Beſinnungsloſigkeit, halbe Trunkenheit. Allgemein üblich, niemals und nirgends aber in der Be⸗ deutung Dämmerung, Dunkelheit, wie ; B. bei Götz v. Berlichingen (1731) S. 33, und ſonſt. aaeelig, dusselig, taumelnd, ſchwindlig, halb beſinnungslos. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1407. darelr, auch dusseln, taumeln, beſinnungs⸗ oder wenigſtens gedantenlos ſein und handeln. Schmidt Weſterw. Id. S. 48 und 50 macht einen Unterſchied zwiſchen dosseln und duseln, welcher hier zu Lande nicht Statt findet. Reinwald Henneb. Id. 1, 22. Grimm d. WB. 2, 1756— 1759. düspeln, leiſe und langſam umhergehen, herumſchleichen. Haungrund. düten, auf dem Horn blaſen, wie der Hirte thut, und wie ehedem der Nachtwächter that, der jetzt nur noch auf den Dörfern die Erlaubnis hat, zu daten, während es in den Städten durch widriges Pfeifen auf einer ſ. g. Diebspfeife oder durch das nicht minder widerwärtige Schnarren der Wächter⸗ ſchnarre verdrängt, mitunter auch, ohne dieſe mistoͤnenden Erſatzweiſen, nackt abgeſchafft worden iſt — alles „auf obrigkeitlichen Befehl“. Vorzugsweiſe wird das Blaſen des Nachtwächters mit daten bezeichnet, während das Blaſen des Hirten zum Austreiben des Viehes eben ſo oft durch hörnen (ſ. d.) ausgedrückt wird, was vom Blaſen des Nachtwächters nicht leicht geſagt wird. Uebrigens wird die 3. Sing. und das Participium meiſt mit ü gebildet: „der Hirte dütt“; „es hat ſchon zehn gedütt“; „Du, di Dott dütt“ (ſ. Dode). Grimm d. WB. 2,1767. dutscheln, meiſtens verdutscheln, heimlich etwas thun; etwas ver⸗ bergen; zumal iſt verdutſcheln von dem heimlichen Vernaſchen gebräuchlich. Haungrund. Dutte fem., Waſchfaß von elliptiſcher (ſeltener Kreiß⸗) Form. Im ſächſiſchen Heſſen. Im übrigen Heſſen heißt ein ſolches elliptiſch geformtes Waſchfaß von dieſer ſeiner Geſtalt ein ſcheib (ſchiefes) Faß. Dutzen mse., Zite, Brüſte, Euter. In dieſer Form und mit dieſem Vilmar, Jdiotikon. 6 82 Genus iſt das Wort nur im Fuldaiſchen (Haungrund) und im Hersfeldiſchen üblich. Im übrigen Heſſen, ſo weit es nicht ſächſiſch oder weſtfäliſch iſt, gilt Dütz kem. (aber auch msc.), gewöhnlich Dite geſprochen, und am üblich⸗ ſten in der Deminutivform Ditzchen. Vgl. übrigens Dit, Hutz und Memm. dutzen, ſaugen, von dem Saugen der Kinder und jungen Vierfüßler an der Mutterbruſt. Nur im Haungrund üblich. Vgl. dützeln Schmeller 1, 407. Dütz — Eder. E. ehen adj. und adv. 1) als Adverbium wie gemeinhochdeutſch: zu der⸗ ſelben Zeit, vor ganz kurzer Zeit. 2) genau, aceurat, paſſend. Obergrafſchaft Hanau. Vgl. Grimm WB. 3, 9 (2). ebenen, angemeßen ſein, ſich fügen, ſchicken. Wird jetzt kaum noch gehört, ehedem häufig. „mit deme digken hamen mag eyn iglicher zwene tage in der wochen faren vnde nit mer, wilch tzyt ime das ebgnt“. Ungedr. Urk. der Fiſcher⸗ zunft zu Witzenhauſen vom Epiphaniastag 1445, und öfter. Ebenet fem., Ebenette, auch Ebenöt, und mit ärgſter Verſtümmelung in neueſter Zeit Ebenhütte geſprochen und geſchrieben, iſt jetzt nur noch Eigen⸗ name von Flurſtücken: bei Sontra, bei Rockenſüs, 1565 bei Schwarzenborn A. Rauſchenberg, und bei Gemünden, aber ein ſehr merkwürdiges, ſchon von J. Grimm Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 2, 152 verzeichnetes Beiſpiel der Beibehaltung althochdeutſcher Formen: ebandti, planities, ſ. Graff Sprachſch. 1, 98. echtig, 1) eigentlich, als Ableitung von echt, legitimus, aber auch germanus, in welchem Sinne es in heſſiſchen Schriften oft erſcheint: „meines echtigen Brudern Son“, „meiner vnechtigen ſchweſter dochter“ Protokolle des 16. Jh. aus Nieder⸗ und Oberheſſen. Soll in Oberheſſen noch jetzt mitunter vorkommen. 2) der Acht würdig, ſchuldig, die Acht verdienend; eine echtige Wunde mußte nach den Statula Eschenwegensia ſo tief und ſo lang wie das erſte Glied des Zeigefingers ſein. S. Röſtell Univ. Progr. v. 1854 S. 2. Jetzt längſt erloſchen. echtigen in die Acht erklären. Statuta Eschenwegensia S. 4 und öfter. Vorlängſt erloſchen. echtig, eine zumal im innern Heſſen (Homberg, Melſungen) ſehr gewöhnlich vorkommende Adjectivendung, dem lat. sub— entſprechend; schwarz- echtig, suhniger, regenechtig (geſprochen rénechlig), holsechtig, knaischechtig u. dgl. Eddersche fem., Eidechſe, im Schmalkaldiſchen. Neben dieſer Form kommt auch die, vielleicht urſprüngliche und dem Anſcheine nach vollſtändigere Form Aderesche vor, welche an Aiter, yipera erinnert. Vgl. Grimm 2B. 3, 83. 1, 595. %ur. u, 7 sas E. ½ Eder fem., Edder, bei Tacitus (Ann. 1, 56) Adrana; derjenige Fluß in Heſſen, welcher am früheſten genannt wird, während Werra nur zweifelhaft in höheres Alter hinaufgerückt werden kann, Fulda aber erſt im achten Jarhundert erſcheint. Die Deutung dieſes Flußnamens iſt eben durch ſein hohes Alter im hohen Grade ſchwierig gemacht; allerdings liegt, wie es ſcheint, dem⸗ ſelben das Wort adara, vena, etymologiſch ſehr nahe, indes könnte ſelbſt dieſe Eder — Eidam. 83 Verwandtſchaft, wäre ſie auch ſicher, nicht mit etymologiſcher Zuverläßigkeit die eigentliche Bedeutung von Adrana, Eder, aufſchließen. f1e. 7.77 Eder msc., Haufe Heu, Stroh, auch Getreidehaufe, in ſo fern daſſelbe in der Scheune aufgeſchichtet iſt. Oberheſſen, wo der Ausdruck ſehr üblich iſt, wie denſelben auch Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1407: „Edder, ein haufen heues in der Scheune“ verzeichnet hat; auch an der Schwalm nicht ungebräuchlich. Der Sache nach ſteht Eder der Arke ſehr nahe, nur daß letzteres Wort niemals von dem aufgebanſten Getreide gebraucht wird. f M,.. n edern (etern), aufetern, das Getreide in der Scheune in die Höhe ziehen und auf den Scheunenböden oder dem Gerüſte aufſchichten, banſen. „ſie ſolten bie einem licht vffgeetert haben“; „ſei in ſein ſchuer gangen vnd wolt vffetern“. Schwarzenborner Verhörprotokoll vom Jahr 1551. Noch jetzt üblich, in den bezeichneten Gegenden neben bansen (ſ. d.). Das Wort findet ſich ſonſt nicht; etar, eiler bedeutet ſonſt Zaun (Stalder 1, 115; Schmeller 1, 128), was ſich hierher nicht fügt. Egerd kem., ehemaliges Bauland, welches wüſte gelaſſen und demnächſt mit Gras und Buſchwerk überwachſen iſt. Dieſes in Oberdeutſchland ſehr ge⸗ wöhnliche Wort reicht in Heſſen nur bis in das Fuldaiſche hinein, wo es als Appellativum noch hin und wieder gebraucht werden ſoll, jedenfalls findet es ſich einigemal als Eigenname einer Waldſtrecke, z. B. bei Gieſel. Vgl. Schmeller 2, 69—71. Grimm WB. 3, 34—35. ei, Ausruf, wie gemeinhochdeutſch, doch in dieſer Form in volleſter Uebung nur in Oberheſſen, wo jede Anrede an einen Dritten, beſonders von Seiten des weiblichen Geſchlechts, durch dieſes ei eingeleitet wird: „habe ſeine Schweſter geſagt: „ei Heinrich, was machſt du da“ ? Marb. Verhörprotokoll von 1631. „habe inquisitin angefangen Ei Kaht (Katharina), vnſer Henrich ſagt, hette ich doch euer butterfaß nichk gehabt“. Marb. Hexenprozeſſacten von 1655, und ſo oft in den Ausſagen des 16. und 17. Jarhunderts. Futktu 7. 916 ei ja wol, verſtärkte Verneinung: o nein! gewis nicht! Obergrafſchaft Hanau und Schmalkalden; indes legt der Schmalkalder in dieſe Formel durch verſchiedene Betonung und Ausſprache des ja einen verſchiedenen, vielmehr den entgegen geſetzten Sinn: eiewôl iſt: gewis nicht, ei ja wol aber: gewis, allerdings. eichen, probare, mensurere, das Maß richtig ſtellen, durch Zeichen als richtig beglaubigen. Dieſe gemeinhochdeutſche Form, cichen, iſt jetzt auch über⸗ wiegend die im Volksmunde gebräuchliche, indes kommt neben derſelben auch eichten vor, und ſoll ſogar: ichten gehört worden ſein. Daß dieſe beiden 7 A, Formen in Heſſen vorhanden geweſen ſind, ergeben ältere Schriften zur Genüge. W.“ „Auch sal man zu allen ungeboten gerichten alle moss, sie syn trogken adir ?71 nasz, die sal man brengen hir an dit gerichte unde sal sie daran ichten unde sehin ab sie gerecht sin“.. Weistum von Breitenbach unter dem Herzberg in Endemanns Univerſitätsprogramm, Marburg 1840. 4. S. 46 und Grimm Weisth. 3, 356. Eben ſo im Salzſchlirfer Weistum Ebdſ. 3, 367. „1fl 1 alb ron den Möſern zu Eichten geben“. Singliſer Vogteirechnung von 1569. „9 alb. von drei metzenrömpff zu eichten geben“. Ebdſ. von 1619. Vgl. Adelung 1, 1663, welcher abgeſehen von ſeinen ſonſtigen unzu⸗ läßigen Etymologieen doch an die Ableitung von echt erinnert. Schmeller 1, 18 (faſt ohne Beleg). Grimm WB. 3, 80. Eidama wird in Heſſen durchgängig Eidem, Edem geſprochen, in Ober⸗ heſſen aber wirft das Wort das m ab, ſo daß es Ede lautet (meiſt ede 6 Eide — einbördeln. 84 geſprochen); dazu kommt, daß d zwiſchen zwei Vocalen, zumal vor e, wie ein leiſes⸗ r (wenigſtens in mehreren oberheſſiſchen Bezirken) geſprochen wird, ſo daß unſer Wort wie Ere (ére)lautet, und ſomit für einen Nicht⸗Oberheſſen gänzlich unver⸗ ſtändlich bleibt; wer wird die oberheſſiſche Bezeichnung eines Knaben verſtehen: des Eises Kotles Eres Jung? Es bedeutet dieſes ſcheinbare Kauderwelſch aber: der Junge (Sohn) des Eidams der Katharina (Kott), welche eine Tochter der Elſe (Eliſabeth) iſt. 6 t4et4wo 2 375. Eide ſem., heſſiſche Form für egida, Egge; fuldaiſch Ede. eiden, éden, eggen, mit der Egge befaren. Lse 2 72r eifern, zürnen, zanken, ſchelten, tadeln. Das Wort iſt jetzt ſelten, und wol nur in Oberheſſen noch einzeln zu hören. „½ fl werden geſtraft Joſt Solch vnd Henrich Metzler zu Wetter, daß ſie ſich einander geeiffert vnd geſcholten“. Wetterer Bußregiſter von 1591. „da habe birck hanß von Cappel ein glaß zer⸗ brochen, vnd habe Henrich daruff geeiffert, und ihn birck hanßen dahin notigen wollen, dz er ein ander glaß hette hohlen ſollen“. Marburger Hexenproceſſacten von 1655, und in jener Zeit in dieſem Sinne des ſcharfen Tadelns ſehr häufig in den Protokollen. u⸗ 2 317 Eigen. Die Dörfer Roth, Argenſtein und Wenkbach an der untern Lahn hießen das Schenkiſche Eigen, weil die Bewohner derſelben, urſprünglich Hörige des Kloſters Eſſen in Weſtfalen, von demſelben den Schenken zu Schweinsberg zu Lehn gegeben waren. Sonſt waren im ſtrengen Sinne des Wortes nur einzelne eigene Leute in Heſſen. Kcukdus ¼ 32 Eigenbede, Abgabe, welche der eigene Mann von ſeiner Perſon zu zalen hatte, Kopfgeld. Zur Erhebung derſelben waren Eigenbedeerheber angeſtellt, mitunter in jedem Amt einer, aber auch zu Zeiten für größere Diſtricte, z. B. für das ganze Oberſürſtentum am Ende des 16. Jarhunderts nur einer. Der Ertrag der Eigenbede war auch nur gering; z. B. betrug dieſelbe aus dem Amt Rauſchenberg, wohin noch manche in andern Aemtern wohnende eigene Leute gehörten, im Jahr 1596 nur 7 Gulden 23 Albus. Eſtor t. Rechtsgl. 1, 428. vereigen, zueignen, zu eigen, zum Eigentum geben. „Wir Herman von Gotes gnaden Apt des stifftes zu Fulde — han — um merunge gotisdinst vnd vnser sele heyl solich hube [zu Muſebach] deme obgenanten Gotis huse [zu Cruspans, Cruspis] vereyget, rereygen die in crafft vnd macht disses briffs“. Ungedr. Urk. vom Allerheiligentag 1443. Augileu, 7.314 Eila, Eilicha (ſo 1105 Wenck Heſſ. Geſch. 2, Urk. S. 53), Eilchen, ein bis in das 17. Jarhundert in Heſſen, beſonders in Oberheſſen, häufig vor⸗ kommender Vorname des weiblichen Geſchlechtes. Seit dem Ende des 16. Jar⸗ hunderts deutete die alberne Büchergelehrſamkeit dieſen Namen in Eulalia um, und ſo erſcheint derſelbe in den Kirchenbüchern durch das ganze 18. Jarhundert, ſoll auch noch jetzt bisweilen in dieſer Form darin vorkommen. Die am 5. December 1633 in Gießen als Zauberin enthauptete Eila Rohleder aus Willersdorf erſcheint in den Unterſuchungsprotokollen, wo Ausſagen aus dem Munde des Volkes aufgezeichnet werden, nur als Eila, Eilcha, Eilchen, während die fiskaliſche Anklage, die Verteidigung ſo wie das Todesurteil nur die Ent⸗ ſtellung Eulalia haben. Vgl. Denje, Gela, Meckel. 7 29 122 14 j. einhördeln, mit einem Saume, einer Einfaßung verſehen. Schmal⸗ talden. Eiabördel mse., Einfaßung, Saum, z. B. an den Ermeln der Mannshemden. eine — Einwart. 85 eine gehn, abwärts, bergabwärts, nach dem Thale zu, gehen. Ober⸗ grafſchaft Hanau. I 443:Au⸗. Einfart. 1) Der von dem Käufer eines Landſiedelgutes an den Gutsherrn zu entrichtende Weinkauf, wogegen der von dem Verkäufer zu ent⸗ richtende Betrag die Ausfart hieß; Lennep Leihe zu LSR. S. 251. 274. In Heſſen kenne ich dieſe Bezeichnung nur aus Fritzlariſchen Urkunden: „cum omni jure quod buzeinvart et vasfart dicitur“; 1301. „buzeinvart et vafurt“; 1303; — wo das buz- noch zu erklären bleibt. 2) neulr. und lem. eine augenſcheinliche Entſtellung des Wortes Einwart von Seiten ſolcher Protokollführer, welchen das oberheſſiſche Wort Einwart un⸗ verſtändlich war. Es kommt dieſe Entſtellung vor in Bußregiſtern von Wetter aus den Jahren 1583 und 1591, ſodann im Jahr 1607 in Rauſchenberger Bußregiſtern und 1609, namentlich in einem, von einem niederheſſifehen Secretarius geführten Verhörprotokoll, betreffend die Vernehmung von funfzig Gemeinds⸗ männern zu Treisbach, in welchem Protokoll nur „Einfört“, und zwar an funfzigmal vorkommt. S. Einwurt./id Lt. Pu-ant, einhalb, emthalb adv., von einer Seite. Aeltere, noch jetzt nicht gänzlich ungebräuchliche Bezeichnung der einſeitigen Blutsverwandiſchaft: „mein einhalb Bruder“, mein Halbbruder. In älteren Schriften kommt dieſe Bezeichnung oft vor, z. B. wird in einem Criminalproceſſ gegen den Corporal Johannes Mebus von 1636 — 1637 derſelbe ſehr oft als der „einhalb Bruder“ des Konrad Mebus zu Lehnhauſen bezeichnet, und letzterer nennt ihn in Vernehmungsprotollen und Eingaben ſtets „mein einthalb Bruder“. einlKuftig wurde und wird zum Theil noch in Oberheſſen, wie auch Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1407 angibt, der Dorfbewohner genannt, welcher ohne Geſchirr iſt. „Anno 1606 ſeindt an Einlaufftigen Perſonen oder ködenern im Ampt Rauſchenberg, darunder die wüſten vnd verfallene Hoffſtädte gerechnet, geweſen Einhundert zwanzig“. „Weil er ein Einleuftiger vnd keine Pferde habe, ſeie er am Einfart nicht geweſen“ Treisbacher Verhörprotokoll von 1609 Die Bezeichnung kommt in den älteren heſſiſchen, zumal oberheſſiſchen, Schriften ungemein häufig vor, ſehr oft im Gegenſatz gegen die Reichen: „ob nicht der Reiche mher zur erlegung der ſtraff beitragen ſolte, als der Arme vnd Ein⸗ leuftige“; Bericht der vier Landſetzer des Amts Wetter von 1583. Auch wird nicht ganz ſelten einleuftig geradezu für arm gebraucht. In der Greben⸗ Ordnung vom 6. November 1739 §. 17, 8 (2O. 4, 618) heißen dieſe Perſonen „Einläuflinge oder ſolche Perſonen die gar keine Feldgüter haben“. Einwart neutr. und masc. (dieß bei Eſtor), ein in Oberheſſen viel⸗ leicht aus ſehr alter Zeit, nachweislich ſeit dem Anfange des 16. Jarhunderts, bis heute allgemein gebräuchlicher Ausdruck, ſtets ewert ausgeſprochen (Eſtor t. Rechisgl. 1, 186 §. 453: ähbert; 3, 1407: Ebert), und entſtellt Einfart geſchrieben (ſ. Einfart), von Eſtor 1, 186 ſogar Einart; gegenwärtig iſt die richtige Schreibart die allein herſchende. Das Wort bedeutet 1) die geſamte Berechtigung einer Dorfgemeinde, das Gemeinderecht, allen denen zuſtändig, welche den Auswärtigen (uzwarkluten Schlüchterner Weis⸗ tum aus dem 15. Ih. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 286; Grimm Weist. 5, 316) als Einwärtige gegenüber ſtehen. „ſie (die Witwe Rau von Holz⸗ hauſen) ſollte — dann letzlich mit der Stoppelhude ſich des gemeinen ein⸗ warts zu halten ſchuldig ſein“ (Burggemünden 1570); „4 fl. werden geſtraft die vier Vorſteher zu Wohra, daß ſie in Einfarts ſachen zu Wohra keine ordnung 86 Einwart. gehalten“ (Rauſchenberger Bußregiſter von 1607); „Göntzeldorf vnd Schönbach, ihrer Einwarten halben vnd darauff pretendirten Hunken“ (Deutſch Ordens Acten 1639). „falſche Einfart“ Beeinträchtigung der Gemeinderechte (Amenau 1591). Der Anteil des Einzelnen an dem Einwart heißt Einwartsgebrauch und (zumal gegenwärtig) Einwartsgerechtigkeit, z. B. „vnd wie woll ge⸗ dachter meinen Hausfrawen Uhr⸗ vnd eltern den eynwartsgebrauch viel vndenckliche jar hero gehabt vnd erhalten helffen“ (Elnhauſen 1582). 2) den Bezirk dieſer Gerechtigkeit, die Grenzen der Dorfflur: „es habe die Gemein zu Fronhauſen ihnen in ihrem einwart in die 500 Wellen ab⸗ gehawen“ (Udenhauſen und Salzböden 1576); „denen von Baurbach vnd andern (ſoll der neu gezogene Graben für) jre fhardt, Einwardt, ſichtrib, weideganck vnd ander jrem geprauch, gerechtigkeit vnd altes herkomen vnſchedlich ſein“ (Ur⸗ kunde des Landcomturs Wolfgang Schutzbers genant Milchling von 1533); indes ſcheint dieſe Stelle noch ſpezieller die Benutzung der, zu der Gemarkung führenden Wege zu bedeuten. 3) die Geſamtheit der Berechtigten: „denn ſie anzeigen, dem einwart zu Niederwetter ſtehe der ort landes zu“ (Wetter 1572); „Hans Gnaw zu Ohmenaw wird geſtraft dz er das Einfarth daſelbſt mit vngebürlichen worten angegriffen“ (Wetterer Bußregiſter von 1583); „Hans Schmidt von Oberndorf zu oberſten Rosphe wird geſtraft, das er zu Sewfrid Naumann geſagt hat, er hindergehe vnd beſcheiß das einfarth“ (ebdſ. 1591); „er hette niemandt auß dem Einwart ihm ſolches verbotten (Goßfelden 1615). „ſeiner Frauwen ſeie vom Einfart 5 alb. abgefordert worden“ (Treisbach 1603); „ob das Ein⸗ fahrt darumb gewuſt, könne er nicht ſagen“ (ebdſ.). 4) die Verſamlung der Berechtigten, verſammelte Dorfgemeinde. „ij gulden viij alb. Kunkel Loſſekam zu Josbach, das er die gemeine zu Josbach an der Cinwartsſtatt der Lügen bezichtigei“ — — „das er vorgeben, er habe einn ruge offentlich angezeigt vff der einwartsſtatt“ Rauſchenberger Bußregiſter von 1591. „Friedrich Außrißer zu Steinerzhauſen wird geſtraft, das er Johan Müllern am einfarth gelugen geſtraft hat“ (Wetterer Bußregiſter von 1591). „Friedrich Außrißer wird geſtraft, dz er under der kinderlher ein gerüff am ein⸗ wart gemacht vnd die kinderlher verhinder!“ (Ebdſ. von 1596). „Dan er als ein Scheffer welcher tag vnd nacht im Felde ſein müſſe, an die Einfarts Statt nicht komme (Treisbach 1609). „Kleinhans Lichtenfels berichtet, ſie hetten ſich an der Einfahrts Statt mit einander verglichen“ (Ebdſ.) und ſo ſehr oft in dieſem Treisbacher Verhörprotokoll. 5) den Verſamlungsort der Gemeindeberechtigten; abgekürzter Ausdruck für die vollſtändige Form Einfartsſtatt: „Hanß Moller hab am wege oder Ein⸗ fahrt geſagt, ſie ſolten nicht fahren“ (Treisbach 1609), und ſo kommt in ver⸗ ſchiedenen Ausſagen deſſelben Protokolls von 1609 mehrere Male vor „am weg oder Einfahrt“. Eben ſo erſcheint in dieſem Protokoll ſehr häufig „ans Ein⸗ fart gehen“, welcher Ausdruck bald gleichbedeutend iſt mit „zur Gemeindeverſam⸗ lung gehen“, bald an den Ort derſelben ſich begeben; desgleichen „ans Einfart kommen“, „die Gemein ans Einfart zuſammen läuten laßen“, welche Formeln den einen wie den andern Sinn einſchließen. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 61 —62. Einwartsmann, einzelner Gemeindeberechtigter, Gemeindsmann. „Zudem auch iſt euch, die ſtecken nicht zu ſticken, durch einen Einwartsmann verbotten worden“. (Goßfelden 1615). 9. 4 AlL.fCtrtpr Einweartsstab. Der Grebe oder Heimbürger führte am Einwart den Eisen — eitel. 87 Einwartsſtab, an welchem die abweſenden Gemeindeglieder, durch Kerben wie es ſcheint, bezeichnet wurden, und an welchen die Einwartsmänner griffen, um etwas zu geloben. „Ludwig Bittelshauſen ſagt, es hette der Grebe einen ſtecken gehapt, daran man diejenige ſo nicht zur ſtette, pflegte zu ſchneiden, daran hetten ſie den Greben gelobt, daß ſie den Brieff vor v. gn. F. vnd herrn tragen wolten (Treisbach 1609). „Hans Oligſchmitt als Heimburger hette den Stab gehapt, hetten angelopt, daß ſie die ſachen mit dem Brieff bey v. gn. F. vnd H. ſuchen wolten, Er Zeuge hab aber — an ſtecken nicht greiffen wollen“ (Ebdſ.). „Sie hetten auch Michael Spülern an ſtecken gegriffen vnd zugeſagt, daß ſie den Vertrag mit thun wolten (Ebdſ.). „Sie hetten auch Michell Spuelern als damaligem Heimburger an den Einfartsſtab angelobt, dz ſie wolten zuſamen halten“ (Ebdſ.). Vgl. über den Stab der alten Könige und Richter, deſſen letztes Nach⸗ bild dieſer Einwartsſtab iſt, Grimm RAlterth. 133. 899. 902. Emmerich Frankenb. Gewonh. Schminke Mon. hass. 2, 721. Einwartssiraſe, Strafe wegen Verletzung der Gemeinderechte; „ſondern denſelben Graben mit der Gemeinde wiederum zugeworffen vnd die Wittib in die einwartsſtraff erkhant“ (Ernſthauſen A. Rauſchenberg 1620). einwartläuten (geſprochen éwerkläuten), zum Einwart, d. h. zur Verſam⸗ lung der Gemeinde läuten. In den Aemtern Wetter und Frankenberg allgemein üblich. Anderwärts gemeindeläuten (menelgpten, wenneläuten), lindeläuten. eisen, ſich fürchten; „mi eiſet“, es grauet mir, beſonders von der Geſpenſterfurcht. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. Es iſt dieß das von dem Worte agis horror, timor abgeleitete alte Verbum egisdn, horrere. Strodt⸗ mann Id. Osnab. S. 50. Brem. WB. 1, 8. Grimm WB. 3, 364. eisem, eissem, widerwärtig, ekelhaft, vornämlich im Geſchmack: „es iſt mir ſo eiſem im Munde“, „es ſchmeckt mir alles ſo eiſſem“. Im Fuldaer Land. Es kann dieß Wort ünbedenklich als egis-sam aufgefaßt und auf agis als ſein Stammwort bezogen werden, wenn man gleich, neben aisch (ſ. d.), zu⸗ mal nach Fuldaiſchem Dialect, eher aissem als eissem erwartet hätte. F£ ler Eisen. Die euphemiſtiſchen Redensarten: „ein Eiſen verlieren“, „ein Hufeiſen verloren haben“, stuprari, defloratam esse, auch „einer ein Eiſen'ab⸗ werfen, stuprare, ſind wie anderwärts, auch in Heſſen ſehr üblich, beſonders jedoch in der halb cultivierten und mehr als halb verdorbenen Welt. Dieſe aus dem 15. Jarhundert ſtammenden Formeln ſind von dem wilden Reiterleben jener Zeit hergenommen, in welchem durch das unaufhörliche Hin⸗ und Herrennen die Hufeiſen leicht verloren giengen; wenn alſo auch die Redensart euphemiſtiſch iſt, ſo iſt ſie es doch urſprünglich nur für Dinge ſchlimmſter Art geweſen, für puellas exercitatas et passas multos. eitel, meiſt geſprochen itel, idel, auch itel, unvermiſcht, ohne Zuthaten, bloß. „itel Korn“, reiner, unvermiſchter Roggen. „itel Brod“, trockenes Brod, ohne Zuthaten (Butter, Mus, Wurſt u. dgl.). In ganz Heſſen üblich, wogegen die anderen Bedeutungen von eitel wenig, die moderne (mit äußern Vorzügen ſich etwas wißend) gar nicht gebräuchlich ſind; ehedem aber habe ich wol gehört: „er hat mit eitel Laubthalern, mit eitel Karlinen bezahlt“. In den heſſiſchen Adelsgeſchlechtern führten beſonders die Diede zum Fürſtenſtein den dem Adel eigens zugehörenden Vornamen Eitel, doch kommen auch in anderen Familien (Löwenſtein, Buttlar) Perſonen dieſes Vornamens vor. Grimm We. 3, 380 f. 88 Ecke — Eks. Ecke. Eine Ecke Brod bedeutet ſeit alter Zeit und noch jetzt den vierten Theil eines Laibes Brod, deren vier aus einer Kaſſeler wie aus einer Homberger Metze gebacken werden. Jedem Dienſtmann gehörte für den Tag Handdienſte eine Ecke Brod. „75 Perſon, Jeder im Hawmachen 5 tagk, vndt im grummet machen jeder 6 tagk, vnd auff Jede Perſon Jeden tagt i Eineß lebs Brodts gerechnet, thut 825 Ecken brott, macht 206] leib Brodi“, berechnet der Schultheiß Alhard Lüncker zu Moiſcheid 11. October 1604, und der Rent⸗ meiſter berechnet dafür drei Mött zehn Metzen. „Eine Eck brodt für iden, deren 4 ein leub, vnd derſelbigen 48 vff ein mott gerechnet“, Rauſchenberg 1610. Dieſer Fronbrode (Dienſtbrode) wurden mithin ſechs aus der Meſte gebacken, und ſo kamen dieſelben ganz nahe mit denjenigen niederheſſiſchen Brodlaiben, deren vier aus der Kaſſeler Metze gebacken wurden, überein. (Das Mött hat 6056 Kubikzoll, das Kaſſeler Viertel 8096 Kubikzoll, milhin war der oberheſſiſche Brodlaib aus 126 ¼, dieſer niederheſſiſche Brodlaib aus 126 ½ Kubikzoll Korn gebacken. Die erſtere Berechnung (1604) iſt etwas geringer, und bringt nur 113 Kubikzoll Korn auf den Brodlaib). ecken (sich), ſich eilen, ſchnell gehen um das Ziel zu erreichen, ſich bei der Arbeit anhalten, emßig arbeiten um die Arbeit bei Zeiten zu vollenden. In Niederheſſen ſehr üblich, anderwärts kaum bekannt, nicht gebräuchlich. Ecker fem., plur. Eckern, die Frucht des Buchbaums. In Heſſen ſehr gewöhnlich, doch nicht überwiegend: Buchecher (-n), ſo daß in dieſer Compoſition noch die urſprüngliche Bedeutung von ecker, goth. akrans, Frucht, deutlich zu erkennen iſt. Werden irgend einmal (und es kommt das wirklich vor: B. Waldis Eſopus 2, 66) auch die Früchte des Eichbaums Eckern genannt, ſo geſchieht dieß eben in dem angegebenen Sinne, als Baumfrucht, wie denn in der Sprache der Forſtwirtſchaft, zumal der ältern, Buchen und Eichen als die „Fruchtbäume⸗ des Waldes, den unfruchtbaren (Wald⸗) Bäumen entgegen geſetzt werden; daß das Wort ecker nicht etwa von dem Worte Eiche abzuleiten ſei, verſteht ſich von ſelbſt. Die Ecker iſt die Frucht, scil. die eßbare Frucht. In den ältern Forſtregiſtern kommen Eicheln und Eckern, Bucheckern und Eicheln neben einander zu ungezälten Malen vor. „Etlich ſchreiben, das der menſch zuvor — ein ſo gar vngeſchickt vihiſch „leben gehört hab, das er auch in welden, bergen, kluften gewohnet, Eicheln, Buchäcker, wurtzeln vnd kreuter geſſen habe“. J. Ferrarius vom Gemeinen nutze. 1533. 4. Bl. 1a. Vgl. Kopp Handb. 2, 210 f. 3, 157. Ein auf⸗ fallender Jrrtum F. Bechs iſt es, in Pfeiffers Germania 5, 239, Ecker und Eicheln neben einander geſtellt für eine Tautologie erklären zu wollen. Vgl. Grimm Wb. 1, 173. 3, 24 (wo nur B. Waldis mit obiger Stelle 2, 66 unrichtig eitiert iſt: es iſt daſelbſt nicht das eckern, ſondern die eckern, Plural von ecker, von Waldis gemeint). Eckerig neutr., wol richtiger Eckerich, die Eckern in ihrer Geſamtheit. Eſtor t. Rechtsgel. 1, 722 (§. 1716). Kopp Handb. 5, 45. Wird jetzt nur noch ſelten gehört. Ekcs, Eckcs, erſcheint einigemal, vielleicht öfter, in heſſiſchen Orts⸗ namen; das einemal in dem Namen eines auffallend geſtalteten Felſen am Keller⸗ wald: der Eckselmer (Eckshelmer) Stein; das anderemal in dem Namen eines Waldes bei Wolfhagen Ecksloh (Ekeslo) (ſ. Kopp Gerichtsvf. 1, No. 79, vom Jahr 1359); ein drittes Mal in Eksberg, einem bewaldeten Berge bei Völkers⸗ hain. Gs führen dieſe Namen entweder auf ein ſonſt unerfindliches Lck (zu Elbe — Elend. 89 unterſcheiden von dem ſchwach flectierten Ecke, Egge, dem bekannten Rieſennamen) zurück, oder, worauf der Name Eckshelmer Stein ſogar unmittelbar zu weiſen ſcheint, auf Agis, welchem ein Helm eigens zugeſchrieben wird. Grimm Myth. S. 217. Letzteres finde ich noch heute warſcheinlich, wie ich ſchon vor langen Jahren in der Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 1, 245 angedeutet habe. Elbe msc., Elbin fem., die untergeordneten Naturgottheiten des alt⸗ heidniſchen deutſchen Mythus. Grimm d. Myth. 2, 411 f. Der Name der⸗ ſelben, jetzt völlig ausgeſtorben (nur vgl. Milpentritsch), iſt mir nur einmal in heſſiſchen Hexenproceſſacten begegnet. In dem im Jahr 1657 in Eſchwege gegen die Frau Hochapfel und deren Mutter geführten Hexenproceſſe machte eine gewiſſe Eva Mulienfeld folgende Ausſage: „Sie hette Sixti Schnaußen Frau das haupt gemeſſen vor die böſen dinger. Ouaestio. Was das were, die böſe Dinger? Rp. Das wiſſe ſie nicht, die gutten Heiligen, wie man ſie nent, wan es einem ſo im Kopff reiſt vnd bricht“. Näher nach dem Wie? jenes Meßens gefragt, ſagt ſie, es geſchehe dieß mit einem Hoſenbande, und der dazu gehörige Segen ſei folgender: „Weicht aus Elben und Elbin, hie kombt der liebe herr Jeſus Chriſtus vnd wil zu vns herin, Im Namen des Vaters, des Sohnes vnd des heiligen Geiſtes“. Dazu werden „Schaben gelangt, welche in dem kirſchenteiche an der Brunnen⸗ kreſſe kriechen“ (d. h. alſo Gammarus), und dem Kranken an das Herz gelegt, und zwar in ungerader Zal, meiſt 19, „davon freßen die Elben“. Woher die Elben kommen, beantwortet ſie dahin, daß die Elben an die⸗ jenigen kommen, welcher zuerſt über „einen böſen Goß“ geht. Die Befragte weiß ſelbſt nicht anzugeben, was ein „böſer Goß“ ſei, doch iſt derſelbe dem Zuſammenhange nach offenbar nichts Anderes, als etwas Ausgeſchüttetes (ähnlich dem ausgeſtreuten Hexenſamen); es trifft aber der Schade der Elben auch Solche, welchen der böſe Goß eigentlich nicht gegolten hat. Dieſe Ausſage kommt im Ganzen überein mit den böſen Dingern, den zehrenden Elben i. e. Alpen“ bei Stieler Sprachſch. S. 318. Vgl. Grimm WB. 3, 400, wozu indes zu bemerken iſt, daß das fin Elbe (Elfe) doch älter iſt als die 2. Hälfte des 18. Ih.; Schottel Haubtſpr. (1667) hat nämlich S. 1278: Alfen, die weiſen Frauen, Nymphae Diabolicae“. . Elbe f., Nebenfluß der Eder, bei Ippinghauſen am Weidelsberg ent⸗ ſpringend, und nahe oberhalb Fritzlar in die Eder mündend, nachdem ſie nächſt dem Städtchen Naumburg das von ihr den Namen führende Dorf Elben, ſo wie die alte Cultusſtätte der Katten, das Dorf Geismar (ſ. Geismar) mit ſeiner Mineralquelle, berührt hat. Der Name dieſes kleinen Flußes gehört zu den älteſten Denkmälern der deutſchen Sprache, wenn auch derſelbe für dieſes Flüßchen nicht aus der älteſten Zeit nachweisbar iſt, denn es iſt derſelbe, welchen der Elbſtrom führt, und welcher in der nordiſchen Sprache appellativiſch Fluß be⸗ deutet. Dieſe Bedeutung: fließendes, ſtrömendes Waßer werden wir auch für das deutſche Wort Albi, Elbe (in lateiniſcher Sprachform Albis), feſtzuhalten haben, wenn wir gleich in Ermangelung einer ſichern Ablautsreihe nicht anzu⸗ geben vermögen, welche Beſonderheit des ſtrömenden Waßers durch das Wort Albi ausgedrückt worden ſei; nächſtverwandt mit ihm iſt der älteſte deutſche Name des edelſten Waßervogels, des Schwans: albiz. Elend neutr., eigentlich elilenti, das Wohnen im andern, fremden Land, die Verbannung, Heimatloſigkeit. Iu dieſem Sinne wird das Wort von dem Se9Wlsod. lasj Marburg a. & 90 Volke noch hier und da gebraucht; ja es iſt bis auf dieſen Tag die alte Formel: das Elend bauen, in der Fremde wohnen, heimatlos ſein, nicht völlig aus⸗ geſtorben; hat doch das niederheſſiſche Geſangbuch von 1770, welches mit großer, oft peinlicher, öfter alberner Sorgfalt alle „unverſtändlichen“ alten Formeln aus⸗ merzte, in Sacers Lied „Der Herr fährt auf gen Himmel“ (Niederheſſ. GB. No. 174) in Str. 4 dieſe Formel „Wir Pilgrime auf Erden, die hier das Elend bau'n“ beibehalten. „Ein Richter, der einem wiſſentlich vnrecht thut, hat im Rechte gar eine harte Strafe; — inn peinlichen ſachen werden im alle ſeine gütter genomen, vnd wird er in das ewige elend gewieſen“. J Ferrarius von dem gemeinen Nutz. 1533. 4. Bl. 27a. 2) die fallende Sucht; ſehr üblich; doch finde ich dieſe Bezeichnung in heſſiſchen Schriften des 16. Jarhunderts noch nicht. elendig, das allein gebräuchliche Adjectivum von Elend; das ſchriftdeutſche Adjectivum, elend, kommt im Volksmunde nicht vor. Eise fem., Wermut. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1407. Dieſer Name kommt in Oberheſſen vor, indes nur einzeln; ich habe die Pflanze auch in Oberheſſen eben ſo, wie im übrigen Heſſen nennen hören: Wermede, mitunter mit dem Zuſatze, daß man ſie auch Elſe nenne. Bgl. Alse. j. fℳ ½ 1 . 4e4. Eltervater, Eltermutter (Ellerhed, Ellergnenn, Elleraige), die in Heſſen ausſchließlich geltenden Bezeichnungen für Großvater, Großmutter. Nur wird in Oberheſſen ſo wie in der Grafſchaft Ziegenhain und in der Ober⸗ grafſchaft Hanau niemals Eltermutter, ſondern nur abgekürzt Eller geſagt. In Ziegenhain und Oberheſſen iſt Eller auch die regelmäßige Benennung der Hebamme. Ellerherr, der Vater welcher auf dem Auszuge ſitzt. Schwalm. emen (mit deutlich kurzem e) wird im Fuldaiſchen ganz ähnlich dem in den übrigen Landestheilen üblichen eppen gebraucht: „die Wunde emt“ d. h. die Wunde iſt empfindlich gegen die Berührung, ſchmerzt. Indes iſt das Wort auch tranſitiv im Gebrauche: „das Biertrinken emt den Schwären, die Wunde“. reizt, macht empfindlich, verſchlimmert das Uebel, vermehrt den Schmerz. Vgl. Grimm WB. 3, 419, wo emen und emen als identiſch behandelt werden. emen, im Fuldaiſchen in der z. B. bei E. Alberus Ehebüchlein 1565 Dh vorkommenden Bedeutung füttern, doch nur von Vögeln gebraucht, dann aber auch — und in dieſer Bedeutung wird es am häufigſten gehört — ſchnäbeln, von den Tauben: „die Tauben émen ſich“. Wiewol das e in dieſem Worte ſichtlich unorganiſch iſt und kurz ſein ſollte, unterſcheidet doch der Fuldaiſche Dialect mittels dieſer Länge émen und emen, welches letztere Wort ſich in der Bedeutung ohnehin zu emen nicht wol fügt, mit Beſtimtheit von einander. Anders Grimm WB. 3, 419; indes hat doch ſchon Alberus das e: „die Vögel paren ſich vnd zeugen jungen vnd ehmen dieſelben“ a. a. O. /1 1.N Hie Emes msc., das gewundene, meiſt ringförmige Stück Leder in der Mitte des Doppeljoches (Ganzioches), durch welches dieſes an die Wagendeichſel befeſtigt wird. Auch figürlich: „den rechten Emes haben“, „den Emes verſtehen“, den rechten Griff haben, savoir faire. Fulda. Vgl. das an ſich identiſche, jedoch im Genus und wenig in der Bedeutung abweichende oberheſſiſche Immes. Das anlautende e iſt, wie auch die Form Immes beweiſt, kurz. Vgl. Grimm WB. 3, 419. Emeste fem., eine von den vielfältigen Formen des Wortes Ameiße. Die gegenwärtige iſt in der Obergraſſchaft Hanau ſerſchend. 1. 0 w. 4as 2. 3)1 Else — Emeste. Empfengen — Ems. 91 empfengen, geſprochen empengen, auch anpängen, ſogar entſtellt inpinken, anzünden, ſei es Feuer oder Licht; sich empfengen, ſich entzünden, angehen, vom Feuer. Dieſes ſchon im Mittelhochdeutſchen nicht häufig vorkom⸗ mende Wort ſcheint ſich einzig in Heſſen, und zwar nur in Oberheſſen und im weſtfäliſchen Heſſen (an der Diemel, wo man faſt nur inpinken, ja ſogar pinken hört) erhalten zu haben; in dem übrigen Niederheſſen, in Ziegenhain, Hersfeld, Fulda iſt es unbekannt. Eſtor hat es S. 1407: „empänge, das licht oder feuer gehet an“. „unde entphengede en in der hicze der godlichen liebe“ Wig. Gerſtenberger bei Schminke Monim hass. 2, 369. „Bey ſeinem grabe ſtunden Kertzen, wenn man die ausleſſcht, ſo empfengten ſie ſich ſelbſt wider“. E. Alberus Der Barfüſſer Mönche Eulenſpiegel und Alcoran 1542. 4. Bl. Liija (No. 289). „vnd wie ſich oft ein fewr empfengt von einem funcken“ E. Al⸗ berus das Buch von der Tugend und Weisheit 1550. 4. Bl. 110b. „Wenn ſie die Wurzeln pflanzen, ſchneiden ſie die in kleine ſtücklein, ſtecken die ſtück in die Erden, das empfengt ſich denn vnd breytet ſich vber die Erden her, wie Hoppenbäume“ H. Staden Reiſebeſchr. (Weltbuch 1567 fol. 2, Bl. 58b). In der Bedeutung in welcher es H. Staden braucht: Wurzel faßen (wofür jetzt, gleich wie von Licht und Feuec, das Wort angehen gebraucht wird) ſcheint empfengen jetzt nicht mehr vorzukommen. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 62. Grimm WB. 3, 422—423. Ems k. Ein Flüßchen, welches am Habichtswald, unter der Schaumburg, auf einem Oekonomiehofe (von dieſer, einen anſehnlichen Tümpel bildenden Quelle urſprünglich die Pfütze, ſeit 1816 —.1820 von den damaligen Beſitzern, den von Stockhauſen, Emſerhof genannt) ſeine Hauptquelle hat, und bei Kloſter Merxhauſen und den Dörfern Kirchberg, Werkel, Vorſchätz und Böddiger vorbei, bzw. durch dieſelben, fließt, unterhalb Böddiger aber in die Eder fällt. Der Name iſt ohne Zweifel uralt (wie denn in dieſer Gegend des Sitzes der Katten es auch eine Elbe und einen Rhein gibt), und identiſch mit dem Namen des in den Dollart mündenden Flußes, welcher bei Tacitus (Ann. 1, 60. 63) u. A. Amisia heißt. Er hat mit Amana (Ohm) gleiche Wurzel, aber auch mit Amara (Ammer) und beſonders mit Amisbla (Amſel). Möglich, daß dieſe Wurzel in dem ſanskrit. am (gehen und tönen) zu ſuchen iſt, ſo daß Amisa, Amisia, das rauſchend fallende Waßer bedeutete. (Doch hat die Ems, die nur mäßigen Fall hat, dieſe Eigenſchaft des rauſchenden Falles nur ſehr theilweiſe). Der Name kommt aber auch von einem Berge vor, welcher ſeinem ſüd⸗ lichen Abhange nach heſſiſch iſt, dem ſogenannten Inſelberg (noch unrichtiger: Inſelsberg) auf der Grenze zwiſchen der Herſchaft Schmalkalden und dem Herzogtum Sachſen⸗Gotha. Dieſer Berg heißt 1330 Emsenberg (Frankenſteini⸗ ſcher Kauſbrief von 1330, Tenzel Curieuſe Bibliothek 1704 S. 122); an dieſem Berg entſpringt die Ems, Emisa 1103 (Tenzel a. a. O. 121 — 122), welche durch Winterſtein und Schwarzhauſen lauft und bei Sättelſtädt in die Hörſel fällt. Noch 1588 hieß er dem Dichter Wendelin Hellbach: „Der Enſelberg prope Waltershusiam“ (Saur Städtebuch 1593 S. 516), und ähnlich in einer alten Amtsbeſchreibung (Tenzel a. a. O. S. 118): „Datum vnter dem Entzelperg, do der Wind kalt war“. Auch gab es in ſener Gegend (Wenigenlupnitz, Lengsfeld u. a.) eine adliche Familie von Enzenberg (Schannat Fuld. Lehnhof S. 79). Das Volk ſpricht auch Enſelberg, und Inſelberg, Inſelsberg, iſt eine Entſtellung der lateiniſchen Gelehrtheit. Dieſelbe iſt jedoch ſchon alt, denn Veit L. v. Seckendorf ſagt in einem 1648 von ihm verfertigten Gedicht (Tengel a. a. O. S. 116): 93 Ende — Enke. Ich kan es nicht geſtehn dem ungelehrten Hauffen Der dich nennt Inſelberg: Von Inſeln weiß man nicht In unſerm feſten Land; und will ihn lieber Heunſelberg (von den Hunnen) oder allenfalls Einzel⸗ berg genannt wißen. — Allgemein üblich wurde die Entſtellung Inſelsberg erſt 1699, als Herzog Friedrich von Gotha auf dem Gipfel dieſes Berges ein Luſthaus erbauete, und in der Inſchrift deſſelben ihn Mous insulanus nannte. Ende wird in Heſſen am häufigſten in ſeiner alten, räumlichen Be⸗ deutung für Ort, Stelle, Platz gebraücht; z. B. wird das in den Stall zurück⸗ kehrende Rindvieh nicht anders angeredet als: „willste (witte) an din Eng!“ endelich, geſprochen engelich, fleißig, arbeitſam, eilig (dem Ende zu⸗ ſtrebend); „ein engeliches Mädchen“; ihr ſeid ja ſo engelich“; „es gull (galt) em engelich“ er hatte es eilig. In Niederheſſen mit Einſchluß der niederdeutſchen Bezirke ſehr üblich. Grimm WB. 3, 458. enden, ahnden, ein altes andjan ſtatt andon (Graff 1, 268), alſo in angelſächſiſcher Weiſe, vorausſetzend. Das Wort findet ſich in dieſer Form in heſſiſchen Gerichtsſchriften (Verhörprotokollen, Klagſchriften, fiskaliſchen Anklagen, Verteidigungsſchriften) im 17. Jarhundert öfter, während ich es im 16. Jarh. bisher vergeblich geſucht habe. „Wahr, daß P. Beklagtin bei ſolchen Beſchul⸗ digungen acquieſcieret, vnd ob es gleich die möllerin anderen leuten geſagt, vnd dieſelbe es ihr referieret, ſie es doch nicht geendet“. „Catharina hab es weiter nicht geendet, ſondern die Beſhuldigung auf ſich ſitzen laſſen“. Marburger Hexenproceſſacten von 1671. △ 4 enk, etwa, irgend. Schmalkalden. Möglicher Weiſe eine Schmalkaldiſche, mit geringem Erbarmen gegen die Sprache vorgenommene Entſtellung eben des Wortes irgend, da man dort neben enk auch ernk, erng, ja erngst hört, erngst aber, ohne allen Zweifel Entſtellung von irgends, auch im öſtlichen Heſſen vorkommt. enke, enken, auch, zumal in dem niederdeutſchen Heſſen, enked, genau; „ich weiß es enken“, „ich habe es enken geſehen“, „ich will enken aufpaſſen“, „der alte Mann hört nicht enke mehr“. Auch wird es, wofür ſchon die beiden zuerſt aufgeführten Formeln gebraucht werden, als Beteuerungsformel verwendet „verwôr en enken“ fürwar und gewis, es iſt warhaftig wahr (dieß an der un⸗ tern Eder und Schwalm), wie dieſe Formeln (nur ſtets enket) im Reineke Vos v. 521, 1101, 5383 u. a. St. vorkommen. Auch findet ſich der Comparativ: „ich hab es enkener (enkeder) geſehen, als du“; „hie von ündet man enheder geschreben jn dem regester“ Oberaula 1471. Das Wort iſt in ganz Altheſſen ſehr üblich. Eſtor S. 1407. Vgl. Grimm WB. 3, 484 (enke), 485 (enkede), 487 (enket). Richey Id. Hamb. S. 54. Brem. WB. 1, 308. Seine früher (Gramm. 3,770) gegebene Erklärung von enke, aus goth. äinakls, holl. enkel, sigillatim, einzeln, hat Grimm WB. 3, 487 zwar zurückgezogen, indes ſcheint dieſelbe doch fernerer Beachtung wert zu ſein. Enke msc., Knecht, Kleinknecht, welcher beim Ackern die Pferde zu treiben hatte (wie in Niederdeutſchland der Swépe Strodtmann Idiot. Osnaßr. S. 238); ein früher und wenigſtens bis in die Mitte des 16. Jarhunderts auch in Heſſen gebräuchliches Wort, da es noch bei Burghart Waldis vorkommt (2, 74 S. 297). Die angegebene Funetion des Enken geht aus den Slatuta Enkel — Er. 93 Eschenwegensia (Röſtell S. 5) hervor, wo geſagt wird, es ſeien, wenn eine Frauensperſon genotzüchtigt werde, auf ihren Hülferuf Alle zur Folge verpflichtet: „dy ackerman met der ruthen, dy enke met der geisselen vnd sollen plug vnd phert lossen sten“. S. Grimm WB. 3, 483 f. Enkel msc., Knöchel, talus. Ueberall im innern Niederheſſen und in der Diemel⸗ und Weſergegend; weniger üblich an der Werra und in Oberheſſen. ennedenn, immerfort, darauf zu, drauf und drein. Sehr üblicher Schmalkalder Ausdruck, ohne Zweifel eine der mitleidloſen Entſtellungen, an welchen dieſer Dialect reich iſt, und deren Enträtſelung, wie eben in dieſem Falle, nicht leicht fällt. entsitzen, eigentlich ſern ſitzen, entfernt ſein, nicht vorhanden ſein, daher: ausbleiben, und vom Getreide: misraten. In dieſer Bedeutung erſcheint enlsitzen öfter in dem Zeitſchr. für heſſ. Geſch. u. Landest. 3, 201 204 ab⸗ gedruckten Pachtregiſter des deutſchen Ordens zu Marburg: was die somer⸗ früchte entsessen; was das korne entsessen; was die haber entsessen. Jetzt längſt ausgeſtorben. Vgl. Grimm WB. 3, 625 - 626, wo dieſe Bedeutung ſehlt. eppen, äppen, etwas ſchmerzlich empfinden, von einer Sache unan⸗ genehm berührt werden; „die Wunde eppt“ auch die leiſeſte Berührung; „er hat das Ding geeppt“ er hat ſich von der Sache widrig berührt, beleidigt, gefühlt, und meidet dieſelbe von nun an; „man eppt das weiter nicht an ihm“ man beachtet den Uebelſtand an ihm nicht. eppsch, aösch, reizbar, im eigentlichen, leiblichen, und pſychiſchen Sinn: „eine äbſche Haut“, wie ſchon Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1406 richtig hat, eine Haut, welche leicht ſchwärt; „ein eppſcher Kerl“ ein leicht zu beleidigender Menſch. Beide Wörter gehören zu abuh; ſ. abich und abselen. Sie ſind in ganz Altheſſen üblich. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. PK. 4, 51. Grimm WB. 3, 680. S. auch scherkeln und emen. l Er, Abkürzung von Herr, wie Ver von Frau (noch in Jungfer ſ. d.), finde ich in Heſſen ſeit der Mitte des 16. Jarhunderts allein dem Vornamen oder dem Titel der Pfarrer vorgeſetzt: „Er Leonhard (Criſpinus, Kraushaar) Pfarherr zu Homberg“ 1552; „Er Ludwig Bösbier Pfarherr zu Schonſtadt“ 1579 u. ſ. w., während die neben den Pfarrern aufgeführten weltlichen Beamten entweder das volle Herr oder überhaupt keine Titulatur, jedenfalls nicht Er, er⸗ halten. Seit dem 17. Jarhundert findet ſich das, anderwäͤrts (z. B. bei Fiſchart) ſchon im 16. Jarhundert erſcheinende gedehnte Ehr z. B. „Ehr Conrad Wißker Pfarrer zu Cappel“ 1655. Der Dativ, welcher ſelbſtverſtändlich in den Addreſſen der Schreiben und Briefe erſchien, lautete Ern „Ern Martin (Biſchof) Pfar⸗ herren zu Felsberg“ 1560; im 17. Jarhundert Ehrn. Mit letzterer Titulatur wurden die Pfarrer bis zum Jahr 1806 regelmäßig in officiellen (Conſiſtorial⸗) Schreiben, und faſt eben ſo lange im gemeinen Leben verſehen. Aus derſelben bildete ſich aber das lächerliche, vielmehr alberne, Misverſtändnis, als ob dieſes Ehrn von Ehre abgeleitet ſei, und es ſtand allgemein feſt, es ſei dieſes Ehrn gleichbedeutend dem quem honoris causa nomino; auch wurde im 18. Jarhundert faſt nur Ehren geſchrieben. „Dem Würdigen und Wohlgelahrten, unſerm guten Freund Ehren Sander, Metropolitan zu Gudensberg“ 1791. Daraus erklärt ſich, daß dieſes Ehren gegen das Ende des vorigen Jarhunderts von den 94 Thümmel, Bürger, Nicolai und andern verneinenden Geiſtern regelmäßig als Spottbezeichnung der Pfarrer konnte gebraucht werden. Vgl. Grimm WB. 3, 52. 692. Erde fem. 1) wie gemeinhochdeutſch. Doch verdient der Umſtand be⸗ merkt zu werden, daß in älterer Zeit das Wort Erde da verwendet zu werden pflegte, wo jetzt Erdboden, Boden, Land (guter Erdboden, Boden, gutes Land) gebraucht wird. Am beſtimteſten tritt dieß in den älteren und großenteils noch jetzt üblichen Flurbezeichnungen hervor, in welchen die Farbe des Bodens be⸗ zeichnet wird. Dieß geſchieht mittels der drei Bezeichnungen rote Erde, ſchwarze Erde, weiße Erde, die ſich durch ganz Heſſen noch jetzt finden, nur daß hin und wieder in der neueſten Zeit für „Erde“ das Wort „Land“, auch wol „Acker“, ſubſtituirt worden iſt. „Rote Erde“ findet ſich z. B. bei Fürſtenhagen, bei Dreihauſen, bei Bottendorf, wo ſogar noch die uralte Formel aufm Rothleim, (entſtellt in Rothleinen) erſcheint; ſchwarze Erde z. B. bei Erksdorf, Mölln, Leiden⸗ hofen u. v. a. O.; weiße Erde z. B. bei Kirchhain, Niederklein, Schwabendorf. 2) Fußboden; etwas auf die Erde fallen laßen oder werfen, von der Erde aufheben u. dgl. wird ganz gewöhnlich da geſagt, wo man den gedielten Fußboden der Stube meint. Erdocke fem., oder Erddocke, der verdeckte auf naßen Aeckern zur Trockenlegung derſelben angebrachte Waßerlauf: ein mit Steinen und Dornen angefüllter und wieder zugedeckter Graben. Das Wort findet ſich bei Eſtor t. N. 3, 1407 „Erdocke, ein verdeckter Waſſerlauf“, und iſt in Oberheſſen neben dem gleichbedeutenden Aduch (ſ. d.), mehr aber als dieſes Wort, üblich. Man könnte zur Erklärung von Erddocke das niederdeutſche Wort docken, ſchöpfen. Brem. WB. 1, 222 herbeiziehen, indes bleibt die Möglichkeit nicht ausgeſchloßen, Erddocke für eine Entſtellung von Aduch (Erdaduch) halten zu dürfen. Ubrigens waren Aduche und Erdocken in Oberheſſen längſt vorher angewendet, ehe dieſe Vorrichtung (um 1820) als eine funkelneue Erfindung unter dem ſeltſamen und langweiligen Namen „Ackerfontanelle“ angeprieſen wurde. Jetzt ſind, wie die „Ackerfontanellen“, ſo auch die Aduche und Erdocken der Drainierung gewichen, und beide Ausdrücke dürften in aller Kürze völlig erloſchen ſein. Ern, Eren, Hausern, Hauseren msc., die meiſt mit Backſteinen (Fließen) gepflaſterte Hausflur. In ganz Heſſen üblich, nur daß in den niederdeutſchen Gegenden die Hausflur meiſt (doch nicht überall) Diele genannt wird; da, wo Diele (Dele) die Dreſchtenne iſt, findet ſich auch Ern im Gebrauch.. „ij alb. den kodenern vor brodt, bier vnd keyß, haben den ſcheürn ehrn vmbgehackt vnd von newem widderümb geſchlagen“. Singliſer Vogteirechnung von 1560. „Aehrn“ in Marb. Hexenproceſſacten von 1682 öfter. Im Fuldaiſchen heißt die Hausthür die Ernsthür. Schmidt weſterw. Id. S. 7, wo Aern geſchrieben iſt. Das Wort iſt uralt; es kommt als erine, pavimentum, in den Monſeer Gloſſen vor. Vgl. Grimm WB. 1, 198. 3, 786. Ern msc., die Ernte, wie in älterer Zeit häufig; auffallend iſt nur das ſonſt wol nicht vorkommende Masculinum. „vor sent Peterstage der in dem haber erne gefellet“. W. Gerſtenberger b. Schminke Monim. hass. 2, 321. 489. 531. die eren ebdſ. S. 334 ſcheint Plural. Der Gebrauch dieſes Wortes iſt erloſchen, doch hört man noch zuweilen: „in der Ernzeit“. Ernte war ehedem in Heſſen, wie auch anderwärts, Maseukinum. „vnd Erde — Ernte. Erntehahn — eisch. 95 hab disses meines gebrechens halben mich gantz fleissiglichen vor dem Erndie beclagt. — — solches nach gescheenem Erndte widerumb — gullich zu ent- richten“. Bittſchrift des Pfarrers Johannes Daubner zu Speckswinkel vom J. 1502. Noch jetzt iſt dieſer Genusgebrauch nicht ganz ausgeſtorben. Erntchahn msc., urſprünglich der Hahn, welcher, zum Hahnen⸗ ſchlagen dienend, den Mittelpunct der den Dienſtboten und Tagelöhnern nach vollendeter Ernte Seitens der Gutsherſchaft oder des Gutspachters gegebenen Feſtlichkeit bildete, dann dieſe Feſtlichkeit ſelbſt. In Heſſen war der Erntehahn nur im öſtlichen Heſſen einheimiſch, und wurde vorzugsweiſe den ſ. g. Zehnt⸗ ſchnittern und Zehntdreſchern gegeben d. h. denjenigen ſtändigen Tagelöhnern, welche um die zehnte (elfte, vierzehnte) Garbe oder Metze ſchnitten und draſchen. Der Zeitpunkt des Erntehahns war die Mitte des November. Eben ſo gab es in Baiern in alter Zeit einen Saathahn. Schmeller 3, 288. Erwes, Erbes, die in Heſſen gewöhnliche und richtigere Form des gemeinhochdeutſchen Erbſe; althochd. ariuuiz. Erweszahler, Spottbezeichnung eines Mannes, welcher in kleinlicher Weiſe ſich um alle Einzelheiten des Haushalts, zumal der Küche, bekümmert, welcher der Frau die Erbſen in den Topf zählt. Erweskern, Spottbezeichnnng eines kleinen, unanſehnlich gewachſenen Menſchen, im Anfang dieſes Jarhunderts allgemeine Scherzbezeichnung der Ein⸗ wohner des Dorfes Bebra Seitens der Umwohner. Esch msc., eine in der Niedergrafſchaft Hanau ziemlich häufig vorkom⸗ mende, auch noch in ihrer urſprünglichen Bedeutung verſtandene Benennung von Flurſtrecken: zuſammenliegendes, gleichartiges Gelände, welches auf gleiche Weiſe und zu gleicher Zeit beſtellt und zu gleicher Zeit abgeerntet wird, ahd. estisk, seges. In Altheſſen iſt das Wort, auch als unverſtandener Eigenname eines Flurſtückes, äußerſt ſelten. In Niederheſſen habe ich daſſelbe mit nur einiger Beſtimtheit nicht auffinden können; aus Oberheſſen kann ich es nur einmal mit voller Sicherheit beibringen: „in dem Eſch“ bei Momberg; auch ſcheint die Eſchhute bei Warzebach hierher gebracht werden zu können. Eſchenberg, Eſchel⸗ berg, Eſchenſtrut, Eſchſtein, Eſchenſtein u. dgl. gehören begreiflicher Weiſe nicht hierher. Vgl. Schmeller 1, 123—124. Espe fem., populus tremula, wie gemeinhochdeutſch; im öſtlichen Heſſen überwogen von der Form Aspe. J4, Espich neutr., Aspengebüſch; noch ziemlich gebräuchlich, doch gilt das Wort da, wo das Espich nicht mehr aus Aspen beſteht, ſchon als Eigenname. Der Name findet ſich faſt überall einzeln, mitunter mit paragogiſchem 1: Espicht, z. B. bei Heslar, bei Schlezenhauſen, bei Neuenhaslau u. ſ. f. Ette mse., Vater. In Heſſen, gleich Memme (ſ. d.) nur von den Juden und für Juden, in letzterer Beziehung mithin nur ſpöttiſch, gebräuchlich. Rein⸗ wald 1,2 hat das Wort für Henneberg als kindliche Bezeichnung überhaupt, wie es in Süddeutſchland allerdings erſcheint, für Schmalkalden jedoch mir in Abrede geſtellt worden iſt. Me⸗i⸗r R l. Vgl. Grimm WB. 1/ 595; 3, 1180. etsel, aetsch, höhnender Zuruf der Schadenfreude, in Heſſen ſehr üblich, wie in Franken und Schwaben. Schmeller 1, 130. Grimm WB. 1, 595; 3, 1178. ausaetschen, verhöhnen, weil dem Andern etwas fehlgeſchlagen, er ange⸗ führt worden iſt. Grimm W. 1, 826. 98 Etzen — exkern. etzen, eßen laßen, freßen laßen, weiden. Das Wort iſt im Schrift⸗ deutſchen zu deſſen großem Nachteil in ſeiner eigentlichen Bedeutung gänzlich in Abgang gekommen, ſeitdem es in der Technik als ätzen für die Behandlung des Metalls mit freßenden Säuren verwendet worden iſt. Bis ziemlich tief in das 17. Jarhundert erſcheint es in den heſſiſchen Schriften, und zwar ſowol einfach als zuſammengeſetzt, in ſeiner urſprünglichen Bedeutung zu ungezälten Malen. „20 alb. werden geſtraft Gnickhen vnd Meckeln hans, das ſie zeiſen herman 5 hocheln frucht geetzt haben“. „½ fl. Weygand Zeis zu Asphe, das er Weiners Herman ſeine Pferde des Nachts die Haffer heuchel etzen laſſen“ u. ſ. w. Wetterer und Rauſchenberger Bußregiſter von 1576—1620. abetzen, das Grummet mit dem Vieh abetzen; „hat die Setz Mörn im Garten mit den Schweinen abgeatzt“; ebdſ. 1583, 1591, 1596. ausetzen. „hat die Wieſe gentzlichen ausgeatzt“; „ſind, nachdem ſie die Hute ausgeetzt, in die Wieſen, Felder und Gärten gefallen“. Ebdſ. 1600, 1615. veretzen, regelmäßiger Ausdruck in den alten Futterzetteln: Förſter, Hünerfänger, Windhetzer, Falkner, aber auch ſonſtige Beamte, ſogar die höchſten Staatsbeamten, beſcheinigen, daß ſie bei ihrem Aufenthalt ſo und ſo viel Vierling, Meſten u. ſ. w. Hafer „veretzt und verfuttert“ haben, welche dann der Rent⸗ meiſter auf Grund dieſes Futterzettels in ſeiner Fruchtrechnung in Ausgabe zu ſchreiben hatte. Mit etwa 1615 nimmt der, ſeit 1540 ausnahmslos vorkommende Ausdruck veretzen in den Futterzetteln ab, und es erſcheint nicht ganz ſelten bloß „verfuttert“. Euler msc. (oft Uiler, Ilex geſprochen), Eulner, Töpſer. Dieſe Be⸗ zeichnung gilt in Oberheſſen, in der Grafſchaft Ziegenhain und in der Ober⸗ grafſchaft Hanau, in welcher letztern Gegend noch jetzt die meiſten Töpfer den Familiennamen Euler führen. In Niederheſſen iſt zwar das Wort nicht unbe⸗ kannt, da die Marburger „Eulerwaare“ unter dieſem Namen dorthin verführt wird, die Bezeichnung Illofen bis in die Gegend von Homberg reicht, und am Meisner (Schemmergrund u. w.) die thönernen Spielkugeln der Kinder Iller genannt werden, aber es wird nie Euler, nur Töpfer geſagt. Im Fuldaiſchen aber iſt auch die Bezeichnung unbekannt, auch wird dieſelbe in Kaſſel kaum, nördlich von Kaſſel nicht mehr verſtanden. Das Stammwort dieſer Bezeichnung: aul, al (olla, Topf) dagegen iſt nicht mehr in Uebung, und dauert in Marburg nur noch in dem Namen des am Töpfenmarkt (Schuhmarkt, ehemals Salzmarkt) herlaufenden Aulengäßchens (Oleng.) fort. eulern, thönern. „9 alb. 10 hlr. vor Eulen doppen“ Rauſchenberger Quittung von 1563. „ein alter eulern Topf“ Marburger Verhörprotokoll von 1658. Das Wort iſt noch jetzt üblich. ewig wird in Oberheſſen als verſtärkendes Adverbium gebraucht, wie Eſtor S. 1407 richtig angibt: „ewige voll, gantz voll; die bütte iſt gantz voll“. Vorzugsweiſe kommt das Wort in Verbindung mit voll vor; ſo ſagt man auch „ewige voll“ für: gänzlich betrunken. / 1.14f.4ℳ ewwer eddersch, eine an der untern Eder nnd Schwalm ſehr übliche Entſtellung von entweder — oder; dieſelbe wird ganz ſo gebraucht, wie im Ziegenhainiſchen und in Oberheſſen aut oder naut (ſ. aut) gebraucht wird. extern, necken, zumal anhaltend necken, in plagender, beſchwerlicher Weiſe necken, ſowol im Scherz als im Ernſt. Allgemein ſehr üblich, wie auch auf dem Weſterwald (Schmidt S. 54 55) im Hennebergiſchen (Reinwald Ezet — fackeln. 97 1, 2), wiewol trotz dieſer weiten Verbreitung das aus älterer Zeit durchaus nicht nachzuweiſende Wort erſt aus dem vorigen Jarhundert zu ſtammen ſcheint, wie auch Grimm WB. 3, 399. 1208 annimmt. Auch kommt vor: ſich mit jemand extern, ſich mit jemand necken, mit ſpöttiſchen Reden herumzerren. ézet, adv., vor einiger Zeit. Haungrund. Vielleicht nichts anderes, das im übrigen Heſſen itzet ausgeſprochene gemeinhochdeutſche jetzt (ie zuo, iezunt) ; — möglich aber auch, daß es aus e zit entſtanden iſt. F. fahren. In ganz Heſſen, am ausſchließlichſten im weſtlichen, ſagt man ganz in alter Weiſe: an den Acker fahren (niemals: ziehen); mit dem Vieh (Kühen, Schweinen, auch Schafen) hinaus, auf die Weide, fahren. Eben ſo in Baiern. Schmeller 1, 547. einfahren, ſtets ohne Object, bedeutet: das Getreide in die Scheune bringen. erſahren hörte man bei uns noch im Anfange dieſes Jarhunderts ganz im alten Sinne verwenden (doch nur von den älteſten Leuten): durchziehen, durchwandern; „ich habe ganz Schwaben, die Pfalz und Lothringen erfaren, die Länder kenne ich gar wol“. faimen, abſchäumen; nur noch im Schmalkaldiſchen üblich, wo das Wort indes nicht bloß abſchäumen, ſondern auch: eine Flüßigkeit umrühren, in einer Flüßigkeit mit einem Löffel oder auch mit der Hand herumfahren, bedeutet. Fainsel fem., auch Funsel und Fonsel geſprochen, Oellampe. Meta⸗ phoriſch die Benennung einer unordentlichen, unſaubern Frauensperſon. Nur im Schmalkaldiſchen. Reinwald 1, 112, wo nur die Compoſition Oelfonſe, Oelfonſel, angegeben iſt. fackeln, hin und her fahren, ſich unſicher bewegen. Das Wort iſt faſt nur in der Negative üblich: nicht facheln. „Der fackelt nicht“, er verfährt nicht unſicher, nicht ſchwächlich mid, er geht beſtimt und ernſt auf die Sache los, duldet keine Unordnung, ſtraft nachdrücklich. Allgemein gebräuchlich. Schmidt weſterw. Id. S. 56 hat in gleicher Bedeutung ſaukkeln. Reinwald henneb. Id. 1, 29 hat fackeln in unſerer Bedeutung. Färe fem. (Faere geſprochen), das alte varih, nur noch im Kreiße Hünfeld vorhanden. Hier bedeutet das Wort aber zweierlei, 1) die ſäugende Mutterſau; in Hünfeld ſelbſt und in den nächſtgelegenen Dörfern; 2) das Ferkel (gemeinhochdeutſche Form von varih in der Deminution), in den üͤbrigen, namentlich den, entlegeneren Dorfſchaften, wie Schwarzbach, Obernüſt, Elters u. ſ. w. 1/. Üusle! Fd. 7. Faere fem., die quer oder ſchräg durch den Acker gezogene zur Ablei⸗ tung des Waßers dienende Furche. Oberheſſen. faeren, ein nur in Oberheſſen gebräuchliches Wort, welches auch nur eine ſpecielle Handlung bezeichnet: das Getreide, ſo lange daſſelbe noch weich, Vilmar, Iiotikon. 98 nicht geſchoßt, iſt, in den Furchen und an den Ackerrändern abſchneiden, um es zum Viehfutter zu benutzen. Am meiſten wird dieß Verfahren bei dem Hafer angewendet: „Haber fähren“. Vgl. Faere, Querfurche. F,i Lt,, 1,. V3er reder. erfaeren, ohne allen Zweifel von väre, Nachſtellung (Gefahr) abzu⸗ leiten, bedeutet, wie im Mittelhochdeutſchen ſchon ſehr gewöhnlich: erſchrecken, in Furcht ſetzen, außer Faßung bringen. Im 15—16. Jarhundert muß das Wort ganz allgemein üblich geweſen ſein; ſo erſcheint es in der Policeiordnung vom 14. April 1455 §. 23, wo verboten wird, Abends „die Lüde zu erferen“; bei W. Gerſtenberger (Schmincke Monim. hass. 1, 58): „vnd herfereien sie mit deme geschrey“. Heut zu Tage iſt das Wort allerdings noch ſehr üblich, aber nur in gewiſſen Bezirken. Im eigentlichen Niederheſſen, mit Ausnahme eines Theiles des Werrathales, iſt es unüblich, ja theilweiſe unbekannt und unverſtanden; dagegen iſt es, wie theilweiſe an der Werra, üblich im Fuldaiſchen, in dem nördlichen Theil der Grafſchaft Ziegenhain und im nördlichen Oberheſſen, endlich in den niederdeutſchen Bezirken von Niederheſſen. In den letztgenannten Gegenden wird das Wort übrigens faſt nur paſſiv gebraucht (erfoert sein), meiſt mit ver componirt und verfüert geſprochen — indes nicht ausnahmslos: in den eigens weſtfäliſchen Gegenden, an der obern Diemel, ſpricht man erkert und verfert; — erfuert ſpricht man auch in Oberheſſen, wo das Wort gebraucht wird. „Die Kinder ſind gar ſo erfert (verfért, verſüert) geweſen, darum haben ſie nichts gewußt“, gewöhnliche Entſchuldigung der Eltern in den betreffenden Ge⸗ genden, wenn ihre Kinder im Schul⸗ oder Pfarrexamen ſich unwißend zeigen. „Ich hab mich gar ſo ſehr erfert“; „bin gar ſo erfaert“, ich bin ſo ſehr er⸗ ſchrocken, beſtürzt, verlegen. Schmelter 1, 549. Brem. W. 1, 348 349. Richey hamb. Jd. S. 321. Strodtmann Id. Osn. S. 258. gefaer, ein Adjectivum, welches ſich die Schriftſprache ſeit der Mitte des 17. Jarhunderts ſehr zu ihrem Nachteil hat entgehen laßen: einem Gegen⸗ ſtande nachſtellend; auf etwas erpicht; einer Sache, Perſon gefährlich (doch in weit engerem, beſtimterem Sinn, als das Wort „gefährlich“ in der Schriftſprache gebraucht wird). „Der Ratz (Marder) iſt den Hünern ſehr gefär“: „das Kind iſt dem Zucker ſehr gefär“; „der N. N. iſt allen hübſchen jungen' Mädchen gefär“, d. h. ſtellt ihnen nach und iſt für ſie gefährlich. Allerorts ſehr üblich. Schmidt weſterw. Id. S. 65. Falluma mse., ein recht grober Menſch, Grobian, Erzgrobian. An der Schwalm üblich. Das Wort iſt ohne Zweifel ein Imperativ: fall um, und bezeichnet eine Perſon, welche plump, wie einer der zu Boden ſtürzt, hinein und zu fährt. Falnbil, Falfel, Falbel neutr., zuſammengezogen aus fallend übel, wie das Agricola in den Sprichwörtern ausdrücklich ſagt, daß die „Sachſen und Düringer“ ſo redeten, ſonſt aber heiße es das fallend Uebel. Vgl. Fiſchart Garg. 1582 Kva u. v. a. St. In Heſſen muß das Wort, eben nach;Agricolas Angabe, ſehr üblich ge⸗ weſen ſein. wan du bobe, daz dich mehir dan daz falnbit angehe; — solt dir got daz falfil geben; — das lugest du als eyn koczen kynt vnd solt dir got daz falfil geben. Zeugenverhör über einen Zank auf Schloß Berlepſch im Jahr 1492. Erasmus Alberus hat das Wort öfter: „Da wendet ſich Xanthus vmb, vnd ſprach, Lecker was haſtu mich zu leren? Lern deine Kinder, vnd hab Faere — Falobil. Faltergarten — Fatze. 99 dir das falbel vmb dein angeſicht“ (freie Ueberſetzung von rofe éy Kop O0ußodlevs). Buch von der Tugend und Weisheit 1550. 4. D4b. „Das dich das falbel an“. Ebdſ. S. 54. In ſeinem Wörterbuch hat er das Wort auch Bl. C4b: „Elimo, Extermino, ich treib für tauſend Falbel“, während er Bl. hhiijb hat: „tibi magnum malum paratum, das fallend übel werd dich be⸗ ſcheiſſen“. Mehrmals erſcheint das Wort auch in des Marburger Hofpräceptors M. Iſaak Gilhauſen Grammalica. Frankfurt 1597. 8. Wolt ihr in Höffen die Kunſt ſuchen? Da wird man euch das Falbel fluchen. S. 21. Es iſt ein Falbel, ſchlechter Tropff. S. 70. So gibs Golt rauß, du boſer Tropff: Vnd hab dirs Falbel auff den Kopff. S. 148. Wie hier Gilhauſen S. 70 das Wort geradezu als ein (maseuliniſches) Schelt⸗ wort braucht, ſo erſcheint es auch bei Melander locoseria Smale. 1611, 2, Nr. 355. S. 449, wo Juſtus Vultejus einen Praler anredet: „O du armer fallbell, O te misellum asellum“. Das Verſtändnis des Wortes war demnach damals bereits erloſchen. Auch in Luthers Tiſchreden und ſonſt komt das Wort vor. [Die Er⸗ klärung welche J. Grimm WB. 3, 1268 von der Stelle aus Luthers Tiſch⸗ reden und einigen andern Stellen gibt, iſt auffallend unrichtig; in dieſen Stellen, namentlich in der bei Luther iſt das Wort gerade ſo zu nehmen, wie es Gilhauſen S. 70 nimmt. Das Wort⸗Falbel als Kleiderbeſatz iſt ganz jung und erſt in der Mitte des 18. Jarhunderts aufgekommen! Faltergarten msc., Obſtgarten. Man hört dieſes Wort noch hin und wieder an der obern Schwalm und der Antreff. Es iſt der erſte Theil dieſer Compoſition das Wort sphalter, aphaltriu, Apfelbaum, mit Aphäreſe des a. Wgl. AFöller. P 6/l. fameln, 1) irre reden, wie im Delirium des Nervenſiebers, im Traume, im Wahnſinn. An der Diemel. Vgl. fanzen und fünern. 2) unſicher, zumal im Dunkeln, nach etwas herumtaſten. Im Haun⸗ grunde, wo man neben ſameln auch fappeln ſagt. Vgl. kummeln. fanzen, 1) irre reden, wie im Traume, in Fieberdelirien, im Wahnſinn. Im Fuldaiſchen. Vgl. fameln und fünern. 2) Poſſen treiben; in ganz Heſſen, doch nicht häufig angewendet. Fanspossen, nicht leicht Fatzpossen, alberne Poſſen. Sehr gewöhnlich. Firlefanz iſt wenig, Alfanz gar nicht üblich. fappeln, an etwas unſicher, im Dunkeln oder doch wie im Dunkeln, herumtaſten. Im Schmalkaldiſchen und im Kreiße Hünfeld, namentlich im Haun⸗ grund. Vgl. fameln. Fastenfutter (geſprochen Fastenför, aus vuora) nennen die Bauern im weſtfäliſchen Heſſen (an der Diemel) das für die Pferde im Herbſte ſchon geſchnittene und zum Verfuttern in der Säezeit des Hafers und der Gerſte im Frühjahr aufbewahrte beſte Futter: Häckſel, ſtark mit Hafer, Erbſen, Gerſte vermiſcht. Fatze fem., Grimaſſe, Poſſe; auch als Compoſitum Fatzposse. Neben Fanzposse, und zwar wenig üblich, aber überall verſtanden. Fatzvogel u. dgl. iſt nicht gebräuchlich. Vgl. fanzen und Face. Faisenterl, groſer ſtaiter Menſch. In Schwarzenfelſiſchen. 7 100 Faul — Fent. Faul neutr., der Flachs, nachdem er gerefft und in kleine Bündel ge⸗ bunden (faul gebunden) worden, damit er in die Röße zum roßen (faulen) gelegt werden kann, heißt das Faul. Niederheſſen. Fautsche fem., Fehler, Nachbildung des franzöſiſchen faute. In den Mittelſtänden als halbes Scherzwort gebräuchlich, am üblichſten in den Strick⸗ ſchulen. Faxen plur. (nur ſelten im Singular, alsdann Femininum) Poſſe, leere, alberne Ausflucht, ungegründeter und leicht zu durchſchauender Vorwand. Sehr üblich. Schmidt weſterw. Id. S. 56. fechten, 1) im Sinne des gemeinhochdeutſchen anfechten; „es habe ſie niemand gefochten“ d. h. darum angegriffen, darauf angeredet, zur Rede geſtellt. Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657. „es thut oder ſichtet vns niemand“. Ebdſ. Wird auch noch jetzt zuweilen gehört. 2) betteln, beſonders von dem Betteln der Handwerksburſchen gebraucht. Allgemein üblich. Fede kem., ehedem ſehr übliche, jetzt völlig erloſchene Bezeichnung für Treubrief, Geleitsbrief, Paſſ; von ſides. LO. 3, 154 (Inſtruction für die Thor⸗ wärter vom 5. December 1681). Kopp Handb. 3, 419. feig, geſprochen feg, moribundus, dem Tode nahe. Das Wort iſt in dieſer alten Bedeutung, die auch Eſtor t. Rechtsg. 3, 1407 verzeichnet („fäg, der bald ſtirbt“), in Oberheſſen noch jetzt üblich, wenn gleich die Leute daſſelbe mehr nur unter ſich, als „Gebildeten“ gegenüber, gebrauchen. „Das Kind liegt da und iſt ganz jeg“, was der betreffende Arzt als „und iſt ganz weg“, d. h. beſinnungslos, ohne Bewuſtſein, verſtand. „Das Kiwittchen hat ſo am Fenſter gekriſchen, das gilt mir, ich bin ſeg“, oder „es macht mich das Kiwittchen ſég“ u. dgl. Redensarten mehr. In der gemeinhochdeutſchen Bedeutung: zaghaft, furchtſam, iſt das Wort nirgends in Heſſen üblich. Val. Strodtmann Id. Osn. S. 53. Brem. WB. 1, 364. relig, ſicher, außer Gefahr, ohne Verletzung. Niederdeutſches, ehedem auch in Heſſen übliches Wort, welches jetzt außer Gebrauch gekommen zu ſein ſcheint, ſelbſt in den eigens niederdeutſchen Gegenden. „Ich schwere vnd gelobe dir, das ich dich gesont unde phelig wil hir widder in dyn slos brengen“. W. Gerſtenberger bei Schminke Monim. hass. 1, 47. 48. Brem. WB. 1, 370: velig, ſicher, außer Gefahr; als Subſtantiv öffent⸗ liche Sicherheit; veligen, ſichern Aufenthalt geben, beſchützen. Eben ſo sik reilen, ſich auf etwas verlaßen, aus einer niederdeutſchen Bibelüberſetzung bei Kinder⸗ ling Geſch. d. plattd. Spr. S. 349. feligkeit, Sicherheit; feligkeit des keyserthumbs. W. Gerſtenberger bei Schminke Monim. hass. 1, 54. 57. Brem. WB. 1, 371. Bech in Pfeiffers Germania 5, 238; wo die Ueblichkeit dieſes niederd. Wortes nicht erkannt iſt. felschen (eigentlich felschen, doch wird das e faſt ausnahmslos kurz geſprochen), feilſchen, feil machen, Nachfrage nach irgend einem verkäuflichen Gegenſtande halten; mitunter auch in allgemeinerem Sinne für nachfragen, ja für fragen überhaupt gebraucht; „geh einmal auf das Markt, und felſch die Butter“, „wir wollen einmal nach guten Aepfeln felſchen“ u. dgl. Oberheſſen. Fent msc., junger unerfarener Menſch, wie gemeinhochdeutſch Fant, welches ſich in unſerm Dialekt nicht findet, während Peut ſehr üblich iſt. In Fert — ficken. 101 Iſaak Gilhauſen (Hoſpräceptor in Marburg) Grammatica 1597. 8. kommt das Wort oft in der Bedeutung junger Menſch, Knabe, Sohn, vor, z. B. S. 45. Ich wolte eben zu euch gahn, Meins Venten halben euch ſprechen an. S. 47. Zu ſchlecht? Beſeht doch erſt den Ventn, Ich weiß ihr hülfft im wann ihrn kenntn. S. 48. Führ deinen Venten, loſer Baur, Am Pflug hinaus, den laß ihn treiben. S. 50. Dein Vent gehört hinder die Schwein. S. 93. Es ſollen ſeyn derſelben Ventn Sie heiſſen, iſt mir recht, Staudenten. S. 94. Daß ich ſeh, wer der Vente ſey. Eben ſo auch anderwärts: „Die Fenten ſind noch unerzogene“. Filidor Witte⸗ kinden B. 4b. Ob das Wort deutſch, und nichts anderes ſei als das ahd. fendo, pedes, miles (auch der Bauer im Schachſpiel) oder aus dem italieniſchen fante, puer, ſtamme, welches aus infans entſtanden iſt, kann zweifelhaft er⸗ ſcheinen. Das deutſche Wort gehört zu findan ſ. Schmeller Giossarium sax. 1840. 4. S. 33. J. Grimm Andreas und Elene 1840. 8. S. 111— 112. Der Vocal unſeres Dialectes ſpricht mehr für die deutſche Ableitung, während das gemeinhochdeutſche Fant dem ital. fante näher ſteht (welches ſich dann in in- fanteria mit dem deutſchen Worte miſchte). Schmeller hat B. Wb. 1, 645 Fant auf das italieniſche Wort bezogen. In Heſſen iſt Fent, Vent, Fend ein nicht ganz ſelten vorkommender Familienname. fert adv., im vorigen Jahr. Iſt nur in den entlegenſten Ortſchaften des Kreißes Hünfeld (Schwarzbach, Gotthards u. a.) üblich, hier aber ſo ausſchließlich, daß die Formel „im vorigen Jahr“ gar nicht gehört wird. Das Wort wird übrigens ſo ausgeſprochen, daß man das r gar nicht, oder nur als leiſen Kehl⸗ laut vernimmt (feft). Schmeller 1, 567. [Nach Reinwald 1, 30 könnte doch fertig, vorjährig, auch wol im Schmalkaldiſchen vorkommen!) Vgl. firn. Feit heißt in Heſſen, beſonders in Niederheſſen, nicht bloß das Gréao, Talg und Schmeer (beide Ausdrücke ſind unüblich, Talg nur im techniſchen Gebrauche der Seifenſieder und Lichterzieher), ſondern auch das Oel. Man ſagt neben Rinderfett, Hammelsfett, Nierenfett, Schweinefett (Schmalz), Gänſefett u. dgl. auch Salfett'(ſ. d.), Samenfett (Rüböl), Leinfett, Eckernfett. Das Rüböl jedoch nennt man in Oberheſſen gleich dem Baumöl lieber Olei. Feulicht, die Oellampe. 916.1. Fie, ältere, in Heſſen, beſonders in Niederheſſen, äußerſt übliche und ſogar regelmäßige Abkürzung des Namens Sophie, welche überall in den Ur⸗ kunden des 14 16. Jarhunderts, auch in oberheſſiſchen, wenn gleich hier ſeltner, vorkommt. „lch Arnold Beseleyth vnd fye sin eliche husfroue“. Urk. des deutſchen Ordens zu Marburg von 1341. „Vyhe von heybilde [Hebel] vud ir husswirt“ (Chriſtian von Weitershauſen) erſchienen von 1542 —1548 in den Rechnungen der Univerſitätsvogtei Homberg. Dennoch iſt das aus dieſer Abkürzung entſtandene Deminutiv Fiekchen in Heſſen gänzlich unbekannt. Auch wird die Abkürzung Fie jetzt nicht mehr gebraucht. ficken, 1) mit Ruten hauen. Ziemlich allgemein üblich. Schmidt Weſterw. Jd. S. 57. 2) futuere. 102 Fickfacker — firn. Fickfacker msc., ein Schwänkemacher, Aufſchneider, Betrüger. Niederdeutſches ſehr übliches, und in Niederheſſen allgemein gebräuchliches Wort. Auch in Oberheſſen iſt es nicht unüblich, weniger im Fuldaiſchen und in den weiter ſüdlich gelegenen Gegenden, doch nirgends unverſtanden. Schottel Haubtſpr. S. 1315. Chytraeus bei Hoffmann horae beig. 7, 36: rickvacker, ardelio. Brem. WB. 1, 335. Adelung 2, 145. fillen, ſchinden; metaphoriſch: peinigen, quälen. Filler msc., Schinder, Abdecker, Waſenmeiſter. Beides nur im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, wo ſchinden, Schinder, kaum verſtanden, niemals gebraucht wird. Fingerlein neutr., meiſt Fingerlei geſprochen, der Fingerring, Ring. Alte, im ſüdlichen Oberheſſen, wo Ring nicht gehört wird, ausſchließlich übliche Bezeichnung. Finsel kem., Perücke; Spottbezeichnung. Allgemein gebräuchlich. Finzel msc, ein ganz kleines Stückchen; wird es deminuiert: Finselchen, ſo bedeutet es: ſo gut wie gar nichts. Schmalkalden. Reinwald 2, 43. Firmanei fem., Krankenhaus, aus üirmaria, Firmarie, Firmarei, und dieß aus Infirmaria entſtellt; Bezeichnung zwar der Krankenhäuſer überhaupt (Alberus Dict. Bl. niija: Valetudinarium, ſiechhauß, der ſiechen ſpital, lnlir⸗ marium vulgo dicitur), doch insbeſondere derjenigen, welche von den geiſtlichen Orden für ihre Ordensperſonen eingerichtet wurden.In Heſſen kam dieſer Name nur einmal vor, in Marburg, wo der deutſche Orden eine doppelte Firmaria er⸗ richtet hatte; die eine, ſchon 1349 „antiqua firmaria“ genannt, in dem Nürnberger Hofe auf der Ketzerbach unter dem Weinberg, für die Schweſtern des Ordens, die andere auf der Nordweſtſeite der Eliſabethkirche, ſchräg gegen dieſelbe geſtellt, für die männlichen Ordensperſonen. An letztere war die, im Frühjahr 1786 abgebrochene Kapelle, in welcher zuerſt die h. Eliſabeth beigeſetzt worden war, angebaut. Das Gebäude ſelbſt war am Ende des 15. oder im Anfang des 16. Jarhunderts äußerſt ſolid (mit ſtufenförmigen Giebeln, denen des Marburger Rathauſes ganz ähnlich) erbaut, hatte übrigens ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr als Krankenhaus gedient, denn ſchon im 17. Jarhundert (1655) befand ſich in der Firmanei, wie ſchon damals das Wort geſchrieben wurde, eine dem deutſchen Orden gehörige von den Bürgern Marburgs ſtark beſuchte Weinſchenke. Später wurde daſſelbe als Fruchtſpeicher für die Revenüen des deutſchen Ordens benutzt, und das Holzwerk im ſiebenjährigen Kriege von den Franzoſen einge⸗ äſchert, doch ſehr bald wieder hergeſtellt. Zuletzt ſtand das Gebäude gänzlich leer, und weil man nichts damit anzufangen wußte, wurde es im Sommer des Jahres 1839 gänzlich abgebrochen; die noch brauchbaren Baumaterialien ver⸗ wendete man zum Umbau des Dörnberger Hofes. Seitdem iſt die Bezeichnung Firmanei voͤllig erloſchen. Vgl. Juſti Vorzeit 1825 S. 243 — 250. firm, gewöhnlich fern geſprochen, wird gegenwärtig nur noch in der Obergrafſchaft Hanau, in Gelnhauſen und weiter ſüdlich im Hanauiſchen, und zwar nur noch vom Wein gebraucht: vom vorigen Jahre. Ehedem aber war das Wort im allgemeinen Gebrauche und nicht bloß Bezeichnung des vorjährigen Weines, ſondern auch des Getreides, namentlich des Hafers, des Korns (Roggens) und der Gerſte. So kommt firn in den Renterei⸗Rechnungen des 16. Jarhunderts häuſig vor; z. B. üij alb. hab ich zu Frieglar veregert auff zweymal habe firne 103 hafer laſſen ſtürtzen“ Univerſit. Vogteirechnung Singlis v. 1560 u. oft. Jetzt iſt dieſer Gebrauch zwar erloſchen, aber die in Heſſen vorkommenden Familien⸗ namen Firnhaber, Verngerſte, Fernkorn und Viernkorn geben von deſſen ehemaligem Vorhandenſein noch jetzt redendes Zeugnis. Vgl. fert. First fem. erſcheint außer dem gemeinhochdeutſchen Gebrauche in Heſſen noch einzeln als Bezeichnung von Waldhöhen und Bergrücken, welche nachgerade freilich ihren appellativiſchen Charakter in den eines Eigennamens umzukleiden angefangen hat, oder bereits umgekleidet hat. Mehrfach findet ſich noch First als Bezeichnung der auf der Höhe, dem Kamme einer Hügelverbindung liegenden Ackerſtücke: „ſie liegen auf der Firſt“ und ſolche Kämme führen dann auch den Eigennamen Firſt (Braach); außerdem heißt eine anſehnliche Waldhöhe bei Salzberg die Ehefirſt (meiſt Eheförſte geſprochen), eine andere bei Kloſter Haina die Einfirſt. Auch die uralte Branvirst iſt noch vorhanden, hat ſich aber im officiellen Gebrauche in Branforſt umgeſtaltet; indes ſoll das Volk (im Amt Großenlüder) noch Bramfirſt ſprechen.“ Dagegen iſt der gleichfalls uralte Name Eherinerirst, ein Waldbezirk, welcher ſowol einen großen Theil des Knüllgebirges wie des Seulingswaldes umfaßte, vorlängſt erloſchen. Fischtag. Diejenigen Tage, an welchen das Recht der Fiſcherei, wenn es überhaupt beſchränkt war, geübt werden durfte, waren der Mittwoch und der Freitag jeder Woche, die Faſttage, welche eben deshalb auch, und hin und wieder bis auf die neueſte Zeit, die Fiſchtage hießen. „Wer aber mit Hamen fiſchen will, mag ſolches uff die Zugelaßenen fiſchtage, als Mittwochen vnd freytag, vnd ſonſt nicht, es erfordere dann die hohe noth, verrichten“. Stadtordnung von Hofgeismar 1634, bei Falckenheiner Städte und Stifter 2, 447. Vgl. das Weistum von Salzſchlirf 1506, Grimm Weist. 3, 377, und anderwärts. Vgl. Fleischlag. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſchichte und Landeskunde 4, 64. ſisseln, fein regnen. In ganz Altheſſen. Im Fuldaiſchen ſpricht man fiseln, wie in Baiern feiseln. Schmeller 1, 571. Fist msc., 1) wie anderwärts: crepitus ventris. 2) kleiner, ſchwächlicher, hinfälliger, armſeliger Menſch; Schimpfwort. Sehr üblich. dtzen, Kunſtwort der Weber und der Tüncher; es bedeutet das Ein⸗ flechten des Einſchlags oder deſſen, was den Einſchlag vertritt, in den Aufzug; alſo bei den Tünchern das Einflechten der Gerten in die Schalhölzer (Spil⸗ ſtecken, Weifſtecken). Darauf folgt dann das Kleiben mit Strohlehm. Fitzfaden msc., einzelner in das Gewebe eingeſchlagener Faden; mit⸗ unter von hervorſtechender Farbe, um eine Stelle im Gewebe (Ellenlänge, An⸗ fang eines anders gewebten Linnenſtücks u. dgl.) bemerklich zu machen. Fitzgerte fem., die aus Buchen, Haſeln oder Hainbuchen entnommene meiſt geſpaltene Gerte, welche zu dem Einflechten in die Schalhölzer dient. Eſtor t. Rechtsgelahrtheit 1, 712. Friſch 1, 270 wo fitzen, aber nicht vom Tünchen, aufgeführt wird. Niederdeutſch: Fisse. Richey hamb. Id. S. 56 — 57. Brem. WB. 1, 398. In dieſer Form erſcheinen obige drei Wörter auch im weſtfäliſchen Heſſen: fissen, Fissefaden, Fissegerte. flach iſt der in ganz Heſſen übliche Ausdruck für ſeicht, welcher letztere gänzlich unbekannt und unverſtanden iſt. First — Hlach. 104 Fladen — Fleck. Fladen msc. iſt in der Bedeutung Kuchen in Heſſen völlig unbekannt, und wird in einigen Gegenden nur von dem weichen Ueberzug, welcher dem Gebäck gegeben wird, gebraucht. So heißt im Geisgrunde die aus gekochten und zerriebenen Kartoffeln und Milch oder Schmand beſtehende Maſſe, mit welchem die Kuchen belegt werden, und die ſonſt Guß genannt wird, Fladen. Und im Schmalkaldiſchen heißt das mit Butter, Rahm (Schmand), Mus be⸗ ſtrichene Brod Butterfladen, Raumfladen, Musfladen. Flaeme fem., Weiche, Seite; urſprünglich von der Seite eines Thieres (Ochſen), aber auch von der menſchlichen Seite, und dann in erniedrigender Weiſe gebraucht, namentlich in der Redensart: einen in die Fläme hauen, einem einen nachdrücklichen Hieb, ein rechten Treff geben. Ueberall in dieſer Weiſe üblich, am meiſten in Niederheſſen. Lacclu“ rigzi. Schmidt Weſterw. Id. S. 58 hat Flaeme nur als vom Thier gebräuchlich. Flanz, FlAnz msc., in den niederdeutſchen Bezirken wol richtiger Flans geſprochen, 1) den Atem benehmender, zumal ſtinkender Dunſt, z. B. von Fett, welches auf die heiße Ofenplatte geſchüttet wird. In ganz Niederheſſen, auch in Oberheſſen nicht unüblich. Anderwärts Flaſt (Schmidt Weſterw. Id. S. 59). Tueizk. u, 7 379. 2) auch Flainz geſprochen, Ohrfeige, Maulſchelle; metaphoriſch auch für empfindlichen Nachtheil, Schaden, gebraucht. Im Haungrund, und ſonſt im Kreiße Hünfeld. Dieſes Wort, wenn auch mit demjenigen, welches Dunſt be⸗ deutet, der Form nach ganz gleich, gehört doch dem Ürſprunge nach nicht zu demſelben, ſondern zu vlans, Mund. flanzen, den Atem benehmenden Dunſt verbreiten; „das Fettlicht flanzt“. geflappt sein, iſt im Fuldaiſchen ein ſehr üblicher Ausdruck für unklug ſein, verrückt ſein. Flarre fem., Hieb, beſonders ein Hieb durch das Geſicht, als Ver⸗ wundung: „dem iſt eine garſtige Flarre über die Naſe gehauen worden“. Hier wie anderwärts, und zwar ziemlich allgemein üblich. Richey S. 63. Schmeller 1, 590. Vgl. flerren. FlAt msc., ein unanſtändiger, ſchmutziger, niedriger Menſch. Im Schmalkaldiſchen. Reinwald 1, 35. Sonſt in Heſſen unbekannt, und nur im Schaumburgiſchen wieder erſcheinend,, wo Flat (Brem. WB. 1, 406) und das Compoſitum Flatangel vorkommen. DieAꝛlae 1 643, launt Sehr ähnlicher Bedeutung, vielleicht urſprünglich daſſelbe Wort, nur mit hochdeutſchem Auslaut iſt Flaez msc. (Schmalkalden), Ele⸗ (im übrigen Heſſen), ein ungefüger, ungeſitteter Menſch, was man ſonſt auch Rekel, Bengel nennt. Reinwald 1, 36. Flatsche fem., 1) Lappen, beſonders aber von den Hautſtücken ge⸗ bräuchlich, welche bei ſchwereren Verwandungen losgetrennt werden; dann auch von einer anſehnlicheren Hiebwunde überhaupt. Allgemein üblich. 2) großer, durch Uebergießen einer Flüßigkeit entſtandener und zugleich entſtellender (meiſt auch Ekel erregender) Fleck. Schmalkalden. Vgl. Grimm WB. 3, 1729. Fleck msc., Ort, Stelle, angewieſener Platz; auch Flecken. Hin und wieder wird das Wort auch von einem einzelnen Landſtück gebraucht. Die Be⸗ wohner derjenigen Ortſchaften, welche die Begeichnung „Flecken“ führen, pflegen Fledermaus — llennen. 105 auf dieſelbe ſehr ſtolz zu ſein und ſich beleidigt zu fühlen, wenn man ihren Wohnort „Dorf“ nennt. fleckerweise, ſtellenweiſe, hin und wieder, da und dort. Werragegend. Fledermaus, Fledermäuse war die in der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen allgemein übliche und regelmäßige Benennung der bis zum Jahr 1840 in dieſen Gegenden in unzälbaren Scharen curſirenden Frankfurter Pfennige (Heller), wegen des bekanntlich eine beſonders ſteife Form tragenden Frankfurter heraldiſchen Adlers; eben ſo, wie man in Baiern die preußiſchen Groſchen ſonſt Guckezergroſchen nannte; Schmeller 2, 27. Seitdem das Cur⸗ ſieren jener Pfennige ſich gemindert hat, iſt jene Bezeichnung obſolet geworden (etwa ſeit 1850). dehen (fochen), flehnen, fliehen machen, in Sicherheit bringen. Ander⸗ wärts häufiger als in Heſſen, wo das Wort indes noch immer gehört wird, wenn gleich nicht häufig. „i4öl du was eyn grois wynt uff sent Jacobs tag, der warff die welde umbe, unde furte in Langendorff enweg die Kirche husse unde schuren, alle buwe, ussgescheydin eyn bosse huss, worin die kyndere in geſtent“. W. Gerſtenberger bei Sehminke Mon. hass. 2, 555. Fleischtag, Bezeichnung derjenigen Wochentage, an welchen nach alter, und noch jetzt in einem ſehr großen Theil der ländlichen Haushaltungen beſtehenden, Hausordnung Fleiſch gekocht zu werden pflegte: des Dienſtags und des Donnerstags; Mittwoche und Freitag waren Faſttage, und hießen in der Hausordnung Fiſchtage. Die Bezeichnung Fleiſchtage beſteht noch jetzt, und es werden Gaſtmäler, zumal Hochzeiten, in vielen Gegenden nur an einem Fleiſchtag angeſtellt; eben darum gelten auch die Fleiſchtage noch jetzt hier und da, im Anfange dieſes Jarhunderts allgemein, als Glückstage — weil an dieſen Tagen reichliches Eßen vorhanden war. Montags und zumal Sonnabends wurden Mehlſpeiſen gegeben, daher für dieſe Tage der im Fuldaiſchen noch jetzt übliche Name: Klößtage. Vgl. Fischtag. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. 2K. 4, 64. dennen (Prät. Alänte, Partie. geflänt, im Stift Hersfeld und in der Gr. Ziegenhain), urſprünglich: den Mund verziehen (Alberus Dict. Bl. la: porrigo vel exsero linguam, ich flenne); daher Intranſitiv: 1) weinen, zumal laut und ſchmerzlich weinen: „die hat einmal geflänt“! und ungezogen weinen, wie eigenſinnige und unbändige Kinder thun. In dieſem Sinne wird das Wort gebraucht im Hersfeldiſchen, Fuldaiſchen, im Schmalkaldiſchen, in der Obergrafſchaft Hanau, in der Grafſchaft Ziegenhain, auch an der untern Eder und an der Efze (Homberg und Umgegend). Reinwald Henneb. Id. 1, 36. Flenn-Else, ein zum Weinen geneigtes, thränenreiches Mädchen. 2) lachen, zumal eine lächelnde Miene machen, den Mund zum Lachen verziehen. So im öſtlichen Heſſen, an der Fulda und Werra. Die Pferde, zu⸗ mal die Hengſte, flennen, wenn ſie den Kopf in die Höhe werfen und die Zähne blicken laßen. Flennbart, ein zum Lachen geneigtes Kind. „flennen, lächerliche Miene machen“. Grafſchaft Hohenſtein, Journal v. u. f. Deutſchland 1786, 2, 115. Activ: 3) uneigentlich: Pflaumenobſt (Zwetſchen, Kriechen, Schlehen) durch Hitze im Trockenofen oder im heißen Waßer zum Aufſpringen der Schale bringen; in dieſer Weiſe „geſlennte“ Schlehen ſind zur Not eßbar. Das Auf⸗ 106 Flenzen flitschen. ſpringen der Schale iſt dem Oeffnen des Mundes, namentlich zum Lachen zu vergleichen. Im öſtlichen Heſſen, in Fulda und Schmalkalden. In Oberheſſen exiſtiert das Wort überhaupt nicht. Grimm WB. 3, 1768—1769 verzeichnet nur die erſte Bedeutung. flenzen (sich): 1) mit Widerwillen, gleichſam mit Geſichtsverziehen, an eine Arbeit gehen. Im nördlichen Oberheſſen. 2) (fleissen geſprochen, wie auch Leisel ſt. Lensel u. dgl.) Miene zum Lachen machen; „was fleißt du dich noch?“ d. h. du willſt wol gar noch deine Ungezogenheit u. dgl. belachen? Südliches Oberheſſen; ſüdlich von Marburg. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. 2K. 4, 65. derren, die Zähne blecken; höhniſch lachen; „du garſtige Flerrſchnute, was flerrſt du noch?“ Anrede einer Mutter an einen Knaben, welcher über das Hinfallen eines kleineren Kindes ſchadenfroh lachte. Ziemlich allgemein üblich. Zuweilen wird jedoch auch flerren für das ungezogene Weinen der Kinder ver⸗ wendet. Flarrgesicht, Flerrgesicht, ſtarres, entſtelltes Geſicht, Geſichtszüge, welche dummes Erſtaunen oder heftigen Schrecken ausdrücken; Fratzengeſicht. Flerraugen, verkehrt blickende Augen, ſtarr ſtehende oder verdrehte Aug⸗ äpfel. Alberus hat im Dict. Bl. Tijb flerraugen für oculos distortos. Flerjes msc., hin und wieder in Niederheſſen übliches Scheltwort, gleich⸗ bedeutend mit Schlingel, Bengel. Vgl. Flarre. Fléte kem., geſprochen faſt wie Fioete, fließendes Waßer, Bach, Fluß. Im ſächſiſchen und beſonders im weſtfäliſchen Heſſen; in letzterem ſo, daß die Eigennamen der Flüße neben der allgemeinen Bezeichnung Fléte verſchwinden; z. B. heißt in Niedermeiſſer die durchfließende Warme nicht Warme, ſondern Fléte; ja die Diemel wird meiſt ſchlechtweg die Flete (= der Fluß) genannt. Der neutrale Gebrauch des Wortes, in der Form Flet, wie ſonſt in Niederdeutſchland, iſt hier nicht vorhanden. Vgl. Richey S. 60. Brem. WB. 1, 413. fließen aber lautet auch hier, wie dort, neten. In älterer Zeit muß dieſes Wort, in der Form Feule, eine weit größere Verbreitung in Heſſen gehabt haben, als heut zu Tage. Im 16. Jarhundert erſcheint es öfter in oberheſſiſchen Urkunden, z. B. „so vnd als vns vnd gemeltem huse (der Commende des deutſchen Ordens zu Marburg) an vnsern deichen vnd ſischerien in der Aczbach geleigen eczwan mirklicher schade von ſleuden vnd gewesser des orts bescheen“ Urkunde des Landcommenturs Wolfgang Schuczber genant Milchling von 1533. deuten gehen, 1) darauf gehen, verloren gehen; „das Geld iſt fleuten gegangen“. 2) ſich aus dem Staube machen; „er iſt fleuten ge⸗ gangen“, iſt durchgegangen, durchgebrannt. Niederdeutſche Redenbart, Richey S. 63; beſonders im öſtlichen Heſſen üblich, nirgends aber gänzlich unverſtanden. Nitschen und nitzen wurde im öſtlichen Heſſen von ältern Per⸗ ſonen noch im Anfange dieſes Jarhunderts für: mit Pfeilen ſchießen geſagt (wie das Schießen mit Rohrpfeilen in jener Gegend zu den Frühlingsvergnügungen der damaligen Knabenwelt gehörte). „haben kleine ſchießlöchlein darinn, da ſie herauß flitſchen“. Hans Staden Reiſebeſchr., Weltbuch 1562. fol. 2, 51b. Flitschbogen, Flitzbogen, erſteres die für gröber, gemeiner, letzteres die für feiner und edier geltende Wenennung: Armbruſt; jetzt nur noch ein Knaben⸗ Flitiern — Föhr. 107 ſpielwerk, deſſen Benennung Armbruſt aber faſt ganz unbekannt, jedenfalls durch⸗ aus ungeläufig iſt. Hans Stade hat Flitſchbogen. nlittern, kichern, in halb unterdrückter Weiſe lachen. Im Haungrund. dück, geſprochen flick, wird nicht nur im gewöhnlichen ſchriftdeutſchen Sinne von Vögeln, ſondern metaphoriſch auch von dem Flachſe gebraucht, welcher zum Herausnehmen aus der Roße geeignet iſt. Eſtor d. Rechtsgl. 1, 641 (S. 1594). flugger adj, ſchnell, hurtig, eilig. An der untern Eder (Fritzlar und Umgegend). Außerdem nicht in Heſſen üblich, aber auch ſonſt kaum vorkommend, ſelbſt nicht in Niederdeutſchland: nur die Br. WB. 1, 411 aufgeführte zweite Bedeutung von flugge gewährt eine haltbare Anlehnung. ſluger hat Stalder 1, 386 in der Bedeutung locker. Flusz kommt in der Volksſprache niemals in der Bedeutung von fluvius vor, vielmehr bedeutet das Wort, wie in der älteren Sprache 1) fluxus, Strömung; 2) alle rheumatiſche und katarrhaliſche Krankheiten (in welchem Sinne im Schriftdeutſchen noch Schlagfluß gebraucht wird), Gliederreißen wie Lungen⸗ entzündung (welche ehedem Herzgeſpan oder Herzgeſperr hieß), Gehirn⸗ erweichung wie Kindbettergeſchwulſt, und namentlich wird die, nicht als Todes⸗ erſcheinung, ſondern als Todesurſache aufgefaßte Lungenlähmung als Fluß bezeichnet; die Urſache des Tedes wird, namentlich wenn von Kindern die Rede iſt, regelmäßig dahin angegeben: „es iſt ihm ein Flüßchen gefallen“. Vekanntlich pflegten alle derartigen Krankheiten in älteren Zeiten auf die humores, böſen humores, welche ſich da oder dorthin gezogen, dahin oder dorthin gefallen ſeien, zurückgeführt zu werden, und noch im Anfange dieſes Jarhunderts wurde dieſe Auffaßung von Dorfärzten und Chirurgen ernſtlich vertreten. Von dieſem humor, dieſen humores iſt Fluß, Flüße die buchſtäbliche Ueberſetzung. flutschen, ſchluchgend weinen, ſtärker als flennen, ſchwächer als heulen. Schmalkalden. fochen, laut und ſchwer atmen, von den Menſchen und vom Vieh in Oberheſſen gebräuchlich, anderwärts unbekannt. „Du fochſt ja“, Anrede an einen, der ſich außer Atem gelaufen hat. Es iſt das gemeinhochd. pfuchen, pfuchzen. In Niederheſſen ſagt man hechzen. Föhr fem. und neutr., Furt, Durchſartsſtätte für Wagen und Vieh⸗ heerden, nicht nur durch einen Fluß, ſondern auch durch einen in einem engen Thale fließenden, wenn gleich noch ſo kleinen Bach, welcher der Natur ſeines Laufes gemäß, nur hier und da geeignete Punkte gewährt, auf welchen über ihn hin von der einen Vergwand, dem einen Abhang, zur andern mit Wagen und Pieh gelangt werden kann. Das Wort findet ſich nur im ſächſiſchen und weſt⸗ fäliſchen Heſſen, ſehr häufig zumal am Reinhardswald, und die Föhre geben überall den Flur⸗ oder Waldſtrichen, in denen ſie ſich befinden, ihre Namen, ſo daß ſie, von Außen angeſehen, ſich wie Eigennamen ausnehmen. So iſt z. B. bei Grebenſtein eine Föhr durch die Eſſe, bei Volkmarſen das (die) Allerföhr durch die Twiſte: bei Hombreſſen dagegen führen die Dreckföhr, die Oſter⸗ waldsföhr, die Düwelsföhr, und viele andere, bei Udenhauſen die Vecken⸗ hager Föhr, die Meyerhöfer Föhr, bei Gottsbüren die Thonkäuter Föhr, bei Ippinghauſen das hohe Föhr u. ſ. w. über geringe Rinnſale in meiſt ſehr engen Thalgründen. Fußpfäde aber, welche mittels Stegen über dieſe Bächlein führen, heißen niemals Föhr. 108 Folen — Frau. Folen neutr. puledrus; die ausſchließliche Bezeichnung des jungen Pferdes in ganz Heſſen. Füllen, das Deminutiv von Folen, iſt nirgends üblich, es ſei denn in abermaliger Deminution, Füllchen, welches Wort wol Kindern gegenüber gebraucht wird. Forke fem. Dieſes lateiniſche, ehedem auch in Oberdeutſchland ge⸗ bräuchliche und in ganz Niederdeutſchland noch jetzt übliche Wort iſt auch in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Gegenden Heſſens, doch nur in dieſen, gebräuchlich, bedeutet aber nicht, wie ſonſt in Niederdeutſchland (Schottel Haubtſpr. 1321. Richey S. 66. Brem. WB. 1, 441) Gabel überhaupt, ſondern nur die zwei⸗ zinkige Heugabel. Die dreizinkige Miſtgabel heißt Greipe (ſ. d.). Frasen msc., cespes, Raſen. Dieſe Form herſcht in den niederdeutſchen Bezirken Heſſens, ſodann weiter ſüdlich in Niederheſſen bis nach Melſungen und Homberg herauf, in Oberheſſen in der Gegend von Frankenberg. Das ſüdliche Niederheſſen, Hersfeld, Ziegenhain, Fulda und das ſüdliche Oberheſſen bedienen ſich der hochdeutſchen Form Waſen. Das gemeinhochdeutſche Wort Raſen iſt nirgends volksüblich. „Zu den gelzydin fur uss der erden in Doringen eyn gross frassen lenger dan L fusse lang“. W. Gerſtenbergers Chronik bei Schmincke Monim. hass. 1, 36. „Noittaoiger frawen ader meyde den sal man an vyr phele uff eyne(n) frassen bynden“. Emmerich Frankenberger Gewohnheiten bei Schmincke Mon. hass. 2, 755. „den unterſten Kleefraßen“ Hainaer Leihe⸗ brief von 1752 bei Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 209. Anekdote: Eine Schildwache verwehrte einer bekannten ſentimentalen Dame in Kaſſel im Jahr 1822 den Uebergang über das Bowlinggreen in Wilhelmshöhe, worauf ſie ihn anredet: „Rauher Krieger, laß mich wandeln auf dem Teppich der Natur!“ und der Soldat antwortet: „Dumme Gans, es is ja Fraſenl' Es iſt dies Wort neben Frist (ſ. d.) das einzige Beiſpiel, daß das niederdeutſche wr auch in nicht eigens niederdeutſchen Gegenden, vergröbert aller⸗ dings in fr, beibehalten worden iſt. Die volle niederdeutſche Form wrasen ſ. bei Friſch 2, 87. Die gemeinhochdeutſche (ſchriftdeutſche) Form Raſen ruht auf dieſer niederdeutſchen, mit üblicher Wegwerfung des w; wie ſich aber das ahd. waso, mhd. wase, welches jetzt nur noch in den Dialecten vorhanden iſt, zu wraso verhält, bleibt noch zu ermitteln. Das von Grimm WB. 4, 64 als unerklärt bezeichnete Wort frase, fräse iſt wol zweifellos unſer frasen; Spreu bedeutet jenes frase, fräse auf keinen Fall. Frau. In ganz Heſſen wird von Seiten des Gefindes das Wort Frau noch in dem alten Sinne von Herrin, Gebieterin, gebraucht: „meine Frau“, „unſere Frau“ ſagen ſelbſt in Städten ganz allgemein männliche und weibliche Dienſtboten von der Dienſtherrin. Fräule (geſprochen Fraile) neutr. 1) die Großmutter; Reinwald 1, 37. 2) kleines altes Mütterchen. Schmalkalden. Vgl. Herrle. Unser Frauen Betlstroh (Schmalkalden), abgekürzt Frauenbetistroh, Frauenstroh (im übrigen Heſſen), Galium cruciata. Frauenmantel, Alchemilla vulgaris; überall ſo genannt. Die übrigen, anderwärts nach der Jungfrau Maria mit Frau bezeich⸗ neten Kräuter führen dieſe Bezeichnung in Heſſen nicht, ſelbſt nicht Adiantum uigrum (Frauenhaar), in Heſſen ohnehin ſelten, und Cypripedium, welche ſchöne Blume, wenn ſie ja genannt wird, nur Schuhblume, nicht Frauenſchuh heißt; nur im Speſſart wird ſie Frauſchuckelblume genannt, und, wol unberechtigt, mit den „wilden Frauen“ in Verbindung gebracht. S. Lynker deutſche Sagen und Sitten in heſſiſchen Gauen. 1854. S. 62. Frei — Presse. 109 Jungeſtau, gewöhnlicher Anruf der Bäuerinnen, alt oder jung, welche mit Verkaufsartikeln in die Stadt zum Markte kommen, oder auf dem Krammarkt an den Buden vorübergehen. S. Jungfer. wilde Frau, eine bis jetzt noch nicht völlig erloſchene, mythiſch gewordene Reminiſcenz an ein Menſchengeſchlecht, welches vor dem jetzt unſere Gegenden bewohnenden Volksſtamme in denſelben gehauſt hat. Am lebendigſten ſind die einſchlagenden Sagen noch jetzt im Speſſart und im Büdinger Wald, ſo wie am Vogelsberg, ſ. Lynker S. 58— 62; mehr verdunkelt am Knüll. Bei Wüſt⸗ wüllenrot heißt eine Baſaltkuppe „das Wildfrauenhaus“; im Büdinger Walde eine gleiche Baſaltklippe „das wilde Weibsbild“; am Knüll über Friedigerode nahe am Bilſtein eine ähnliche Klippe, unter welcher ſich eine Höhle befindet „das Frauenhaus“ Letztere Bezeichnung wurde noch vor funfzig Jahren ganz beſtimmt auf die „wilden Frauen“, welche dort vor alten Zeiten gewohnt hätten, bezogen; ſeitdem iſt der Mythus verblaßt, ſ. Lynker S. 62. Vgl. Grimm d. Myth. (2) 403 f. frei adv., ein Ausdruck des Bekräftigens und Hervorhebens, wie in der Volksſprache wol überall in Deutſchland, welchen die Schriftſprache wiederzugeben (zu überſetzen) nicht vermag. Schmeller 1, 606. Bald entſpricht dem „frei“, doch immer nur zum Theil, die Formel „ganz und gar“, bald „recht“, bald „nur“, bald „ſchon“, bald „wirklich“ u. dgl. m. „Maitgen war dich, an dem orth da du ſchlaffeſt, ſitzt alle nacht ein lodderichter Hundt, der ſchutt frey fewr vmb ſich“. Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657. „Wir ſind frei luſtig ge⸗ weſen“ bedeutet: wir ſind recht luſtig geweſen, aber auch nur luſtig, d. h. es iſt weiter nichts (Schlimmes) vergegangen. „Er hat ihm frei abgeſagt“, hat die Zumutung, Bitte, ganz und gar abgeſchlagen. freien, im weſtfäliſchen Heſſen friggen geſprochen, ein augenſcheinlich niederdeutſches Sprachelement, in Oberdeutſchland wenig üblich (Schmeller 1, 610), iſt in ganz Heſſen der ausſchließlich gebrauchte Ausdruck für 1) werben um eine Heirat, bei dem Mädchen wie bei deſſen Eltern; meiſt mit um conſtruiert: „um die N. N. freien“. 2) heiraten. „Es muß wol einer freyen, wo er zukommen kann“. Marburger Acten von 1596. So ſind auch die Redensarten „jung gefreit, hat niemand gereut“, „freien iſt kein Pferdekauf“ u. dgl. volksüblich. Var4rk, 2 3y⸗ Freierei, Brautwerbung. Schon bei W. Gerſtenberger (schmineks Monim hass. 1, 271): frygerie. „Auf die Freierei gehen“, nach einer paſſenden Braut ſich umſehen, Heirathsanträge machen. Auch die Ausdrücke Freiersmann (Brautwerber) auf Freiersfüßen gehen, weniger indes Freier und Freierin, ſind volksüblich. Freiscl mse., convulſiviſcher Zufall, namentlich das in Folge eines plötzlichen Schreckens eintretende condulſiviſche Zittern. Schmalkalden, anderwärts unbekannt. Schmeller 1, 617; abweichend von dem ältern und in Baiern noch vorhandenen Gebrauche iſt unſer Wort Maseulinum, nicht Femininum. Fresse fem., Fress neutr., der Mund, in verachtender Beziehung. Das Neutrum findet ſich in Oberheſſen, doch nicht ausſchließlich, neben dem gleich⸗ falls ſehr gebräuchlichen Femininum herſchend. „Ich will dirs ins Freß ſchmeißen“ Oberheſſiſche Criminalacten von 1593; eine Redensart, in welcher als einer ſehr gewöhnlichen, Freß und Freße noch jetzt gleichmäßig vorkommen; 110 Gefraess — Friede. „einen in die Freße ſchmeißen“, gleichfalls ſehr üblich, hat vorwiegend das Femininum. Schmeller 1, 618. Gefraesz neuir., in gleicher Bedeutung wie Fresse und noch üblicher als dieſes Wort. Freund bezeichnet auch in Heſſen, wie in Baiern (Schmeller 1, 614) und ſonſt wol in dem gröſten Theile von Deutſchland, auf dem platten Lande zunächſt nur den Verwandten. Die Bedeutung von amicus iſt zwar nicht unbe⸗ kannt, ja in einigen Beziehungen üblich, z. B. „wir wollen ja gute Freunde bleiben“, aber doch eine gegen jene Bedeutung ſehr untergeordnete, ja faſt ver⸗ ſchwindende. Noch in der Zeit des ſiebenjährigen Krieges ſcheint unter dem Landvolk bei uns die Benennung „Freund“ für ein nicht verwandtſchaftliches Verhältnis nicht nur nicht üblich geweſen, ſondern ſogar abgelehnt worden zu ſein; in der Abwicklung einer weitläufigen, die Jahre 1758 — 1764 ausfüllenden bäuerlichen Erbſchaftsſache wurde von einen Beamten ein den Haupterben mit ſeinem Rate unterſtützender Bauer als „Freund“ des Haupterben bezeichnet; der Letztere proteſtierte aber förmlich, und zwar zweimal, gegen dieſe Bezeichnung: „der N. N. ſei ſein Freund nicht, und habe ſonach mit der Erbſchaft nichts zu ſchaffen“. Ganz Aehnliches aber habe ich noch im Jahr 1810 (oder 1811) ver⸗ nommen. Freundschaſt bedeutet in ganz Heſſen nur den Verwandtenkreiß; niemals wird das Wort in dem Sinne von amicitia gebraucht. Komt es je in abſtracter Bedeutung vor, ſo bezeichnet es die Verwandtſchaft. S.estir, F. J4, Friede. In älterer Zeit wurden die Bauernhöfe und ganze Dörfer mit Verzäunungen (Schlägen) umgeben, und dieſe Sicherung gegen Einbruch und Frevel nannte man Friede, Dorffriede (wovon gemeinhochdeutſch „ein⸗ friedigen“), weil innerhalb dieſer Verzäunungen man ſich ſicher und heimiſch fühlte; möglich, daß das Wort fridu, welches in den urverwandten Sprachen keine Namensverwandtſchaft hat (fehlt übrigens auch im Gothiſchen), zuerſt die Einhegung, das Sicherheitsmittel, und dann erſt den Sicherheitszuſtand und das Sicherheitsgefühl bezeichnet hat. Es wurde ſtreng darauf geſehen, daß dieſer Friede (dieſe Verzäunungen) bei Nacht verſchloßen gehalten werden mußte, und daß nicht etwa der Eine dem Andern ſeinen Dorffrieden aufbrach; die Orts⸗ vorſtände waren dafür verantwortlich, daß insbeſondere die das ganze Dorf um⸗ faßenden Eiuhegungen unverletzt erhalten und die Eingänge Nachts verſchloßen wurden. „1 fl. werden geſtraft die Elbergerheuſer (ehemalige Bewohner des Dorfes Elbringhauſen bei Goßfelden, welche ſich nach Goßfelden gezogen hatten, hier aber immer, und bis auf die neuere Zeit, eine beſondere Gemeinde bildeten] das ſie Michel in Irlen zu Gusfelden ſein dorf friden vf gebrochen vnd im ein vnnodigen faher weg vber ſein acker gemacht haben“. Wetterer Bußregiſter von 1591. 1 ½ il. wird geſtraft die gemein Sterzhauſen, dz ſie dz gebot veracht vnd jren dorff friden nicht zue machen wollen“ Ebdſ. von 1596. „10 alb. wird geſtraft Reinhart Müller zu Omenaw dz er den dorfffriden nicht ge⸗ halten“. Ebdſ. v. 1596. Und ſo öfter, auch werden mehr als einmal „der Heimberger vnd vier“ (zu Sterzhauſen und anderwärts) gerügt „das ſie des nachts vber eingelegt gebott thre 'ſchlege nicht beſchlieſſen laſſen, dahero etzlichen mit hüeten groſſer ſchade im felt entſtanden“. Schmeller 1, 603 — 604. Hierher gehören auch wol ohne Zweifel die Ortsbezeichnungen Fridaha, jetzt Frieda, an der Werra — wol ein eingehegtes, nicht dem gemeinen Gebrauch (Fiſchfang u. dgl.) überlaßenes Waßer. Frischbier — verfumfeien. 111 Frideslur, jetzt Fritzlar, eine eingehegte Wohnung, wie etwa das ſpätere Burgſtall. Friduwalt, jetzt Friedewald, dem Sinne nach im Allgemeinen daſſelbe, was wir jetzt Hegewald, Hege, nennen; möglicher Weiſe aber insbeſondere ein Wald, welcher für den Cultus beſtimt und zu dieſem Zwecke eingefriedigt war; der jetzige Flecken mag aus einem ſolchen Walde entſtanden ſein oder an einen ſolchen angebaut worden ſein. Als Appellativum komt Friedewald noch ſpät, im 17. Ih. in einem Weistum von Crove an der Moſel (Grimm Weist. 2, 373) vor. Frischbier neutr. (geſprochen Früschper), im Schmalkaldiſchen die Bezeichnung des Nachbiers, Duͤnnbiers, Covents. (Vgl. Trinken, Langwel). Reinwald 1, 38. Frist fem., der obere Theil des Fußes, ſonſt auch Reihen genannt; auch heißt ſo, doch meiſt ſchon mit Weglaßung des F im Anlaut, alſo Riſt, der unterſte Theil des Armes dicht über dem Handgelenk, meiſt auch mit Inbegriff des letztern. Es gehört dieſes Wort zu denen, welche das wr das Anlauts in fr verwandelt haben (vgl. Frasen): eigentlich wrist. Z v4,- Richey Hamb. Id. S. 347. Strodtmann ld. Osnabr. S. 388. Brem. WB. 5, 300. Schmeller 3, 144. fromm wird in Heſſen, wie in dem gröſten Theile Deutſchlands, nur in einer Beziehung noch in ſeinem urſprünglichen Sinne (förderlich, dann: geſetzlich [wie Luther das Wort ausnahmslos und nach ſeiner ausdrücklichen Er⸗ klärung gebrauchte], in ſeinem Lebenskreiße ohne Ausſchreiten verharrend und denſelben ganz ausfüllend) gebraucht: von Pferden welche nicht ſchlagen oder beißen, und von Ochſen welche nicht ſtößig ſind. kerh'ee 1 344 befruchtigen, den Acker beſäen; ein in den Leihe⸗, Pacht⸗ und dergleichen Briefen im 14., 15. und zum Theil noch im 16. Jarhundert ſehr oft vorkommender Ausdruck: „das sie land schere (abernte) vmb jren verschienen poicht, als sie das zu der zeit befruchtiget hette“ Ungedr. Urkunde von Caldern v. 1383. Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schmincke Monim. hass. 2, 747. Fuchtel fem. 1) wie gemeinhochdeutſch: im Plural Schläge, im Sin⸗ gular Degen. 2) Schimpfwort für eine lüderliche Frauensperſon, Hure. Im Fuldaiſchen. fuckeln, betrügen, namentlich im Kartenſpiel durch untergeſchobene, verleugnete u. ſ. w. Karten betrügen. Fuckelei, Betrügerei. Schmalkalden. Reinwald 1, 38. Doch iſt neben kuckeln im Schmalkaldiſchen auch das im übrigen Heſſen für dieſe Art von Betrügerei gangbare Wort muscheln (kuscheln) nicht unge⸗ bräuchlich. Füllfasz neutr., gewöhnlich Föllwes geſprochen, der aus Holzſchienen verfertigte, die Geſtalt eines halben Eies tragende, gewöhnlich zu Erdarbeiten benutzte, in Thüringen und im Hennebergiſchen gebräuchliche, in Heſſen faſt gänzlich unbekannte Korb. Mit der Verfertigung dieſer Körbe beſchäftigen ſich viele Bewohner der Schmalkaldiſchen Dörfer, und es werden deshalb die dort zalreichen Korbflechter überhaupt Föllwesmächer genannt. Spricht man das Wort ſorgfältig, vor „Gebildeten“ aus, ſo lautet es Follfds. verfumfeien, eine Sache durch ungeſchickte Behandlung gänzlich verderben. Niederdeutſcher, in Niederheſſen häufig, in der Diemelgegend in der 112 Fummeln — futtern. Form rerpumfeien, vorkommender Ausdruck, deſſen verhochdeutſchte Formen verbombeisen (ſ. d.) und verpopeisen (ſ. d.), zugleich ohne Zweiel Ver⸗ derbniſſe der Form verkumfeien, ſind. Das Wort kumleien bedeutet nach Richey Id. Hamb. S. 67 „luſtig fiedeln und tanzen“ und verkumkeien „wollüſtig verthun“ (aus Richey das Brem. WB. 1, 466—467), und ſo bedeutet verkamfeien eigentlich: ſein Vermögen durch ein luſtiges Leben, bei Spiel und Tanz, zerrütten, woraus ſich die jetzige Bedeutung von verfumfeien, verbombeisen, verpopeizen auf ſehr begreifliche Weiſe entwickelt hat. fummeln, unſicher an etwas herum taſten (herum kammeln), ungenaue Arbeit machen (ungenau nähen, ſtricken, kleiben u. dgl., wozu Genauigkeit im Einzelnen erforterlich iſt). Allgemein üblich. Vgl. fameln. Richey Id. Hamb. S. 67 hat für fummeln die Bedeutung: mäßig herum ſchwänzen. fünern, im Schlafe umhergehen, wie die Mondſüchtigen thun; im Schlafe reden. Schmalkalden. Vgi. fameln und fanzen. fung, fungst, vollends. Schmalkalden. Wgl. aufung. 4 Fürbes = Fürfuß, der Füßling von Strümpfen, die Socke. Oberheſſen. Fürschilling, Geſchoß, ſtädtiſche Abgabe von Häuſern, Aeckern, und dem Cigentum an beweglichen Sachen (Vieh und Hausgeräte). Das Wort er⸗ ſcheint häufig und als feſtſtehende Bezeichnung in Emmerichs Frankenberger Gewonheiten bei Schmincke Monim. hass. 2, 696: „der gibt furschilinge unde verstehet syn gui“; 697: „Myt dem furschilinge verstehet man al syn hussgerede“. und ſonſt. Auch wechſelt es einige Male, z. B. S. 695, mit dem Worte Geſchoß. Das Wort ſoll noch im vorigen Jarhundert als eine officielle, in ſtädtiſchen Rechnungsverhältniſſen gebräuchliche Bezeichnung in mehreren Städten vorgekommen ſein. fütscheln, plätſchern, im Waßer mit den Händen oder mit dem ganzen Körper (auch der Fiſch lätschelt) herumfahren. Schmalkalden. Neben katscheln findet ſich auch pfütscheln, pfütscheln, auch fitscheln (fitschern), welches beſonders von dem Hantieren der Wäſcherinnen mit der Wäſche im Waßer gebraucht wird. Gleichfalls in Schmalkalden, ſonſt nirgends, üblich. Luttern wird ziemlich in ganz Heſſen, am meiſten in Niederheſſen gebraucht in dem Sinne von grollend ſchelten, fluchend ſchelten. Im öſtlichen Heſſen findet ſich ſogar neuerdings sich ſuttern d. h. ſich gegenſeitig ſchelten, ſich mit Worten zanken. Das Wort iſt erſt 1806 —1814 völlig üblich geworden, obgleich es von den „Brabäntern“ d. h. den Soldaten, welche 1793 mit im Revolutionskrieg in den Niederlanden geweſen waren, ja ſchon von den aus dem ſiebenjährigen Kriege Herſtammenden, einzeln gebraucht wurde. Es iſt das franzöſiſche foudre, in ein deutſches Verbum umgeſtaltet: foudre ausſprechen, mit ſoudre um ſich werfen. Gà — Gaischpel. 113 G. gà, die abgeſtumpfteſte, aber gewöhnlichſte Form, gae, gabet. gaehet, die volleren, minder häufig gebrauchten Formen des bekannten ältern geb Gott, geb (Grimm Gramm. 4, 260): meinetwegen, mir liegt nichts daran, ich bins zufrieden; und wenn auch. Nur im Schmalkaldiſchen noch üblich. Schmeller 2, 83. gabeln (sich), ſich ordnen laßen, ſich in eine beſtimte Form fügen; meiſtens von Sachen, indes auch von Perſonen üblich. „Es will ſich gar nicht gabeln“, die Sachen wollen ſich nicht machen, nicht fügen, nicht zuſammen paſſen. „Wie wird ſich denn der N. N. gabeln“, wie wird er ſich anſtellen, ſich in ſeine Verhältniſſe zu ſinden wißen. Sehr üblich. Ohne Zweifel von Gabel entlehnt: ſich auf die Gabel faßen, aufgabeln laßen. Das ſchwer ver⸗ ſtändliche nürnbergiſche gaulen Schmeller 2, 31 erhält durch unſer Wort ſeine zutreffende und ausreichende Ertlärung. I cr⸗⸗dee 7 5 Eſtor t. R. 3, 1408. Gaden msc, ein jetzt nur noch in der Obergrafſchaft Hanau (Schlüchtern, Schwarzenfels, Steinau) und zwar in der urſprünglichen Bedeutung üblicher Ausdruck: kleiner, einſtöckiger, und meiſt nur aus einem einzigen Raum beſtehender Nebenbau. In früherer Zeit muß das Wort, auch in dem angegebenen uralten Sinn, ziemlich überall in Heſſen verbreitet geweſen ſein; ſo iſt in Dörfern der Umgegend von Kaſſel (Heckershauſen u. a.) von Erdgaden die Rede, welche übrigens zum Theil zu Wohnungen gedient zu haben ſcheinen. In dem Sinne von Vorratsraum, Vorratshaus aber kommt Gaden in den herſchaftlichen Rech⸗ nungen bis in das 17. Jarh. oft vor, am öfterſten allerdings in oberheſſiſchen Rechnungen; z. B. wurde (1583 u. 6.) in Wetter ein Theil des herſchaftlichen Getreides auf dem Gaden, ein anderer auf dem Herrenhauſe aufbewahrt. Unkundige Schreiber, Rentmeiſter u. dgl. vermiſchen oft den hochdeutſchen Gaden mit der niederdeutſchen Kate, Kode, wiewol freilich urſprünglich Gaden und Kode identiſch ſind, wie dieß ſchon die Verfaßer des Bremiſchen Wörterbuchs 2, 474 behauptet haben. S. Koden.7 11 F vergaden, das von der Weide in die Ställe zurückgekehrte Vieh Abends abfüttern. Noch jetzt in und um Frankenberg, um Kaſſel'(im Baung⸗ grund) üblich; „als eben die Leutt das Viehe vergadett“ Dillich 1623. Es iſt das niederdeutſche vergaden, vergadern, verſammeln; „das Vieh vergaden“ bedeutet: das Vieh wieder in die Ställe zuſammen bringen, und folglich mit dem Abendfutter verſehen. Vgl. Brem. WB. 2, 474. Schmeller 2, 80. Vergaderung, Vereinigung, Verſamlung; „als nun der hauff ſich etwas meret, durch vergaderung des volcks, traff er (Romulus) ein ordnung“. J. Ferrarius von dem gemeinen Nutz. Marburg 1533. 4. Bl. 40a. Jetzt nicht mehr üblich. Gaischpel fem., ſchmalkaldiſche Entſtellung der Formel Gaufelchen roll (ſ. Güukel), vielleicht auch die, freilich alsdann beſonders grobe, Entſtellung⸗ von Güukel ſelbſt. Es bedeutet: beide Hände voll, die Fülle beider Händej „er hat das Geld gaiſchpelweis“; dann auch allgemein: Menge. Reinwald 1, 45. Das Wort hat in den verſchiedenen deutſchen Dialecten arge Entſtellungen erfaren; einige derſelben zält Reinwald a. a. O. auf; eine der ſchlimmſten hat Schmidt weſterw. Id. S. 64 „Ganverſch“. Vilmar, Idiotikon. 8 114 Gake fem., GAl mse., Rabe, Kolkrabe. Der gemeine Name dieſes Vogels im öſtlichen Heſſen, wo Gdhe kem., und in Schmalkalden wo Gak msc. herſcht. Ein vom Geſchrei des Vogels hergenommener Name, wie jetzt die Thiere nur von noch nicht ſprachfähigen Kindern benannt werden, aber Gäke, Gak hat ſich in den betreffenden Gegenden ſo eingebürgert, daß daſelbſt das Wort Rabe ſo gut wie gar nicht gehört wird. gackelig, unſicher in Bewegungen und Verrichtungen, einſältig, un⸗ anſtellig. Allgemein üblich, beinahe gleichbedeutend mit dattelig,, nur daß gackelig mehr das Unruhige, an das Narrenhafte Grenzende, dattelig mehr das Alberne bezeichnet. gaken, überlaut ſchreien; auch von dem Geſchrei der Raben, Dohlen, Krähen gebraucht, ſ. Gdke. „kaaken, ſchreien“. Grafſchaft Hohenſtein, Journal von und für Deutſchl. 1786, 2, 116. Allgemein üblich. pahsen, Verſtärkungsausdruck für gäken. gacken, cacare; nicht ſonderlich volksüblich, aber alt; ſchon im Jahr 1384 heißt auf der Burg Reichenbach der Abtritt gagack (Mitteilung des Archivar Landau). Schottel Haubtſpr. 1342 hat kakken. gachsen, Verſtärkungs⸗ und Iterativformel für gacken. Im Haungrunde wird gacken niemals für cacare gebraucht, ſondern es iſt gacken dort der Ausdruck für das Geſchrei der Henne nach dem Eierlegen (ſ. gatzen), welcher dort neben gatseln im Gebrauche iſt. /,1e E+ 2 Galge msc. 1) Die Galgen als Hinrichtungswerkzeuge wurden in der weſtfäliſchen Zeit beſeitigt, wenigſtens in ſo weit, als die Querbalken abgebrochen wurden; die ſteinernen Säulen blieben entweder ganz (bei Hersfeld) oder theil⸗ weiſe (bei Marburg) ſtehen, bis denn auch dieſe um das Jahr 1820 weggeräumt wurden. Die letzte Hinrichtung am Galgen ſoll 1806 in Kaſſel vorgekommen ſein; der Letzte, welcher unter dem Galgen ſtehend begnadigt worden war, war ein gewiſſer Laz aus Treyſa, welcher 1846 noch lebie und ſich mit Botengehen ernährte. „Ich will dir den Galgen thun“ ältere Abweiſungsformel, gleich⸗ bedeutend mit der noch vorhandenen: „ich will dir den Teufel thun“. Oberheſſ. Criminalacten von 1593, und öfter. 2) Galge heißt auch die, die ältere Geſtalt der Galgen 1 darſtellende Vorrichtung am Spinnꝛad, welche zur Einfügung und Handhabung des Wockens dient. Schnappgalge, Galge älterer Form, an welchem die Verbrecher (kleine Diebe, Huren u. dgl.), meiſtens in einem Korbe, aufgezogen, und entweder plötzlich in das Waßer getaueht, oder wenigſtens ſchnell herabgelaßen, wieder hin⸗ aufgezogen und wieder herabgelaßen wurden. Solcher Schnappgalgen fanden ſich in mehreren Städten; in Marburg ſtand derſelbe auf dem Markte; er hieß auch Schneppe, Hurenſchneppe, in Kaſſel Wippe. Woluisgalge, 1333 bei Marburg, ein Galge an welchem man die gefan⸗ genen Wölfe aufknüpfte. Landau Geſchichte der Jagd S. 224. Galgenbaum, jetzt nur noch Name von Feldplätzen z. B. bei Oberaula, welcher auf die älteſte Form des Galgens zurückweiſt, als man noch keine ge⸗ zimmerten oder gar gemauerten Galgen kannte, ſondern die Aufknüpfung an einem Baume vollzogen wurde. Auch Galgenberg iſt ein Name von Florgegenden, welcher jetzt nur noch von dem ehemaligen Vorhandenſein der Galgen Zeugnis gibt; ehedem ſtand der Galgen an dieſen Stätten, regelmäßig auf Vergen. Gähe — Galge. Gallern — Garge. 115 Gaſgenhünkel, Galgenhinkel msc., einer der am Galgen hängt oder zu hängen verdient, gleicher Bedeutung mit dem gemeinhochdeutſchen Galgenſchwengel. „Nemlich die galgenhünckeln, ſo ir handwerck laſſen fallen, ader wo ſie keins gelernt haben, wollen ſunſt nit arbeiten, ligen tag vnd nacht in den wein vnd ſpielheuſſern“. J. Ferrarius von dem gemeinen nutz 1533. 4. Bl. 56 b. „Du loſer Bawr, Galgenhinckl, Daß du meiner Kuh den lincken Schenkl So haſt zerſchlagen“. Iſ. Gilhauſen Grammatiea 1597. 8. S. 97. Die Galgen mußten, wie anderwärts, auch in Heſſen, von der Leinweberzunft aufgerichtet werden. Im Jahr 1585 wurden die Leinweber der Stadt und des Amtes Rauſchenberg bei Strafe angehalten, den Galgen vor der Stadt Rauſchen⸗ berg aufrichten zu helfen, bequemten ſich aber in Folge dieſer Drohung dazu, und halfen denſelben „am Elpes Berge vor der Stadt Rauſchenberg beneben der Straſſen nach Roſenthal“, nachdem derſelbe gezimmert worden war, „ſamptlichen vffheben vnd in die höhe bringen“, wofür ſie laut Quittung vom 29. October 1585 einen Gulden empfiengen. gallern, laut ſchreien, beſonders vom Hunde, und zwar vorzugsweiſe von dem Geſchrei des Hundes, welches er hören läßt, wenn er geſchlagen oder von andern Hunden gebißen wird. Eſtor 3, 1408. In ganz Heſſen üblich. Vgl. gillern. galpen, im Haungrund galfen, bellen, ſowol im eigentlichen als meta⸗ phoriſchem Sinne, vom bellenden Reden zankender Menſchen. Allgemein gebräuchlich. galpchen, Frequentativ von galpen; auch dieſe Form iſt, beſonders in Niederheſſen, allgemein gebräuchlich. ganken, ſtehlen, mauſen; das hebräiſche 232, aus der Judenſprache herüber genommen, und meiſt genau in dem Sinne des gemeinhochd. mauſen gebraucht. Im öſtlichen Heſſen bis in die Grafſchaft Ziegenhain ſehr gebräuch⸗ lich, in Oberheſſen, wo bis auf die neuere Zeit weit weniger Verkehr mit den Juden ſtatt fand als in Niederheſſen, weniger üblich. Gans fem., ſehr oft Gäus geſprochen; in dem gröſten Theil von Heſſen das epicoenum und die Bezeichnung der weiblichen Gans. Die männliche Gans heißt Ganser (Gänser), ſeltner Gäuserich, im Schmalkaldiſchen aber der Gäns (hier Güns geſprochen, wie denn der Schmalkalder das a faſt regelmäßig in à verkehrt). In den niederdeutſchen Bezirken lautet das Wort für das epicoenum und das Femininum Gaus, für die männliche Gans Gante msc. Redensarten: „die Gänſe haben ihm die Waden weggebißen“ ſagt man von einem dünnbeinigen Menſchen. „Eine fette Gans ſchmiert man nicht“, Sprichwort, einem Reichen gibt man nicht, macht ihn durch Geſchenke ꝛc. nicht noch reicher — er iſt reich genug. Ganselöffel iſt im Fuldaiſchen die Bezeichnung, der Flußmuſchel. (Vgl. Ickermüllerchen). 6 u.-. 7 uo3t jul ati- Gargé fem., Taſche, jedoch nur die angebundene Taſche, wie ſie die Frauensleute auf den Dörfern zu tragen pflegen, nicht die angenähete, gleichſam einen Theil des Kleidungsſtückes bildende Taſche. Oberheſſen, ganz allgemein üblich. Das Wort ſindet ſich ſchon bei Alberus Dict. Bl. la. „Garg, Mautica. Manticulari, die gargen betaſten“. Gargesact, Zwerchſack, wie derſelbe ehedem von den Bauern und Juden getragen wurde, jetzt nur noch ſelten vorkommt. Eſtor d. Rechtsgl. 3, 1408. Gargegarten, Bezeichnung einer Flur⸗ und Gartengegend in der Gemar⸗ kung von Ruhlkirchen (Oberheſſ. Prov. Wochenbl. 1844 S. 137) und ſonſt. Bgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 66. Weigand im Frieb⸗ vrnd leon Mardurg a. d. lahn eerUahragaa 116 berger Intelligenzblatt 1845 No. 9 S. 34, welcher als im Darmſtädtiſchen Oberheſſen vorhanden nur Gärgelsack verzeichnet; er leitet das Wort nicht un⸗ warſcheinlich von dem nittellateiniſchen Worte carica (franzöſ. charge) ab. Dieſes Wort ſelbſt aber ſoll nach Leos Meinung (Malb. Gloſſ. 2, 60) nur latiniſiert und urſprünglich keltiſch ſein: carg, die Ladung, Laſt; eargu, beladen. Vgl. Diez etym. Wörterb. der roman. Spr. 1853 S. 90. Die Ver⸗ mutung von Leo iſt ſehr warſcheinlich, da carrus ein altlateiniſches Wort zuver⸗ läßig nicht iſt, und wol erſt während der Feldzüge Cäſars in Gallien erborgt wurde. Gärkammer fem., die Abteilung der Sakriſtei, wo die Cultus⸗ gewänder der Geiſtlichen, zumal die Meſſgewänder, aufbewahrt werden; dieſe Gewänder hießen bis in die neuere Zeit hinein vorzugsweiſe die Garwen (ahd. garaui fem., Graff 4, 242 — 243, mhd. garwe, gerwe f., Müller mhd. WB. 1, 481). Letzterer Ausdruck iſt zwar erloſchen, Gärkammer aber wird in den katholiſchen Bezirken (Oberheſſen, woraus ihn auch Eſtor 3, 1408 an⸗ führt, und Fulda, wo die Sakriſtei ſelbſt Gärkammer heißt) noch immer gehört. Ehedem war derſelbe hier, wie ſonſt in Deutſchland, ganz allgemein gebräuchlich. So hieß die an der St. Martinskirche in Kaſſel vor 1517 vorhandene Sakriſtei das Gerbehaus (ſ. die Beſchreibung von Kaſſel v. Landau in dem Maleriſchen Deutſchland). „A. 1488 iſt geſtifftet zu Franckenberg St. Annen Altar in der Gerbekammer, welchen erſtlich dotirt eines Bürgers Sohn, Henrieus Weiden⸗ heimb genant, welcher ſich darauf ordinieren ließ, und iſt in dieſer dotation be⸗ ſchrieben worden, daß ein jeder Prieſter, wann er im Chor oder in der Kirchen Meß halten wollen, ſo hat er ſich mögen an dieſem Altar aus⸗ und anziehen, es wäre denn Sache, daß man über demſelben Altar Meß halten wolte“. Weete Heſſ. Zeitrechnung im Kalender für 1721 S. 5, aus W. Gerſten⸗ berger (die Stelle [bei Friſch citiert] fehlt bei Kuchenbecker und Ayrmann). gherwecamere, vestibulum. Gloss. trevir des 14. Ih. in Hoffmann horae belg. 7, 9. gerkamer, vestibulum, porticus in qua vestimenla. Mone Quellen und F. 1, 1309. Scherz⸗Oberlin S. 528 (gerbhaus, gerbekammer). Friſch 1, 342. Richey S. 70—71. Strodtmann 1d. Osn. S. 72. Schambach Gött. Jd. S. 63. Gaermatz msc., Scheltwort für eine Perſon, welche viel Unbedeutendes und Verworrenes ſpricht. Schmalkalden. Garst msc., ein übel ausſehender, häßlicher, auch ein unanſtändiger Menſch. Schmalkalden. Uulena 2 uh FaLen Garsteogel msc., daſſelbe; allgemein üblich. Eſtor 3, 1408. Dagegen iſt das Wort gurstig gar nicht im Gebrauch, oder es wird wenigſtens vermieden und nur verwandt, um die äußerſte Ekelhaftigkeit auszu⸗ drücken. Garſt bedeutet nämlich urſprünglich den Aasgeſtank, garſtig, ſtinkend wie Aas. Alberus Dict. Bl. nda „Rancor, die feule deß fleiſchs, garſtigkeyt“, und in dieſem überall ſehr deutlich erkennbarem Sinne wird das Wort bis gegen das Ende des 17. Jarhunderts verwendet. Gart msc. (Gert, Gerthe: Garthine, Gerlhine fem.), ein Ackermaß, der vierte Theil eines Ackers, alſo Gart = Quart. Nur noch in den Städten des weſtfäliſchen Heſſens, namentlich in Wolfhagen üblich, während in Zierenberg und Volkmarſen das Wort zwar noch vorhanden iſt, aber nur als eine, kaum mehr verſtandene, Bezeichnung von Feldplätzen. In Wolfhagen aber iſt ein Dreggert — 1 Acer, ein Fifert r 1 Acker, ein Sewengart 11 Acer. Gärkammer — Gart. Garten — Gartenhän. 117 gmimidietatem eynes drygerden“ Wolfhager Urkunde von 1350 bei Kopp Ge⸗ richtsverf. 1, no. 23. „eyn drygerde in deme nyflinghe; eyn drygerde an deme Helfenberge; eyn drygerde vf dem auenberge; eyn rifgerde an dem ekeslo“. Wolfhager Urkunde vom 8. Mai 1359 bei Kopp ebdſ. No. 79. „In der Gärthine“; „in der oberſten Gärthine“; „in der Breitengarthine“; „in denen Gärthinen“ — Zierenberger Flurtheileund deren Bezeichnungen. Adelung 2, 424 meinte irrig, es bezeichne Gartine ein Gartenfeld; da er das Wort als in Könnern vorhanden kennen gelernt hatte, ſo beweiſt dieß, daß daſſelbe eine ziemlich weite Verbreitung gehabt haben muß, wiewol es in den niederdeutſchen Idiotiken fehlt (wie denn freilich Strodtmann von ſeinem 1d. Osnabr. alles abſichtlich ausſchloß, „was in ein Reallexicon gehört“). Wer ſich bei der obigen, einen Zweifel wol kaum zulaßenden, Ableitung gleichwol nicht beruhigen wollte, der könnte, wenn auch irrig, darauf verfallen, Gari, Gerte als Gartenmaß, Rutenmaß zu faßen (ſ. Journ. v. u. f. Deutſchl. 1786 S. 531), ein Gert wäre dann ein Quadrat irgend eines Längenmaßes, Gerte genannt, weil die Meßung mittels Gerten bewerkſtelligt wurde. Nur auf gerthe, Herhort iroj. kr. 1979 wolle man ſich nicht berufen; dieß Wort bedeutet (ähnlich wie busche, buschee, gesindelehe u. a. bei Herbort) offenbar gertache = gartähi, Gartenfeld. Garten iſt in den niederdeutſchen Gegenden Heſſens wenig oder gar nicht üblich; es wird das Wort Garten, hortus, hier durch Hof erſetzt, und es hat dieſe Bezeichnung im Anfange dieſes Jarhunderts noch bis nach Wolfs⸗ anger und Wickenrode, vielleicht noch weiter, herauf gereicht. S. Hof. Hasengarten, ein Hof im Amt Sontra; warſcheinlich einſt eine Anlage, um Haſen zu fangen (oder gar etwa — zu hegen?). Haſengarten machen ſich noch jetzt hin und wieder die Kinder vor Hſtern, indem ſie kleine Stäbchen im Kreiſe in die Erde ſtecken und den Innenraum mit Moos ausfüllen, damit der Oſterhaſe ſein Oſterei hineinlege. Bienengarten, jetzt entſtellt in Bingartes, eine Domäne bei Hersfeld, ur⸗ ſprünglich der zur Bienenzucht von den Aebten angelegte geſchloßene Raum. ftolfsgarten, in ältern Zeiten Wolfstall, die aus den Jagdbüchern des 16. u. 17. Jarhunderts bekannten Anlagen, welche zum Lebendigfangen der Wölfe dienten; dergleichen fanden ſich in Heſſen bei Herfa im Süllingswald, bei Holz⸗ hauſen im Reinhardswald, bei Bracht im Burgwald; Landau Geſchichte der Jagd S. 223. Kirschgarten, Hof im ehemaligen Amt Haina, der Obſtgarten der Ciſtereienſer zu Kloſter Haina. Schoſparten, Hof bei Schweinsberg; eingehegte Schäferei der Schenke zu Schweinsberg. Faltergarten ſ. d. Gartenhan, Gartenhain msc., eine in allen niederheſſiſchen Bauergärten anzutreffende gewürzhafte und wolriechende Culturpflanze: Artemisia abrotanum, welche daſelbſt und in den Sonntags früh zum Kirchgang, zumal von den Mädchen, gepflückten Sträußen (Strüchern) ſo wenig zu fehlen pflegt, wie Pfefferblätter (Tanacelum balsamiia L.), Veiel (fiesperis malronalis L., gewöhnlich Viola matronalis, weiß und gefüllt), und Nelken (Cheiranthus cheiri). Zuweilen kommen auch Grasblumen (Dianthus), Federröschen (Dianthus plumarius) und Roſen dazu. An Oberheſſen werden die Blumen von den Bauern weniger, und am wenigſten die traditionellen Genera der Niederheſſen gepflegt. Bgl. Awetze. Ifin t) 118 Gast — Gaul. Gast, jetzt ganz wie in der Schriftſprache verwendet; an ſich aber iſt Gast ein Fremder (hostis), nnd ſo wird Gast als ſynonym mit Ussmann (forensis, Ausmann ſ. d.) in den Statuta Eschenwegensia des 15. Jarh. verwendet. gatlich, gatlich, angemeßen, paſſend, ſchicklich. Jetzt faſt nur noch im Schmalkaldiſchen üblich. 1577 ſchreibt Simon Bing an L. Ludwig wegen der in Ziegenhain aufbewahrten gatlichen und ungatlichen eiſernen Kanonenkugeln d. h. derer, welche in die vorhandenen Kanonenläufe paſſten oder nicht paſſten. In Schmalkalden verwendet man das Wort auch, um das eben Zureichende eines Gegenſtandes zu bezeichnen, z. B. iſt ein gätliches (auch wol gaethiches geſprochen) Schwein ein halbwüchſiges, welches kaum eben geeignet iſt, zum Fettmachen ver⸗ wendet zu werden; ein gätlicher Schoppen iſt ein knapp gemeßener Schoppen. ergattern, weniger in dem in der Schriftſprache üblich gewordenen Sinne des Erſpähens gebräuchlich, als in der Bedeutung:' Jemandes habhaft werden, Jemanden erwiſchen, ertappen, in welcher es in älterer Zeit übrigens am häufigſten vorkam. Schmalkalden, anderwärts unbekannt. Grimm d. W. 3, 815. gätzen, im gröſten Theile von Heſſen die Bezeichnung des Schreies der Haushenne nach gelegtem Ei. Es iſt das Wort eine Zuſammenziehung aus dem alten, in Oeſterreich nnd Baiern noch vorhandenen gakatzen, gagezen, ga ga ſchreien (wie ächzen = ach ſchreien, jauchzen = ju ſchreien u. dgl.). galzeln, eine erweiterte Form des Wortes gützen, im Haungrunde und wol überhaupt im Fuldaiſchen heimiſch. S. auch gacken. guereln, eine weitere Verderbnis von gützen, im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen üblich. Pueec.'A. 7 40 gauben, gauwen, laut murren, murrend jammern, namentlich von Hunden gebraucht, wenn ſie eingeſperrt ſind, auch von unartigen (begehrlich zudringlichen) Kindern. Allgemein üblich. Mhd. gouwen, latrare, altnord. geyja. S. J. Grimm über Diphthonge S. 30. Ganhloch neutr., Dachluke, kleiner Dacherker mit einer durch einen Laden (eine Schalter) verſchließbaren Seffnung. Oberheſſen. Buri deus e. 731 Adelung hat 2, 439 „Gaupe“ fem. als in Franken für das nieder⸗ deutſche Luke üblich; bei Schmeller fehlt es jedoch. Schmidt weſterw. Jd. S. 65. Das Wort wird wol ohne Zweifel zu ahd. geuuon (Schmeller 2, 8) gehören, welches als güepen, geipen in Oberheſſen üblich iſt (ſ. d.). † 1½ Gäufel kem., umgelautete und deminuierte Form von gaufe, vola, die hohle Hand, oder, wofür Gäufel noch gewöhnlicher iſt, die Höhlung der zu⸗ ſammengeſtellten beiden Hände. In Oberheſſen und in der Grafſchaft Ziegen⸗ hain (hier, wo freilich nach einem allgemeinen Dialectfehler äu in ai und dieß in e verwandelt wird, meiſtens Gefel geſprochen) allgemein üblich; im übrigen Heſſen unbekannt. „Er wirft das Geld mit Gäufeln weg“ = ein arger Ver⸗ ſchwender; „trink mit der Gäufel (dem Gäufelchen), es ſchmeckt auch ſo gut, wenn man Durſt hat“. „Mach einmal ein Gäufelchen“, gewöhnliche Anrede an ein Kind, welchem man Kirſchen u. dgl. in die hohlen Hände geben will. gäufelsch, händevollweiſe, mit vollen Händen. „Das Geld gäufelſch wegwerfen“. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1408 hat nur das Deminutiv „Gaifelgen, händgen eines kindes“, wie es freilich am meiſten vorkommt, und das Adverbium, eben in der Form „gäfelſchen, beide hände voll“. — Vgl. Eaischpel. Schmeller 2, 17. Gaul msc., geſprochen Gal, gewöhnlich Gull, in manchen niederheſſiſchen Gegenden Cul, ja Cin [Notenburgl, iſt neben Pferd die eingige Bezeichnung Gaulicht — ge-. 119 des Roſſes in Heſſen; Ros iſt gänzlich unbekannt, und es kann ſchon aus dieſem Grunde die Pferdezucht nicht alteinheimiſch in Heſſen geweſen ſein. Im Anfange dieſes Jarhunderts überwog der Gebrauch des Wortes Gaul in Niederheſſen die Verwendung des Wortes Pferd bei weitem, und zwar ſo, daß „Pferd“ nur im Verkehr mit den „Vornehmen“ von dem Bauersmann gebraucht wurde. Jetzt ſoll der Gebrauch beider Wörter einander wol beinahe die Wage halten. Gaulsweg, der gewöhnliche Fahrweg, dem Fußpfad entgegengeſetzt; auch metaphoriſch für Anwendung beſchwerlicher, kaum oder nur langſam wirkender Mittel, für Anwendung plumper Mittel gebraucht: „den Gaulsweg gehen“. Der Gaul gibt zu einer Reihe von Vergleichungen Anlaß: arbeiten wie ein Gaul —Gaulsarbeit, ſchwerſte Arbeit; auftreten wie ein Gaul, blaſen wie ein Gaul, lachen wie ein Gaul. „Das kann ein Gaul merken“, im öſtlichen Heſſen eine ſehr übliche Redensart für: das iſt leicht, auch für den Dümmſten, begreiflich. „Hurra die Gäutt“ ein 1849 — 1851 ſehr üblicher und noch jetzt nicht ganz vergeßener Spottanruf an Revolutionäre. Derſelbe rührte von einem Vor⸗ gang vor Hirſchhorn her, welches Städtchen das 3. kurheſſiſche Infanterieregiment den badiſchen (hanauiſchen) Turnern abnahm, und bei welcher Gelegenheit ange⸗ ſchoßene Pferde eine große Beſtürzung und Verwirrung unter den Revolutionären anrichtete, ſo daß das Regiment die angegebenen Worte den Feinden mit lautem Jubel zurief. Wollten ſpäter die Soldaten eine revolutionäre Perſönlichkeit kennzeiehnen, ſo riefen ſie ihr jene Worte nach, z. B. 1850 in Kaſſel einem als Revolutionär bekannten reichen Particulier; ritt dieſer bei den Kaſernen vorbei, ſo erſcholl das „Hurra die Gäul“ einſtimmig von ganzen Bataillonen. Gaulicht, auch Gäulicht, und (Hersfeld, Fulda, Schmalkalden) Golicht, Talglicht. Eine durch das ganze mütlere Deutſchland, vom Rhein durch die Oberpfalz und Franken (Reinwald 1, 52; Schmeller 2, 32) bis nach Schleſien (Frommann Mundarten 4, 169 in der Form Goklicht) ſich hinziehende Benennung, deren eigentliche Bedeutung bis jetzt noch nicht entdeckt worden iſt. Daß in Heſſen Gaillicht geſprochen werde, wie Reinwald a. a. O. ſagt, und worauf dann Schmeller a. a. O. eine Vermutung für die Etymologie des Wortes gründet, iſt ein Misverſtändnis Eſtors (t. Rechtsgl. 3, 1408), welcher allerdings Gail⸗licht hat, und auf deſſen Auctorität Reinwalds Angabe beruht. Ein urſprüngliches gail (fett) lautet in Ober⸗ und Niederheſſen gel (S. geil). gauzen, bellen; beſonders bedeutet es das Anbellen, das abgeſtoßene, die Wachſamkeit bezeichnende Bellen, aber auch das klagende Bellen eines (ein⸗ geſperrten oder ausgeſperrten) Hundes; mitunter wird es auch auf menſchliche analoge Töne und Aeußerungen übertragen. „Zum Hunerloch gautzt (gauzeſt du Fuchs) wol herauß“. G. Rigrinus Vexamen 1582. 4. H3a. „Vnd heutiges Tages haben die wilden Tarter vnd Marterhanſen ihren beſondern Reymen wider den Bann vnd Kirchengerichte gemacht, den ſie ihren chriſtlichen eyferigen Prä⸗ dicanten mit gautzen vnd jauchtzen auß ſtoltzem frechem Muht — vorſingen dörffen“. M. Harkmann Braun (Pf. zu Grünberg, aus Melſungen gebürtig) Justa Dei judicia 1613. 4. Bl. Cija. Gäuzer msc., Benennung derjenigen Art von Dreſchflegeln, welche keinen Hut von Leder haben, ſondern bei welchen die Verbindung zwiſchen Stock und Flegel dadurch bewerkſtelligt wird, daß in den Stock ein Loch gebohrt, durch daſſelbe ein Lederſtreif geſteckt wird, und die beiden Enden des letztern an den Flegel befeſtigt werden. Es iſt dieß die alte Form der Dreſchflegel, die am 120 Ge- — Geiss. meiſten noch in Oberheſſen vorkommt, wo auch, ſo viel ich weiß, allein, dieſe Benennung ſich findet. ge- eine in Heſſen den Infinitiven nach den Formwörtern können, mögen, wollen, ſehr häufig vorgeſetzte untrennbare Präpoſition; in manchen Gegenden bildet deren Beigebung nach „können“ die ausnahmsloſe Regel: „ich kanns nicht geſagen“; „ich kanns nicht geleiden“. gébschneppisch, mit Geben bei der Hand, voreilig freigebig: „ich bin ſo gebſchneppſch nicht, daß ich mir ſelbſt ſollte Schaden thun“. Fulda und Schmalkalden, auch hin und wieder in Niederheſſen. Reinwald 1, 41. In Oberheſſen wird in gleichem Sinne gebisch, gebsch gebraucht. Eſtor 3, 1409. Gegenteil msc., die ſehr übliche Bezeichnung der zukünftigen Ehe⸗ hälfte, des Bräutigams oder der Braut; auch Gegenstand, obgleich dieß mehr nur im Sinne einer Geliebten, eines Geliebten (ohne eigentliche Verlobung) verwendet wird. Gehlich msc., die Socke, der Fußſtrumpf. Schmalkalden. Vgl. Fürbes. Geierich msc., ein Kinderhüpfen, wobei ſich die kleinen Kinder nieder⸗ kauern, mit gleichen Füßen forthüpfen, abwechſelnd die Hände in die Seite ſtemmen und zuſammenklatſchen, und dabei ſingen: „Ich ſollt mer Mutter de Geierich hüpp“ u. ſ. w. Lange Zeit war dieſes Kindervergnügen namentlich im Stift Hersfeld (im Geißgrund) ſehr üblich, und galt ſogar für eine kindiſche Nachahmung des bis in die Mitte des 17. Jarhunderts vorkommenden heſſiſchen Schwerttanzes (Winkelmann Chronik 1, 374); in den letzten 30 —40 Jahren ſcheint es ausgeſtorben zu ſein. Uebrigens findet ſich daſſelbe nicht etwa aus⸗ ſchließlich in Heſſen, ſondern als Wackelhüpfen auch in Baiern. Schmeller 4,20. geil (geſpr. gel, höherer und ſchärferer Ton als e in gel, gelb, Hlavus) adj., wird zwar wie im Gemeinhochdeutſchen, jedoch nur von dem ſtarken Triebe und üppigen, auf kräftiger Düngung beruhenden, Wachstum der Culturpflanzen, ver allem des Getreides und des Wieſengraſes, gebraucht. Geil neulr., die Düngung. Niederheſſen. Geilung (Geling) fem., Düngung, beſonders Düngkraft. Ein reicher und habfüchtiger Bürger einer Landſtadt, welcher nebſt ſeinem Knecht mit den Händen Miſt auf die Wieſe geſtrent hatte, ſchalt denſelben, als dieſer ſich in dem die Wieſe durchfließenden Bächlein unterhalb der Wieſe die Hände wuſch, weil er auf dieſe Weiſe ihm die Geling von der Wieſe abfließen laße. Ueberall üblich. Reinwald 2, 49. Vgl. Schmeller 2, 30. Geisz kem, in ganz Heſſen üblich, indes in Niederheſſen nicht ganz ſo gebräuchlich, wie Ziege (geſpr. Zége). Geissenheu (Ziegenheu), gekrocknete Schößlinge der Heckenbüſche, welche von der ärmeren Klaſſe für den Winter als Ziegenfutter aufbewahrt werden. Berge, welche mit Geist⸗ zuſammengeſetzt ſind, finden ſich in Niederheſſen ſo gut wie gar nicht; nur im Stift Hersfeld findet ſich ein Geiskopf (Geiskuppel). Die Geiß werfen iſt im öſtlichen Heſſen mit Einſchluß von Hersfeld und eines Theils der Grafſchaft Ziegenhain ein beliebtes Frühlingsſpiel der Knaben; die Geiß iſt ein in eine dreifache Verzweigung auslaufender Baumaſt, welcher auf dieſe drei Beine aufgeſtellt und nach welchem mit Stöcken geworfen wird. Das Spiel iſt in ganz Oberdeutſchland üblich, Schmeller 2, 73, komt bei Fiſchart vor und wird ſonſt öfters erwähnt. Das Kinderſpiel Häkel die Geiß ſ. unter Häkel. „Ich thäte das für keine güllen (gülden) Geiß“ d. h. um keinen Preis; hin und wieder, namentlich an der untern Schwalm vorkommende Redensart. Geiselhofmann — Gel. 121 Geiss k., der bei Salzberg entſpringende und bei Hersfeld in die Fulda mündende kleine Nebenfluß der Fulda gehört ſchwerlich hierher; die älteſte Form iſt Geazaha (Wenck 3, 14 No. XIII, gegen welche Form ſich Geysaha Wenck 2, 12 No. IX, vgl. 3, 15, Note, ſchwerlich halten wird, da auch in dem erſten Abdruck der Urkunde 3, 14 No. XIII Geysaha ſtand, alſo willkürliche Abſchrift anzunehmen iſt), was auf das Verbum geazan (giozan) zurück führt. Wenn aber Geysaha richtig iſt, ſo geht dieſer Name auf geisan (jetzt gähren) zurück, und ſtellt ſich zu Gaesmere (Geismar) ſ. d. Geiselhofmann, ehemalige Bezeichnung der Function, welche man jetzt mit „Verwalter“ bezeichnet. Altenhaslauer Weistum von 1461 bei Grimm Weistümer 3, 413. 417. „Ein ſchafner auf einem maierhofe, villicus, welcher nämlich die aufſicht über das geſinde und den ackerbau habe, und in Heſſen geiſſel⸗hofmann heiſſei“. Eſtor d. Rechtsgel. 1, 775 (§. 1906). Die Be⸗ zeichnung ſcheint in Niederheſſen niemals üblich geweſen zu ſein, und iſt in Oberheſſen im Anfange dieſes Jarhunderts erloſchen. Geismar, der Name von drei Ortſchaften in Heſſen: Geismar (Dorfgeismar) bei Fritzlar, ein Dorf, in deſſen Nähe die von Bonifacius gefällte Cultuseiche ſtand; Geismar (Hofgeismar), Städtchen an der Eſſe, und Geismar bei Frankenberg. Hierzu kommt noch an den Grenzen von Heſſen, im Grabfelde, Geismar im Großherzogtum Sachſen⸗Weimar. Die älteſte Schreibung (in dem Reichenauer Codex der Vita S. Bonifacii Pertz Mon. 1) iſt Gaesmerae für den Ort bei Fritzlar, nachher Gesmeri, und in einer ſpäten Handſchrift Gicesmere. Nun haben die beiden erſtgenannten Ortſchaften Mineralquellen, und waren, die erſtere gewis, die andere höchſtwarſcheinlich, Cultusſtätten; Cultusſtätte aber war auch Geismar bei Frankenberg. Es liegt nun nahe, das gaes = gäis auf ein Verbum geisen, gäis, welches instigare oder des etwas bedeutet haben mag, zurückzuführen, in dem⸗ ſelben die Wurzel für das Gas (spiritus sylvestris bei v. Helmont), wie für den Geiſt und für das gähren (gesan, jesan) zu ſuchen und Geismar zu erklären: eine Gasquelle. Hiernach würde denn auch die richtige Schreibung des zweiten Theiles des Namens Geismar nicht mar ſein, ſondern, wie eben die alten Urkunden haben, meri, Meer, welches bekanntlich keinesweges in unſerm jetzigen Sinne Meer, ſondern Waßerbehälter, Tümpel u. dgl. bedeutet. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. ꝛc. 1, 281 (die dortige Erklärung von mar iſt wenigſtens für Geismar zurückzuziehen). Fig A-△C Bier⸗ Iſt die Schreibung Geysaha (782) für das Flüßchen Geiß oder Geis richtig (ſ. Geiß), ſo gehört dieſer Name gleichfalls hierher; an der Quelle dieſes Flüßchens, oberhalb Salzberg (welcher Ort ſchon an ſich auf eine Stätte des Salzkochens hinweiſt) war unzweifelhaft eine Cultusſtätte, nicht fern von der Donnerskaute. gel, die ausſchließliche Form für gelb in Heſſen; gele Rüben, woher Hanau im übrigen Heſſen das Gelerübenland heißt, daucus carota. „Du ſiehſt ja gel und grün aus“, Bezeichnung eines elend ausſehenden Menſchen. Die gele Krankheit, die Gelbſucht; die geien Gickerlinge im Märchen bei Grimmu.ſ. w. ginselgel, ſtark gelb gefärbt (hochgelb), auch ganz gelb, wie ein Ginſel. Hier wie anderwärts (Grafſch. Hohenſtein Journ. v. u. f. Deutſchland 1786, 2, 115) allgemein üblich. Das e in dieſem Worte wird faſt wie ae geſprochen; dagegen hat geil. welches gleichfalls gel geſprochen wird, ein wirkliches langes e, mit höherm und ſchäͤrfern Ton. 122 Gela — Gelte. Gela, ein in Heſſen, vorzüglich jedoch in Niederheſſen, ſehr üblicher Frauenname, meiſtens mit Anna verbunden: Annegéle. Aus dieſer Verbindung iſt ſchon ſeit dem Anfange des 18. Jarhunderts in den Kirchenbüchern durch die Pfarrer in ſchwerem Misverſtändnis der Name Angelika gemacht worden, während Geila, Gela ſeit dem 8. Jarhundert ein ſehr gewöhnlicher deutſcher Frauenname geweſen und geblieben iſt. Die von Zeuß herausgegebenen Traditiones Wizan- hurgenses haben aus dem 7.— 8. Jarhundert den Beweis geliefert, daß Gaila, Geila, Geilaua, Gela Abkürzungen von Gertrud ſind, neben welcher vollen Form ſich die Abkürzung als beſonderer Name erhalten hat. Vgl. Denje, Eila, Meckel. Mit dieſem Namen iſt der Name der alten Oriſchaft (ſeit dem 14. Jar⸗ hundert Stadt) Geilenhusen, Gelnhauſen zuſammengeſetzt. Auch das ehemals heſſenkaſſeliſche Dorf Gelnhaar wird dieſen Namen in ſich ſchließen. Gèle-gél-kommer fem., die Goldammer; eine, freilich vor⸗ zugsweiſe nur in der Sprache der Kinder vorkommende Namengebung oder viel⸗ mehr Namenentſtellung; das Wort will beſagen: Gelbe Gelbammer d. h. ſchön gelbe, ganz gelbe Ammer, und findet ſich in mehreren Dörfern in der Nähe von Feisberg und Gudensberg z. B. Maden. gélern (gelen, geilen), Mutwillen treiben, ſich im Scherze balgen. Oberheſſen, ſehr üblich. „vnd weil es (das Mädchen) bey dem brunnen mit den Kindern gelacht vnd gegelert, daher er nicht anders ſagen könte, alß daß es ein Kind wehre“. Marb. Hexenproceſſacien von 1658. „worüber ſie ſich zu⸗ ſammen gegeilet, gerungen, vnd er ganz naß worden“. Unterſuchungsprotokoll gegen den Pfarrer Breem in Rauiſchholzhauſen v. 1734. gelstern, vergelstern, vor Furcht, Angſt, außer ſich ſein. In dieſem Sinne allein wird dieſes, nur im Ziegenhainiſchen und in Oberheſſen vorkom⸗ mende Wort gebraucht, wie ſchon Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1408. 1421 richtig an⸗ gegeben hat. „Das Mädchen will ja vergelſtern“, will ja ganz von Sinnen kommen; Aeußerung bei einer Feuersbrunſt. „gelſter doch nicht ſo“, ſtell dich doch nicht ſo ängſtlich an, jammere doch nicht ſo — Aeußerung bei einem Todes⸗ falle, am Sterbebette. „gelſter gucken“ ſtarr blicken, wie ſchwer Geängſtigte und Sterbende. Möglich iſt es immerhin, daß dieſes Wort zu geloler bei Herbort troj. Kr. 3019 gehört, welches Adverbium dort gellend, mit heller Stimme, bedeutet, wie auch in Baiern gelſtern heulen, ſchreien bedeutet. Schmeller 2, 40. In dieſem Falle wäre die Bedeutung „vor Angſt außer ſich ſein“ eine nicht ſo ſehr fern liegende Erweiterung des urſprünglichen Begriffes. Sonſt aber liegt das Wort galster, Zauber, am nächſten. deite fem, siiula, alveolus, hölzernes Gefäß, am Boden von 1] —2 Fuß, oben 2 — 2 ¼ Fuß Durchmeßer, mit zwei Handgriffen verſehen, die größere Forin des Stunzes, Stünzchens, Stützchens. Das Wort iſt hochdeutſch und alt (gellita, galeola), gleichwol aber nur in Niederheſſen, in den öſtlichen Theilen des Fuldaiſchen Landes und in Schmalkalden üblich. In Oberheſſen, wo Gelte und Stunz durch Zuber erſetzt werden, iſt das Wort Gelte, eben ſo wie Stunz, gänzlich unverſtändlich, ſo daß z. B. Luthers Ueberſetzung von Hebr. 9, 4 eigens erklärt werden muß. Schottel Haubtſpr. S. 1324. Schmeller 2, 44. Adelung 2, 539; von den daſelbſt aufgeführten Compoſitionen ſind bei uns die üblichſten: Waſch⸗ gelte und Melkgekte; auch wird wol Waßergelte und Viergelte unterſchieden. Selten wird der an langem Stiel befindliche in den Brauereien u. ſ. w. übliche Schöpfer Schöpfgelte genannt. Reinwald 1, 45. Gelle — Gengen. 123 gelte, gewöhnlich gell, gelle geſprochen, nicht trächtig, vom Vieh; eine gelle Kuh (Geiß, Schafmutter); ahd. gialia, sterilis, warſcheinlich des Sinnes: aufgeſchoben, unterbrochen, nämlich in der Fruchtbarkeit. Dieſes in ganz Oberdeutſchland gebräuchliche Wort herſcht ausſchließlich in Niederheſſen, ſo weit daſſelbe nicht eigens niederdeutſch iſt, im Ziegenhainiſchen, Hersfeldiſchen, Fuldaiſchen und Hanauiſchen, iſt aber in Oberheſſen unbekannt und meiſt völlig unverſtanden. Nur in älteren Aufzeichnungen, und zwar, wie es ſcheint, ſolchen, welche von Perſonen niederheſſiſchen Urſprungs herrühren, findet ſich auch in Oberheſſen gelte: „vf zeit, da ſich das Gell Viehe im feldt erhalten kan“. Anweiſung des Küchenmeiſters Daniel Heidwolf zu Marburg vom 17. Merz 1575. Vgl. güste, und Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. ꝛc. 4, 70—71. Schmeller 2, 40. gelt, gelte (dann auch gelle geſprochen), in Städten auch gellen Sie, an Perſonen welche mit Sie angeredet werden; nicht wahr? In ganz Heſſen, nur theilweiſe mit Ausſchluß der niederdeutſchen Bezirke, ſehr üblich, wie weiterhin in Oberdeutſchland. Schmeller 2, 44. Gelzenleichter (Gelzenleuchter), Schweineſchneider, Verſchneider der jungen weiblichen Schweine (Gelſen, Gelzen, welcher Ausdruck nur im Schmalkaldiſchen noch vorhanden iſt). Die Bezeichnung Gelzenleichter iſt jetzt in ganz Heſſen verſchwunden, während dieſelbe ehedem in Oberheſſen üblich war und in der Wetterau, um Echzell und nach dem Vogelsberge hin noch jetzt üblich iſt (Weigand im Friedberger Intelligenzblatt 1845 No. 9. S. 45), wie in Baiern (Schmeller 2, 46). Vgl. Adelung s. v. gelzen 2, 542 und leuchten 2, 2037. Friſch 2, 338 (unter gelt). In Niederheſſen mag das Wort auch vorhanden geweſen ſein, doch fehlt es von dort an Belegen. In Heſſen bildeten bis zum Jahr 1564 die Keßler und die Gelzen⸗ leichter eine und dieſelbe Zunft; in dieſem Jahre wurden ſie in zwei Zünfte getrennt, und dieſe Trennung unter dem 9. Juni 1571 erneuert und beſtätigt (Aufzeichnung in den Hersfelder Abtei⸗Acten). Uebrigens waren die Gelzenleichter in jener Zeit angeſtellt und empfiengen Beſoldung. „Ein malter kornß habe ich Johannes Gelzeleuchter zum Rauſchenberg von dem Rentmeiſter Balzer Weitershauſen meyner beſtallunge halben empfangen“. Quittung vom J. 1559, auf deren Rückſeite der Rentmeiſter hat ſchreiben laßen: „1 Malter korns hait Johannes Keßeller der gelezeleuchter entpfangen“. Auf der Rückſeite einer gleichen Quittung von 1562 ebdſ. heißt es: „Johannes ſchmack der keſſeler vnd gelezeleuchter zu Rauſchenbergk“. Und 1563: „Ich Johan Schmack burger zum Rauſchenberg hab ein malter korn Inhalt meiner beſtel⸗ lunge — empfangen“; und in dorso: „Hanß Keßeler der gielzeleuchter zum Rauſchenberge“. „4 fl. hat zu buß geben der Geltzenleuchter zu Albshauſen, darumb daß er Hans den ſchmitt vff den kopff geſchlagen“. Rauſchenberger Buß⸗ regiſter v. 1578. „Ein Malter korns lauts meiner beſtallung de anno Achtzig habe ich — empfangen“ Hen Seiben Geltzenleuchter zu Albshauſen“. Rauſchen⸗ berger Rent. Rechn. 1580. „3 fl. (wird geſtraft) Heintz Reümſchüſſel zu Albs⸗ hanſen daß er Hen Seiben den Geltzenleuchter daſelbſten mit vnleidlichen worten angetaſtet“. Rauſchenb. Bußregiſter 1585. „15 fl. des Geltzenleuchters Sohn zu Albshauſen zu Buß erlegt“. Ebdſ. ebdſ. gengen, das Cauſativum (Factitivum) von gehen: gehen machen, in Vewegung bringen, vertreiben, verjagen. Oberheſſen, äußerſt ublich beſonders 124 Gerbellamm — Gerkrud. in der bei Eſtor 3, 1408 verzeichneten Formel „ech will dech gengel“ d. h. ich will dir Beine machen! LiAi 11st ulnze ¼ua? 242 Gerbellamm wird hin und wieder das weibliche Schaflamm ge⸗ nannt. Schmidt Weſterw. Id. S. 68 hat Görmlamm, Gärmlamm, welches freilich eine Entſtellung des anſcheinend urſprünglicheren heſſiſchen Gerbellamm ſein könnte, aber beide Formen widerſtehen zur Zeit jeglicher Erklärung. Gern msc., Schooß des Weiberkleides, zuſammengefaßte Schürze; das alte gére, lacinia, Zwickel, daher denn Rock (d. h. derjenige Theil des Kleides, welcher unterhalb des Gürtels oder der Hüften iſt), weil derſelbe aus ſolchen Zwickeln zuſammengeſetzt war. Hier, wie ſonſt in Deutſchland, von Alters her und ganz allgemein üblich. „Gold vnde ſilber in jren handen, budeln vnd gernen getragen“. W. Gerſtenberger bei Schminke Monim. hass. 2, 448. Ein gefundenes Kind wird 1554 von der Finderin „in den ſchoß oder geren“ gelegt. (Deutſch Ordens Archiv). „Agnes von Baumbach hat das Gold und Silber bracht im Gern“. Kindergeſang durch welche der Ton einer Kirchenglocke in Neutershauſen nachgeahmt wird, weil der Neubau der dortigen Kirche nebſt der Hauptglocke von dieſer Agnes v. B. beſorgt worden ſein ſoll. „Wir haben von dem jungen Baum einen ganzen Gern voll Birnen gekriegt“. „Das Kind faßte mich am Geren“; „ſie hat das Kind auf dem Geren“. Eſtor 3, 1409. Auch die ſymboliſche traditio per ſimbriam findet ſich in Heſſen reichlich belegt. 1323 bezeugen „Consules et Proconsules der neuwen Stad Lichtenaw“, daß Ludwig von Hoenrode vnd Gertrud deſſen Hausfraw ihre Güter der Aebtiſſin und dem Convente S. Crucis zu Kaufungen verkauft und darauf die Käufer „per fimbriam ires kleids“ in Beſitz geſetzt haben. Konrad, Knecht von dem Wapen, und deſſen Ehefrau verkaufen 1335 ein Gut zu Maroldeshuſen (Mornzhauſen) an den Vicarius des Altars auf dem Rathaus (Kernder) zu Marburg, und be⸗ kennen, „das wir eme das ſelbe gut vf gegebin han mit vnſis eleydis gerin alſo gewonlich iſt in ſyne hant vnd in ſyne gewalt“. In der Gerichtsordnung für die Stadt Kaſſel vom 21. Februar 1384 (LO. 1, 6; Kopp Handb. 4, 404) wird vorgeſchrieben, zalungsunfähige Schuldner ſolle man „den cleigern ant- wurten by dem geren“. Das Belehnen mit hande munde vnd geren erſcheint bei Kopp Gerichtsverfaßung 1, in den Beilagen 65, 66, 68. Und ſo öfter. Schmidt weſterw. Id. S. 64. gerren iſt der in Oberheſſen ausſchließlich übliche Ausdruck für weinen. „No was gerrſchte?“ Es iſt dieſes Wort kein anderes, als das gemeinhochdeutſche girren, was ſchon damit bewieſen wird, daß unſer gerren, wenn ſchon ſeit 40 — 50 Jahren immer ſtärker in die ſchwache Conjugation überſchwankend, im Ganzen noch die ſtarke Conjugation von girren: girre gar gurren gorren beibe⸗ halten hat; „ſie gsre (d.h. gurren) alle miteinander“; „ſie haben gar ſehr gegsre (gegorren). Die in andern Gegenden Heſſens für weinen üͤblichen Wörter flennen und greinen ſind in Oberheſſen unbekannt. Dagegen findet ſich neben gerren auch das ſchwache Verbum gurren, w. ſ. Einen Beleg für girre gar gurren gorren, freilich in der Bedeutung des Vogelgeſangs, findet ſich in dem aus Heſſen oder deſſen nächſter Umgebung ſtammenden Gedicht des 13. Jarhunderts, welches Bartſch 1858 unter dem Titel „die Erloesung“ herausgegeben hat, v. 144: sie gurren unde sungen. Vgl. ebdſ. S. 334. Gertrud, ein im öſtlichen Heſſen ſehr häufig vorkommender, in andern Gegenben etwas ſeltnerer Frauenname. In Oberheſſen erſcheint er für ſich be⸗ Gest — gewandsweis. 125 ſtehend, und wird wie auch Eſtor S. 1409 angibt, Geddert geſprochen; im öſtlichen Heſſen tritt er faſt ausnahmslos in Verbindung mit Anna: Anna Ger⸗ trud, geſprochen Annegetter, Annegitter. Eine ſehr alte Zuſammenziehung von Gertrud iſt dela (ſ. d.). Die Bedeutung des Gertrud⸗Tages (17. Merz) für die Haus⸗ und Feldarbeit war bis über den Anfang dieſes Jarhunderts hinaus (bis 1820 — 1830) im öſtlichen und nördlichen Heſſen noch völlig lebendig; regelmäßig wurde im Merz erwähnt, daß am Gertrudentag die Maus am Wocken hinauflaufe und den Faden abbeiße (daß das Spinnen aufhöre und die Feldarbeit beginne), daß auf Gertrudentag die Störche kommen (auch der alte, im Froſchmeuſeler Aaiiſb vor⸗ kommende Reim: „Sanct Gertrud heißet uns willkomm, Mit Sanct Jakob ziehen wir davon“ wurde noch vernommen), und das gute Weiter anfange, St. Gertrud der armen Leute Troſt ſei u. dgl. Seitdem ſcheinen dieſe Erwähnungen des Gertrudentags und das Bewuſtſein, daß es einen ſolchen Tag gebe, gänzlich erloſchen zu ſein. Auch hat die Bedeutung des Gertrudentages nur im Julianiſchen Kalender Warheit, indem nach dieſem der Gertrudentag vier Tage nach dem Aequinoctium (13. Merz) fiel. Gést mse. 1) geſprochen Gäst, Jäst, Schaum, Giſcht. Im Schmalkaldiſchen. 2) geſprochen Gescht, Gescht, auch Jest, Jest, Hefe. Im ſächſiſchen, beſonders im weſtfäliſchen Heſſen, und weiter ſüdlich bis nach Gudensberg und Fritzlar. Zu gesan, jesau, jetzt gähren geſprochen, gehörig. Vgl. Geismar, Jäsch und Jirsch. Gestieke neulr., ſchmähende Bezeichnung einer Frauensperſon: „das lange Geſtieke“; „ſteh auf, du faules Geſtieke!“ Vgl. „Waſſerſtanberſchte un freche Geſtecker“ in (Sauerweins) Der achtzehnte Octowwer. Frankfurt 1840.8. [Wohin gehört dieſes Wort? ſtieken exiſtiert weder im Voltsdialect noch in der Schriftſprache!) Getzmann, Eigenname eines Waldes im Amt Schenklengsfeld. „Auch die Jacht des Holtz oder Stupichs, gnent der Getzmann“, Vertrag zwiſchen L. Philipp und Abt Michael von Hersfeld vom 26. Juli 1557 bei Ledderhoſe Jurium Hassiae principum in Abbatiam Hersfeldensem. 1787. 4. S. 186. Im Jahre 1709 wurde hier eine franzöſiſche Colonie angelegt, und die Coloniſten änderten den urſprünglichen Namen in Gethſemane um, welches ſeitdem die officielle Form geworden und geblieben iſt. Das Volk ſpricht Götzemich. Da der Name dieſes Stubichs (ſ. Slubbe) ſchwerlich von einem Menſchennamen ent⸗ lehnt ſein wird, ſo bleibt kaum etwas anderes zur Erklärung deſſelben übrig, als daß in dieſem Gehölze ſich entweder eine alte Cultusſtätte befunden haben möge, oder daß hier ein für einen Heiden gehaltener oder auch wirklich Heide gebliebener Mann in den ältern Zeiten ſeine Wohnung aufgeſchlagen gehabt habe. geudig, verſchwenderiſch. Dieſes alte und bekannte, der Schriftſprache entgangene Wort gehört jetzt ſelbſt in der Volksſprache von Oberheſſen, wo es noch in der vorletzten Generation in vollem Gebrauche ſich befand, zu den ab⸗ ſterbenden Ausdrücken. In den ältern heſſiſchen Schriften erſcheint es häufig. gewandsweis adverb., gerade als wenn es ſo wäre, zum Schein, als Vorwand; „gewandsweis ſprechen“, bildlich, beiſpielsweiſe, hypothetiſch ſprechen; auch: nur ſo obenhin ſprechen, ohne es ernſtlich zu meinen. Faſt nur in Oberheſſen üblich, aber auch im Schmalkaldiſchen gebräuchlich. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1417: „quansweiſe, gewandsweiſe, gerade als wenn es ſo wäre“. Das Wort iſt niederdeutſchen Urſprungs. Brem. 20B. 3, 395. Strodl⸗ 126 mann S. 174. Richey S. 198. Reinwald 1, 47—48. Grimm Reinharr Fuchs S. 281 — 282, wo der Ausdruck befriedigend erklärt wird: in gewandes wis = in modo formae, in Weiſe eines Gewandes, einer Geſtalt, welche der Sache gegeben wird. Gnich. Eine Hinweiſung auf den alten mythiſchen Nationalhelden Eibich (=— der Milde, an Gaben wie an Geben Reiche: in der Sage, nicht mehr im Nibelungenlied, der Vater der Burgundenkönige) findet ſich in Heſſen wenigſtens in den Namen zweier Oertlichkeiten: 1) Gebicheborse bei Wetter; Grimm Weisthümer 3, 340; der Name exiſtiert jedoch jetzt nicht mehr; 2) Gibges d. i. Gibiches, Hof bei Breitenbach am Herzberge, über dem⸗ ſelben die Gibgeskoppe, Gibichskoppe. Grimm Weisthümer 3, 341. Ueber den Namen vgl. J. Grimm in Haupt Zeitschrift f. d. A.1, 572— 575. Gickel msc., Gickelhahn, Haushahn. Ohne den Beiſatz Gickel wird der Haushahn in Heſſen wol kaum genannt; das einfache Gickel iſt oberheſſiſch, fuldaiſch (und zwar hier ſo, daß das Wort Hahn ganz unbekannt, jedenfalls völlig ungebräuchlich iſt) und ſchmalkaldiſch (hier ſpricht man Gückel). giepen (gipen), geipen ſ. güepen. giersch 1) Adjectiv: hungrig, ausgemergelt, mager: „ein gierſcher Mann“; „gierſches Land“. Wabern und Umgegend. 2) Subſt. Masc.: das wuchernde, unveriilgbare Gartenunkraut Aegopodium podagraria. gifferig, begehrlich, eifrig etwas zu erlangen. Niederheſſen und Graf⸗ ſchaft Ziegenhain. Das Wort könnte für ge-ilkerig d. h. eifrig, im Dialekt ilkerig, mit vorgeſetztem ge gehalten werden, indes verdient das alte angelſ. Wort gifre, alinord. gilr, dem grädac, graedig, ſynonym, in weit höherem Grade Beachtung. Vgl. Grimm zu Andreas 372, S. 104. giken 1) laut und hell, in hohem Tone, aufſchreien; heſſiſche Form für das gemeinhochdeutſche quiken. Allgemein üblich, jedoch im Schmalkaldiſchen und im Haungrund gicken geſprochen. Aſug /. 2) ſtechen, zumal jedoch, oder faſt ausſchließlich, mit langen aber ſtumpfen Inſtrumenten; man gikt mit dem Finger, mit einem Stocke, mit einem Stroh⸗ halm; ſehr oft wird dieſes giken nur als Scherz vor⸗ und aufgenommen. Auch in dieſer Bedeutung iſt das Wort ziemlich allgemein, am meiſten jedoch im öſt⸗ lichen Heſſen und im Schmalkaldiſchen üblich; im Haungrund aber ſpricht man es auch in dieſer Bedeutung gicken aus, wogegen der ſchmalkaldiſche Dialekt in dieſer Bedeutung das i lang hat, alſo gicken und giken unterſcheidet. Hu⸗m 7. ¼1 giksen, auch geksen, im öſtlichen Heſſen als Intenſivum von giken ſehr üblich; im Stickhuſten giksen und geksen die Kinder, eben ſo bei der häutigen Bräune. Es kann dieſes giksen füglich mit dem oberdeutſchen kickezen (gi oder git ſchreien) zuſammengeſtellt werden. Schmeller 2, 281. gilfen, gelfen, gilfern, gelfern, laut, ſchreiend, und ſchnell reden. Schmalkalden. Altes, gutes Wort. Reinwald 1, 42. gillern, ſcharfer, hoher Ton des Schmerzenslautes der Hunde, wenn ſie geſchlagen weiden, geklemmt worden ſind u. dgl., eben ſo auch der Menſchen, insbeſondere der kleinen Kinder. Das Wort iſt eine Verſtärkung von gallern (j. d.). Algemein üblich. Bgl. gülen. Gibich — gillern. Cilpe — Geischel. 127 Gilpe kem., Kanne von Holz in Geſtalt eines abgekürzten Kegels, mit Reifen gebunden; das gewöhnliche Trinkgeräte der Landbewohner, beſonders bei den Feldarbeiten, in welchem ſie Trinken (Dünnbier, Covent) und Waßer mit hinaus nehmen oder ſich nachtragen laßen. Das Geräte iſt in ganz Heſſen üblich, führt aber in verſchiedenen Gegenden verſchiedene Namen: Schleiſkanne, Raezekanne (ſ. d.), Löpp (ſ. d.) und Gilpe; letzterer Name iſt jetzt nur noch an der Schwalm üblich. „8 alb. habe ich verdienet an den Rötzgelpenn auff dem ſchloß, hab dieſelbigen gebunden ꝛc.“ Quittung des Benders Joh. Schwarzenborn zu Rauſchen⸗ berg v. 13. Decemb. 1603. Von der Schleifkanne und Raezekanne unterſcheidet ſich die Gilpe und Löpp indes doch darin, daß letztere kleiner ſind, etwa nur 1—1 ½ Maß faßen, die Schleifkanne und Raezekanne aber mehrere Maß faßt. gilpen, wird in Oberheſſen vom Geſchrei der jungen Vögel, zumal der jungen Gänſe (Ginſel), Enten und Hüner gebraucht, auch wol von dem Winſeln der jungen Hunde. Aehnliche, von Menſchen hervorgebrachte Töne aber bezeichnet man durch pinken. Vgl. gifen. Eſtor 3, 1409. Ginsel neutr., ſtatt Gänsel, die junge Gans; ausſchließliche Ferm (je⸗ doch in Schmalkalden Günsel geſprochen) in ganz Heſſen. Metaphoriſch auch Scheltwort für ein dummes, unanſtelliges Mädchen: „die iſt ein rechtes Ginſel“; „du dummes Ginſel“. ginselgelb ſ. gel. Ginseldorf, irrtümlicher, erſt in dieſem Jarhundert in Gang gekommener Name des unweit Marburg liegenden Dorfes Günzelndorf, in welchem Worte der Eigenname Günzele, Deminutiv von Günther, enthalten iſt. Gippel neulr., meiſt jedoch nur im Deminutiv: Gippelehen, Hühnchen, Küchlein.“ Dieſes Wort iſt das in Niederheſſen ausſchließend herſchende Schmeichel⸗ und Lockwort für die Hüner: „komm Gippelchen komm!“ wie daſſelbe beim Füttern u. dgl. angewendet wird, auch redupliciert: Gippelgippel. Im Haungrunde wird, wie Gippelehen in Niederheſſen, das Wort Gaupelehen gebraucht, und mitunter wird in Hersfeld auch Gaupelehen, Geipel- chen geſagt. Geischel fem. (Schmaltalden), Ceschel (Hersſeld, Gebirgsleil der Grafſchaft Ziegenhain, Oberheſſen), Gischel (Niederheſſen) 1) die Geiſel, Peitſche; letzteres Wort war im Anfang dieſes Jarhunderts in den meiſten niederheſſiſchen Gegenden kaum bekannt, in allen gänzlich unüblich, üblich aber damals bereits an der Schwalm, wo dieſer ſlaviſche Eindringling ſeitdem das deutſche Wort völlig verdrängt hat; auch in Oberheſſen hat dieſer Slavismus große Fortſchritte gemacht. Man unterſchied bis in die neueſte Zeit und unterſcheidet zum Theil noch jetzt die Fahrgiſchel von der Ackergiſchel; die erſtere iſt die ſlaviſche, aus Leder geflochtene Peitſche, die letztere die deutſche Geiſel: ein Stab mit einer an denſelben befeſtigten langen Schnur. é ee,ltaie ?. 4s △,r 2) Wagendeichſel; das Wort Deichſel iſt in Heſſen durchgängig unge⸗ bräuchlich, ja unverſtändlich, mit Ausnahme jedoch von Schmalkalden, wo die Deichſel des Wagens Diſtel heißt (ſ. d.), die Deichſel eines (dort ſehr gebräuch⸗ lichen) Handſchlittens aber Giſchel genannt wird, ſo daß der Schmalkaldiſche Dialect die beiden niederheſſiſchen Bedeutungen von Giſchel formell auseinander hält. Schon Alberus hat Dict. Bbija: Geiſſel, Temo. Vgl. Zeiiſchr. f. heſſ. Geſch. ü. Aſ. 4, 68 69. 41 128 gitzen, einen leiſe pfeiſenden Laut von ſich geben; von dem Pfeifen der Mäuſe wird gitzen ganz eigentlich gebraucht. Oeſtliches Heſſen, inſonderheit Schmalkalden. gitzlich, gierig, haſtig, auch: plötzlich. Schmalkalden. Das Wort iſt eine Bildung von geizig, und dieß Wort in ſeiner urſprünglichen Bedeutung beibehalten; wie man ehedem ſagte: „geizig trinken“, d. h. gierig trinken, ſo jetzt „gitzlich trinken“. glanern, auf dem Eiſe gleiten, wie die Kinder thun. Im weſtlichen Heſſen, während im öſtlichen Heſſen schüben, schaweilen (ſ. d.) üblich iſt; doch iſt das im Fuldaiſchen gebräuchliche reideln auch in Oberheſſen nicht unbekannt. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1409. Glaner kem., Glitſchbahn (Grafſchaft Ziegenhain, beſonders in den Städten). Glaniere f., daſſelbe; in Homberg gebräuchlicher Ausdruck. glängeln, daſſelbe was glänern, in Wolfhagen und Umgegend, war⸗ ſcheinlich auch weiterhin im ſächſiſchen, vorab aber im weſtfäliſchen Heſſen ge⸗ bräuchlich. Clängerbahn, Glitſchbahn; in denſelben Gegenden. glanzern, eine abermalige Variation von glänern, an der untern Schwalm und Eder (Wabern, Felsberg) üblich. Glecke hat Eſtor 3, 1409 mit der Erklärung: „was am getraide die ſchnitter auf einen haufen legen“. Ich habe das Wort weder ſelbſt gehört, noch auf öfteres Nachfragen eine Beſtätigung des Vorhandenſeins deſſelben erhalten können. glin, ein oberheſſiſches, äußerſt übliches Adſectivum, welches, von ſehr verſchiedenen Gegenſtänden prädiciert, im Allgemeinen den Gegenſatz gegen hart und trocken, ſpröde (ungefüge, unbiegſam), tropfbar dünn, darſtellt: glim Wetter, gelindes Wetter, im Gegenſatz gegen Froſt; doch iſt dabei ſtets auch einige Feuchte des Wetters mit gemeint. glime Frucht, naturfeuchtes Getreide, welches um dieſer Eigenſchaft willen zum Einfahren noch nicht tauglich, nicht trockenhart genug iſt. Dieſe Verwendung des glim herſcht übrigens nur im weſtlichen Oberheſſen; wenig weiter öſtlich (in Schweinsberg) ſpricht man ſchon glemme Frucht, oder gar glamme (klamme) Frucht, wie in Niederheſſen. glimes Leder, dehnbares, namentlich durch Anfeuchten dehnbar gemachtes Leder; glim wie Leder, zäh wie Leder. glime Salbe, lindernde Salbe, welche glim (leiſe, mild ſchmierend) auf die Brandwunde geſtrichen wird. glimig, daſſelbe was in den aus Berlin ſtammenden Kochbüchern „ſämig“ (richtig: ſeimig) genannt wird: ſchleimig, dicklich, dem Tropfbardünnen bei den Suppen, der Farbenbereitung u. ſ. w. entgegen geſetzt. Schmidi Weſterw. Id. S. 67 hat g'lähm (klaem, kllem) in ganz glei⸗ cher Bedeutung wie unſer glim. glimesen hat Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1409 als oberheſſiſch in der Bedeutung: ſehr wenig eßen. Es iſt mir bis daher trotz aller Mühe nicht gelungen, dieſes Wort in Oberheſſen aufzufinden. Glind neutr., der Mühlkaſten, Radkaſten, Waßerkaſten, das Gerinne; daher auch: der Mühlgang. Ein niederdeutſches, jetzt nur noch einzeln im weſt⸗ Gitzen — Glind. Glocke. 129 fäliſchen Heſſen gebräuchliches Wort, während bis tief in das 17. Ih. z. B. in Ehringen, Wolfhagen eine andere Bezeichnung gar nicht vorhanden war. Vgl. auch Hoffmann Findlinge S. 160: mit einem glinde umme betogen werden, pluteis cingi. Es ſcheint demnach Glind weſentlich die Breter, aus welchen der Verſchlag (Radkaſten ꝛc.) beſteht, bedeutet zu haben. Daſſelbe aber muß den vorkommenden Umſtänden nach auch das in fol⸗ gender Quittung vorkommende Gründwerk ſein: „Zwelff gülden müncz, de ad Achtzig (1580), von einem newen gründtwerck vnd Sohlwerk, So an die Moehle Schmaleichen zur ernewerung vnd verbeſſerung gelegt ꝛc. Hentz Münch, Zimmermann zue Rauſchenberg“. Iſt dieſes gründtwerck etwa = grindwerk (agſ. grindan, molere?) und grind = glind? Identiſch müßen Glind und Gründlwerk aus dem Grunde ſein, weil das Gerinne (Glind) und die Mühlbiede (ſ. Biede) von der Herſchaft, nicht von dem Müller, unterhalten werden mußten — dieſe beiden Stücke außer dem Hausbau die einzigen Zimmermannsarbeiten waren, welche der Herſchaft zur Laſt fielen — obige Quittung aber eine für die herrſchaftliche Renterei aus⸗ geſtellte Quittung iſt. Eſtor t. Rechtsgl. i, §. 530. Glocke. Von den Zuſammenſetzungen, welche das Wort Glocke in Heſſen zeigt, mögen folgende erwähnt werden. Betglocke, das Zeichen zum Gebet. Daſſelbe wird in Niederheſſen auf den Dörfern und in den kleinen Städten Morgens mit Tagesanbruch, oder um 6 — 7 Uhr, Mittags um 11 Uhr, und Abends mit Sonnenuntergang gegeben. Schon im Anfange dieſes Jarhunderts aber wurde von dem erſten und zweiten dieſer Zeichen die Benennung Betglocke nicht mehr allgemein gebraucht; „zu Tage läuten“ und „Mittag läuten“ war an die Stelle der zutreffenden Bezeich⸗ nung getreten, aber der Ruf der Glocke zum Gebet wurde noch verſtanden und faſt ausnahmslos befolgt. Am feſteſten haftete die Bezeichnung Betglocke für das Abendzeichen, welches außerdem, und zwar noch jetzt, das „Heilig⸗Abend⸗ läuten“ genannt wurde. In manchen Gegenden galten dieſe Rufe zum Gebet in ſolcher Allgemeinheit und Strenge, daß, ſo weit das Morgen⸗, Mittags⸗ und Abendgeläut vernommen wurde, alle Arbeit auf dem Felde und im Hauſe augen⸗ blicklich eingeſtellt und während der Dauer des Läutens das Vaterunſer gebetet wurde. Selbſt in Hersfeld, wo bis 1840 noch zu ſämtlichen Siebenzeitengebeten (Horae canonicae) geläutet wurde, und zum Theil noch jetzt geläutet wird, wurde in den erſten zehn bis zwanzig Jahren dieſes Jarhunderts von ältern Perſonen dieſes Läuten noch als Betglocke bezeichnet, und an mehrere dieſer Zeichen, zumal an die None und Complet, das Gebet gebunden. In Oberheſſen heißt Betglocke noch jetzt ziemlich allgemein 1) das Zeichen zum Gebet, welches in Folge einer Anordnung des Landgrafen Georg II. zu Darmſtadt, unter Aufhebung der altherkömmlichen und in der ganzen übrigen Chriſtenheit geltenden Gebetszeiten, um 10 Uhr Vormittags und 5 Uhr Nach⸗ mittags Statt findet. Vgl. Heſſ. Hebopfer 2, 337 f. 2) das Glockenzeichen, welches verkündigt, daß jetzt eben das Vaterunſer in der Kirche nach der Predigt gebetet wird; ein Gebrauch, welcher in der evangeliſchen Kirche nicht überall vorkommt. Vgl. Heſſ. Hebopfer 2, 335. Bürgerglocke. In den meiſten größeren Städten ſindet ſich eine Glocke, welche, zum kirchlichen Gebrauche nicht oder nur ſelten verwendet, zur Zuſammen⸗ berufung der Bürger in Gemeindeangelegenheiten dient, die Bürgerglocke. Grabgloche. In manchen Ortſchaften der Grafſchaft Ziegenhain und ſonſt einzeln iſt es Sitte, daß, während ein Grab gegraben wird, geläutet wird, Vilmar, Idiotikon. 9 130 theils mit einer beſondern (kleinern) Glocke, welche dann eigens die Grabglocke heißt, theils mit mehreren oder allen drei Glocken. Weinglocke. Dieſer, jetzt wol überall erloſchene, Ausdruck kam noch im Anfange dieſes Jarhunderts in Hersfeld vor, und ſoll um dieſe Zeit auch noch anderwärts gebräuchlich geweſen ſein. Es wird nämlich in mehreren Städten Abends um 9 Uhr ein Zeichen, gewöhnlich mit der ſogenannten Bürgerglocke, gegeben, in Folge deſſen die Weinhäuſer geſchloßen werden mußten. Dieſe keinesweges etwa auf Heſſen beſchränkte Anordnung datiert noch aus dem 15. Jarhundert, und das Geläute dauert noch bis auf dieſen Tag fort, wiewol daſſelbe ſeine Bedeutung längſt verloren hat. Irrig wird dieſe Weinglocke in der neueren Zeit für eine Betglocke gehalten. glorren, ſtarr blicken; anglorren, anſtarren. Im öſtlichen Heſſen ſehr üblich, oder vielmehr der eigentliche Ausdruck für ſtarr vor ſich hin blicken, an⸗ ſtarren. Im übrigen Heſſen zwar weniger üblich, doch nicht ungebräuchlich. Vgl. Schmeller 2, 94. Glosz neutr., nicht ſelten auch noch nach richtiger Vocaliſation Gläs⸗ geſprochen, Glied einer Kette, Kettenring. Allgemein üblich. Eine geſchloßen geweſene aber entflohene, als Zauberin angeklagte alte Frau in Eſchwege ſagte, nachdem ſie wieder eingefangen worden war und über den Hergang ihrer Flucht befragt wurde, aus: ſie habe „das vorderſt gloß an ihrer Kette an der Mauer loßgeſchrappet“. Eſchw. Hexenproc. A. v. 1657. Das Wort komt als galaza, conjunctura, ſchon in dem St. Galler Gloſſar 913 (Greith Spicil. Vat. S. 39, Wackernagel alid. Leseb. 2. Ausg. 28,25. CCXXV. Haitemer Denkm. 1, 12b) vor, und ſoll ſich als Gläs in der Schweiz finden (Greith a. a. O.), wiewol weder Toblers Appenz. Sprachſchatz noch Stalders Schweizeriſches Idiotikon deſſelben Erwähnung thun. Es erſcheint nur bei Schottel Haubtſpr. S. 1327: „Gloß an einer Kette, Rink, ſibula. chainons d'une chaine“; und Stieler Sp. 673: „Gloß, die, plur. Gloßen, ita dicuntur: fibulae et annuli catenae“. Dagegen fehlt es in ſämtlichen Idiotiken: Richey, Strodtmann, Brem. WB., Schmidt Weſterw. Id., Schmidt Schwäb. Id., Schmeller, aber auch bei Heniſch, Friſch und Adelung. glotzen, 1) aus ſtarren Augen, aus vorliegenden Augen, ſchauen; beſonders üblich in der Compoſition anglotsen, eine Perſon oder Sache mit dummem Erſtaunen anſtarren. 2) in Oberheſſen nennt man auch das Gluckſen (Gätzen ſ. d.) der Hennen glotzen. Glotsauge, vorliegendes Auge. Allgemein üblich. Glotzhlume, Giotzblümchen, das gefüllte rote Maßliebchen, Gänſe⸗ blümchen (bellis perennis), welches in Gärten gezogen wird, und mit zu den Lieblingsblumen der niederheſſiſchen Landbewohner gehört; auch wird gefüllter Hahnenfuß (ranunculus) Glotzbiume genannt. Nur in Niederheſſen, beſonders in deſſen öſtlichen Theilen. Glucke k., in ganz Heſſen die ausſchließliche Bezeichnung der Bruthenne. glucken, glucksen, Bezeichnung des Lautes, welchen die Bruthenne hören läßt, dann auch für ähnliche Laute, und in Niederheſſen auch allgemein für singultire. glupen, ſcharf auf etwas hinſehen und dabei die Augen möglichſt ſchließen, um glauben zu machen, man ſähe nichts; daher auch: tückiſch blicken. Glorren — glupen. Glüewen — gneipen. 131 Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen ziemlich gebräuchlich, wie auch weiterhin in Niederdeutſchland. Richey S. 76. Slrodtmann S. 357. Vgl. Scham⸗ bach S. 65. glüewen, heſſiſche Form von glühen. „lüewening, glühend, feurig. ft. 4722 La⸗ Gnacke mec., eine kleine Münze, welche ehedem in gauf Heſſen üblich war (Kopp Handbuch 6, 76), jetzt aber, und doch nur dem Namen nach, allein noch im Fuldaiſchen ſo wie in der Compoſition Dinggnacken im Sehmalkal⸗ diſchen vorhanden iſt. Der Wert eines Gnacken betrug ſechs Heller, und ſo bezeichnet man den Gnacken im Fuldaiſchen noch zur Stunde: man ſagt nicht 1 ½ Kreuzer, ſondern ein Gnacke. Im Schmalkaldiſchen iſt Dinggnacke eigent⸗ lich nur mehr figürliche Redensart, es bedeutet dieß Wort nämlich das dem Dienſtboten bei dem Mieten (Dingen) deſſelben gegebene Mietegeld. Indes iſt doch auch dort eine Erinnerung an die urſprüngliche Bedeutung des Wortes und an den Wert der Münze Gnacke vorhanden: man meint, freilich irrig, es betrage der Schmalkaldiſche Gnacke acht Heller. Reinwald 1, 51. 2, 53. Vgl. auch Walperlsmännchen. ¾ b4 Gnatz msc. 1) Krätze, scabies, wofür Gnatz in ganz Heſſen die aus⸗ ſchließlich geltende Bezeichnung iſt; 2) Grind, beſonders Kopfgrind, Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1409; 3) ſchmutziger Geiz. Für die erſte Bedeutung, als eine ſchon ältere, ſpricht Schottel Haubtſpr. S. 1328: „Gnatz, scabies, prurigo“. Die dritte wird als eine aus älterer Zeit ſtammende belegt durch das Eliſabethleben Dieut. 1, 456: vnde ouch sunder allen gnatz, wolde nit irs herren schatz verbergen in der erden. ynatzig, 1) voll Krätze oder Grind; 2) krittlich, eigenſinnig, unverträglich. Aeußerſt üblich. 3) ſchmutzig geizig. Gnatzkopf, ſeltner in der eigentlichen Bedeutung: Grindkopf; äußerſt häufig und allgemein verwendet als Tadel⸗ und Scheltwort, um einen eckigen, launigen, eigenſinnigen und unverträglichen Charakter zu bezeichnen. Der heſſiſche Dialect ſpricht übrigens mit geringen Ausnahmen nicht Gnatz ſondern Knatz. Als Familiennamen ſind beide Schreibungen (Gn. und Kn.) in Heſſen vorhanden. gneipen, ein jetzt, wie es ſcheint, nicht allein untergegangenes, ſondern auch völlig unverſtändlich gewordenes Wort, welches ſich in keinem Wörterbuch oder Idiokikon findet, muß, wenn die Erzälung Hans Wilhelm Kirchhofs Wendunmut 1602 No. 151 S. 229—231 einen Sinn haben ſoll, folgende zwei Bedeutungen gehabt haben: 1) ſchinden. 'Das Städichen Niedenſtein, erzält Kirchhof, ſei mit einer Spötterei beladen, „nemlich, daß vor zeiten ein Bürgermeiſter daſelbſt ſeinem geſtorbenen Pferdt ſelber hab den Rock außgezogen, darvon auch der Nam, daß dieſe Bürger die von Gneip genennt werden; entſprungen ſein ſoll“. Und nachdem er eine noch ſpöttiſchere Geſchichte von dem Bürgermeiſter von Nieden⸗ ſtein erzält hat (ſ. u.) ſchließt er (S. 231): „Hierumb, vnd nit daß ein Bürger⸗ meiſter ein Gaul geſchunden habe, ſoll herfließen, daß man denen von Niedenſtein von Gneipe ſagk, vnd ſie damit veziert“. 9* 132 Gnenn — göl. 2) einen Angriff mit gewehrter Hand machen. Kirchhof erzält weiter, der Bürgermeiſter von Niedenſtein habe ihn verſtändigt „wie der Name Gneip Ehren vnd nit Schanden halben herkomme“. Der Bürgermeiſter habe ſich nämlich in der Zwietracht der Landgrafen gerüſtet, die bei Werkel ſtehenden Feinde zu überfallen, und nachdem nun die Rüſtung in der lächerlichſten Weiſe beſchrieben worden, ſolle der Bürgermeiſter, erzält K. ferner, den Seinen Mut eingeredet haben, „vnd vnder anderm alſo. Ihr lieben Männer vnd Nachbawern, es wird jetzund gneipens gelten, derhalben ſehet, daß ihr euch tapffer haltet, vnd gute Feuſte habet, denn es wird gneipens gelten, das wiederholet er etlich mal“, Hiervon ſollen denn (ſ. o.) die Niedenſteiner den Namen Gneip, von Gneipe, Ehren halben erhalten haben. Mit dieſer zweiten Bedeutung ſtimmt eine Stelle bei Wig. Gerſten⸗ berger (Schminke Mon. hass. 2, 491) überein, wenn auch die Form des Wortes etwas abweicht: „ſo das etzliche knechte angeſchubben worden, die gnüptin vnde taſten uff die ſtraße und in dem lande“. Cinenn msc., Vater; Ellergnenn, Großvater; Urgnenn (geſpr. örknenn). Urgroßvater, Urvater, auch wol, wie auf dem Vogelsberg: Ellergnennchesgnenn. Bis zum Anfange dieſes Jarhunderts in ganz Oberheſſen gebräuchlich, in den ſüdlichen Theilen ausſchließlich gebräuchlich, im übrigen Heſſen unbekannt. Gegen⸗ wärtig iſt das Wort im Ebsdorfer Grunde, im Breidenbacher Grunde und ſonſt einzeln noch üblich, indes im Ausſterben begriffen; ſchon um das Jahr 1804 fragten die Kinder in abgelegenen Dörfern (Allna), wenn ſie dieſes Wort von ältern Perſonen hörten, nach der Bedeutung deſſelben. Iſaae Gilhauſen Grammatica 1557. 8. S. 42: Filius (zu ſeinem Vater): Wie do, wie do, mein lieb genann, Soll ich bald werden ein Edelmann? Weitere Oberheſſiſche Belege (aus Betziesdorf 1673. 1682 ſ. Zeitſchr. für heſſ. Geſchichte und Landeskunde 4, 67 f., wo auch der Urſprung dieſes Wortes (ahd. ginamno, der mit mir gleichen Namen führt) nachgewieſen iſt. Eſtor d. Rechtsgel. 3, 1409. Ueberall wo das Wort in Heſſen geſchrieben erſcheint, wird es, ſeinem Urſprunge gemäß mit 6 geſchrieben, geſprochen aber, wie es im Simpliciſſimus 1669 S. 5. 6. 7 f. gedruckt iſt: kuenn, knän. Im Vogelsberg bedeutet gnenn Großvater; daher ſcheinen auch die Brüder Grimm, welche von dem Worte Hildebrandsl. 1812. S. 11 handeln (die Ety⸗ mologie dieſer Stelle wurde von J. Grimm Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. 2, 140 zurückgenommen) ihre Annahme, daß knän = Großvater ſei, entnommen zu haben. In älteren Zeiten muß übrigens dieſe Bezeichnung des Vaters viel weiter verbreitet geweſen ſein, als noch zum Anfang dieſes Jarhunderts, namentlich wie noch heute auf dem Vogelsberg, ſo auch im Speſſart (Simpl.), im Fuldaiſchen (Vacha) und Hersfeldiſchen üblich geweſen und überall verſtanden worden ſein: „Derhalb auch, da er [d. h. Georg Witzel] von der letzten Pfaffenweyhe von Erffurt heim kame, vnd von ſeinem vater, Seid mir wilkom lieber herr ſon, empfangen ward, hat er ſeinem vater gantz höniſch geantwort, Ja Gnenne, da haſtu nu ein geſalbeten, geſchmirten vnd wol geöleten Pfaffen, was wiltu mehr haben“. Juſtus Jonas Wilch die rechte Kirche — — Widder das Phariſeiſch geweſch Georgii Witzels. Wittenberg 1534. 4. Bl. Niijb. (Auch bei Strobel Beitr. 2, 214). gol, bitterſchmeckend. In Oberheſſen üblich, von wo es bereits Eſtor 3, 1409 vergeichnet hat, eben ſo an der Schwalm und im Haungrund. Goldkammer — Gradel. 133 Möglich, daß das Wort mit Galle zuſammenhängt, wodurch wir denn auf eine Wurzel gillu, gall, gullames, gullaus, und weiter zurück auf eine Wurzel gila, gal, gélum, gulans zurückgeführt werden würden. Das Wort fehlte bisher in allen Idiotiken. Jetzt von Kehrein ver⸗ zeichnet: Volksſprache und Volksſitte im Herzogt. Naſſau 1860. S. 168, welcher gleichfalls auf Galle zurück weiſt. Doch muß das bei Stalder 1, 430 vorkommende gaulig, ſonderbar, widerlich ſchmeckend, wol hierher gezogen werden. Alsdann könnte man freilich auf Galle nicht zurück gehen, cf. Stalder 1, 415. Goldkammer. Die ehemals äußerſt übliche ſpöttiſche Bezeichnung für das ſeit 1822 eingegangene bürgerliche Gefängnis, den „bürgerlichen Ge⸗ horſam“, wie deſſen officieller Name in Kaſſel und anderwärts war. Indes kommt dieſes Spottwort doch auch im amtlichen Gebrauche vor: Landesordn. 7, 169. Kopp Handbuch 4, 506. . 19 Gonne fem., das was einem Dritten zu gönnen iſt, die von ihm mit Recht erwartete Ehrerweiſung, Gefälligkeit. Kommt faſt nur in der, übrigens äußerſt häufigen Redensart vor: „einem die Gonne anthun“, ihn durch er⸗ wieſene Ehrbezeigung, Gefälligkeit, befriedigen. Schmidt Weſterw. Jd. S. 68. görgeln (ſtatt gürgeln, gurgeln), bei der Gurgel faßen, die Gurgel zudrücken; metaphoriſch: plagen, quälen. „1 gulden wird geſtraft Henn Möller zu Langendorff, daß er Weygandi Roeßern daſelbſten gegurgelt haben ſollte“. Rauſchenberger Bußregiſter v. 1607. ſich görgeln, ſich abgörgeln, ſich abarbeiten, mit übermäßiger ſchwerer Arbeit zu thun haben. ergörgeln, erwürgen. Als ein Selbſtmörder ſich in eine offene Schleife aufgehängt hatte, ſagten die bei dem Leichnam Wache haltenden Bauern: „er müßte ſich mit aller Gewalt ergörgelt haben“. Allgemein üblich. Göte, Gott fem., Taufpatin, admater. Gotel, Gottel fem., filiola, weibliches Patenkind. Beide Bezeichnungen ſind in ganz Heſſen da üblich, wo nicht Döde (ſ. d.) gebräuchlich iſt. In manchen Gegenden, beſonders im öſtlichen Heſſen, iſt zwar Pate üblicher als Gôte, aber ganz unbekannt und ungebräuchlich ſoll Gote auch wol in jenen Gegenden nicht ſein — verſtanden wird das Wort dort überall. Dagegen iſt das, in manchen oberdeutſchen Gegenden übliche Masculinum Göl, der männliche Taufpathe, adpater, durchaus ungebräuchlich. Vgl. Petter. Schmeller 2, 84. Gottwaelschen, Deminutiv von Gott walt es! Oberheſſiſche Be⸗ grüßungsanrede an kleine Kinder. „No, du Gottwaelschen, da ſeh ich dich doch auch einmal! ivalie Golt iſt noch in einigen Gegenden als Begrüßung üblich; z. B. „Walts Gott, iſt die Ruh gut? Gradel kem., regelmäßig Grall, Krall geſprochen, ehedem auch Gredel und Grell, die Gabelform; insbeſondere die Gabel, welche die Beine am Rumpfe bilden. „Mach einmal eine weite Krall“ ſtell einmal die Beine weit ausein⸗ ander. „ſie ſolten zuſehen, daß ſie nicht zurück fielen, ſo ſehe man ihnen in die Gredel“ Unterſuchungsprotokoll gegen den Pfarrer Breem in Rauiſchholzhauſen 13. Auguſt 1734. Rechengrall, Rechengabel. „Die Aeſte machten ſo eine 134 Graddeling — grappig. kleine (enge) Krall (Grell), da bin ich mit dem Fuß ſtecken geblieben“. Er⸗ zälung des Hergangs einer ſchweren, beim Klettern erlittenen Verletzung 1849. graddeling, gralling, rittweiſe, mit geſpreizten Schenkeln. „Hat doch das Weibsmenſch gralling auf dem Pferd geſeßen“; oberheſſiſche Relation von dem Benehmen einer in der Zeit der losgebundenen Romantik (1811) ſehr bekannten Dame. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1409. Krallarsch, Krallärsch, ſchiefbeiniger Menſch, dem die Beine zu weit auseinander ſtehen. Alle dieſe Ausdrücke gehören ausſchließlich Oberheſſen an. Schmidt weſterw. Jo. S. 88. Schmeller 2, 124 (Graitel), 125 (Grid!). Vgl. praetschen. 1./37 Eitr-t.ꝛw7 737/33 Grafamen kem., meiſt plur. lant., Ausſlucht, Intrigue; Grimaſſe; in dieſer letztern Bedeutung beſonders in der Obergrafſchaft Hanau üblich. Eine misverſtändliche Verwendung des Wortes gravamen (Beſchwerde), welcher man indes, in dem einen oder andern Sinne, überall im Lande begegnet. Gralt fem., bedeutet an ſich einen Graben, und kommt in Niederdeutſch⸗ land häufig für Wallgraben vor — ſo z. B. in Rinteln. Anderwärts aber, und zwar in Wolfhagen, bedeutet Grafi den Todtenhof, Gottesacker. gramausen, ſich mucken, muckſig machen, ſich Unbefugtes heraus⸗ nehmen; tadeln, unzufrieden ſein; ſchimpfen, Streit anfangen. Am gebräuchlichſten im Kreiſe Hünfeld, bei Hersfeld, doch auch anderwärts einzeln vorkommend. Gramauser msc., Zänker, Haderſtifter. Grambeeren, Brombeeren. Wol ſicherlich eine Entſtellung des richtigen Wortes, welche in der Gegend des Kellerwaldes vorkommt. Gramenzel fem., Ameiße; ein hin und wieder im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen vorkommende Benennung, die, da man auch Grameisse hört, nichts anderes als eine arge Verderbnis des Wortes Ameiße ſein wird. Vgl. Seichammel, Nijammer. Grammel msc., Heiſerkeit, beſonders diejenige, in welcher die Stimme tiefrauh tönt. grammelig adj., mit rauhem Halſe behaftet, heiſer. In ganz Altheſſen üblich, gebräuchlicher als Hesch neutr., Heiſerkeit, und hesch, heiſer. granzen, weinen, verdrießlich ſein. Kommt hin und wieder in Nieder⸗ heſſen, bis nach Hersfeld, vor. In den Reimen auf die Ankunft des Landgrafen Friedrich I., Königs von Schweden, in Heſſen (Aller Reddelichen Heſſen⸗Kenger Herzeliche Freude ff. Eiſenach 1731. 4; auch abgedruckt: Hersfelder Intelligenz⸗ blatt 1832. No. 9, 25. Febr.) heißt es: Unſe Wiwes⸗Thire, die ſillen er (der Königin Ulrike Eleonore) au En hebſchen Regen taintzen, Achl hetten mä ockertſch die gillen Frau, Se ſill bi uns nit grainzen. Friſch 1, 366. 371 (granſen). grappen, ergrappen, zugreifen, ergreifen und feſthalten, erhaſchen. In Nieder⸗ und Oberheſſen allgemein üblich. Vgl. ergruppen. grappig, habſüchtig, eigennützig. Allgemein gebräuchlich, beſonders im weſtlichen Heſſen; urſprünglich rspax, zugreifend. Auch grapschig. Wgl. Krappe. Gräsig — Graewel. 135 grasig, oberheſſiſcher Ausdruck, möglicher Weiſe daſſelbe, was in Nieder⸗ heſſen grusig iſt (ſ. Grüse), und eine Verderbnis des Wortes grasig. Freilich würde dann die Hauptbedeutung, welche das Wort jetzt hat, zur abgeleiteten Bedeutung, und umgekehrt, ſich geſtalten. Es bedeutet nämlich 1) unwillig, ärgerlich, bösartig: ein gräsiger Mensch. In dieſer Be⸗ deutung ſehr üblich in Oberheſſen, beſonders in deſſen ſüdlichen Theilen. 2) herbe, unangenehm, widerlich ſchmeckend: „das Eßen ſchmeckt gräsig“. Eſtor hat 3, 1408 „gräßig fleiſch“, wohlſchmeckend; warſcheinlich misverſtändlich. grasig, deutlich von Gras abgeleitet, bezeichnet in nicht wenig Flur⸗ beſchreibungen, vom Wege gebraucht, den Weg als ungangbar, ungebaut. Am öfterſten findet ſich „am graſigen Weg“ im Hanauiſchen“. Grad, Grat, in Oberheſſen msc., in Niederheſſen kem., geplatteter und um einige Stufen (gradus) erhöheter Seitengang in den Straßen einer Stadt längs der Häuſer; jetzt zum niedrigen „Troktoir“ herabgeſunken. Solche Grade (Greden, Greten im Plural) ſind' jetzt ſehr ſelten geworden, und finden ſich jetzt meines Wißens nur noch in Wolfhagen und Kirchhain. Der Grad in der Barfüßergaße in Marburg wurde ſchon im Jahr 1583 abgebrochen. Eſtor hat 3, 1410: Grod, das pflaſter vor der thüre. graetschen, die Beine ſpreizen. Ueberall in Heſſen, wie auch in Baiern und anderwärts, gebräuchlich; die Uetſche graetſchelt; ein Kind, welches noch nicht recht laufen kann, gsraetſchelt, gehi graetſchelich. Man ſpricht übrigens im Anlaut weniger g als k. Wol ſicher zu Gradel (ſ. d.) gehörig. A P4 grüulich, meiſt nur in abgeſchwächter Bedeutung üblich, als ein ver⸗ ſtärktes Verwunderungswort, für: ſehr, zum Erſtaunen u. dgl. „Du biſt ja gräulich groß geworden“; „das iſt ja ein gar gräulich ſchön Mädchen“. Gräulich thun, eine ſehr übliche Redensart, bedeutet wie in Baiern (Schmeller 2, 98), großes Leidweſen an den Tag legen, ſich ſehr traurig, oder auch ſehr entrüſtet, ſehr überraſcht u. dgl. anſtellen. „ Die Ausſprache iſt faſt durchgängig: greilich. In ganz Heſſen. f/—; 1D. 2. 73 Eſtor S. 1409. grausam, nur in abgeſchwächter Bedeutung, gleich gräulich, im Ge⸗ brauche (der ſchriftdeutſche Sinn des Wortes iſt dem Volke ſchlechthin fremd); es wird grausam mit etwas ſtärkerem Nachdrucke, als gräulich, gebraucht, z. B. bedeutet greilich schön ſehr ſchön, grausam schön aber außerordentlich, unge⸗ wöhnlich, auffallend ſchön; „es hat mir gar grauſam leid gethan“ ich habe (ſehr ernſtliches) Mitleid empfunden, es hat mir recht eigentlich wehe gethan; wogegen „es hat mir greilich leid gethan“ nicht viel mehr als eine Condolenzformel ſein würde. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1409. grauweln, grauen vor etwas, ein Grauen haben; in Niederheſſen gruweln geſprochen. Grauwel (Grüwel, Gruwwel) msc., das Grauen. Auch hört man mit⸗ unter noch das alte Grau msc. Die urſprüngliche Bedeutung des Ekels, des Reizes zum Erbrechen, welche in Grau, Grauel, grauen liegt, iſt jedoch auch im Volke völlig erloſchen. gruwelich, gruwelich, Grauſen erregend. Allgemein üblich. Graewel msc., Verſchlag im Stalle zur, Aufbewahrung des Futters. Im Fuldaiſchen. aℳha enn I. 3 41, i'e1 136 Grébe mse. Die Bezeichnung des Dorfvorſtandes in einem großen Theile von Heſſen aus alter Zeit her bis zum Erſcheinen der Gemeindeordnung vom 23. October 1834. Es ſcheint dieſelbe eine ſpeciſiſch heſſiſche Benennung geweſen zu ſein, denn Kirchhof merkt im Wendunmut (geſchrieben 1562) in No. 147 (Ausg. v. 1602. S. 222) an: „ein Schultheiß, die man auff den Dörfern im Land zu Heſſen Greben nennt“. Dieſe Bezeichnung herſchie im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen (den Kreißen Hofgeismar und Wolfhagen), in den Kreißen Kaſſel, Fritzlar, Homberg, in der Grafſchaft Ziegenhain und zum Theil in den Kreiſen Melſungen und Kirchhain. Im Kreiße Melſungen waren Greben im Gericht Landefeld, ſodann in Bergheim, Biſchofferode, Elbersdorf, Pfiefe, Schnellerode, Vockerode, Weidelbach, Günſterode; im Kreiße Kirchhain in den öſtlichen und nordöſtlichen Theilen, nämlich in denjenigen, welche ehedem zur Grafſchaft Ziegenhain gehört hatten. Im Amt Wetter wechſelte die Benennung Grebe mit der dem Volke wie es ſcheint geläufigeren: Heimbürger durch das ganze 16. und ,/einen Theil deß, 17. Jarhunderts ab; ſpäter findei ſich faſt nur Grebe. //2 Vgl. Schulze und Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 69—70. greibe, auch (im Haungrund) gräuwe, gräu geſprochen, herb, ſäuerlich⸗ bitter, ſcharfſauer. „Der Spinat ſchmeckt greibe“, wenn er unangenehm ſcharf nach Gruſe ſchmeckt. Niederheſſen; ſehr üblich in Kaſſel. greinen, den Mund verziehen, weinen. Sehr üblich in der Diemel⸗ gegend und im Schmalkaldiſchen, ſonſt nicht ſonderlich gebräuchlich. Mitunter grinen geſprochen; ſo meiſt in Kaſſel. (intw, V. ua Ziepf tL) angreinen c. Acc., mit zornigen Mienen jemanden anfahren. „da reddet ich ſie hart an, ſagt ſie zu mir wie greinſtu mich an?“ Wetterer Crim. Proceſſ v. 1577. Greinhase msc,, Kaninchen; der oberheſſiſche Name des Thiers, her⸗ur. 4/2 genommen von dem Knurren deſſelben, wiewol ſonſt das Wort greinen in Oberheſſen faſt gar nicht mehr üblich iſt. Eſtor t. Rechtsgl. 1, 513 (§. 1235). Greipe fem., die dreizinkige Miſtgabel. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, wo zwiſchen Greipe (die meines Wißens kaum jemals Messkorke genannt wird) und der zweizinkigen Forke (ſ. d., Heugabel) durchgängig ein feſter Unter⸗ ſchied beſteht. Grempel msc., Kleinwaaren, Kleinverkauf, Trödel. Dieß in Ober⸗ deutſchland, im Elſaß und anderwärts noch übliche Wort iſt in Heſſen jetzt unbekannt, muß jedoch in früheren Zeiten ganz üblich geweſen ſein, denn in Homberg gab es im 16. Jarhundert (Homberger Univ.⸗Vogteirechnung von 1544) eine Grempelgaße. gremsig, wie Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1409 hat, oder gremsch, grimsch, grimschig, wie gewöhnlich geſprochen wird, iſt der ober⸗ heſſiſche Ausdruck für das gemeinhochdeutſche ranzig; verdorbener Speck, ver⸗ dorbene Wurſt, Butter ſchmeckt gremsch, gremschig. Tropiſch wird dann das Wort auch von widerlichen, Aerger und Zorn ausdrückenden Geſichtszügen gebraucht. Möglich, daß das Wort ein entſtelltes Adjectivum von Gram (oder gar von grimm gebildet?) wäre. Grendel msc., Pflugbaum; dieſes uralte und in der Schriftſprache beibehaltene Wort iſt auch in dem gröſten Theile von Heſſen volksüblich, ge⸗ ſprochen Crennel, Grengel, Gringel. Grébe — Grendel. Grindel — Grind. 137 Kaum zweifelhaft iſt es, daß hierher zu rechnen ſein wird Grindel, Grendel neulr., ein öſter einfach und zuſammengeſetzt vor⸗ kommender Name von Feld⸗ und Waldplätzen. So kommt ſchon 1361 im Rein⸗ hardswalde vor daz groze grindel, daz wenge grindel, und dieſer Name iſt an der Stelle haften geblieben bis jetzt: das große Kringel, das kleine Kringel, bei Hombreſſen. Eben ſo kommt Kringel bei Laudenbach, bei Weißenborn A. Wanfrid und ſonſt noch (Wartkringel, Niederurf), vor; Zuſammenſetzungen ſind z. B. die Grengelskuppe (Mengshauſen), die Gringelwieſe (Fürſtenwald). Griebe fem., das Reſiduum des zerſchnittenen und ausgebratenen Speckes, Schmalzes: Speckgrieben, Schmalzgrieben; auch nennt man wol Grieben in Butter oder Schmalz geröſtete Brod⸗ oder Weckwürfelchen; ahd. griupo, eremium. In Heſſen wie anderwärts, faſt durch ganz Deutſchland, allgemein verbreitet. In Oberheſſen wurde das Wort metaphoriſch für: eine Kleinigkeit, eine wertloſe Sache, verwendet; z. B. ſchelten ſich nach Ausweis des Wetterer Bußregiſters vom Jahr 1591 zwei Einwohner von Amenau, welche beide Flurſchützen geweſen waren, damit, daß ſie einander vorwerfen, jeder von ihnen habe „einen Baum für eine Speckgriebe“ gegeben. Und ſo noch öfter. griebelrocken, griebedürr, ſehr übliches vergleichendes Adjectivum, um die völlige Trockenheit, Dürre, zu bezeichnen. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. und Landesk. 4, 70. grief adj., hager, mager; vorzugsweiſe von Menſchen gebräuchlich. Weſtfäliſches Heſſen. Ob hierher das griflachen des Brem. WB. 2, 541, oder grieflachen wie Voß ſchrieb, zu ziehen ſei, läßt ſich vorerſt nicht beſtimmen, iſt aber warſcheinlich. Griesz masc., mitunter auch neutr., Grütze: Weizengrieß, Gerſtengrieß, Habergrieß, Buchweizengrieß (Heidengrieß), Kummergrieß. Das Wort Grütze iſt durchaus nicht üblich, und wird da und dort gar nicht einmal verſtanden; Graupen freilich noch weit weniger, mit Ausnahme jedoch von Schmalkalden. grießeln, grißeln wird von dem Fallen der kleinſten Hagelkörner oder Schneekörner, wie ſie bei eintretendem Froſte ſich bilden, geſagt: es grießelt, griſſelt, wie man auch in der Schriftſprache dieſe Schneekörner Graupen nennt. Gris neutr., iſt im öſtlichen Heſſen (war wenigſtens bis 1830) die regelmäßige Bezeichnung der Stengel der Kartoffelpflanze, während die Stengel und Blätter der übrigen Wurzelpflanzen Kraut genannt werden. Gris iſt kleines Reiſig, ſ. Tobler Appenzelliſcher Sprachſchatz S. 119, ſonſt aber in Heſſen unerhört, und es ſcheint, daß das Wort Gris mit der fremden Pflanze von fremdher bei uns eingeführt worden iſt. Grind neute. oder masc., iſt der Name einer Stadtgegend bei Marburg, jetzt einer Straße (längs der Lahn, von der Brücke die nach Weidenhauſen führt, abwärts), welche in Aufzeichnungen des ausgehenden 16. und des 17. Jarhunderts Grien, ſpäter, wol erſt in der neueſten Zeit, Grün genannt wurde. eyn garte an deme grinde gelegen; das hus an deme grinde, Zinsbuch der Pfarrkirche St. Mariä zu Marburg. Mſpt.Pg. von 1410. Bl. 6b. 7a. „vß einer hobeſtad am griende“, Urkundenverzeichnis derſelben Pfarrkirche v. 1535. Es kann dieſes grind mit grint, impetigo, nicht zuſammenhängen, viel⸗ mehr muß daſſelbe auf das in den Zwiefalter Gloſſen (11. Ih.) enthaltene in gränte, in argillosa(terra) und auf den mons qui dicitur grind (Graff Sprach- schatz 4, 330) zurückgeführt werden. Sehr möglich iſt es, daß die Zwiefalter Grintiffa — Groppe. 138 Schreibung eben das ausdrücken ſollte, was die Schreibung von 1525 gibt: grient, griend. Aus dieſer Form (griend) allein kann ſich die ſpätere Form Grien und hieraus die moderne Corruption Grün entwickelt haben. Iſt aber die Form Griend die urſprüngliche, dann liegt es nicht allzu fern, unſer Griend an das mhd. und ſchweizeriſche grien anzulehnen (Muiler Mhd. WB. 1, 569. Stalder 1, 569); dann könnte das t (d) in Grient eine Ableitungsform ſein. Die Bedeutung iſt jedenfalls: rauhes, thoniges, mit Grand angeſchwemmtes Erdreich, was zu der Bodenbeſchaffenheit des drien genau paßt: weſtlich vom Grien iſt tiefer Thon⸗ und Lehmboden, und von Oſten her ſpült die Lahn Grand an. Grintiffa fem., Flußname, jetzt Grenf (entſpringt am Rimberg und erreicht bei Loßhauſen die Schwalm). Auch dieſer Name gehört wol dieſer Wurzel grint, argillosa lerra, und nicht dem Worte grint, impeligo an (ſ. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 1, 257). gripsen, hripsen, kripschen, im Fuldaiſchen krippen, ziemlich überall gebräuchliche Bezeichnung des Stehlens, deſſen Objecte verhältnismäßig Kleinig⸗ keiten ſind; der Ausdruck iſt halb beſchimpfend, halb ſcherzhaft, dem ganfen nicht unähnlich. gripsch, kripsch, eigentlich rapax, zugreifend; daher die bei uns allein, und zwar in ganz Heſſen, ſehr übliche Bedeutung: auffahrend, heftig, derb zufahrend; finſter, mürriſch — in Worten, Mienen und Geberden. „Ein gripſches Geſicht machen“. „Er gab mir auf meine Bitte eine gar ſo gripſche Antwort“; „er iſt (wird) gleich ſo gripſch, daß man gar nicht mit ihm ſprechen kann“. Vorzugsweiſe niederdeutſch: Richey ld. Hamb. S. 80: greepsk, rapax. grittig, eifrig, gierig. In der Diemelgegend. Das Wort kann kaum etwas anderes ſein, als das altſ. grädag, agſ. praedig, vorax. Gritz msc., Verſtand, Einſicht, Scharfſinn. Allgemein üblich, aber niemals, wie die moderne Schriftſprache will, femininiſch verwendet. gritzgrau (grau wird ausnahmslos grö geſprochen), ganz und gar grau. „Der N. N. hat ja einen gritsgröen Kopf gekriegt“. „Die Hemder ſind ja gritsyré aus der Wäſche gekommen“ (ſchlecht gewaſchen). Weigand im Intell. Bl. für Oberheſſen 1846. No. 61. S. 248 verzeichnet grützegrau. Bei uns iſt jedoch das Wort Grütze völlig unbekannt, und hin und wieder wird bei uns auch grissgrau, griesgrau, beſonders vom Kopfhaar, gebraucht. In Baiern kitzgrauw. Schmeller 2, 98. 347. groelen, laut und derb ſprechen; ſchimpfen. Weſtfäliſches und ſächſiſches Heſſen. Richey Id. Hamb. S. 81. Groppe msc. eiſerner Topf mit Beinen, die heſſiſche Ausſprache von Grapen Brem. Wb.1 S. 535. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, in Oberheſſen und im Schwarzenfelſiſchen (ſowie in der Wetterau vgl. Weigand im Friedberger Intell. Bl. 1844. Nr. 35. S. 378) üblich, in Niederheſſen unbekannt. „Hernacher hatten ſie Ihme einen Kroppen abgepfendet, und ſeinen Eidam getrungen, daß Er die 5 albs erlegeu muſſen“. Treisbacher Verhörprotokoll von 1609. Bis 1398 exiſtierte im ſächſiſchen Heſſen eine adlige Familie Gropp, welche ein redendes Wappen führte; einen Topf mit einem Henkel und drei Beinen; ſ. Landau Ritterb. 4, 242. Luther unterſcheidet ſehr beſtimt den Gropen von dem Töpfen (Topf); jener iſt von Erz und gegoßen, dieſer von Thon. S. Vor⸗ rede zu Joh. Sutel, Pfarrer zu Göttingen, Auslegung von Lucas 19. (Jen. Ausg. 7, 296 b). 139 Grössen — Gugelhuppe. Warſcheinlich gehört hierher auch die in Kaſſel ſehr übliche Bezeichnung Groeper; jetzt meiſt für Töpfer, jedoch nur für diejenigen verwendet, welche ſich mit dem Aufſetzen und Reinigen der Stubenöfen beſchäftigen. Vgl. Kopp Handbuch 6, 134. grössen, ſtöhnen, ächzen. Im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen; im übrigen Heſſen, zumal in Niederheſſen, krusten. Es iſt daſſelbe Wort, welches ſonſt auch kreisten geſprochen und geſchrieben wird, und woraus die Weisheit der Büchermenſchen kreisen, kreisren (d. h. parturire) gemacht hat. / 4. 7s. Grummet neutr., aus Grünmad entſtellt, Nachheu; in dem gröſten Theil von Heſſen die üblichſte Bezeichnung, im 16. Jarhundert regelmäßig, und noch um 1640 öfter, Gromat, Gromath in den Rechnungen geſchrieben. Indes gilt neben Grummet an der untern Efze, an der untern Eder und untern Fulda auch das alte Wort Omad, Omed. „gab herrlich Omaden oder Krummet⸗ wetter“ Aufzeichnung des Beckermeiſters Hans Heinrich Arnold zu Kaſſel vom Jahr 1677.91u u ℳ. 72f4 Grün masc. u. neutr. Stadtgegend in Marburg ſ. Grind. Grünéwig nennt man in der Gegend von Gudensberg (Niedenſtein u. ſ. w.) alle Pflanzen, welche im Winter grün bleiben: Hedera (Epheu), Vinca (Wintergrün) und prrola. Es wird dieß Wort nichts anderes ſein, als grün Eppich. Grund, iſt in der Bedeutung Vertiefung, Thal, Schlucht. im nörd⸗ lichen, ganz beſonders im weſtfäliſchen Heſſen, Femininum: die Niendahlsgrund Grimm Weist. 3, 303; „in der Rieſengrund“ Niederelſungen — und ſo äußerſt häufig. Das Dörſchen Wipperode am Meisner führt im Volksmunde nicht dieſen Namen, ſondern heißt nur der Grund. Die dortigen Pfarrer (es iſt das Oertchen wegen ſeiner geringen Pfarrbeſoldung ſtets Vicariat geweſen) verzeichnen noch in der Mitte des 18. Jarh. in den Kirchenbüchern „und bin ich als Pfarrer in den Grund geſetzt worden“. Als der berüchtigte, dreimal abgeſetzte Pfarrer Emanuel Streibelein nach ſeiner zweiten Abſetzung im Jahre 1819 Pfarrer in Oetmannshauſen und zugleich in Wipperode wurde, ließ er am letztern Orte bei ſeiner Antrittspredigt das Lied Rothes „Ich habe nun den Grund gefunden“ (Nr. 92 des niederheſſ. Geſangbuchs) frevelhafter Weiſe ſingen. Gruppen, das hochdeutſche Graupen 1) als geſchältes Getreide 2) als Hagel. Im Schmalkaldiſchen gebräuchlich, anderwärts unverſtändlich. ergruppen, erhaſchen, etwas nach vorausgegangener Anſtrengung er⸗ greifen und feſthalten. Im Schmalkaldiſchen ſehr üblich, indeſſen kommt das Wort auch im öſtlichen Heſſen nicht ganz ſelten vor, doch iſt hier die Form ergrappen üblicher. Gruͤse fem., der Saft aus grünen Gewächſen, z. B. aus Gurken; mhd. gruose. Vorzüglich nur in Niederheſſen üblich. grüsig, mit grünem Safte verſehen; grusig schmecken, nach herbem grünem Saft, unangenehm herbe ſchmecken, wie z. B. Kohl, der vor dem Kochen nicht gehörig ausgewäßert worden iſt. Pem &.ℳ leeltraet ℳ4n: Vgl. präsig; ſodann greibe und gremsig. Gugelhuppe msc., ein rundes, faſt kugelförmiges Weizengebäck. Nur in Marburg; in Frankfurt und ſonſt Gugelhupf. Vgl. Welgand im Intelligenzblatt für die Proving Oberheſſen 1845. Nr. 9. S. 34. Swogfsph. lasif Marburg a. d. Uaii NeUaher 140 Gulden — Günter. gülden, aureus, war ſchon in alten Zeiten und iſt noch jetzt ein ſehr übliches Liebes⸗ und Schmeichelwort von beſonderm Nachdruck. „ach du gülden Kind“, Anrede, welche beſonders zur Einleitung einer Berichtigung, einer milden Abweiſung u. dgl. dient. So macht täs au, tä gillen Keindt (Reime auf die Ankunft des Ldgr. Friedrich I., Königs von Schweden, in Heſſen, 1731). Ach hetten mä ockertſch de gillen Frau (die Königin Ulrike Eleonore; ebdſ.) Der Spruch, welcher in Grimms Kinder⸗ und Hausmärchen (in dem Märchen vom Rumpelſtilzchen 1, 336) referiert wird, lautet in Heſſen: „Wenn die gülle Frogge wüßt, daß ich Berlewitchen hieß, ſo behielt ſie ihre Kindchen“. „Du gulden Maria, hetten wir das doch nicht gethan“. Eſchweger Hexenproceſſacten v. 1657. Eine unglückliche Frau aus Cappel bei Marburg rief, als Zauberin am 20. September 1655 auf die Tortur gebracht, unter den Martern derſelben „Ach mein herzens gille Oberſchultz!“ zu unzäligen Malen aus. Gülden Schnitten ſind in Heſſen genau das, was ſie in Baiern ſind (Schmeller 2, 34): Weckſchnitten in Ei getränkt und in Schmalz gebacken, welche ſonſt hauptſächlich am Gülden⸗Schnitten⸗Sonntag gebacken zu werden pflegten. Urſprünglich ſoll der Gülden⸗Schnitten⸗Sonntag mit dem fetten Sonntag, k 2 Quinquageſimä, identiſch geweſen ſein; an der Werra und noch weiter weſtlich bis über das Fuldathal bei Rotenburg hinaus war jedoch ſchon im Aufange dieſes Jarhunderts der erſte Sonntag in den Faſten, der Sonntag Invocavit, der Gülden⸗Schnitten⸗Sonntag. gunkeln, ſich ſchwebend hin und her bewegen: „das Scheuernſeil gunkelt noch, die böſen Jungen müßen eben dran geweſen ſein“; die ſchwere reife Birne „gunkelt“ am Aſte; — aber auch: „ich will dir einmal den Stock auf dem Buckel gunkeln laßen“. Ziemlich allgemein üblich, am meiſten im Haunthal, am wenigſten in Oberheſſen. Nicht unwarſcheinlich iſt es, daß hierher die Stelle aus dem für heſſiſch ausgegebenen (und allerdings eine ganze Reihe heſſiſcher Idiotismen enthaltende) Gedicht: „die Erlösung“ (wie es der Herausgeber Bartſch 1858 genannt hat) v. 4713 gehört: hie mit wart des fronen houbt dà mit (der Dornenkrone) gezieret, drüf sie gekunkelieret mit freissamen stecken, langen unde quecken. An Kunkel (Spinngerät, wie Bartſch will), iſt wol ſicherlich nicht zu denken; indes bleibt es höchſt auffallend, daß ein deutſches Wort im 13. Jarh. ein Verbum auf ieren erzeugen ſoll, ſo daß dieſes kunkelieren am Ende weder zu kunkel noch zu gunkeln, vollends aber nicht zu dem ſächſiſchen kungeln (traſiquer) w. ſ., gehören wird. Günter msc., Magen, Bauch. So im Fuldaiſchen, namentlich im Kreiße Hünfeld. In der Bedeutung: Maſtdarm des Schweins in ganz Heſſen gebräuchlich; daher Günterwurſt, die in den Maſtdarm gefüllte Leberwurſt: Schwartengünter, auch wol bloß Günter, die in den Magen des Schweins gefüllte großenteils aus Schwarten beſtehende Roth⸗(Blut⸗) oder Leberwurſt. Auf dem Weſterwald: Göntert, Schmidt S. 68, wie denn das Wort ſich vom Rhein bis nach Thüringen im Gebrauche befindet. Es erſcheint ſchon bei Erasmus Alberus Dict. Bl. Eeija: faliscus, der ghünter, gefülter mag, ſewſack. Günter, faliscus. S. Weigand im Friedberger Intelligenzblatt 1845. No. 17. % Ue ℳ u7 jiij 1/. Arn:. uobe †. 73/- Das Wort ſieht faſt aus, als müße es ſlaviſchen Ueſprungs ſein. Güepen — güste. 141 güepen, auch geipen geſprochen, den Mund auſſperren („Maulaffen feil halten“ nach gemeinhochdeutſcher Redensart); gähnen (in dieſem Sinne meiſt gipen ausgeſprochen). Oberheſſen. Eſtor t. RG. 3, 1410' hat güpen und geipen als zwei Wörter; dem erſteren ſchreibt er die Bedeutung „das maul aufſperren“, dem andern die Be⸗ deutung „gehnen“ zu. Der Unterſchied iſt bloß mundartlich, nach einzelnen kleinen Landſtrichen, ja nach einzelnen Dörfern. Das Wort iſt nichts anderes als das ahd. gewön, Schmeller 2, 8. Auch wird hin und wieder wirklich güewen und beſonders geiwen geſprochen. Im übrigen Heſſen völlig unbekannt. Vgl. Gaubloch. 4. i2 Gurre fem., altes, ſchlechtes, abgetriebenes Pferd, ohne Rückſicht auf das Geſchlecht. Urſprünglich mag das Wort Stute oder alte Stute bedeutet haben, wie es bei Schottel Haubtſpr. S. 1332 aufgeführt wird: „Gurre, equa, ſtute, equus annosus ita solet vocari“, und wie es, wenigſtens vorzugs⸗ weiſe, in Baiern noch verſtanden wird, Schmeller 2, 63; aber ſchon in älterer Zeit wird es ſo, wie jetzt in Heſſen, gebraucht, z. B. Seb. Frank Chronica Bl. 236 u. a. St., iſt es doch bei Br. Berthold ſogar Maseulinum. In 1,“ Pan gurren, ein dumpfes Knurren oder Knarren; es gurrt im Bauche, oder wie S. Franck Sprichw. Viija: „Alt karren gurren gern“; neues Leder⸗ zeug, wenn es gedrückt, gerieben wird, gurrt. Gusche fem., auch Gosche geſprochen, der Mund; faſt nur in ver⸗ achtendem Sinne gebräuchlich: „halt deine Goſche“; „willſt du eine auf deine Guſch haben?“ Das Wort iſt, mit Ausnahme der niederdeutſchen Bezirke, durch ganz Mittelheſſen, in Schmalkalden und an der Werra wie in Oberheſſen ge⸗ bräuchlich. Eſtor S. 1410. Reinwald 1, 53. Schmeller 2, 77. güste, trocken, nicht melkbar, nicht milchgebend, daher auch: unfruchtbar, von Kühen, Schafen und Ziegen. Die Kuh wird vier Wochen vor dem Kalben güſte; in einer Rechnung von Borken vom Jahr 1489 wird die melke kuwe der geste kuwe entgegen geſetzt; der güſte Haufe (Güſtehaufen) iſt der Haufe Schafe, welcher mit Lämmern geht, und zu der Zeit nicht gemolken werden kann. Das Wort iſt eigens niederdeutſch; Richey ld. Hamb. S. 82. 411. Brem. WB. 2,558. So iſt es denn auch im weſtfäliſchen und ſächſiſchen Heſſen (auch in der Bedeutung nicht trächtig, zur Zeit unfruchtbar) das allein gebräuch⸗ liche Wort, aber auch eben ſo ausſchließlich gebräuchlich in Oberheſſen, wo man gelte nicht verſteht. Umgekehrt iſt jetzt in Niederheſſen, ſo weit es nicht nieder⸗ deutſch iſt, im Ziegenhainiſchen, Hersfeldiſchen, Fuldaiſchen und weiter ſüdlich güſte unverſtändlich. „So hatte auch Treina butter verkaufft, da ſie doch nur eine güſte kuhe gehabt“. Marburger Hexenproceſſacten von 1673. Aber es muß früherhin güste auch in Niederheſſen einen weitern Umfang gehabt haben, als ſpäter und jetzt; außer jenem Beleg von 1489 aus Borken findet ſich auch in den Rechnungen von Waldau aus dem 15. Ih. güſte ſtändig; ſchon 1436 heißt es dort „eyn güste kue“ und ſo nachher ſehr oft. Möglich, daß man früher gelte und güste, die man beide heut zu Tage unterſchiedslos (mit Ausnahme des weſtfäliſchen Heſſens) für nicht trächtig braucht, ganz richtig unterſchieden, und mit dieſem Unterſchied beide Wörter in Nieder⸗ 142 heſſen wie in Oberheſſen neben einander gebraucht hat. Auf dieſen Unterſchied hat ſchon Friſch 1, 385 (zu güſte) hingewieſen. Vgl. gelte, und Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. ꝛc. 4, 70—71. gutzen (sich), ſich bücken, ſich niederlegen. Schmalkalden. Iſt identiſch mit dem heſſiſchen, zumal niederheſſiſchen Käuschen sitzen (Kützchen, Kitzchen machen), niederkauern, und dem oberheſſiſchen kauchen. Gulzen — Hache. H. IaK, kurz und ſcharf geſprochen, iſt in ganz Altheſſen, am wenigſten jedoch in Oberheſſen, fragende Anrede, anſtatt wie? oder was? Letzteres braucht der Oberheſſe, zumal der weſtlich von Marburg wohnende, lieber als hü. Auch als Anruf wird hü verwendet: ha du! Eben ſo wie hier gebraucht erſcheint das hä in Filidors Ernelinde S. 16. Der lautere Ruf he darf mit dieſem hä nicht verwechſelt werden. Haar msc., crinis, capillus. Die Redensarten: ein Haar darin finden, Haare laßen müßen, der Gebrauch des Wortes zu Verkleinerungen (dieß am häufigſten im Schmal⸗ kaldiſchen in der Form ein Haerle, Herle) u. a. finden ſich hier wie anderwärts. Weniger bekannt iſt eine andere, in Oberheſſen hin und wieder gehörte Formel: Haare zwiſchen Jemanden blaſen, durch Zuträgereien und Klatſch Uneinig⸗ keit ſtiften. „Als er zeuge auch an itzige ſeine hausfraw ſich beſtattet, hab die Beklagtin allerley darin geredt vnd haar zwiſchen ihnen geblaſen, das ſie ein zeitlang in vneinigkeit gelebt“. Marburger Hexenproceſſacten v. 1579. Habe fem. 1) Granne; 2) Fiſchgräte. Im Haungrund. Es iſt daſſelbe Wort, welches im übrigen Heſſen Hebe (Hewwe), Hiebe, Hiepe lautet und Granne, Dorn, bedeutet. haben iſt an der Schwalm, in Oberheſſen (wenigſtens theilweiſe) und im Schwarzenfelſiſchen noch im alten Sinne von halten (an der Schwalm in der Form hobben) üblich, z. B. Kinder hobben, d. h. Kinder halten, tragen. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1410. Haber, avena, iſt im öſtlichen Heſſen Maseulinum, im weſtlichen Femininum, und es wird hier nicht ſelten die Habern geſprochen. Ph.u habern, avenaceus (haberin), eins der wenigen Adjectiva auf in, (Stoffe bezeichnend, welche ſich in unſerer Volksſprache erhalten haben. Vorzugsweiſe erſcheint dieß Wort an der Schwalm und theilweiſe in Oberheſſen; das ganz allgemeine Frühſtück des Schwalmbauers und der meiſten oberheſſiſchen Bauern war eine aus geſchältem Hafer gekochte dicke Suppe, die häbern Sopp, über welche bis zum Jahre 1840 der Kaffe noch keinen irgend nennenswerten Sieg errungen hatte. In den folgenden 20 -—25 Jahren ſoll jedoch dieſer Sieg ſich bedeutend vervollſtändigt haben. Hache msc., lieber Hach, ein habſüchtiger und dabei grober, die Hab⸗ ſucht in plumper Weiſe blicken laßender Menſch. Allgemein üblich. Schmidt Weſterw. Id. S. 71. Schmeller 2, 143. hachig, habgierig, zumal in grober Weiſe habgierig Ueberall gebräuchlich. Schmidt Weſterw. Id. S. 71. Hachelberg — Hahle. 143 hachen, gierig nach auch dem geringſten Vorteil ſtreben, ſich habſüchtig in grober Weiſe zeigen auch bei geringfügigen und widerrechtlichen Gelegenheiten. Niederheſſen und Grafſchaft Ziegenhain. Hachelberg. Dieſer Name des wilden Jägers (eigentlich hachel⸗ berend, niederd. hakelberend d. h. Mantelträger = Wuotan ſ. Grimm d. Myth. S. 875) muß in dieſer oberdeutſchen Form auch in Heſſen bekannt ge⸗ weſen ſein, da ſich 1582 ein Wilddieb, Kurt Schlich aus Bonafort, dieſen Namen gab oder ihn von dem Jägermeiſter des Herzogs Julius von Braunſchweig erhalten haben wollte. Landau Geſch. der Jagd 1849. 8. S. 190. Gegen⸗ wärtig ſcheint das Wort völlig ausgeſtorben zu ſein. 44ef⸗ hadern iſt an der Schwalm das ausſchließlich übliche Wort für ſich ſtreiten, beſonders aber für: einen Rechtsſtreit, Proceſſ, führen, proceſſieren. hagebüchene Gulden nannte man bis zum Jahr 1840, und nennt man vielleicht noch jetzt, im oberheſſiſchen Hinterland (ſchon in Michelbach, Dilſchhauſen, Weitershauſen) ſchlechte Gulden, d. h. ſolche Gulden, welche geringeren Wertes waren, als der wirkliche Gulden, bezeichnete aber dieſe Be⸗ nennung ausdrücklich als eine aus alter Zeit überkommene, welche jetzt nur ſprichwöͤrtlich gelte, da es keine ſolche hagebüchene Gulden mehr gebe. Ob hier⸗ mit die „kleinen Gulden“ gemeint ſeien, welche im 14. Jarhundert öfter (Wenck 2, Urk. S. 441) und namentlich in den ungedruckten Urkunden des Kloſters Caldern vorkommen, oder was ſonſt, vermag ich nicht zu ſagen. Hagelrad, gewöhnlich Hdelrad, Haelrad, auch Halrad geſprochen, ein mit Stroh umwickeltes Wagenrad, dergleichen im Fuldaiſchen für den Hutzel⸗ ſonntagabend und für Johannisabend verfertigt, auf die ſteilſten Abhänge der Berge getragen, nach Einbruch der Dunkelheit angezündet und dann herabgerollt werden. Es iſt das eine große Dorffeſtlichkeit, und das Rollen der Hagelräder gibt namentlich aus der Ferne einen ſehr ſchönen Anblick. Hahle tem., auch Hael und Hoel geſprochen (dieß meiſt nur in Ober⸗? ? heſſen), ein jetzt nur noch in den Bauerhäuſern und auch hier immer ſeltner'fs vorkommendes Küchengerät: ein langer eiſerner, an einer eiſernen mit Zähnen und einer Zwinge verſehenen Doppelſtange befindlicher Haken, welcher in die Deis (ſ. d.), den Rauchfang, befeſtigt iſt, und über der Mitte des Herdes, der Herdfeuerſtätte hängt, um den Keßel daran hängen zu können: Keßelhaken. Jene Zähne mit Zwinge dienen dazu, um die Hahle länger oder kürzer ſtellen zu können. Das Wort iſt alt, und komt als hahala, cremacula, in faſt allen alt⸗ hochdeutſchen und mittelhochd. Gloſſen vor; es iſt von hahan, hängen, abgeleitet. eyn lange hoil boben daz für, Waldauer Rechnung von 1489. Schmeller 2,166. Schmidt weſterw. Id. S. 73. Kehrein Volksſpr. in Naßau S. 181. „zinnine Holen“ Phil. v. Sittewald Geſichte 1, 130. Zuweilen iſt das Wort auch neutral, namentlich in der in und um Wolf⸗ hagen gebräuchlichen pleonaſtiſchen Compoſition Hangehohl; ähnlich iſt lengehal, longale in einem Vocabularius rerum bei Hoffmann horae belg. 7, 30. Neutral ſcheint das Wort im Niederdeutſchen zu ſein: „das Haal oder keſſelhacken“. Aug. Lercheimer (Hermann Wittekindt, ein Weſtphale) Bedencken von Zauberey (1597) S. 125. Dieß Geräte diente ehedem in Oberheſſen zu einem der Symbole der Tradition, iſt aber bei Grimm Rechtsalterth. S. 109 —207 nicht aufgeführt. Urkunde des Deutſch⸗Ordens⸗Archivs zu Marburg von 1492: So han wir — demselben hr heinriche soliche husunge mit jren zugehorungen gerichtlich inge- 144 Hain — Hainwisch. than, jne darin gesust vnd geweret eiginwyse mit stule vnd kossen, hantreichunge der helen vnd Ringe ader czogil an der thore. Urkunde ebdſ. v. 1525: „So haben wir denſelbigen hern Johan zu ſeiner gerechtigkeit in das obgenant Huß eigenweiſe eingeſeczt vnd gewert mit ſtul vnd küſſen, hantreichung des ringks an der thür vnd der Helen vber der fürſtede“. In beiden Urkunden wird dieß alles als altes Herkommen bezeichnet. Hain msc., meiſtens Han, nicht ganz ſelten auch noch Hagen geſprochen, iſt eine, in Heſſen nur noch vereinzelt als Appellativum vorhandene, äußerſt häufig als zu einem Nomen proprium gewordene Bezeichnung kleinerer Waldſtücke, namentlich ſolcher, welche lichten oder doch nur mit wenig Unterholz beſetzten Untergrund und einzeln ſtehende Hochbäume haben. Als Appellativum iſt Hain, Hagen, mitunter pluraliſch: die Haine, gebräachlich in mehreren Städten (Neu⸗ kirchen, Hünfeld, Hofgeismar, Wolfhagen) von den die Stadtmauer zunächſt umgebenden Gärten, und die an die Gärten ſtoßende Stadtmauer heißt dann auch (Hünfeld) die Hainmauer. In den Namen der bewohnten Ortſchaften, in welchen ſich einerſeits die Schreibung —hagen, andererſeits die Schreibung — hain fixiert hat, halten ſich beide Schreibungen gegenwärtig die Wage, jedoch wiegt hagen noch um ein Geringes vor: Wolfhagen, Sachſenhagen, Dörnh., Eiterh., Elmsh., Freienh., Friedrichsh., Fürſtenh., Grebenh., Guxh., Kämmersh., Knickh., Krankenh, Kreyenh., Lichtenh., Martinh., Poggenh., Rolfsh., Südh., Veckerh., Ziegenhagen; — Kirchhain, Ziegenhain, Appenh., Brünchenh., Erdmannsh., Finkenh., Florsh., Frankenh., Görzh., Gieſenh., Immichenh., Itzenh., Neuenhain, Rittersh., Rörsh., Roppersh.), Udenh., Völkershain. Indes folgt die Ausſprache im Volksmunde nicht durchaus der officiellen Schreibung: das Volk ſpricht lieber Grebenhain und Kämmershain, faſt niemals aber Immichenhain, ſondern Hainchen (neutr.), ſo wie ehedem Merbenhain (Martinhagen) u. a. Namen bald mit hagen bald mit hain geſchrieben wurden. Die Form hän hat ſich nur in zwei Ortsnamen im Fuldaiſchen fixiert: Dietershan und Rudolfshan (== Rolfshagen im Schaum⸗ burgiſchen). Ob Hünhahn hierher gehört, iſt wegen der alten Schreibung Hunioham (815) zweifelhaft. Die Namen der Waldorte tragen ähnlichen Charakter: man ſpricht Gerwigshagen und Gerwigshain (-han), Gleimenhagen und Gleimenhain, eben ſo Dudenhagen, Gieſenhagen. Im Ganzen wird jedoch, je mehr die Sprache zum Niederdeutſchen ſich neigt, deſto beſtimter —hagen geſprochen. Einfach iſt Hain als Name bewohnter Ortſchaften dreimal vor⸗ handen, jetzt jedesmal mit der Ableitungsſilbe -a: Haina. Die officielle Schreibung unterſcheidet mit großer Sorgfalt Haina, Haine und Heina, damit nicht etwa dieſe Ortſchaften eines ſchönen Tages untereinander laufen und dann nicht wieder auseinander geſucht werden können. Das letztgenannte Dörfchen, im Amt Spangenberg, wird übrigens auch meiſt, wie Immichenhain, Hainchen genannt. Hainrecht. In Speckswinkel hieß das mortuarium das Hainrecht. „Anno 1606 iſt an Hanrecht zu Spexwinckell gefallen Ein Hun“. Beſcheinigung vom 31. Dec. 1606. Auno 1606 Iſt an Hanrecht zu Spexwinckell gefallen Sechß Hlr.“ Desgl. vom 13. Dec. 1606. S. LO. 4, 575. Kopp Handb. 5, 106. Im Erbachiſchen hieß das Gericht der Grundherrn über die Unfreien das Haingericht (Simon Geſch. v. Erbach S. 20). Hafnwiseh nennt man an der Diemel den Hegewiſch; wol nur Ent⸗ ſtellung. Vgl. jedoch Schmeller 2, 128. Häkel-die-Geisz — hal. 145 Häkel-die-Geisz, ein beſonders im öſtlichen Heſſen, wo alle Kinderſpiele in lebhafterem und mannigfaltigerem Betriebe ſind, als in den übrigen Landestheilen, übliches Knabenſpiel im frühen Frühjahr, ſo lange der Boden der Weiden, Wieſen, Grasplätze noch weich iſt. Sämtliche Spieler ſind mit zugeſpitzten Stöcken (den Bindſtöcken ähnlich) verſehen, und werfen dieſe, einer nach dem andern, in den Boden; der Nächſtfolgende ſucht ſeinen Stock immer ſo in den Boden einzuwerfen, daß derſelbe einen oder mehrere Stöcke ſeiner Mitſpieler heraus treibt oder zu Boden wirft, dabei aber ſelbſt im Boden ſtecken bleibt. Dieſes Spiel iſt auch in Baiern üblich (Schmeller 3, 473), wo es Schmerbickeln heißt, von einer Zuthat zu den Spielregeln, welche hier wol auch vorkommt, aber unweſentlich iſt. Hake msc., ſelten in der gemeinhochdeutſchen verderbten Nominativform Haken; in Oberheſſen Hoch (ſ.d.) und an der Schwalm Hock. */22 Haken einschlagen oder anschlagen, eine metaphoriſche Redensart: einen Verſuch machen, ſich fortzuhelfen, ſich aus einer bedenklichen Lage emporzuhelfen. Noch jetzt üblich und in alter Zeit häufig, z. B. Joh. Ferrarius von dem gemeinen Nutz 1533. 4. Bl. 62a: „Es ſein auch ettwann in der Gemeyn arme haußleute, die gern alle haken anſchlügen, ſich des bettels zu erweren, vnd kunnen ſich doch mit jren weib vnd kinden nit erhalten“. Hacker msc., die größere Spielkugel (Schoßer, Merbel, Klicker), mit welcher die Kinder ſpielen. Obergrafſchaft Hanau, auch ſonſt im Hanauiſchen üblich. Bgl. Heucher, Däpper. hal adj., trocken, mager, dürr; abgemagert; auch austrocknend. „Eine hale Heide“ — auch als Eigenname: die Halheide, das Halheidchen; — hale Stoppeln; — ein haler Wind, ein austrocknender Wind; hal ausſehen, ab⸗ gezehrt ausſehen; hal weg, ſchlecht weg. Das Wort findet ſich im ſüdlichen Niederheſſen, im Stift Hersfeld, im Haungrund, im gröſten Theil der Grafſchaft Ziegenhain, im Schwarzenfelſiſchen in vollſter Uebung. Halrauch, auch Holrauch geſprochen, der trockene, kalte Rauch, den man ſonſt auch Höherauch, misverſtändlich Haarrauch u. ſ. w. nennt. Stifi Hersfeld, Haunthal. Halgans, dürre Gans, die noch nicht gemäſtet iſt; entſtellt in Hagel⸗ gans. Im Schmalkaldiſchen iſt dieſes Wort ein noch jetzt allgemein übliches Scheltwort für ein unerwachſenes aber vorlautes und vorwitziges Mädchen, wäh⸗ rend dieſes am Main und Rhein ſehr übliche Scheltwort im eigentlichen Heſſen nur noch vereinzelt gehört wird; auch braucht man das Scheltwort wo es noch vorkomt wol ganz allgemein von einer beſonders dummen Frauensperſon. In der Form Hagelgans iſt es ein ziemlich häufig in Heſſen vorkommender Familien⸗ name, in der Form „Hählgans“ der Name eines einſamen Hofes bei Hersfeld. hael, Nebenform von hal, findet ſich ganz eigens in der verbreiteten Be⸗ zeichnung halbwüchſiger, noch nicht zur Mäſtung tauglicher Schweine: haele Schweine oder lieber in Compoſition: Haelſchweine: „1 malter korn zu asse dauon zu milgende den melken kuwen ynd heleswynen“, Grebenſteiner Rechnung von 1462. „czwo metzen den helsugnen“. Felsberger Rechnung von 1462 und ſonſt öfter. So an der Schwalm, im Stift Hersfeld, in der Obergrafſchaft Hanau u. a. O. held, weitere, oberheſſiſche aber unorganiſche Nebenform von häl; „heides Land“; er ſieht held aus; lielaſchweine. In den Rechnungen, ſchon des 16. Vilmar, Idiotiken. 10 146 Jarhunderts, erſcheint dieſe Misform Hehltschweine, Heltschweine ſehr häufig, in manchen ſogar regelmäßig. Vgl. Brem. W9B. 2, 567. 568: Halung und Haalwind, Zugwind: dör⸗ halen, kalt machen, ausmergeln. — Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 71 —72. S. auch hellig.? lt. halang, Adlanc, hallanc adv., ein von mir nur im Haungrunde ver⸗ nommenes Wort. Die Bedeutung iſt: unterdeſſen, einſtweilen; „das Feuer iſt unter dem Keßel, wir können halanc (bis es ſiedet) die Schweine ſtechen“; „die Leute kommen gleich, ich will halane den Tiſch decken“. Ob das Wort mit heillang, welches gleichfalls eine Dauer ausdrückt, verbunden werden dürfe, und etwa gleichſam ein Correlativ zu heillang bilde, iſt nicht mit Beſtimtheit zu bejahen, höchſtens möglich. S. heillang. Vgl. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 73. Halbe fem., das halbe Maß Wormſer Eiche. Beſonders dient das Wort zur Bezeichnung der eylindriſchen Gläſer, welche lange Zeik, wol viele Menſchenalter hindurch, in den Wirtshäuſern üblich waren, und ein halbes Maß faßten, jetzt aber durch die Schoppengläſer verdrängt werden. „Dy slad sol eygen masse, halbe unde nosseln han“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten. Schmincke Monim. hass. 2, 708. Ueblich war es, mit Vollen und Halben einander zuzutrinken und Beſcheid zu thun. S. Volle. Halbscheid fem., auch Halbschied, in ganz Heſſen die ausſchließliche Bezeichnung der Hälfte einer Sache. halbwéges, halbwég, zur Hälfte, zum Theil, nur zum Theil, ziemlich, mittelmäßig, notdürftig. Im allgemeinſten Gebrauche. Haler mse., das an einer Stange befeſtigte runde Bret, mit welchem die flachen runden Kuchen in den Backofen geſchoßen und aus demſelben geholt werden. Knüllgegend und ſonſt. „ſei ſie von ihrem manne mit einem haller geſchlagen“. Marburger Hexenproceſſacten v. 1654. 7. 7.73 halsen, umarmen, iſt wie im Mittelhochdeutſchen noch jetzt in Heſſen, doch faſt nur in Oberheſſen, gebräuchlich. Behalt msc., kommt faſt nur in der Redensart vor: meines Behalts, d. h. ſo viel ich behalten habe, mich erinnern kann; meines Bedünkens, Erachtens. Zuweilen wird es jedoch auch für Faßungskraft, Lernfähigkeit, gebraucht: „es iſt an dem Jungen nicht viel Behali“. Jene Redensart aber kommt ſchon in älterer Zeit häufig vor; z. B. die Supplication ſei ſeines Behalts vor niemandis verleſen worden“. Treisbacher Verhörprotokoll von 1609, und daſelbſt öfter. „ſeines Behalts ſei peinlich Angeklagtin — — mit vnrecht ſolches bezichtiget“. Marburger Herenproceſſacten v. 1633; eben ſo 1634, 1658 und ſonſt. In den Acten von 1658 und ſpäter ändern Fiskal und Verteidiger das „Behalt“ der Verhörprotokolle faſt regelmäßig in „meins Erachtens“ um. behaltisch, ſehr gewöhnliches Adjectiv für Kopf: „der Junge hat einen behaltſchen Kopf“, viel Faßungskraft, Lernfähigkeit; weit üblicher als „hat guten (viel) Behalt“. „Die Eller hat ſonſt einen gar behaltſchen Kopf gehabt, nun aber hat ſie auch gar keinen Behalt mehr“, von einer Urgroßmutter, welche, kindiſch geworden, ihre Enkel, geſchweige ihre Urenkel, nicht mehr erkannte. Halte fem., Ort wo das Weidevieh in der Mittagszeit ruhet; häuſig in der Compoſition Kuhlhkalte, hin und wieder, namentlich im Katzenberg, auch Hälang — Halte. Ham — Hand. 147 Schweinelalte. Ueberall in Heſſen üblich, wo nicht für Halte, Kahhalte die Be⸗ nennung Undernslatt (ſ. d.) eintritt. Sffenbar enthält das Wort noch einen Anklang an die uralte und urſprüngliche Bedeulung von haldan: pascere. Schmeiler 2, 187, der ſich jedoch nur auf die Auctorität von Zſchotke beruft. ham. Zuruf an kleine Kinder: haml meiſt verdoppelt: ham! ham! durch welchen ſie vom Beiaſten von Gegenſtänden, die ſie nicht berühren dürfen, abgehalten werden ſollen. Das Wort bedeutet zurück, und iſt in dem ober⸗ deutſchen hammen (einem Thiere den Fuß aufbinden) und dem gemeinhoch⸗ deutſchen hemmen enthalten. Vgl. Stalder 2, 16. Schmeller 2, 191. Hamen msc. 1) wie gemeinhochdeutſch: Fiſchernetz an einer Stange. „vnde mit deme digken hamen mag eyn iglicher zwene tage in der wochen faren vnd nit mer, wilch tzyt ime daz ebynt; her mag ouch mit deme digken hamen vnde schragen in allen isferten faren vnde gebruchen“. Ungedruckte Urkunde der Fiſcherzunft zu Witzenhauſen vom Epiphaniastage 1445. ⸗Was der „dicke“ Hamen ſein mag, weiß ich nicht. 2) Nachgeburt des Viehes. An der Diemel. Hamme fem., das Querholz am Senſenwurf („Hafergeſtell“ in Nieder⸗ heſſen), in welches die zum Faßen der Getreidehalme dienenden Stäbe eingefügt ſind; auch das Eiſen an der Senſe ſelbſt, mittels deſſen der Senſenwurf an die Senſe befeſtigt wird. Fulda. Hammelschnitt, das Auszälen der von den Schafhaltern für die Erlaubnis, auf der herrſchaftlichen Hute zu weiden, an die Landesherrſchaft zu entrichtenden Hammel. Der Hammelſchnitt wird von dem Rentmeiſter vollzogen, und hat ſeinen Namen daher, weil jedesmal der zehnte Hammel auf das Kerb⸗ holz geſchnitten wurde. Eſtor t. Rechtsgelahrtheit 1, §. 486. Im Amt Rauſchenberg gab im Jahr 1578 nach des Landsknechts Curt Fettmilch „Regiſter⸗ lein“ der Schafhalter in der Stadt von einem halben Hundert Schafen, auf den Dörfern von einem Viertel Schafen, das ſind 25, einen ziemlichen Weidehamel, nicht den beſten und nicht den böſeſten. Von den überzäligen oder unterzäligen Schafen, die das halbe Hundert nicht erreichten, wurden zwei junge Heller, die das Viertel (auf den Dörfern) nicht erreichten, vier junge Heller gegeben. Hammelswürste. Eine ſprichwörtliche, mehr in den Städten als auf den Dörfern und überhaupt meiſt nur in den Mittelſtänden, hier aber ſehr übliche Redensart iſt: „Du träumſt von Hammelswürſterchen“ d. h. du denkſt an Unmögliches, Ungereimtes. amp Aozrti wt Aiℳuhnr tuſti Hampel 1) fem., nüt'in der Obetgrafſchaft Hanau neulr., Handvoll, Abkürzung aus Handvoll wie Muffel aus Mundvoll. Allgemein üblich. 2) msc., Einfaltspinſel, ungeſchickter Menſch. Vgl. Schmeller 2, 197. Ziemlich allgemein üblich. Vgl. Hänebambel und Hambambes. Zu 1) hämpfelig, von Kindern „die eine Handvoll geben“; „ein hämpfeliger Junge“, ein voller, dicker, ſtarker Junge. Schmalkalden. Zu 2) hampelig, unanſtellig, ungeſchickt, albern im Benehmen. Handl. Redensart: an der Hand und Wand ſein, einheimiſch ſein, nachbarlich wohnen; daher auch: juriſtiſch erreichbar ſein. Dieſe noch jetzt zu⸗ weilen vernommene Redensart beweiſt ſchon durch ihre Reimform ihr Alter, welches über das 16. Jarhundert hinaus reichen muß. „So glaubt Comparent doch, daß die Herrn Clager langſt majores et presentes, im landt, vnd wie man ſpricht, an der handt vnd wandt geweſen“ (nicht in Ungarn, wie vor⸗ 10* 148 Handgef — Hänschen. gegeben worden war). Ausſage des Superintendenten Helfrich Herdenius in Marburg gegen die Gebrüder von Viermin 1583. Handgef fem., das Handgeld; ſo nennt in Schmalkalden der Krämer das erſte Geld, welches er am Markttage einnimmt. handlängisch, gemach bergan; ſowol von dem Berge wird geſagt: er gehe handlängiſch, als auch von dem an dem Berge hinanſteigenden Menſchen. Schmalkalden. Vgl. lehne. Hanebalken, die oberſten Querbalken unter der Dachfirſt, wo der Haushahn ſeinen nächtlichen Sitz zu nehmen pflegte. Hier, wie im übrigen Deutſchland volksüblich. Richey S. 87. Schmeller 2, 198. Hanchambel msc., ein in Gang, Bewegungen und Handlungen läßiger, ein ungeſchickter, täppiſcher, alberner Menſch. Eine ſehr übliche Be⸗ nennung, die am häufigſten in Niederheſſen, im Hersfeldiſchen und Schmal⸗ kaldiſchen vernommen wird. Hambambes, gleicher Bedeutung: Tölpel. Im Fuldaiſchen. Vgl. Hampel. Hanemann. In der Erzälung von dem Haſen, welchen die ſieben Schwaben bekriegen, die in Heſſen mit einigen Modificationen auf Schwarzenborn übergetragen iſt, wird dem einen der rüſtigen Vorkämpfer von ſeinen Helden⸗ genoßen gugerufen: Hahnemann, Geh du voran, Du haſt große Stiefeln an, Daß dichs Thier nicht beißen kann. So der heſſiſche Reim. Schwerlich iſt dieſes länemann ein rein erſonnener Name; hdneman wird nämlich in einem handſchriftlichen Vocabularius rerum des 15. Ih. durch militaris erklärt; Hoffmann Horae belg. 7, 27. Gehänge neulr., Lunge, Leber und Zwerchfell geſchlachteter Thiere. Wol allgemein in Heſſen, wie anderwärts (Journ. v. u. f. Deutſchland 1786, 2, 531) gebräuchlich. Hängeschwind mse., ein altes, jetzt längſt ausgeſtorbenes Schimpf⸗ wort: einer der nach dem Gehängtwerden zueilt, welcher geſchwind wird gehängt werden; warſcheinlich ein Imperativ: häng geſchwind = du mußt, wirſt bald genug hängen! Es kommt das Wort in einem Bußregiſter von Eſchwege aus dem J. 1479 vor: Zeitſchr f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 2, 376. Die dort ver⸗ ſuchte Erklärung „fertiger Henker“ iſt irrig. Parallel ſteht dem Hängeſchwind der ſpätere Galgenſtrick. hanker, munter, flink, anſtellig; „ein hankeres Mädchen“. An der Schwalm. Wol ohne Zweifel eine Bildung von Hand, wie das gemeinhoch⸗ deutſche behende, das alte handig; etwa urſprünglich hant-garo? Hans iſt die Abkürzung von Johannes, welche in Heſſen nur zur Be⸗ nennung der Pferde und Ochſen, niemals der Menſchen, gebraucht wird. Für Menſchen gilt im öſtlichen Heſſen Hännes, Häns (das Deminutiv Hänschen kommt ſo gut wie gar nicht vor), im weſtlichen Heſſen Hannes; wird der Name, was im weſtlichen Heſſen oft vorkommt, vollſtändig ausgeſprochen, ſo lautet das I wie G: Gehannes. Hänschen und Gretchen, der Name von veronica chamaedrys, welcher hin und wieder in Heſſen vorkomt (Hersfeld und Umgegend). Hans Hansegrebe — hänseln. 149 und Grete waren bekanntlich in älterer Zeit die allgemeinen Bezeichnungen für ein Paar (Liebespaar, Brautpaar); nun hat dieſe Art von Veronica (Ehrenpreis) allezeit zwei Blüten neben einander entwickelt, ſo daß die Bezeichnung ſehr paſſend erſcheint. Hansegrebe bezeichnete in Heſſenkaſſel ſeltſamer Weiſe nicht etwa den Vorſtand (Graf, Grebe) der Hanſe (Kaufmannszunft), wie an andern Orten z. B. Regensburg der Hanſe ein Hansgraf vorſtand (ſ. Schmeller 2, 216), ſondern jeden Theilnehmer an der Kaufmannsgilde, indem dieſe Gilde den wunderlichen Namen Hanſegrebengilde führte. Dieſer abſonderliche Sprach⸗ gebrauch findet ſich wenigſtens ſchon 1583, in der am 1. Mai d. J. der Hanſe⸗ grebengilde und den Gewandſchneidern zu Kaſſel von L. Wilhelm IV. ertheilten Beſtätigung ihres Weinſchanks⸗Privilegiums (abgedr. Schmincke Beſchr. v. Kaſſel 1767. Beil. S. 17— 18), während in der die Errichtung der Kaufmanns⸗ und Gewandſchneider⸗Innung gewährenden Verordnung des Landgrafen Hermann vom 2. November 1402 (Schmincke ebdſ. S. 22 27) überhaupt die Bezeichnung Hanſe und Hanſegrebe nicht vorkommt; ihre Vorſteher heißen in dieſer Urkunde Gildemeiſter, und dieſen Namen führten dieſelben, bis der Name Hanſegrebengilde während der franzöſiſchen Occupation untergieng. Vgl. Schminke a. a. O. S. 241. 316. Kopp Handbuch 5, 71 — 74, wo es jedoch den trüglichen Anſchein hat, als habe nur in Kaſſel eine ſolche Hanſegrebengilde beſtanden; in Eſchwege fand dieſelbe Bezeichnung ſtatt, z. B. „Johan Summermann hanßengräber, ſeines alterß 57 Jahr“ tritt als Zeuge auf. Eſchw. Hexenpreceßacten v. 1657. (Man ſieht aus dieſer letzteren Aufzeichnung, daß das Wort ſchon damals völlig unver⸗ ſtändlich geworden war, wenn es überhaupt jemals in Heſſenkaſſel mit Ver⸗ ſtändnis iſt gebraucht worden). Vgl. Adelung 2, 970 s. v. Hansgraf. hänseln, anbinden, mit welchem Worte das Wort hänſeln bei dem Volke durchaus als ſynonym betrachtet und vertauſcht wird. Das Hänſeln findet ſtatt Seitens der Theilhaber an irgend einer Gemeinſchaft bei Jedem, welcher neu zu dieſer Gemeinſchaft hinzutritt, und beſtand urſprünglich (und beſteht noch jetzt bei wichtigeren Veranlaßungen) darin, daß ein Band, welches zuweilen um einen Blumenſtrauß gewickelt iſt, an den Arm des zu Hänſelnden geheftet wird, ſo daß die Enden deſſelben lang herabhängen, und von den Hänſelnden angefaßt werden. Von dieſem Hänſeln oder Anbinden muß der Gehänſelte ſich dann durch ein Geſchenk an den oder die Hänſelnden löſen. So wird ein neu⸗ angekommener Verwalter eines Gutes faſt bei jeder Feldarbeit, zu welcher er zuerſt hinzutritt, eine Magd niederheſſiſcher Herkunft in Oberheſſen, wenn ſie zuerſt auf dem Kopfe trägt, der Bauherr, wenn er zum erſten Male zu der im Werke begriffenen Aufführung der Grundmauer oder der Zimmerarbeit hinzu⸗ tritt u. ſ. w., gehänſelt oder angebunden. In St. Goar befand ſich am Zollhauſe ein Hand⸗ oder Burſchband, an dem alle Perſonen, die noch niemals den Rhein auf⸗ oder abgefaren, ſich verhanſen mußten; es war ein eiſerner Ring, welcher den Betreffenden angelegt wurde, und von dem ſie ſich durch Pathen⸗Erbitten und durch eine Gabe an die Armen löſen mußten. Friedrich V. von der Pfalz ließ als er ſeine Gemalin einholte, anſtatt des eiſernen ein meſſingenes Hansband daſelbſt machen. An einem Becher, aus welchem bei dieſer Gelegenheit getrunken wurde, ſtanden die Worte: Zu Ehren St. Goar am Rhein Iſt gar wol und fein Der landgräflichen Verhanſe⸗Stadt Dieß Trinkgeſchirr gemacht. 150 Vgl. Winkelmann Beſchr. v. Heſſen 1697. 1, 55. J. L. K. (Knoch) Hiſto⸗ riſche Abhandlung vom Herkommen des alten Hand⸗, Burſch⸗ oder Halsband⸗ Ordens zu St. Goar am Rhein und deſſen annoch üblicher Ceremonie. 1758. (N. Ausg. 1767. 1805). v. Stramberg Rhein. Antig. II, 7, 263 — 272. Die bei Stramberg abgedruckten, von Ldgr. Georg II. dem Burſchband 1627 neu gegebenen Statuten beweiſen, daß das Burſchband, welches unter Hanſe⸗ meiſtern ſtand, eine für die Abhaltung der Märkte eingerichtete Krämergeſellſchaft war, in welche man ſich durch Umlegung des Bandes verhanſen mußte. Das Band am Zollhauſe exiſtiert nicht mehr, einige der Hanſebecher aber und die Matrikelbücher der Hanſe ſind in St. Goar noch vorhanden. In Sontra exiſtierte 1572 auch ein „Boßband“, und das „Hanſelbuch“ von 1572 — 1596, welches für dieſes Boßband gekauft worden, exiſtiert noch. — In der Bedeutung: zum Beſten haben, verſpotten, verhöhnen, iſt das Wort bei dem Volke faſt gänzlich unüblich. Es wird durch dieſe Nachweiſungen vollſtändig erwieſen, daß das Wort von dem goth. hansa, Schar, abzuleiten iſt, wornach es, dem üblichen Gebrauche entſprechend, bedeutet: in eine Schar, Geſellſchaft, Burſe, in die Hanſe aufnehmen. Schmeller hat zwar 2, 216 auf das engl. handsel, hansel (Handkauf), aber mit ſehr geringer Warſcheinlichkeit hingewieſen; auch das bei Geiler v. Keiſers⸗ berg vorkommende hantzeln hat eine der Ableitung von Hand nicht ungünſtige Bedeutung, fügt ſich aber hieher durchaus nicht. Am verfehlteſten und kaum begreiflich iſt es, daß es W. Wackernagel (Germania 5, 320) hat einfallen können, unſer hänſeln von Johannes, Hans, ableiten zu wollen. Was es mit dem unter dem Namen Hanſe im Oberfürſtentum angeblich vorhandenen Misbrauch, welcher durch Extract Gen. Direct. Prot. v. 22. De⸗ cember 1775 verboten wurde (Kopp Hand. 5, 71) für eine Bewandnis habe, iſt mir unbekannt. Vgl. Adelung 2, 970 s. v. Hänſelbecher, Hänſeln. hàpern, impediri, nicht fort können, nicht vorwärts kommen; meiſt imperſonal gebraucht: „es hapert mit ihm“; „wo haperts denn?“ Zwar allgemein gebräuchlich, doch mehr in den Mittelſtänden als im Volke. Schottel Haubtſpr. S. 1333. happen, begierig ſein, nach etwas ſchnappen; der Hund happt nach dem Brode. happig, avidus, gierig; „hungrig und happig“. Ziemlich überall, am meiſten jedoch in Niederheſſen üblich. Richey Idiot. Homburg. S. 88. happeln, übereilt handeln; „wenn du ſo happelſt, bringſt du nichts ordentliches fertig“. Sehr üblich. Schmeller 2, 221. happelig, übereilt handelnd. Happel 1) kem. eine übereilt handelnde, oberflächlich und ungenau arbei⸗ tende Perſon, zumal von Mädchen üblich. 2) msc. das unverſtändige Eilen und Sich⸗übereilen, die Einfalt. hàr, das in ganz Heſſen übliche Zurufswort an das Zugvieh, ſich links zu halten. In der Grafſchaft Ziegenhain, zum Theil ſchon im Stiſt Hersfeld, lautet das Wort haur, aur, meiſt mit um verbunden: aurüm. Im öſtlichen Heſſen gilt har bloß den Pferden, nicht den Ochſen, für welche vielmehr west ausſchließlich gebraucht wird; im weſtlichen Heſſen ſindet ſich dieſer Unterſchied nicht, in Oberheſſen hört man ſogar harwist, alſo har und west verbunden. Häpern — hür. Haren — Hart. 151 J. Grimm lehnte einſt Gramm. 3, 310 die Etymologie dieſes ſicherlich uralten Ausdruckes ab; ſollte ſie dennoch verſucht werden, ſo würde nichts übrig bleiben — da es an deutſchen Wortſtämmen, welche hier einſchlagen, gänzlich fehlt — als mit Pott (Erſch⸗Gruber Encyl. Sect. II Thl. 18 S. 89) auf das keltiſche jar (retro, Weſten, woher Eire, Irland) zurück zu gehen. hären, in Oberheſſen und einem Theil von Niederheſſen (Wabern und Umgegend) das, was im übrigen Heſſen dengeln iſt: die Senſe durch Klopfen mit dem Hammer ſcharf machen. Auch metaphoriſch: durchprügeln: „ich hab ihn ordentlich gehart“. Das Wort iſt ſonſt nur in Niederdeutſchland gebräuchlich Brem. WB. 2, 597. Eben dahin gehört auch wol das fuldaiſche harpen w. ſ. Hdr fem., die Schneide der Senſe. Oberheſſen. Ohne Zweifel gehören dieſe Wörter, wie auch ſchon Schmeller 2, 235 erinnert hat, zu dem goth. hairus, altſächſ. heru, Schwert. Härfel neutr., Seil, vorzugsweiſe ein dünnes, kleines (kurzes) Seil, Bindfaden. Stadt Hersfeld und deren nächſte Umgegend. Höchſt warſcheinlich eine Ableitung von haru, Flachs, und zwar urſprünglich eine adjectiviſche, aus harwin, lininus, gebildete. Harke fem., Rechen; iſt nur im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen üblich, wo Rechen unbekannt iſt, wie Harke im übrigen Heſſen. harken, mit dem Rechen arbeiten; nur in den genannten Gegenden gebräuchlich. harpen, im Fuldaiſchen ziemlich üblich für ſchelten, herunter machen: „den hab ich geharpt, daß er dran denkt“. Das Wort gehört wol ohne Zweifel zu hairus, und iſt eine vergröberte Form von harwen, wie hären eine durch Aus⸗ werfung des w verdünnte Form deſſelben Wortes iſt. S. hären. Harst mse., auch Harsch geſprochen, Haufe, Schwarm, von Menſchen und Thieren. Nur noch im Haungrund üblich. Vgl. Friſch 1, 418. Adelung 2, 1291. hart adv., nahe an einem Gegenſtande, ſo daß derſelbe faſt berührt, geſtreift wird. Allgemein üblich, aber der Schriftſprache zu deren Nachtheil jetzt beinahe völlig entgangen, wie ſchon Adelung bemerkte, daß das Wort in dieſer Bedeutung anfange ſeltner zu werden. „Hart an der Mauer her, hart am Walde weg“. Die Schriftſprache hat ſich dafür dem durchaus nicht vorzüglicheren niederdeutſchen Gebrauche des Wortes dicht zugewendet. Hart fem., Wald. Als Appellativum iſt dieſes uralte Wort (Grakf 4, 1026. 5, 753), welches jedoch das Genus geändert hat, einzig und allein noch in den einſamen Dörfern der Rhön (z. B. Schwarzbach und Umgegend) üblich, während es als Eigenname ſowol einfach als zuſammengeſetzt überall und ſehr häufig in Heſſen vorkomt. Einfach erſcheint es am rechten Ufer der Aula (geſprochen Härt), und anderwärts ſehr oft. Unter den Zuſammenſetzungen mögen genannt werden: Eibenhart in Oberheſſen an der Mündung der Ohm in die Lahn; die Eiben, von denen die Eibenhart den Namen trägt, ſind längſt verſchwunddn. Eichenhart, ein Gewälde am Burgwald. Gemeindehart, Gemeindewald; bei Altenſtädt und öfter; iſt eigentlich noch Appellativum, wird aber doch nur als Eigenname verſtanden. Heinkart im Amt Altenſtein; iſt maseuliniſch geblieben. Sengelhart, bei Kammerbach. 152 Hartmonat — Hase. Spehleshart, Speſſart, im Amt Bieber, gleichfalls noch maseuliniſch. Wolfeshart, jetzt Wolferts am Stellberge in der hohen Rhön. Zunderhart im Amt Großenlüder. Hartmonat mse., Harlmond, iſt in Oberheſſen der übliche Name des Monats Januar. „du wart in dem hartmonde eyn kint geborn zu Lympurg ull der Loyne“. Wig. Gerſtenberger heſſ. Chronik b. Schminke Monim. hass. 2, 498. Wgl. Grimm Geſch. der deutſchen Sprache 1, 87; Gr. hat hiernach in Niederheſſen die Bezeichnung „Bruder Hartmann“ für Januar gehört, und gibt an, der Name reiche von Heſſen durch den Weſterwald an den Niederrhein bis Cöln, und nördlich bis Bremen, wo er jedoch (Brem. WB. 2, 60) Februar bedeute. Kehrein Volksſpr. in Naßau S. 187. Harwand ſem. Dieſes in ganz Heſſen übliche, bei Friſch, Adelung, Schmeller, im Brem. WB. und ſonſt fehlende Wort bezeichnet diejenige ſehr häufig angewendete Einfriedigung der Bauerhöfe, welche aus einer ganz wie eine Hauswand gezimmerten Wand beſteht, nur daß die Gefache meiſtens nicht gefitzt (geſtickt), ſondern nur mit Lehmſteinen oder kleinen Bruchſteinen ausgefüllt, ſodann aber auch, gleich den Hausgefachen, gekleibt und getüncht, zuweilen auch geweißt werden. Sie ruhet auf einer Unterlage von Steinen, wie jede Haus⸗ wand, hat jedoch kein Fundament, aber eine Unterſchwelle und eine das Ganze deckende Oberſchwelle, welche letztere um deren vorzeitiges Faulen zu verhindern, zuweilen noch mit einem aus zwei Dielen beſtehenden Dache verſehen wird. Rechnung der Univerſitäts⸗Vogtei Singlis vom Jahr 1578: „8 alb. geben Bartt heintzen, hatt ij tag vnder der har wandt vnnd ſonſten hin vnd widder gemauret“. Ebdſ.: 4 fl 6 alb geben Meinſter Hanſen Reiman zue Hombergk vnd Paull von Holzhauſen, haben 11 tage vff der kymnode vnnd ſonſten vff 2 har wenden getacht“. Hase, meiſt Häs geſprochen. Der Haas lauft im Korn, übliche Bezeichnung der wellenförmigen Bewegung der eben geſproßten Kornähren im leiſen Windzuge. Haſen küren Kopp Handb. 5, 78. ſ. koeren. Haſen lauſſen LO. 1, 660. 3, 108. 893. Kopp Handbuch 5, 399. ſ. lausen. Dachlaas übliche ſcherzhafte Bezeichnung der Katze. Greinhaas ſ. d. Osterhaas; die bunten — roten oder gelben, zuweilen auch mit geſchälten Binſen, buntem Papier u. dgl. belegten — Eier, welche nach uralter chriſtlicher Sitte zu Oſtern geſchenkt wurden, jetzt den Kindern zum Aufſuchen in den Gärten verſteckt und in die von ihnen ſelbſt angelegten Haſengärten (ſ. Garten) gelegt werden, legt ihnen der Oſterhas, weshalb dieſelben auch oft nur Haſen⸗ eier genannt werden. Sandhaas ſ. d. Hasenkühchen, Name des Kaninchens im Schmalkaldiſchen. Vgl. Greinhase. Hasenbrod. Das über Feld gebrachte Brod, welches man zur Wegzehrung mitgenommen hat, wird bei der Zuhauſekunft den Kindern als „Haſenbrod⸗ gegeben, und von ihnen als etwas Beſonderes mit Appetit verzehrt. Haschen an der Wand, bekannte Spielerei mit kleinen Kindern: man ſchlingt die beiden kleinen Finger und die beiden Zeigefinger in einander, legt den Daumen der linken Hand auf die verſchlungenen Zeigefinger, und zieht den Haschart — haesen. 153 Daumen der rechten Hand ein; dieß gibt im Schatten an der Wand ein ziemlich ähnliches Bild des Vordertheiles eines Haſen: die beiden Mittelfinger der linken Hand bilden die Löffel, die der rechten die Vorderläufe. Hlu Hlaes! Ruf der Treiber bei einer Treibjagd im Walde. Haschart. Dieſes nach Grimms Ausführung in Haupts Zeit⸗ ſchrift f. d. Alterthum 1, 575 — 577 erſt mit dem letzten Viertel des 13. Jarh. auftretende und aus dem Franzöſiſchen erborgte Wort (mit der Bedeutung Würfelwurf, Würfelſpiel, unglückliches Spiel, unglücklicher Zufall) erſcheint in Heſſen bereits in der erſten Hälfte des 14. Ih. als Familienname eines wohl⸗ habenden Bürgergeſchlechtes zu Marburg. In dem Archive des deutſchen Ordens zu Marburg finden ſich zwei Urkunden, von denen die eine, vom Tage nach Corporis Christi 1340, beginnt: „ich eckehart godere zu wydenhusen und ich gelut sin elich wirtin bekennen — daz wir — hon firkouft — heynmanne haseharthe eime burgere zà marthpurg abin siner elichen wirlin vnde erin erbin syne mark geldis; die andere, vom Sonnabend nach Epiphania 1344, [beginnt]: Ich conrat stuncke und ich luce sin eliche wirtin bekennen — das wir — firkouft han — heynemanne haseharte abin siner elichen wirten burgern zü marlhpurg vnd erin rechlin erbin dyne mark penninge geldis“. Der Name war in Marburg noch im 15. Jarhundert vorhanden; in dem Zinsbuch der Marienkirche (Stadt⸗ kirche) zu Marburg vom J. 1410 wird happil hasehartes hus in der Untergaße erwähnt. Das Wort Haßard iſt zwar in faſt ganz Heſſen volksüblich, aber in einem ſeltſamen Sinn: es wird für Haß, namentlich in ſo fern der Haß aus Neid hervorgegangen iſt, gebraucht: „er hat das bloß aus Haßard gethan“ d. h. bloß um ſeinen gehäßigen Neid an mir auszulaßen, hat er mir dieſen Schaden zugefügt. Eben ſo in Franken Schmeller 2, 245. haselieren, jetzt ſehr üblich in der Bedeutung: laut und haſtig reden. Urſprünglich aber bedeutet es: ſich wie ein Haſe geberden. So hat auch Adelung s. v. richtig. Vgl. Richey S. 89. Das Wort iſt warſcheinlich ſpätern Ur⸗ ſprungs; in ältern Schriften findet ſich haſeln, haſſeln, nachhaſſeln im Sinne ion alberner Nachahmung und Accomodation. So hat der aus Vacha gebürtige Georg Wizel das letztere Wort: „Die Rottenkirchlein, welche ſich für die rechte Kirchen ausgeben, wöllen auch thun als die rechte Kirche, mit predigen, Teuffen, Singen ꝛc. haſſeln ihr jmmer nach, ſtellen ſich ſo gleichförmig vnd fein ſie mögen, auff das ſie das alber volck betriegen, vnd zu ſich reiſſen, aber es iſt eitel Affenwerck“. Poſtill 1539. fol. I, Bl. 130a. „(Chriſtus) hett in ſeiner rede wol verharren, vnd dieſelbigen widerholen, erklären vnd beweren können, vnd dargegen ir vngereimte obiectiones zenichtigen, aber er wolt in lieber nach⸗ haſſeln, vnd ſie jmmer vberwinden, ſie brechten für was ſie wolten“. Ebdſ. 1, Bl. 221a. Wgl. haesern. haesen, einhaesen. So wird mit irrtümlicher Ausſprache von den Jägern das Durchſchneiden der Hinterläufe der geſchoßenen Haſen und Füchſe genannt, welches hinter der Fußflechſe (Ferſenflechſe) vorgenommen wird, um durch den Schnitt den andern Hinterlauf durchzuſtecken und ſo das Wild auf die Stange hängen zu können. Es iſt dieß das Wort ahd. hahsinon, und wird anderwärts (z. B. in Baiern) richtig hächſen geſprochen. Die Ferſenflechſe und die umliegenden Theile des Beins heißen hahsa, jetzt meiſt pluraliſch die Heſſen, und wird dieß Wort bei den Pferden allgemein ange⸗ wendet, hin und wieder auch in der Küche bei dem Braten; auch wird wol bei 154 Haesern — Hauste. letzterer Veranlaßung noch die ältere Form Haſſe gebraucht, zuweilen ſogar Hächſe. Reinwald Henneb. Id. 1, 57. Journal von u. f. Deutſchland 1786 S. 531. hacsern, ſcherzen, leichten Mutwillen treiben, nach der Haſen Art. Schmalkalden. Hätschel msc., Krüppel, zumal ein an den Beinen verkrüppelter Menſch. Im Haungrund und Stift Hersfeld. haischeln, hinken, zumal von demjenigen Hinken gebraucht, bei welchem ein Bein, oder gar beide Beine, gleichfam geſchleift werden. Stift Hersfeld, Haungrund. Anderwärts krätscheln, kraetscheln. hätsélig, zum Haße geneigt, haßend. An der Diemel ſehr üblich. Hatz fem., Eile, große Eile, Uebereilung. Sehr üblich. Haube k., geſprochen Habe, auch Habbe (ſo hat Eſtor S. 1410 das Wort verzeichnet), iſt nur in Oberheſſen von der Weibermütze gebräuchlich, ſchon in der Grafſchaft Ziegenhain faſt, in Niederheſſen völlig unverſtändlich. Haubscheid neutr., bezeichnet an dem in der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen üblichen Pfluge mit nur einem Sterz an der Schwalm die dort in den Sterz eingefügte zweite Handhabe. Anderwärts anders; im Gebirgs⸗ 61 teil der Grafſchaft Ziegenhain (Alberode) heißt dieſe zweite Handhabe Beihorn, in Oberheſſen, wo man meiſt keine eingefügten zweiten Handhaben hat, ſondern der Sterz aus einer naturgewachſenen Zwieſel beſteht, heißt dieſe Zwieſel die Pflugrehe (in Baiern Pfluggeiß). Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 7273. hauen, 1) wie hochdeutſch, im gröſten Theile von Heſſen hauwen, aber in den weſtlicheren und ſüdlichen Gegenden haugen geſprochen; doch findet ſich letztere Ausſprache auch in den niederdeutſchen Bezirken (wie Frogge ſt. Frauwe und dgl.). So ſpricht man denn z. B. Hauwe (Haue, Steinhaue, in Schmalkalden Hacke), Steinhauwer u. ſ. w. 2) in Niederheſſen, namentlich in den öſtlichen Gegenden, wird das Wort von der Docke (Mutterſau) gebraucht: nach dem Eber verlangen; ſelten hört man hier rollen, was in Oberheſſen gilt, wogegen hauen in dieſem Sinne in Oberheſſen völlig unverſtändlich iſt. ¾. 117. (Q Lu'4ar. Häufede fem., das Uebermaß bei dem Meßen des Getraides; eine an ſich ganz richtige femininiſche Ableitung mit —ida. Schmalkalden. Haupt. Dieſes Wort wird einfach in Heſſen nur in einer einzigen Beziehung gebraucht: vom Krauthaupt (Kohlkopf); vom menſchlichen Haupte wird es niemals gebraucht, ſondern nur Kopf. Die Ausſprache iſt Häubt, Häud, Heid. hausen, 1) wie gemeinhochdeutſch; gut hauſen, ſchlecht hauſen. 2) wohnen. 3) in ſein Haus aufnehmen, in der Formel hausen und heimen: „wer en (den Geächteten) dor noch (nach der ausgeſprochenen Acht) huset oder heymet, dy ist eyn der selbin achte“. Statuta Eschenwegensia S. 4 (Ausg. v. Röſtell im Prorectoratsprogramm 1854). Hauste mse., wo mehr niederdeutſche Vocalismen eintreten Hasle ge⸗ ſprochen, nur in Oberheſſen gebräuchliche, aber ganz allgemein übliche Bezeichnung eines Haufens von geernteten Gegenſtänden, regelmäßig vom Heu gebraucht, aber Haut — gehebe. 155 auch vom Getreide, wenn Garben zuſammen geſtellt oder gelegt werden, um auf den Wagen geladen zu werden. Eſtor t. Rechtsgl. 1, 580 (§. 1423). 3, 1410. „Als wir jerlichen eynen Hüsten haws in der Frylings wesen tzu lzchinde fallinde hau, denselben izenit-huͤsten u. ſ. w. Frankenberger Urkunde von 1491. „ein wiesse Lepchen zu eynem Husten Hauws“. Desgl. von 1517. Und ſo häufig in den Güterbeſchreibungen bis auf dieſen Tag (Prov. Wochenblatt v. Oberheſſen 1834 S 626 u. v. a. O.). Vgl. Hüchel. Haut. Redensart: „nicht in ſeiner eigenen Haut ſtecken“; die⸗ ſelbe bedeutet 1) zaubern (blau pfeifen); „der ſteckt nicht in ſeiner eigenen Haut“, der vermag und verſteht mehr, als ein natürlicher Menſch verſteht und vermag; es iſt in ihm eine fremde Macht wirkſam. 2) außer ſich ſein, namentlich vor Zorn: „laß mich jetzt gehen, ich ſtecke nicht in meiner eigenen Haut“; mithin ähnlich dem in der Schriftſprache vor⸗ kommenden: aus der Haut fahren. In letzterer Bedeutung wird, dem urſprünglichen Sinne entſprechend, auch geſagt „ich bin nicht allein“ d. h. es iſt ein Anderer, es iſt ein freinder Geiſt in mir. hé, faſt wie hae geſprochen, die in ganz Altheſſen ausſchließlich übliche niederdeutſche Form für er. He und Se (se, ſie) werden einander gegenüber⸗ geſtellt, noch heute wie von Luther (Vom ehelichen Leben; Werke Jenaer Ausg. 1555 2, 150. 1558 2, 163a): „Aus dem Spruch ſind wir gewis, daß Gott die Menſchen in die zwei Teil geteilet hat, das es Man vnd Weib, oder ein He vnd Sie ſein ſol“. Im Schmalkaldiſchen wird der He vom Männchen der Vögel geſagt; he bezeichnet meiſt kurzweg den Hausherrn, namentlich von Seiten der Frau; letztere ſagt nicht leicht: „mein Mann iſt nicht daheim“, ſondern „he iſt nicht daheim“. Steht he dem Verbum nach, ſo wird es kurz und tonlos geſprochen, gleichſam enklitiſch behandelt: ſprochhe = ſprach er. Dieſes he wurde, nachdem im Hochdeutſchen das Er als Anrede ver⸗ wendet worden war (Anfang des 18. Jarhunderts), etwa ſeit 1760 von dem Volke zu gleichem Gebrauche angewendet. Höhergeſtellte (Amtmann, Pfarrer, Schullehrer, Dienſtherr), welche bisher mit Ihr angeredet worden waren, wurden nun mit he angeredet, ſelbſt Knaben höherer Stände bekamen he. Ja es beein⸗ trächtigte das he ſogar ſeit dem Anfang des 19. Jarhunderts die Anrede unter Gleichgeſtellten im Volke ſelbſt; ſtatt Ihr (de) wurde auch hier he verwendet. Seit dem Jahre 1840 etwa hat dieſe Anrede in ſehr ſchneller Progreſſion abgenommen, und wird ohne Zweifel in zehn Jahren bis auf die letzte Spur verſchwunden ſein. gehebe, beliebe, beliebt, ein ziemlich in ganz Heſſen ver⸗ breitetes Adjectivum; gehebe, geſprochen gehs, auch wol gehei, iſt die Schmal⸗ kaldiſche Form, behebe die niederheſſiſche, behebt die in der Obergrafſchaft Hanau übliche. Es bedeutet das Wort feſt, genau anſchließend, z. B. die Fenſter ſind gehebe (behebe, behebt) oder nicht gehebe, ſie ſchließen gut oder nicht gut. Auch wird es in der Obergrafſchaft Hanau gern von gequollenem Holzwerk, welches in den Fugen zu feſt anſchließet, wie dergleichen Türen und Fenſter ungänge ſind, ganz in dieſem Sinne von ungänge, und dann auch wol metaphoriſch für ſchwerfällig, nicht gut zu handhaben, gebraucht. 4/al; 156 Hebendig — Heger. Im Schmalkaldiſchen, deſſen Dialect mit ſo vielen Wörtern unbarmherzig verfährt, vermiſcht ſich dann dieſes Wort auch mit dem Worte geheuer: „in dem Wald iſt es nicht gehe“, iſt es nicht geheuer, ſpukt es. hebendig, adj. und beſonders adv., in der Eigenſchaft eines Inhabers ſich befindend, mit Beſitzrecht verſehen. Ein in den Urkunden älterer Zeit häufig vorkommender Ausdruck. „Wanne vnsir Vrouwen Grebin Heilwige — die zwei- hundert Marg — bewiset vnd bestalt sint mit kundschaft, das sie hebendig dar ane ist“. Urk, des Gr. Johann v. Ziegenhain v. 1311 Wenck 2, 269. „daz wir dor nit hebendig sin gewest ane“ Urk. des Wepeners Gottſchalk v. Sarnau v. 1357. „doz die egenahte vuser husfrouw hebendig sitzet an irn fullen wydemen“ Urk. des Gr. Gottfrid von Ziegenhain v. J. 1363, Wenck 2, 418. Emmerich Frankenb. Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 723; u. a. St. Hehes msc., auch lliebes, Mehlkloß. Nur im öſtlichen Heſſen und im Fuldaiſchen gebräuchlich. Die Benennung hat, namentlich in der Form Hibes, einige Aehnlichkeit mit den von Reinwald Henneb. Id. 1, 69 — 70 und 2, 62 — 63 aufgeführten Hütes, welches Wort gleichfalls Mehlkloß bedeutet, und daher entſtanden ſein ſoll, daß ein hungriger Fuhrmann an einem Mehlkloß beinahe erſtickt wäre, wozu der Wirt: „der Herr behüt' es“ (uns) gerufen habe; in Salzungen ſollen die Klöße noch zu Reinwalds Zeiten (1793 —1801) Herrbehütes geheißen haben, und in einem Waſunger Rathsprotokoll aus dem 17. Jarhundert als Herrgott⸗ behütes aufgeführt ſein. Vgl. Diepchen, welches Wort gleichfalls im öſtlichen Heſſen, und zwar an der Werra, herſchend iſt, während Hehes mehr im Amt Nentershauſen, Sontra, Friedewald, Schentlengsfeld üblich iſt. hechzen, keuchen; „er iſt gelaufen daß er hechzt“; „der Hund hechzt, daß ihm die Zunge aus dem Halſe häng!“. Ueberall verſtanden, üblich in Nieder⸗ heſſen. Vgl. fochen. Schmeller 2, 143. Hede fem., Werg; im nördlichen Niederheſſen, wie überhaupt in Rieder⸗ deutſchland ſehr üblich; wo plattdeutſch geſprochen wird, iſt nur hede im Gebrauch, Werg unbekannt. Brem. WB. 2, 611. Es iſt kaum ein Zweifel, daß dieſes Wort durch eine in Niederdeutſchland gewöhnliche Verſchluckung des r (wie Fackel, Fickel, ſt. Ferkel u. dgl.) aus herda entſtanden iſt, welches Wort als herdun, stuppa, in den Fuldaer Gloſſen (Dronkes Programm von 1842 S. 15) er⸗ ſcheint, und daß dieſes wieder eine Ableitung von haru, linum iſt. Vgl. Hlere, Hlärkel, und was die die Sache betrifft, Hokten, Uſwick und Wodch. Hege, Gchege, ſehr oft bloß He geſprochen und neutral, wodurch ſich dieſes Wort an Hai, Gehai Schmeller 2, 128—129 anlehnt; eingefrie⸗ digter Bezirk, zumal Waldbezirk. Héreis, Hegereis, in Hersfeld ehedem das den Bürgern zukom⸗ mende Reiſigholz, welches an einem beſtimten Tage an Ort und Stelle verteilt wurde. Dieſe Verteilung war eine bürgerliche Feſtlichkeit, bei welcher im Freien gegeßen wurde; nicht nur die Forſtbeamten, ſondern auch der Magiſtrat und die meiſten Honoratioren giengen zum Hegereis hinaus, gleich den Bürgern. Heger msc., Blattläuſe und ähnliches Ungeziefer (Käferlarven), nebſt dem ſogenannten Mehlthau, welches ſich am Kraute (brassica oleracea) findet, wodurch das Zuſammenziehen der Krautblätter bewirkt und das Kraut unbrauchbar gemacht wird. Grafſchaft Ziegenhain. Hèr — heiei. 157 hér acj. 1) in der gemeinhochdeutſchen Bedeutung: hehr halten, hoch halten, ehren, auch von Kleidungsſtücken: ſchonen. 2) fein, zart, ſorgfältig gearbeitet: „ganz hehr geſponnen“, „hehres Garn“, „hehr geriebenes Brod“, „hehr geriebener Ziegelſtein“. Im Sinne von 1 und 2 wird hehr überall in Heſſen gebraucht. 3) als ſuperlativiſches Adverbium: „hehr froh“, ſehr froh; ſo im Schmal⸗ kaldiſchen; anderwärts heil froh. hei, heie, heige, hege, der Feuchtigkeit, des Waßers ermangelnd, mithin dem Sinne unſeres „trocken“ ziemlich, weniger dem Begriffe „dürr“ entſprechend. Sehr üblich, am meiſten in Oberheſſen. „1464 was eyn ganlz heye vnd dorre jere“ Pachtregiſter des deutſchen Ordens in der Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landesk. 3, 202. „es iſt ſo hai, daß die Müller nicht malen können“; „er ſieht aus wie die heige Zeil“ (elend wie man ſonſt ſagt: er ſieht aus, wie die theure Zeit); „häge Zeit“. Wig. Gerſtenberger Frankenb. Chron. „1476 war gar ein trocken jar, heye Zeit“; „es kunte niemand dem feuer ſteuren, denn die zeit war trocken vnd heige“. (Armann Sylloge S. 659). Eſtor d. Rechtsgl. 1, §. 2403. „Häges Waßer“ Ebdſ. 1, §. 2395 (= ſeichtes Waßer). Häge⸗ pfahl = Aichpfahl, Wehrpfahl, Sicherpfahl, zur Beſtimmung der Höhe der Wehre und des Mühlwaßers: er muß ſo weit hei (hege, häge) ſein, daß eine Biene darauf ſitzen und trinken lann Eſtor d. Rechtsgel. 1, §. 2394. 2395. Das Wort iſt ſehr alt und durch kein anderes vollſtändig zu erſetzen, gehörte aber zu denjenigen Wörtern, deren Gebrauch von unverſtändigen Lehrern und Schulaufſehern den Kindern in den Schulen ausdrücklich verboten zu werden pflegte. ahd. hei, uridum (in den Gloſſen des Rhabanus Maurus); Graff 4, 709. Vgl. Schmeller 2, 127. Schmidt ſchwäb. WB. 254. Müller mittelhochd. WB. 1, 647. Heiung fem., Dürre, Waßermangel, Regenmangel. „Daran ſint wir nun noch ſchüldig vier malter korns welche wir durch miſſwachs der frucht in der dürren hewung vnd ſchwinden zeit one vnſern groſſen ſchaden nit libbern konnen“. Bittſchrift dreier Bürger zu Kirchhain: Pul Peter, Wentz vnd Schuhans, vom December 1556. heidi, in der Redensart heidi gehn, verloren gehen, „er iſt heidt“, es iſt aus mit ihm, er iſt dem Tode verfallen, auch in Heſſen wie in Ober⸗ und Niederdeutſchland (Richey S. 93, vgl. Schmeller 2, 152) allgemein üblich. Heidrüse fem., das althochdeutſche hegadruosi, inguen, Weiche, Leiſte, Schamſeite, auch pudenda, iſt in Oberheſſen noch gebräuchlich, auch von Eſtor S. 1410 verzeichnet, gewöhnlich Heidrüssen (nom. sing.) ausgeſprochen. Nicht ſelten hört man, gleich als liege in dem hei etwas Unanſtändiges, bloß Drüſe, wenn inguen bezeichnet werden ſoll, und nur wenn die Leute unter ſich ſind, wird Heidrüse gebraucht. heien, geheien, geheigen, plagen, vexieren, ärgern. Dieß in ganz Ober⸗ deutſchland (Schmeller 2, 132) übliche, dem Niederdeutſchen völlig unverſtänd⸗ liche Wort (ein lächerliches Beiſpiel davon ſ. Kohl Reiſen in Ungarn 2. Abth. S. 467), welches urſprünglich ſchlagen bedeutet, iſt auch in Oberheſſen noch jetzt üblich, wenn gleich nicht überall, und, wie es ſcheint, im Abſterben begriffen. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1409. „10 alb. (wird geſtraft) Johan Ernſtheuſer, das er zu Hans Kochen geſagt hatt, was er ihn viel gehey“. Hiernach muß da⸗ mals in geheien eine ſchwere Beſchimpfung, vielleicht noch die Bedeutung des Schlagens gelegen haben, da der Vorwurf des Geheiens ſtrafbar gefunden wurde. 7 bfte9. 158 Heilal — Heiligenmeister. heilal. Dieſes dem Heſſenlande ſo ganz eigens zugehörige Mordgeſchrei darf in einem heſſiſchen Wörterbuch nicht fehlen, wenn auch das Wort heilal ſeit dreihundert Jahren verſchwunden iſt. Die volle Form iſt ohne Zweifel heil alle (Diut. 1, 410) und der allgemeine Sinn dieſes Anrufs iſt (wie bei dem ſpätern mordio, diebio, feurjo) der, daß alle, welche den Ruf hören, herbeikommen ſollen, um zu helfen, d. h. den Todſchläger zu ergreifen oder ihm nachzuſetzen. Warſcheinlich liegt in dem Worte heil nichts weiter, als was das Wort gewöhn⸗ lich bedeutet: zum Heil d. h. zur Retrung, Hilfe, ſollen Alle herbeikommen. Die meiſten Belege für heilal, welche bei Haltaus S. 904—905 (der freilich aus dem Heilal ein „Heulergeſchrei“ macht) und bei Grimm Rechtsalterth. S. 877 vorkommen, ſind aus heſſiſchen Schriften entnommen. Dreimal erſcheint daſſelbe ferner in den Auszügen aus heſſiſchen Bußregiſtern des 15. Jarhunderts, welche Landau in der Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 2, 373—379 veröffentlicht hat; man ſieht daraus, daß dieſer Anruf ein allgemein verbreiteter und ſehr gewöhnlicher Ruf geweſen iſt, aber auch, daß er damals ſchon ſtark misbraucht worden ſein mag, da zweimal diejenigen, welche dieſen Ruf — offenbar ohne Grund — erhoben hatten, mit Bußen belegt wurden. Dieſer Misbrauch mag zu dem Untergang des Heilal⸗Mordgeſchreies mit beigetragen haben. Ich habe das Wort in den mir zugänglich geweſenen Criminalacten des 16. Jarhunderts nicht mehr angetroffen, aber gemeint iſt daſſelbe, wenn es wiederholt heißt, daß der Thäter „mit dem gewohnlichen Mordgeſchreye“ ſei verfolgt worden. Die letzte Spur dieſer Art iſt mir in zwei Fällen aus den achtziger Jahren des 16. Jarhunderts vorgekommen. heilig wird in der altheſſiſchen Volksſprache wenig verwendet. Nicht einmal Ortsbezeichnungen finden ſich in Heſſen in irgend nennenswerter Anzal vor, welche mit heilig compromiert ſind; Heiligenrode, Heiligenstock und der Berg Heiligenberg bei Felsberg ſollen wol ſo ziemlich alles Vorhandene umfaßen. Außer Heltag (ſ. d.) findet ſich heilig nur regelmäßig verwendet in der Zuſammen⸗ ſetzung (denn ſo erſcheint das Adjectivum im Verhältnis zum Subſtantivum): Heilig Abend. Hiermit wird zunächſt der Sonnabend Abend nach dem Einläuten des Sonntags gemeint, da von dieſem Zeitpunkte an bekanntlich nach Sitte und Geſetz der Reſt des Sonnabends zum Sonntag gerechnet wurde. Aber es wurde auch das Abendläuten zum Gebet Heilig⸗Abend⸗Läuten genannt, gleichviel ob es am Sonnabend oder einem andern Tage der Woche Statt fand, und zwar deshalb, weil bis in den Anfang dieſes Jarhunderts überall und regelmäßig, an manchen Orten (in der Grafſchaft Ziegenhain faſt durchaus) bis auf dieſen Tag bei dem Abendläuten das Gebet in den Häuſern und auf dem Felde, unter alsbaldiger Einſtellung der Arbeit, verrichtet wurde. S. Elocke. Heiligenmeister, die alte, und, wie es ſcheint, vor der Refor⸗ mation in ganz Heſſen übliche Bezeichnung der Verwalter und Rechner des Kirchenvermögens, ſonſt auch Baumeiſter, Juraten, Kirchenvormünder u. dgl., jetzt im proteſtantiſchen Heſſen Kaſtenmeiſter genannt. Nur in Schmalkalden dauert die alte Benennung, wenn gleich in ſehr beſchränkter Weiſe, noch jetzt fort: Heiligenmeiſter ſind dort namentlich diejenigen Kirchendiener, welche den Klingel⸗ beutel herumtragen. Die Rechnung des Kirchenvermögens wird übrigens dort noch jetzt im gemeinen Leben nicht Kirchenrechnung, ſondern Heiligenrechnung genannt. „Vnde moigen die heiligenmeister adir vormunde der kirchen soilichen bierlzappen der kirchen zum besten virlihen doch mit soilichem vuderscheide, Heillang — Heimbürger. 159 7 daz die heiligenmeister vnd vormunde adir wer des zu schigken hait, alle jor eyme vnserm Amptman — rechenschaft thun sollen“. Ungedruckte Urkunde des (ietzten) Grafen Johann von Ziegenhain vom Donnerstag nach Pfingſten 1443. Und ſo ſehr oft. heillang adj., faſt nur in der ſehr gebräuchlichen Formel vorkommend: „den ganzen heillangen Tag hindurch“, um die lange Dauer des Wartens, einer für kurz gehaltenen aber lange Zeit in Anſpruch nehmenden Arbeit u. dgl. zu bezeichnen. Das Wort will wol ohne Frage den Tag urſprünglich in frommer Weiſe: „ein Tag welcher lang zum Heile iſt“, bezeichnen; indes beſagt die Formel jetzt faſt das Gegenteil. Anderwärts, mitunter in Oberheſſen ſchon, braucht man zwar dieſelbe Formel, aber allein mit dem Worte heil oder hal („den heilen Tag durch“), welches man als heil, ganz, völlig, unabgebrochen, verſteht; Schmidt Weſterw. Id. S. 71. Vgl. Brem. WB. 2, 615. Richey S. 91. Möglich, daß ſich an dieſes heillang auch das faſt ſeltſame hälanc, hallanc anſchlöße (ſ. d.). Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 73. Heim geſpr. Hem neutr., die Heimat. In ganz Heſſen die üblichſte Be⸗ zeichnung; ndch héme gen, hemen gen, nd heme gdn, nach Hauſe gehen. Heimed, Hémed neutr., Heimat, neben Hem gebräuchlich. „Er hette noch eine weil nach Caſſel, nehmlich von ſeinem heimath“ Marburger Crim. Proc. Acten von 1658. heim läuten, bezeichnet die hin und wieder z. B. in Jesberg übliche Sitte, die Glocke anzuziehen, ſo wie jemand im Orte geſtorben iſt, und der Pfarrer die deshalbige Anzeige erhalten hat. heim leuchten, ſehr übliche Formel für: abführen, ablaufen laßen, ſehr nachdrücklich zurückweiſen; „dem habe ich heim geleuchtet, der kommt mir nicht wieder“. Ihren Urſprung hat dieſe Redensart in der alten Sitte belagerter Orte, bei dem unverrichteter Sache erfolgenden Abzuge der Belagerer Strohwiſche und Fackeln auf den Mauern anzuzünden, damit man doch auch die Abziehenden ſehen möge und dieſe den Weg finden könnten; — alſo eine der gewöhnlichen bezeich⸗ nenden Verhöhnungen, in denen das deutſche Volk von jeher ſtark geweſen iſt. S. Lauze zum Jahr 1232, den Abzug des Landgrafen Hermann von Thüringen von Fritzlar betreffend, und daher Falckenheiner Städte und Stifter 1, 60. heimen in der Redensart: hausen und heimen, in das Haus aufnehmen und Heimat, ſichere Stätte gewähren. „wer en (den Geächteten) dor noch (nach ausgeſprochener Acht) huset ader heymet, dy ist eyn der selbin achte“. Statuta Eschenwegensia S. 4 (Ausg. v. Röstell 1854 im Prorectorats⸗Programm). Heimteufel, Kobold, ein etwas zahmerer Teufel, Hausgeiſt, der ſich auch als Diener verwenden ließ:' „ein Heimteuffel oder Koboldt“ (L. Hermann) Des Füternden Ueberſetzung von Torquemadas Hexamereon 1652 S. 322. Heimtreiber msc., ſcherzhafte allgemein übliche Bezeichnung eines dicken ſchweren Stockes, Prügels, mit dem man jemanden „heim treibi“, d. h. ihn durchprügelt, ſo daß er fliehen muß. Schmeller 2, 193. . Mteimbürger mse., Vorſtand eines Dorſes, Dorfrichter, ein auch in Heſſen ehedem vorkommende Amtsbezeichnung, welche neben der Benennung Grebe hergieng, und ſich ſprichwörtlich, gleichſam ſpottweiſe — für eine Perſon, die ſich der Angelegenheiten Anderer annimmt und dafür eine gewiſſe Auctorität in Anſpruch nimmt — bis auf die neueſte Zeit erhalten hat. In den heſſiſchen *Weistümern erſcheint der Heimbürger zu Großen⸗Bursla und Völkershaufen 160 Heint — heissen. (Grimm Weist. 3, 324 — 325), ſo wie zu Rorbach (ebdſ. S. 328); in letzterem Gericht war der Heimbürger berechtigt, im Gerichte über Schaden und Schuld bis zu dem Betrage von fünf Schillingen zu richten (höhere Strafen giengen an die v. Benhauſen und v. Lilienberg). Im Amt Landeck finden ſich Heimbürger bis zum Ende des 16. Jarhunderts, im Amt Wetter bis in das 17. Jarhundert. Es ſcheint, als ob in dem letztgenannten Amte Heimbürger die urſprüngliche, Grebe die moderne, weniger geläufige Bezeichnung des Ortsvorſtandes geweſen ſei, denn in einem Verhörprotokoll der Gemeindsmänner zu Treisbach aus dem Jahr 1609 kommt Heimbürger in zwanzig Ausſagen acht und zwanzig mal, Grebe in nur vier Ausſagen fünfmal vor. Vgl. Eſtor teutſche Rechtsgelahrtheit 1, §. 441. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 70. heint, aus hinaht, dieſe Nacht. Dieſes Wort iſt noch üblich in der Obergrafſchaft Hanau, im Schmalkaldiſchen, an der Schwalm, wo man jedoch hengt ſpricht, und in Oberheſſen, wo gewöhnlich das n (nie' äüch in andern Wörtern) halb unterdrückt und heit geſprochen, unter heint (hei t) aber nur die vergangene Nacht, nicht die kommende verſtanden wird; letztere wird durch scheier (ſ. d.) bezeichnet. heint (hengt) Abend, heint (hengt) Nacht. es hat hei't weiss geschneit, hütt ich vor eim Jahr gefreit, wür ich jetzt ein junges Weib. Oberheſſiſcher Mädchenreim. Der Artikel hengt Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 75 iſt hiernach zu berichtigen. Heinz, bekannte Abkürzung des Namens Heinrich, wird im Volksmunde als Bezeichnung des Männchens mehrerer Thiere gebraucht. Im Schmalkaldiſchen heißt Heinz der Kater; im Haungrund, und auch anderwärts, wird mit Heinz nicht bloß das Männchen der Katzen, ſondern auch der Haſen, Kaninchen, Wieſel und anderer kleiner Säugethiere bezeichnet. Wol ohne Zweifel iſt aus dieſer Volksbezeichnung der Name Heinze für den Kater in den Reineke Vos und in den Froſchmeuſeler aufgenommen worden. Auch iſt Heinz ein Spottname der Köze (ſ. d.). Vgi. Henkel.//P. Aen A. Meinzelmännchen, 1) die hin und wieder ſich findende Benen⸗ nung des zwerghaften Erdelben, gewöhnlich Wichtelmännchen genannt (ſ. d.); im Fuldaiſchen und einzeln in Oberheſſen. 2) die Benennung der Mehlbeere, der Frucht des Crataegus oxyacautha, im Fuldaiſchen. Heinföden plar., ſoll an der obern Werra (Frieda) die Benennung der Hagebutten, Hambutten ſein; allerdings iſt in der erſten Hälfte des Wortes das alte hiuf, rubus, noch zu erkennen, aber was iſt föden (oder loeden)? Vgl. Hiefe. /C 2 An heiscls udj., auch hesch geſprochen, heiſer. In Niederheſſen am üblichſten, wiewol hier neben heisch auch grammelig (ſ. d.) gebräuchlich iſt, welcher Ausdruck ſogar das Uebergewicht über heisch hat. raucus, heesch Diutista 2, 228. Heisch neulr., auch Hesch geſprochen, die Heiſerkeit. heischen, bettelnd anfordern, betteln. Oberheſſen und Fulda (beſon⸗ ders im Amt Neuhof üblich, wo häschen geſprochen wird). „Als das Mägdehen ihr (Comparentin) ein newjahr geheiſchen“ Marburger Hexenproceſſacten v. 1658. heissen, 1) wie gemeinhochdeutſch: befehlen; letzteres Wort war völlig unüblich. „zum Dienſt heißen; anheißen“ waren Ausdrücke, welche das Beſtellen der zu perſönlichen (namentlich Hand⸗) Dienſten Verpflichteten zur Heister — Heistingenheim. 161 Leiſtung der betreffenden Dienſte bezeichneten. Dieſes Anheißen wurde auf den Domänen und Edelhöfen von den Hohmännern (ſ. Hofmann) bewirkt. 2) wie gemeinhochdeutſch: genannt werden, ſich nennen; meiſt in unper⸗ ſönlicher Conſtruction: „wie heißt dich? es heißt mich Johannes“. Nur in der neueſten Zeit findet ſich hin und wieder auch die gemeinhochdeutſche Con⸗ ſtruction: wie heißeſt du? ich heiße N. Dieſes Heißen aber bezieht ſich noch heute allein auf den Taufnamen; der Zuname wird ausſchließlich durch ſich ſchreiben eingeführt: „es heißt mich Johannes, aber ich ſchreibe mich Schmidt“. Der eigentliche, weſentliche Name iſt dem Volke der Taufname, während der Zuname nur gleichſam eine zufällige Zugabe war, welcher Vielen bis in den Anfang des 17. Jarhunderts, wie zalreiche Protokolle aus jener Zeit ausweiſen, auch in der That für entbehrlich galt. heisst das, eine bei dem Volke, wenn es zuſammenhängend zu reden ge⸗ nötigt iſt, beſonders in unwilliger, polternder Rede häufig (oft in lächerlicher Weiſe gehäuft) vorkommende Formel. Sie iſt nicht ganz ſo ſinnlos, wie die Stubenmenſchen zu höhnen pflegen, vielmehr bedeutet ſie dem Volke: wol gemerkt, nämlich. Heister mse., junger Waldbaum, vorzüglich jedoch nur Buche; auch wol Waldbaum überhaupt. Zuweilen in abundanter Compoſition: Büchen⸗ heiſter. In ganz Heſſen iſt dieß ausſchließlich niederdeutſche, der oberdeutſchen Sprache völlig fremde Wort ſehr üblich. In den heſſiſchen Forſtregiſtern des 16. u. 17. Ih. komt Heiſter ſtets für Buche, nie für Eiche, ſehr häufig vor, theils einfach, theils als Buchenheiſter. „vj alb Sommer Röſer ſin Rauſchen⸗ berg] vor 1 geringen dürren Buchen Heiſtern“. Rauſchenberger Forſtregiſter v. 1585. „ij buchen, dürre heiſter“ ebdſ. „Wo ſie zwiſchen zwey enge bei⸗ ſammen ſtehende Bäume oder heiſter kommen mögen“. Des Füternden (Land⸗ graf Hermanns) Ueberſetzung von Torquemadas Hexamereon. S. 588. Berühmt ſind ii Heſſen die neun Heiſter auf dem Kellerwald, nicht weit unterhalb des wüſten Garkens auf dem Nordweſtabhang im Todenhäuſer Forſt des Kloſters Haina; neun Buchen vom ſtärtſten Wuchſe ſind mit den Wurzeln zuſammen⸗ gewachſen und trennen ſich erſt in der Höhe von etwa 6 Fuß. Nachdem ſchon ſeit 1820 ſucceſſive drei derſelben vom Sturme gebrochen worden waren, warf der Orkan des 18. Juli 1841 die vierte nieder, ſo daß jetzt nur noch fünf Heiſter ſtehen, von den vier übrigen die Rümpfe. Friſch bringt 1, 439 und 2, 66 das Wort aus der Jülichiſchen Policei⸗ ordnung bei; Strodtmann Id. Osn. hat S. 86: Heſter, ein junger Baum, ſonderlich Buͤche; doch beweiſen die folgenden Compoſita Radeheſter, Supheſter, Käſeheſter, daß das Wort in Weſtfalen auch einen Baum (Buchbaum) überhaupt bezeichnet. In Zieglers ldiot. Ditmarsicum (bei Richey ld. Hamb. S. 412) findet ſich: „Heſter, ein junger Baum. Wird ſonderlich von Eich⸗Bäumen gebraucht“. Schottel Haubtſpr. S. 1335: Heiſter, junger Baum. Brem. 2B. 2, 626 (Eichbaum und Buchbaum). Schambach Gött, Grub. Id. 1858 S. 77. Wenn, wie warſcheinlich iſt, heis Wald bedeutet, ſo iſt heister = heis⸗ triu, Waldbaum. Wie dieſes heis (hais) zu goth. häis (launag) oder zu hdists ſich verhalte, bleibt noch zu ermitteln. Hfeistingenheini, der Name eines Dorfes in Oberheſſen, welcher in dieſer Form in den Traditiones Fuldenses des Mönchs Eberhard c. 1 no. 57 (Schannat Corp. trad. Fuld. S. 283. Dronke Traditiones et Antiquitates Fuldenzes 1811. 4. S. 41 Re. 119. Vgl. Wenc 2, 435) vorkommt, 1i35 Bilmar, Jololkon. 11 5 01 162 Heite — Held. Heistencheim, 1377 Heislinkeym, 1506 lleistehain, 1613 Heissigheim, 1683 Hlessigkem, jetzt Heskem geſchrieben und geſprochen wird. Dieſem Namen liegt ein ſehr alter und äußerſt ſelten vorkommender Mannsname: Haisting, Heislinc, zum Grunde*), welcher vielleicht in der bei dem Mönch Eberhard vorkommenden Form ſchwach iſt (Heistingo ſtatt Hleisting) und im Plural ſteht. Haisting bedeutet vir violenlus, von haist, welches in den Legg. Alam. in der Formel haistera handi, alahaistera handi (manu violenta), im Gothiſchen als ushaists (Gorspyoeig, arm), ſodann aber im Angelſächſiſchen als haest (ardens) Caedmon 84, 11, 146, 2. Beov. 2669, und ahd. einmal in einer adverbialen Form heistigo Otkrid 3, 13, 6 vorkommt. Vgl. Grimm Gramm. 1“, 103. 359. Heite mse., Hete (meiſt geſprochen Heide, Hede), Vater. Es iſt dieß die alte, neben Gnenn und vor dieſem Worte üblich geweſene, Benennung des Vaters in ganz Heſſen. Jetzt iſt das Wort noch üblich in den nordweſtlichen Theilen von Oberheſſen (Wolmar), an der Schwalm, an der untern Eder (Fritzlar, Gudensberg), und an der Werra (Eſchwege, Jeſtädt), ſo wie (neben Teite) im Schaumburgiſchen. Außer Heſſen iſt es jedoch nirgends aufzufinden als im Frieſiſchen (Haila, Ajita). „Est autem Hatto seu Haelto idem quod Vater. Unde adhuc in Hassia appellant patres suos Hatio, A italico seu E crasso et diphthon- gato; et credo, Chattos quos nunc Hessos vocamus, prisco vocabulo Hatios id est patres, et Hattiam patriam appellatam esse« (M. Luther) Aliquot Nomina propria Germanorum ad priscam Etymologiam restiluta. 1537. 4. Aüja. (S. den Abdruck dieſer Schrift (Luthers?) in den Beiträgen zur critiſchen Hiſtorie der deutſchen Sprache 19, 451 — 479, wo dieſe Stelle ſich S. 452 453 findet. „Huſchchen, Huſchchen, hie iſt dein Heide“ lautet in der urſprünglichen Form der Zuruf des einen Kürbis für ein Pferde⸗Ei auf dem Knüllköpſchen ausbrütenden Bürger⸗ meiſters von Schwarzenborn an den Haſen, welcher durch den entrollenden Kürbis aufgeſchreckt, davonlauft und von dem Bürgermeiſter für das von ihm ausgebrütete Pferdchen gehalten wird. „Jo wan mä hi bi verzehlen ſill Aehres (der Heſſen Fürſten⸗Kinder) Heytes groſſe Thoten So ſchwägeme ſin Läwe nit ſtill“ S. Aller Reddelichen Heſſen⸗Kenger Herzeliche Freude. Eiſenach 1731. 4. (Reime auf die Ankunft des Landgr. Friedrich K. v. Schweden in Heſſen; auch abge⸗ druckt Hersfelder Intell. Bl. 1832. No. 9. 25. Febr.). Ellerhede, Ellerheile, Großvater. „Ob ſie nicht zu dem madtgen geſagt, Es wehre ihr Eller hete, es ſolte ſchweigen“. Betziesdorfer Protokoll von 1673. „Es were ihr Ellerheite“ ebdſ. In demſelben Protokoll kommt aber auch Genenn und Eliergenenn vor. Allerhatenber;“ Großvaterberg, nach J. Grimms Ausführung in der Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. und Landeskunde 2, 139 —142; bei Iba. Ellerheitenhof Garten bei Wickenrode. Kirchenheite, Kirchenälteſter; Werragegend. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſchichte u. Landest. 4, 73 —74. Héld neutr., Spreu; der in Oberheſſen ausſchließlich gellende, ſchon von Eſtor 3, 1410 angeführte Name für palea, während Spreu und Kab faſt gänglich unbekannt ſind. In den oberheſſiſchen Rentereirechnungen aus der Mitte — ) Hans Haiſtung hieß der Bürgermeiſter von Ysni, welcher 1561 den Naum⸗ burger Abſchied untereichnet haf. S. den Würtemberger Gründlichen Vericht gegen das Staffortiſche Buch 1601. 4. S. 4. Helfegelder — hellig. 103 des 16. bis zur Mitte des 17. Jarhunderts erſcheint regelmäßig „Innahme Heldt (auch hoelt) vnd gepeül“, nach Säcken, mitunter auch nach Maltern gemeßen. Nur einmal habe ich die irrtümliche Bezeichnung „hoelt vnd kaab“ getroffen. (Wetter 1600). Das Wort iſt eine durch d vermittelte Neutralbildung des ahd. helawa, mhd. helwe, palea, und ſcheint außer Oberheſſen nirgends in Deutſch⸗ land vorzukommen. S. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. und Landesk. 4, 74—75. Helfegelder nannte man eine Sportel der Beamten, welche ihnen zukam, wenn ſie zur Eintreibung liquider Schulden Hilfe leiſten mußten; dieſelben betrugen vom Gulden einen Albus. S. Kopp Gerichtsverfaßung, 2r oder prakt. Theil S. 94 f. und die daſelbſt angeführten heſſiſchen Verordnungen. gehell. Es ſoll in Heſſen (wo?) das Wort hell, d. i. haele, glatt, vorhanden ſein. Wiewol die Richtigſtellung dieſer Angabe mir nicht hat gelingen wollen, ſo finde ich ſie doch nicht gerade unwarſcheinlich, weil gehell, glatt, bei Hans Stade vorkommt (Weltbuch 1567 fol. 2 Bl. 53b): „denn die mittelſte Platte hatten fie mit dem Schieber eines gehellen Steins, welche ſie viel brauchen zum Scheren, gemacht“. Hielle, Hel neuir. und ſem, ziemlich häuſig vorkommender Name heſſiſcher Berge. „das Helle“ (ſchon 1443) bei Fritzlar; die Ohelle auf der breiten Strut; ſodann am Burgwald: „das (die) Sternhell“, „Sturmhell“, „Burghell“, „Rickshell“, jetzt Rixel (bei Goßfelden), „die Gerichs⸗ helle“ (auch Geiershelle), Namen, welche ſehon 1550 vorhanden waren, und großenteils noch jetzt vorhanden ſind. Sodann gibt es einen über den ganzen Rücken des Kellerwaldes hinlaufenden Hellweg, desgleichen einen Hell⸗ weg auf der Höhe zwiſchen Oberliſtingen und Wetteſingen, nach Erſen hin, einen andern Hellweg bei Rommerode am Meisner, auch einen über jenes Helle bei Fritzlar führenden Hellweg (zwiſchen Geismar und Hadamar). Warſcheinlich bedeuten jene Namen nichts anderes, als in alter Zeit ganz oder zum Theil entwaldete Höhen (die übrigens ſpäter, wie die Sternhelle, wieder mit Wald bewuchſen), der Hellweg aber ſichtlich einen durch den dichten Urwald gehauenen lichten, hellen Weg. hellig, geſprochen heleh (Amt Schönſtein und weiter) und helk (Haun⸗ grund u. w.), erlecht, welk, dürr, ſchlecht genährt, unvollkommen ausgebildet. „er war ganz helk“, ganz abgemattet vor Hitze und Durſt; „das Korn hat einen helchen Kern“, einen unausgebildeten, magern, mehlloſen Kern; „die Gans iſt noch helch“ d. i. nicht gemäſtet, dürr. Vgl. „höllig ſein, Durſt haben“, in der Grafſchaft Hohenſtein, Journ. v. u. f. Deutſchl. 1786, 2, 116. Es iſt, wie auch ſchon in der Zeitſchr. f, heſſ. Geſch. u. LK. 4, 72 von mir erinnert wurde, dieſes ſchon mhd. und in den meiſten deutſchen Dialecten, gemeinhochdeutſch wenigſtens in dem Verbum behelligen vorhandene Wort hellig'(Friſch 1, 44I. Mülker mhd. WB. 1, 660. Brem. WB. 2, 619. Schmelter 2, 172. Adelung 1, 813) wol ohne Zweifel an das Wort hal (urſprünglich gewis hal), dürre, trocken, anzulehnen. S. häl. helich, helig, im Haungrunde, mit der Bedeutung kläglich, jämmerlich, iſt wol ohne Zweifel daſſelbe Wort. hellig adv., eine verſtärkende adverbiale Wortbildung, welche im Fuldai⸗ ſchen neben ſillig (ſ. d.) ſehr gebräuchlich iſt: hellig schoen, ganz beſonders, ausgezeichnet ſchön. Vielleicht iſt das Wort eine Eniſtellung von heilig. Im übrigen Heſſen ſagt man auch: heil froh, gar ſehr froh. 111 1 2 8 164 Hellendig — Here. Wiederum aber eine Entſtellung von hellig ſcheint zu ſein hellendig, halländig, welches Wort im Schmalkaldiſchen genau ſo gebraucht wird, wie hellig im Fuldaiſchen. Die gebildeten Schmalkalder meinen jedoch, es ſolle dieſes hellendig ein Hypokoriſtikon von höllisch ſein, welches bekanntlich ſehr allgemein als adverbiale Verſtärkung gebraucht wird. Ganz ün⸗ warſcheinlich iſt dieſe Meinung nicht, und ließe ſich möglicher Weiſe wol auch das fuldaiſche hellig in dieſem Sinne deuten. hellwahls ſoll in der Gegend von Frankenberg üblich ſein und den Sinn haben: ausdrücklich, expreſſ. Heltag msc, auch Hellag, Heltac, Feſttag; zuſammengezogen aus Helig⸗ tag, heiliger Tag. Allgemein üblich in Mittelheſſen weſtlich von der Fulda, im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen, wo man „Feſttag“ nicht gebraucht, auch meiſt nicht kennt. hengern, kränkeln. Uebliche Bezeichnung in Oberheſſen; auch wird dieſes Wort, wenn von oder zu Kindern geredet wird, deminuiert in hengerchen: „du hengercheſt ja, mußt du denn ſo hengerchen?“ Henkel, die in heſſiſchen Familiennamen äußerſt häufige deminutive Verkürzung des Namens Heinrich, wird in Oberheſſen, zumal im nördlichen (um den Chriſtenberg, in Roda u. a. O.) völlig appellativiſch für Kater gebraucht, wie anderwärts die parallele Verkürzung Heinze (ſ. d.). Hennike gleichfalls eine Deminution von Heinrich, war in den an Weſtfalen angrenzenden heſſiſchen Landestheilen einer der Euphemismen für den Wolf, welchen die Schäfer bei ſeinem rechten Namen zu nennen ſich ſcheueten. S. Kirchhof Wendunmut 1602 S. 375. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 75. Henn msc., ein alberner Menſch, ſchmähende, ſehr übliche oberheſſiſche Bezeichnung. Eſtor t. Rechtsg. 3, 1411. Heppe kem., in den weſtfäliſchen Bezirken Hepe, mitunter (um Kaſſel) auch Hewwe geſprochen, Sichel, Hippe. Das Wort iſt in Niederheſſen nur in den nördlichen Gegenden gebräuchlich, findet ſich aber einzeln bis in das Hers⸗ feldiſche (Rohrbach) und Ziegenhainiſche herauf; in Oberheſſen iſt es unbekannt. „Geben ihnen Meſſer vnd Hepen für Mandiokenmehl“. Hans Staden Reiſe⸗ beſchreibung (Weltbuch 1567 fol. 2 Bl. 42a). 4—174. 1.h Heppe, Hippefem., Name der Ziege, meiſt als Lock⸗ und Schmeichel⸗ wort. Im Amt Schönſtein, bei Haina, in und um Frankenau bis weiter in das Sauerland hinein faſt ausſchließlich gebräuchlich. Das Deminutiv Heppel und Hebbel kem. iſt neben Hieze und Hetz im Schmalkaldiſchen und Fuldaiſchen üblich (ſ. Hitz). /.T2 Hippen fem. heißt an der Diemel das Ziegenlamm. Merhsthnecht msc., Hageſtolz. Im Fuldaiſchen und in Oberheſſen (Eſtor t. Rechtsg. 3, 1411) wiewol in letztgenannter Gegend jetzt nur noch äußerſt ſelten vorkommend. Herd neutr., Flachsſtengel. Im Haungrund und Umgegend. S. Here, Here fem. (geſprochen herre), Flachsſtengel, vorzugsweiſe der ſchon ge⸗ roßete (die Faſer deſſelben), doch auch von den noch im Acker ſtehenden Flachs⸗ ſtengeln ſehr üblich; ſehr oft in abundanter Compoſition: Flachshere. In ganz Heſſen ſehr üblich, beſonders in Niederheſſen. Eben ſo in Vaiern: Hermen — Hespe. 165 Schmeller 2, 228. Das Wort iſt, gleich herdun, sluppa (Dronke Fuldaer Gleſſen 1842 S. 15) aus dem alten Namen des Flachſes, haru, Har, gebildet, und zwar entweder direct, ſo daß es urſprünglich horja (harvja) gelautet hat, oder ſo, daß aus einem urſprünglichen Adjectivum (harveins) harin, lininus, ein Subſtantivum harin, nachher hari gebildet worden iſt (wie manageins, manakin, manaki, menege). Dieſer alte Name des Flachſes, in Baiern und ſonſt in Ober⸗ deutſchland volksüblich, iſt in Heſſen völlig unbekannt, dagegen iſt die gegen⸗ wärtige Ableitung, in beſchränkteren Kreißen auch die Ableitungen Herd, Härfel (m. ſ.) und Hede (herda), in Heſſen in Uebung. Vielleicht, ja warſcheinlich, iſt ſogar unſer here identiſch mit dem alten herda; im Haungrund nämlich iſt herd (härt) neutr. der Flachsſtengel, vorzugs⸗ weiſe jedoch der Baſt deſſelben (ſ. vorher). Eben ſo in Schleſien: herde kem. die Flachsſtaude. Frommann Mundarten 4, 172. Im Lippiſchen iſt herl, härl, der Flachsſtengel. Frommann Mund⸗ arten 6, 211. Hermen msc. (Herme), Ziegenbock, als Lockwort und Schmeichelwort. Sehr üblich. Es iſt dieſe Benennung des Ziegenbockes alt, bekantlich im Reineke Vos und darauf im Froſchmäuſeler angewendet. Hermen Stutzbock, ſcherz⸗ haftes Aneinanderſtoßen der Stirnen, bekannter Scherz, der mit den kleinſten Kindern und von ihnen gemacht wird. Steifer Hermen, ſcheltende Bezeich⸗ nung eines ſich unbehülflich anſtellenden Knaben. Vgl. Weigand Int. Bl. f. d. Prov. Oberheſſen 1846 No. 61. Hermelchen, alberne, ſich kindiſch, läppiſch anſtellende Perſon; halb ſcherz⸗ hafte Benennung. Warſcheinlich gehört dieſes Wort hierher, wenn gleich ein völlig gleichlautendes niederdeutſches Wort vorhanden iſt, welches in eine ganz andere Begriffs⸗ und Sprachregion gehört: harmelhen, grillus. Herr iſt an der Schwalm die ausſchließliche Bezeichnung des Hausherrn, nicht allein von Seiten des Geſindes, ſondern auch der eigenen Gattin, in ſo fern dieſelbe von ihm redet, welches niemals anders, als durch die Formel „ins (unſer) Herr“ geſchieht. Im Fuldaiſchen, namenllich im Kreiße Hünfeld, iſt Herr, wie im ganzen katholiſchen Süddeutſchland, die eben ſo ausſchließliche Bezeichnung des Pfarrers. Hefrche (Schwarzenfels), Uerle (Schmalkalden), der Großvater (vgl. Fraile). herrlich wird in Oberheſſen oft in dem Sinne von vergnügt, fröhlich gebraucht: „mer ſein da ganz herlich geweſe“. Herscheklas msc., an der Werra (Waldkappel) und im Schmal⸗ kaldiſchen die Benennung des Niklasbiſchofs, dann auch eines Popanzes über⸗ haupt. Das „Uersche“ wird verſtanden als gebieteriſch, herriſch, ſtrengi ℳi44/ Herzbendel mse. (Herzbennel), Bruſt, Bruſtbein. „Ich will dich' ſchlagen, daß dir der Herzbennel kracht“. Ueberall in Heſſen, am üblichſten in W Oberheſſen und an der Schwalm. Eſtor t. Rechtsgl. 3, i411. 2 cu. En, 1 2. Hesling neutr., Benennung des jungen Schweins, Ferkels, welches etwa vom zweiten bis zum ſechſten Monate ſeines Lebens ſo bezeichnet zu werden pflegt. In der Diemelgegend, anderwärts unbekannt. Hespe kem., Thürangel, Klammer. In Niederheſſen die üblichſte Be⸗ zeichnung. Häufig wird indes dieſes Wort auch allgemein, von feſten Verbindungs⸗ ſtücken (feſten Nähten u. dgl.) gebraucht: „er riß mich, daß der Rock mir aus allen Heſpen gieng“; „Junge, deine Hoſen ſind ja aus allen Heſpen“. Auch 5 9 ● 6 — 6 ir 166 Hessen — Heuer. figdrlich: „es geht aus allen Heſpen“, alle Ordnung, alle feſte Verbindung unter bisher Zuſammengehörigen, löſt ſich auf, es tritt Anarchie ein. Altſächſ. cosp, nl. gaspa, ſibula. S. Friſch und Adelung unter Häſpe. Hessen. Daß das Volk der Heſſen von den Katten abſtamme, wird ſeine Richtigkeit haben, daß der Name Heſſen aber ven Catli, Chakli abzuleiten ſei, muß ich beſtimt verneinen. Der Name erſcheint zuerſt unter Bonifacius, und zwar meiſtens in der Form Hessi (Anal. Lauriss. z. J. 746 bei Pertz, ge⸗ ſchrieben erſt 818), ſeltner Hassi (ebdſ. z. J. 774); ſodann Hessii (Anal. Fuld. z. J. 719, geſchrieben 838) und Hessiones (ebdſ., Variante des Cod. 3. des 11. Jarh.). Das ss in dem Namen ſteht urkundlich unzweifelhaft feſt, und zwar zu einer Zeit, in welcher eine Abſchwächung des zz in ss durch kein einziges ſicheres Beiſpiel nachzuweiſen iſt. Im Gegenteil haben die Ann. Berlin. zum Jahr 839 noch den Namen Chaltuarii, weleher in ſeinem Haupttheil nach allge⸗ meinem Einverſtändnis mit dem Namen Chatti identiſch iſt, in der Form Hatoarii, die Anal. Fald. zum J. 715 als Hazzoarii, beide Male dicht neben dem Namen Hessi, Hessii, Hessiones. Hiernach iſt, wenn wir nicht das ganze, urkundlich feſt⸗ ſtehende Verhältnis zwiſchen t, 22 und ss gewaltſam umſtürzen wollen, die An⸗ nahme der Identität von Chatti und Hessi eine völlige ſprachliche Unmöglichkeit. Ja man darf weiter fragen, ob das E in Hessi e oder e ſei? Hessi komt zu einer Zeit vor, in welcher der Umlaut kaum begonnen hatte aufzutauchen, und das Wort wird bekanntlich mit tiefem e (faſt wie Häſſen) geſprochen, Hassi da⸗ gegen iſt die ſeltnere Form. Wir würden hiermit auf den Mannsnamen Hésso (urſprünglich Hissa) gelangen, und der Vermutung Raum geben müßen, es ſeien die Heſſen nur ein Zweig der Katten geweſen, welcher als ſolcher einen patro⸗ nymiſchen Namen (wie Welfe) geführt haben möge. Bei den Zigeunern heißt Heſſen Dschowgjanidikkotemm, Hexenland, von dschowajani, Hexe und temm, Land; dieſen Misverſtand wollte 1839 ein obſeurer Winkelſchriftſteller als den wahren Sinn des Namens Heſſen geltend machen, und kürzlich (1865) hat der an etymologiſcher Verrücktheit leidende Profeſſor Vietor Jacobi ein, des Irrenhauſes vollkommen würdiges Schriftchen veröffent⸗ licht: „Die blinden Hessen“, worin er den Namen von hahsa, poples, ableitet, weil — Werra und Fulda eine hahsa bilden !!! Die ſchwache Declinationsform theilt das Wort Heſſe mit dem Namen Franke, Schwabe, Sachſe; iſt es von Hésso abzuleiten, ſo wird es von Anfang an der ſchwachen Form zugehörig geweſen ſein. Der Familienname Heſſe iſt auch im Lande nicht ſelten; das älteſte Vorkommen deſſelben wird ſich in dem alten adlichen Geſchlecht der Heſſe zu Wichdorf finden — übrigens einem Dorfe, welches in dem älteſten Katten⸗ und Heſſenſitz belegen iſt; — es iſt daſſelbe zwiſchen 1594—1631 ausgeſtorben. Blinde Heſſen ſ. blind. Wie? wenn Hessi urſprünglich Hunde bedeutet hätte? Was iſt eigentlich Hesshunde, die nie als Hetzhunde erſcheinen? Heucher msc. iſt im Hanauiſchen die Benennung der (kleineren) mar⸗ mornen Spielkugeln der Kinder, anderwärts Schoßer, Marbel, Klicker (ſ. dieſe Wörter) genannt. Vgl. Hacher. heuer (entſtanden aus den im Inſtrumentaleaſus ſtehenden Wörtern hiu järu), in dieſem Jahre, iſt nur in der Obergrafſchaft Hanau, und hier faſt nur im Amte Schwarzenfels, volksüblich, anderwärts völlig unverſtändlich. Heuer fem., war im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen die Venennung Heulochse — hickeln. 167 der Fruchtzinſen, ſo lange dieſelben beſtanden, aber auch nur für dieſe Abgabe, nicht für Pachtgeld oder Pachtzins, wäre derſelbe auch zum Theil in Getreide bedungen geweſen. Im übrigen Heſſen ungebräuchlich und unverſtanden. Heulochse m., in der Schmalkalder Knabenwelt der gebräuchliche Name des Brunnenkreißels? Heuochs, ſehr übliches Scheltwort, um einen recht dummen Menſchen, oder einen Solchen, welcher ſich eine recht grobe Ungeſchicktheit, Unwißenheit, hat zu Schulden kommen laßen, zu bezeichnen. Vgl. Stoppelkalb. heuzen, dumpſig, nach Schimmel und Moder riechen und ſchmecken, von dem Getreide gebraucht. Oberheſſen; Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1411. Der Kammermeiſter Philipp Chelius zu Marburg verlangte im Jahr 1599 „200 Malter Haffer an reiner truckener, vnd keiner dortechtigen angangenen oder heutzenden, ſondern zur Hoiffhaltung dienlichen Frucht“. Hexenmilch fem., Euphorbia eyparissias. Die nur auf Kalkboden, zumal Rauhkalk, erſcheinende Pflanze kommt in Keſſen nur in den öſtlichen Be⸗ zirken, wo die Kalkformation ſtärker entwickelt iſt, häufig vor. Der Name Hexenmilch für dieſelbe iſt am gangbarſten im Schmalkaldiſchen; anderwärts findet ſich auch der gewöhnliche Name Wolfsmilch. Hibbe fem., auch Hiwwe, Hebbe, Hewwe geſprochen, Granne der Ge⸗ treideähren. Ein vorzugsweiſe nur in Niederheſſen, aber hier auch ausſchließlich gebrauchtes Wort. Im Fuldaiſchen (Haungrund) gilt Habe (ſ. d.), welches wol nur eine Variation von Hibbe iſt. Da hin und wieder ſtatt Hibbe auch Hibe, Hipe geſprochen wird, ſo liegt es nahe, dieſes Wort als urſprünglich identiſch mit Hiefe (ſ. d.) in der Bedeutung Dorn, Stachel, zu faßen, wenn gleich hiufo zunächſt den Dornſtrauch, nicht den Dorn, bezeichnet. Man unterſcheidet in Niederheſſen den flibhenwaisz von dem kahlen Waiß (Weizen), Gerſte mit langen Hiwwen von Gerſte mit kurzen Hiwwen. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 75. hicheln, hell auflachen, wiehernd lachen; auch von dem Wiehern der Pferde gebraucht. Ziemlich überall üblich. Schmidt Weſterw. Id. S. 72. Hiefe, Hähiefe (d. i. Haghiefe) kem, Frucht des wilden Roſenſtrauchs, Hanbutte. Letzterer Ausdruck iſt nirgends in Heſſen im wirklichen Gebrauche des Voltes, hin und wieder demſelben völlig unverſtändlich. Dagegen hat die aus dem ahd. hiufa, altſ. hiop, rubus, entſtandene Bezeichnung Hiefe die mannig⸗ faltigſten, zum Theil ärgſten Entſtellungen erfaren. Der Ausdruck Hiefe, Hähiefe findet ſich im nördlichen Niederheſſen, namentlich in der Umgegend von Kaſſel; in der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen heißt die Hiefe Hdneife, Häneifel und Hänüffſel; im Fuldaiſchen Händpp; an der obern Werra Heipföde; im Schmalkaldiſchen Hicke und Hähicke. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 75. Hicke f, Haghicke (geſprochen Hahicke), Benennung der Frucht des wilden Roſenſtrauches, der Hagbutte (Hanbutte) im Schmalkaldiſchen. Wol nur eine der erbarmungsloſen Entſtellungen der Sprache im ſchmalkaldiſchen Munde, ſtatt Haghiefe. S. Hliefe. hickeln, etwas hinken; man bezeichnet damit theils das leichte, nur 5 2 2● K 8 5 — * Kmtr. 168 Hileh — Hilpentritsche. wenig merkliche Hinken, theils auch das Ungeſtalte des Hinkens, und in dieſem Falle iſt hickeln ein Spottwort, während Hippeln (f. d.) mehr ein Scherzwort iſt. In ganz Heſſen ſehr üblich; in den niederdeutſchen Gegenden ſpricht man hückeln. Hilch, auch lich msc., die Eheberedung, ahd. hileich. Eſtor t. Rechtsg. 3, 1411 — 1412 hat dieſes in Oberheſſen noch jetzt vorhandene Wort, indes ſcheint es ſchon zu ſeiner Zeit, wiewol er noch das charakteriſtiſche, jetzt nicht mehr vorhandene Wort Ilchthum beifügt, im Abſterben d. h. in dem Ueber⸗ gang in ein Misverſtändnis begriffen geweſen zu ſein, welchem es gegenwärtig faſt ganz zu verfallen ſcheint. Ja es iſt möglich, daß dieſes Misverſtändnis ſchon am Anfange des 16. Jarhunderts ſich einzuſchleichen angefangen hat. Man verſtand die Silbe Hi, richtiger I (noch in Heirat vorhanden) nicht mehr, noch weniger das Subſtantivum leich. Die erſtere Silbe kleidete man in das ver⸗ ſtändlichere, nachgerade ungefähr gleichbedeutend gewordene Ee (Ehe), die zweite in die Adjectivendung lich um [freilich urſprünglich jenem leich zugehörig) und ſo entſtand das masculiniſche Sübſtantivum Ehelich in obiger Bedeutung: Ehe⸗ beredung, Ehecontract. Dieſes Wort Eelich ſindet ſich, falls es nicht einem moderniſierenden Abſchreiber ſeinen Urſprung verdankt, ſchon bei Wigand Gerſtenberger (schminke Monim. hass. 2, 534): du ist der eelich gereyde gemacht gewest. Und Eſtor ſelbſt hat eben in jenem angeführten Werke mehr⸗ mals das Wort Ehelich 1, 333 und ſonſt. So wird auch jetzt officiell ge⸗ ſchrieben und geſprochen, während der Bauer, zumal aus den entlegenern Dörfern und wenn er unter ſeines Gleichen iſt, noch Iilich, Hich, Hilch, llich, lich ſpricht. In der Wormſer Reformation 1561 fol. Bl. 138b findet ſich noch die vollſtändige Form hinlichsberedung. Schmeller 2, 130. Hilier msc., penis. In ganz Heſſen ſehr übliche, ja die üblichſte und allgemeinſte Bezeichnung. An Scherzen mit dieſem Worte, wie mit Zumpe (Zumpt), Zers (Zerssen), welche ſämtlich gleicher Bedeutung und ſämtlich zugleich bekannte Familiennamen ſind, fehlt es auch in Heſſen nicht. Hilpentritsche fem. Bis zum Jahre 1820 oder wenig ſpäter, und wenigſtens ſeit dem Jahr 1750, vielleicht und warſcheinlich früher, ſpielte dieſes Wort eine Rolle in einem gewiſſen Pennalismus der Schüler des Hers⸗ felder Gymnaſiums. Die im Herbſte neu angekommenen Schüler wurden von den ältern Schülern überredet, es gebe an der hinter dem „Kloſter“ herführenden Stadtmauer und im Stadtgraben Thiere, den Mardern, Rätzen u. dgl. ähnlich, welche Hilpentritſchen hießen; dieſe wolle man ſobald es dunkel geworden, jagen, die Felle der Erlegten verkaufen und von dem Erlös ſich gütlich thun. Diejenigen, welche ſich anführen ließen und mit auf die Hilpentritſchen⸗Jagd zogen, wurden an einem bitter kalten Winterabend mit einem Prügel oder Stein in der Hand in ſchlagfertiger, meiſt ſehr unbequemer Stellung hier und da in den öden Räumen und Winkeln zwiſchen der Stadtmauer und dem „Kloſter“, als den Päſſen der Hilpentritſchen, um dieſelben ſofort bei ihrem Erſcheinen zu erſchlagen, aufgeſtellt, die Uebrigen liefen eine Zeitlang unter lautem Rufen und Schreien jenſeit der Stadtmauer als angebliche Treiber hin und her, ſchlüpften dann weg, und ließen die Leichtgläubigen ſtehen und frieren, bis dann ſpäter allgemeines Zuſammenlaufen und lautes Gelächter ſie entteuſchte. Dieſe Hilpen⸗ tritſchenjagd wurde dadurch unmöglich gemacht, daß die zalreichen unbenutzten Durchginge und Winkel hinter dei Gynnaſiun ſeit dem Jahr 183e verzäunt und verbaut wurden. Himmerich — hin. 169 Daß dieſes Jagen der Hilpentritſchen auf irgend einer mythologiſchen Grundlage beruhe, zeigten ſchon die Mitteilungen Gräters in Iduna und Hermode 1813 S. 88, wo er unter den in der Reichsſtadt Hall in Schwaben vorhandenen Ueberreſten des Heidentums „Die Sage von dem Jagen des Elpen⸗ Drötſchs, d. i. Elfendroſts oder Elfenkönigs“ aufführt, eine Andeutung, die er, nur kürzer ebdſ. 1814 S. 102 wiederholte. Schmidt Schwäb. WB. S. 162, welcher „elpendrötſch, tölpentrötſch, M. ein ungeſchickter Kerl“, eben ſo wie Schmelier 1, 48 „Alberdrütſch (Almedrütsch, Alpedrutsch, Olpetrütsch, Dreipetrütsch) Benennung einer albernen ungeſchickten Perſon“ hat, führt auch die Redensart an: „den Elpentrötſch jagen, einen zum Beſten haben“, als eine in Würtemberg, nicht bloß in Schwäbiſch Hall, vorhandene Redensart. Grimm d. Myth. (2) 412 führt den erſten Theil unſeres Wortes in unwider⸗ ſprechlicher Weiſe auf die Elben zurück, den zweiten Theil, und das Jagen des Elpendrötſchs läßt er S. 883 unerklärt; daß die Hilpentritſchen in Hersfeld vor⸗ kommen, hat er aus meiner Mitteilung. Nun paſſt die Würtembergiſche Redensart bei Schmidt allerdings auf den Hersfelder Act; aber die Angeführten pflegten niemals etwa ſelbſt Hilpen⸗ tritſchen genannt zu werden, was doch nach Schmidt und Schmeller eigentlich hätte Statt finden müßen, und ohnehin iſt aus Gräters Andeutung nicht einmal ganz klar, ob der Elpendrötſch ſelbſt jagt oder gejagt wird. Es wird jedenfalls dabei bleiben, daß die Hilpentritſchenjagd urſprünglich eine mythiſche Jagd ge⸗ weſen iſt, die Hilpentritſche ein mythiſches Weſen. Nun aber iſt ilmelritsch noch jetzt auf dem Vogelsberge (Herbſtein, Herchenhain, Schotten, Gedern) der Name der wilden Ente. Sollte nicht Elben⸗ trötsch, Hilbentritsche urſprünglich der Name eines Waßergeiſtes, parallel den Schwanjungfrauen, geweſen ſein, und ſich dann auf flüchtige Waßerthiere, die Ente, vielleicht auch die Flußotter (lutra), zurückgezogen haben? Unter dieſer Vorausſetzung würde das Jagen des Elbendrötsch oder der Hilpentritsche eine Verfolgung der Waßergeiſter ſein, wie ſie in den Nibelungen von Hagen gegenüber den Meerminni, Hadburg und Sigelint, erſcheint (1475 f.), und wie eine ſolche Verfolgung auch ſonſt öfter vorkommt, Grimm Myth. (2) S. 399 — 400, naͤmlich, um ihnen Ring und Gewand zu entwenden und ſie dann ſich weiſſagen zu laßen. Als der Mythus erblichen war, erſchien dieſe Ver⸗ folgung als etwas Albernes, und ſo konnte denn dieſer Mythus in der wirklichen Welt nur als „zum Beſten haben“, endlich auch in der Hersfelder Gymnaſiums⸗ geſtalt erſcheinen. Wo aber der Name auf Thiere übertragen wurde, da fand begreiflicher Weiſe auch noch eine wirkliche Jagd Statt, und es ſcheint faſt, als ob in der Hersfelder Hilpentritſchenjagd Beides, das Foppen (Jagen nach einem eingebildeten Weſen) und die wirkliche Jagd (auf Flußottern) ſich verſchmolzen hätte. Himmerich msc., Name von Walddiſtricten, welcher ziemlich häufig, zumal in Oberheſſen, vorkommt, und hier ſogar noch als Appellativum erſcheint: „26 Ruthen, der Hemmerich, der Haub genannt“ bei Lohra (Marburger Be⸗ zirksblatt 1849. No. 9. 1. Beil. Sp. 1); der Himmerich bei Schröck, von welchem der Himbeerweg nach Schröck führt. Ohne Zweifel iſt Himmerich =— ahd. hindberahi, mhd. hindberehe, hindberech, Himbeergebüſch, und müßte eigentlich neutral ſein, wie Dickicht, Röhricht. Vgl. Grimm Gramm. 2, 312— 313. hin, wird vor Adverbien proklitiſch und folglich ſtumm, mil Aphäreſis, behandelt, wie in dem gröſten Theil von Deurſchland; es kommt dieſe Prokliſis 5 — n 170 Hiadlüft — Hippel. in den Wörtern nauf, nauß, nein, nüber und nunter vor; nab findet ſich in Niederheſſen gar nicht. Hindlüft fem., die Wurzel von Cichoria intybus, auch die Pflanze ſelbſt; im Schmalkaldiſchen. hinern, lang gezogene Schmerzenslaute ausſtoßen; von Menſchen (bei Zahnweh, bei Schwären u. dgl.) und Thieren gebräuchlich. Im öſtlichen Heſſen und in Schmalkalden. Vgl. Schmeller 2, 202, wo offenbar eben dieſes Wort aus dem 15. Ih. als hüenen, aus dem 17. als hienen aufgeführt iſt. Hingabede, Hingaebede kem., im Schmalkaldiſchen, Hingabel i., im Fuldaiſchen, die Verlobung, zumal der Verlobungsſchmaus (Weinkauf im übrigen Heſſen). Hingabet halten, die Verlobung feiern, wie: Weinkauf halten. HIink el nente., ſtatt Hünkel, d. i. huonicln, im ganzen weſtlichen und ſüdlichen Heſſen die Benennung nicht allein des Küchleins, ſondern auch des Huhns. Metaphoriſch iſt das Wort ſehr gebräuchlich zu ſchmähender Bezeichnung einer albernen Frauensperſon: Hinkel, dummes Hinkel. Die am 9. September 1861 bei Marburg von ihrem Schwängerer, dem am 14. October 1864 ent⸗ haupteten Ludwig Hilberg aus Ockershauſen ſcheußlich ermordete Dorothea Wiegand führte den Spottnamen „das Hinkel“ ganz eigens. Hlinkelhopch msc., Hünerhabicht, Habicht. Stift Hersfeld. hinne, auch wol abgekürzt hin, anſtatt hier inne; eine in ganz Heſſen äußerſt übliche Verſchleifung. „Bleib hinne!“ „Er hats hinne in der Stube geſagt“. „Ich bin hin geblieben“. Hintersiedler msc., Bezeichnung einer Klaſſe von Bauern in den öſtlichen Bezirken Heſſens, und zwar vorzugsweiſe in den adligen Dörfern, welche kein volles Bauerngut beſitzen, nicht alle Pflichten und Rechte der eigentlichen Bauern haben, und durchaus nur Ochſen, niemals Pferde, zur Beſtellung ihres Gutes verwendeten, während die Bauern nur Pferdebeſpannung hatten. Eſtor t. Rechtsgel. 1, 792 (§. 1948) ſagt: „Die hinterſiedler waren diejenige, welche ein geringes adeliches gut zum afterlehn trugen“. Dieß iſt in ſo fern unrichtig, als die Hinterſiedler keine Afterlehnsträger waren, wie denn auch Eſtor ſelbſt ſagt, ein Hinterſiedler könne für einen Afterlandſiedel nicht gehalten werden. Nur der geringe Umfang des Lehngutes (Gutes) machte den Hinterſiedler zu dem was er war. hinterstellig, zurüc bleibend, nicht mehr fort könnend; das Wort wird in Oberheſſen und in der Grafſchaft Ziegenhain, auch weiter nach Nieder⸗ heſſen hinein, für hinfällig, kränklich, ſehr gewöhnlich gebraucht: „ich ſein ganz hinderſtellig, ich ſein gör naut me notz“, oft gehörte Klage der senes decrepiti. Hinwurf msc., ein ſehr gebräuchliches Wort in der allgemein geläufigen Redensart: „es iſt kein Hinwurf“, es iſt keine Kleinigkeit, nicht ohne Belang oder Bedeutung, z. B. „ich habe zehn Thaler verloren, das iſt doch kein Hinwurf“. hinzeln, ſpotten, höhnen. Obergrafſchaft Hanau, Oberheſſen. hinselig, ſpöttiſch; ebendaſelbſt, in Oberheſſen häufiger als das Verbum. Gſtor t. Rechtsgl. 3, 1411. Hippel msc. hat Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1411 als oberheſſiſch für peuis. Das Woft ſoll vereinzeit in dieſem Sinne vorkommen. Hippela — Hitz. 171 hippeln, hinken, auch zappelnd, gleichſam hinkend, laufen. Ziemlich allgemein üblich, aber von hicheln, welches weit eigentlicher das Hinken bezeichnet, beſtimt unterſchieden; mit hippeln wird das Hinken ſtets halb oder ganz ſcherz⸗ haft bezeichnet. „Sieh, wo hippelts hin, das loſe Säckgen“. Filidors ver⸗ meinter Printz S. 8. Hippenbube msc., ein bekanntes oberdeutſches Scheltwort, einen untergeordneten, zu den allergeringſten Dienſten gebrauchten und als caput vile, Hudel, behandelten Knaben bezeichnend. Fiſchart Garg. 1582 J8b und ſonſt bei S. Brant, Th. Murneru. A. häufig. In Heſſen findet ſich dieſes Wort nur in Marburg, und hier wieder doch nur in den beiden Vorſtädten Ketzerbach und Weidenhauſen üblich, auch ganz in der alten Redensart am gebräuchlichſten: „einen herunter machen, wie einen Hippenbub“. Oft wird, namentlich an der Ketzerbach, freilich auch geſprochen: Hipperbub. aushiepen, verſpotten, verhöhnen, zumal öffentlich; daſſelbe was ſonſt holhippen, holhiepen iſt (bei Brandt, Luther, Ftſchart und überhaupt in der ganzen Literalur des 15 — 16. Jarhunderts häufig), welche Form ich bis jetzt in heſſiſehen Schriften nicht gefunden habe. „das der arm nit allein den ſchaden hait, ſondern auch den ſpot, dann er wurd allenthalb veracht vnd außgehiept“. J. Ferrarius Von dem gemeinen Nutze. 1533. 4. Bl. 20b. Hirmese fem, Entſtellung des Worts Horniße in der Obergrafſchaft Hanau. Schmeller 2, 238. Hirz msc., oft Herz geſprochen, im Schmalkaldiſchen Hirs, iſt in Heſſen überall, kaum mit Ausnahme weniger Städte, der übliche alte Name des Hirſches, hiruz. Selbſt in den niederdeutſchen Bezirken wird herz, nicht hert, geſprochen. Soll der männliche Hirſch bezeichnet werden, ſo heißt er Hirzbock (Herzbock, plattd. Herzebock). Dahin gehören die Ortsnamen Herzberg (1298 Hirzhere), Sehloß im Amt Oberaula, den Freiherren von Dörnberg zugehörig, welcher Berg neben dem Döhnberg (Dammhirſchberg) und dem Richberg (812 rech- berc“ d. i. Rehberg) eine der bedeutendſten Höhen des Knüllgebirges bildet, und Hirzbach (Hof im Amt Windecken). Außerdem gibt es einen Hirzberg am Habichtswald und eben daſelbſt auch einen Hirzſtein, einen Hirzwald bei Wachenbuchen, einen Herzberg bei Lieblos. Dagegen hat der durch ſeine reichen Braunkohlenlager bekannte Berg bei Großalmerode die moderne Form: Hirſch⸗ berg; ein zweiter Hirſchberg findet ſich bei Flörsbach im Speſſart. Klammhirz (msc.), im Schmalkaldiſchen der Name des Feuerſchröters, Hirſchkäfers; im übrigen Heſſen hin und wieder auch Knipphers genannt. Im Kreiße Hünfeld heißt dieſes Inſekt bloß Hirs. S. Niggemoere, Petzgaul. Redensart: „ich möchte grade ein Hirz (Hirſch) werden“ = ich möchte davon laufen, außer mir kommen, wie in älterer Zeit „ich möchte ein Wolf werden und zu Walde laufen“ gebraucht wurde. Haunthal, Schwarzenfels, auch ſonſt hin und wieder gebräuchlich. Initz, Hetz. Iieze, Hisse fem., die in Heſſen üblichen Lock⸗ und Schmeichelnamen der Ziege (Geiß). In Niederheſſen, im Ziegenhainiſchen und in dem größern Theil von Oberheſſen ſpricht man Hitz („Hitz dä“), im Fuldaiſchen, wie auch in einem Theile von Oberheſſen (und in der Wetterau ſ. Weigand im Intell. Bl. f. Oberheſſen 1846. No. 61. S. 248) Hetz (ſo Eſtor S. 1411: Hözze eine ziege), in Schmalkalden Hieze, wo auch das Geiß⸗ ſpiel der Knaben (ſ.Häkel) der Hieze ſpielen genannt und eine magere Frauens⸗ perſon Hieze, dürre Hieze geſchinpft wird (I. Ziege), in den niederdentſchen 9 ●— 9 1 — — 172 Bezirken Hisse. Bemerkenswert iſt in dieſem zur Zeit noch unaufgeklärten Worte der Wechſel zwiſchent (baieriſch wird die Ziege Hett, Hettel gelockt Schmeller 2, 256), 2 und s. Rng. † 4 Wgl. Heppe. † 14 Hoch msc. und neutt., zweizinkiger Haken, welcher zum Herausziehen des Miſtes aus den Ställen, zum Herbeiziehen der Garben, Strohgebunde u. dgl. gebraucht wird; oft auch Haken (einzinkiger) überhaupt. Oberheſſen (Amt Wetter, Frankenberg). „1 fl. wird geſtraft Herman Hofmeiſter zu Steinerzhauſen, dz er ſein Knecht mit einem kornhoch geſchlagen“. Wetterer Bußregiſter von 1576. „2 ¼ fl. wird geſtraft Johannes Heiſen Sohn zu Niederwetter, das er Sigfrid Naumann zu Rosphe ein hoch veruntreut“. Ebdſ. v. 1596, und öfter. Die Form Höch ſtatt Hok (wiewol zuweilen auch flök geſprochen wird) muß auf der ahd. und mhd. Nebenform häge, hagge beruhen. Graff Sprachſch. 4, 763. 49, Aa744 Hochzeiter msc., Bräutigam. Wird nur in den ſüdlichſten Gegenden von Oberheſſen gebraucht, in Niederheſſen und weiter völlig unbekannt. Hof msc., in dem gröſten Theil von Niederheſſen, in der Grafſchaft Ziegenhain, in Oberheſſen, Fulda, Hanau, wie gemeinhochdeutſch, doch faſt nur von einem gutsherrlichen (landesfürſtlichen, adligen) Beſitztum oder von einem einzelnen Gehöfte, nicht von der Hofſtätte gebräuchlich. Dagegen bedeutet Hof in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Bezirken, ſo wie an der ganzen Werra, von Wanfried bis Witzenhauſen, ſodann an der Eder und den Zuflüßen der Schwalm bis herauf nach Sebbeterode: Garten, was ſonſt Hof genannt wird, heißt hier (wie auch ſonſt in Heſſen) Hofreide (ſ. d.). † /f) Pflansenhof, Krautgarten N/ PeeAny J ½ Grashof, Grasgarten. In den bezeichneten Gegenden iſt Garten faſt ganz unüblich. Das alte, einen ziemlich anſehnlichen Raum im Walde bei Dreihauſen einſchließende Gemäuer, der Hof genannt, iſt weder ein Römerlager noch der Reſt einer ehemaligen Burg oder gar Stadt, ſondern der Bergungsort für das Vieh in Zeiten kriegeriſcher Ueberfälle, wie deren am linken Rheinufer und im ſüdlichen Deutſchland in großer Zal, auch mit der ſicherſten Erinnerung an ihre ehemalige Beſtimmung, vorhanden ſind. Hofmann 1) ein zum Hofe gehöriger Leibeigener. 2) der Leihebeſtänder eines Ackergutes, der Landſiedel. In dieſer Be⸗ deutung erſcheint das Wort einzeln ſchon in Urkunden des 15. Jarhunderts, ſehr häufig im 16. und im 17. Jarhundert. „Wie einem treuen landſiedeln vnd Hoffmann gebüert“. Ebsdorfer Leihebrief von 1597 bei Lennep Leihe zu LS9t. Cod. prob. S. 74. Und ſo in gedruckten und ungedruckten Urkunden äußerſt häufig. 3) der Aufſeher über die Dienſtleute des Hofes (Domäne oder Edelhof); er hatte die Dienſtleute anzuheißen, die Anweſenden zu verzeichnen, die Abwe⸗ ſenden zu bemerken und anzuzeigen und die Aufſicht über die Arbeiten der Dienſtleute zu führen. Auch war er wol zugleich Obmann über das niedere Geſinde (Hutejungen u. dgl.). In der ſpäteſten Zeit der Exiſtenz der Dienſte ſprach man jedoch gar nicht mehr Hofmann, ſondern Hohmann, eine Form, welche ſogar Familienname geworden iſt, und ſich einzein allerdings ſchon im 17. Jarhundert findet. Hlôch — Hofmann. Hofreide Holle. 173 Wofreide fem., in Heſſen allgemein üblich für die unbebaueten und zu ökonomiſchen Zwecken benutzten Raum an dem Bauerngute und dem Hauſe überhaupt; es wird dieſes Wort auch in denjenigen Gegenden gebraucht, wo Hof nicht in der Bedeutung von Garten verwendet wird (ſ. Hof). Die Hof⸗ ſtätte wird nicht leicht mit dem einfachen Hof bezeichnet, ſtets Hofreide. Das zweite Wort der Compoſition iſt noch nicht hinreichend ermittelt, was Adelung unter Hofreite und Reite darüber ſagt, iſt nichtig. Ueberall, wo Hofreide ſeit dem Anfange des 16. Jarhunderts in Heſſen erſcheint (aus dem 15. Jarh. fehlen mir Belege) wird es mit d, niemals mit t geſchrieben. Das Wort findet ſich, wie hier, in Thüringen und Meiſſen; bei Schmeller aber fehlt es. Seltſamer Weiſe ſpricht man in und um Wolfhagen: Hofereiſe. Höckel msc., Bündel. Im Fuldaiſchen, beſonders an den Abhängen der hohen Rhön (Schwarzbach) gebräuchlich. dchocke, Gehöcke neutr., 1) unbequemes Liegen, Stehen, beſonders im Gedränge von zuſammen liegenden, ſitzenden, ſtehenden Menſchen; Gedränge; 2) Haufe unordentlich aufeinander gehäufter Gerätſchaften, z. B. bei dem Ein⸗ packen. Behufs Verhauſung gibt es ein Gehocke von Kiſten, Koffern u. dgl. 3) altes baufälliges Haus. 4) Schimpfwort für einen höckrigen, oder auch ſonſt unanſehnlichen Menſchen. Dieß nur im Schmalkaldiſchen. hokern, klettern, beſondern von Kindern, welche auf Bänken und Stühlen herum hokern; auch von Ziegen, weshalb man ein zu ſolchem Hokern geneigtes Kind auch eine Hökergeiss nennt. Holle fem., 1) Frau Holle, die heſſiſche Ausſprache von Hulda, Frau Hulda. S. J. Grimm d. Mythol. S. 244 f. Was in der Volksſprache von der Frau Holle wirklich vorkommt (denn viele der neueren Erzälungen von der Frau Holle ſind wie valicinia post eventum, nach dem Bekanntwerden der Wichtigkeit der mythologiſchen Sagen anderswoher entlehnt, theilweiſe componiert, einige erfunden; wenige ſind echt, und dieſe ſtets nur Wenigen bekannt geweſen) beſteht in Folgendem: 1) ein Tümpel unterhalb der Kalbe am Meisner führt den Namen Frau Hollen Teich; 2) wenn bei Thauwetter ungewöhnlich große Schneeflocken fallen, heißt es: die Frau Holle macht das Bett; dieß faſt nur in Niederheſſen; 3) in Oberheſſen wird das Nachtwandeln genannt: mit der Holle faren, oder abgekürzt: hollefaren. So auch auf dem Weſterwald. Schmidt, S. 73. 4) Hollenzopf iſt in Oberheſſen und auf dem Weſterwald die Bezeich⸗ nung eines verworrenen Haarzopfes der Weiber, ſo wie der in langen Zöpfen herabhängenden Baumflechte an Bäumen im hohen Gebirg (Adelung 2, 1266: Höllenzopf; Schmidt S. 341); auch wird ein wirres Haar ſehon Hollehaar, Hollekopf genannt, auch wol von dem Träger (mehr von der Trägerin) eines ſolchen Haares geſagt: „Du biſt ja mit der Holle gefaren“. Unter letzterem Ausdruck aber meint man alsdann eine eigentliche Hexenfart, wie dieß auch Eſtor S. 1411 angibt. ²) Haube auf dem Kopfe der Vögel: Hollenhüner; ein Kanarienvogel mit einer Holle. Allgemein üblich. 4— — — — 174 Höſperle — hopp. Hölperle fem., eine der mitleidloſen Verſtümmelungen, welche der Schmalkaldiſche Dialect mit den Wörtern unſerer Sprache vornimmt. Dieſes Wort iſt die Entſtellung von Heidelbeere, vaccinium myrkillus. Schmeller 2, 173 will Hol-ber verſtehen, und zieht ſogar Schwediſches zur Rechtfertigung von Hölperle herbei, indes kaum mit einigem Erfolg. Holsche fem., meiſt nur im Plural: Ulolschen gebräuchlich, iſt an der Diemel die übliche Bezeichnung der dickſten Sorte Kartoffeln (ehedem: engliſche Kartoffeln), welche vorzugsweiſe zum Viehfutter gebraucht wurden. Ohne Zweifel iſt das Wort nichts anderes als Holsschuh, welches Wort auch in jenen Ge⸗ genden, wie weiter ſüdlich, Holsche geſprochen wird, und nur das Genus iſt geändert worden. Jene Kartoffelſpecies trug in der That ziemlich die Form und Größe eines Holzſchuhes. Hôme msc., Kummet. Oberheſſen, auch Häme geſprochen, wie am Niederrhein, während in Heſſen in der gewöhnlichen Ausſprache das a überall in d übergeht. Die ſlaviſche Form dieſes der ganzen indogermaniſchen Sprach⸗ familie gemeinſamen Wortes, die Form Kummet, reicht nur bis in die Grafſchaft Ziegenhain, wo Kummet und Häme neben einander (z. B. in Treyſa) vor⸗ kommen. In Oberheſſen iſt die deutſche Form Häme, Höme ausſchließlich üblich, wie auch am Niederrhein (ſ. Klein Provincialwörterbuch S. 283, nur daß, wenn wirklich irgendwo Hamme geſprochen wird, dieß ſelbſt am Niederrhein nur in beſchränktem Umfang Statt haben kann). Griech. xyuöc, lat. camus, ruſſ. chomüt, böh. chomaut, poln. chomato; deutſch (Gloss. Mons. zu 2 Reg. 19, 28) chamo. Homen, Kummete werden nur für die Hinterpferde am Wagen gebraucht, die Vorderpferde und die vor Pflug und Egge geſpannten bekommen ſtatt des Homen den Silen. Homme fem., Ohrfeige. Im Fuldaiſchen, anderwärts nicht üblich, dafür Huſche (Stift Hersfeld und ſonſt). hommen, hummen, vom Brüllen des Rindviehes, namentlich von dem kieftonigen Brüllen deſſelben (dem Brüllen nach Futter) der eigentümliche und überall gebräuchliche Ausdruck, deſſen, wie ſo vieler ähnlicher, die Schrift⸗ ſprache zu ihrem Nachtheil entbehrt. verhônen; „es rerhönt mie“, ich empfinde die tiefſte Schmach, ich bin auf das Empfindlichſte beleidigt. Schmalkalden. Vgl. verschmähen. Honig bezeichnet in Oberheſſen ſowol den eigentlichen Honig, als das aus Baumfrüchten gekochte Mus (Compott); es gibt demnach in Oberheſſen Bienhonig, Birnhonig, Quetſchenhonig (Zwefſchengus), Aepfelhonig und Wachholderhonig (letzterer im Hinterlande). 77. Pef el⸗ iin /. 5 35. Honkel neutr., ein an der Schwalm übliches Deminutiv von Hand, meiſt in der Anrede an Kinder: ein Honkel geben. Honnet fem., Schabernad, nach Eſtor 3, 1411 in Oberheſſen üblich; ſeitdem ſcheint das Wort erloſchen, falls es nicht, wie einige andere Wörter Eſtors, auf einem Misverſtändnis beruhet hat. Vielleicht hat es, wenn es wirklich exiſtiert hat, eine ſpecielle Bedeutung gehabt, denn Eſtors Artikel lautet vollſtändig: „Honnet, der ſchabernack, der braut die honnet thun“. hopp sein, eine in ganz Heſſen wie auch anderwärts übliche, nicht bloß ſchergwenſe vervendete, Forwel für: verloren ſeine bantereis jeia, tedt ſein. Eſtor S. 1411. Höpper — Host. 175 Höpper msc., d. i. Hüpfer, Name des Froſches an der Diemel, wo man Froſch gar nicht, Pogge nur ſehr ſelten hört. Hüpper msc., im weſtlichen Heſſen die Bezeichnung der zum Kinder⸗ ſpiel dienenden Schnellkügelchen (Wacken, Schoßer, Merbel); auch Anipshüpper genannt. Das Spiel iſt übrigens, namentlich als ein an alte ſtrenge Regeln gebundenes, wie es im öſtlichen Heſſen auftritt, im weſtlichen Heſſen weniger üblich. Hormel mse, Rauſch, Betäubiheit, Koller, „Nappel“ im Kopfe. Sehr allgemein üblich. In neueſter Zeit iſt neben Hormel, namentlich für einen hef⸗ tigen Rauſch, auch der Ausdruck „Sturm“ in Uebung gekommen. hormeln hat Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1411 mit der Bedeutung: leiſe ſingen; auch wird das Wort, jedoch nicht ausſchließlich in Oberheſſen, in einem ähnlichen Sinne wirklich gebraucht: unartieuliert, ſummend oder brummend, ſingen, in ſingendem Tone murmeln. Hornaffe msc., ein halbmondförmiges Weizengebäck, in Schmalkalden, Kaſſel, Fulda und anderwärts üblich, in Oberheſſen unbekannt; indes führt daſſelbe in Fulda nicht den Namen Hornaffe, ſondern Krummeschen. Daher rührt der in Schmalkalden und anderwärts vorkommende Familien⸗Name Horn⸗ äffer, Hornef, ein Hornaffenbecker. Vgl. Schmeller 2, 239. hörnen, hürnen, ins Horn blaſen, ein neben däten, düeten (täten, tüeten) im Gebrauche befindlicher Ausdruck. Die Dienſtleute mußten früh Mor⸗ gens, „wenn der Hirte hörnt“ zuſammenkommen und angehen (die Arbeit an⸗ fangen). Dieſe Ordnung wurde, wo und ſo lange Dienſte beſtanden, feſt beobachtet, auch kommt ſie öfter urkundlich bezeugt vor, z. B. in einem Abſchied der Regierung zu Kaſſel von 1539 in einem Streite der von Löwenſtein mit den Dienſtleuten zu Zweſten Lennep Leihe zu LSR. C. pr. S. 497. Auf Gertruden⸗ tag hörnte der Hirt zum erſtenmal (zum Viehaustrieb). Hornickel msc, lange Stange, an welcher ein eiſerner Haken befeſtigt iſt; ein Geräte, welches vorzugsweiſe zur Hebung und Heranziehung der Bau⸗ ſtücke (Schwellen, Riegel, Träger) bei der Aufrichtung des Zimmerwerkes eines Gebäudes benutzt wird. Landes O. 6, 834. Kopp Handbuch 5, 309. Die Benennung iſt am üblichſten in der Grafſchaft Ziegenhain, dann in Oberheſſen, indes auch in Niederheſſen nicht unbekannt; auch iſt ſie ein in Heſſen ſchon alter Familienname, z. B. iſt der Hof Hälgans bei Hersfeld ſchon ſeit drei Jarhun⸗ derten im Beſitz der Familie Hornickel (Harnickel). Eſtor S. 1411. Hoselümper msc., der Lumpenſamler, welcher bis auf die neuere Zeit die Dörfer, früher auch die Städte, zu durchziehen und die Einwohner durch das Pfeifen auf einer eigentümlichen Pfeife, der Hoſelümperpfeife, auf ſeine Gegenwart aufmerkſam zu machen pflegte. Da er dieß auf den Dörfern beſonders bei Regenwetter that, weil er zu dieſer Zeit die Einwohner am ge⸗ wiſſeſten zu Hauſe traf, ſo hieß es: „der Hoſelümper pfeift, es gibt Regen“. Auch ſprichwörtlich: „Junge, was biſt du für ein Hoſelümper“ d. h. wie haſt du deine Kleider zerrißen. Eſtor S. 1410. Hoſelümperwaare, kleine geringe Kurzwaaren, dergleichen der Lumpenſamler für die Lumpen zu geben pflegte, denn dieſer Lumpenkauf war niemals eigentlicher Kauf⸗, ſondern durchweg Tauſchhandel. hosselich, hoselich ſ. huscheln. HIost mse, niederdeutſche Ausſprache von Hurst, Staude, Stengel (Kraut⸗ 5 ● 0 — — * — 8 176 Hötsche — Hüchel. hoſt). Nur in den weſtfäliſchen Diſtrieten üblich (wo das r überhaupt leicht übergangen wird; man ſpricht auch Fikkel ſt. Ferkel u. dgl.). Hötsche 1) fem. das gemeinhochdeutſche Hütſche, iſt nur im Schmal⸗ kaldiſchen in der allgemeinen Bedeutung Bank gebräuchlich. 2) neutr. (Hölsch) das halberwachſene, von der Kuh entwöhnte Kalb, während das Milchkalb Molschel (ſ. d.) heißt. Schwarzenfels. hott, der in Heſſen wie in ganz Deutſchland übliche Zuruf an das Zug⸗ vieh, ſich rechts zu halten. Während har und west verſchieden angewendet werden (ſ. här) gilt hott für Pferde und Ochſen überall ohne Unterſchied. Iſt här wirklich keltiſch, und bedeutet es links und weſtwärts, ſo wird hott wol auch keltiſch ſein und rechts, oſtwärts, vorwärts bedeuten müßen. hotteln, auch wol, doch ſelten, kotten, bezeichnet den Scheidungsproceſſ der Milch, wenn ſie „zuſammenlauft“, d. h. Käswaßer und Käſeſtoff ſich ſcheiden (wie das bei einem Gewitter zu geſchehen pflegt). „Die Milch hottelt“, „die Milch iſt gehottelt“. In ganz Heſſen üblich; anderwärts, wie es ſcheint, bald gar nicht, bald nur ſelten vorkommend. Hotten plur. tant., Schwingäoten, die wolligen Flachsabfälle, welche ſich bei dem Schwingen des Flachſes bilden. Niederheſſen, zumal in der Knüll⸗ gegend. Schmidt weſterw. Id. S. 73 hat Hotg, mit gleicher Bedeutung, namentlich der richtigen Bemerkung, daß der bei dem Hecheln ſich bildende Ab⸗ fall Werg heiße. Kehrein Volksſprache und Volksſitte im H. Naßau S. 199 hat Hodch, aber ſicherlich unrichtig ſür die Abfälle, welche ſich beim Hecheln bilden. In Oberheſſen werden die Hotten (ein daſelbſt ungebräuchliches Wort) unterſchieden in Wôdch, welches dem naßauiſchen Hodch nahe komt, und Uswick. Hotz fem., Wiege. Zwiſchen der Fulda und Werra, ſo wie weiter an der Werra und in Thüringen faſt einzige Bezeichnung dieſes Gerätes. Vgl. Joh. Rothe bei Menken S. 1701. Adelung u. d. W. Hotzel fem., auch Hutzel, getrocknete Birne, hier allgemein, wie auch ſonſt in Deutſchland, üblich. Vgl. Backsbeere. verhotzeln, verhutzeln, einſchrumpfen; „der Kuchen iſt ganz verhotzelt (im Backen misraten durch zu ſtarke Ofenheizung); „eine alte, ganz verhutzelte Frau“; „ein verhutzelt alt Männchen“. Allgemein üblich. behuben, nötig haben. „Cathar du leſſeſt es dihr ſauer werden, du behuebeteſt es nit“ (du brauchteſt es gerade nicht, hätteſt es nicht eben nötig). Eſchweger Hexen Pr. Acten v. 1657. ziächel msc., Heuchel (ſo wird das Wort ſtets geſchrieben, geſprochen dagegen wird es Hichel), Hauſe von Getreidegarben, welche alsbald nach dem Schnitt gebunden und zum Dürrwerden und Nachreifen im freien Felde zuſammen⸗ geſtellt werden. Oberheſſen und Grafſchaft Ziegenhain. In älterer Zeit wurde das Wort auch wol von jedem Haufen, namentlich auch von den Heuhaufen, gebraucht, wofür jetzt lieber Hauſte (ſ. d.) geſagt wird. „½ I (wird geſtraft) der Hirt zu Sarnaw das er den Gosfeldern in ihr feld durch ihr korn heuchel gehuetet hat. Wetterer Bußregiſter von 1591. „½ fl (wird geſtraft) Wevgandt Zeis zu Asphe, das er Weiners Herman ſeine pferde des nachts die haffer heuchel etzen laßen“. Ebdſ., und ſo in den Bußregiſtern, Ernteregiſtern u. dgl. „ein wißgen zu eym heuchel hawes“; „ein wißen läppgen zu iij heuckel hawes“ Güterverzeichnis vom Burgwald von 1558. Eſtor deutſche Rechtsgel. 1, 580 (§. 1423) behandelt Heuchel als ſynonym mit Hauſte. Huchen — Huck. 177 Hichel kem. wird in Niederheſſen für Stirnrunzel gebraucht. Vgl. das baieriſche Hifel Schmeller 2, 155. huchen, susammenluchen, zuſammenſinken, vor Schwäche und Alter; von Menſchen vorzüglich, aber auch von kranken und alten Thieren (Pferden) gebraucht, und ziemlich allgemein üblich. Hudel msc., Stück Tuch oder Leinwand, Lappe, Lumpen. Das Wort iſt im Fuldaiſchen, im Hersfeldiſchen, in der Obergrafſchaft Hanau und in Ober⸗ heſſen üblich, in Niederheſſen nicht einmal bekannt und verſtanden, geſchweige denn gebräuchlich. Im Fuldaiſchen, wo man Huidel ſpricht, bezeichnet das Wort meiſtens ein zu einem beſondern Gebrauche beſtimtes Stück Tuch, weniger ein zerrißenes Kleidungsſtück: Tröckelhuidel, Handtuch; Waschhuidel, Waſchtuch, Abputztuch; Knephuidel, Knüpftuch, welches von den Frauensperſonen um den Kopf gewunden wird. In Oberheſſen iſt am gebräuchlichſten die Compoſition Handerhodel (Handerhaddel), Handtuch. In Schmalkalden iſt Hudel nur zer⸗ rißenes Kleidungsſtück, Lumpen. Eben ſo iſt im Hersfeldiſchen Hoddel der mit Lumpen umwickelte Backofenfeger, und eben ſo auch im Schwarzenfelſiſchen, nur daß hier der Name dieſes Gerätes Hull ausgeſprochen wird. Eſtor hat S. 1410: „Hadein, lumpichte kleider“. Hierhet gehört auch Knophodael (ſ. d.), welches Wort zweifelsohne kein?1'1 anderes iſt, als das vorher erwähnte Fuldaiſche Knephuidel: Tuch welches (in Ermangelung eines Hutes) um den Kopf gewunden wird, alſo metaphoriſch den „pofel“ bezeichnet, welcher nur Lumpen um den Kopf zu wickeln hat. Durch die Formel Haddel und Hoddel ſchließt ſich dieſes Wort an das gemeinhochdeutſch gewordene Hader, Lumpen, an. Das Wort iſt entſchieden oberdeutſch; häufig kommt es bei Geiler von Keyſersberg vor; auch Alberus verzeichnet es. Friſch 1, 470. Adelung 2, 1300. Zeitſchr. f. heſſ. Geſchichte und Lg. 4, 75. Hudler msc., bekanntes älteres, noch jetzt in Oberheſſen in der Form Huller übliches Schimpfwort = Lump. „4 gulden (wird geſtraft) Hans Schrett Bürger zu Rauſchenberg das ehr Curtt münchen daſelbſten ein Hudler geſcholden“. Rauſchenberger Bußregiſter von 1604. Auch hudeln wird in der Form hullen in Oberheſſen gebraucht; es bedeutet ſchlecht behandeln, namentlich Dienſtboten und Kinder. Vgl. Huich, Hudich. hudern, auch iuidern, luddern, lutern geſprochen, bezeichnet im Ful⸗ daiſchen das wiehernde Atmen der Pferde, auch wol das Wiehern ſelbſt. Hudergeisz, Huidergeiss fem., die Heerſchnepfe, Beccaſſine, von ihrem dem wiehernden Hervorſtoßen des Atems der Pferde, welches doch wieder mit dem Meckern der Geißen Verwandtſchaft hat, ſo genannt. Fulda. huͤf, wie auch ſonſt und wol allgemein in Deutſchland der Zuruf an das Zugvieh, um daſſelbe zum Zurückgehen, zum Einhalten und Zurückſchieben des Fuhrwerks zu bringen. Auch abundant: hüf zurückt hdfen, einhüfen, zurück häfen, das Fuhrwerk zurück ſchieben, und machen, daß daſſelbe zurück geſchoben wird. Auch figürlich: von dem Angefangenen ab⸗ ſtehen, die gethanen Schritte zurück thun oder zurück nehmen, von etwas ablaßen. Vgl. Journ. von u. für Deutſchl. 1786, 2, 116 aus der Grafſchaft Hohenſtein. Uuck msc., hervorragender Hügel, Verg. „Den 28. Januarii kriegen Bilmar, Idiotikon. 12 Huckeln — Hüne. 178 wir einen huck landes inß geſicht, ler Cape de S. Auguſtin genant“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567 fol. 2, Bl. 28a). Dieſes, im Leben gegenwärtig, ſo viel ich weiß, nur noch ſelten vorkommende Wort iſt daſſelbe, was in Eigennamen vieler Berge in der Rhön und im Thüringerwalde erſcheint: Eierhauk, Donnershauk, Geringshauk u. ſ. w., und dieß iſt nichts anderes, als das mhd. houe, collis, aus welchem unſer gemeinhochdeutſches Hügel als Deminutiv entſtanden iſt. Hierher gehört auch der Name der, nicht weit nördlich von der Stadt Wetter gelegenen Burg Elinhouc, Elnhoch, welcher jetzt durch Vorſetzung des Flexionsreſtes m und durch Abwerfung des e Melnau lautet. Noch 1521, als man bereits Melnau ſprach, wurde das alte Genus beibehalten: „zu dem Melnau“. huckeln, hockeln, aufluckeln, auf den Rücken ſetzen und auf demſelben tragen; vorzugsweiſe gebräuchlich von dieſer Art des Tragens, welcher für Kinder in Anwendung kommt. — Eine der grauslichſten Geſpenſtergeſchichten iſt für Kinder eine ſolche, in welcher das Wanderding ſich dem, welchem es erſcheint, aufhuckelt. Eſtor S. 1411. huckern, einhüllen und wärmen; Oberheſſen, ganz wie in Niederheſſen huttern (ſ. d.) gebraucht wird: „die Glucke huckert ihre Hinkel“, „hucker dich recht ins Bett“ u. dgl. Eſtor hat S. 1411 hutchen als oberheſſich. Huller msc., dicker Pack, Ballen, beſonders ein rund gepackter Ballen; dann auch halb ſcherzhafte Bezeichnung eines unverhältnißmäßig dicken Kindes. Schmalkalden. hullern (huillern, hüllern), rollen, kollern, von kugelförmigen und walzenförmigen Dingen. Fuldaiſches Land und Schmalkalden. Hundsschippel msc., Bezeichnung des Schwärens (doch nicht eines jeden, ſondern nur einer gewiſſen Art Schwären; welcher? habe ich nicht feſtſtellen können) im Fuldaiſchen. Hüne. Zeugen von dieſer uralten Volksbezeichnung ſind folgende Ortsnamen: Der Fluß Hauna, Hünaha, von welchem die jüngeren Dörfer Ober⸗ hauna und Unterhauna den Namen führen. Die Stadt Hünfeld, Unofelt 782, Huniorell 815. Das Dorf Hünhahn, Hunioham 815. Die Hundürg bei Dreihauſen in Oberheſſen.g l. Rag,il Lhſe Die Hünenburg bei Empfershauſen. Landau Wüſtungen S. t87. Eine zweite Hünenburg findet ſich bei Volkmarſen. Die Hüneburg im Amt Spangenberg; nach einem Saalbuch des 16. Jarhunderts: „Hüeneburg beim Assenboru“. Landau Wüſtungen S. 83. Die hüniſche Burg am linken Ufer der Diemel, zwiſchen Lamerden und Liebenau, welche noch jetzt Spuren von Befeſtigungen trägt. Landau Wüſtungen S. 28. Die hüniſche Burg zwiſchen Hofgeismar und'Kelſe, ein noch jetzt er⸗ haltenes Befeſtigungswerk, welches gegen die Hochfläche hin doppelte Gräben und Wälle hat; 1385: an der hüneschen borg; 1504: by der hunschen Borg. Landau Wüſtungen S. 35. Möglich, daß hierher auch die Heune (Häune) am Knüll und der Hundborn bei Ruhlkirchen, welcher Uonborn geſprochen wird, gehören. Auch den Namen der an der Ohm bei Betziesdorf liegenden Mühle ſpricht das Volk nicht Hainmühle, ſondern Hänmühle. Vgl. Hendappel (unter Huppel) und Künsche. Hunern — Husche. 179 hunern, hünern, ein bis zum Untergange der alten Dienſtbarkeiten und Zinspflichtigkeiten üblich gebliebenes Wort, jetzt gänzlich erloſchen. Es be⸗ deutet daſſelbe: mit einer Abgabe von Hünern, neben der Bede, belegen, und in imperſonaler Form: mit einer ſolchen Abgabe belegt ſein. „Waz vnser lude in dysem vorgenanten gerichte sitzen, sessen adir noch dryn quemen, dy sal die vorgenant Alheit (von Schrecksbach) ader er erbin beden vnd hunern, vnd wir — se dar an trangen in keyne wys“. Urkunde der Metza von Liebisberg [Lisberg] von 1369 bei Wenck 2, S. 439 (No. 414). „es hünert fort“ d. h. die Abgabe der Hüner muß, wie von der Mutter, ſo auch von den gleich⸗ falls leibeigenen Kindern fort entrichtet werden. Eſtor t. Rechtsgel. 1, §. 429. Hüner und Bede werden ſtets zuſammen genannt, z. B. „eyn eygen man, der eyn gotslehin ist, adder der nachfolgende Hern hat, den he hüner ader bede gibt“. Emmerich Frankenb. Gewonheiten bei Schmincke Monim. hass. 3, 676. Hüensche fem., Euterkrankheit der Kühe. Das Wort iſt eigentlich Adjectivum: die hiunische scil. Krankheit; es iſt (Grimm Mythol. 2. Ausg. S. 1115) eine elbiſche Krankheit gemeint: die Hexe hat einen hiunen, der hier als ein fremdes, ungeheures, böſes Weſen im Allgemeinen erſcheint, in das Euter gezaubert. Bei Adelung 2, 1200 erſcheint das Wort als Hintſch msc. und bedeutet ihm Bruſtbeklemmung und Keichen; bei Th. Murner luth. Narr 1522 Bl. lija erſcheint es als Hinſchen neben Feifel; Stalder 2, 61 hat das richtige Hünſche, aber bei ihm iſt es Milzbrand. In Niederheſſen wird gegen die Euterkrankheit folgender Segen angewendet: Die Hueusche und der Drache die giengen über die Bache, die Hüensche die verschwank, der Drache der versank. (Von mir 1842 in Brünchenhain aus dem Munde einer damals ſiebenzigjährigen Magd vernommen und an J. Grimm mitgetheilt, welcher ihn a. a. O. abdruckte). Ein anderer Segen, in welchem die Hüntſche vorkommt, findet ſich Mone Anzeiger 1837 S. 465; hier gilt die Hünſche für eine Krankheit der Pferde, wie bei Murner. Hünſchkraut, als Name von Solanum dulcamara, Bitterſüß, welchen Alberus Dick. Bl. EEa und Adelung 2, 1200 haben, ſoll in Niederheſſen (wvo?) vorkommen. Müppel, Hoppel msc., Hügel; kleine Erhöhung; Unebenheit überhaupt. Es iſt das alte huobil. und ganz allgemein üblich. Im Fuldaiſchen wird es noch Hüebel geſprochen, doch meiſt nur, wenn es von dem Aufwerfen der Lippen ge⸗ braucht wird: „einen Hüebel machen“. Sonſt kommt dort auch die abundante Compoſition Hüebelkoppe (bei Kirchhaſel) vor. Schmeller 2, 211. Hunkuppel, Hünengrab. Oberheſſen, zumal in Münchhauſen, Roda und ſonſt in der Nähe des Chriſtenberges, wo ſich eine Menge dieſer alten Gräber findet. S. Hüne. Hurenast heißt in Oberheſſen der Waßeraſt, das Waßerreis an Frucht⸗ bäumen, welches ſich beſonders an Kirſchenbäumen zu erzeugen pflegt; ſonſt auch „Räuber“ genannt. hurren, wild vorwärts rennen, blind hineinſtürmen; auch metaphoriſch: ſich in das Verderben ſtürzen. Im fuldaiſchen Land, im Haunthal, ſehr üblich. Husche kem., derbe Ohrſeige; eigentlich der Griff des Scharſrichters 12* 180 Huscheln — hutzen. in die Haare des Deliquenten vor dem Kopfabſchlagen. Stift Hersfeld und Haungrund bis in das Fuldaiſche. huschen, nachdrücklich beohrfeigen; ebendaſelbſt. Vgl. Schmeller 2, 253. huscheln, eilfertig, ungenau arbeiten; „drüber hin huſcheln“, ober⸗ flächlich ungenau und in unbrauchbarer Weiſe ein Geſchäft vollziehen. Huschel fem., eine unordentliche Frauensperſon, welche ungenau in ihren Arbeiten und in ihrem Anzuge, auch unwirtlich iſt. In Oberheſſen ſpricht man Hossel, Hosel, und verſteht darunter zwar auch das, was man in Nieder⸗ heſſen darunter verſteht, indes zugleich auch eine Frauensperſon, die es in ge⸗ ſchlechtlicher Beziehung nicht genau nimmt, mitunter geradezu eine lüderliche Dirne. In dieſem Sinne iſt Hosel bei Eſtor S. 1411 verzeichnet: „Hoſel, arme hoſel, ein ſchlechtes weibesmenſch“. Arme Hoſel habe ich jedoch niemals ſelbſt gehört. huschelig, hosselig, unordentlich, vorzüglich nur vom weiblichen Geſchlecht gebraucht. IInt. Redensart: „ich kann nicht immer da ſitzen und ein Hütchen auf haben“ d. h. nicht immer zu jedem Dienſte, welcher verlangt werden könnte, bereit ſtehen. „Die Sache wird zum Filzhut“ ältere, wie es ſcheint ſehr gebrävchlich geweſene, jetzt völlig erloſchene Formel für: die Sache mislingt. ſelander Jocos. (Lich 1604. No. 511 S. 455) „Wies der Herr Jeſus ſo weit verſahe, daß er in den Oeligarten kam, da ward ſeine Sache zum Filtzhut“ (angebliche Predigt eines Pfarrers Hotzel in der Aue bei Eſchwege; Melander überſetzt die Redensart durch: tum quidem funditus perierat“). Hut bei Schleier und Schleier bei Hut. Heſſiſche Rechtsſormel für das gegenſeitige Erbrecht der Ehegatten. Kopp Handbuch 5, 352. znttich, Hotich, Huich msc., ein armſeliger, lumpiger, bettelhafter Menſch; Schimpfwort. „I XVI ſchill. (Strafe) vom Curt Fingken der hiß die Mentzen eyn boſe hudichen“. Bußregiſter aus dem Amt Borken von 1456 in der Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landesk. 2, 373. Sehr häufig iſt heut zu Tage beſonders das verſchärfende Compoſitum Lausehottich, Lausehuich. Wird vorzugsweiſe in Niederheſſen gehört. hutelos, ohne Hut, ohne Beaufſichtigung, in ungeziemender Freiheit ſich befindend; ſo ſagt man „huteloſes Vieh“, „die Kinder gehen hutelos“. All⸗ gemein und ſehr üblich. 0O. 4, 638 in der Grebenordnung. Kopp Hand⸗ buch 5, 357. huttern, einhüllen und wärmen; das Huhn huttert die Küchlein unter den Flügeln; ſich ins Bett huttern oder einhuttern. Niederheſſen; in Oberheſſen gilt dafür huckern, w. ſ. Eſtor hat S. 1411 als oberheſſiſch das in Niederheſſen nicht ungebräuchliche Frequentativum hulchen. Hutz fem., die menſchliche Mutterbruſt. Oberheſſen, wo bit, Ditti zwar bekannt, aber weniger üblich, Dulzen, Ditz unbekant iſt. hutzen, ſaugen, von dem Kinde und dem jungen Vierfüßler. Ober⸗ heſſen. Vgl. Dit, Dutren und Hemm. Jäne — Iba. 181 O. Jáne kem., die Reihe, Linie, der Strich Arbeit, z. B. im Kornſchnitt, im Heumähen, gerade vor ſich hin, den man vornimmt. „Jeder muß ſeine Jahne mähen“, „bei ſeiner Jahne bleiben“; „in einer Jahn ſtehen“, in gerader Linie ſtehen, z. B. von Bäumen, aber auch von Menſchen gebräuchlich. Urſprünglich iſt das Wort masculiniſch: mhd. jän, und ſo auch in den meiſten Gegenden Deutſchlands üblich; vgl. Adelung 2, 1418. Schmeller 2, 268. Stalder 2, 72. Müller mhd. WB. 1, 769. Schambach Gött. Id. S. 94. P. Cassel Joh. Stigel S. 19. Haupt Zeitschr. 8, 277 (v. 67). Ob es urſprünglich „Gewinn“ bedeutet, wie Schmeller und Müller annehmen, iſt mehr als zweifelhaft, und namentlich durch die von Müller angeführte Stelle aus der Hätzlerin (i, 20, 47) nichts weniger als bewieſen. In Heſſen iſt das Wort allgemein üblich, durchgängig femininiſch und wird oft jöne, im Schmalkaldiſchen ſan, geſprochen. Daher die übliche Redens⸗ art: zi jöne hin, gerade vor ſich hin, rückſichtslos „er hat all die ſchönen Blumen zijohne hin abgebrochen“, im Schmalkaldiſchen zer jun ieg. Dieſe Formel wird Frommann Mundarten 2, 287 und 4, 461 mit auffallender Unkunde, ohne daß der Herausgeber ein Wort der Berichtigung hinzuſetzt, als „ein hinſichtlich ſeiner Abſtammung ſehr dunkles Wort“ beſprochen. jahnig, der Reihe nach; „die Bäume werden jahnig abgehauen“ d. h. ohne Unterſchied, ohne einen ſtehen zu laßen. Haungrund. Jahrz der Jahrt, auch der Jahr, im vorigen Jahre; eine im Fuldaiſchen, Hersfeldiſchen, Ziegenhainiſchen allgemein übliche Formel für: im vergangenen Jahre. Namentlich wird dieſelbe gebraucht, wenn angegeben werden ſoll, daß eine Begebenheit ſich im vorigen Jahre in demſelben Zeitabſchnitte zugetragen habe, in welchem man ſich jetzt befindet: „der Jahrt um dieſe Zeit“. jahren, in der allgemein gebräuchlichen Redensart: es jahrt ſich, es iſt eben ein Jahr vorbei, es wird jetzt ein Jahr her ſein, daß dieß geſchehen iſt. Schmeller 2, 271. jackern, ſchnell reiten, ſchnell fahren. In ganz Heſſen üblich; Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1411. Ohne Zweifel Frequentativum von jagen, nicht von gähen, wenn auch das baieriſche Wort jaugken, das ſchweizeriſche jäucken, gleicher Bedeutung, zu gähen zu ziehen ſein ſollten. Janker msc., auch Jankes, im öſtlichen Heſſen die zuweilen gebrauchte Bezeichnung einer kurzen Jacke; beſonders von der Knabenkleidung üblich. Jest ſ. Gest. Jäsch mse., das gemeinhochdeutſche Giſcht im Fuldaiſchen Dialekt. Doch wird dieſes Wort nur von dem Schaum des Schweißes, zumal bei Pferden, gebraucht: „die Pferde waren ſo gelaufen, daß der Jäſch auf ihnen ſtand“, dann hyperboliſch auch von ſchweißtriefenden Menſchen. Vgl. Gest und Jirsch. Iba, Name eines Baches, welcher vom Trottenwald, von der Iburg her⸗ abkommt, das Dorf Iba durchfließt, und unterhalb der Friedrichshüte der Ulfa zugeht, oft auch Ibach genannt. Es hat dieſer Fluß⸗, Berg⸗ und Dorfname in Heſſen mehrere Verwandte; ſo findet ſich ein Ibach bei Helſa, vermutlich auch noch anderwärts, und der Name Zberg kommt ſehr oft in Heſſen vor: bei Volk⸗ marſen, bei Trubenhauſen, bei Markershauſen und anderwärts. Es muß zwar für 5 4 ●* 5 5 — 182 lbes —jeuer. möglich gehalten werden, dieſe Namen, welche ein ſehr altertümliches Anſehen haben, auf eine deutſche Wurzel zurück zu führen (nur nicht direct auf ebah, hedera, wozu Graff Sprachſchatz 1, 91 Luſt zeigte), indes bleibt einſtweilen jeder Verſuch, dieſe dunkeln Wörter aufzuhellen, billig künftigen Ermittelungen vorbehalten. ibes (iwes, iwest), in Niederheſſen, eibes, eiwes in Oberheſſen, ibens im Fuldaiſchen, ein durch ganz Heſſen verbreitetes Wort, mit der Bedeutung einiger⸗ maßen, nur etwa. „Ich will kommen, wenn ich ibes kann“; „wenns morgen ibeſt Wetter iſt, wollen wir ſäen“; „wenn ich iweſt etwas höre, will ich dirs ſagen“; „es wird iweſt ein paar Thaler koſten“; — „wenn die Pferde jbes von Leib oder Gang ſind“ Schreiben des Landgr. Wilhelm IV. von 1585. Schmidt Weſterw. Id. S. 127 (wo übes und awes). ibesthands, ibesthand (Niederheſſen), eihands (Oberheſſen; ſchon bei Eſtor t. R. 3, 1407), ibezand (oder gar nach Reinwald henneb. Id. 1, 24: ebezeun, ebezeuntemal, Schmalkalden) zuweilen, jeweilen, mitunter. Die Erklärungen, welche Reinwald und Schmidt a. a. O. geben, können in keiner Weiſe genügen; ſie führen das Wort, geteuſcht durch die arge Schmalkaldiſche Entſtellung ebereun, direct auf eben zurück, und identificieren ganz irrig mit eben das Wort efl. Auf letzteres Wort führt auch Grimm Gramm. 3, 60 die hennebergiſchen Formen, und zwar, weil er anſcheinend lbes, eiwes gar nicht kannte, und die deutliche Compoſition mit hand, welche der Hen⸗ nebergiſchen Corruption zum Grunde liegt, ihm verborgen blieb, auf ein einmal erſcheinendes niederdeutſches iſteswanne zurück. Da das i, ei ganz unwidertreiblich hervortritt, muß die Anlehnung an eben und eft, wenigſtens die directe, beſtimt zurückgewieſen werden; wir werden auf ein mit i (ei) anlautendes Wort zurück zu gehen haben, und ſo bleibt uns einſtweilen, bis wir Beßeres finden, nichts übrig, als ibes, eibes, für ein genitiviſches Adverbium des alten Subſtantivs iba (dubium) zu halten, welchem, ähnlich wie es in nahtes, fartes geſchehen iſt, ein unorganiſcher Genitiv masculiniſcher Form gegeben worden iſt (Grimm Gr. 3, 133. 285). Jeder wird in Oberheſſen und Ziegenhain noch nach alter Weiſe, wie ider, nicht wie gemeinhochdeutſch j—eder, geſprochen, und deeliniert mit Bei⸗ behaltung des r: einem idern, einen idern. „Gunne einem iedern, was ihme das recht gunnet“ Verhörprotokoll von 1579; eine damals und noch hundert Jahre ſpäter ſehr oft, faſt regelmäßig in den Verhörprotokollen vorkommende Formel, welche auf die Frage des Inquirenten erfolgt, ob Zeuge ein Intereſſe bei der Verurteilung oder Freiſprechung des Angeklagten habe. Die Deelination mit beibehaltenem r findet ſich auch ſonſt oft, z. B. im Froſchmeuſeler. Jener pron., jetzt nur noch ſelten vom Volke gebraucht, meiſtens der⸗ Jenige. Wird letzteres Wort gebraucht, ſo hat es einen gewiſſen üblen Nebenſinn: der, den ich bereits bezeichnet habe, und der mir übel will, Feind iſt. Am gebräuchlichſten war jener und iſt jetzt derjenige, um den Teufel zu bezeichnen, ohne deſſen Namen zu nennen. „Ich laß ihn in jens Namen ſpringen“ Iſ. Gilhauſen Grammalica S. 86. „in ienes Namen“ Marburger Hexen⸗ proceſſacten von 1631, und öfter. So auch noch jetzt mit Hinzunahme von dieſer: „in dieſes und jenes Namen“, „ich wollte, daß ihn dieſer und jener holen müßte“; „hol dich dieſer und jener“ Formel der eine unangenehme Ueber⸗ raſchung ausdrückenden Verwunderung. dentag (jennlak), vorgeſtern (an jenem Tage) Nur im Fuldaiſchen üblich. Jent — jimmern. 183 jensten, vor einiger Zeit, vor mehreren Tagen, Wochen. Eiterfeld, Haungrund. Jent, jaent adverb., ein im Fuldaiſchen, namentlich im nördlichen Theile des Landes ungemein geläufiges Work, welches etwa, irgend, bedeutet. „Warſt dus jent?“ „iſts jent nicht wahr?“ „warſt du jent auch dabei?“ „meinſt du jent?“ „jent net?“ d. h. nicht wahr, es iſt doch ſo? Von den „Gebildeten“ jener Gegend wird es für eine Entſtellung von irgend gehalten, was freilich möglich, aber doch nicht unzweifelhaft iſt. Jerz mse., Scheltwort für einen linkiſchen, unbehülflichen Menſchen, für einen Grobian. Kreiß Hünfeld. Jesmes msc., ein großer dicker Slab, Prügel; halb ſcherzhafter Aus⸗ druck. Amt Citerfeld, Haungrund. ilir⸗ (2. Pron. perſ., Plural, Nominativ), wie gemeinhochdeutſch in Ober⸗ heſſen, Hanau, Fulda, nur nicht in Niederheſſen, wo ihr zwar verſtanden, aber niemals gebraucht wird; es gilt dafür de (ſ. d.). Eltern werden von den Kindern, bis vor zwanzig Jahren (1840) durch⸗ gängig auch die Hausherſchaft vom Geſinde, mit ihr (de) angeredet, und geben du zurück. Sehr ſelten kommt es noch vor, daß Ehemänner den ſie mit ihr (de) anredenden Ehefrauen du zurückgeben; in dem ehelichen Verhältnis iſt das gegenſeitige du ſchon ſeit dem Anfange dieſes Jarhunderts die überwiegende Anrede geworden. Erwachſene reden ſich gegenſeitig mit ihr (de) an. In Oberheſſen weicht auch das du der mit einander aufgewachſenen Mädchen (der Schul⸗ und Pfarr⸗Kameraden) augen⸗ blicklich dem ihr, ſo wie eins derſelben ſich verheiratet; daß unverheiratete Pfarr⸗ kameradinnen das du gegen die verheiratete Kameradin beibehalten, gilt für eine grobe Unſitte. Auch reden ſich Verſchwägerte niemals mit du, ſondern ſtets mit ihr (de) an; nur in der nächſten Blutsverwandtſchaft iſt du erlaubt, doch weniger unter dem weiblichen als unter dem männlichen Geſchlecht. t, Zuruf der oberheſſiſchen Bauern an das Zugvieh, zumal die Pferde, durch welchen das Einhalten mit dem Ziehen, das Stillſtehen, Stillhalten anbe⸗ fohlen, Halt geboten wird. Im übrigen Heſſen war es bisher nicht üblich, dafür öhä; indes ſcheint es auch in Ziegenhain und Niederheſſen ſich einbürgern zu wollen. Jil, Zuruf an das Zugvieh, um daſſelbe zum Fortgehen anzutreiben. Dieſe Interſection, früher in ganz eſſen üblich, iſt ſeit dreißig Jahren wenigſtens bei dem Pferdefuhrwerk im Gebrauche ſehr beſchränkt worden; ſchon vor 1820 ſchämten ſich die Kutſcher des ju, und ſagten vornehm: fort! Jetzt hört man dieſes „fert“ wenigſtens bei den reichen Pferdebauern ganz allgemein; ja hin und wieder verlangen auch die Ochſen vornehm zu ſein und mit „fort“ angeredet zu werden. jichtig. Nach Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1412 iſt in Oberheſſen ein Jichtiger derjenige, welcher, wenn mehrere Perſonen zuſammen eine Pacht über⸗ nomnen haben, für die Zalung des Pachtgeldes einſteht. Das Wort iſt unbe⸗ zweifelt richtig, von jehen, bekennen, gebildet; indes iſt es mir nicht gelungen, daſſelbe im Munde des Volkes aufzufinden. Das Verhältnis, wie es von Eſtor bezeichnet wird, in welchem Jichtiger vorkommt, iſt freilich an ſich nicht häufig, jetzt aber von äußerſter Seltenheit geworden. Zimmern, 1) kläglich, mit feinem hohem Tone jammern, winſeln. In ganz Altheſſen, nur nicht in den weſtfäliſchen Gegenden. 2) jucken; im weſtſäliſchen Heſſen (Riedermeiſſen, Zwergen, Oſtheim). sstend lasi Marburg a. d. Lahn (Baher! 5 * 184 Sippe — indüerlich. Jippe fem., Knabenſchlitten. ſippen, Schlitten fahren, wie die Kinder thun. Oeſtliches Heſſen (Waldkappel). Jippen, girren, hell pfeifen, von Rädern und ſonſtigen Maſchinen geſagt, deren Theile ſich aneinander mit girrendem, ſchrillendem Tone reiben. Haun⸗ grund, Hersfeld. Jirsch msc., Schaum, welcher bei dem Gähren ſich bildet: der Jirſch vom Bier; Subſtantivum, der ältern Form jésan, jeran, analog. Niederheſſen und Fulda. Im Fuldaiſchen ſpricht man neben Jirſch auch Irſch. Vgl. Jäsch und Gést. Icke fem., Kröte; auch wol ſonſtige Reptilien mit Ausnahme des Froſches, z. B. Molch, ſogar Blindſchleiche. /, 1 7.115 Icker msc. und neutr., Muſchelthier. Ickermulle f., Ickermüllchen, plur. Ickermüllerchen, Schale der Flußmuſchel (d. i. Mulde, in welcher der Icker ſich befindet). Dieſe Ausdrücke ſind heimiſch an der mittlern Schwalm (Treyſa, Ziegen⸗ hain), aber auch weiter auf⸗ und abwärts an dieſem Fluße, ſo wie an der Ohm und Lahn nicht unbekannt. Es liegt nahe, das i in dieſen Wörtern für die heſſiſche Ausſprache des u zu nehmen; ſo ſpricht man in Heſſen Ische (= Icke, Kröte), welches ur⸗ ſprünglich Utsche lautete und geſchrieben wurde. Unter dieſer Vorausſetzung berührte ſich Ücke, Ucker mit dem baieriſchen Auck, Aucke (Schmeller 2, 612), welches Kröte, namentlich Feuerkröte, bedeutet. Möglich alſo, daß es Bildung oder Entſtellung von Unke wäre, wie das baieriſche Wort (welches Schmeller i. fehlt) zu ſein ſcheint (vgl. bair. Ack für Anke, Nacken Schmeller 1, 24). Ickler iſt in der Schwalmgegend, meiſt jedoch im Gebirgstheil der Grafſchaft Ziegenhain, ein Familienname. Gehört derſelbe, was warſcheinlich iſt, hierher, ſo bedeutet er Muſchelſucher, Krötenſucher, und iſt vielleicht eine Bezeichnung für einen Zauberer, der ſich Kröten zu halten pflegte. ickern, necken, ſowol durch die That (die Jungen ickern mit einem Stock den Hund, das Pferd, den Ochſen) als durch Worte. Allgemein üblich. Imme kem., Biene. Nur im ſächſiſchen und weſtſäliſchen Heſſen ge⸗ bräuchlich, in den übrigen Landestheilen unverſtanden. Immes neutr. heißt in Oberheſſen, zumal im ſüdlichen Theile, die Kerbe im Ganzjoch, in welche die Deichſel eingefügt wird. Daſſelbe Wort, mit wenig abweichender Bedeutung, iſt das fuldaiſche Emes, Emmes (ſ. d.). Immes mse. (— Imbiß) iſt noch jetzt für Schmaus in Oberheſſen, Ziegenhain und vielleicht noch anderwärts gebräuchlich; in Niederheſſen habe ich das Wort jedoch nicht vernommen. Die regelmäßigen Gaſtmähler der Zünfte bei ihren Ungeboten aber hießen überall Immes. Nach 1814 ſind indes weder die Ungebot noch die Immes wiederhergeſtellt worden. im= eine in Niederheſſen und Hersfeld ſehr übliche (wenigſtens bis 1830 ſehr üblich geweſene) Verſtärkungspartikel, welche Adjectiven vorgeſetzt zu werden pflegt. indüerlich, mitleiderregend, eindringlich. Schmalkalden. Ohne Zweifel daſſelbe Wort iſt indellig, welches dieſelbe Bedeutung hat („er ſieht mich ſo indellig an“), nur eine Entſtellung von indüerlich (intheuerlich, ſehr theuerlich) ſein wird, und im Haungrunde bis nach Hünfeld und Eiterfeld hin ſehr üblich iſt. Ingescheid — jo. 185 ingescheid, ſehr geſcheid, pfifſig, durchtrieben; äußerſt üblich. ingrün, ganz grün. Als Subſtantivum bedeutet Ingrün neutr. in Heſſen ſowol vinca pervinca, vinca minor, und iſt der Sache wie dem Sinne nach identiſch mit dem gemeinhochdeutſchen Singrün (= ganz grün, immer grün), wie Epheu (eine in Heſſen durchaus nicht, auch nicht in der richtigen alten Form Hebeheu vorkommende Benennung). Landgraf Wilhelm IV., welcher das ober⸗ deutſche Singrün nicht verſtand, erkundigte ſich 1590, ob wol Singrün mit dem heſſiſchen Ingrün einerlei ſei; Landau Geſch. der Jagd S. 207. Die Identität zeigt ſchon Alberus Dict. bDija: „pervinca, ingrün, ſingrün, winden“. inkrank, recht ernſtlich krank. inschlécht, durch und durch ſchlecht, völlig nichtswürdig; — äußerſt üblich. Auch hört man wol ingut, gutmütig, wolwollend, treuherzig, herzens⸗ gut: „eine ingute Frau“, desgl. infromm, instols. Infal msc., Thätlichkeit, Uſurpation. „also daz wir alle ausprache, zweiunge vnde infal die von vas oder rusen erben hierumme biss vif dissin heutigen lag gewest vnd irgangin ist — czu male abe gethan haben“. Urkunde von 1373 bei Lennep Leihe zu 2SR. Cod. prob. S. 703. Eben ſo in einer Urkunde von 1360 ebdſ. S. 791; desgl. von 1419 ebdſ. S. 745. Demnach iſt Infal von dem anderwärts vorkommenden Ingefalle (Gefälle, Einkommen) weit unterſchieden. ins, eine mir unverſtändliche Wortform, warſcheinlich Partikel, welche im Haungrund in der Bedeutung „etwa“ oder dergleichen üblich iſt, übrigens nur in der Redeusart mag ins, welche den Sinn hat: „es mag ſein wie es will“ vorzukommen ſcheint, wenigſtens nur ſo von mir vernommen worden iſt. Seseli. Insage fem., Einſprache; bekanntes juriſtiſches Wort des 15. Jar⸗ 4 hunderts,auch in heſſiſchen Urkunden (z. B. bei Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob.) äußerſt häufig, aber auch bis in die neuere Zeit (etwa 1820- 1830) nicht ganz ſelten, in Oberheſſen, Ziegenhain, Hersfeld vom Volke gebraucht. insel kem., irdenes Waßergefäß. Obergrafſchaft Hanau (Schwarzenfels), anderwärts unbekannt. Inselsberg ſ. Ems. jo kommt als einfacher Ausruf weder im Volksmunde, noch auch in älteren heſſiſchen Schriften vor, auch habe ich jodute bis daher in der alten heſſiſchen Literatur nicht aufzufinden vermocht; das Jogerüſlte, welches Kopp Handbuch 5, 470 hat, iſt kein heſſiſcher Ausdruck, wie es ſcheinen könnte, ſondern ein von Haltaus (S. 1036) gebildetes Wort. Selbſt aber das an andere Wörter angehängte jo (Grimm RA. 876. Lennep Leihe zu LSR. 1, 103. Anm. 39) ſcheint ſchriftlich nur einmal vorzukommen, ſo häufig es auch im Gebrauche ge⸗ weſen iſt und zum Theil noch jett iſt. Haltaus a. a. O. und Lennep a. a. O. wißen dafür keinen andern Beleg beizubringen, als die in der Heſſiſchen Reim⸗ chronik des Pfarrers Ratz (in Kuchenbeckers Analecta hassioca 6, 287) vor⸗ kommende Stelle: Aber uſthet ſein Fenſterlein Der Pförtner, und da war gewahr Des Hauffens der vorhanden war, Rieffe, Feindt Jo, verrathen Joj mit welchem Ruf der Pförtner am Oberthor zu Rotenburg den Ueberfall des 1 2 5 * 5 A. 186 Eberhard von Buchenau ſignaliſiert hat. Welche -jo in Heſſen üblich geweſen ſeien und mitunter noch ſeien, verzeichnet Lennep a. a. O., nämlich außer den beiden in der Reimchronik vorkommenden Formen: Feuerjo, Diebejo, Richtjo, Helffjo, Mordjo. Richtjo habe ich, ſo wenig wie Feindjo oder gar ver⸗ ratenjo, nicht mehr gehört, die übrigen vier Formen aber kamen im Anfange dieſes Jarhunderts noch ganz ernſtlich zur Anwendung; Diebejo habe ich zuleßzt im Jahr 1829, Feuerjo noch in den vierziger Jahren gehört, jetzt aber ſcheint auch dieſes letztere auszuſterben, wenigſtens hört man in den Städten jetzt (1865) nur noch das mistönende teuer bei entſtandenem Brande, und ſoll ſeurijo auch auf den Dörfern nicht mehr ganz allgemein ſein. Helfjo und Mordjo werden auch vom Volke jetzt nur im halben Scherze gebraucht; gemeinbochdeutſch iſt Mordio nur Scherzwort und Spottwort. Vgl. joeleken und krajoelen. Johanniken, ein Mittelbier, zwiſchen rechtem Vier und Nachbier (Covent) ſtehend, welches ehedem in Hersſeld auf Lullustag gebraut wurde. Matth. Weete im Kalender auf 1730 Bl. F2b in der 55. Fortſetzung der heſſiſchen Zeitrechnung. Im Jahr 1816 war die Tradilion vom Johanniken, welches längſt nicht mehr gebraut wurde, noch nicht gänzlich erloſchen; man er⸗ klärte den Namen daher, daß daſſelbe im Johannisſpital gebraut worden ſei. Jole fem., eiſerner Haken. Soll hin und wieder (wo?) in Niederheſſen vorkommen. Ich kann mich nicht entſinnen, das Wort gehört zu haben. joelcken, rufen, ſchreien. Nur im weſtfäliſchen und ſächſiſchen Heſſen übliche Deminutivform von joölen, Jo ſchreien, einem Worte, welches im Volks⸗ munde nicht vorzukommen ſcheint; vgl. krajoelen. Vgl. J0. Joppe, Juppe fem., Joppel, Juppel msc., Jacke mit Ermeln, beſonders des weiblichen Geſchlechts. Vorzüglich in Oberheſſen gebräuchlich, wie in ganz Oberdeutſchland, und etwa ſeit 1840 in ganz allgemeine Uebung gekommen. Jossa fem., Name kleiner Flüße, welcher viermal in Heſſen vorkommt: ir: Amt Oberaula (das Flüßchen geht bei Niederaula in die Fulda), im Amt Greßenlüder, im Speſſart und im Amt Neuſtadt (Kirchhain). Der Name iſt uralt und lautet urſprünglich Jazaha, Jozzaha, widerſtrebt aber jeder Anlehnung an eine deutſche Wurzel, und ſcheint demnach einer Sprachperiode zugewieſen werden zu müßen, welche älter iſt als die deutſche. Bemerkenswert aber iſt die Verwendung, welche der Name Joßa in dem vierten der ſo eben angeführten Fälle findet. Ein Nebenbach des Flüßchens Klein (Glen) nämlich heißt die Joßklein (Joßglen), und es erſcheint hier offenbar das Wort Joßa als Be⸗ ſtimmungswort, alſo gewiſſermaßen noch jetzt als Appellatioum. Sichtlich enthält das Wort Joßa irgend eine nähere Bezeichnung des Waßerlaufes; welche? wird künftigen Forſchungen zur Ausmittelung überlaßen werden müßen. irmasse, ermasse, einigermaßen; ſoll noch jetzt zuweilen im nördlichen Oberheſſen vorkommen, wiewol ich ſelbſt es nicht habe zu hören bekommen können; vielleicht nur eine verkürzte Ausſprache, etwa von irgend (ieren, ierne). „auch schribei esz irmasze Johan Ryteszel in siner cronicken“. W. Gerſtenberger in Schmincke Mon. hass. 2, 412. „Lantgray Hinrich, der dan nauw von der kranckeyd uffgestanden was, unde noch ermosse schwach was“ ebdſ. S. 437. Der Opfermann zu Frankenberg ſollte mit den Glocken „nicht ylende, sunder ermosse lange luden nach alder gewonhaid“. Emmerich Frankenberger Gewon⸗ heiten bei Schmincke Monim. hass. 2, 688. Johanniken — irmasss. lrren — Jungfer. 187 Irren (sich), mit jemanden, ſich mit jemanden zanken. Noch jetzt hin und wieder üblich, beſonders da und dort im öſtlichen Heſſen; meiſtens iſt damit ein ſehr ernſtlicher, in Thätlichkeiten ausartender Zank gemeint, nicht etwa bloße Misverſtändniſſe, wie jetzt gemeinhochdeutſch das Subſtantivum Irrung genommen zu werden pflegt. „Wo eyn burger sich erte med der borger knechte, doz her en wondete met echtigen wonden“ etc. „Wo eyn borger get an eyns andern feyien kouf und erret sich met syner mayt ader met syme knechte“. Staluta Eschenwegensia S. 10 (Röſtells Ausgabe 1854. 4). Vgl. Schmeller 1,97, wo jedoch der hier bezeichnete Gebrauch nicht genau wiedergegeben wird. Dieſer Gebrauch von irre, irren ſcheint vorzugsweiſe niederdeutſch zu ſein, vgl. Friſch 1, 491, wie denn auch im Hildebrandslied und im Heliand irri zornig bedeutet. Itsche fem., Kröte, rana buko; die in Altheſſen faſt allein übliche Benennung. In Baiern komint zwar eine ſehr ähnlich lautende Bezeichnung vor: Hetſchen, Hitſch, Schmeller 2, 259; gleichwol iſt es warſcheinlich, daß das i nur der Neigung des heſſiſchen Dialects, die u in i zu verwandeln, ſeine Ent⸗ ſtehung verdankt; es wird richtiger Ütsche lauten. „Die fraw Eyla hab ein ſtecken genommen, vnd in ein viſche oder kröte geſtochen, die ütſche were weiß geweſen“. Marburger Hexenproceſſacten von 1633. Vgl. Iche. Itzeln, necken; dem ickern ähnlich; nur wird unter itseln ein mehr kleinliches, auch wol ein empfindlicheres Necken verſtanden. Vgl. atzeln. Jubelches Tag, calendae graerae; „auf Jubelches Tag“, nimmermehr. Im Fuldaiſchen. Selten wird der Urſprung dieſer Formel noch verſtanden: auf das Jubrläum — nach hundert (funfzig, fünfundzwanzig) Jahren. Vgl. Nimmerstag. Juchs msc., Scherz; ein in ganz Heſſen ſeit zwei Jarhunderten ein⸗ gebürgertes Fremdwort. verjucksen, ſein Geld verjuckſen, ſein Geld durchbringen. Ueberall gebräuchlich. Schottel Haubtſpr. S. 1341. Schmeller 2, 264. Junge msc. iſt in ganz Altheſſen, wo man weder Bube noch Knabe kennt, die ausſchließliche Bezeichnung des Knaben; eben ſo im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen. Die Bezeichnung Bube fängt erſt mit dem Kinziggebiete an. Nur in wenigen Bezirken tritt zuweilen die Bezeichnung Knechtchen ein. S. Knecht. Sodann wird in ganz Altheſſen, Hersfeld und Fulda der Sohn niemals anders bezeichnet, als durch Junge; „mein Junge“; „deine drei Jungen“; „Schulhanneſen Jung“; des Wortes Sohn bedient ſich das Volk niemals anders als in ſteifer, gezierter Rede vor den „Großen“. Gejüng neulr., war in Oberheſſen und in der Grafſchaft Ziegenhain die Bezeichnung des Blutzehntens, aber auch überhaupt des an die Rentereien und ſonſtigen Bezugsberechtigten zu liefernden Federviehes, z. B. der Rauchhüner und Leibhüner. Seit der Ablöſung dieſer Abgaben iſt dieſer Ausdruck in Ver⸗ geßenheit gekommen. Eſtor t. Rechtsgelahrtheit 1, §. 480: gejüngſt, der Blutzehnte. Jungfer. Die urſprüngliche Form von Jungfer: Jungefrau, iſt in Heſſen, wenn auch die Abkürzung Fer für Frau nicht mehr üblich, ja nicht mehr verſtanden iſt, noch in vollem Gebrauche. Wenn eine unbekannte Bäuerin (z. B. auf dem Markte) angerufen wird, ſei dieſelbe Frau oder Mädchen, ſo geſchieht dieß durch Jungefrau, niemals durch Jungfer, auch nicht durch das gemein⸗ 1 188 hochdeutſche Jungfrau, auch nicht durch Frau ſchlechthin; in dem Jungefrau liegt eine ehrende Bezeichnung. S. Frau. Im Volke hat die Anrede an Mädchen höherer Stände: Jungfer ſich niemals gänzlich verloren, nirgends hat die Vertauſchung derſelben mit dem widerwärtigen Mamſell vollſtändig, und in manchen Gegenden ſo gut wie gar nicht, Platz gegriffen. Gegenwärtig iſt jedoch Jungfer faſt ganz obſolet ge⸗ worden; in den Städten nennen ſich die Dienſtmägde unter einander Fräulein. Jungfern werfen nennt man in Heſſen, zumal im öſtlichen, das Werfen mit platten Steinen auf eine ruhige Waßerfläche, ſo daß die Steine von derſelben abprallen und weiter ſpringen, um abermals abzuſpringen; ein bekanntes Knaben⸗ vergnügen; anderwärts ſchlimms werfen (ſchräg), wie z. B. bei Fiſchart Gargantua 1582 X6a. jünkern. „Das Korn jünkert“ ſagt man in Oberheſſen von den leichten, in der Blüte oder im Fruchtanſatz misratenen Kornähren, welche ſich gerade aufrichten, während die ſchweren, mit reichlichem Fruchtanſatz verſehenen Aehren ſich neigen: es prunkt in leerer Hoffart, trägt den Kopf hoch, wie ein Junker. Auch an der Schwalm, um Homberg und wol ſonſt noch heißt dieſes leere, ſich emporrichtende Korn Junkerkorn. just, gerade, eben, genau, richtig. Dieſes Fremdwort hat ſich überall eingebürgert: „iuſt an dem Tage“; „es muß juſt ſo gemacht werden, wie ich es beſtellt habe“; „es iſt mit der Sache nicht juſt“; „es iſt mir nicht juſt“, ich befinde mich nicht wol. jusiement, eine Verſtärkung von just: „juſtement, wie Sie ſagen“, ganz genau, wörtlich, ihatſächlich ſo, und nicht anbers. F.Lt 7. 1fb, nem4. Jünkern — Kabe. a. kabbeln, auch zuweilen kebbeln, käbbeln, Frequentativum von kauen, beſonders vom reſultatloſen und beſchwerlichen (zahnloſen) Kauen gebräuchlich; der Hund kabbelt (kawwelt) an einem großen Knochen; alte Leute kabbeln an einer Brodrinde. Eſtor S. 1412. An der Diemel bedeutet das Wort: plappern, plaudern, auch ſprechen überhaupt in wegwerfendem Sinne. 771., Egl. kawweln im Lippiſchen Idiotikon Frommann Mundarten 6, 211. Kabe fem, Spreu. In dieſer Form iſt das niederdeutſche Wortkaf (Graff Diut. 2, 226. Schottel Haubtſpr. S. 1342; engl. und holl. caf) von Fritzlar an abwärts in Niederheſſen, ſo wie im Amt Frankenberg üblich; an der Schwalm lautet es Haup oder Kop. Südlich von Fritzlar und Wabern, in Niederheſſen, ſo wie an der Werra und obern Fulda, desgleichen in Oberheſſen (außer Franken⸗ berg), iſt das Wort gänzlich unbekannt. Vgl. Hehld, Gepeul. Im untern Niederheſſen aber iſt das Wort von Alters her gebräuchlich z. B. in einem Ernte⸗ regiſter von 1391 aus der Umgegend von Kaſſel: tzwene secke kabin. Scheuer⸗ ordnung vom 1. Merz 1568 (Landesordn. 1, 348) und 1. Merz 1682 (2O. 3, 199): „Stro Kaben vnd Sprew“, wo Spreu dem Gepeul, wie Kaben dem Hehld, entſpricht. Nach Frommann Mundarten 6, 214 ſcheint im Lippiſchen kaff das Gepeul, das Hehld und der Dort zu umfaßen. Indes komt doch Kabe⸗nan⸗ auch in einer oberheſſiſchen Verordnung von Landgraf Ludwig IV. zu Marburg vom 20. April 1574 (VO. 1, 431) vor: „Strew vnd Kabe“, wo Strew war⸗ Kachel — kahl. 189 ſcheinlich ein Druckfehler iſt; in den oberheſſiſchen Scheuer⸗, Dreſch⸗ und Zehnt⸗ regiſtern des 16. Jarhunderts, welche ſich durchgängig an die landüblichen Aus⸗ drücke halten, erſcheint Kabe niemals. In den Materialhandlungen verſteht man unter Kaff, neutr., die Hülſen der Kaffeebohnen, welche mit dem allerſchlechteſten Ausles der Bohnen vermiſcht und an die Aermſten verkauft werden; die Ladendiener pflegen Kaff lächerlicher Weiſe als eine Abkürzung von Kaffee zu verſtehen „wie das Kaff ſehlechter Kaffee ſei, ſo ſei auch Kaff ein ſchlechtes Wort ſtatt Kaffee“. Kachel fem., hat in Heſſen nirgends die Bedeutung eines irdenen Gefäßes oder Geſchirres, wie anderwärts, ſondern es bedeutet 1) ganz allgemein das, was man anderwärts „Ofenröhre“ nennt: den leeren Raum, welchen man in den (thönernen oder eiſernen) Oberöfen zunächſt über der das Feuer deckenden obern Ofenplatte, und, hat der Oberofen mehr als einen Umgang (Stockwerk), auch in jedem folgenden Umgang (Stockwerk) läßt, um den Ofenzug möglich zu machen. Dieſer leere Raum dient dann zum Wärmen der Speiſen, zum Braten der Aepfel, Röſten des Brodes, der Kauſcheln u. dgl., auch zum Kochen. 2) das ehedem meiſt gebogene, ſpäter platte, thönerne, gebrannte und glaſierte Viereck, aus welchem die ehemaligen thönernen Oefen (Kachelöfen) zu⸗ ſammengeſetzt wurden und die thönernen Oberöfen noch jetzt zuſammengeſetzt werden. „Eilff Alb. vor 42 Erden kacheln, So zum Offen im Backhaus vffm Schloß Rauſchenberg ſind vermacht worden, hat mir Tönges Zieglern — der Rentmeiſter — — heut dato entrichtet“. Quittung vom 8. Oet. 1591. Doch iſt in dieſer Bedeutung das Wort nicht überall üblich. Im öſtlichen Heſſen ſagt man lieber: Backſteine, Ofenbackſteine, glaſierte Backſteine. einkacheln, ſtark einheizen, iſt hier wie anderwärts ein gebräuchlicher Ausdruck. Käferling, Häwwerling msc. Name des Maikäfers im öſtlichen Heſſen. Wgl. Maikleber, Klette. Kaff subst., 1) ſ. Kabe. 2) Eine Feldgegend bei Marburg, wo ehedem Galgen und Rabenſtein ſtanden, jetzt nur noch der letztere ſteht. „Iſt ſie peinlich Beklagtin (Eliſabeth Georgi aus Kirchhain, auf der Tortur zu Tode gemartert) vff den Koff geführt, vnd der Corper vnter die Justitz begraben worden“. Marb. Hexenpr. A. v. 1654. Möglich, daß dieſer Name urſprünglich Schindanger be⸗ deutet; in Oberdeutſchland iſt kofeln verrecktes Vieh abhäuten, Kofler der Abdecker. Schmeller 2, 286. kaff adject., auch keff geſprochen, ein an der Diemel übliches Wort, welches vom Holze gebraucht wird, wenn daſſelbe anfängt faul zu werden; anbrüchig. Kaeher msc., im Schmalkaldiſchen, Kere an der Werra, der Häher (Heher), corvus glandarius. Kahl wird nicht ſelten in dem Sinne von ganz, völlig, ſo daß nichts übrig bleibt, metonymiſch gebraucht; „als er im trunck abgezogen, hett ſie geſagt, Johanneoge, trinck du es kahl auß, es ſchadt dir nichts“. Marburger Verhör⸗ protokoll von 1682; ſo auch „er hat das ganze Geld kahl mitgenommen“, Beſchreibung einer Entweichung 1847. Eſtör hat t. Rechtsgl. 3, 1412: Kahl ſchütten, ein Fluch. Ich kenne den Ausdruck zwar nicht, aber richtig wird derſelbe ſein, da es einen Familien⸗ namen Kahlschütter, Kohlschütter gibt. Hierher gehört auch 8 — 190 Kaeje — kalben. Kalbe i., als Bezeichnung eines großen Steingerölles am Meisner; es bedeutet das Wort, welches eigentlich Kalwe geſchrieben werden müßte, eine kahle, unbewachſene, namentlich baumloſe Stelle, was eben dieſes Steingerölle am Meisner iſt. kolbig ſtatt kalwig, ahd. chalawic, etwas kahl, kurz geſchoren, von dem Haupthaar; jetzt nicht mehr gebräuchlich, aber in den protokollariſchen Ausſagen des 16. und noch des 17. Jarhunderts öfter vorkommend; ſo werden 1581 zwei Straßenräuber von einem Zeugen des Raubes dahin ſignaliſiert: „ſie hetten ge⸗ ſchoren kolbicht (kolwicht, wie der Protokollführer bei dem wiederholten Vor⸗ kommen des Wortes richtiger ſchreibt) Haar gehabt“. Schmeller 2, 292. Kaeje fem., im Kreiße Hürfeld, bei Vacha, Heringen und weiter; Käke, Kaeke in den niederdeutſchen Bezirken, Elſter. Die Ausſprache Kaeje iſt eine Erweichung des H in dem hochdeutſchen Namen des Vogels: caha, cornicula. S. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LO. 4, 76. Kaiserstrasze; der alte, noch jetzt nicht ganz vergeßene, bis 1840 durchaus übliche Name der alten Hauptſtraße Deutſchlands, welche von Frankfurt am Main über Frankenberg nach Bremen führte. In Heſſen führte ſie den ge⸗ dachten Namen zwiſchen Wetter und Frankenberg, und am längſten und beſtim⸗ teſten in der Gegend des Hofes Schlagpfütze und des Dorfes Münchhauſen. Marbarg wurde von dieſer Straße in älteſter Zeit nicht berührt; von Goßfelden aus wendete ſie ſich auf den Bergrücken, welcher weſtlich von Marburg (zwiſchen der Stadt und Wehrshauſen) bis nach Nieder⸗Weimar lauft, und hieß hier die Weinſtraße. Kal msc., in Heſſen fehlerhaft ſtets Gaak, ja Gack geſchrieben, ein niederdeutſches Wort, welches im Allgemeinen Pranger, Schandpfahl bedeutet, hier aber insbeſondere diejenige Art von Pranger bedeutet haben muß, vermöge deren der Beſtrafte in einen Korb geſetzt, dieſer in die Höhe gezogen und in der Schwebe, vermutlich am Schnappgalgen befeſtigt, erhalten, auch in das Waßer getaucht wurde. Es diente der Kak zur Beſtrafung „fremdes ungeratenes Ge⸗ ſindes“ (Polizei⸗ und Land⸗Ordnung vom J. 1622, LO. 1, 656), beſonders aber der Feld⸗ und Gartendiebe (OO. 3, 481. 916. 1032). Das Wort war in Niederheſſen noch im Anfange dieſes Jarhunderts unvergeßen, man verſtand aber darunter den Galgen insgemein, Schneppe (Wippe) wie eigentlichen Galgen. Jetzt iſt es, und wol ſchon ſeit funfzig Jahren, völlig ausgeſtorben. Kopp Handb. 4, 261. Pgl. Richey S. 105. Brem. WB. 2,716—717. Grimm WB. 4, 47 — 48. Kalb. Das männliche Kalb heißt Ochsenkalb, das weibliche Mausen- kalb, ſ. Mäus. Kallin kem., eine zum erſtenmal tragbare Kuh. Obergrafſchaft Hanau. Kalbskopf, Dummkopf; ſehr gebräuchliches Scheltwort. Kalberdoctor, Thierarzt; eine wegwerfende Bezeichnung; auch von einem ungeſchickten Arzt gebräuchlich. Kalberschwanz, die Pflanze Phyteuma spicatum, Umgegend des Meisners. Kalb Mosis, Dummkopf; ein ſehr übliches Scheltwort. S. Strodtmann Idiot. Osnabrug. 1755. S. 98: Kalo-Moses, ein junger unbeſtändiger Menſch. Stoppelkalb, ſehr übliches Scheltwort für einen unbehülflichen, dummen Menſchen, beſonders gegen halbwüchſige Knaben und Mädchen angewendet. kallen, ein Kaib werſen; hier zu Lande niemals kalbern. Kälbern — Kauel. 191 kälbern, 1) vomere; ſehr üblich, wiewol die eigentliche Bedeutung von kälbern, woraus der Tropus eniſtanden iſt (ein Kalb werfen eine große Maſſe plötzlich von ſich geben) hier unbekannt iſt. /nyeewy f4 2) Poſſen treiben, alberne, plumpe Scherze machen. Ziemlich üblich. Eſtor t. R. 3, 1412: ſpielend ſpringen und lermen. Kalbe n. pr., am Meisner, ſ. kahl. Kalfacter msc., längſt nicht mehr in den Schulen als Benennung des Einheizers üblich, dagegen im allgemeinſten Gebrauche für einen Menſchen, welcher überall herumſtreicht, alle Winkel der Geſellſchaft durchkriecht, horcht, zuträgt und ausplaudert; — wie denn die alten Calefactoren zu Auslaufer⸗ und Horcher⸗Dienſten von Lehrern und Schülern ehedem gebraucht und gemisbraucht wurden. Jetzt gilt das Wort ohne Weiteres für ein Schimpfwort; wird auch in der That für Spion gebraucht. Auch ein Hund, welcher ſich nicht an das Haus gewöhnen will, ſondern umherſtreicht, wird Kalfakter genannt. kalfactern, aller Orten herumlaufen, horchen, zutragen und ausplaudern; oft ſcherzhaft gebraucht (wie auch wol Kalfacter), zuweilen aber auch in dem beſtimten Sinne des Spionierens. Halte neutr., Ellipſe für: das kalte Weh, das kalte Fieber, eine in den ältern heſſiſchen Schriften, Protokollen u. dgl. ſehr häufig vorkommende Be⸗ zeichnung. „Hans Kleß berichtet, er habe der Zeit am Kalten kranck gelegen“ Treisbacher Verhörprotokoll von 1609. Dieſe Krankheit muß damals bei uns häufig geweſen ſein; ſeit einem Jarhundert war ſie äußerſt ſelten, und erſt in der neueſten Zeit (1858) iſt ſie, indes doch nur hier und da, wieder häufiger aufgetreten. Kältschig, etwas kalt. Sehr üblich. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1412. Kamenze fem., plur. Kamenzen, eine nur an der Diemel hin und wieder übliche, ſichtlich auf Entſtellung beruhende Benennung der Ameiße. Kammerwagen pflegt an der Schwalm der Brautwagen genannt zu werden; übrigens heißt derſelbe halb ſcherzweiſe auch Rumpelwagen. Eine Beſchreibung des oberheſſiſchen Braut⸗(Kammer⸗)Wagens, wie derſelbe genau noch in der allerneueſten Zeit (1847) beſchaffen war, findet ſich in Eſtors deutſcher Rechtsgelahrtheit 1, §. 710. (Vgl. Schnatz). Kamp msc., pl. Hämpe, ein ſchon ſeit langer Zeit in das Nieder⸗ deutſche, neben ſo vielen andern, eingeführtes lateiniſches Wort; es bedeutet den eingefriedigten Triftplatz, Weideplatz, in welchen das Vieh getrieben wird, um ſich den Tag über darin aufzuhalten und zu graſen. Außer dem Schaumburgiſchen finden ſich Kämpe in Heſſen nur an der untern Diemel. Kämpe mse., männliches Zuchtſchwein. Iſt in Heſſen nur an der Weſer (Amt Sababurg), wie auch weiter öſtlich in Hannover und Braunſchweig, üblich. Vgl. Brem. WB. 2, 732: „Kümpe, Kempe, ein Eber, Beerſchwein. Im Churbraunſchw.“ Vgl. Ber, Watz. 4. 34, 41. kampen, zanken, meiſt reflexiv: sich kampen, ſich zanken. In Ober⸗ heſſen ſehr üblich, auch anderwärts nicht unbekannt, wenn auch nicht eben gebraͤuchlich. kampeln (sich), Frequentativum und zugleich Deminutivum von kampen. Kanel. Kenel tem., jetzt gewöhnlich Kandel geſprochen, ein allgemein gebräuchliches Wort für Röhre, doch eigens für Dachrinne, Dachröhre (Dach- kandel) verwendet, von Adelung als oberdeutſch bei Seite gelaßen; daß das 8 S 192 Wort aus dem lateiniſchen esnalis entlehnt iſt, bedarf keiner Bemerkung. „ii ge⸗ ringe eichen ſtemme zu kaneln“ Wetter 1555. „zu kaneln“ ebdſ. 1567. „ij buchen reidel zu ſchafskaneln“ Wetter 1555; „zu' ſchofskeneln“ ebdſ. 1570. Ünd ſo öfter. Schmeller 2, 303. Kanf ſ. Kunft. Kannbank masc. (nicht fem.), im öſtlichen Heſſen übliche Bezeich⸗ nung eines an die Stubenwand in Manneshöhe und höͤher horizontal angebrachten Bretes, unterhalb deſſen eine Leiſte mit Haken herlauft. Auf dem Kannbank (geſpr. Kambank) liegen die wenigen Bücher des Dorfbewohners, ſteht der Bier⸗ trug und ſonſtiges, meiſt zerbrechlicheres Geräte (Gläſer, Taſſen), an den Haken der Hakenleiſte hängt das geſponnene Garn, auch die täglich gebrauchten, in der Stube aber entbehrlichen Kleidungsſtücke finden hier ihren Platz. Kannen, wo⸗ von das Geräte den Namen hat, ſind in der Regel weder im Gebrauche, noch auch nur im Beſitze ſelbſt der reicheren Bauern, ja das Wort Kanne ſelbſt gehört zu den weniger üblichen; es gibt Dörfer, in denen man nur von den Abendmalskannen als Kannen etwas weiß. Der Name muß alſo aus älterer Zeit ſtammen oder aus andern Gegenden eingeführt ſein. In Oberheſſen iſt derſelbe unbekannt, das Geräte heißt dort Reck, wie in Thüringen, Meiſſen u. ſ. w. Kannrick. Kannbanksläufer, iſt dem Ausdrucke nach identiſch mit dem baieriſchen Simßenläufer (Schmeller 3, 248), dem Sinne nach völlig davon ver⸗ ſchieden. Das ſchwäbiſch⸗baieriſche Wort, zu deſſen Bedeutung, Schmeichler, ſich auch anderwärts Parallelen finden (Froſchmeuſeler A7b; Filidors Ernelinde S. 33: „du biſt gar ein ſchlechter Zeitungsträger, wenn du nur mit ſolchen Judasbriefgen auf den Simßgen laufen wilſt“) ſcheint eine Perſon zu bezeichnen, welche ſich ſcheu und kriechend an den Wänden her drückt, unſer Kannbanks⸗ läufer bezeichnet einen kleinen, noch unverſtändigen und zu Geſchäften unbrauch⸗ baren Knaben. Wie jedoch dieſe Bezeichnung zu Stande gekommen ſein mag, lann ich nicht angeben. Auf dem Kannbank kann ein Kind nicht laufen, eben ſo wenig, etwa ſich an denſelben haltend, auf der Stubenbank neben dem Kann⸗ bank her; zu Beidem iſt der Kannbank viel zu hoch angebracht. Das Wort iſt ſelbſtverſtändlich nur im öſtlichen und innern Heſſen im Gebrauche. Kanthake. Es iſt eine in ganz Heſſen ſehr geläuſige Redensart: „einen beim Kanthaken kriegen“ d. h. anpacken, greifen, feſthalten, z. B. einen Dieb. Den eigentlichen Sinn des Wortes Kanthake aber verſtehen wir hier zu Lande nicht; es iſt ein eiſerner Haken, welchen man an ſchwere Fäßer anſchlägt, um ſie zu kanten d. h. auf die Seite zu legen, und gehört Sache und Ausdruck dem norddeutſchen See⸗ und Schiffer⸗Leben an. Richey Idiot. Hamb. S. 109, und darnach Brem. WB. 2, 734. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1412. Kantôr neutr., Schreibſchrank; die gewöhnliche Bezeichnung. Eine ſchon ſehr alte niederdeutſche Entſtellung aus comptoir: kuntor eft breveschrgn, pino- theca, Gemma Gemmarum 1503, und daraus Hoffmann horae belg. 7, 20. Kappelsberg. Eine in Niederheſſen, zumal im nördlichen, ſehr übliche Revensart lautet: im Kappelsberg ſein, und bedeutet: zerſtreut, ab⸗ weſenden Geiſtes ſein, ſich verwirrt, verkehrt anſtellen. kappen, den Weidenbäumen, Pappeln u. dgl. die Aeſte nehmen, köpfen. abkappen, jemanden kurz und derb abfertigen, ſchnöde und imperatoriſch in die Schranken weiſen. Mehr in den Mittelſtänden üblich, als im Volke. Doch hat es ſchon Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1412. Kanf — kappen. 193 Kappus msc., Kappes, Kappeskraut, der weiße Kopfkohl, das Mneis, kraut; das Wort iſt in Heſſen nicht ſonderlich üblich, und wird, wenn und wo es gebraucht wird, faſt nur vom eingeſalzenen Weißkraut, dem ſ. g. Sauerkraut, gebraucht. In älteren Zeiten ſcheint es üblicher geweſen zu ſein, als heut zu Tage: „gar arme koste, als erbeysz, bonen, kappuszkrut“ W. Gerſterberger b. Schmincke Monim. hass. 2, 361; und es findet ſich nicht ſelten in den Küchenrechnungen des 16. und 17. Jarhunderts. Zu uns iſt es, wie die Form Kappus zeigt, aus dem Holländiſchen gekommen, wo es Kabuyskool lautet, bei Strodtmann Id. Osn. S. 97 noch Kabuhs, und dieſes holländiſche Wort iſt aus cuput entſtanden. Bgl. Kompes. Kapuster, dicher Kopuster, ſcherzweiſe von einem dicken kurzen Menſchen, der einer Kopfkohlpflanze zu vergleichen iſt, vor allem von einem dicken Kinde geſagt. Das Wort iſt überall verbreitet, aber ſchwerlich alt: warſcheinlich erſt durch das 1813 gar oft vernommene ruſſiſche Kapustra (Kappus, Weißkraut) hervorgerufen. Kar neutr., Gefäß. Altes, jetzt nur noch in den ſüddeutſchen Dialecten vorhandenes Wort (Schmeller 2, 320 — 321), welches in das kaſſeliſche Ober⸗ heſſen nur bis in die Gegend von Oberwalgern hineinreicht, jedoch auch nur in den Compoſitionen Leichkar (geſprochen Leichtkar, wie in Frankfurt, wo jedoch ein Leichtkorb daraus geworden iſt), Sarg, und Meisekar (geſpr. Mesekar), Meiſekaſten (Falle für dieſe Vögel). Ehedem war es in Oberheſſen in allge⸗ meinem Gebrauche; ſo verzeichnet der Altariſt zu Wehrshauſen, Johannes Strack aus Hatzfeld, 1520 unter den Kirchengeräten der Kapelle zu Wehrshauſen „zwene Kilch, iſt einer gantz ſilbern vnd der ander das khar allein ſilbern vnd beyt vbergult“. Gothiſch kas, ahd. char, mhd. kar. Graff 4, 463. Grimm Gr. 2, 52. 3, 456. Karbatsche kem. Dieſes ohne allen Zweifel flaviſche, aber in alle europäiſchen Sprachen übergegangene Wort (Schmeller 2, 326) iſt zwar dem Volke bekannt, aber im Ganzen nur wenig geläufig. Am meiſten wird es noch im öſtlichen Heſſen gebraucht; in den weſtlichen Gegenden habe ich es niemals vernommen. V. Nauz 7 4)' ſlatf.! Küre ſ. keren. *. Käres msc., der und die Geliebte; nicht allein: „ſie hat einen Kares“. ſondern auch: „er hat einen Kares“. Im Fuldaiſchen, beſonders in der Um⸗ gegend von Hünfeld ſehr üblich. Allerdings iſt dort, ſo wie in Heſſen überhaupt, das widerwärtige Wort kareſſieren für: in einem Liebesverhältnis (auch dem gröbſten) ſtehen, in das Volk gedrungen (vgl. Schmeller 2, 322), doch wird Käres wol kaum aus dieſem franzöſiſchen Worte ſeinen Urſprung ableiten können; es ſcheint eher eine Ger⸗ maniſierung von carus, und iſt wol auf dem Wege der Beichte — vielleicht um derbere, anſtößig ſcheinende, deutſche Ausdrücke zu beſeitigen — abſichtlich und mit Erfolg in Gang gebracht worden. karmen, ſeufzen, wehklagen. Ein altes niederdeutſches Wort (carmen, gemere; niederd. Gloſſen Diut. 2, 216. Hoffmann horae belg. 7, 6. Teutonista bei Richey Hamb. Jd. S. 444), welches in Heſſen ehedem volksüblich war, z. B. „vnd mit groſſer mühe vnd arbeit, auch der armen Leutt höchſtem karmen vnd Wehklagen dieſelbe ſteur einbracht wirdt“ Beſchwerdeſchrift der Stadt Kaſſel Bilmar, Jdiotikon. 13 Kappus — Karmen. 5 1 8 194 Karnelle — Kassel. an Landgraf Moritz von 1610. Subſtantiviſch iſt es noch jetzt im Amt Schön⸗ ſtein übrig: „ſich Karmen machen“ ſich Gedanken, Sorgen machen. Strodt⸗ mann Idiot. Osuabr. 1755. S. 99. Karnette fem., gewöhnlich deminutiv: Karnellehen, war in Kaſſel ehedem und iſt in der näheren Umgegend von Kaſſel noch jetzt der Name der Weibermützen (ſonſt in Nieder⸗ und Oberheſſen: Betzeln), dergleichen bis gegen das Jahr 1830 die älteren Bürgerinnen von Kaſſel trugen, das Landvolk mit geringer Abweichung in der Form noch jetzt trägt. Das Wort hat einen ent⸗ ſchieden fremdländiſchen, romaniſchen Charakter, aber woher es ſtamme, bleibt noch zu ermutteln; ſchwerlich, aber immerhin möglicher Weiſe, von carne, Ecke, Kante. Vgl. Kommode. karnuffeln, auch karnüffeln, karniſfeln, 1) ſtoßen, prügeln; be⸗ ſonders pflegt das „Stumpen“ mit der Fauſt und den Ellenbogen karnuffeln genannt zu werden; allgemein üblich, wie anderwärts ſ. Stieler, Adelung s. v. u. A. 2) in einigen Dörfern der obern Werra (Philippsthal⸗Kreuzberg u. a.) nennen die Kinder das Fahren auf den Kinderſchlitten karniſfeln. Karnuffel, Karnöffel, Karniffel msc. bedeutete urſprüglich ein Blatt im Kartenſpiel (ſ. die Schrift: Vom gantzen heiligen Orden der Kartenſpiler, vom Karnöffel geſtalt 1537. 4 und das berüchtigt gewordene Buch des Cyr. Span⸗ genberg: Von den böſen Sieben ins Teufels Karnöffelſpiel 1562. 4. Vorrede, wo Bl. iijb der Karnöffel „nach viel Hochuerſtendiger Leute deutunge ein ſchlechter Landsknecht“ genannt wird), iſt indes in dieſer Bedeutung längſt nicht mehr, und überhaupt meines Wißens einzig und allein in der Benennung des Kinder⸗ ſchlittens, und zwar dieß wieder nur in dem angegebenen ſehr engen Kreiße, vorhanden. Daß Karnuffel =— hernia, ramex ſei, wie Pictorius hat ſauch Stieler 932] ſ. Friſch 1, 165e. 510c) wird ſchwerlich aus der Literatur des 15 —16. Jarh. zu erweiſen ſein, wenn aber ja irgendwo dieſe Bedeutung im Leben wirklich vorhanden geweſen ſein ſollte, ſo wird ſie von dem Kartenſpiel entlehnt ſein. Nicht unwarſcheinlich iſt übrigens die Erklärung des Wortes Karnölkel, welche in der Schrift: Paſquillus. Newe Zeytung Vom Teüffel. (Dann 16 Verszeilen auf dem Titel) 1546. 4. Bl. Aiija gegeben wird: „Hör es iſt ain ſpil auff der karten das wirt vil in Teütſchland geſpilet, das haißt man carnöffeln, vnn iſt gewißlich durch ain ſcharffſinnigen kopff (gleich als ain Propfecey) erdichtet wordnn. bapſt. aus was vrſachen haißt man es carnöffeln? teüffel. Der vnder⸗ man iſt erſtlich Cardinal genennet worden, die ainfeltigen aber haben in nit anderſt dann carnöffel nennen künden, wie dann yetz [man] deine cardinäl im Teütſchland nennet. — — — in dem genandten ſpil nent man den ſechßten ain bapſt, vnd den ſiebenden ain teüffel“. Karst msc., urſprünglich die zweizahnige Hacke (vgl. Hoch), und in dieſer Bedeutung auch hier und da, doch nur einzeln, im Gebrauche; im ſächſiſchen Heſſen aber wird das Wort auch für Rechen gebraucht, neben Harke. 4 7, A. A/l Kassel, die Haupt⸗ und Reſidenzſtadt des Landes, 913 Chassallb, ein Name, welcher, da er ſich weder an eine deutſche Wurzel, namentlich nicht an den Namen Katten oder Heſſen mit einiger Sicherheit anlehnen läßt (ſ. Grimm Geſch. der d. Spr. 2, 579), noch auch auf das lateiniſche castellum zurückgeführt werden kann, eine befriedigende Erklärung vermiſſen läßt. Als Idiotismus be⸗ merkenswert iſt es, daß die Bewohner von Kaſſel mit der lateiniſch⸗griechiſchen r. Kasten — Kaute. 195 Endung Kaſſelaner ganz allgemein genannt werden und ſich ſelbſt nennen, eine monſtröſe Abnormität, welche jedoch in der Benennung Hanoveraner ihre Parallele hat. Kasten war in früherer Zeit und an der Werra jedenfalls bis in die dreißiger Jahre dieſes Jarhunderts eine ſehr übliche Bezeichnung des Gefäng⸗ niſſes: „einen in den Kaſten ſetzen“ bedeutete, Jemanden in ſtrenge Haft nehmen. Es mag dieſer Gebrauch des Wortes von der ehemaligen Gewonheit herrühren, gefährliche Verbrecher im Gefängnis noch in einen beſondern Kaſten zu ſperren. Ein ſolcher Kaſten befand ſich noch um 1820 in Eſchwege im Thurm, und wurde von einem ſeiner ehemaligen Bewohner (oder einer Bewohnerin), Ilke, der Ilkenkaſten genannt. Tiorenkasten, urſprünglich wol gleichbedeutend mit Narrenhaus, Drill⸗ haus, in welches bis gegen das Ende des vorigen Jarhunderts Feld⸗ und Gartendiebe und ähnliche Frevler geſperrt und hiermit der öffentlichen Verſpottung preis gegeben wurden (ſ. Narrenhaus). Sehr zeitig aber muß Thorenkaſten auch die allgemeine Bedeutung: Gefängnis angenommen haben. „2 fl. (wird geſtraft) Schun Curt zum Rauſchenberg, von deswegen, daß er einer Dirnenn, aus dem Tornkaſten, mit veröffnung der Stattmauern verhelffen wollen“, Rauſchenberger Bußregiſter von 1585. In einem Vergleich zwiſchen denen v. Boyneburg und denen v. Stein vom 24. Juli 1613 wird die Erbauung eines „Thorenkaſtens zur Beſtrafung gemeiner Frevel“ feſtgeſetzt; Häfner Geſchichte von Schmalkalden 3, 348. Eher kann Thorenkaſten in folgender Stelle das Drillhaus oder den Käk bedeuten: „4 Gulden (wird geſtraft) Helwig am Rein zu Ernſthauſſen, ein kleiner Jung, das er Johan Wambacher daſelbſt etzliche handtkeſſe genohmen haben ſolte, hatt auch im Thorn kaſten geſeſſen“; Rauſchen⸗ berger Bußregiſter von 1604. kätscheln, die Schuhe ſchief treten. Amt Schönſtein, Jesberg. kauchen, gewöhnlich kachen geſprochen, wie auch Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1412 kaache ſchreibt, niederkauern, niederhocken. Oberheſſen. Vgl. das Schmaltaldiſche gutzen, das niederheſſiſche Käutachen (Kützchen) machen, gleicher Bedeutung. ℳ 14 7 174 43/t Adelung 2, 1518. Kauschel fem., auch Kautschel, eine Art Kartoffelgebäck, wie daſſelbe in den ärmern Walddörfern unter mancherlei Namen verfertigt wird, den Namen Kauschel oder Kautschel jedoch nur in den Dörfern am Keller und hohen Lohr (Dodenhauſen, Battenhauſen) führt. Die Kartoffeln werden gerieben, mit Milch, Mehl und Salz vermiſcht, ſodann nach Art der Kartoffelblätz (ſ. d., welche jedoch nicht gerieben ſondern nur geſchnitten werden) an die heiße Ofen⸗ platte geworfen, wo ſie kleben bleiben und röſten; nach einiger Zeit pflegen ſie von ſelbſt abzufallen. Neuerdings legt man ſie lieber in die Kachel. Dieſe Speiſe iſt beſonders beim Dreſchen üblich, zu welcher Zeit eine Perſon im Hauſe bleiben muß, und vollauf damit zu thun hat, für die hungrigen Dreſcher die gehörige Maſſe von Kauſcheln anzufertigen. S. Spanuckel, Schepperling. Kaute, Kute, Kutt ſem. 1) eine jede Vertiefung, Grube: Sandkaute, Lehmkaute (Leimenkaute), Flachskaute; ein Auszehrender hat tiefe Kauten in den Backen; nur für vulva, wofür es anderwärts im Gebrauche iſt, kommt es, außer theilweiſe im Fuldaiſchen, nicht vor. Mordkuten vnde roupslosse Wigand Gerſtenberger Frankenb. Chr. bei Schminte Rlonim. haos. 2, 433. Schottel 13* 3 6 196 Kauten — Kavät. Haubtſpr. S. 1343: Kaut, fossa, grube. Im Schmalkaldiſchen macht man einen Unterſchied zwiſchen Kate und Kutte; erſteres iſt eine tiefere Grube (leimen- küte), letzteres eine flache, höchſtens etwa keßelförmige Vertiefung. Dieſes Wort kommt in dieſer Bedeutung in der ältern Sprache nicht vor, iſt auch im ſächſi⸗ ſchen und weſtfäliſchen Heſſen nicht üblich, faſt unbekannt; es wird dafür das im ſüdlichen Heſſen unverſtändliche Wort küle gebraucht. Vgl. Zeitſchr. für heſſ. Geſch. 4, 79. 2) der in einen runden mit einer Spitze (Griff) verſehenen Knäuel zu⸗ ſammengedrehete gehechelte Flachs, wie derſelbe zum Umlegen um den Spinn⸗ rocken (Wocken) und Abſpinnen geſchickt iſt. In dieſer Bedeutung iſt das Wort hier, wie durch ganz Nieder⸗ und Mitteldeutſchland üblich: Friſch 1, 505. Müller mittelh. Wörterh. 1, 920; warſcheinlich iſt es jedoch eine eigens nieder⸗ deutſche Form, da die Flachskauten in Oberdeutſchland Katz und Kauze genannt werden, vgl. Schmeller 2, 345, wo indes dieſe eben genannten Wörter wol mit Unrecht zu Katze, kelis, geſtellt ſind. Vgl. Kutz. Beide Bedeutungen hat Eſtor S. 1412. kauten, geſprochen küten, tauſchen; gegenwärtig nur noch im Schmal⸗ kaldiſchen üblich, ehedem aber in ganz Heſſen gebräuchlich. „War umbe war muste verbutet, unde gekütet werden, unde nymant muste umbe gelt kouffen noch verkouffen“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 674. „doch ſollen die genanten Belehnten — ſulches guth nymants anders dan yren genoſſen — verkauthen noch verkaufen“. Lehnbriefe des Stifts zu Schmalkalden von 1518 —1845, und ſonſt in zalreichen Lehnbriefen aus faſt allen Theilen von Altheſſen. Das Wort iſt niederdeutſch: cunden, wechſeln, tauſchen, im Teutonista (Richey S. 445), komt aber auch am Rhein bis nach Worms hin vor „im Kauden oder Wechſeln“ Wormſer Ref. 1561. fol. Bl. 27 b. Kavat msc., zuletzt, ſo lange das Wort im Gebrauche war, Karfät geſprochen. Die mit dieſem Namen bezeichnete Sache und den Namen ſelbſt habe ich in Heſſen nur einmal, in Marburg, gefunden. Von dem Ausgange der untern Marktgaße führte nämlich ehedem (bis etwa 1830) ein Grad (ſtark erhöhetes Trottoir, wie ein ſolches bis zum Ende des 16. Jarhunderts durch die ganze Barfüßer Straße lief und in Kirchhain noch jetzt vorhanden iſt) nach dem Marktbrunnen, quer vor der Gaße her, welche vom Markt nach dem lutheriſchen Kirchhof führt. Dieſer Reſt des alten Grads trug den Namen Kavat, und be⸗ hielt denſelben auch, als die den Kavat bildenden Quaderſteine (um 1830) ab⸗ gebrochen und dieſer Reſt des Grades in einen doppelten niedrigen Stufenabſatz verwandelt wurde. Früher und ſpäter ſaßen auf dem Kavat die Obſthändlerinnen. Der Ort mit ſeinem Namen (Cavath) erſcheint in einer, den Statthalter Bur⸗ chard von Cramm (im 16. Jarhundert) betreffenden Anekdote bei J. Balth. Schuppius Schriften (1719, 1, S. 353 in „Sieben böſe Geiſter“), welche, möglicher Weiſe ſelbſtändig, indes doch wol nur nach Schuppius, auch in Zink⸗ grefs Apophthegmen 3, 26 vorkommt. Die in dieſer Anekdote erwähnten Quaderſteine, an welchen die Marburger Müßiggänger ihre Meßer wetzten, waren in dieſer ausgewetzten Geſtalt bis zum Abbruch des Grades noch vorhanden. — Im Jahr 1861 würde auch der doppelte Stufenabſatz abgebrochen, und in den nächſten Jahren ſchon wird mit dem Wegfallen des letzten Reſtes des Kavat auch der Name für immer erloſchen und vergeßen ſein. — Urſprünglich muß indes dieſe Stelle überwölbt oder wenigſtens überhaut geweſen ſein, denn earala bedeutet Kehle — Kelber. 197 Gewölbe, Halle, und ſolche Cavaten (indes femininiſch, nicht wie in Marburg, auch bei Schuppius und Zinkgref, misbräuchlicher Weiſe masculiniſch) fanden ſich in mehreren Städten, z. B. in Erfurt (ſ. z. B. Fiſcharts Gargantua in den ſpäteren Ausgaben 1600 Bl. 135a, 1608 Riſb, Dan. Greſers Beſchrei⸗ bung des Unfugs der Studenten in Erfurt 1821 (in der Historia vnd Beſchrei⸗/41 bung ſeines Lebens 1587. 4. Bija) „die Studenten — — ſtürmten die Pfaffen⸗ häuſer vmb die Cavaka vnd vnſer lieben Frauen vnd Severikirche herum“). Im 16. Jarh. kann der Marburger Kavat ſchon eine Halle nicht mehr geweſen ſein. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1413 hat: „Kavat, kack, pranger“, was irrig iſt; der Kak ſtand in Marburg zwar in der Nähe des Kavats, war aber keineswegs identiſch mit demſelben. Kehle fem., Kehlboden, der oberſte Raum in der Scheuer. ſ. Kehl⸗ balken bei Adelung 2, 1532. Kehlwanze iem, ein Stück verhärteten Bruſtſchleims. Schmalkalden⸗ keiben war als ſtark conjugierendes Verbum ehedem üblich (kibe, keib, kiben), iſt aber nicht mehr volksüblich; gemeinhochdeutſch iſt daraus das ſchwache Verbum keifen geworden. Es bedeutet ſich, namentlich mit Worten, zanken. „Wir enkummen nicht, das wir widder unſern Herrn kyven adder ſtryden wullin“ W. Gerſtenberger b. Schminke Anal. hass. 1, 211. „Fiengen da an vnd kieben ſich vmb mich“ Hans Staden Reiſebeſchr. (Weltbuch“ 1567. 2, 34a). „Sagt Zeug, es ſey woll beſchehen, das ſie ſich mit den weibern wie es pflege zuzugehen, gekiben“ Marb. Hexenpr. A. v. 1579. „deswegen ſie ſich mit ihme (dem Teufel, welcher verlangte, daß die Hexe Aepfel und Birnen bezaubern ſollte, was ſie nicht thun wollte) gekieben“. Marb. Hexen Pr. A. von 1633. Ueblich ſind nur noch die Ableitungen kippeln (kibbeln), im Schmalkaldiſchen und ſonſt, und kippern, im Haungrund; beide mit der Bedeutung: ſich zanken, ſtreiten; es iſt hiermit meiſt nur ein Wortwechſel gemeint. keilen, 1) tranſitiv: treiben, antreiben, drängen; auch mit Gewalt oder durch unverſchämte Lockungen herbeiziehen. 2) intranſitiv: klien, wie ein Keil durchgehen, wie mit dem Keil geſpaltenes Holz ausreißen, ſich ſchleunigſt aus dem Staube machen. In dieſer intranſitiven Bedeutung iſt das Wort nur im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, wie im Schaumburgiſchen und Osnabrückiſchen (Strodtmann Idiot. Osnabr. S. 102), meiſt in der Redensart gebräuchlich: hei gung averst kilen, heste nich sein. Im übrigen Heſſen iſt eine ähnliche Redensart ſehr üblich: der gieng aber los wie Keilholz. erkeisen, auch verkeisen, und in der neueren Zeit öfter verderbt in verkeistern, vor Kälte ſtarren, vorzüglich vom Frieren und Erfrieren der Men⸗ ſchen und Thiere. „Ich hab ſo lange da geſtanden, ich bin ganz erkeiſt“; „die Folen ſind gar niedlich (ſ. d.); wenn ſie im dicken Winter ſallen, ſo erkeiſen ſie gar leichi“; „ſie kam ganz verkeiſt aus der Kirche und hat ſich gleich dar⸗ auf gelegt“. Eſtor t. Rechtsg. 3, 1407. Das Wort, in Oberheſſen allein, aber ſehr üblich, ſcheint ſich nirgends ſonſt zu finden. Gleichwol iſt es vom höchſten Altertum, und muß an die Schmeller 2, 336 aufgeführten Wörter angeſchloßen werden: ches, gelu Gloss, Mons.; das Kes, der Gletſcher (romaniſch, glacies); Keswaßer, Gletſcherwaßer. verkeſen, ſich mit Gletſchereis erfüllen, vergletſchern. Kelber fem., das weibliche Lamm, Mutterlamm. Dieſes uralte Wort 8 — ●● 198. Kelch — Kerbe. (ahd. chilpurs, kilbra), in dieſer Form nur noch in der Schweiz gebräuchlich (Stalder 2, 99), findet ſich in Heſſen meines Wißens nur im Haungrunde. Vgl. Schmeller 2, 291. Kelch, Kelk, Kölk m. (zuweilen auch fem.), Unterkinn, Doppelkinn; im Haungrunde Kropf. Iſt durch ganz Heſſen, wie auch in der Wetterau, am Vogelsberge, in Oberkatzenelnbogen üblich, in Baiern nur von den Auswüͤchſen an Pflanzen gebräuchlich (Schmeller 2, 292). Bei Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1409: „gölck, unterm kinn“. Bei Alberus (Dict. Bl. Oija): „die Hauk vnder dem konn, das kelcklin“. Ahd. chelich, kelch, siruma. Das Wort iſt eine Ableitung von Kehle, und hat mit Kelch calix nicht das mindeſte zu ſchaffen, wie dieß ſchon Weigand im Intelligenzblatt für die Prov. Oberheſſen 1846 No. 61 erinnert hat. Daher köiken, ausbrechen, ſich erbrechen; zugleich onomatopoetiſch. Kemnate fem., vielleicht urſprünglich heizbares, jedenfalls aus Steinen erbautes Gemach, erſcheint in den heſſiſchen Urkunden ſtets als abgeſondertes Gebäude von Stein; das Wort kommt ziemlich häufig, aber nur bis in das 15. Jarhundert vor. Heut zu Tage iſt es nur noch in dem Namen eines Hofes im Amt Neuhof: der Kemnetenhof, und in dem Namen eines Berges bei Kloſter Haina: der Kemnatenkopf, übrig. kennen. In der Conjugation dieſes Wortes findet im Dialekt der Rückumlaut nicht ſtatt: das Präteritum lautet meiſt: ich kennte, das Participium des Präteriti faſt ausnahmslos gekennt, bekennt. bekannt (bekennt) bedeutet in Mittelheſſen: verwandt durch Heirat, angeheiratet. Seltſamer Weiſe braucht Hans Staden in ſeiner Reiſebeſchrei⸗ bung (Weltbuch 1567. kol. Bl. 58b) einmal das Wort bekant für ungefähr, indem er unter ganz gleichen Verhältniſſen (Bl. 34b) „ungefährlich“ anwendet.uog⸗ keppen, keppern, mit der Axt oder Barte (Handbeil) in etwas ein⸗ hauen, namentlich in die Bäume; das Wort hat in der Regel den Nebenbegriff des unſtäten, an verſchiedenen Stellen wiederholten, dann aber auch des zweck⸗ loſen Einhauens, des Baumfrevels. Oberheſſen, Schmalkalden. Gleichwol muß hierher der Name der von der Lohe abgeſchälten oberen Eichenrinde gezogen werden: Hlipp ſ. d. Kerhe fem., wie gemeinhochdeutſch, nur iſt die Kerbe in Niederheſſen lediglich der natürliche Einſchnitt, während der künſtliche, durch Meßerſchnitt her⸗ vorgebrachte, dort Kimme heißt (ſ. Kimme). Arschkerbe, allgemein übliche Bezeichnung dieſes Körpertheils, welche auch öfter als Benennung von Feld⸗ plätzen dient. Am gebräuchlichſten war der Ausdruck von der Berechnung, welche an den Kerbhölzern durch Einſchnitte, Kerben, gemacht wurde, und bis in das 17. Jarhundert die ausſchließliche Berechnungsweiſe für Viehzal, Garbenzal (Zehnten zumal) u. dgl. bildete, theilweiſe ſogar bis auf den heutigen Tag fort⸗ dauert; die Bauern zeichneten ihren Vermerk mit Kerben in die Kerbhölzer, die Herren den ihrigen in ihre Bücher ein, und am Jahresſchluß wurde Controle (Kerbzälung) gehalten. „der alten schuidt, wass der ist, die sie (die Landſidel) an ihren kerben vnd die Herren auch in ihren büchern beschrieben haben“ Schiedſpruch von 1464 bei Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 241. Der Hirte des Dorfes bezeichnete jedes Stück ſeiner Heerde mit einer Kerbe, kannte auch an der Kerbe, ſobald er nur ſeinen Kerbſtock anſah, das Stück Vieh, welches durch jede Kerbe begeichnet war. Dieſe Weiſe, anderwürts untergegangei, herſcht 5 Kéren — Kerner. 199 noch heute an der Diemel und untern Werra. Die Zehntgarben wurden noch 1816 in Schwarzenborn von den Zehntmännern gekerbt. Eben ſo wurden bis zum Jahre 1861 die „Abwerfeſcheiter“ (Holzſcheite, welche beim Einfahren in die Stadt von den bäuerlichen Holzverkäufern als Abgabe an die Stadt oder die Herrſchaft vor dem Thorzollhaus abgeworfen werden mußten) in Marburg von dem Thorſchließer durch Kerben am Kerbholz angemerkt. Von jenem Zälen der Viehſtücke durch den Hirten rührt es denn auch her, daß in Oberheſſen der Viehbeſtand, und durch dieſen der Umfang der Güter nach Kerben beſtimt werden. Eine Kerbe iſt gleich einem Stück Rindvieh oder zwei Schweinen; „der Schullehrer hat eine Kerbe frei“ bedeutet: er hat das Recht, ein Stück Rindvieh oder zwei Schweine unentgeltlich mit zur Weide zu treiben. „Ein Gut von vier Kerben“ iſt ein mit vier Ochſen oder zwei Pflügen beſtellbares Gut. Vgl. Alimme und an⸗ schneiden. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 76—77. kéren, wie gemeinhochdeutſch, oft aber auch da gebraucht, wo gemein⸗ hochdeutſch umwenden gebraucht wird, z. B. den Wagen kehren. Ehedem bedeutete es auch figürlich, namentlich in den Compoſitionen bekéren, widerkeren, vergüten z. B. Gerichtskoſten, auch Widerruf leiſten. So z. B. Gerichtsordnung von 1497 §. 8 (LandesO. 1, 18). Kerung, Erſatz, Vergütung. „mit kerunge mogeliches kostens und schadens“ 1479. Lennep Leihe zu Landſiedel⸗Recht Cod. prob. S. 739. Kdre auch Köre geſprochen, fem., Wendung, namentlich mit dem Wagen bei einer Krümmung des Weges, auch wol die Krümmung des Weges ſelbſt; der Fuhrmann verfährt die Käre, wenn er bei einer Krümmung das Geleiſe nicht einhält. Vorzugsweiſe im öſtlichen Heſſen, an der Werra, in Schmalkalden gebräuchlich. Tropiſch wurde kdre auch für Widerruf gebraucht Emmerich Frankenb. Gewonh. bei Schminke Monim. hass. 2, 733: kore, das ist, das he spreche he habe as uff yn gedichlet, unde mit worheit geseyt, unde enwiss solchs nit von ym in keiner werheit.“ Umbekor, Umkehr, Rückweg; W. Gerſtenberger bei Schminke Monim. hass. 2, 350; „vff der vmbkar (vmbkor) nach Caſſel“ Futterzettel von 1557 und oft; jetzt (Ummekur geſprochen) in der Bedeutung Umkreiß an der Eder (Wabern und Umgegend) üblich. Althochd. cheran, vertere, chera, inversio, mhd. kéren, kere. Vgl. Schmeller 2, 322 — 324. Kerne fem., in Heſſen, wo es nur an der Diemel vorkommt, nicht anders als in der Zuſammenſetzung: Butterkerne, Butterfaß. Ein durch die ganze niederdeutſche Sprache (angelſ., engl., holl.) verbreitetes Wort. Brem. WB. 2, 742. Richey S. 1I1, Wachter u. ſ. w. /f, 1.. 7. 25. %uu. Kerner msc., Beinhaus; desgl. die Kapelle, welche über dem Beinhauſe pflegte erbaut zu werden. In Heſſen ſcheint dieſe Bezeichnung nur einmal, in Marburg, vorzukommen; vgl. (Creuzer) Beitrag zu einer Geſchichte und Be⸗ ſchreibung der luth. Pfarrkirche 1827. 8. S. 24. 25. Ein, zu Marburg am Marienkirchhof (luth. Kirchhof) gelegenes, ehedem, vor dem Jahr 1512, als Rathaus der Stadt, jetzt zur Wohnung des an der gedachten Pfarrkirche ange⸗ ſtellten zweiten Pfarrers (Etkleſiaſten) dienendes Gebäude hat ehedem, und zwar in ſeinem untern Theile (während der obere als Rathaus diente), die Beſtim⸗ mung eines Beinhauſes mit Kapelle (zu den drei Königen) gehabt und den Namen der Kerner geführt. Anderwärts finden ſich ſolche Kapellen mit Bein⸗ 5 0 200 häuſern, oder umgekehrt, nicht ganz ſelten; ſo hatte z. B. die ehemalige Reichs⸗ ſtadt Windsheim an der Aiſch eine ſolche Kapelle, der Kärnder genannt (Paſtorius Franconia rediviva 1702 S. 323). Das Wort iſt aus dem latei⸗ niſchen carnarium, Leichenhof, gebildet; ahd. charnare, sepulcra vulgi ignobilis; mhd. gerner, gärner, osscrium. Scherz⸗Oberlin s. v. Gaerner. Schmeller 2, 66. Vgl. S. Brant Narrenſchiff (Strobel S. 134, 14): Als ist dem sack der boden uss, biss er fert in das gernerhuss. „Gerner oder Beinhauß“ Wickram Rollwagenbüchlein 1555 Eiija. Kersche, Kerse fem. 1) die Kirſche, in Oberheſſen und in der Graf⸗ ſchaft Ziegenhain, während im übrigen Altheſſen dafür Kesper (ſ. d.) gebraucht wird; 2) die Kreſſe, Brunnenkreſſe; niederdeutſche Metatheſis wie in bernen ſtatt brennen u. dgl.; in ganz Altheſſen. „Schaben, welche im Kirſchenteich an der Brunnenkreſſe kriechen“ Eſchweger Hexen Pr. A. v. 1657. Vgl. Graff Diutiska 2, 224a. Schottel Haubtſpr. S. 1344. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. 9K. 4, 77. Hesper fem, dle Kirſche, und zwar jeder Art, wilde und eultivierte, ſüße und ſaure ohne Unterſchied. Niederdeutſche, in ganz Niederheſſen ſo aus⸗ ſchließlich herſchende Form, daß man hier unter Kirſche nur Brunnenkreſſe ver⸗ ſteht (ſ. Kersche), wogegen in der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen ſo wie im Fuldaiſchen nur Kirsche gebraucht und Kesper nicht verſtanden wird. Kesper iſt, wie Kirſche aus cerasus, entſtanden aus kersebeere (cerasusbeere) Reineke Vos 4380, Kersper (Homberger Acten und Rechnungen von 1415) und hieraus, wie kasseheere (Brem. WB. 2, 749), Kesper. Hebsen plur. tant., eine weitere, dem Schmalkaldiſchen Dialect ganz an⸗ gemeßene Verderbnis von Kesper, iſt im Schmalkaldiſchen der Name der kleinſten und geringſten (wilden) Kirſche. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. AK. 4, 77. Keszler mse., Keßelflicker, ein jetzt faſt gänzlich in Abgang gekommenes Handwerk oder Gewerbe. Im Anfange dieſes Farhunderts noch (bis gegen das Jahr 1820) zogen die Keßelflicker, ſehr gewöhnlich auch Kaltſchmiede genannt, als herumwandernde Arbeiter mit ihrem Geräte, auch mit kleinen zum Verkauf angebotenen Metallwaaren von Dorf zu Dorf, ſehr oft Landſtreichern nicht un⸗ ähnlich, und nach einem alten Zeugnis (gereimte Bearbeitung des 1. und 2. Buches Moſis aus dem 11—12. Jarhundert; Diut. 3, 65. Hoffmann Fundgr. 2, 31) muß es ſo ſchon in älteſter Zeit geweſen ſein; nicht ſelten trieben auch Zigeuner das Keßelflickergewerbe. Keßler kommen mit Mengen (Händlern, Krämern) zuſammen vor Kopp Handb. 6, 22 f. und öfter, auch mit Gelzen⸗ leichtern (Schweineſchneidern); ſ. dieſes Wort. Keule fem., ein jetzt im Volke ganz unübliches, ja kaum verſtandenes Wort. Und doch muß es ehedem zu den üblichſten Wörtern gehört haben. Die Hirten führten nämlich in älteren Zeiten neben ihrem krummen Stabe auch eine Keule, wie ihnen dieſelbe von den Statuta Eschenwegensia (von Röſtell 1854 herausgegeben S. 6) zugeſchrieben wird. Wenn eine Frauensperſon genotzüchtigt wird, ſo ſind auf ihren Hülferuf alle, welche denſelben hören, zur Folge ver⸗ pflichtet: der Ackermann mit ſeiner Rute, der Enke mit der Geiſel, und ſollen Pflug und Pferd laßen ſtehen, dy herte sal ouch folgen met syner kulen uud met syme krummen stabe, und sal daz fye losse sten. Vgl. Kolbe. Kersche — Keule. Kibes — Kippe. 201 Kihes msc., ein unanſehnlicher und zugleich widerlich („unappetitlich“) ausſehender Menſch. Schmalkalden. Kimmchen, Nimmerchen, Kimmerken, Kummerchen, kleines Schwein, Ferkel. Nur in dieſer Deminution üblich; das Wort gilt aber auch als Lock⸗ wort, zunächſt allerdings für Ferkel, aber auch für die Schweine überhaupt. Sächſiſches und weſtfäliſches Heſſen, Kaſſel (wo Cimmerchen geſprochen wird), Gudensberg, Felsberg, Fritzlar, Wabern. Anderwärts unverſtändlich; dafür Rutz, Ritz; Wutz.f. 54, 1eg Kimme fem., Kerbe, jedoch nur die künſtlich, z. B. durch einen Meßer⸗ ſchnitt erzeugte Kerbe. Niederheſſen; in Oberheſſen unbekannt. In Metzebach im Amt Spangenberg wurden, und zwar noch im Jahr 1836, die Bauerngüter nach Kimmen und Stichen berechnet, welche Ausdrucksweiſe offenbar von dem Gebrauche der Kerbhölzer herrührt. Die Kimme betrug I'e Hufe, der Stich, ein Theilmaß der Kimme, den vierten Theil derſelben, oder ℳ, Hufe. Die Frage, welche ich nach Urſprung, Bedeutung und Verbreitung dieſer Berechnung einſt in der Zeitſchrift für heſſiſche Geſchichte und Landeskunde 4, 77 aufwarf, iſt, wie mehrere ſpezielle Privatanfragen nach demſelben Gegenſtande, zwar faſt durch⸗ gängig unbeantwortet geblieben, die wenigen freundlichen Notizen jedoch, welche mir zugekommen ſind, beweiſen, daß die in Rede ſtehende Berechnung ehedem eine weit, und vielleicht durch ganz Altheſſen mit Ziegenhain, verbreitete geweſen ſein müße. So weiß man an 3 4 verſchiedenen Orten noch ſo viel, daß die Abgaben nach Kimmen (die Grüne⸗Tiſch⸗Weisheit ſchreibt „Kämmen“) berechnet worden ſind und noch gegenwärtig der Grundlage nach berechnet werden; in Zella aber bei Ziegenhain kennt man noch jetzt auch den Betrag einer Kimme: drei bis vier Kaſſel⸗Acker, und den Abgabenbetrag für eine ſolche: zehn Heller. Vgl. Kerbe. Kind. „Zum Kind krank ſein“, Geburtswehen haben; alte, noch jetzt gebräuchliche Formen. Kinderfrau, die in den Gegenden, wo Eller (ſ. d.) unbekannt iſt, übliche Benennung der Hebamme, welches Wort ſich nirgends im Gebrauche befindet. Kinken plur., die würfelförmigen Stücke Schmeer und Speck, welche außer dem gehackten Fleiſch in die Würſte (Garwürſte, Rothwürſte, Blutwürſte, Weißwürſte) gefüllt werden. Nur an der Diemel üblich. Vgl. Strodtmann Idiol. Osnahr. S. 103: Kinkel, ein hangend Stück Fett am Fleiſch. Kipp msc. heißt in Marburg die äußere, rauhe Rinde der Eiche, welche mit dem Schnitzmeßer von der Lohe abgenommen und als brauchbares Brenn⸗ material benutzt wird. Das Brem. WB. hat 2, 766 Kiff für gemalene Gerber⸗ lohe. Vgl. keppen. Kippe fem., in Niederheſſen bis nach Hünfeld hinauf, mit Ausnahme der ſächſiſch⸗weſtſäliſchen Diſtrikte, wo das Wort Hiepe lautet, Keipe in Ober⸗ heſſen: Taſche, und zwar iſt Kippe (Kiepe, Keipe) das für Taſche ausſchließlich gebrauchte Wort, wo man nicht, wie im ſüdlichen Oberheſſen, Garge wenigſtens von den Frauentaſchen braucht. Taſche wird in vielen Dörfern Heſſens gar nicht verſtanden. „Du haſt den Teufel in der Keipe“ mit dieſem Anruf ſchalten ſich im J. 1688 Mutter und Tochter in Roſenthal gegenſeitig, und es bezog ſich derſelbe auf ein ſogenanntes „Teufelsmännchen“ (Alräunchen), welches in einer Büchſe oder Sehachtel lag und beim Eröffnen derſelben den Hineinſchauenden freundlich anlacht, aber bei dieſem eben durch dieſes Lächeln das gröſte Entſetzen erregt. „Sie tragen ihre Kinder auf dem rücken, in keipen von Baumwollen Kippeln — Kirmes. 202 garn gemacht“ Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567 fol.) Bl. 54a. In dieſer Bedeutung wird Kippe indes in Heſſen jetzt nicht mehr gefunden, anderwärts aber iſt dieſelbe gerade die üblichſte. fliepe machen, Gemeinſchaft machen, namentlich wenn es ſich darum handelt, einen Profit zu machen; — im weſtfäliſchen Heſſen. Kippenschats, (Geliebter oder) Geliebte, welche man ſich nur zu dem Zweck „anſchafft“, um durch deren Vermittlung die Kippe voll zu bekommen, ſich, zumal mit Speiſen, Leckerbißen, beſchenken zu laßen, wie das in den unterſten Ständen, zumal bei den gemeinen Soldaten, ſehr gewöhnlich vorkommt. Das Wort iſt ein mittel⸗ und niederdeutſches Sprachelement, ahd., mhd. und in den jetzigen oberdeutſchen Dialecten nicht vorhanden. kippeln ſ. keiben. kippen, 1) neutr. und act. wie gemeinhochdeutſch, auch in den Com⸗ poſiten umkippen und abkippen. 2) ſich geſchlechtlich vermiſchen. (Schmalkalden, nach des † Straube Mitteilung). Kirb, Hirbe fem., Abkürzung von Kirchweihe. Dieſer Name des Kirch⸗ weihfeſtes iſt in ganz Altheſſen jetzt unüblich; man ſagt nur Kirmes (ſ. d.). Doch muß ehedem das Wort auch in Altheſſen, wenigſtens in Frankenberg, ge⸗ bräuchlich geweſen ſein, da es ſich, freilich in abundantem Gebrauche: die kirchen kerbe in Emmerichs Frankenberger Gewonheiten bei Schmincke Monim. hass. 2, 702 findet. Eſtor verzeichnet es, aber, heut zu Tage wenigſtens, kommt es erſt in der Gegend von Gießen vor. Dagegen iſt es üblich im Fuldaiſchen, im Schwarzenfelſiſchen und im Hanauiſchen überhaupt, wie auch ſonſt in Ober⸗ deutſchland. „die kyrbe“ im Salzſchlirfer Weistum von 1506 (Grimm Weis⸗ thümer 3, 377) möchte wol im Oſten die äußerſte Grenze des Vorkommens dieſer Bezeichnung nach Norden hin angeben. Kirchenvater iſt die in den Schmalkaldiſchen Dörfern und hin und wieder auch an der Werra, wo ſogar noch Kirchenheite (ſ. Heite) gehört wird, übliche Bezeichnung der ehemaligen Heiligenmeiſter, jetzigen Kirchenälteſten, Kirchenſenioren. Kirmes fem., meiſt Kermes geſprochen, die in ganz Altheſſen aus⸗ ſchließlich übliche Benennung der Kirchmeſſe, des Kirchweihfeſtes, des nun ſchon ſeit mehr als zwei Jarhunderten als lediglich weltlich gewordenes Feſt beſtehenden järlichen Tanzfeſtes der Bauern, bei welchem, und zwar ſchon ſeit dem Anfange des 17. Jarhunderts, hier zu Lande jede Erinnerung an die urſprüngliche Be⸗ deutung dieſes Feſtes gänzlich erloſchen iſt. Seit jener Zeit ſcheinen auch die Kirmeſſen in den Dörfern der einzelnen Landestheile in eine und dieſelbe Zeit verlegt worden zu ſein, während noch im 16. Jarhundert ſich deutliche Spuren finden, daß jedes Kirchſpiel ſeine beſondere Kirchweihzeit gehabt haben mag. Im öſtlichen Heſſen war die Kirmeszeit ſchon am Ende des 17. Jarhunderts die letzte Woche des October und die beiden erſten Wochen des November (acht bis vier⸗ zehn Tage nach der Woche, in welche der „große Bettag“ fiel, welcher bis zum Jahr 1814 auf den dritten Mittwoch im Ocköber geſetzt war), im weſtlichen Heſſen ſiel die Kirmes früher, in die zweite, ja in die erſte Hälfte des September, und einzelne Ortſchaften hielten dieſelbe ſogar in der Pfingſtwoche, weshalb dieſe Kirmes „Salatkirmes“ genannt wurde. Die Kirmes wurde zuerſt „angeſpielt“, d. h. es wurde an einem Sonntage im Sommer ein Tanz gehalten, um bei die ſeordent de mantunten d ⸗or Deeg dutt a Miite Kiss — Kittel. 203 Abend der Kirmeswoche von den jungen Burſchen unter Anführung der „Platz⸗ burſche“ ein Umzug mit Muſik durch das Dorf gehalten, Donnerstag und Freitag Vormittag aber gleichfalls mit Muſik von Haus zu Haus gezogen, um „die Kuchen aufzuheben“, Donnerstag auch in der Regel ſchon unter der Linde getanzt. Freitag und Sonnabend waren jedoch die eigentlichen Tanztage unter der Linde, und Sonntags wurde die Kirmes beſchloßen. Montags folgte noch eine Nach⸗ kirmes, d. h. ein Umzug der jungen Burſche unter allerlei Vermummungen. Im weſtlichen Heſſen hatte die Kirmes nicht überall dieſen Umfang, fieng etwa erſt Donnerstags mit dem Umzug an u. dgl. — In neuerer Zeit iſt die Dauer der Kirmeſſen, aber auch die Abhaltung derſelben ſelbſt, ſehr beſchränkt worden, und von der alten, im Ganzen ſehr unbefangenen, Frölichkeit dieſer Volksfeſte iſt in manchen Gegenden nur noch ſehr wenig übrig. — Die Städte pflegten, mit ganz geringen Ausnahmen der kleinſten unter ihnen, ſchon am Anfange des 18. Jar⸗ hunderts Kirmeſſen nicht zu halten. Seikirchmesse. „Auch haben se zwo seikirchmesse zu Nüwenkirchen“ (an der Hauna) Weistum von 1483 bei Grimm Weisthümer 3, 379. Wenn das Wort nicht verſchrieben oder verleſen iſt, ſo läßt es ſich mit den jetzt zu Gebote ſtehenden Sprachmitteln nicht erklären. Kirmes wird in Oberheſſen auch in uneigentlicher Bedeutung ſehr ge⸗ wöhnlich gebraucht für Kinderſpielzeug, Kinderkram; „nun, was haſt du da für Kirmes?“ Der Gebrauch iſt ſchon alt, findet ſich nämlich bereits bei W. Gerſten⸗ berger (Schminke Monim. hass. 2, 333): lichte kinderwerk iſt hier völlig gleichbedeutend mit dem alsbald folgenden lichtin kirmesse. Hier ſcheint es vor⸗ zugsweiſe Gebäck zu bedeuten. Kindkirmes, Kindtaufſchmaus, Kindtauffeſtlichkeit, Kindtaufe. Im weſt⸗ lichen Heſſen ſehr üblich, ſelten im öſtlichen. Vgl. Schmeller 2, 330. Kiss masc. und neutr., Stange mit einem halbkreißſörmigen Brett am einen Ende, welche dazu gebraucht wird, um auf der Dreſchtenne oder auf dem Fruchtboden das ausgedroſchene Getreide zuſammenzuſcharren (Eſtor t. Rechtsg. 3, 1412), ſo wie um die glühenden Kohlen aus dem Backofen zu ziehen. Viel⸗ fältig wird jedoch dieſes Inſtrument Krücke (Fruchtkrücke, Backtrücke, Ofenkrücke) genannt, und dann bleibt der Name Kifſ für das Inſtrument vorbehalten, welches gleichfalls aus einer Stange beſteht, an deren Ende ſich meiſtens ein kleines viereckiges Bret befindet, das mit naßem Stroh oder naßen Lumpen um⸗ wickelt wird, und dazu dient, den Backofen, nach dem Herausſcharren der Kohlen mittels der Krücke, zu reinigen, damit das Brod eingeſchoßen werden kann. Auf dem Weſterwald ſpricht man Kies; Schmidt weſterw. Id. S. 78. Das Wort iſt alt, und vermutlich niederdeutſch: chissa, traetula in den Triexer Gloſſen bei Hoffmann althochdeutſche Gloſſen 17, 35. Hre 7 7 /45ler 7 362 Kitsche fem., d. i. Kitze, die weibliche Katze; nur im Schmalkaldiſchen üblich, wenn auch Kitze, Kitz, von dem Weibchen der Katze hin und wieder im Gebrauch iſt. Gewöhnlich werden die Geſchlechter nur durch Kater (Heinz) und Katze unterſchieden. Kittel mse. 1) wie gemeinhochdeutſch. Vgl Bacher, Donnerkilel. 2) öfter, aber wol richtiger Kiddel geſchrieben, als Beſtandteil von Wald⸗ und Triftſtücken; z. B. die Ridkdelsheide bei Elben (Weistum der Elbermark von 1440, Grimm Weist. 3, 322), die Kiddelbach zwiſchen Hedersdorf und Kirchheim, und ſonſt. Soll das Wort auf einen deutſchen Namen zurückgeführt werden, ſo iſt derſelbe ſicherlich nicht das Kleidungsſtück Kittel, ſondern etwa der 8 204 Kittern — Klauer. nur im Gothiſchen noch erſindliche Mannsname Ouidila (zu deſſen Ableitungen u. a. Quidilingaburg, Quedlinburg gehört), welcher hochdeutſch ſich in Kidila, Kidil, umgeſtaltet haben kann. kittern, heſſiſche Ausſprache von köddern, 2e' ErAe 1) lachen mit unterdrückter Stimme, beſonders wenn Mehrere zuſammen ſind, und halbverſtolen mit einander lachen, wie beſonders junge Mädchen thun. Niederheſſiſcher Gebrauch. Schmeller 2, 343. 2) mit einander plaudern; im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen und im Kreiße Hünfeld. Hier wird köttern, köddern geſprochen. Schottel Haubtſpr. 1349. Richey Hamb. Id. S. 133. Strodtmann Id. Osnabr. S. 109. Brem. WB. 2, 835. Klabastern, auch klambastern, neutr., ſich unruhig bewegen, transit. Jemanden in unruhige Bewegung verſetzen, hin und her treiben; im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen geradezu: abquälen, z. B. Pferde. Klanm, 1) arctus, angustus in eigentlicher und metaphoriſcher Bedeutung. „Die Thür geht klamm zu“, iſt ſchwer zuzumachen; „die Fenſterflügel ſchließen klamm“; „das Schubfenſter iſt klamm geworden“, d. h. iſt von der Feuchtig⸗ keit gequollen und geht nicht auf“; — „es geht mir gar klamm“ d. h. bedrängt, dürftig; auch: „das Brod, das Geld iſt klamm“, womit ſich die Bedeutung von klomm an die des Wortes spenge (ſ. d.) anſchließt. In ganz Altheſſen, am üblichſten in Niederheſſen. 2) feucht, von der nicht vollſtändig getrockneten Feldfrucht, Wäſche und dgl. im Ziegenhainiſchen, und wol ziemlich überall in Niederheſſen. Schottel Haubtſpr. S. 1345. Brem. WB. 2, 784. Schmeller hat dieſelben Formeln, welcher unter 1) angeführt ſind 2, 92 unter gleim, 2, 356 unter biklemm, welches letztere Wort auch auf dem Weſterwald (Schmid S. 19) vorkommt, und auch im weſtlichen Oberheſſen vorhanden ſein ſoll; ich habe es ſelbſt nie gehört. klappen, im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen der ausſchließlich gebrauchte Ausdruck für das gemeinhochdeutſche klatſchen mit der Geiſel (Peitſche). Im übrigen Heſſen herſchi gröſtenteils das gemeinhochdeutſche Wort, oder ſchnappen. Klaterig, in den niederdeutſchen Diſtricten klatlerig, ſchmutzig und naß: klateriges Wetter, ein klateriger Weg; aber auch ſehr häuſig im Tropus: eine klaterige Sache, Geſchichte. In Niederheſſen üblich, in Oberheſſen unbekannt. Strodtmann ldiot. Osnabr. S. 104 (kladderiche Sacke, en kladderigen weg). Lippiſches Idiotikon in Frommann Mundarten 6, 215. Klauer. Eſtor hat in ſeiner Probe eines oberheſſiſchen Wörterbuchs, T. Rechtsgelahrtheit 3, 1412 folgenden Artikel: „Klauer, der reitochs. Der namen der ausgeſtorbenen adelichen klauer, zu Gemünden und Ockershauſſen“. Die Benennung des Zuchtochſen, Klauer, will ſich in Oberheſſen ungeachtet der ſorgſamſten Nachfragen, welche ſchließlich doch manches von Eſtor Angeführte, was früher von ſonſt einſichtigen Perſonen aus dem Volke war abgeleugnet worden, als richtig beſtätigt haben, auch jetzt nicht finden. Möglich, daß Eſtor mit ſeinem Artikel nur die Erklärung des Familiennamens Klauer hat geben wollen, und dieſe Er⸗ klärung anderswoher entnahm, denn Klauer bedeutet nach dem Brem. WB. 2 3,ein borſochr auch ein drones äher Ehen ſeboeder ſchon Richen ld. Hamb. S. 120. Klaus — klavieren. 205 Klaus, auch wol Kläs, am gewöhnlichſten Klöwes, Abkürzung von Nikolaus, doch nicht, wenn dieſer Name als Rufname verwendet wird, indem in dieſem Falle die Silbe Ni— nicht unterdrückt zu werden pflegt. Aber ſelbſt wenn der Heilige des 6. Decembers gemeint iſt, wird in Oberheſſen dieſe Silbe nur ſelten weggelaßen. Dagegen wird z. B. in Hersfeld niemals geſagt: das Nikolausthor, ſondern ausnahmlos: das Klausthor. Der Umzug des Klaus, Kläs, Klôwes, Niklôwes am 6. December Abends iſt noch jetzt in manchen Ge⸗ genden, namentlich in und um Hersfeld, Marburg, Kaſſel regelmäßig üblich; bis um 1840 wurde derſelbe noch häufig von Erwachſenen, auch noch mit dem alten Schläge⸗Austeilen und Nüße⸗Werfen, vollzogen; ſeitdem iſt der Umzug zu einer Kindermummerei und einen Gaben⸗Erbitten Seitens der vermummten Knaben herabgeſunken. Klauwe, Klohe, Kio, Kla (msc.), großes Holzſcheit, was anderwärts Kloben geſprochen und geſchrieben wird. Das Wort ſcheint jetzt nicht mehr vor⸗ zukommen. Sehr häufig erſcheint es in den Baurechnungen der Univerſitäts⸗ vogtei Singlis aus dem 16. und dem Anfang des 17. Jarhunderls, und zwar nur in der Verbindung mit Treppe, ſo daß es diejenigen Klötze bedeuten muß, welche zu den Treppenſtufen (Treppentritten) der damals ſehr maſſiv angelegten Treppen verwendet wurden. „1 f dem furſter zu freilendorff vor 1 buchenbaum geben, ſol zu dreppen klohn gebraucht werden vff der herrn frucht bodden“. 1574. „32 eiſern nagel damit die treppen klohen vffgenagelt“. 1575. „9 alb vor 3 drappen klauwen“. 1586. „2 fl 4 alb vor 16 trapffen klan vor dem Schieberboden“. 1588. „21 alb vor 6 neuwe trapffen klauwen vor dem Langen⸗ bauw“. 1589. „3 fl forſtgelt vor zwo Schweln vnd ein Baum zu Trapffen Klön.“ 1597. „Vor 1 Eichenbaum ſo zu Trappen klawen vorm langen baw gepraucht werden ſol geben 1 fl 10 alb.“ 1605. „1 buche zu drappen klon“. Wetter 1569. „zu drappen kloin“ ebdſ. 1571. Das Wort wird noch jetzt repräſentiert durch den waldeckiſchen und heſ⸗ ſiſchen Familennamen Klahole. Ich finde daſſelbe nur bei Friſch 1, 520b: Klaue, Holzſcheit; im Brem. WB. fehlt es. Klauwen neutr., auch, in den gebildeten Ständen eigens, Klauen geſprochen, die niederheſſiſche Form; Klauwel, die in der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen, Kluggen die im ſächſiſchen und weſtfaͤliſchen Heſſen gebräuch⸗ liche Form: Knäuel Garn, ſowol Zwirn wie wollenes Garn u. dgl. Die nieder⸗ heſſiſche Form findet ſich ſchon bei Herbort von Fritzlar: daz klawen v. 1040; die Ausſprache Klauen bei Schottel Haubtſpr. S. 1346: kluen; die oberheſſiſch⸗ziegenhainiſche Form in Baiern Schmeller 2, 348. Die weſtfäliſch⸗ ſächſiſche Geſtalt des Wortes iſt aus der Neigung dieſes Dialektes hervorgegangen, die W, zumal nach au, ou, in gg, g umzuſetzen: frogge ſtatt frouwe, haugen ſt. hauen, friggen ſt. freien zu ſprechen; das Brem. WB. verzeichnet 2, 811 klouwen. An ſich ſind alle dieſe Formen Ableitungen von chliua, dem ahd. Namen für globus, jetzt Kugel. Vgl. Kulle. Der niederrheiniſche Provincialis⸗ mus Klüngel (welchen auch Alberus Dict. Bl. Pa hat: Clobus, ein klüngel) iſt in Heſſen völlig unverſtanden, auch verdient derſelbe die Aufnahme in die Schriftſprache nicht einmal in gleichem Grade, wie unſer Klauen, Klauel. Klavieren, in Compoſitionen üblich, mehr in den Miltelſtänden, als im eigentlichen Volke, doch mitunter auch dahin in ziemlicher Verbreitung ge⸗ drungen: 2 206 Klawit — kleudern. abklarieren (sich elwas), ſich etwas zurecht legen, durch Vermutungen und Schlüße, gleichſam durch Taſten, erraten. herausKlarieren, durch Combinationen etwas Verborgenes zu Tage bringen. upklareéren, im ſächſiſchen Heſſen und im Schaumburgiſchen: aufputzen, ſchmücken, herausputzen. Klawit (kläwit), meiſt nnr deminutiv: Klawitchen, das Käuichen, der Todtenvogel; eine dem Geſchrei des Vogels entnommene Benennung, welche im weſtfäliſchen Heſſen (Wolfhagen) vorkommt. Im öſtlichen Heſſen und in der Grafſchaft Ziegenhain heißt dieſer Vogel Kriddewisschen, gleichfalls onomato⸗ poetiſch (ſ. d.). Klecker mse., Tüncher; im Schmalkaldiſchen. Hier iſt es die eigent⸗ liche Bezeichnung dieſes Geſchäftes, ohne alle üble Nebenbedeutung; im übrigen Heſſen werden die Weißbinder und Tüncher nur ſpottweiſe Kleckser genannt. klénen, kloenen, bedeutet eigentlich ſchmieren (ahd. chlenan, oblinere), und iſt in dieſer Bedeutung noch jetzt in Niederdeutſchland (z. B. im Schaum⸗ burgiſchen, wo man jedoch kleien, kleen, ſpricht) und auf dem Weſterwald (Schmidt weſterw. Jd. S. 19) üblich, in Heſſen wenig oder gar nicht ge⸗ bräuchlich. Dagegen bedeutet es, meiſt jedoch nur im ſächſiſchen Heſſen mit Einſchluß von Kaſſel in uneigentlichem Sinn: an einer Sache widerlich langſam ziehen, z. B. im oder am Eßen klenen d. h. langſam und widerwillig eßen, was eben nicht mundet; langweilig und gedehnt von etwas ſprechen, wie kloenen auch in Hamburg gebraucht wird (Fulda Wurzelwörter S. 98). Frommann Mundarten 5, 151 (Falleröleben). klengen, Cauſativum von klingen: klingen machen. Im eigentlichen Sinne wird das Wort nur von den Samenkapſeln (Knoten) des Spätflachſes gebraucht: Knoten klengen d. h. die Knoten in der Sonne auf einem Tuche (oder, wie im nördlichen Heſſen auch wol üblich iſt: in einer Klengkaule) aus⸗ breiten, damit ſie klingend aufſpringen und den Samen fallen laßen. Dieſer Spätflachs, kurze Flachs, Klengeflachs, Klengelein, iſt der in Heſſen alteinheimiſche Flachs; der lange Flachs (Lein), Tonnenlein, ſtamt aus Liefland, hieß auch ſonſt Rigaer Lein, der Mittelflachs, Dionyſiuslein, iſt aus Frankreich eingeführt, und hieß deshalb auch ehedem Franzoſenlein. S. Eſtor d. Rechtsgelahrtheit 1, 641 (§. 1594). Seitdem der Klengelein den beiden oben genannten Flachsarten je mehr und wehr gewichen iſt, wird das Wort klengen in ſeiner Bedeutung nicht mehr gehörig verſtanden, und misbräuchlich auch z. B. vom Weizen gebraucht: „der Weizen iſt übrig reif, er iſt geklengt“ d. h. die Körner fallen aus. Vgl. klimpern. Metaphoriſch heißt jemanden klengen ihn plagen, ängſtigen, quälen; z. B. im Examen klengen. Klette fem., Benennung des Maikäfers im ſüdlichen Theil von Ober⸗ heſſen, an der untern Lahn. S. Kükerling, Maikleber. Eleudern, kleinlich und ungeſchickt arbeiten, z B. eine Arbeit an⸗ fertigen, die man zu verfertigen nicht gelernt hat, wie, wenn ein Bauer, welcher die Schreinerei nicht gelernt hat, ſich wol oder übel einen Tiſch ſelbſt verfertigt. Er hat dann an dem Tiſch geklendert, ſich den Tiſch zurecht gekleudert. Südliches Oberheſſen, an der untern Lahn. Klein Prov. Wörterbuch S. 237 hat daſſelbe Wort, nur in der Form klötern, genau in derſelben Bedeutung, angeblich „vom Harzgebirge“. Klibbern — Klippe. : 207 klibbern, zerſchlagen, in Stücke, zumal in Splitter ſchlagen oder zer⸗ brechen laßen. „Das Glas iſt geklibbert“ (zerbrochen; meiſt im Unwillen ſo geſprochen). „Sie hawen einen dicken Palmenbaum vmb vnd kliebern den in kleine ſprießlin“ Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch, Frankf. 1567 fol. 2, 52b). In Niederheſſen allgemein gebräuchlich, aber auch anderwärts nicht unüblich. Das Wort iſt Freguentativum von klieben (ahd. chlioban), welches in hochdeutſcher Form in Heſſen nicht vorkommt, ſondern nur in niederdeutſcher klöwen (ſ. d.). † 294 Klibber (Kliwwer) fem., Splitter Holz zum Küchengebrauche. Nur in Niederheſſen üblich, während in Oberheſſen Schibber (Schiwwer) gilt. Landes⸗ ordn. 6, 833. Kopp Handbuch 6, 75. Schmidt Weſterw. Id. S. 80. /. Klicker msc., hin und wieder gebräuchliche Bezeichnung der aus ge⸗ branntem Thon oder Marmor verfertigten Spielkugeln der Kinder. Vgl. Merbel, Heucher, Uller, Wacken. Klimperklein, äußerſt klein, winzig. Allgemein üblich; in andern Gegenden Deutſchlands klinkerklein, klintzerliklein (dieß z. B. Philand. v. Sitte⸗ wald Geſichte (1650) 1, 63. ein klimpergrütachen, ein ganz klein wenig. Klimpern, an der Werra (Niederhone u. a. O.) in neuerer [eit üblich gewordenes Wort für klengen, Knoten klengen, w. ſ. Klippe fem., im gemeinhochteutſchen Sinne: „ſteil abfallender Feld⸗ I. 4 theil“ dem Volke nicht nur unbekannt, ſondern gänzlich unverſtändlich. Aber auch in dem Sinne, in welchem das Wort ehedem ſehr üblich war, iſt es mit der von ihm bezeichneten Sache jetzt verſchwunden. Klippe bedeutete die, meiſt viereckig geſchlagene, Blechmünze geringſten Gehaltes und Wertes, und es erhielten ſich dieſe Münzen (welche ſelbſtverſtändlich nur auf einer Seite geprägt waren, und in Beuteln vom ſtärtſten Leder aufbewahrt wurden) bis zum Anfange des vorigen Jarhunderts; ſeitdem wurden ſie nicht mehr geprägt, verſchwanden aus dem Verkehr und werden jetzt nur noch bei Münzfunden (oft in Haufen zu Hunderten an den Wurzeln der Waldbäume), ſonſt nur in Münzſamlungen, ge⸗ ſehen. Daher kam es, daß Klippe für Scheidemünze, „klein Geld“ überhaupt verwendet wurde. So gebraucht es z. B., doch mit ſichtlicher Beziehung auf die damals noch vorhandenen Klippen, der Pfarrer Bartholomäus Thomas zu Balhorn, welcher im Jahr 1666 klagte, daß er, als er 1653 in Balhorn ein⸗ getreten, 200 Thaler zum Bau des Pfarrhauſes vorgeſchoßen, „welche hernach klippen weis vnd mit böſen früchten bezalt wurden“. Daher denn, nach dem Untergange des einfachen Wortes, die noch jetzt ſehr allgemein üblichen Compoſita: Kiepperheller, Scheidemünze, „kleines Geld“, meiſt im Gegenſatz gegen hartes Geld und größere Summen; „ich nehme nur immer ein paar Klepperheller in der Taſche beim Ausgehen mit“; „meine Frau hat das Geld ganz allein an ſich gezogen, mir gibt ſie nur Klepperheller“ Klage eines Siemanns. Klipperschulden, Klepperschulden, kleine Beträge an Zalungsverbindlich⸗ keiten, wie ſie im Laufe des gewöhnlichen Lebens vorkommen; „viel Klipperſchulden machen auch große Schulden“. Bei der Ordnung eines bisher unordentlich geführten Haushalts werden zuerſt die Klepperſchulden beſeitigt. Misver⸗ ſtändlich und corrumpirt ſagt man jetzt auch: Klapperſchulden. Klipperwerk, Klepperwerk, kleine, geringfügige Waare, geringfügige Gegenſtände. So ſchon bei Schlottel Haubtſpr. S. 1346: Klipperwert, erepundia. 2 208 . Klöppen — Klunder. Klöppen bedeutet im Amt Frankenberg: mit nur einer Glocke läuten, ähnlich wie in Weſtfalen, wo klöppen bedeutet: mit langſamen Schlägen an die Glocke das Zeichen zu einer Verſamlung geben (wie das Glockenzeichen des Feuer⸗ lärms beſchaffen iſt), und die Betglocke ziehen, zum Vaterunſer läuten: es Klöppt (kleppt), es wird in der Kuche das V. U. gebetet und wie in Oberheſſen üblich, mit einer Glocke dazu geläutet. Strodtmann ld. Osnabr. S. 106. Rlotze fem., Klaue. „Es iſt ein thier, genant Catiuara — — iſt ſchwartzgraw von Hare, hat drey klotzen an jedem fuß, ſchmecket wie Schweinen⸗ fleiſch“ Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567. fol. Bl. 58a). Soll noch jetzt hin und wieder (wo?) in Niederheſſen vorkommen. klotzen, ſchlagen, klopfen in einzelnen Stößen oder Schlägen: vom Pulsſchlag, von dem fieberartigen Klopfen in Geſchwüren, zumal Fingergeſchwüren. aufklotsen, aufſtoßen, aufrülpſen. Metaphoriſch: „es soll dir übel auf- klotzen“ es ſoll dir übel bekommen. Nur in Oberheſſen gebräuchlich. Klötz plur., nates. Hersfeld. Gewöhnliche hersfeldiſche Drohung an ein Kind: „wort, dei well ech de Kletz treff“. klöwen (auch kloewen geſprochen), ſpalten, zumal Holz ſpalten. Sächſiſches und weſtfäliſches Heſſen, wo das Wort ſpalten gänzlich unüblich, faſt unbekannt iſt. Im übrigen Heſſen iſt klieben (chlioban) unbekannt, und nur in Niederheſſen ſind die abgeleiteten Wörter Klibber und klibbern üblich (ſ. d.). 1 1, Klüftchen, dünner, auch ſchlechter, abgenutzter Rock; beſonders wird der Frack ſo bezeichnet. „Wie hältſt du nur die Kälte in deinem Klüftchen aus? Sehr üblich, beſonders in den Städten. Kluggen ſ. Klauwen. Klunder fem., daſſelbe, was Adelung 2, 1647 als „Klunker“ hat: 1) kothiger Anſatz an dem untern Rande der Weiberröcke, auch wol Kotklumpen überhaupt. Allgemein, außer in Oberheſſen, üblich. Es ſcheint dieß Wort daſſelbe zu ſein, welches in Gedichten thüringiſchen Urſprungs aus dem 14. Jarhundert als kluter erſcheint: ir cleit heilec unde lüter würen äne cläter, Eliſabethleben, Diutiska 1, 465. ldter von alles laslers kläter, Heinrich und Kunigunde v. 1428. vgl. Ktüte und Lammel. 2) metaphoriſch: eine unreinliche, niedrige Weibsperſon, prostibulum. In dieſem Sinn iſt Klunder in Marburg und weiter ſüdlich in Oberheſſen ſehr üblich. Dieſes „Klunder“ meint auch ohne Zweifel Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1409 mit ſeinem „Glond, hure“, welches zwar an ſich nicht fehlerhaft iſt, denn klont bedeutet im Holländiſchen eine feile Dirne, vielleicht aber auf unſer Klunder be⸗ zogen werden könnte. Vgl. Frommann Mundarten 6, 279. sich beklundern, von Frauensperſonen, kothige Ränder an die Röcke bekommen; von Kindern auch in dem Sinne, wie H. W. Laurenberg Scherz⸗ ged. S. 31: Dat he nich holden kond van vören noch van hinden, He muſte ſyne Broeck ahn underlat beklündern. Das Wort iſt als Kläterwie als Klunder entſchieden niederdentſch. Klunker — Kläte. 209 Klunker masc. oder neutr., ein Krug mit engem Halſe, wie die Krüge, in welchen das Selterſer Waßer u. dgl. verſendet wird. Das Wort kommt in Marburger Acten aus der zweiten Hälfte des 17. Jarhunderts öfter (häufig z. B. in dem Criminalproceſſ der Anna Runkel zu Marburg 1680) vor; es wird „aus einem Klunker etwas in ein Glas, oder auch in einen Tiegel, geſchüttet“. Auch findet ſich Klunkerkrüschen (ſ. Krus) und Klunkerglas ebendaſelbſt. In Oberheſſen, namentlich in Marburg, iſt Klunker, Klunkerkrus noch jetzt üblich. Unter „Klunker“ verſteht man diejenigen Krüge, welche aus dem ſ. g Kannenbäcker Lande, als „ſteinerne Krüge“ oder „Coblenzer Waare“ kommen, und zwar weiß man recht wol, daß dieſe Krüge wegen des Tones, welchen die in ihnen enthaltene Flüßigkeit bei dem Ausſchütten hören läßt, wegen des Klunkerns, ſo wie ſie genannt zu werden pflegen, genannt werden. Vgl. Matheſius Sarepta Bl. 189b: „guttroff, — ein geſchirr, das vnten weit vnd oben eng iſt, wie man ſolche ehrne vnn gleſerne gefeſſ noch hat, die da kuttern, klunckern oder wie ein ſtorch ſchnattern wenn man drauß trincket“. Ganz ähnlich Alberus (Dict. Bl. ddiijb) Bauculum, ein ghuddorf, fleſch ꝛc., quod effundendo sonitum facit, daß glünckelt. Siehe auch Suttertrug Schmeller 3, 293, welches in gleicher Weiſe auf ſuttern zurück zu beziehen iſt. klünzeln. „das er vns vil mal hofieren, vnd als eynen affen an die ketten kluntzeln müſſen, damit er vns von vnſerm böſen fürnemen abhalten möchte“. L. Philipps Dritte warhafftige verantwortung ꝛc. (wider Herzog Heinrich) (Marburg ¼ 1541) 4. Bl. P4b. Die Redensart iſt aus der Schrift des Herzogs Heinrich entlehnt, indes wird ſie auch in dieſer Schrift theils vollſtändig theils abgekürzt öfter wiederholt z. B. 25: „Könte er hie dem affen an der %e ketten recht klüntzeln, das were ime von nöten“. Es iſt ohne Zweifel das Deminutiv von klingen: klingſeln, klinſeln Schmeller 2, 360. Kluppe kem. iſt in Heſſen, abgeſehen von dem Gebrauche des Wortes in ſpeciell techniſchem Sinne (in welchem es doch weniger als anderwärts ver⸗ wandt wird), faſt nur in metaphoriſchem Sinn in der dem Volke ſehr geläufigen Redensart gebräuchlich: einen in die Kluppe kriegen, einen in ſeine Gewalt bekommen um ihn zu bedrängen, ſeine Uebermacht ihn fühlen zu laßen; einen in die Klemme, Mache bekommen. Dieſe Redensart hat ſchon Schottel Haubtſpr. S. 1328. Adelung 2, 1647. Klupp, Klopp msc., Klupperi (Fulda), Kloppert (Schmalkalden) msc., ein Haufe zuſammengebundener Stücke. Vorzüglich und eigentlich wird dieſes Wort von den Krammetsvögeln gebraucht, deren früherhin und in Altheſſen vier einen Klupp, Klopp, bildeten (LandesOrdn. 4, 214. Kopp Handb. 6, 75), jetzt im Fuldaiſchen fünf zu einem Kluppert gehören. Dieſer Ausdruck iſt, da ſeit länger als dreißig Jahren die Krammetsvögel in Heſſen in größerer Anzal nur im Fuldaiſchen und in Schmalkalden vorkommen, jetzt faſt ausſchließlich in dieſen Gegenden üblich. Adelung 2, 1647. Klophengst, ein männliches Pferd, welches nur halb verſchnitten (gekluppt & wiewol dieſe Bezeichnung des Caſtrierens ſich in Heſſen nur ſelten findet) iſt, noch einen Hoden behalten hat. Allgemein üblich. Klüte mse., auch Klaute geſprochen, desgl. Kluten, Klauten, Klumpen, zumal Erdſcholle, wie denn die Oekonomen im Schaumburgiſchen den Spitznamen Klutentramper tragen. Zuweilen wird Klüten auch für einen halbgefüllten Sack Bilmar, Idiotikon. 14 210 Knallhütte — knitschen. gebraucht. Nur im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. Vgl. Strodtmann ld. Osnabr. S. 107. Richey Hamb. Id. S. 126. Brem. WB. 2, 810. Knallhütte, Name eines, jetzt anſehnlichen, Wirtshausgehöftes zwiſchen Niederzweren und Kirchbaune, auf der Landſtraße von Kaſſel nach Frankfurt; bekannt durch die Niederlage, welche am 22. April 1809 die Inſur⸗ genten unter dem Oberſt von Dörnberg durch das weſtfäliſche Militär erlitten. Der Name, bei uns nicht mehr Appellativum, bedeutet eine breterne Tanz⸗ hütte, ſ. Frommann Mundarten 6, 334. Knallen bedeutet derb auftretend tanzen, und in ſolchen Breterhütten gibt das ſtampfende Tanzen doppelt den Laut des „Knallens“. knarbeln, Frequentativ von knarren, wie es ſcheint. 1) dentibus fremere, was gemeinhochdeutſch tnirſchen. Im Fuldaiſchen; dort auch knirbeln geſprochen. 2) an etwas Hartem hörbar nagen: der Hund knarbelt am Knochen. So ſchon bei Schottel Haubtſprache S. 1347: „fnarblen, eroquer, crepare, wie ein hund wan er knochen beiſſet oder einSchwein, das Nüſſe friſſet. Allge⸗ mein üblich. 3) unaufhörlich, in widerlichem, verdrießlichen Eigenſinn ausdrückendem Tone tadeln; „er knarbelt den ganzen Tag, um dieſe und jene Kleinigkeit, ſo daß es nicht auszuſtehen iſt“. Allgemein üblich; auch knerbeln (knerweln) geſprochen. P., 1.73. knarren bedeutet außer stridere, wie gemeinhochdeutſch (wofür jedoch auch andere Ausdrücke eintretenſ, wie girren, gurren u. dgl.) das unartige unzu⸗ friedene Weinen oder Halbweinen der Kinder, petulanter plorare, wie ſchon Schottel Haubtſpr. S. 1328.hat. Schmeller 2, 375. Knarrbüchſe, Bezeichnung eines unzufriedenen, ſtets im Halbweinen ſtehenden Kindes. knerren (sich), ſich zanken. Im Fuldaiſchen. knatschen, knetschen, knitschen, knutschen, vier Wörter deſſelben Stammes und verwandter Bedeutung, indes durch den Vocal beſtimt genug von einander geſchieden; — vorzugsweiſe, wenn auch nicht ausſchließlich, in Niederheſſen gebräuchlich, hier aber auch wiederum ausſchließlich d. h. ſo gebräuchlich, daß neben denſelben andere, ſogenannte ſynonyme Aus⸗ drücke nicht vorhanden ſind. knatschen, 1) weiche Gegenſtände zerdrücken, in weichen Gegen⸗ ſtänden mit den Händen ſich (knetend) bewegen; der Kleiber knatſcht mit den Füßen den Lehm oder im Lehm; der Teig muß recht geknatſcht werden; — 2) hörbar kauen, ſchmatzen: „knatſch nicht ſo“ Warnung an Kinder. Knatsch msc., weicher Kot, wie er namentlich bei Thauwetter ſich erzeugt; Knatschwetter, ſtarkes Thauwetter mit Regen. knetschen, eine Verſtärkung von knatschen, und nicht bloß von weichen Gegenſtänden gebraucht: quetſchen, zerquetſchen (welche Ausdrücke ganz unüblich ſind); „die garſtigen Kinder haben an dem kleinen Hündchen ſo lange geknetſcht bis ſie es todt geknetſcht haben“; die Aepfel werden mit dem Stößer und dann in der Kelter geknetſcht, zerknetſcht. knitschen, abermalige Verſtärkung von knetschen: gänzlich zerdrücken;/9 ! in Kleid wird geknitſcht, wenn es ſo ſtark in Falten gedrückt wird, daß es, Kuutschen — Kuist. 211 unbrauchbar geworden, wenigſtens wieder gewaſchen und gebügelt werden muß (gemeinhochd. zerknittern); Flöhe und Läuſe werden geknitſcht, wie für dieſen Act ſchon Fiſchart im Flohatz dieſes Wort gebraucht hat, zerknitschen, zer⸗ ſtörend knitſchen. Schmeller 2, 377. Schottel Haubtſpr. S. 1348. knutschen, auch deminutiv knutscheln, eine Milderung des knelschen: geringe Falten drücken, auch: derb liebkoſen. Schmid Weſterw. Id. S. 82. Schottel Haubtſpr. S. 1348. Auch verknutschen, zerknulschen. Knatz ſ. Gnatz. Knauf msc., der Knopf am Kleide. Schmalkalden. Das Wort iſt in etwas veränderter Bedeutung durch Luthers Bibelüberſetzung (es kommt in der⸗ ſelben bei vierzigmal vor) in die Schriftſprache übergegangen. ¾e Knebel msc., Spergula arvensis. Dieſer, auch in die Botanik aufge⸗ nommene, Name des bezeichneten Krautes findet ſich nur im Schmalkaldiſchen. Knecht bedeutet bekanntlich an ſich nicht den Diener auf einem land⸗ wirtſchaftlichen Gehöfle, oder eines Metzgers, Beckers, Schinders — durch welchen Gebrauch das Wort im Laufe des vorigen Jarhunderts zu einer ganz ungehörigen nicht allein, ſondern ſeinem urſprünglichen Sinne widerſtrebenden üblen Bedeu⸗ tung in der „gebildeten“ Welt iſt herabgedrückt worden — ſondern den Jüngling, den heranwachſenden Knaben, den „Burſchen“ wie man jetzt ſagt. Noch bis an das Ende des 17. Jarhunderts wurden die jungen Mannsperſonen der Dörfer nur als Knechte bezeichnet. Im Laufe des vorigen Jarhunderis iſt dieſer Ge⸗ brauch, doch nur allmälich, in Abgang gekommen, denn in Oberheſſen war der⸗ ſelbe in neunten Jahrzehend des 18. Jarhunderts noch vorhanden. Heut zu Tage dürfte es nur noch eine einzige Gegend in Heſſen, und zwar von nur geringem Umfange, geben, in welcher dieſe Verwendung des Wortes Knecht noch die allgemein herſchende iſt: der Gebirgstheil des Amtes Schönſtein (Treyſa). Hier wird Knecht für Knabe, Junge überhaupt gebraucht: „ein klein Knechtchen“. Nur die Bezeichnung Platzknechte hörte man nech 1836 —1840 in manchen Gegenden eben ſo häufig, ja öfter, als Platzburſche. Kneif msc., Meßer, in den verſchiedenſten, übrigens die Dialekteigen⸗ tümlichkeiten beſtimt genug zeichnenden Formen: Kneif im Fuldaiſchen, Kni/ im Schmalkaldiſchen, wo nur die „Gebildeteren“ Kneif ſprechen; Kniff im öſtlichen Heſſen; Knipp in Hersfeld und weiter weſtlich; Knip an der Diemel; Knif wieder an der Weſer bis in das Schaumburgiſche. Uebrigens wird unter dieſem Worte keinesweges überall dieſelbe Meßerart verſtanden; im Schmalkaldiſchen das Schuſtermeßer, und dieß ſcheint die Grundbedeutung des Wortes zu ſein; im öſtlichen Heſſen iſt aber Kniſf und an der Diemel Knip ein Zulegemeßer, Taſchenmeßer (wie es auch Alberus verſtanden hat Dict. Bl. aa4b: enchiridium, ein kneip, meſſer das man ſtets bei ſich tregt), zumal ein ſolches ohne Feder, dann ein ſchlechtes Meßer überhaupt; das Schuſtermeßer wird hier durch Schuſterkniff beſonders bezeichnet. Das Wort ſcheint uralt, und zwar keltiſch zu ſein. Schmeller 2, 372. Knengerei f. Gckneng neutr., das Welnerlich⸗thun, Knarren, der Kinder. Schmalkalden. Knist mse. auch Kneist, Gneist, Gneis, der anklebende Schmutz, ſowol am Aörper (an den Händen, am Haiſe, anf dem Ropie) als an lange getragenen 14⸗ 212 Kleidungsſtücken und an unreinlich gehaltenen Geräten (z. B. auf lange Zeit gebrauchten und ungewaſchen gelaßenen Tiſchen). kneistg, mit Klebeſchmutz behaftet. Ueberall üblich. Vgl. Daster, dasterig, von verwandter Bedeutung. Knick msc., 1) eine kleine ſteile Anhöhe; „wenn wir mit dem Wagen erſt den Knick hinauf ſind, dann hats nichts mehr zu ſagen“. In Nieder⸗ und Oberheſſen ſehr üblich. 2) Als Einhegung der Kämpe werden in Heſſen Zäune durch nieder⸗ gelegte Eichenſtämmlinge u. dgl. nicht angelegt, es iſt mithin in dieſem Sinne nicht, wie ſonſt in Norddeutſchland, Knick üblich. Dagegen war das Wort als techniſche Bezeichnung eines Wildhegezauns, Wildzauns, im Gebrauche. 2O. 3,893 vgl. Kopp 6, 241. knipsch, flink, nett; geſchickt, gewandt, von Mädchen gebraucht. Amt Großenlüder. knischen, nieſen. Im Fuldaiſchen der allein übliche Ausdruck, eine Verderbnis des Wortes pfaischen, fnischen. knöchen, eigentlich: mit den Knochen (Fäuſten, Ellbogen) ſtoßen, doch mehr allgemein gebraucht für peinigen, quälen. Schmeller 2, 369. Allgemein üblich. Hnöcheisen, Peiniger, Quäler. Beſonders üblich im Schmalkaldiſchen. Knopfe, Knoppe fem., 1) Knospe, 2) Finne im Geſicht. All⸗ gemein gebräuchlich. Knophaddel. „Dann wo ſich der popffel vnd die knophaddeln auffwerffen, jhren mutwillen zu treiben, vnd wollen regieren, des ſie doch kein anſehens haben noch geſchicklicheit, hait nie kein gut end genomen“. Joh. Fer⸗ rarius Von dem Gemeinen nutze. Marburg 1533. 4. Bl. 14b. S. Hudel.¹ knoppen, durch hartes Anſtoßen beſchädigen. Haungrund. Knopper, eine ſcherzhafte und wol willkürlich erfundene Redensart: Knopper haben (auf etwas, zu etwas), Luſt nach etwas haben. An der Schwalm. knoufen, bellen. Schmalkalden. 4 241 -74/fi. knôzen, 1) derb und unordentlich zuſammendrücken, namentlich zu⸗ ſammenbinden; „die Sachen ſind ja nicht richtig gepackt, ſie ſind geknozt“. verkndzen, eine Schleife, einen Knoten unordentlich knüpfen, ſo daß es nicht möglich iſt, das Verknozte wieder aufzulöſen. kn., 2) an eiwcas knösen, ſich mit einer Sache abmühen, mit derſelben nicht fertig werden können. In beiden Bedeutungen ſehr üblich. Knoz msc., ein kleiner, unanſehnlicher Menſch, ſonſt auch Knups ge⸗ nannt. Ueberall üblich, ſelbſt im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. Knüiebel msc. nennt man im Schmalkaldiſchen einen unabſichtlich ge⸗ machten Knoten, eine Verſchlingung (ein abſichtlich gemachter Knoten heißt Knoten, wie hochdeutſch). knuifen, ſtoßen in gehäßigem Sinne; allgemein üblich. Schmeller 2, 373. Plſt. 174 f. Kniil msc., 1) ein Knoten am Leibe. Im weſtfäliſchen Heſſen. Brem. WB. 2, 830: Knulle. 2) Name eines der höchſten Berge in Altheſſen, nördlich von dem Slädtchen Schwarzenborn. Warſcheinlich hat der Bergkopf, welcher eigens dieſen Namen Knick — Kaüll. 4. verknulgen — Knust. 219 führt, und in neuerer Zeit gewönlich das Knüllköpſchen heißt, erſt ſpäter den Namen Knüll von ſeiner Geſtalt erhalten. Im 9. Jarhundert erſcheint nämlich eben da, wo der jetzige Knüll liegt, ein Berg mit dem Namen Rechberc d. i. Rehberg, und der unmittelbar nördlich unter dem Knüllköpfchen liegende Hof heißt noch jetzt der Richberg. Möglich übrigens auch, daß, wie ich vor dreißig Jahren annahm (Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 1, 246), der Knüll das ahd. hnol (ſpäter nol, nollo), alſo der Hügel an ſich, der hervorragende Hügel iſt, was durch den Namen Nüll, welchen ein in der Nähe, bei Oberaula, liegender Berg führt, und der auch ſonſt vorkomt, Beſtätigung zu erhalten ſcheint. Auch erſcheint Knüll als Bergname in Heſſen noch einige Male: bei Herles⸗ hauſen, bei Hundelshauſen und bei Ehrſten, wo ein Hkesknüll vorkommt. verknulgen, verknülgen, hin und wieder wie das niederdeutſche Stammwort knüllen, verknüllen, gebraucht: zuſammendrücken und dadurch ver⸗ derben; z. B. Kleider durch unvorſichtiges Einpacken in eine Kiſte u. dgl. Brem. WB. 2, 831. knüppeln, das Getreide in noch unaufgebundenen oder doch noch nicht auseinander gebreiteten Garben mit dem Dreſchflegel ſchlagen, damit die beſten Körner vorweg herausfallen. Niederheſſen. S. körnen und puscheln. ¾ 179, 30⅞. knuppern, an etwas Hartem mit kleinen Bißen nagen: die Maus knuppert in der Wand; auch an etwas Hartem mit den Fingern ſich verſuchen, um etwas davon abzulöſen, wie im Märchen: „Knupper knupper Kneischen, wer knuppert an meinem Häuschen“ Grimm Kinder⸗ und Hausmärchen 1, No. 15. Endlich bedeutet knuppern aber auch den Laut, welchen jenes Nagen hervorbringt: der Zucker knuppert unter den Zähnen. Davon knupperig, was unter dem Zerbeißen jenen Laut hervorbringt; ſcharf gebackene Brod⸗ oder Kuchenrinde iſt knupperig. Knups msc., 1) ein auffallend kleiner Menſch, ſpottweiſe; „du Knups, was willſt du wol?“ Identiſch mit dem „Knirps“ der Schriftſprache. Zuweilen auch Knupch, Knopch. 2) Schlag, Stoß, oft ein ſcherzhafter, mitunter trägt aber einer auch einen „Knups“ davon, welcher ihm und ſeiner Zeit dem, welcher den „Knups“ ausgeteilt hat, das Leben koſtet. knupsen, ſchlagen, ſtoßen; das Verbum wird in der Regel in ge⸗ linderem Sinn, und überwiegend ſcherzhaft gebraucht. Schmeller 2, 375. Vgl. knuſfen. Knüieren und kndren (Prät. knurte, Ptic. geknurt) 1) zerknittern. Im Schmalkaldiſchen daſſelbe, was im übrigen Heſſen krumpeln, verkrumpeln iſt. Schwerlich verſchieden hiervon iſt das mir aus dem Schmalkaldiſchen zugetragene Wert knoeren, welches drängen bedeuten ſoll. 2) preſſen, drücken, drängen. Fulda (wo knieren geſprochen wird, zu⸗ sammenknieren) und Obergrafſchaft Hanau. verknüsen, ein, wie es ſcheint, in der neueren Zeit erſt aufgekom⸗ menes, aber ſehr gewöhnlich gewordenes Wort, welches ganz wie das metaphoriſch verwendete Wort verdauen gebraucht wird: „ich kann das nicht verknüsen“, nicht ausſtehen, nicht vertragen, nicht dulden. Das niederdeutſche knusen bedeutet, wie das althochd. chnussan, quassare, paſſt alſo ſo gut wie gar nicht hierher; Brem. WB. 2, 832. Knust, Hnüst msc., Knöst (Diemel), auch femininiſch: Knuste, ſehr oft deminutiv, Kndsteken, Kndstehen, Anüstehen, Aniestehen, Rand des Brod⸗ 214 Knustern — Kode. laibs, Randſtück vom Brodlaib. „Ich nahm mir einen ordentlichen Knuſt (Brod) mit, da konnte ich es ſchon aushalten“. Meiſt in Niederheſſen, hier aber ganz allgemein üblich; in Oberheſſen weniger gebräuchlich, aber nicht unbekannt. Schottel Haubtſpr. S. 1348. Schmeller 2, 376. knustern, plattdeutſch knüstern, 1) kleine und kleinliche Handarbeit vornehmen, etwas mit kleinlicher Mühe zurichten; allgemein gebräuchlich; Schmidt Weſterwäld. Jd. S. 81. 2) aufräumen; dieſe Bedeutung hat das Wort nur an der Diemel. knuttern, murren, murrend tadeln, kleinlich tadeln. Allgemein üblich. In der Form knottern wird das Wort in manchen Gegenden (Stift Hersfeld, Haungrund, und wol noch anderwärts) von dem Rollen des Donners gebraucht, und dann knuttern von knottern deutlich unterſchieden. kobern, erkobern (sich), bekobern (sich). Das Wort bedeutet, nicht reflexiv gebraucht, erlangen, reflexiv gebraucht aber: ſich erholen, und „sich einer sache an jemand erkobern“, ſich in irgend einer Sache an jemand erholen, ſein Recht, ſeine Vergeltung, Rache, an jemanden nehmen. So war dieſes Wort ehedem hier wie anderwärts in Deutſchland im allgemeinen Gebrauche; z. B. Enmuchte odir enwolde vns danne vnsir Juncher von den tzu dem wir also tzu redene vnd vorfolgit hetten keins rechtin hellin, So muchten wir selbir yus eins rechtin an en erkobern ob wir muchten; Urkunde Helmerichs und Simons Ge⸗ brüder von Baumbach vom 24. Juni 1376. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. 2, 219. Heintz Schwind soll sich daran (an einem Gute zu Hermershauſen) an vns selbs vnd anders dem vnsern behobern vnd erholen wes jne des also schadens oder intrags geschehe. Ungedr. Urk. Heinz Scheffers zu Hermershauſen vom J. 1499. In einfacher Form, aber in der Entſtellung keufeln iſt das Wort noch jetzt im Fuldaiſchen, zumal in den Bezirken von Hünfeld und Eiterfeld, vor⸗ handen; sich erkobern iſt in Oberheſſen ſehr gebräuchlich; beide Wörter, keufeln und sich erkobern bedeuten aber nur: von einer Krankheit ſich erholen, geneſen; „die Kuh keufelt wieder“; „das Vieh wird ſich ja wol wieder erkobern“; „das tranke Kind hat ſich wieder recht erkobert“. Im übrigen Heſſen jetzt unbekannt. Kochend neutr., die Portion Kochſtoff, zumal Gemüſe, welche auf einmal zum Kochen verwendet wird: „ein Kochend Sauerkraut“, „ein Kochend Kartoffeln“. In Baiern Kochet. Schmeller 2, 278. Kochsal neutr., von derſelben Bedeutung wie Kochend, indes jetzt weit weniger im Gebrauch, als das allgemein übliche Kochend. „So habe ſie von ihnen noch ein Kochſal Erbſen begehrt“. Kirchhainer Hexenproceſſacten von 1654. Kode, Koden, in allen Heſſiſchen Urkunden Maseulinum (und auch wol Neutrum, wie Adelung hat), ſonſt Femininum, auch in der Form Käte, welche gleichfalls in Heſſen nicht vorkommt, ein ausſchließlich niederdeutſches, weder ahd. noch mhd. irgend erhörtes Wort. Es bedeutet daſſelbe ein einzelnes Haus, ohne Feldgüter, folglich auch ohne Anſpannvieh und ohne die zur Beſtel⸗ lung der Feldgüter gehörigen Gebäulichkeiten, Scheunen und Ställe. Es gehört dieſe Bezeichnung ſomit dem ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen an, reicht aber bis an die Efze und Schwalm, ja in einem Falle bis nach Oberheſſen hinein. Später hat man freilich dieſe Bezeichnung Seitens der ſtubengelehrten Juriſten auch da eingeführt, wo ſie urſprünglich nicht heimiſch war. Auch wurden ſchon giemlich geilig Koden auch diejenigen bäuerlichen Beſitzungen genannt, welche Koder — Kogel. 215 wenn ſchon etwas an Bauland und Anſpann, doch keine volle Hufe umfaßten; ſo waren (und ſind noch im Schaumburgiſchen) große Koden diejenigen, welche den vierten Theil einer Hufe betrugen (im Ssnabrückiſchen Erb⸗Koden) kleine Koden die, deren Umfang noch geringer war (im Osnabrückiſchen Mark⸗Koden). Daher erklärt es ſich, daß auch von Kodengütern die Rede ſein kann; freilich betrug z. B. in dem ehedem heſſiſchen Amt Neuengleichen ein ganzes Ködergut nur drei Acker Land und das Wohnhaus und doch gab es auch halbe „Köter⸗ güter“ mit der Hälfte dieſes Beſitzes (Kopp Hdb. 6, 81). — Wo Kode, Köder, Kodner, nicht üblich war, da ſagte man Hinterſiedler, Hinterſaß, auch wol Bei⸗ ſitzer, Brinkſitzer. S. Grimm Rechtsaltert. S. 318. Es kann hier nur darauf ankommen, das von den übrigen niederdeutſchen Dialekten abweichende Genus im heſſiſchen Gebrauch nachzuweiſen. 1542: aus einem garten und koden (zu Lohne); vß einem kodden (zu Niedervorſchütz); 1546: üij Hanen gibt Relicta Jordan Winthers vom koden (Rhünda; 1544 anſtatt vom koden: de domo). 1546 — 1571: ij Hanen Henen Winolt vom koden forn im Dorffe (Milnhauſen, jetzt Mühlhauſen). 1570: die Koſterin vom kogen (Wernswig); den Rechnern (z. B. den Univerſitätsvögten) welche ober⸗ deutſchen Urſprungs waren, war das Wort koden unbekannt, und ſo ſubſtituirten ſie denn zuweilen für koden das oberdeutſche, übrigens in Heſſen bis in die ſächſiſchen Bezirke hinein gleichfalls übliche, Wort Gaden, welches freilich höchſt⸗ warſcheinlich mit Kode an und für ſich identiſch iſt. Kode iſt derjenige Gaden, welcher und in ſo weit er als Grundbeſitz aufgefaßt wird. S. Gaden. 17: Koder, Köder, Hodener, Bewohner eines Koden. iſ alb. den kodenern vor brodt bier vnd keyß, haben den ſcheürn ehrn vmbgehackt vnd von newem widderrümb geſchlagen“. Rechnung von 1560 (Singlis). „Anno 1606 ſeindt an Einläufftigen Perſonen oder ködenern im Ampt Rauſchenberg geweſen Einhun⸗ dert zwanzig, jeder vff funff alb. gerechnei“. Rauſchenberger Rentereirechnung 1606. Vgl. Einläufig. Köter heißt noch jetzt an der Diemel ein jeder Dorfbewohner, welcher nicht Ackermann iſt. Vgl. Eſtor teutſche Rechtsgelahrtheit 3, 850—851 (§. 1941). Kogel fem., cuculla; eine Kopfbedeckung welche dicht anſchließend den ganzen Kopf nebſt dem Nacken bedeckte und nur eben das Geſicht frei ließ; zu Zeiten war auch an die Kogel noch ein den ganzen Oberleib einhüllendes Gewand angeheftet. Zuweilen lief auch die Kogel oben in eine Spitze aus. Dieſe Tracht des 13 — 16. Jarhunderts hat ſich auch in ſpätern Zeiten unter mancherlei Namen (z. B. Kapuze) wiederholt, und namentlich waren die in den Jahren 1848 — 1851 zur Mode gewordenen Winter⸗Ueberwürfe der Männer und Knaben wahrhaften Kogeln. Abt Johann von Hersfeld erteilte im Jahr 1363 den Gewandſchneidern zu Hersfeld ein Privilegium (Wenck heſſ. Geſch. 2, 417), zu verſchneiden „uewe gewand zeu Rogken, Kogeln, Hasen adder andern kleydungen“. „He sal synen hud ader kogeln in das gerichte werflin“ war das die Anzeige der Appellation gegen ein gerichtliches Erkenntnis begleitende Zeichen. Emmerich Frankenb. Ge⸗ wonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 747. Vor Gericht aber mußte Hut und Kogel abgenommen werden: ob sich eyn vergesze, daz her sinen hud ader sine kogeln ulfe behilde, dy vorlore sesz phenige keyn dem richtere. Statuta Eschenwegensia (herausgeg. von Röſtell 1854) S. 3. Von dieſer Tracht hatten bekanntlich die „Brüder des gemeinſamen Lebens“ im gemeinen Leben die Benennung Kogelherren, und ihre Wohnungen hießen 216 Köken — Kolbenstecken. daher Kogelhäuſer (entſtellt in ſpäterer Zeit in Kugelherren, Kugelhäuſer). Von den in Heſſen ſeit dem 15. Jarhundert vorhandenen Kogelhäuſern haben die zu Butzbach und Kaſſel längſt ihre Namen eingebüßt; nur der Kogelhof (Kugelhof) in Marburg bewahrt mit dem Namen noch das letzte Andenken an die alte Tracht der Kogel und an die verdienſtvollen Kogelherren. Ihr Haus in Marburg, geſtiftet 1477 durch den Magiſter Heinrich im Hofe, auch Rode ge⸗ nannt, wurde 1527 der Univerſität überwieſen und diente zur Wohnung von Profeſſoren, namentlich auch eines Profeſſors der Theologie, ſpäter auch zum Sitze des Hekonomats der Stipendiaten⸗Anſtalt. Als dieſe letztere in der Form einer Coinmunität endlich 1849 völlig eingieng, den Profeſſoren auch die Wohnung nicht gut genug war, ſtand das Gebäude längere Zeit unbenutzt, und da die Univerſität daſſelbe entweder nicht benutzen konnte oder nicht zu benutzen verſtand, wurde daſſelbe von der Staatsregierung (für die der Univerſität bereits früher theilweiſe überwieſenen und ſeitdem völlig eingeräumten Localitäten der ehemaligen Landcommenturei des deutſchen Ordens) dem Juſtizminiſterium überwieſen, und dieſes verlegte die Locale der Untergerichte (Juſtizämter) nebſt den Detentions⸗ gefängniſſen in den Kogelhof. Die Kirche der Kogelherren diente ſeit dem An⸗ fang des 18. Jarhunderts der Gemeinde der franzöſiſchen Refugiés als Gottes⸗ haus; nach dem Eingehen dieſer Gemeinde iſt ſie 1826 der katholiſchen Gemeinde zu Marburg überwieſen worden. Anderwärts (vgl. Schmeller 2, 22) wird Gogel, Gugel geſprochen und geſchrieben; in Heſſen hat der Anlaut K und der Vocal o von jeher, der letztere bis in das 18. Jarhundert, in dem Worte feſtgeſtanden. köken, koeken, 1) aufſtoßen (von Speiſen), Genoßenes wieder von ſich geben; auch wol erbrechen (yomere) überhaupt. Nieder⸗ und Oberheſſen. In Schmalkalden und im Haungrund ſpricht man göcken. 2) krähen; nur in der Obergrafſchaft Hanau. kökeln, koekeln, Frequentativform von köken. Kolhe msc. (u. fem.), in älterer Zeit eine von den Bauern in Ober⸗ heſſen getragene Waffe. Der Kolbe beſtand in einem ziemlich langen, pfahl⸗ artigen Stocke, deſſen unteres Ende dicker, oft mit Eiſen beſchlagen und zuweilen mit einer Stachel verſehen war. „Gerhart Kretter ſei des Vogts Knecht Caſpar Ainroſſer, der den theter gefurt, nachgelaufen mit aim kolben vnd hat gemeldt, er ſolt gedachten theter jme geben vnd verlaſſen“. Zeugenverhör in Klein Seel⸗ heim v. 1533. „13 alb. wird geſtraft Heintz Dick zu Erxdorf daß er gedachten Jochemen mit einem Kolben geſchlagen haben ſolte“. Rauſchenberger Bußregiſter v. 1607. Und ſo ſehr oft. Kolbenstecken, warſcheinlich eben nichts anderes als Kolbe. Kommt gleichfalls ſehr oft in oberheſſiſchen Protokollen und Bußregiſtern des 16. Ih. vor. „1¼ fl. wird geſtraft Lutz Bruel zu Steinerzhauſen, das er Fridrich Außrießern da, doch Notwehr wegen, mit einem vnbeſchlagenen Kolben⸗ ſtecken bloe vnd blutig geſchlagen hat“. „2 ½ fl. Wolf Altmüller das er mit eim beſchlagenen Kolbenſtecken bey nacht vf Johannes Heimbachen vor deſſelben von 1591. So ſehr oft, auch komt einmal vor, daß der Eine mit dem Kolben⸗ ſtecken nach dem Andern geſtochen hat. — Die Bauern zu Amenau waren be⸗ ſonders ſtark darin, ſich mit den Junkern von Rehen daſelbſt mittels Kolben und Kolbenſtecken zu prügeln. W. Grimm altdeutsche Gespräche, Nochlrag 1851. S. 13. 217 Treikolben. „2 fl. wird geſtraft Heinz Reumſchüſſel von Albshauſen, daß er ſeinen knecht mit einem Treikolben geſchlagen“. Rauſchenb. Bußreg. v. 1585. Welches Inſtrument dieß geweſen ſein mag, iſt mir unbekannt; warſcheinlich das, welches bei Alberus Bl. kijb vorkomt: Sparus, ein bawern kolb. Rusticum telum in modum pedis recurvum“. Kole. Der techniſche, in der Schriftſprache zur alleinigen Geltung ge⸗ kommene Ausdruck Meiler, als Bezeichnung des zum Verkolen (Anfertigung von Schmiedekolen) beſtimten Haufens Holz, iſt in Heſſen nicht üblich; es wurde dafür früherhin, und wol bis gegen den Anfang dieſes Jarhunderts geſagt das Kole, auch wol collectiviſch die Kole, außerdem aber: Kolenhaufen, welche Bezeichnung jetzt wol die allein übliche iſt. „Ich (Potzhans, Bürger zu Wetter) hab zwey Colenn vffm Burgwalt gebrennet — vnd hab die zwey Kole inwendig 40 tagen reid gebrannt“. Wetterer Rentereirechnung von 1566. Einige Male kommt auch vor „7 fl. 18 alb. haben ich entpfangen, dieweil ich zwo kolen gebrannt hab“. Ebdſ. verkoflen Adj., vor Kälte erſtarrt, vom menſchlichen Leibe und deſſen Gliedern. In Niederheſſen ſehr üblich, auch kommt das Wort ſchon in Hans Staden aus Homberg Reiſebeſchreibung vor (Weltbuch, Frankf. 1567. 2,32b): „vnd es wehete vnd regnete ſo ſehr, das wir gar verkollen waren“. Es iſt das Wort ein Ueberbleibſel von einem längſt verlorenen Verbum, welches als kalan, frigere, nur noch im Altnordiſchen übrig geblieben iſt, und ahd. kalan, kuol abgelautet haben muß (woher das Wort kühl). Dieſes Verbum kalan weiſt indes weiter zurück auf ein älteres Verbum killa, kall, kullum, kullans, wovon kollen das richtig gebildete Participium iſt. Aber auch ſelbſt dieſem Worte liegt noch eine ältere Formel zum Grunde: kila, kol, kelum, kulans, wohin z. B. das Wort Kohle (Holz, in dem das Feuer erloſchen, erkaltet iſt) gehört. Köller masc. u. neutr., collare. Dieſes im Mittelalter bis in die Mitte des 17. Jarhunderts gebräuchliche lateiniſche Wort findet ſich noch mit zwiefacher Bedeutung in Heſſen im Gebrauche 1) als masc.: Jacke; nur noch in den öſtlichſten Ortſchaften des Kreißes Hünfeld (Schwarzbach); 2) als neutr. Hemdtragen; in Oberheſſen, wo den Kindern oft genug die Lehre gegeben wird: „mach doch das Köller heraus“. Kommode fem., 1) Weiberſchuhe, ſogenannt umgenähete, leichtere, im Gegenſatz gegen den eigentlichen Schuh, welcher den ganzen Fuß bedeckt; ſie gehört zum Sonntagsſtaat. Hin und wieder nennt man Kommode auch den Pantoffel, in ſofern derſelbe gleichfalls zum Putz verwendet wird. Nur im öſtlichen Heſſen üblich. 2) meiſt nur deminutiv: Kamodchen geſprochen, Weibermütze, wie die⸗ ſelbe in der Stadt Fulda üblich iſt: vorn nach oben ſpitz zulaufend, mit breitem Band umwunden, deſſen Enden lang über den Nacken herabhängen. Die Bauer⸗ frauen der Umgegend tragen dagegen die Deckelbetz, welche im Uebrigen dem Kommodchen ähnlich iſt, nur aber oben rund iſt, nicht ſpitzig zulauft. Vgl. Karnette.“ In der gemeinhochdeutſchen Bedeutung des hölzernen'Wetäles iſt das Wort dem Volke bis vor wenigen Jahrzehnden völlig unbekannt geweſen, ſo daß ſich neu in Dienſt tretende Bauernmägde lange Zeit nicht in die Kommoden ihrer den höheren Ständen angehörigen Dienſtherſchaft zu finden wußten, und im öſttichen Heſſen gar nicht ſelten, wenn ſie aus oder von einer dommode etwas holen ſollten, ihre Schuhe herbeibrachten. Kole — Kommode. 218 Kompe — Korb. Kompe msc., Genoße, Gefärte, Freund, beſonders luſtiger Geſelle, luſtiger Bruder. In älterer Zeit ſehr üblich, jetzt untergegangen, oder durch die vollſtändige Form Kumpan erſetzt. „Mit Büchern iſts nicht ausgericht, Ich doller Comp acht deren nicht“ läßt Iſ. Gilhauſen in ſeiner Grammatica (1597. 8.) S. 58 den Actäon ſagen. Noch Eſtor hat in ſeinein Idiotikon t. Rechtsgel. 3, 1414: „Komp, ein Freund“ als oberheſſiſch aufgeführt. Nur als Familienname dauert dieſe Form des com⸗ panius (deutſch gahleibo, der gleiches Brod mit mir ißt), bei uns fort. Kompes neutt. (kumpes, Haumpes), eingeſalzener weißer Kopfkohl, Sauerkraut. In Heſſen, außer in den öſtlichſten Bezirken, gar nicht gebräuchlich, dagegen im Schmalkaldiſchen das übliche Wort (aus compositum gebildet, deshalb auch anderwäris Kombſt, Komſt genannt) für die gedachte Speiſe. Bgl. Kappus. König. Dieſes Wort iſt in der Volksſprache ſehr wenig vertreten, und eine dem Volke im Ganzen fremdartige Bezeichnung; ſo leicht ſich das Volk 1803 an die Veränderung des Titels ſeines Landesherrn: anſtatt Landgraf nun Kurfürſt, gewöhnte, ſo fremdartig und zum Theil widrig war und blieb ihm die Bezeichnung König (von Weſtfalen) ſeit 1808. Auch in den alten Orts⸗ bezeichnungen kommt König nur ſehr ſelten vor; einmal in dem Namen des Dorfes Königswald im Amt Sontra, das anderemal in der Flurbezeichnung Königsstuhl am Stellberg bei Homberg und bei Haueda, welche letztere Benen⸗ nung bekanntlich die Bezeichnung einer Gerichtsſtätte iſt (vgl. J. Grimm in der Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 2, 148). Kopf msc., 1) in der neueren Bedeutung, caput, das für das Haupt im Volksmunde ausſchließlich gebräuchliche Wort; Haupt komt gar nicht vor. 2) in der älteren Bedeutung: Becher, (rundes) Gefäß (wie die Hirn⸗ ſchalen der Erſchlagenen, welche als Trinkgefäße dienten, woher die Bedeutung Becher auf das menſchliche Haupt, occipul, übertragen iſt) hat das Wort bei uns zwei Deminutive aufzuweiſen: 1) Köpfchen, ein Getreidemaß im öſtlichen Heſſen, ein halbes Viermäßchen oder den achten Theil einer Metze begreifend (ganz eben ſo gebraucht, wie das gemeinhochdeutſche Taſſenköpfchen). 2) Köppel msc., gewöhnlich Kaesköppel, Form zur Bereitung der Käſe in Oberheſſen. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1413: „Köppelkäß, ein viereckender käß, den man im köppel machet“. Der am 30. Juli 1631 in Marburg als Zauberer enthauptete Heinrich Sang, ein fünfzehnjähriger Knabe, verſicherte, er verſtehe eine Kunſt „mit dem Kesköppel, das ihn die weibsleut lieb hetten“; „man ſolle in jenes namen einen Keesköppel kaufen, darin einen Laubfroſch thun“ u. ſ. w. S. auch Küppel. Koppe fem., ein finſteres mürriſches Geſicht mit ſtark hervortretender Unterlippe.“ Schmalkalden. Kör fem., der Raum in der Scheune über der Dreſchtenne, welcher bis unter die Firſtbalken offen (nicht durch Gebälk oder Böden verſperrt) iſt. All⸗ gemein üblich; „das Geſtröhe ſoll in die Kohre bis zur Abfuhr gelegt werden“ Zehnt⸗Ordnung vom 9. Januar 1714 (2O. 3, 744). Koxh. Dieſes aus dem Lateiniſchen entlehnte Wort hat in Heſſen die vorhanden geweſenen urſprünglichen Bezeichnungen faſt ſämtlich verdrängt, und Kein — koer. 219 iſt deshalb in zalreichen Compoſitionen vorhanden: Spreukorb, Handkorb, Trag⸗ korb, Henkelkorb u. dgl. Nur das frankfurtiſch⸗hanauiſche Mahne und das ober⸗ heſſiſche Zinn (ſ. d.) haben ſich in dieſer Ueberſchwemmung ſelbſtändig erhalten. Weiter fortgeſchritten iſt dieſe Zerſtörung allerdings im öſtlichen Deutſchland, wo man auch diejenigen Geflechte, welche in Heſſen Wanne oder Kretz heißen, Körbe zu nennen pflegt. Nach Eſtors Zeugnis (D. Rechtsgelahrtheit 1, 752 §. 1862) war noch im Jahr 1757 die Bringung eines Korbes mit Kuchen, Käſen u. dgl. in Ober⸗ heſſen das Zeichen der empfangenen Uebergabe bei Verleihung der Bauerngüter. Gevatterkorb, Korb in welchem die Patengeſchenke bei der Taufe des Paten gebracht werden; auch uneigentlich ſcherzhaft von einer reichlichen, aus vielen einzelnen Stücken beſtehenden Gabe gebraucht. Körein, einer von den Heiligen, welche vorzugsweiſe ihre Ramen zu Flüchen und Schwüren mußten misbrauchen laßen: Sanct Quirinus. Die Legende weiß von ihm, daß er im Jahr 275 (nach Andern 314) vermittels Anhängung eines Mühlſteins, da andere Todeswerkzeuge an ihm keine Macht hatten, ſei erſäuft worden, und ſetzt ſeinen Todestag auf den 30. (wol auch auf den 26.) Merz. Vorzugsweiſe mag er ein Heiliger der fluchberühmten Landsknechte geweſen ſein, denn Murner führt ihn in ſeiner Schrift „Vom groſſen lutheriſchen Narren“ (1522) Bl. Miija unter den Heiligen auf, die ſich die Landsknechte von Luther nicht nehmen laßen wollten, weil ſie ſonſt nicht wüßten, bei wem ſie ſchwören ſollten. Aehnlich Fiſchart im Gargantua. Die Anwendung des Namens dieſes Heiligen iſt ſeit dem Ende des 16. Jarhunderts hier in Heſſen erloſchen, war aber bis dahin hier wie ſonſt überall äußerſt gebräuchlich. „Botz koren, wir kommen jetzt zu glück“ läßt Iſaak Gilhauſen in ſeiner Grammatica (1597. 8. S. 45) den Rusticus ſagen. „Ey Gotts Körein, wie iſt der Wein ſo warm? wie ſchmeckt er ſo läppiſch? Möcht einer doch lieber Compoſt ſolen, oder ich weiß nicht was, ſauffen“. Melander Jocoseria (Ausg. Lich 1604.8. No. 533 S. 489). koeren im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, ohne Unterſchied der Ausſprache (o und oe) nur mit oe geſprochen, in zwei Bedeutungen üblich: 1) von kiusan: wählen; mitunter in dieſer Bedeutung auch im ſüdlichen Niederheſſen. Brem. WB. 2, 849. Noch ſoll an der mittkern Werra' (Hone) hüren in der alten Bedeutung lauern üblich ſein, die ſich ſonſt in Heſſen nicht findet; ſelbſt das Haſen küren komt in älterer Zeit bei uns kaum vor, dafür Haſen luſſen. 2) von chösôn: mit einander plaudern; auch bloß ſprechen, denn platt⸗ deutſch reden heißt plad koeren. Das koeren in dieſem Sinne iſt dem übrigen Heſſen völlig fremd; es gilt dafür im öſtlichen Heſſen und im Schmalkaldiſchen ktosen (ſ. d.). Brem. WB. 2, 848. Koer fem., Koere, auch mitunter noch Küer geſprochen, Wahl, Auswahl. Das Wort war bis gegen das Jahr 1820 im öſtlichen Heſſen noch ſehr üblich, freilich faſt nur in der Formel „ich will dir die Kör laßen“, bei Verkäufen; ſeitdem iſt es, wie mir geſagt wird, auch dort ausgeſtorben. Nur Kur fürſt und Kurheſſen führen dieſes Wort noch fort. Brem. WB. 2,830. Schmeller 2, 325. In den Reimen zur Feier der Ankunft des Landgrafen Friedrich I., Königs von Schweden, in Heſſen (Aller Reddelichen Heſſen⸗Kenger Herzeliche Freude ꝛc. Eiſenach 1731. 4, auch abgedruckt im Hersfelder Intelligenzblatt 1832 No. 9) kommt vor: 220 Koerisch — Kot. Was honn mä wohl fehr en beſſeren Frindt Der uns ſtinge zer kehre, Als der ſich an dem ärgſten Findt Fer uns ſaaſte zer wehre. koerisch (koersch), wähleriſch, namentlich im Eßen und Trinken. In ganz Niederheſſen ſehr üblich, in den niederdeutſchen Bezirken auch für: un⸗ entſchloßen in der Wahl. Brem. WB. 2, 851. Journal v. u. f. Deutſchland 1786, 2, 116 aus der Grafſchaft Hohenſtein. Küren plur. tant. ſoll an der mittlern Werra Narrenspoſſen bedeuten. Es wüede, falls das Vorkommen dieſes Wortes ſich beſtätigte, von koeren, küren — chöson abzuleiten ſein. [Aber koſen herſcht doch auch an der Werra!). Koerrecht, das Recht, bei dem Erbe der väterlichen Güter unter denſelben das dem Betreffenden zuſagende Stück dieſes Erbes zu wählen. Dieſes Recht ſteht in dem Dorfe Hermanrode (ſo wie in dem ehemals heſſiſchen Amt Neuengleichen und zum Theil in der Herſchaft Pleſſe) dem jüngſten Sohne zu. Kopp Handbuch 6, 79. korjoesch, ein ſeltſames aber im mittlern Heſſen äußerſt übliches Wort Es bedeutet krittlich, wähleriſch, beſonders aber aus Hochmut wähleriſch, übermütig. Es ſcheint eine Misbildung, aus koerisch und aus kurios zugleich entſtanden, zu ſein. Uebrigens iſt es weder ganz modern noch auf Heſſen allein beſchränkt; es findet ſich ſchon im Brem. WB. 2, 884 verzeichnet. Körlesheere fem., Frucht von cornus masenla, Kornelkirſche, eine in Heſſen nicht eben häufig vorkommende Frucht; im Schmalkaldiſchen, in und um Kaſſel erſcheint ſie mit dem angegebenen, etwas entſtellten, Namen am häufigſten. Körnen; 1) gleichbedeutend mit knüppeln und puſcheln (ſ. d.), das Getreide in noch unaufgebundenen oder nur eben aufgelöſten (nicht auseinander gelegten) Garben mit dem Dreſchflegel ſchlagen, damit die beſten Körner vorweg herausfallen; Oberheſſen. 2) die ausgedroſchenen Gerſtenkörner noch einmal dreſchen, damit die Grannen der Fruchthülſe, die „Schwänze“, entfernt werden. Amt Schönſtein. kôsen, reden, zumal vertraulich mit einander reden, ſich ausſprechen. Im öſtlichen Heſſen und im Schmalkaldiſchen (wo küsen geſprochen wird) äußerſt üblich. Es muß dieſes Wort früherhin aber in weiterem Umkreiße, namentlich auch in Oberheſſen, wo man es jetzt nicht mehr hört, gebräuchlich geweſen ſein: „so endorffte die heylige Elyzabeth den selben (ihren Mägden Iſentrut und Jutta) nicht essen geben, noch sunder loube mit en nichis kossen“ Wig. Ger⸗ ſtenberger b. Schminke Monim. hass. 2, 366. „iſt diſſer zeug — ſehr ver⸗ dechtig, daß er ſo khün nach ſeinem gutdüncken die vnſchultige Berlagtin auff die toltur zuſpannen begert, ſo werde ſie wol Koſen werden“. Marb. Hexen Pr. Acten v. 1579. EtgcEf4cs7. 610 Das Wort iſt das alte ehosön, in den niederdeutſchen Bezirken zu koeren geworden, w. ſ. Schmeller 2, 337. Kostmeier msc., ein Mann, welcher in der Eigenſchaſt eines gemieteten Dieners von einem Gutsbeſitzer oder einem Pachter größerer Güter auf ein ab⸗ geſondertes Gehöfte zur Bewirtſchaftung deſſelben geſetzt wird. Kommt vorzugs⸗ weiſe im öſtlichen Heſſen vor. Kot msc. iſt nirgends in Heſſen volksüblich, in den bei weitem meiſten Gegenden des Landes völlig unverſtändlich; deſto üblicher iſt, nur mit Ausnahme des Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen Gebietes, das Deminutivum Kötel — Koeze. 221 Kötel (Köne', Kauel, Kiltel, zuweilen aber auch, dem Urſprung des Wortes gemäß, Koetel geſprochen) msc., thieriſche compacte Exeremente, zumal ſolche von runder Form: Pferde⸗, Eſels⸗, Schaf⸗, Ziegen⸗, Schweins (Schweine)⸗, Hunds⸗ und Mauſe⸗Kötel. Schottel Haubtſpr. S. 1319. Vgl. Norbel. Köter, ſtatt Köder 1) Bewohner der Kode ſ. d.; bei uns allezeit lieber Kodener, mit Ausnahme der weſtfäliſchen Bezirke. 2) Hofhund, Bewacher der Kode. Jetzt gar nicht mehr üblich. Indes wurde in älterer Zeit bei uns Köter auch von kleinen, zur Jagd verwendeten, Hunden gebraucht, z. B. „das wir angegeben worden, als ſolten wir Irer fürſt⸗ lichen Gn. einen kotter oder kleinen Hund zu thot gehezt haben“. Urfede der Hundsjungen des L. Philipp vom 24. Juli 1566. Kotze fem., 1) urſprünglich ein grobes, aus Ziegen⸗ und Pferdehaaren gewebtes, zu Ueberwürfen und für ganz Arme beſtimtes, meiſt langhaariges Zeug; es war daſſelbe hier wie anderwärks im Gebrauche, iſt aber jetzt und mit ihm der Name längſt untergegangen. 2) Hure; einſt' ſehr'üblich, jetzt gleichfalls erloſchen. „Die Reuterſchen ſey eine loſe Kotz vnd Hure, ſie redde kein wahr wort“. Marb. Hexenproceſſ Acten von 1596 (in einer Confrontation). Diana o du Zäuber kotz Das thuſtu nur der Kunſt zu trotz. Iſ. Gilhauſen Grammatica. 1597. 8. S. 64. „Sie belöge ſie wie eine leichtfertige Kotze“ Marb. Hexen Pr. A. v. 1658 (gleichfalls in einer Con⸗ frontation). kotzen, 1) vomere, ſich übergeben, auch in Heſſen durchgängig, ſelbſt in den niederdeutſchen Bezirken, der übliche Ausdruck für dieſen Krankheitszuſtand. 2) die Kehle durch Auswurf reinigen (ſich räuspern). „Hyena, welch thier wie ein Menſch kotzen vnd ſchnupffen kan, vnd alſo die hunde zu ſich locket, würget vnd friſſet“ Ludwig Schröter, Diaconus zu Homberg, Klag⸗ und Trauerpredigt für L. Moritz 3. Mai 1632 (Monum. sepulcr. 1638 S. 127). Noch jetzt ſehr üblich. 3) huſten, zumal heftig huſten; ſehr üblich. Kotser msc. einer der mit einem ſtarken, beſonders chroniſchen, Huſten behaftet iſt. / ¾ 1/k. Kocze fem. Der Rückenkorb mit Tragbändern, welcher in Niederheſſen und zum Theil auch in der Grafſchaft Ziegenhain üblich, in Oberheſſen faſt gänzlich (nämlich mit Ausnahme derjenigen Koezen, in welchen, oder vielmehr auf welchen, von Manchen das Leſeholz getragen wird) unbekannt iſt. Die Koeze hat verſchiedene Formen: entweder haben ſie die Geſtalt einer vierſeitigen al⸗ gekürzten Pyramide, deren (offene) Baſis nach oben gekehrt, deren abgekürzte Spitze aber nach unten gewendet iſt und den Boden bildet; oder ſie ſind weniger lang, als die oben beſchriebenen, dagegen oben ſo weit wie unten oder auch etwas ausgebaucht und haben einen abgerundeten Boden; letztere heißen an den Orten wo jene Art Koezen üblich iſt, ſpottweiſe Heinz; — oder endlich ſind ſie in Form einer abgekürzten aber ausgebauchten Pyramide geflochten, ſehr kurz, dagegen mit einem weit über den Körper der Köze hinausgehenden und bis über den Nacken der Trägerin reichenden, den Rücken derſelben deckenden Geflecht ver⸗ ſehen. In Baiern nennt man dieſe Art von Tragkörben Körbe fem. Schmeller 2, 327; anderwärts Kieze, Kütze (Schmeller 2, 347), Kober u. dgl., Bezeich⸗ nungen welche in Heſſen ſämtlich unbekannt ſind. Koesengueter, ein Viſitator, Mauthbeamter, Accisbeamter. Das Wort 222 Krà — Kränk. iſt, ſo viel dem Verf. bekannt, ſeit der weſtfäliſchen Zeit (1808—1813) auf⸗ gekommen, in welcher die commis aux exercices zuerſt dieſen Namen erhielten, eben wie die Gensdarmen damals zuerſt Strickreiter genannt wurden. Krà fem., im Plural Krdwe (Krüwen), wird im Kreiße Hünfeld nicht bloß die Krähe, ſondern eigens auch der Rabe genannt. Vgl. Krake. Krabbe fem., aber mitunter auch masc., ja neutr., kleines Kind. Sehr übliche Benennung im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen; auch hört man dieſelbe weiter nach dem Süden in Niederheſſen hinein zuweilen. Krabate msc. gleichfalls: kleines Kind; doch wird, während Krabbe eigentlich nur von kriechenden Kindern, die noch nicht laufen können, gebraucht wird, Krabato von größern, unruhig herumlaufenden Kindern geſagt. Brem. WB. 2, 859. Krach mse., Gebrechen, Krankheitsanfall. Fulda. Vgl. Achen una Krachen. Pfa P/u) fesn Kracke fem., hieſigen Landes nur von Pferden, nicht von andern Thieren, geſchweige von Sachen, gebräuchlich: ein ganz ſchlechtes, unbrauchbares Pferd. Niederdeutſch, aber allgemein üblich. Richey S. 147. Strodtmann S. 114. A7 krackelich, auch wol krockelich, adj., krumm, verbogen; von un⸗ regelmäßig gewachſenen jungen Bäumen, von unregelmäßigen, verzogenen Schrift⸗ zügen gebraucht, und in ganz Heſſen, beſonders in Niederheſſen, ſehr üblich. ruga, runce vel croke in den niederdeutſchen Gloſſen Diutiska 2, 228 b ſcheint das, in Heſſen nicht übliche Subſtantivum zu ſein. E/ krajoelen, kriſoelen, laut ſchreien. Ein dem ſächſiſchen und weſt⸗ fäliſchen Heſſen angehöriges, doch auch ſonſt nicht ganz ungebräuchliches Wort. Als ein Beiſpiel des komiſchen Zuges, welchen für einen Hochdeutſchen die ſ. g. plattdeutſche Mundart an ſich trägt, pflegt die plattdeutſche Ueberſetzung von De profundis clamavi ad te (Pſalm 130) angeführt zu werden: „Ut düsser, deipen kaulen krajoele ek tau dek“. Kráke msc., Rabe. Es iſt dieß der Name des Raben (Kolkraben) im ſächſiſch⸗weſtfäliſchen Heſſen, und ſonſt einzeln z. B. in der Umgegend von Hersſeld, namentlich im Geißgrund, in Brotterode (ſonſt nirgends im Schmal⸗ kaldiſchen) und anderwärts; je weiter nach Süden, deſto mehr wird das a ver⸗ kürzt; z. B. wird das Wort bei Salmünſter Aracke geſprochen. Im Brem. WB. fehlt das Wort. Krakel msc., ein ſeit dem 17. Jarhundert bei uns ſehr üblich gewor⸗ denes holländiſches Wort, mutwillig erregte Händel, aus Zankſucht angefangenen Streit bedeutend. krakelen, Händel ſuchen. Schottel Haubtſpr. 1350. Richey ld. Hamb. S. 137. (Strodtmann id. Osn. S. 364. Brem. WB. 2, 862). Vgl. Schmeller 2, 382. Pl. A.,P/91. Ateſeer. Krammhacke, das entſtellte Krumme Not, Fluch⸗ und Verwun⸗ derungswort, in Ober⸗ und Niederheſſen gebräuchlich. Lui 77/9 Kränk fem., Krankheit. „Der verſtorben hab kaum ein tag in ihrem Hauß gearbeit, kenne ihn nicht recht, wiſſe auch von ſeiner krencke nichts zu berichten. Sie hab aber gehort, dz der verſtorben ein krenck gehabt, vnd oft plötzlich kranck worden ſey“. Marb. Hexenproceſſ Acten v. 1579. Späterhin und bis jetzt die Bezeichnung der fallenden Sucht, als der Krantheit zet Krange — Kralabeere. 223 2oxir. Sehr üblicher Fluch: „daß du die Kränk kriegen müßteſt“; „was die Kränt!“ u. dgl. Vgl. Schmeller 2, 390 wo das Wort als in Nordfranken gebräuchlich aufgeführt wird. — In ganz Heſſen üblich. Krange fem., der aus Birkenzweigen geflochtene Ring, welcher die Hürden des Schafpferches zuſammen hält. Schwalm. Krappe, msc. ſchwacher Declination, uncus, Haken; Kleiderkrappe(n). Töpfenkrappe, Orlekrappe (Thürangel ſ. Urle) u. dgl. Vorzugsweiſe an der Schwalm und in Oberheſſen gebräuchlich, wenn auch anderwärts in Heſſen nicht unbekannt. „Vier ſtarke eiſerne Krappen gemacht“ Rauſchenberger Schloß⸗ rechnung 1606. Die Form des Wortes iſt niederdeutſch Schottel Haubtſpr. S. 1350. Die hochdeutſche Form chrapho, Krapf, iſt für den Heſſen unaus⸗ ſprechbar, wenn gleich der Familienname Krapf in Heſſen zu den ſehr üblichen gehört. Metonymiſch wird das Wort häufig verwendet: „etwas an den Krappen hängen“ ſich mit einer Sache nicht weiter beſchäftigen, ſie aufgeben, ausſetzen; mit dieſer Redensart fängt das Schwälmerlied (verfaßt von dem Letzten des ur⸗ alten Adelsgeſchlechtes der Lüder zu Loshauſen [† 1762]) ſeine zweite Strophe an: „Hengt de Hushalt o de Krappe“. Kreppel, Kräppel msc. und fem., das Deminutiv von Krappe, ein in Heſſen wie ſchon vorlängſt (Alberus Dict. Bl. Aa lija: Kreppel, scrihlila) und anderwärts (Schmeller 2, 393, Schmidt Weſterw. Id. S. 91) ſehr be⸗ liebtes Backwerk, welches urſprünglich und theilweiſe noch jetzt die Form eines Hakens hat. Die Kreppel („Kreppeln“) werden in Schweineſchmalz, Samenöl (Samenfett, Olei) oder Bucheckeröl (Eckernfett), ſeltner in Butter gebraten (gebacken). Die Zeit, wann die Kreppel gebacken werden, iſt hier wie ander⸗ wärts die Faſtnacht (Faſtnachtskreppeln), außerdem aber backt man ſie in der Fulda⸗ und Werragegend bei dem Ende des jährlichen Ausdreſchens, welches meiſt in die zweite Hälfte des November oder in den Anfang des December fällt, für die Dreſcher als „Schüttekreppeln“ vder als „Staubkreppeln“, mit denen ſie ſich den Dreſchſtaub hinunter eßen ſollen./Die beſten Kreppel ſind die „Schwimmtreppeln“, welche in ſiedendem Oel ſchwimmend gebraten (gebacken) werden. Im Schmalkaldiſchen heißt das Backwerk in einer andern Deminutivform von Krapfe: Kröpfchen. Im öſtlichen Deutſchland, wo es an eigentümlichen Sachbezeichnngeu überhaupt fehlt, nennt man dieß Backwerk Pfanntuchen, was in Heſſen nur omelette bedeutet. Krappeln, faſt wie das gemeinhochdeutſche krabbeln, doch mehr in der Bedeutung des Fortkriechens mit eilfertiger, käferartiger Bewegung der Beine und Arme, z. B. „den ſteilen Berg hinaufkrappeln“. Sehr üblich. krapschen, gierig, habſüchtig, und darum haſtig, eilfertig, einen Gegenſtand an ſich reißen. Allgemein üblich. Krätz'kem, der elliptiſche flache Korb, ſonſt Wanne genannt; ſehr oft deminutiv: das Kretzchen. Fuldaiſches Land und Hersfeld ganz allgemein, ander⸗ wärts nicht bekannt. Ahd. ercsso, calathus. Schmeller 2, 399 — 400 (Kretzen) und 397 (Kratten). Kratzbéere fem., die Brombeere. Im Schmalkaldiſchen und an der Werra in Niederheſſen. Alberus Dict. Ggiija. Adelung 2, 1755. Weiter nach Weſten hin ſcheint dieſe Benennung nicht vorzukommen. Das Wort er⸗ ſcheint übrigens ſchon in einem (ungedruckten, in meinem Beſitz befindlichen) Weihnachtsſpiel aus der zweiten Hälfte des 15. Jarhunderts v. 488489: 224 2.179 erber bromber heidelber craezber vnd mülber vnd dartzu die melbern, wo es jedoch nicht, wie heut zu Tage, mit Brombeere identiſch ſein kann, ſon⸗ dern irgend eine andere Veere, oder doch eine andere Art der Brombeere, bezeichnen zu ſollen ſcheint. P.124 Kratzmutter fem., der Magenkrampf. Umgegend von Fulda. krauchen, krächzen. In Oberheſſen üblich, auch in den ältern Ver⸗ hörprotokollen u. dgl. aus Oberheſſen öfters erſcheinend. Einen Beleg ſ. unter drensen. krauen, geſprochen kräen, iſt in Oberheſſen mehr als in Niederheſſen volksüblich, und zwar nicht nur im eigentlichen, ſondern auch, und faſt mehr im figürlichen Sinn für ſchmeicheln. Kräumpel neutr., Ardumpele, Krümchen. Im Schmalkaldiſchen. Aräumpelsuppe, daſſelbe, was im öſtlichen und innern Heſſen Ribbel⸗ ſuppe iſt (ſ. Ribbei). kraus wird im Hanauiſchen für klein in gewiſſen Beziehungen gebraucht: „er iſt kraus“ d. h. er iſt doch gar zu klein; „Holz kraus machen“. Sonſt iſt der Gebrauch von kraus für reizbar, jähzornig („trausköpfſch“), wie anderwärts, auch hier ſehr üblich. Kraut neutr., 1) wie auch gemeinhochdeutſch üblich: die verſchiedenen Arten von brassica oleracea, vorzugsweiſe das Weißkraut, der Kopfkohl; im Ganzen gebraucht, verſteht man jedoch immer auch Wirſing und Krauskohl (Braunkohl) mit unter der Bezeichnung Kraut, desgleichen die Kohlrabi u. dgl.; „das Kraut ſetzen“; „Krautpflanzen“; „das Kraut austhun“. Doch iſt dieß üblicher in Niederheſſen, als in Oberheſſen, wo man lieber Kohl, zumal in der Form Köhl, gebraucht. /,1.1/), Kre⸗ 2) die Blätter und Stengel der Wurzelpflanzen, namentlich der Rüben, im Gegenſatze gegen die Wurzel. In Niederheſſen machte bis um das Jahr 1830 nur die Kartoffel eine Ausnahme: die Kartoffelſtengel hießen mit einer, in Heſſen ſonſt nicht erhörten Bezeichnung: Kartofkelgris, nicht Kartoffelkraut, ſ. Gris. Gekrüedig neutr.; mediciniſche wildwachſende Pflanzen, welche von dem Landvolke am Himmelfartsmorgen oder auf Pfingſten früh vor Aufgang der Sonne geſammelt, getrocknet und zum Gebrauche aufbewahrt werden. In manchen Waldgegenden geht an dieſen Tagen aus jedem Hauſe wenigſtens eine Perſon ins Gekrüedig. Die für das Gekrüedig am meiſten in Anſehen ſtehenden Pflanzen ſind Sanikel, Aron, Blutkraut, Waldmeiſter, Doſten, Mannskraft, Mantelkraut, Maikräutchen. krauten, Gras mit der Sichel oder Hepe abſchneiden, graſen. Rein⸗ hardswald. Krawall msc., ein im Jahr 1830 vorzüglich von Hanau aus in Kurs geſetztes, jetzt längſt der Gen einſprache angehöriges Wort: Empörung, Auflauf, meiſt ohne Grund wie ohne Ziel, mithin auch ohne Erfolg. Es iſt nichts anderes als das in Baiern längſt übliche Grewell, Ge⸗rebelle, Rebellieren, nur dumpf ausgeſprochen, von den des Dialects nicht Kundigen mit a ausgeſprochen, und ſo zu einem ſcheinbar ganz neuen Worte umgeſchaffen, was es an ſich keines⸗ wegs iſt. Schmeller 3, 6. Krehsschachte fem., Krebsschüssel, eine der mancherlei Bezeich⸗ nungen der Schale der Flußmuſchel. Die gegenwärtige kommt in Oberheſſen häufig vor. Vgl. Icher, Tüppenkratte. Kratamutter — Krebsschachte. Krégel — krépen. 225 krégel, auch zuſammen gezogen krel, beweglich, munter, rührig, beſon⸗ ders von Kindern und Reconvalescenten geſagt. Sehr üblich in ganz Heſſen. Wol ſicher ein niederdeutſches Sprachelement: die von Schmeller 2, 382— 383 angeführten Wörter unterſcheiden ſich von dem unſrigen weſentlich durch Accent und Quantität; dagegen findet ſich das Wort in dem Idiotikon von Fallersleber bei Frommann Mundarten 5, 153. Kreder. In der Ausſage des „Meiſters“ (Abdeckers), welche in Marburger Hexenproceſſacten von 1579 ſich ſindet, und auf gefallenes, nach der Ausſage des Meiſters bezaubertes Vieh ſich bezieht, kommt vor: „daß vihe, wan es vffgeſchnitten worden, hab im Hertzen vnd umbs gelüng kreder geriegelt vnd andern böſe materi (daruf er keinen verſtand hab) gehabt“. Dieſes Kreder berührt ſich nahe mit Kredelfleisch, Krézellleisch (ſ. d.), doch nur dem Laute nach, und der Sache nach nur ſo weit, als das eine und das andere Wort Fleiſchtheile bezeichnet, an welcher irgend etwas — etwa eben das kredeln — vorgenommen worden iſt. Noch unverſtändlicher iſt geriegelt. Kreisser msc., Bezeichnung des Forſtaufſehers, „Forſtlaufers“, im Fuldaiſchen und Hanauiſchen. kreischen 1) ſtarker Conjugation wie gemeinhochdeutſch. Uebrigens iſt in Niederheſſen kreiſchen der gewöhnliche und herſchende Ausdruck für weinen. 2) ſchwacher Conjugation: Oel zum Sieden bringen, um die herben oder widrig ſchmeckenden Beſtandtheile auszuſcheiden. Es wird dieß Wort in Heſſen nur activ, niemals intranſitiv gebraucht: „ich kreiſche das Fett“, „habe das Oel gekreiſcht“, „das Fett iſt gekreiſcht, iſt abgekreiſchi“, aber nicht: das Fett hat gekreiſcht. „daß man ſie in einem gemächlichen Fewr mit gekreuſchtem Schmaltz in Stieffeln gegoſſen, quelen ſolte“. Kirchhof Wendunmut (1602) 2, No. 27, S. 621. Adelung gibt 2, 1769 an, daß kreiſchen in einigen Mundarten aetiv gebraucht werde. Schmeller. hat 2, 395 kröſchen, aber neutral: „praſſeln, wie Schmalz, das auf Glut geſtellt iſt“. Vgl. das Schleſiſche Wörterbuch: Frommann Mundarten 4, 175. krellen, eine plötzliche, wenn auch vorübergehende, Erſtarrung und das mit derſelben verbundene unangenehme Gefühl hervorbringen. Der Froſt krellt die Hände oder die Füße, d. h. es ſind Hände oder Füße in die erſten Stadien des Erfrierens getreten, ohne doch wirklich erfroren zu ſein; man darf die Stuben⸗ gewächſe nicht mit kaltem Waßer begießen, weil man ſie damit krellen würde; ſich krellen wird beſonders von einem heftigen Stoße auf einen empfindlichen Knochentheil, z. B. den Ellbogen, und der widrigen Erſtarrungsempfindung, welche mit demſelben verbunden iſt, gebraucht; ſo überall in Heſſen, wie im nördlichen Franken Schmeller 2, 384. Krellen plur. tant., auch Grellen geſprochen, Entſtellung von Korallen, Bezeichnung des, jetzt beſonders noch im öſtlichen Heſſen üblichen Halsſchmuckes des weiblichen Geſchlechts auf den Dörfern. Der Altariſt Johannes Strack aus Hatzfeld, Altariſt zu Wehrshauſen bei Marburg, verzeichnet im Jahr 1520 unter den Kirchengütern der Kapelle zu Wehrshauſen: „Etliche karellen pater noster“. Vgl Nuſter. krepen, krépeln, in etwas Hohlem herumſtören, z B. in der Oſen⸗ röhre, in der Naſe. Sehr üblich. Kreper, Hroeper msc. heißen in Kaſſel diejenigen Töpſer, welche mit dem Reinigen der Oberofen und Ofenröhren ſich beſchäftigen, und die gemeine Mei⸗ nung iſt, daß ſie von dem krépen, krépeln ihre Benennung haben. Ob dieſe Vilmar, Idiotikon. 15 oerot. hnoin, Marburg a. d lahn — 226 Kreten — kriegen. Meinung richtig iſt, ſteht noch zu bezweifeln; ſie können auch von den Gräpen, Gröpen, Groppen (eiſernen Töpfen) ihren Namen führen. S. Groppe. kréten, zanken; ſ. Krot. Hrézeldicisch, im Fuldaiſchen, Kredelfeisch (Kreiellleisch) im Schmalkaldiſchen, wie im Wirzburgiſchen (Schmeller 2, 382), dasjenige Schweine⸗ fleiſch, welches gekocht und dann zur ſogenannten Leberwurſt (Weißwurſt, Rot⸗ wurſt) verwendet wird. Im übrigen Heſſen Quellfleiſch. Dieſes Krezel⸗ fleiſch, Kredelfleiſch, Quellfleiſch iſt ein landübliches Frühſtück am Schlachttage. Vgl. auch Kreder. ☚ſ 2160ueſge. kribbeln, kriuweln, 1) wie das gemeinhochdeutſche kriebeln. 2) meiſt in Verbindung mit wibbeln: „es kriwwelt und wiwwelt“ (von Läuſen u. dgl.), dem gemeinhochdeutſchen wimmeln ähnlich, nur in verſtärkter Bedeutung. Vgl. wibbeln und krimmeln. Krihbes, auch Griwwes, Grewes, geſprochen (Adelung: Griebs). 1) die Kernhülle der Obſtarten pyrus, in Niederheſſen; anderwärts, übrigens auch in Niederheſſen nicht unbekannt: Krotzen (ſ. d.). „allein die Grebes fraß er nit“ G. Nigrinus Von Bruder Joh. Naſen Eſel. 4. Bl. C4b. 2) larynx, der obere und hervorragende Theil der Luftröhre. So ſchon Schottel Haubtſprache S. 1351 in der Form Kröbs, Gröbs. Kridewiszchen (Kriddewiszchen), der als Todverkünder gefürchtete Raubvogel Strix noctua (Strix passerina Bechst.), das Käuzchen, Leichenhuhn. Dieſe in dem gröſten Theile von Altheſſen gebräuchliche Benennung des Vogels iſt wol ohne Zweifel onomatopoetiſch, inzwiſchen wird dieſelbe meiſt vom Volke ſo verſtanden, daß ſie den Erfolg des Schreckens bezeichne, welchen der ſchaurige Ruf des an das Fenſter fliegenden Vogels einjage, „ſo daß man kreideweiß werde“. Hin und wieder, z. B. in der Umgebung von Fritzlar heißt dagegen der Vogel die wisse Kritt, was deutlich zu beweiſen ſcheint, daß der Schrei des Vogels durch den Namen nachgeahmt werden ſolle. Vgl. Klawit. Krieche fem., plattdeutſch Hreike, die kleine blaue (wilde) Pflaume. S. Adelung s. v. Allgemein üblich. kriegen, das wie auch ſonſt in Deutſchland im gemeinen Leben aus⸗ ſchließlich für erhalten, bekommen gebräuchliche Wort. Daß es urſprünglich kein anderes Wort iſt als beilare, Krieg führen, beweiſt der Gebravch welchen Gerſten⸗ berger in ſeiner Chronik (Schminke Monim. hass. 1, 274. 278 u. a. St.) von dem⸗ ſelben macht. Es conjugiert, wie auch anderwärts, nicht ſchwach, wie hauptſächlich durch Campes Vermittlung aus dem niederdeutſchen Dialect in die Schriftſprache eingedrungen iſt, ſondern ſtark: kreg (kreig, in Oberheſſen wol auch kräg), krigen (krêgen, krègen, gekrigen, gekrègen). „die kreig unordeeliche liebe“ Wig. Gerſtenberger bei Schminke Mon. hass. 1, 77. 99. /5 „Nach dieſem ſchad kam ſie (die Kunſt) wol auff, Vnd kreg hoffnung mit groſſem hauff“. Iſ. Gilhauſen Grammatica 1597. 8. S. 21. „Den 28. Januarii kriegen wir einen huck landes inß geſicht“. Hans Staden Reiſebeſchr. (Weltbuch 1567. fol. 2, Bl. 28a). „Ey Herr Clauß, das muß leyden guter Saft ſeyn, wenn ich den nicht triegen heite, were ich in meinen kopff geſtorben“. O. Aelander docoseria Lich 1604. S. 579. Krimmeln — Krot. 227 krimmeln, meiſt nur in Verbindung mit wimmeln, zur Verſtärkung dieſes Ausdrucks, und zwar vorzugsweiſe im öſtlichen Heſſen, gebräuchlich. Chriſtoph Dietrich verzeichnet in ſeiner Chronik von Schwebda zum Jahr 1673, es ſeien Heuſchreckenſchwärme von Oſten gen Weſten über Schwebda hin geflogen, und „ſo weidt man ſehen konde, krimmelt vnd wimmelt es von ſolchem geſchmeiß“. Vgl. kribbeln und wibbeln. krimpen, behacken, namentlich die Kartoffeln. An der Diemel üblich, ſonſt unbekannt. Es iſt wol das alte krimmen, mit den Krallen zerkratzen, gerdrücken, nicht krimpfen, welches bloß premere bedeutet. Kring mse., 1) Kreiß, Bezirk; jetzt nicht mehr üblich. „Burglehen vnd anderes mit alle dem das in vnseres Siifftes Cirkh vnd Krenge gelegen ist“. Urkunde des Abts Volpert Riedeſel zu Hersfeld vom J. 1500, Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 279. 2) Kreiß, von Menſchen gebildet; Schmalkalden, wo jedoch ein Menſchenkreiß auch wol Kringel genannt wird. krings (geſprochen kreins), ringsherum. Schmalkalden. Kringel msc. 1) jede ringförmige Geſtalt „die Schlange lag in einem (machte einen) Kringel“; der Tahgksraucher bläſt mit dem Rauch Kringel (Kringeln) u. ſ. w. 7 7. J ee P.1. 2) ein in Ober⸗ und Niederheſſen ſehr übliches Gebäck, aus zwei Ringen in Form einer 8 beſtehend, anderwärts Bretzel genannt. S. Adelung 2, 1790. Die Flur⸗ und Waldbezeichnungen, welche jetzt gleichfalls Kringel ge⸗ ſprochen und geſchrieben werden, gehören vielleicht ſämtlich, jedenfalls nicht in ihrer Mehrzahl hierher, ſondern zu Erendel (ſ. d.) Kritsche fem. (Altheſſen [Nieder⸗ und Oberheſſenſ und Schwarzenfels), Klilsche (Fulda) fem., Kritschel (Schwalm) fem., das Bret am Pfluge, von welchem das Pflughaupt gehalten wird; es iſt ſenkrecht in den Grendel einge⸗ ſtemmt, und daran die Schar (Fulda: das Schar) in der Mitte, das Streich⸗ bret am vordern Ende befeſtigt. Bei der geringen Aufmerkſamkeit, welche die vorhandenen Idiotika den Bezeichnungen der landwirtſchaftlichen Geräte widmen, begreift es ſich, daß auch dieſes Wort, gleich ſo vielen andern, ſich anderwärts nicht finden laßen will. Krolle, Krulle fem., aber zuweilen auch Hroll msc., Haarlocke; die einzige bei dem Volke vorhandene Bezeichnung; Locke iſt ungebräuchlich und durchaus unverſtändlich. Krollkopf, Lockenkopf, Krauskopf. Sehr üblich. krollig, lockig, kraus; ſelbſt das Wort kraus iſt dem Volke nicht ſon⸗ derlich geläufig. Kroepel, Krépel msc., heſſiſche, ganz allgemein übliche Form für Krüppel. Niederdeutſch, Brem. WB. 2, 878. Indes wird Kroepel bei uns auch von einer kleinen, unanſehnlichen Perſon, ohne daß dieſelbe ein eigentlicher Krüppel wäre, gebraucht, während der tropiſche Gebrauch (Brem. WB. 2, 879) bei uns nicht ſtatt findet. kröpfen; es kröpft mich, es ärgert mich; Schmalkalden. Im übrigen Heſſen wird mit nicht ſo erkennbarer Etymologie geſprochen: es kruppt (gruppt) mich (mir); der Sinn iſt aber, wie in der deutlichen Schmalkalder Form: es liegt mir im Halſe, es drückt mich auf der Kehle, macht mir einen Kropf. Krot, geſprochen Kröt, msc. Beläſtigung, Beſchwerde, Verdruß, Aerger: „das iſt mir ein Krot“. Altes in Mitteldeutſchland (nur hier, nicht in 15* 41 228 Krödlich — Krötenbalsche. Ober⸗ und Niederdeutſchland) ſehr übliches, in Heſſen allein noch in Oberheſſen gebräuchliches Wort. „Er, Zeuge, aber hette gedacht, halt der Herrn Gepott, ſo „biſtu behüttet vor Kroht“ Treisbacher Unterſuchungsprotokoll von 1609. „wehren ſie (die Briefe) aber nicht krefftig, ſo wolten ſie ſolche abſchaffen, dar⸗ „mit nicht irgents ihre Nachkommen derohalben in Kroht kehmen“ Ebendaſ. „darmit es ihnen keinen Kroht gebe“ Ebdſ. Ein vierter Zeuge ſagt: „darmit nicht irgents ihre Nachkommen derohalb in Beſchwerung kommen möchten“. Das Wort komt häufig vor in dem Eliſabethleben Graff Diutiska 1, 343 —489: lide ich innerliche krot 345. mit rehter liebe sunder crot (: got) 429. si wart der losen herren spot, si leit von in viel manec crot 439. Vgl. Friſch 1, 547—548 wo Belege aus andern Schriften angeführt ſind. W. Müller mittelhochd. WB. 1, 888. krödlicl, unzufrieden. „Wie kompts, daß ihr mich ſo anfahrt? Ihr ſeyt krödlich, vbel zufrieden“. Iſaae Gilhauſen Grammatica. Marburg 1597. 8. S. 49. Dieſes Adjectivum iſt in der Form krittlich gemeinhochdeutſch ge⸗ worden. Vgl. Friſch a. a. O. kroten, Aröten (trüden, krütten, grilten), nur reſlexiv, ſich um etwas bekümmern, ſich eine Sache zur Beſchwerung, zur Sorge ſein laßen. In Ober⸗ heſſen üblich, ſonſt wenig bekannt. „vnd krotte mich jrer dieſelbige Nacht nichts“ Wetterer Criminalproceſſ v. 1577. „Sie where den Dingen (der Unzucht) nie holt geweſen, auch ſich deren weder mit ihm noch andern gekrüdt“. Niddaer Criminalproceſſ von 1593. Eine Inquiſitin, Dietzen Elſe aus Bottendorf, am 27. Sept. 1648 nach der Herbeiſchaffung des Eiſens befragt, aus welchem ſie, wie ſie angegeben, durch des Teufels Kunſt, Milch gemolken, antwortet: „ſie hab ſich des Eiſens nicht gekrott, ſondern der Teufel hett es hingeſteckt, wo er gewolt“. „Der Knecht habe ſie gefragt, ob jemand in der mühl geweſen wehre, habe ſie geantwortet, Sie kritte ſich der mühl nicht, Sie wüſte es nicht“. Marburger Hexenproceſſ von 1658. Eſtor der Teutſchen Rechtsgelahrtheit 3, 1410: „gritten ſich, wann man ſich an einen nicht kehret“. Am Rhein bis in die Eifel iſt (oder war) dieſer Ausdruck gleichfalls volksüblich, ſ. die rheiniſchen Weistümer bei Grimm Weist. 2, 486. 553. 665. 716. „Wiewol nun der König in Frankreich ein Chriſt war, jedoch kroht er ſich der Dinge und auch anderer Sachen nicht viel. W. Gerſtenberger Frankenb. Chr. bei Ayrmann Sylloge Anecd. 1746. 8. S. 105. „Der König genant Clodoveus wohneke nicht in dieſen Landen, und krotte ſich auch der Dinge wenig“. Ebdſ. S. 121. Vgl. Scherz⸗Oberlin S. 833. Schmeller 2, 124 (wo nur das ſchwäbiſche gräten unrichtig auf grädag bezogen wird), 102. Hartmanns Gregor v. 851. 1434. Mone Anzeiger 1835. S. 317 v. 41. Gött. Anz. 1838. S. 137. Wol ohne Zweifel gehört hierher auch kréten (sik) ſich zanken, meiſt mit Worten zanken, im ſächſiſchen Heſſen; „die Eheleute kreien ſich“. Vgl. Brem. WB. 2, 868 — 869. kreileln, zanken. Eſtor a. a. O. S. 1413. Krétflecken, ſogenannter Zankfleck an den Händen (galliges Extravaſat) von dem die Meinung iſt, wer Morgens einen ſolchen Flecken an ſeinen Händen habe, gerate an dieſem Tage in Zänkerei. Die Wurzel dieſer Wörter wird in dem gothiſchen gruds (vairthan usgrudja, éxxœxeky, durch Mühe, Sorge, laß werden) zu ſuchen ſein. Krötenbalsche fem., d. i. Krötenbalſam; ſo werden alle übel⸗ riechenden Arten von Mentha (Minze) und Stachys, namentlich Stachys sylvatics, auch Teuerium, genannt. Faſt durch ganz Heſſen verbreitet. Krolzen — Krumpel. 229 Krotzen msc.. 1) das Kernhaus der Obſtarten pyrus, ſonſt auch Kribbes, Griwwes, vorzüglich im weſtlichen Heſſen; „Aepfelkrotzen“, der Reſt eines abgegeßenen Apfels. 2) laryux, der Kehlkopf, das obere und hervorragende Obertheil der Luftröhre. 3) verſchrumpfte und verwachſene Aepfel oder Birnen, an denen eben nichts iſt, als der Krotzen. So auch auf dem Weſterwald, Schmidt S. 92. S. Hribbes. krufen (kraufen, kroffen, kröffen), krupen, kriechen. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen iſt krupen ausſchließlich üblich, ſo daß man das Wort kriechen gar nicht verſteht. In den andern Formen reicht das Wort, zum Theil übrigens neben dem Worte kriechen gebräuchlich, an der Fulda herauf bis in die Gegend von Spangenberg, an der Schwalm bis nach Wabern, und an der Werra bis nach Eſchwege, beziehungsweiſe Waldkappel. auskrupen, auskrufen in ſämtlichen ſo eben bezeichneten Landestheilen das faſt ausſchließlich gebräuchliche Wort für das Auskriechen der Vögel aus den Eiern. unterkrupen, unterkriechen, ſterben. „Krup unner du alt Wunner, die Welt ist dir gram“ ſehr bekannter Reim. Richey S. 141. Kruphähnchen, Kruffhüenchen, Spottwort für kleinlich gewachſene Frauens⸗ perſonen; in Kaſſel ſehr üblich. Richey a. a. O. Kruke fem., Krug, beſonders jede Art Krug mit engerem Halſe, indes mitunter auch diejenige Form der Krüge, welche ſonſt Kräs heißen, d. h. Krüge mit zinnenem Klappdeckel. Im ſächſiſchen Heſſen, weniger im weſtfäliſchen, wo Slute (ſ. d.) vorherſcht. Diutiska 2, 200a. Schottel Haubtſpr. S. 1351. Brem. W0B. 2, 884. krumm, wie gemeinhochdeutſch; Hrummbuckel, hündiſcher Schmeichler; ein krummes Maul machen; krumm liegen u. dgl. hier wie anderwärts. krumme Not, eine beſonders in Niederheſſen ſehr übliche, aber auch ander⸗ wärts in Heſſen, wie auf dem Weſterwald (Schmidt S. 93), bekannte Bezeich⸗ nung der Epilepſie. Vgl. Kramhacke, Kränk, Mangel, schwere Not. Es iſt auch dieſes Wort, wie ſeine Synonymen, zum Fluchwort geworden, und wird als ſolches ſehr häufig verwendet. Krummes, meiſt nur deminutiv: Krummeschen; fuldaiſche Bezeichnung eines in der Form eines Mondsviertels verfertigten Weizengebäckes, welches in Schmalkalden, Kaſſel u. a. O., in etwas größerer Form und aus geringerem Stoffe gebacken, den Namen Hornaffe (ſ. d.) führt. Krumpel fem., unregelmäßige, aus Verſehen oder Unordentlichkeit ent⸗ ſtandene Falte in einem mit ebener und glatter Oberfläche verſehenen und nur in dieſer Geſtalt brauchbaren oder anſtändig zu producierenden Gegenſtand, als Tuch, gebügeltes Weißzeug, Katkun, Papier und dergleichen. In ganz Heſſen, jedoch mit Ausnahme der niederdeutſchen Bezirke (wo Krünkel geſagt wird) und von Schmalkalden (wo knüeren üblicher iſt) gebräuchlich. Eben ſo auf dem Weſterwald Schmidt S. 94. krumpeln in unregelmäßige und ungehörige Falten drücken. Vgl. knüeren. Gewöhnlich iſt die Verſtärkung verkrumpeln, durch Krumpeln verderben. trumpelicht, voll Krumpeln. 230 Krünkel — Kuh. Krünkel kem., an der Diemel das, was im übrigen Heſſen Krumpel (ſ. d.) iſt: Runzel, Biegung, Zerknitterung. Vgl. auch knüeren. Kruppig, armſelig, von Wuchs und Ausſehen. Schmidt weſterw. Id. S. 92. Hrüs msc., auch (in Oberheſſen mitunter) Kraus, Hrause, Krug, doch vorzugsweiſe der zum Bier, ehedem auch zum Wein, gebräuchliche, in der Mitte ausgebauchte und mit einem zinnenen Deckel verſehene, meiſtens braun glaſierte Krug. In Mittelheſſen und Oberheſſen gebräuchlich, wenig im ſächſiſchen und gar nicht im weſtfäliſchen Heſſen. „Vnd brecht Philipſen einen Krauſen ſpaniſchen Weins“. Marb. Hexenproceßacten v. 1579. „Liebchen trink, es geht nicht all ins Krüschen“. Marb. HPAl. v. 1658. Das Wort, ſchon im Altnordiſchen vorhanden, findet ſich im Schwediſchen, Däniſchen, Holländiſchen, im Niederdeutſchen (Sächſiſchen) Richey S. 140. Brem. WB. 2, 880. Vgl. Schottel Haubtſpr. S. 1350; aber auch in Ober⸗ deutſchland Schmeller 2, 394. Das Krüsenwerfen, Krausenwerfen, Krugwerfen des 16. Jarhunderts findet ſich, zumal in den oberheſſiſchen Bußregiſtern reichlich vertreten; z B. „Raben Hans ſohn zu Vnderſt Rosphe, dz er Heintz Gompeln mit einem Kruß geworfen“. Wetterer Bußregiſter v. 1583. „5 fl. wird geſtraft Schmithen Stoerger zum Rauſchenberg, von deswegen, daß er Johan Mangolten Pfarhern zu Halsdorff, in ſeiner eigenen Stubben zum Rauſchenberg mit einem krug dar⸗ nidder geſchlagen“. Rauſchenberger Bußreg. v. 1585. „Schefferhen zu Obernas hat den Mohrnſchmidt zu Niddernas im vierhaus da mit einem holtzern becher in irer Zech vnders geſicht geworfen vndt blutig gemacht“. Wetterer Bußt. v. 1591. Und ſo öfter. Da das Wort Krüs bei uns das Wort Kande, Kanne großenteils noch jetzt vertritt, früher völlig vertreten hat, ſo iſt bei uns von einem Kandelwerfen, wovon ein hersfeldiſch⸗thüringiſches Dorf den Namen Kannewurk führt, niemals ſo viel ich weiß, die Rede, ſo oft dieſe Bezeichnung des angedeuteten Wirts⸗ hausunfugs auch ſonſt in Deutſchland vorkommt. Kruspel fem., eine Verknorpelung, ein verhärteter Auswuchs, zumal an Bäumen. Wenig üblich. Schmidt Schwäb. WB. S. 328. kruspeln, verkruspeln, ſehr übliche Verba: ſich verhärten, z. B. zu hart gebackener Kuchen iſt verkruſpelt; verknorperln z. B. gichtiſche Hände ſind ganz verkruspelt; erſtarren: „meine Hände ſind in der Kälte ganz ver⸗ kruſpelt“. Was aber hart gebacken werden muß, wird durch die Bezeichnung kruspeln gelobt: die Wecke müßen recht ſcharf ſein, daß ſie kruspeln; u. dgl. Schmeller 2, 395. Kuh. Redensärt: „ein Mantel und ein Kuh deckt viel Armut zu“ d. h. wer einen Mantel hat, deckt damit ſeine zerrißenen Unterkleider (zumal ſind hiermit Frauen gemeint, da in den meiſten Gegenden der Mantel zu deren uner⸗ noch immer, trotz aller Schulden und ſonſtiger Not, ſich durchhelfen, für ver⸗ hältnismäßig wolhabend gelten. Sehr üblich. Eine ähnliche Redensart bei Seb. Franck Sprichwörter 1541 Bl. Eija: „Ein mantel vnd ein hauß deckt vil ſchand“. Redensart: „ſchlafen, bis die Kuh ein Batzen gilt“ d. h. ſchlafen ſo feſt und ſo lange, als wolle man nie wieder erwachen. Gleichfalls ſehr üblich. Küle — Kummer. 231 Kuhgeld, eine Abgabe. LandesO. 6, 370. Kopp Handbuch 6, 137. Hahstein, durchlöcherter Stein, meiſt ein alter Wurfſtein, ſ. g. Donner⸗ ſtein, auch wol von der Natur durchlöchert, wie dergleichen Steine an der Eder häufig vorkommen. Er führt ſeinen Namen daher, weil, wenn eine Kuh blutige Milch gab, die Zitzen des Euters durch einen ſolchen Stein hindurchgeſteckt wurden, um den vermeintlichen Zauber damit zu vertreiben. Auch pflegten ſolche Kuh⸗ ſteine den Kindern in die Wiege gelegt zu werden, um ſie gegen Blitzſtral und ſonſtige Unfälle zu ſichern. S. Wolfart Hist. natur. Hassiae infer. 1719. fol. S. 48. 51. nebſt Abbildang. Dieſe Kuhſteine ſind auch in der Schweiz und in Schwaben üblich, Vonbun Beiträge z. d. Mythol. 1862. S. 75. Kuhweide; „aus der Kuhweide gehen“, meiſtens negativ „er wagt ſich nicht aus der Kuhweide u. dgl.; häufige, noch an die älteſten bäuerlichen Ver⸗ hältniſſe des Vaterlandes erinnernde Redensart für: die engſten Grenzen. Die Redensart erſcheint öfters bei Fiſchart. Küle, auch Kaule geſprochen, fem. Grube, niederdeutſches, im ganzen ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen faſt ausſchließlich gebräuchliches, indes auch einzeln an der Fulda aufwärts bis in die Gegend von Rotenburg vorkommendes Wort. Mistkule (-kaule), Schinderküle u. ſ. w. grosse graber und kulen W. Gerſtenberger Frankenb. Chr. bei Schminke Monim. hass. 2, 449. In Rechnungen der Stadt Wolfhagen 1457: lemekule (aber 1663: leimbkaute), 1563 steinkule; Wulffs⸗Kulen bei Zierenberg (Landau Geſchichte der Jagd S. 208). Schottel Haubtſpr. 1343: Kaule, aber 1352 Kule. Vgl. Froſch⸗ mäuſeler Eijb. Friſch 1, 554. Von Wabern ſüdlich iſt das Wort in Heſſen unverſtändlich. Vgl. Kaute. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 78— 79. Kukummer fem., Gurke; letzteres Wort iſt kaum bekannt, ge⸗ ſchweige denn üblich. Vgl. Schmeller 2, 27. Kulle fem., Kugel. In ganz Heſſen üblich, wogegen das aus Kulle entſtandene ſchriftdeutſche Wort Kugel gar nicht, ſelbſt nicht beim Kegelſpiel, volksüblich iſt, und ſich erſt in der neueſten Zeit hier und da allgemach einbürgert. Kullmutz m., Hünerart ohne Schwanz; De b Kullarsch, daſſelbe; beide Wörter, wo nicht Kupper (ſ.d.) gebräuchlich iſt, wie an der untern Eder, in dem gröſten Theil von Altheſſen gebräuchlich. Hiernach wird Schmellers keilarsch (2, 289) als eine Corruption zu betrachten und die Etymologie dieſes Wortes zu modificieren ſein. Kulikopf (Kullshopf) msc., 1) die Froſchlarve, 2) der Fiſch cottus gobio, welcher in Vaiern (Schmeller 2, 317) kopp heißt, was ſich mit jenem kupper berührt. Kulldüppen, bauchiger Topf ohne Beine. Kaſſel. Vgl. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 4, 78. kullern, rollen, von allen kugelähnlichen Gegenſtänden. Allgemein üblich. Vgl. kuppeln und welgern. küeme adj., an der Diemel nur vom Wetter in der Bedeutung rauh, unfreundlich, gebräuchlich. Anderwärts, an der Werra, Grenze des Eichsfeldes (Brem. WB. 2, 893; Journ. v. u. f. Deutſchl. 1786, 2, 116. Frommann Mundarten 6, 217) ſchwach vor Alter, ſchlecht ausſehend (vor Krankheit), ſtöhnend, bedrückt, betrübt. Kummer msc., 1) in ſeiner gemeinhochdeutſchen Bedeutung iſt das Wort bei dem Volke durchaus nicht üblich, ihm nicht einmal verſtändlich; es herſcht dafür in dem gröſten Theile des Landes das Wort Braſt. Nur die 232 Kunft — Kunkelfuse. Redensart „Hunger und Kummer leiden“ wird vermittelſt des Zuſatzes „Hunger“ verſtanden, aber das Wort Kummer ſelbſt wenig oder gar nicht ſelbſtändig ver⸗ wendet, und das Adjectivum kümmerlich hört man wol zuweilen in der gemein⸗ hochdeutſchen Bedeutung. Eben ſo wenig waren bisher die Verba kümmern und bekümmern üblich oder auch nur in ihrer hochdeutſchen Bedeutung ver⸗ ſtändlich. 2) Schutt, namentlich Bauſchutt, auch überhaupt unfruchtbares Erdreich. Allgemein und ſo ausſchließlich üblich, daß „Schutt“ gar nicht gebraucht, kaum verſtanden wird. Schmidt Weſterw. Id. S. 96. Dieſe Bedeutung des Wortes iſt hauptſächlich im weſtlichen Mitteldeutſchland (nicht in Oberdeutſchland, wie Adelung 2, 1823 irrig ſagt, vgl. Schmeller 2, 299 —300) gebräuchlich, das Wort ſelbſt aber ohne Zweifel nicht urſprünglich deutſch, ſondern aus dem mittel⸗ lateiniſchen eombrus, Erdhaufe, welches ſich auch in den ſämtlichen romaniſchen Sprachen findet (Diez Etym. Wörterb. S. 106) entſtanden, falls nicht etwa combrus ſelbſt deutſcher Herkunft wäre. 3) Beſchlagnahme, Arreſtanlage.. In der ältern Sprache nebſt dem Verbum bekümmern, in Beſchlag nehmen, auf Arreſtanlage klagen, ſehr üblich, aber das Subſtantivnm hört man noch jetzt hin und wieder in dieſem Sinne gebrauchen. In einem Beſcheid des Schultheißen Ludwig Stoppelnberger zu Marburg vom Jahr 1405 heißt es: „daß Henne Mogkis vnd Peter Moller beide burger zu Marpurgk vor mich an gericht daſelbſt kommen ſein vnd gekom⸗ mert vnd geclagt (auf Arreſtanlage angetragen) hain“, während die Aebtiſſin zu Kaldern das Haus, welches Gegenſtand des „kommerns“ war, „verantwort vnd vßm kommer gethan“ hatte.“ Bgl. auch Landgr. Philipps Reformation, geſetze vnd ordnung v. 18. Juli 1527. (Marburg 1528. 4. Bl. Cij) und zal⸗ reiche andere Verordnungen. Das Wort iſt nichts anderes, als das eben er⸗ wähnte combrus; vgl. das franzöſiſche encombre, Hindernis. 4) Triticum dicoccum Schrk., ein in einigen Bezirken Oberheſſens ange⸗ bautes Getreide; weißer Dinkel, Sommerdinkel. Warſcheinlich iſt die Bezeichnung Kummer, welche dieſer Getreideart, da wo ſie gebaut wird (Niederwalgern u. a. O.), gegeben zu werden pflegt, nur eine Entſtellung des ſonſt für dieſelbe gebräuchlichen Namens Amer, Emmer (Schmeller 1, 53), wie man denn auch zuweilen Ammer neben Kummer gebrauchen hört. Kunft kem., in Oberheſſen, die eiſerne Klammer, in welcher ein Riegel lauft (hin und her geſchoben wird), in die man die Flachsreffe ſteckt u. dgl. Ehedem lautete dieſes Wort Kanf. „2 alb. vor zwo eiſſerne Kanffen an das mittelſte thor, da der Rigel in geht vnd das ſchloß anhenckt“. „5 alb. vor zwo newe Kanffen auff den Thorn da die Roll henckt“. Rechnung eines Schmieds in der Rauſchenberger Rentereirechnung von 1606. „5 alb. vor ein große kanff vnd etliche Negel ſo in das mittelſte thor kommen“. „3 alb. verdienet an einer Ochſenketten vnd vor ein kanff an daß ſcheuren thor im Renthoff“. Ebdſ. derſ. v. 1610. „1 fl. Hartmann Munch Burger zue Rauſchenberg daß er Dauit Stippen burgern daſelbſten eine kanffe an einer garttenthur ſſo rechthengig) eigens willens Rum geſchlagen“. Rauſchenberger Bußregiſter von 1606. Noch jetzt ſoll hin und wieder in Oberheſſen die Form Kanf, Kankt, neben Kunkt gebräuchlich ſein. kungeln, handeln, verkaufen. Weſtſäliſches Heſſen. Kunkelfuse kem., meiſt nur pluraliſch: Kunkelfusen (Gunkelfusen), betrügliche Reden, Spiegelfechtereien, leere Ausreden. Sehr üblich, gleich dem in verwandter Bedeutung gebräuchlichen Worte Kuschemucken (ſ. d.). Kunz — Kützel. 233 Schon Schottel Haubtſpr. S. 1352 hat dieſes Wort, ohne jedoch deſſen Bedeutung anzugeben. Kunz mse., Schlafkuns, der durch einen Inſektenſtich und das vermit⸗ telſt deſſelben in die Rinde des wilden Roſenſtrauches gelegte Ei ſich an dieſem Strauche entwickelnde haarige, rot und grün gefärbte Auswuchs. Schlafkunz heißt er deswegen, weil man meint, er heile die Schlafloſigkeit, wenn man ihn unter das Kopfkiſſen lege. So hiet, wie in dem gröſten Theile von Deutſchland. Schmeller 2, 314. Frommann Mundarten 4, 182. /,LD△1. Rei twd: —, Küppel msc., gewöhnlich Kippel geſprochen, urſprünglich Kuppel und Kopfel, eigentlich: der kleine Kopf. Das Wort wird gewöhnlich von kleinen Feldhügeln gebraucht, welche mit Buſchwerk und einzelnen Bäumen bewachſen ſind; in der Compoſition wird es auch als Eigenname ſolcher Hügel verwendet: Geißküppel, Steinküppel u. v. a. „Nemelichen als derselbe unser Herre den wali (ſo) zu solichem Hoffe gehoret, auch fuppel, strüche, boume vmb den- selben Hoff vnd walt gelegen in solcher lehnunge uszgezogen vnde vor sich vnde sin nachkomen behalden hoit“; Ringshäuſer Lehnbrief von 1490 bei Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 52. „Den Wollenberg, Hauwalt, Ellenberg, Hollerberg vnd die vmbliegende koppffel“. Quittung eines oberheſſiſchen Förſters vom 18. December 1569. S. Kopf. kuppeln, rollen, ſich wälzen; wird von größern ſich abwärts, und zwar gleichſam kopfüber, wälzenden, rollenden Maſſen gebraucht: Kinder kuppeln den Berg herab, ein großer Stein, ein Baumſtamm kuppelt den Abhang hin⸗ unter; eine Kugel dagegen kullert herunter. S. Kulle. Im ſchriftdeutſchen Sinn wird kuppeln nicht gebraucht. Kupper msc., Hünerart ohne Schwanz; Umgegend von Fritzlar. Daſſelbe, was an der Fulda und Werra Kullmutz, Kullarsch iſt (ſ. Kulle). Küres msc., 1) als Bezeichnung eines Kleidungsſtückes nur noch im Schmalkaldiſchen gebräuchlich, wo es Weſte, Kamiſol bedeutet; urſprünglich das lederne Wams, welches bis in das 17. Jarhundert, hin und wieder weit länger, getragen wurde, und auch als Kriegsgewand diente (von coratium, und dieß von corium, wenn nicht wegen des ſehr alten deutſchen Wortes chursina, Kürſe, eine urſprüngliche Verwandtſchaft anzunehmen iſt). Vgl. Schmeller 2, 326. 332. 2) metonymiſch im ſüdlichen Fuldaiſchen und im Schwarzenfelſiſchen: dicker Bauch. Kuschemucke fem., meiſt pluraliſch gebraucht: Kuschemucken, betrügliches Spiel, auch betrügliches Verfaren, Ränke, Intriguen überhaupt. Sehr allgemein üblich. Kutz msc., Menge, Haufen, zumal willkürlich zuſammengetragener und unordentlich durcheinander liegender Dinge. Beſonders bedeutet es in Niederheſſen das zu einem Knauel zuſammengewickelte Haupthaar der Weiber. Komt zwar überall vor, iſt indes in der Werragegend am üblichſten, der ältern Sprache fremd. Kützel (meiſt Kitzel geſprochen) msc., Deminutiv von Kutz: 1) ein Häufchen zuſammengewirrter Haare oder Faden; 2) in Gegenden, wo die Frauens⸗ leute die Laſten (Zuber, Körbe u. dgl.) auf dem Kopfe tragen (Oberheſſen, zum Theil auch in der Grafſchaft Ziegenhain), bezeichnet dieſes Wort auch den ge⸗ polſterten, mit Tuch überzogenen und mit farbigen Roſetten und Läppchen oft äußerſt bunt verzierten Ring, welcher auf den Kopf gelegt wird und die Laſten 234 Kutzelig — Gelaich. empfängt. (Im eigentlichen Oberheſſen trägt das weibliche Geſchlecht die Laſten nur auf dem Kopfe; Koezen und Reffe ſind in Oberheſſen völlig unbekannte Geräte). Daher das Kinderrätſel: „Es liegt aufm Dach wie'n Kitzel, wenns runter fällt hats vier Stitzel“ (die Katze). Die Form dieſes Kützels hat auch die Flachskaute, nur daß bei dieſer die Enden in eine Spitze (Griff) zuſammen⸗ gedrehet ſtnd, weswegen es erlaubt ſcheint, die Kaute Flachs als die nieder⸗ deutſche, freilich femininiſche, Form des Kutz zu betrachten. Anderwärts in Deutſchland heißt das, was hier Kützel heißt: Kranz, Ridel, Bauſt u. dgl. Vgl. Schmidt weſterw. Id. S. 95. 7.0 M. 27s 4. 4 5 Kutzelig, verworren, vom Haar, vom Zwirnsfaden und dergleichen. verkutzeln, Zwirnsfaden u. dgl. unentwirrbar verwirren; das Wort verwirren iſt, wenigſtens in dieſer Beziehung, völlig unüblich. Kutzelkopf m., ein Kopf mit ungekämmten Haaren, was in Süd⸗ deutſchland Strobelkopf (heſſiſch Struwwelkopf) iſt; metonymiſch ein eigenſinniger Menſch, Starrkopf. Bruchſtück aus einem in Oberheſſen und in der Grafſchaft Ziegenhain ſehr üblichen Volksliede: „Hätt ich das erſt gewuſt, daß du mich kränken ſollt, hätt ich dich Kutzelkopf laßen gehn“. Kützchen neutr., die Geſtalt eines zuſammengekauerten Menſchen: „er ſaß da auf einem Kützchen“; auch mit dem Zuſatz: „wie ein Häufchen Unglück“. Kützchen machen, Kützchen sitzen, niederkauern, ſich zuſammenkauern. „Setz dich Kützchen in die Ecke“; am Ende des Ringeltanzes pflegen die kleinen Mädchen Kützchen zu machen. Niederheſſen. Vgl. das oberheſſiſche kauchen. 7 L. laddern, die Zeit unnütz hinbringen, vertändeln. Ladderhans, ein träger Menſch, Müßiggänger. Beide Wörter ſind nur in der Diemelgegend gebräuchlich. Vgl. lotter. Lade fem., die Kleiderkiſte der Landbewohner in Altheſſen (im Fuldaiſchen Sidel w. ſ.). In Niederheſſen unterſcheidet ſich die Lade von dem Kaſten da⸗ durch, daß letzterer größer, meiſt auch ſchwerer gearbeitet (mit Eiſenbeſchlägen verſehen u. ſ. w.) iſt; umgekehrt verhält es ſich an der Schwalm: hier iſt die Lade der größere Behälter, und es wird mit Lade das bezeichnet, was in Nieder⸗ heſſen in Lade und Kaſten unterſchieden wird; Kaſten iſt an der Sehwalm das was man gemeinhochdeutſch durch Kiſte bezeichnet. Uebrigens ſind ſowol in dem eigentlichen Niederheſſen die Laden als an der Schwalm die Kleiderladen meiſt bunt bemalt oder ſonſt verziert. Farslre, †ri1 Todtenlade, die gewöhnliche Benennung des Sarges, welches Wort dem Volke unbekannt, jedenfalls nicht geläufig iſt und von ihm nie, als nur im Ver⸗ kehr mit den Gebildeten, gebraucht wird. 4/ſ. 7. 1.Alunl. 4. Gelaich, Gelaech neutr., Laich, namentlich Froſch⸗ und Krötenlaich; das collective Neutrum iſt weit üblicher als das ſingulariſche Maseulinum. „Er were kranck geweſen, bis er ein jahr hernach ein graw gelb ding bald einer hand groß von ſich gegeben, Er gebe es aber dem ſchuld, daß er auß einem brunnen in ſeinem hoff, darin der gattung thier, getruncken, vnd etwa das geläch mitt in bekommen“, Marburger Hexenproceſſacten von 1638. Läke — Landfolge. 235 Lake fem., Salzwaßer. Nur im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen üblich, anderwärts im Lande völlig unbekannt. Gelacke, niederdeutſche, Geloch, hochdeutſche Form, neutr., Zeche, ungefähr daſſelbe, was jetzt durch „Pikenik“ bezeichnet zu werden pflegt. „Wan sie ire gloge unde orten belzalen sulden“ W. Gerſtenberger bei Schmincke Mon. hass. 2, 493. Die „Reformation“ ꝛc. L. Philipps v. 1527 ſchreibt vor (Bl. Diija, LO. 1, 52), es ſolle niemand in ſeinem Hauſe „kein gelacke von gebrantem Weyn halten“. „Es were vmb ein zech oder geloch zu thun geweſen“ Treisbacher Verhörprotokoll von 1609, und ſo öfter in oberheſſiſchen und nieder⸗ heſſiſchen Schriften durch das ganze 17. Jarhundert. Aus dieſem Worte, welches vermutlich von dem Worte läch, Zeichen, herkommt, auf keinen Fall aber mit dem Worte liegen auch nur im Entfernteſten etwas zu thun hat, iſt durch Mis⸗ verſtändnis in der Mitte des vorigen Jarhunderts das Wort Gelage entſtanden. Strodtmann S. 69 (er ſchreibt Gelach); Adelung 2, 320. Schmeller 2, 427. Laken msc., größeres Tuch, Bettuch u. dgl. Nur an der Diemel üblich, im übrigen Heſſen ungebräuchlich; vgl. jedoch Leilaken. Lachs masc., fauler Menſch. „Der Lacks drückt ihn“, er iſt faul, arbeitsunluſtig; auch wol = müde. Lammel fem., in Oberheſſen das, was in Niederheſſen Klunder iſt: der beſchmutzte untere Rand des Weiberrockes. Eſtor S. 1413. belammeln, den Rock am untern Rande beſchmutzen, auch reflexiv: sich belammeln (auch behammeln). lampen, nachlaßen, nachläßig ſein. Landgraf Ludwig IV. ſchreibt 1575 an ſeinen Bruder Landgraf Wilhelm IV., ihn an die gemeinſchaftliche Abtragung einer Ehrenſchuld mahnend: „Wir bitten Ew. L. freundlich, dieſelbe wollen hierin nit lampen“. Jetzt iſt das Wort nur noch wenig üblich. Vgl. Schmeller 2, 467. Land im Gegenſatz von Stadt war dem Volke bis in die neueſte Zeit eine völlig fremde, und iſt ihm gröſtenteils noch jetzt eine ungeläufige Bezeichnung; man kannte nur den Gegenſatz zwiſchen Stadt und Dorf, und wenn man auch Stadtleute ſagte, ſo ſagte man doch niemals Landleute, ſtets Dorfleute. S. Landmann. In älterer und älteſter Zeit wurde Land auch faſt gar nicht gebraucht, um die Beſchaffenheit des Bodens, namentlich die Farbe deſſelben zu bezeichnen; man gebrauchte dafür lieber Erde (ſ. d.). Dagegen wurde und wird Land in den meiſten Fällen verwendet, wo die Schriftſprache ſich des Wortes Acker be⸗ dient; „dieſer Acker iſt beßer als der andere“ iſt noch jetzt eine dem Sinne des Volkes durchaus widerſtrebende Formel. Einige der ältern und in der einen oder andern Hinſicht bemerkenswerteren Zuſammenſetzungen mit Land mögen hier folgen. Landfeste fem., Landesverteidigung = Landwehr. „Und ab sich gemeyne herfurte, lantfeste vnd lantfulgunge geburten, so sulte der lantsidel der alsdan vf dem hobe sesze, von dem selben Hobe zu solicher Herfurte, lantweren vnd folgunge thun als eyn ander, ane geuerde“. Crumbacher Leihebrief von 1415 bei Lennep Leihe zu LSR. c. pr. S. 613.“ Landfolge. Die Landfolge bezw. deren Dauer wird in Heſſiſchen Weistämern ſo beſtimmt, daß einer der Herten folgen ſoll, ſo lange ein Laib 236 Landknecht — Landsidel. Brod und ein Käſe für einen Männ ausreicht. Oberaulaer Weistum v. J. 1419. Grimm Weist. 3, 332. Rorbacher Weistum von 1481, ebdſ. S. 330 (fehlt ganz in dem ältern Rorbacher Weistum des 14. Ih. ebdſ.). Neukircher Weist. 1480, ebdſ. S. 380. Landknecht, in älterer Zeit die Benennung desjenigen Dieners, welcher die Geſchäfte des jetzigen Gerichtsdieners, Rentereidieners, Kreißbereiters, Landbereiters, und Gensdarmen verſah. Seine Obliegenheiten beſtanden darin, daß er die Hand⸗ und Spanndienſte des Amtes anzuheißen, zu beaufſichtigen und zu verzeichnen, Pfändungen vorzunehmen, Verhaftungen zu vollziehen und der⸗ gleichen ſonſtige Verrichtungen auszuführen hatte. Der Name und im Ganzen auch der Geſchäftskreiß der Landknechte dauerte in Heſſen bis in die Mitte des 18. Jarhunderts; in dem auf thüringiſchem Boden gelegenen Theil von Klein⸗ ſchmalkalden (dem gothaiſchen Theil des Fleckens) hieß jedoch der Gerichtsdiener lagen in den Städten gleiche Verpflichtungen, wie den Landknechien auf den ſpät konnte durch wiederholte Verordnungen der Geltendmachung dieſer Anſchauung ein leidlich haltbares Hindernis in den Weg geworfen werden, vgl. 2O. 5, 75. 7, 515. Kopp Handb. 6, 176. Alles Ernſtes betrachtete das Volk die weſt⸗ Strickreiter genannt wurden, als anrüchig und unehrlich. Ueberhaupt galt bis in die neueſte Zeit im Volke und in den dem Volke zunächſt ſtehenden Ständen jede Berührung mit der Polizei, und in noch höherem Grade mit der Straf⸗ juſtiz als anſtößig und als anrüchig machend; mit den Criminalbeamten hatte niemand gerne Umgang. Landmann, eine bis in die neuere Zeit dem Volke gänzlich fremde Bezeichnung für Bauer, Dorfmann. Erſt als um das Jahr 1830 die Bauern ſich in eben ſo thörichter Weiſe des Namens Bauer zu ſchämen begannen, wie ihre Schulmeiſter ſich des Namens Schulmeiſter zu ſchämen anfiengen, gebrauchten ſie (doch nicht überall!) von ſich die vermeintlich mehr ehrende Bezeichnung Landmann, verlangten auch ſo bezeichnet zu werden, und fanden die Titel ihrer Dorfvorſteher, Grebe und Schultheiß, erniedrigend, wie ſie denn auch für die⸗ ſelben die Erlangung des Titels Bürgermeiſter im Jahr 1834 durchſetzten. Landsal neutr. oder Pfingſtlandding, ein Gericht zu Hofbieber, ungeboten jährlich am Dienſtag nach Trinitatis gehalten. Grimm Weisthümer 3, 390. Landsetzer, ein zur niedern Adminiſtration gehöriges, ehedem in Heſſen und Fulda vorhandenes Amt; etwa den Taxator und den Steuercom⸗ miſſar u. dgl. der modernen Adminiſtration vertretend. Schmeller 3, 296. Im Amt Wetter waren „vier verordnete Landſetzer“, welche unter dem 26. October 1583 ſupplicierten, der Landgraf möge die Strafe, welche derſelbe für das Durch⸗ reißenlaßen der Sau im Treiben beſtimmt hatte, den armen Leuten zu Wetter und im Amt daſelbſt mildern, auch die Art der Verteilung derſelben beſtimmen, ob der Reiche eben ſo viel wie der Arme oder mehr zahlen ſolle. Landsidel, bekannte und in Heſſen ſehr verbreitet geweſene Bezeich⸗ nung eines Landbebauers, welchem von dem Eigentümer des Landes ein größeres oder kleineres (in Heſſen meiſt nur ein kleines) Gut zum Bewohnen und Be⸗ bauen unter Bedingungen überlaßen wurde, die an ſich nichts anderes darſtellten, als ein Pachtverhältnts. Man ſehe das in dieſem Idiotikon ſo oft angezogene Lange — läten. 237 Werk von Lennep Von der Leihe zu Landſiedelrecht. Caſſel 1766. 1768. 4. Zwei Bände. Lange fem., kommt nur in der hier und da üblichen Redensart vor: „auf der Lange herumgehn“, ſich unbeſchäftigt umhertreiben, flanieren. langen, holen, reichen, darreichen. Die eben verzeichneten gemeinhoch⸗ deutſchen Ausdrücke waren bis um das Jahr 1820 im öſtlichen und innern Heſſen ſo gut wie gar nicht bekannt, und dem Volke meiſt ſchlechthin unverſtändlich. In der alten Sprache kommt langen in der angegebenen heſſiſchen Bedeutung zwar auch vor, doch nur ſelten: Herbort 7405; Athis B 23. Dietrichs drachen- kümpfe Cod. pal. Bl. 160a. Wgl. Schmeller 2, 482. Frommann Mundarten 6, 351 (aus Lippe). Langweil, Langwel, Languell, Name des Nachbiers, welcher ehedem wenigſtens eine Zeitlang ſehr üblich geweſen ſein muß, heut zu Tage völlig unbekannt geworden iſt. LO. 1, 673. 3, 6 (v. J. 1671; hier wird angegeben, daß das Maß Bier 6 — 8 Heller, Langwell aber 3 Heller koſten ſolle; auch ver⸗ boten, am Sonntag Bier oder Langwell zu faßen). Lennep Leihe zu dSR. S. 603. Anm. 13. Kopp Handbuch 6, 72. 246. Langwid fem., Lancwid, auch Langued geſprochen, die Hinterdeichſel. In ganz Heſſen iſt dieſes aus lang und witu (Holz) zuſammengeſetzte Wort im Gebrauche, hin und wieder in entſtellter Form, z. B. hört man im weſtfäliſchen Heſſen wol auch Langwagen, wie auch ſonſt in Weſtfalen. Strodtmann Id. Osnabr. S. 121, im Amt Schönſtein Lämber — falls nicht dieſes Wort aus lanctriu, nicht aus lancwid entſtellt iſt. Eſtor S. 144: „Langwied, am wagen“. „Hans Combachers knecht hat einen buchen reidell gehauwen zu einer Langk wiedt' Wetterer Forſtregiſter von 1602. Lappen msc., 1) wie gemeinhochdeutſch; 2) das Halstuch oder Kopftuch der Weiber; in dieſem Sinne zwar ziemlich allgemein, vorzugsweiſe jedoch im öſtlichen Heſſen und im Schmalkaldiſchen gebräuchlich. An-ſpmn⸗⸗ lappen, flicken, ausbeßern. Jetzt faſt nur noch von Kleidungsſtücken gebraucht, ehedem aber von der Ausbeßerung jedes Gerätes und ſogar der Bau⸗ werke. „4 alb. von den Brücken zu lappen“; „Engelhart Brückmann zwei tage gelappet an der Hopfenbudden“ Wolfhagener Stadtrechnung von 1563. W. Gerſtenberger bei Schminke Monim. hass. 2, 362 und ſonſt oft. laschen, durchprügeln. Im Schmalkaldiſchen, auch ſonſt nicht unbekannt. Laszhof, wie es ſcheint, identiſch mit Leibhof (w. ſ.), eine ehedem im Stift Hersfeld vorkommende Bezeichnung derjenigen Bauerngüter, welche auf die Lebenszeit gewiſſer benannter Beſtänder ausgethan wurden. Solche Güter, welche eine weſentlich modificierte Landſiedelleihe des Solmſiſchen Landrechts repraſentieren, gab es in Gersdorf, Hattenbach, Mengshauſen. Lennep Leihe zu Landſiedelrecht Cod. prob. S. 363. 368 (von 1694). Last fem. Unter Laſt ſchlechthin verſteht man auf dem Lande in Nieder⸗./ heſſen, namentlich in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Landestheilen eine Tracht⸗V. Futter für das Rindvieh (Gras, Klee, Kohlblätter). Vgl. Bürde. läte, ſpät: dieß durch ganz Niederdeutſchland verbreitete Wort bedeutet im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen (wo es in Heſſen allein vorkommt) vor⸗ zugsweiſe: ſpät am Tage, zur Abendzeit. läten, laßen, wird im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, wie auch in neuerer Zeit in der Schriftſprache, für: ſich geziemen, ſcheinen, das Anſehen 238 Lätsch — Börläube. haben, gebraucht; dat lät (laet, län) nig, das ſteht nicht wohl an. Redensart: we ni eit, de ni lätt, d. h. wer nicht ißt, ſieht nicht wol aus. 7 A4, 35 lätsch, geſprochen loitsch, link. Die im Fuldaiſchen, zumal in Hünfeld, übliche Form von letz (Schmeller 2, 530): „die loitſch Seit“, die linke Seite. „Der iſt loitſch“, er arbeitet alles mit der linken Hand, iſt links. Sonſt nirgends in Heſſen üblich. Latsche fem. und LAtschen mascul. aus Lappen zuſammen⸗ genäheten oder aus zerſchnittenen Salbenden geflochtener Schuh. Sehr üblich durch ganz Heſſen. lätschen wie anderwärts, wackelnd und ſchleppend gehen. Schmeller 2, 426. Schottel Haubtſpr. 1353. Schuhe verlatſchen, Schuhe durch nachläßiges Gehen breit treten und dadurch unbrauchbar machen. Latz msc. ſoll wol als einfaches Wort in der ältern Bedeutung Bruſt⸗ bekleidung in Heſſen nicht mehr vorkommen; an der Schwalm heißt jedoch das bei der weiblichen Kleidung noch jetzt übliche Bruſtſtück: Bruſtlatz. Läube (geſprochen: Leibe, Lei, Le) kem., der obere Theil des Hauſes, oberes Stock und Bodenraum. So durch ganz Heſſen, nicht einmal mit unbe⸗ dingter Ausnahme der weſtfäliſchen Bezirke, wo jedoch Bünne für Läube einzu⸗ treten pflegt, wie in Baiern (Schmeller 2, 416) und im gröſten Theil der übrigen deutſchen Lande. In der ältern Zeit ſcheint das Wort wo nicht aus⸗ ſchließlich doch vorzugsweiſe von den zur Aufbewahrung des Getreides beſtimten oberen Räumen der Gebäude gebraucht worden zu ſein; was nicht in den Korn⸗ kaſten, Kornrümpfen, Schüttrümpfen aufbewahrt werden konnte, wurde auf die Leube geſchüttet, und die Kornkaſten ſelbſt ſcheinen oft auf der Leube geſtanden zu haben. „So ſollen die genante Landſideln — — ihnen dieſelben Früchte alßbald gein Marpurg füren vnd an allen ihren ſchaden vnd ſzuthun vf ihre Loiben vnd Kaſten bringen“. Schiedſpruch von 1464 bei Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 241. „ij virtel korn Herman vormittag (zu Fritzlar, scil. gegeben) von der leüben die frücht zu beherbergen“. Univerſitäts⸗Vogteirechnung v. Singlis und Fritzlar v. 1554; — und ſo in den älteren Rechnungen und Rentereiurkunden ſehr oft. In dieſem Sinne hat Alberus (Dict. Bl. 554b) das Wort: horreum, granarium, kornbön, ſpeycher, leyben, ſchewer, ſcheun, und ſogar noch Eſtor S. 1413: „Läbe, laibe, der boden, zu aufbewahrung des getraides“. — Nicht ſelten meint man jetzt mit Leube (z. B. in Hersfeld, Gudensberg u. ſ. w.), ähnlich wie mit Bunne im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, nur einen einzelnen beſtimmten Raum im obern Theil des Hauſes. Bôrläube f., Emporkirche (von ahd. pora, super), wie man die in den meiſten proteſtantiſchen Kirchen angebrachten Gallerien ſchriftdeutſch, aber gewis nicht gut deutſch, zu nennen pflegt. Das Wort iſt, wie im ganzen ſüd⸗ lichen Deutſchland, ſo auch in Heſſen durchweg voltsüblich und ſprachrichtig, ſo daß das fehlerhafte „Emporkirche“ durch Borleube erſetzt werden ſollte. Im gemeinhochdeutſchen Sinn iſt Laube durchaus nicht volksüblich, auch waren bisher Lauben in den Gärten der Bauern nirgends anzutreffen; — die Bezeichnung war Gartenhütte oder Sommerhütte. Da louba in Gloſſen des 8—10. Jarhunderts durch umbraculum, scens, orchestra erklärt wird, ſo ſcheint es nicht zuläßig, an dem Urſprung unſeres Wortes aus Laub, folium, zu zweifeln. Es bleibt aber immer noch die Frage zu beantworten übrig, wie es gekommen ſei, daß dieſes Wort als eigenſte Be⸗ zeichnung eines Gebäudetheils habe verwendet werden können. Die in der Schweiz, in Tyrol und im baieriſchen Oberlande üblichen Galleriebauten, welche Läufel — Laus. 239 den Namen Laube und zwar ſo führen, daß die Angemeßenheit deſſelben ſofort einleuchtet, könnten zwar zur Bezeichnung des ganzen obern Stockes als „Laube“ allenfalls Veranlaßung gegeben haben, vgl. Richey S. 155, ſind jedoch zuver⸗ läßig in unſern Gegenden niemals üblich geweſen; die Bezeichnung aber davon ableiten zu wollen, daß in der älteſten Bauzeit die Zöpfe der zum Bau ver⸗ wendeten Bäume das Dach und folglich unter dem Dach eine Laube gebildet hätten, iſt nicht mehr als unſichere Hypotheſe. Läufel fem., Rinne. Im Haungrund; anderwärts habe ich es nicht vernommen. Länfer msc., ein Schwein von einem Jahr.“ Bei Eſtor d. Rechts⸗ gelahrtheit 1, S. 509 (§. 1221) Läufling. Ganz allgemein üblich. läuferisch (geſprochen lffersch), was gut, ſchnell von Statten geht; lilfersehe arbet. In Niederheſſen äußerſt üblich. Laupe fem. In Kaſſeler Rechnungen von 1451kommt vor: vij loupen saltes; 1 loupe salcz. Es iſt dieß, wie der Augenſchein lehrt, ein gewiſſes Maß, vielleicht eigens für das Salz beſtimt, aber dem Wortlaute nach nichts anderes, als das niederdeutſche Löpen Leupen, welches bei Strodtmann Idiot. Osnabr. S. 127 vorkommt und dort den „hölzernen Brodkorb der Bauern, oder vielmehr die hölzerne Schüßel zum Brod“ bedeutet. S. Löpp. laupern, lauern; ein tief niederländiſches Wort, welches ehedem in Frankenberg üblich geweſen ſein muß. „der ander im fenſter Laupert auff gelegenheit, auch ſeine Suppen zu verdienen“. Gefängnuß M. Johannis Hesselbeinii Francobergensis u. ſ. w. 1607. 4. S. 8. (S. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landes⸗ kunde 3, 210— 211). Lauperer msc., Aufllaurer, Aufpaſſer. „oder nach außſage der falſchen Laupperer“ Gefängnuß ꝛc. S. 7 u. a. St. — Die Wörter kommen im Teutoniſta vor (Richey hamb. Id. S. 446): lupen, lauren; Luyper, ein Laurer. Laus k wie gemeinhochdeutſch. „es iſt, um lange Läuſe zu kriegen“, üblicher Ausdruck der berechtigten Ungeduld bei langem Warten. Kaſſel und Umgegend, auch anderwärts nicht ungebräuchlich. Läuse, auch Zitterläuse, übliche Benennung der Grasart Briza (media, tremula). Betielläuse, im Schmalkaldiſchen die Bezeichnung der Pflanze eaucalis latifolia und grandiflora. Filaläuse, im Fuldaiſchen die treffende Bezeichnung eben derſelben ſo eben genannten Pflanze. Filslaus iſt auch der noch jetzt übliche Name einer Straße in Kaſſel, welcher durch den Namen „Hohenthorſtraße“ ſeit 90 Jahren nicht hat verdrängt werden können, und bei deſſen Verwendung man ſich des eigentlichen Sinnes dieſer Bezeichnung gar nicht mehr erinnert. Knacklause, in Hberheſſen die Benennung der wildwachſenden Stachel⸗ beere (Ribes grossularia). S. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 77. Wandlaus, Wanze; ſehr übliche Bezeichnung, aus welcher das Wort Wanze ſich erſt gebildct hat. Wanze iſt wenig, Wendel gar nicht im Gebrauche. Lausehollich, ſ. Hottich. /. 13 Lausjunge (Lüsejunge), übliches Scheltwort für einen unnützen Buben. Der verſtorbene Generallieutenant B. rief mit dieſem überlaut geſchrieenen Worte ſeinen Sohn, den damaligen Premierlieutenant Karl B., ſeinen Adjutanten ber 210 Lausen — Lehn. einem von ihm commandierten Manöver, an, als dieſer weder auf das „Prewier⸗ lieutenant B.“ noch auf das „Karle! Karle!“ hören wollte — zum Entſetzen der aus Stabsofficieren und Damen beſtehenden Umgebung. Auch zu Benennungen von Feldplätzen hat die Laus reichlich beigeſteuert; wir finden bei uns z. B. ein Lausahl (Hundshauſen, ſ. Ahl), einen Läuſe⸗ biegel (d. i. — bühl), einen Lauſeberg, Läushüppel, Lausküppel, eine Läuſekammer u. dgl. m. Meiſtens ſind es Flurtheile geringſten Ertrags, welche dieſen Namen führen. lausen, meiſt läsen und lussen (Schmalk.) geſprochen, lauſchen, horchen. Obergrafſchaft Hanau und Schmalkalden, ſonſt unbekannt; ein Beiſpiel für die reinlichere Conſonantierung der Dialecte, welche hier den groben Ziſchlaut vermieden haben, und bei dem einfachen ſibilierenden Spiranten geblieben ſind. Am längſten hat ſich der richtige Conſonant außer dem Dialect in der Jäger⸗ ſprache erhalten, in welcher das Haſenlauſen noch im vorigen Jahrhundert gäng und gäbe war. Der Pfarrer zu Geismar bei Fritzlar, der zu Vinsfört u. A. hatten in der Gemarkung des Pfarrortes das Haſenlauſen als ein Pfarr⸗Recht hergebracht. Unter der Regierung des Landgrafen Karl wurde dieſes Recht theils abgelöſt (wie in Binsfört), theils (wie in Geismar) willkürlich und ohne Entgelt entzogen (1698). In der heſſiſchen Geſchichte ſind die Franken⸗ berger Hasenlusser berühmt, welche durch ihr Geſchäft veranlaßt die Stadt Frankenberg im Jahr 1380 vor einem Ueberfall des Falknerbundes und der von Padberg warnten; W. Gerſtenberger bei Schminke Monim. hass. 2, 499. wegelussen, wegelagern; ein Mord mit wergelussen (Wegelagerung) ſollte mit dem Rade beſtraft werden. Schminke Mouim. hass. 2, 755./ L. P.L. L:. lechen, gewöhnlich auslechen, auch verlechen, der Zuſtand hölzerner Gefäße von Böttnerarbeit, deren Dauben eingetrocknet ſind und welche deshalb die Flüßigkeit durchtröpfeln oder durchlaufen laßen. Dieſes durchtröpfeln iſt die eigentliche Bedeutung des Wortes lechen. Schmeller 2, 422. lech, ausgetrocknet im obigen Sinn; nicht leck, was übrigens an ſich denſelben Sinn hat. Led neutr., die heſſiſche Ausſprache von hüid, opereulum: Augenled, Bodenled (letzteres der in Angeln gehende hölzerne Fenſterladen vor den Boden⸗ löchern (Luken, Gaublöchern). Legel neutr. kommt zwar in älterer Zeit in der Bedeutung Fäßchen auch in Heſſen, wie ſonſt in Oberdeutſchland, indes nur ſelten, vor.“ Dagegen findet ſich in Homberger Rechnungen von 1415 und 1450: esels legeln (Dativ). Es könnte dieß zwar auch die von Eſeln getragenen Fäßchen bedeuten; da dieſe legel aber unter andern Stall⸗Utenſilien aufgeführt werden, ſo ſcheint es, daß legel hier die ſattelartige Vorrichtung bedeute, welche auf dem Rücken des Eſels angebracht wird, um die Laſten auf demſelben feſt zu legen, etwa dem Lombaster, Bomsen (ſ. d.) ähnlich. Lelin neutr., Lehnausrufen. Das Lehnausrufen war eine Sitte in den heſſiſchen, zumal oberheſſiſchen Dörfern, in gleicher Weiſe wie in der Wetterau und weiter, welche folgende Geſtalt hatte. Zu Walburgen Tag, 1. Mai, zogen ſämtliche Knechte (ſeit der 2. Hälfte des 18. Jarhunderts: Burſche) des Dorfes gegen Abend mit lautem Jauchzen und Peitſchenknallen, auch wol mit Geſang, mitunter ſogar mit Muſik, im Dorfe umher, hielten vor jedem Hauſe, in welchem ſich ein Mädchen befand, an, und theilten daſſelbe, mithin ſucceſſiv alle Mädchen des Dorfes, je einem Knechte als Lehen zu. Dieß Lehn. 241 wollte zunächſt nichts weiter beſagen, als daß das Mädchen dem betreffenden Knecht für das Jahr als ausſchließliche oder doch zunächſt berechtigte Tänzerin zugewieſen ſein ſollte, indes verſtand ſich damit, wie auch der bei dem Lehnaus⸗ rufen gebräuchliche Spruch beſagte, die Ausſicht auf eine künftige Heirat und jedenfalls auf ein während des Jahres dauerndes vertraulicheres Verhältnis zwiſchen dem zu Lehn ausgerufenen Mädchen und dem Lehner (Lehnknecht), leicht von ſelbſt. Ueber dieſes Lehnausrufen vgl. Lersner Frankfurter Chronik I, 7 §. 56. Eſtor Deutſche Rechtsgelahrtheit 1, §. 809. Ledderhoſe kleine Schriften 5, 252. Der bei dem Lehnausrufen gebräuchliche Spruch lautete nach Lersner a. a. O. (und daraus Ledderhoſe a. a. O.) folgendermaßen: Hört zu ihr Herren überall, Was gebeut der Kaiſer und der Marſchall; Was er gebeut, und das muß ſein: Hier ruf ich aus N. N. mit R. N. Heut zum Lehen, Morgen zur Ehen, Ueber ein Jahr Zu einem Paar. Dieſer bis zum Ausſterben der Sitte des Lehnausrufens beibehaltene, wenn auch zuletzt nur in ziemlich ſtarker Verſtümmelung ausgeſprochene Lehnausruf bezieht ſich eigentlich auf das alte Recht, welches die Kaiſer und ſelbſt die gerin⸗ geren Landherren in Deutſchland oft ausübten, die reichen Töchter ihrer Unter⸗ thanen nach ihrem Gutdünken zu verheiraten; durch einen den obigen Lehnausruf⸗, ähnlichen Ausruf ließen ſie vor dem Hauſe des Mädchens deſſen Verlobung ver⸗ kündigen. Gegen dieſen Zwang ertheilte Heinrich, Friedrichs II. Sohn, während er ſich das deutſche Königtum anmaßte (als Heinrich VII.) im Jahr 1232 den Städten Frankfurt, Wetzlar, Friedberg und Gelnhauſen ein Privilegium; eben ſo Graf Johann von Ziegenhain der Stadt Nidda 1435, beſtätigt von Landgraf Ludwig 1450; desgleichen Landgraf Wilhelm I. der Stadt Immenhauſen 1489, den Städten Wolfhagen und Zierenberg 1490 (letztere drei Urkunden ſind bei Ledderhoſe a. a. O. S. 246 —252 abgedruckt). Wie ernſthaft das Lehnausrufen genommen worden und welche Folgen es mitunter gehabt, möge folgender Vorfall beweiſen, welcher in den Jahren 1672 — 1673 in Betziesdorf ſich zugetragen hat, und den wir zum Theil mit den Worten einer am 7. Juni 1673 gemachten gerichtlichen Ausſage wieder geben: „Ferner deponirt Anna Catharina Winten: Vorm jahr vff Walpurgis „ſey von den andern Knechten des Schnabels Tochter ihrem Bruder (Joh. Jac. „Ries) zum Lehn gegeben, woruff ihr Bruder auch Affection zu ihr getragen, „ſich auch vernehmen laſſen, wann die Catharina, Dietrich Lipſens Frau jüſti⸗ „fieirt würde und auf ihre Enkelin nicht bekennete“ (die Kath. Lips, Großmutter der hier in Rede ſtehenden Anna Schnabel, war der Hexerei angeklagt und ſaß damals ſchon in Marburg im Gefängnis, wurde auch bald darauf verbrannt), „wolte er ſie heiraten. Hiernach und als er etwa den halben Sommer wegen „des Geſchreies der Lipſin ſich ihrer geäußert, habe ihr Bruder vernommen, daß „ſie, des Seiberts Tochter, ihn geſcholten; darnach habe Seibert Schnabels „Tochter ſich wieder eingeſchmiert, ſei in die Spinnſtuben zu ihm kommen, habe „ihm Aepfel mitgebracht und ſich' entſchuldigt, daß ſie ihn ausgeſcholten“. Dieſes „Wieder⸗Einſchmieren“ hatte die Folge, daß Ries ſich dazu verſtand, mit der Anna Schnabel auf einen Weinkauftanz zu gehen, bei welcher Gelegenheit ihm Bilmar, Jdiotikon. 16 242 die Anna ein Philtrum beibrachte; an den Folgen deſſelben ſtarb er kurz nachher, und die Anna Schnabel wurde als Zauberin und Vergifterin enthauptet. Das Lehnausrufen wird in der Kirchenordnung vom 12. Juli 1657 Cap. 19 neben den Pfingſt⸗, Johannis⸗ und andern Feſtfeuern, den unzüchtigen Tänzen u. ſ. w. genannt und als Verbotenes behandelt. Es beſtand indes dieſe Sitte fort, und zwar ziemlich allgemein bis in die Mitte des vorigen Jarhunderts, wiewol die Pfarrer, in Oberheſſen zumal, wo dieſe Sitte am feſteſten haftete, ſich oft und nachdrücklich über dieſelbe wegen des mit derſelben verbundenen Unfugs beſchwerten. In den mainziſchen Ortſchaften des Amts Amöneburg beſtand kein derartiges Verbot, und hier herſchte das Lehnausrufen in volleſter Ausdehnung noch im Anfange dieſes Jarhunderts, war jedoch wegen des dabei vorkommenden Unfugs unter den Bauern ſelbſt bereits ſehr verrufen. Einzelne Fälle des Lehnausrufens ſind übrigens in oberheſſiſchen Dörfern, evangeliſchen wie katholiſchen, noch bis in die zwanziger Jahre dieſes Jarhunderts vorgekommen; ſeit 1830 aber iſt es gänzlich ausgeſtorben. Gewöhnlich wurde von dem zu Lehen ausgerufenen Mädchen ſeinem Lehn (Lehner, Lehnknecht) ein Strauß (aus künſtlichen Blumen verfertigt) gegeben. Dieſe Sitte herſcht noch auf den Kirmeſſen, wo die jungen Burſche ſich eine Tanzmagd wählen, dieſe an den Kirmestagen abholen, mit ihr vorzüglich, jeden⸗ falls aber an jedem Kirmestag den erſten Tanz tanzen, und dafür von der Tänzerin mit einem Strauß (Zwick, Strauch, Luſtſtrauch, Vorreigen) begabt werden. Leline fem., die weibliche wilde Sau, Bache; jetzt nicht mehr üblich. „eine große Lene“ 1475 Landau Geſch. der Jagd S. 229. 1562 quittiert Johang Haſenohr zu Wetter über 1 fl. 20 alb. 2 hlr. für einen Karren mit zwei Pferden, welcher „eine lehne vnd zwene friſchlinge frauw Margarethen gen ſpangenberg zubracht“. In Würtemberg Liene Grimm Weistümer 1, 386—388. Vgl. Friſch 1, 599 b. Lehne fem., der Abhang, Berglehne, Bergabhang. lehne adv., mäßig abhängig, gelinde abſchüßig: „es geht lehne hinauf“, mit nur mäßiger Steigung. Beide Wörter, beſonders das Adverbium, ſind im allgemeinſten Gebrauche. Mit der baieriſchen Län (Lauine) Schmeller 2, 406 haben unſere Wörter, trotz mancher Aehnlichkeiten im Gebrauch, keinen Zu⸗ ſammenhang. Iehnen, nicht nur für mutuum accipere, ſondern auch für mutuum dare allgemein üblich; leihen iſt gänzlich unbekannt. In Marburg, Hanau u. ſ. w. wird lehnen auch für mieten, pachten (Haus, Garten) gebraucht. Leibchen neutr., Bekleidung des Oberkörpers bei dem weiblichen Geſchlecht, der Weſte der männlichen Bekleidung ähnlich, ohne Ermel und vorn zugeſteckt oder zugehakt, auch zugeſchnürt. Vgl. Leibstück. Der Name dieſes Kleidungsſtückes findet ſich faſt nur in Niederheſſen; in Oberheſſen heißt daſſelbe, wo es vorkommt, Mut⸗, w. ſ. 7 1z.11. leiben (geſpr. laeben, leben), iſt in Oberheſſen und Fulda ſo wie in der Obergrafſchaft Hanau noch in ſeiner alten Bedeutung: übrig laßen ge⸗ bräuchlich, während die Schriftſprache längſt nur noch das Compoſitum beleiben, bleiben kennt. Vorzüglich wird es von dem Uebriglaßen der Speiſen gebraucht. Eſtor d. Rechtsgl. 3, 1413. „Das Kalb hat die Milch noch gelaebt“ d. h. noch nicht ausgeſoffen. Beſonders aber iſt Gelebts (Geleibis, Geleits), übrigens Lehne — leiben. Leibhof — Leich. 243 mitunter auch mit dem Zuſatz Eßen von der übrig gebliebenen Speiſe in den angegebenen Gegenden üblich: „habt ihr nicht ein Bißchen geleit Eßen?“ ge⸗ wöhnliche Frage der Fuldaiſchen Bettler; „dieſen Abend haben wir Gelebtes“ Oberheſſen und Oberhanau. In Niederheſſen völlig unbekannt. Vgl. olibig. F.) ?△ Leibhof, eine im Stift Hersfeld ehedem übliche Bezeichnung derjenigen Bauerngüter, welche auf die Lebenszeit gewiſſer benannter Beſtänder, entweder des Mannes, oder zugleich ſeiner Frau, oder auch wol ſeiner Kinder, verliehen wurden. Eſtor deutſche Rechtsgelehrſamkeit 1757. I. §. 1962. S. 798, auch Leibgut genannt 1683 Lennep Leihe zu Landſiedelrecht Cod. prob. S. 360. 368. Dergleichen Leibhöfe oder Leibgüter gab es in Friedlos, Gersdorf, Mengshauſen, Niederaula (wo dieſe Bezeichnung noch jetzt fortgeführt wird: „Senger Leibhof“). Vgl. Lasshof. Leibhuhan neutr., Huhn, welches der Gutsherſchaft als eine, die Leib⸗ eigenſchaft bezeichnende Abgabe überliefert wird. Kopp Handbuch 6, 311. 437. Jetzt längſt außer Gebrauch. Leibstück neutr., Weſte der männlichen Kleidung, im nordweſtlichen Heſſen (libsteck geſprochen). Im Schmalkaldiſchen tragen auch die Weiber ein ſolches ermelloſes vorn zugeknöpftes Kleidungsſtück, genau der Weſte entſprechend, und auch dieß führt den Namen Leibſtück. Im übrigen Heſſen heißt dieſes weibliche Kleidungsſtück, welches nur nicht zugeknöpft zu werden pflegt, mit Ab⸗ kürzung: Leibchen (ſ. d.).919 Leibzucht fem., Unterhalt an Narung und Kleidung, Lebensunterhalt. In dieſem Sinne kommt das Wort in älterer Zeit überall, auch in oberheſſiſchen Urkunden, vor, z. B. in einem Kaufbriefe, welchen der Bürger Sipe Rode zu Marburg dem Hermann Schope aus Frankenberg über ein von dieſem gekauftes Haus in Marburg auf Montag nach Valentini 1454 ausſtellt; in dieſem Kauf⸗ brief willigen Henne Marturff und deſſen Ehefrau Elſe in gedachtem Kauf, „weil ſie ihrer Leibzucht, die ſie an genanntem Haus gehabt, vergnügt ſind“. Eben ſo in den Frankenberger Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 699 vgl. Lennep Leihe zu Landſiedelrecht S. 613. Am üblichſten iſt das Wort da ge⸗ weſen, wo Leibeigenſchaft herſchte: der Herr mußte dem alten arbeitsunſähigen Eigenmann Leibzucht, d. h. vollſtändigen Lebensunterhalt gewähren, beziehungs⸗ weiſe durch den an ſeine Stelle getretenen Beſtänder des Eigenguts gewähren laßen; Eſtor d. Rechtsgel. 1, §. 121. Dieß kam in Heſſen vorzugsweiſe nur im Schaumburgiſchen vor, wo denn auch das Wort Leibzucht ſeine eigentliche Heimat hat: Kopp Handbuch 6, 315 ff. Durch Misbrauch iſt das Wort Leib⸗ zucht dann auch von den um die Materie des Rechts ſich wenig kümmernden Juriſten fälſchlich für den Altenteil, den Auszug, gebraucht worden. In dieſem fälſchlichen Sinne iſt das Wort dem Volke außerhalb der Grafſchaft Schaumburg gänzlich unbekannt, und muß ihm unbekannt ſein, denn der nicht leibeigene Bauer in Ober⸗ und Niederheſſen war auf keine Leibzucht angewieſen, ſondern behielt ſich einen Theil ſeines Gutes oder der Einkünfte deſſelben vor, zog ſie aus, nach freiem Ermeßen. S. Auszug. Monſtröſer Weiſe findet man das Wort auch Leibſucht, Lebſucht geſchrieben, und auch Alberus, welchem als einem Süddeutſchen, es fremd ſein mußte, hat es misverſtanden: „Victus, leb⸗ zucht i. nicht viel obrigs“ (Bl. eeda), gleich als käme es von leiben, übrig laßen, her. Leich neutr., im Frühlingsſpiel der Knaben mit Thonkugeln (üllern, Schoßern) die auf die Spielbahn ausgeſetzie einzelne Thonkugel, nach welcher 105 244 geſchoßen (geknipſt) wird. Nur im öſtlichen Heſſen, wo auch das gedachte Spiel faſt ausſchließlich zu Hauſe iſt, wenigſtens in ſeiner vollen ſtrengen Regelmäßigkeit geübt wird, gebräuchlich. Es bedeutet Spiel, Spielgegenſtand, vgl. Schmekler 2, 421 „das Laich ſetzen“, das Kegelſpiel aufſetzen. Zue „jLeichdorn msc, die in Heſſen ausſchließlich geltende Bezeichnung des ſ. g. Hühnerauges, und zwar ohne Zweifel die urſprüngliche: ein Dorn im Leich d. h. im Fleiſch, im Leibe. Fe Aeg &Eigee 14. 1g Leid neutr. 1) die Epilepſie, das Leid xar' ?Foxyy. An der Diemel. Im übrigen Heſſen heißt die Epilepſie die Kränk (Krankheit xar' &Foxy«), ſonſt aber allgemein ſchwere Not und krumme Not, auch ſchwere Krankei und am häufigſten arme Kranket. Vgl. Mangel. 2) Leid geben, die Trauermalzeit für die Leichenbegleiter nach dem Begräbnis geben; zu Leid gehen, der Trauermalzeit beiwohnen; Leidgäſte, Gäſte für die Trauermalzeit. Oberheſſen. Leide kem. In einem Ziegenhainiſchen Güterregiſter von ungefähr 1367 kommt vor: viij leydin houwis; j leyde houwis. Es ſcheint das Wort einen Haufen oder eine Fuhre (Heu) zu bedeuten, wie in Baiern Schmeller 2, 512. Heut zu Tage iſt dieſes Wort, welches in der heſſiſchen Urkunde mit nieder⸗ deutſchem Conſonant, Leide, ſtatt mit hochdeutſchem, Leite, geſchrieben iſt, aus dem Gebrauche verſchwunden. Leidenschaft = Leiden; „ich habe gar zu viele Leidenſchaften“ = ich werde von gar zu vielen Unfällen heimgeſucht, es geht mir gar zu übel. Ziemlich überall in Heſſen, wie auch anderwärts in Deutſchland. — Als die Halbgebildeten vor etwa 40 Jahren (um 1820) ſich dieſes Gebrauches des Wortes Leidenſchaft (der übrigens nicht ſo ganz unſinnig iſt, wie die Bücher⸗ menſchen ſich einbilden) zu ſchämen anfiengen, erſannen die Schullehrer dafür ein bis zum wirklichen Unſinn lächerliches Wort: „Erlittenheit“, welches ſogar officielle Geltung bekam und bis auf die allerneueſte Zeit in den Schullehrer⸗ Acten der Behörden ſeine Rolle geſpielt hat. Leie fem., gewöhnlich lee, auch Lede geſprochen (in dieſer Form von Eſtor verzeichnet D. Rechtsgl. 3, 1414), Dachſchiefer, Fels aus Dachſchiefer, auch wol überhaupt Fels. Nur in Oberheſſen bekannt, ſelbſt hier nicht allgemein üblich. Leidecker, Ledecker, auch Leiendecher, Schieferdecker, in Oberheſſen ziemlich üblich, vorzugsweiſe im weſtlichen Theile dieſes Landſtriches, wo der Dachſchiefer häufig vorkommt. Vgl. Schmeller 2, 407. Ueblich am ganzen Rhein (wo der Familienname von der Leien), und es hat ſogar durch Brentano, dann durch Heine die Lur-lei zu einer poetiſchen Perſon werden müßen, wiewol es nur ein Fels iſt. leiern bedeutet 1) in manchen Gegenden von Oberheſſen die Kurbel im Butterfaß umdrehen, daher buttern: Butter leiern. Vgl. Schmeller 2, 488 —489. 2) in Oberheſſen als Reflexivum das Trübewerden des Waßers: „das Waßer leiert ſich“, das zum Waſchen gebrauchte Waßer wird durch den von dem gewaſchenen Gegenſtande (Wäſche, Fußboden) aufgenommenen Schmutz trübe und dicklich, mithin zum weitern Gebrauche untauglich. Möglich, daß dieſes Wort eigentlich nicht leiern, ſondern urſprünglich leuern, läuern, lautet, und ihm ein Wort Leur (Liur), welches Unrat, Schmutz, bedeutet hätte, zum Grunde läge Vgl. die ſchweizeriſche Lüre: Stalder 2, 186. 1, 108. Leichdorn — leiern. Leilaken — Leistung. 245 Leilaken neutr. und masc., Lilaken, Lilage, Betttuch. In Ober⸗ heſſen, in der Grafſchaft Ziegenhain und bis an die untere Schwalm und Eder gebräuchlich, im öſtlichen Heſſen, an der Werra und obern Fulda unbekannt. „daß ſie ihnen ein Leilacken vnd Mannshembt geſtohlen habe“ Marburger Crim. Proc. Acten von 1658. Vgl. Läken. Das Wort iſt aus lh (corpus, Leich) und laken zuſammengeſetzt. lellich, ſchwächlich, kränklich; von Menſchen und Thieren in Oberheſſen gebräuchlich; Eſtor S. 1414. Von Sachen wird es in jetziger Zeit ſeltner gebraucht, ältere Zeugniſſe aber ſprechen auch für dieſen Gebrauch: liliche haber, dürftiger, ſchlechter Hafer (Pachtregiſter des deutſchen Ordens zu Marburg, Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landest. 3, 203). Er klefdere worin auch vast suode unde iglichen W. Gerſtenberger bei Schminke Mon. hass. 2, 362. — Im Haungrunde iſt das Wort (lilicht) auch vorhanden, aber in abgeſchwächter Be⸗ deutung: klein, niedlich. Warſcheinlich hierher gehört auch das niederdeutſche, in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Diſtricten Heſſens eben ſo wie in der Grafſchaft Schaumburg und in Niederdeutſchland überhaupt vorkommende Wort leich, léch, mager, ſchwach, elend: en leich kind, ein kleinliches, ſchwächliches, kränkliches Kind; s iechet wif, eine kränkliche, ſchwächliche Frau. Vgl. das Hohenſteiniſche „léeig, matt, ermattet“ Journ. v. u. f. D. 1786, 2, 116. Möglich, wenn auch kaum warſcheinlich iſt es, daß dieſes Wort eine Ent⸗ ſtellung des, übrigens mhd. auch nur in ſehr beſchränkten Kreißen erſcheinenden, Wortes lidelich, leidend, arm, krank, ſein könnte; das Br. WB. weiſt darauf hin. leinen, Form für lehnen, adniti. In Oberheſſen. Schottel Haubtſpr. S. 1359. Schmeller 2, 470. Leinwat, geſprochen Liwet (Schmalkalden), Limmet (weſtfäliſches Heſſen) iſt, wo das Wort überhaupt gebräuchlich iſt — denn in dem gröſten Theil von Heſſen iſt daſſelbe unüblich, und dafür Leintuch, meiſt nur Tuch ge⸗ bräuchlich — Neutrum, nicht Femininum. Auch im Schmalkaldiſchen wird Lein⸗ tuch, Linnen u. dgl. für die gewöhnliche Leinwand gebraucht, liwet dagegen nur für die feinſte Sorte Leinwand und den Batiſt, aber auch für den Muſſelin. Leiste: in dem den Gewandſchneidern zu Hersfeld von dem Abt Johann unter dem 9. Januar 1363 ertheilten Privilegium (Wenck 2, 417 No. 399) kommt das Verbot vor: Ouch sal nymant keynerley gewant, daz nicht Lysten hait, an dykeinem tage yn den Jarmerthen adder da usse czu Hersfelde verkeuffen. Daß hier das gemeinhochdeutſche Leiſte (ahd. Hsta) gemeint ſei, leidet in Gemäß⸗ heit der Schreibung keinen Zweifel und es ſind die Leiſten etwa das was man jetzt Salbenden (richtiger: Selbenden d. h. natürliche Enden, mit welchen das Tuch von ſelbſt ein Ende nimmt, ihm eigene, nicht durch Schneiden hervor⸗ gebrachte Enden; gänzlich falſch Salbänder) nennt. Friſch 1, 604b. Vgl. Selbende. Leistung: Leister; Leisterpferd, Leisterstall, Leisterknecht. Dieſe das ehemalige Schuld⸗ und Bürgen⸗Recht, das ſ. g. jus obstagii bezeich⸗ nenden Ausdrücke finden ſich im 15. Jarh. oft auch in heſſiſchen Urkunden. Vgl. über das Recht ſelbſt Haltaus s. v., Friſch 1, 604e, Schmeller 2, 508. Es bedeutet Leiſtung (von goth. laists, vestigium, alſo leisten, vestigia premere) wörtlich Folge, Folgegebung, und dieß iſt auch der Sinn des Rechtsgebrauches: der Schuldner oder Bürge folgte der Manung des Gläubigers, in eine ehrbare ihm beſtimte Herberge einzutehren, und dieſelbe, in welcher er auf eigene Koſten 246 Leck — Lecker. zehren mußte, bis zur Zalung oder doch bis zu einem beſtimten Termin nicht zu verlaßen. Meiſtens mußte ein Vermögender, namentlich ein dem Adel angehöriger Schuldner mit Pferden und Knechten in jene Herberge einreiten. Ein ſolcher in der Leiſtung befindlicher Schuldner oder Bürge hieß Leiſter; die zur Leiſtung gehörigen Pferde Leiſterpferde, der in der Herberge für ſie beſtimte, meiſt von den übrigen Ställen abgeſonderte Stall der Leiſterſtall. Nachgerade wurde Leiſtung auch geradezu wie Pfändung behandelt und verſtanden, ſo daß der Leiſterſtall nichts anderes war als der heutige Pfandſtall. So behandelt ſchon das Stadtbuch von Neukirchen vom J. 1472 die Leiſtung: in dye leistunge sol he ess (er, dem ein Pfand wird, das Pfand) thun, vnde abe hye zue Nuwenkirchen keyne uffrichtige leistunge were, so suldo man daz phant jnn eyn schenckhus thun. In gleicher Weiſe ſoll dieß geſchehen, gleichviel ob das Pfand ein liegendes oder ein eßendes Pfand iſt. Zugleich wird vorgeſchrieben, daß das Pfand nur 14 Tage in der Leiſtung ſtehen, alsdann aber zum Verſetzen oder Verkaufen, zanächſt in Neukirchen, eventuell in Treyſa, aus⸗ geboten werden ſolle. Hier iſt Leiſtung offenbar nichts anderes, als Pfand⸗ gewahrſam. Zuſammen finden ſich Leister, Leisterpferd, Leisterstall und Leisterknecht in Marburger Rechnungen aus dem Ende des 15. Jarhunderts, z. B. von 1483 und öfter. leck adj. und adv. wird im Fuldaiſchen zur Bezeichnung des lockern, ſchwammigen, zumal poröſen Brodes gebraucht. Vgl. das niederdeutſche lack, „ſchlecht, los, nicht feſte“ Strodtmann Idiot. Osnabr. S. 120. Leckehret neutr. Niederheſſiſcher, ſchmähender Ausdruck für Zunge, zumal kleinen Kindern gegenüber: „ſtreck doch dein Leckebret nicht heraus“, „laß doch dein Leckebret drinn“. Urſprünglich mag das Wort eine eigentliche Bedeu⸗ tung gehabt haben, etwa hölzerner Teller, auf welchem wolſchmeckende Speiſen, beſonders Fett, aufgetragen und der dann abgeleckt wurde. In einer wie es ſcheint obſeönen Bedeutung kommt das Wort vor in einem ungedruckten Weihnachts⸗ ſpiel aus dem Ende des 15. Jarhunderts, welches ohne Zweifel heſſiſchen Ur⸗ ſprungs iſt; hier ſagt (v. 778 —779) Lucifer zu Beelzebub: och gebe ich der eyn selegereth, der monche leckebreth. lecken, beſprengen, begießen; „das Tuch lecken“ die zum Bleichen aus⸗ geſpannte Leinwand begießen; „die Wäſche einlecken“ die getrocknete Wäſche leicht beſprengen und hiermit zum Bügeln vorbereiten. Allgemein üblich. Eine Art Deminutiv von lecken iſt leppen: nur ganz wenig beſprengen, vorſichtig beſpritzen. Lecker msc., ein in Heſſen mehr üblich geweſenes, als jetzt noch vor⸗ handenes Schimpfwort, doch iſt es bis jetzt in Oberheſſen nicht gänzlich erloſchen, und kommt, wie auch Eſtor S. 1414 bemerkt, unter Kindern und gegen Kinder noch immer da und dort vor. „1 fl wird geſtraft gedachte Pfarherſchen [Ehe⸗ frau des Pfarrers Johannes Rau] das ſie gemelten Mesomylium einen ſchelmen, dieb, einen Hundsfoth vnd verlaufenen lecker geſcholten hat“ Wetterer Bußregiſter“ von 1591. Wird das Scheltwort gegen Mädchen angewendet, ſo erleidet es nicht leicht Motion (Leckerin), ſondern man ſagt lieber Leckerchen, wie dieß ſchon in einem oberheſſiſchen Protokoll von 1593 vorkommt. Ob die bei Marburg vorkommenden Ortsbezeichnungen Leckerberg (nördlicher Abhang des Schloß⸗ bergs, ſchon ſehr alt, ſ. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 9, 374) und Lecker⸗ gäſchen (ebendaſelbſt) hierher gehören, mag dahin geſtellt bleiben. 247 Leckfets, fem., buchſtäblich vulva canina quae lambitur; dieſe obſeöne Be⸗ deutung iſt zwar nicht mehr mit voller Beſtimtheit vorhanden, doch iſt das Wort noch als niedriges Schimpfwort ſtärkſter Art in ganz Niederheſſen vorhanden; am üblichſten iſt es bei einer höhniſchen Abweiſung: „ja, eine L.“ Im Schmalkal⸗ diſchen iſt der urſprüngliche Sinn noch mehr erblichen; das Wort ſoll dort „einen Menſchen, welcher Kinderpoſſen treibt“ bedeuten, indes doch auch als Schimpfwort gelten, und ein Adjectivum „leckerfetz“ wurde mir von dort in der Bedeutung „leckerhaft“ angegeben. Lengde fem., Länge; alte Form wie geschikida, honida u. dgl., in Heſſen ſehr üblich. „Dan als Er Lodwig Vösbier pfarher zu Schönſtadt der lengde nach erzelt gehapt“ Marb. Hexenproceſſacten von 1579. Lensel neutr., Strohſeil zum Binden der Feldfrucht in Garben. Schwalm und Oberheſſen; im ſüdlichen Oberheſſen, wo man auch fleissen ſt. flenzen u. dgl. ſpricht, ſpricht man jedoch Leisel, und bildet den Plural Leiseln (wie Fenſtern, Kindern). Fuer, 2 47 Lenz msc. 1) Frühling; in dieſem Sinne jetzt nirgends mehr üblich, war es aber in früheren Zeiten, im 15. und nech im 16. Jarhundert, und iſt dann, zwar nicht in den oberheſſiſchen Schriftſtücken, welche ich kenne, wol aber in den mederheſſiſchen, die mir bekannt geworden ſind, ausnahmslos Femininum, z. B. „Nymant sal ouch synen phol slan vor sente Peters lage Cathedra den man nennet in der lentze. Urk. v. 1445. Etlr'a 2) Abkürzung von Lorenz, wie anderwärts. Zugleich iſt aber Lenz, langer Lens die in Heſſen ſehr gewöhnliche Bezeichnung eines lang gewachſenen Menſchen. Eſtor S. 1414: „Lens, ein langer Menſch“. Möglich, daß auf dieſen Gebrauch noch eine dunkle Erinnerung von der urſprünglichen Bedeutung von lens (lengizin, [Tages⸗) Verlängerung) eingewirkt hat; die Erklärung wenigſtens welche Richey S. 151 —152 von der Formel „langer Lenz“ gibt, iſt verfehlt. Vgl. Schmeller 2, 483. 485. lensen, ackern, um das Land zur Sommerfrucht zu beſtellen. Der Hof⸗ mann ſoll „die Länderey zu rechter Zeit mit fleiß lentzen, brachen, ruhren, düngen, räumen, gantz verſorgen, befriedigen und in esse erhalten“. Leihebrief für Stedebach von 1661 bei Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 129. Das Wort ſcheint aus dem Gebrauche verſchwunden zu ſein. Lepper msc., Wallach, verſchnittenes männliches Pferd. Allgemein üblich. PhrLer 7. 749 £.i⸗ verleppern, vetſchneiden, meiſt nur von den Pferden, indes zuweilen auch von Ochſen, ja von den Ebern gebraucht. Da Lappe einen Caſtraten bezeichnet, ſo läge es nicht allzu fern, dieſes Lepper und leppern als eine Bildung von Lappe anzuſehen. Indes ſind die Worte niederdeutſchen Gebrauches und eine Entſtellung oder Nebenform von lübben ſ. Strodtmann Idiot. Osnabr. S. 128: „lübben, utlübben: ver⸗ ſchneiden, caſtriren“. Dieſes lübben aber ſcheint wieder nichts anderes zu ſein, als das alte luppon, (durch Salbe) vergiften, bezaubern, jedoch mit verallgemeinerter Bedeutung: ſchädigen, unbrauchbar machen (wie denn jeder Zauber ſein Weſen darin hat, den Gegenſtand des Zaubers in ſeiner natürlichen Wirkſamkeit zu hemmen, ihn für den Zweck ſeines Daſeins unbrauchbar zu machen). leppern, in einzelnen kleinen Schlücken trinken, langſam und mit Ab⸗ ſätzen trinken. Allgemein üblich, wie auch anderwärts. Schmeller 2, 486. aufleppern, ein neugeborenes Geſchöpf (Kind, Lamm) durch Ein⸗ Lengde auſeppern. 248 flößen von Milch ohne Mutterbruſt großziehen; überhaupt dann auch: mit Mühe großziehen. Allgemein üblich. Lerse fem., Abkürzung von Lederhoſe, welche auch in Heſſen im 14 — 15. Jarhundert gebräuchlich und volksüblich war. Gerſtenberger bei Schminke Mon. hass. 1, 208 u. v. a. St. Landgraf Heinrich III. verſpricht ſeinem Barbier Bröſeke Scharf in dem demſelben ausgeſtellten Beſtallungsbrief Lerſen und Schuhe neben der Hofkleidung. lesen, wie gemeinhochdeutſch: Eckern leſen, Holz leſen, Linſen leſen, Kartoffeln leſen u. dgl., nur Aehren leſen iſt nicht ſonderlich volksüblich, dafür lieber aehren (iren). Lesetag, Hohleselag, derjenige Tag in der Woche — es ſind deren je zwei — an welchen es den Armen geſtattet iſt, im Walde dürres Holz zu ſammeln, Holz zu leſen. verlesen, halb ſcherzhafter Ausdruck für: verloren. „Der iſt verleſen“ iſt unrettbar der Verurteilung, auch: dem Tode, verfallen. Brem. WB. 3, 55. Schmidt Weſterw. Id. S. 303. Es iſt nicht unmöglich, daß, wie auch das Brem. WB. andeutet, dieſes „verleſen“ nicht mit leſen, legere, zuſammenhängt, ſondern ein Reſt von verliusan, verlieren, ſein könnte. Letten, Leitenwurseln, die Wurzeln verſchiedener Arten von rumex. Sehr üblich. letacha, lapathum, Gloss. irevir. letterbenig, eigenſinnig, übel zu lenken, ſtörrig, ungehorſam. An der Schwalm, zumal von heranwachſenden Knaben gebräuchlich, welche in die ſogenannten Flegeljahre getreten ſind. Die zweite Hälfte des Wortes iſt deutlich Beinz die Compoſition aber iſt mir, trotz mehrfacher von jener Gegend aus mir zugekommener Erklärungsverſuche, dunkel geblieben. geletzelt (gelatzelt) auf etwas, lüſtern nach wolſchmeckenden Speiſen, leckerhaft. Im Fuldaiſchen. Lid neutr., auch Led geſprochen, iſt noch in Kaſſel und anderwärts hin und wieder für das gemeinhochdeutſche Compoſitum Glied in einzelnen Formeln gebräuchlich: „es ſoll auch kein Ledchen [nicht das Geringſte] übrig bleiben“. Vgl. Schottel Haubtſpr. S. 1356. entliden, zergliedern, zerteilen. Ein jetzt längſt untergegangenes Wort, deſſen Verluſt bedauert werden kann. „Ouch ynsollin die vorgenanten Brun unde sine erbin dazselbe gud unde daz dazu gehorit mit nichte intliddin (nicht, wie irrig gedruckt iſt, inchiddin), noch vndir sich teylen in keine wis“. Immichen⸗ hainer Leihbrief von 1355 in Lennep Leihe zu 2SR. C. prob. S. 257. Vgl. Muller mhd. WB. 1, 978. lidig, ganz, völlig; meiſt mit „ganz“ verbunden: „der hat den Braten lidig und ganz aufgezehrt und alles rups und rein gegeßen“. Im Fuldaiſchen, ſonſt unbekannt. Sicherlich von lid (Glied): mit allen Gliedern, in allen Theilen; vgl. Frommann Munderten 6, 515 (das Wort ſindet ſich auch im Hennebergiſchen). lidsüchtig, gliederkrank, gichtiſch. W. Gerſtenberger b. Schminke Mon. hass. 2, 364. Wurde noch im Anfange dieſes Jarhunderts und zwar nicht ſelten gehört, ſeitdem, wie es ſcheint gänzlich, ausgeſtorben. liel adj. u. adv., wird in charakteriſtiſcher Weiſe von dem Volke verwendet in den Formeln: „der liebe Tag“, „die liebe Zeit“, und vor allem „das liebe Brod“. Es bezeichnen dieſe Formeln das Genügen an der Gegenwart, die Freude an der täglichen Nahrung den Dank für das Leben und für das Lerse — lieb. Liebeln — Lierloch. 249 tägliche Brod, mithin den Gegenſatz gegen alles was man „Langeweile“, „Blaſiert⸗ heit“, Unzufriedenheit, nennen kann, in der zutreffendſten und einfachſten Weiſe. — Die Alliterationsformel: lieb und leid kommt noch vor, aber ſelten. Das Verbum lieben iſt auch in ſeiner eigentlichen Bedeutung: Wolge⸗ fallen an etwas haben, der Volksſprache fremd, geſchweige denn in der neueren: amare, diligere. Dagegen findet ſich liebeln in der Bedeutung liebloſen bei W. Gerſtenberger bei Schmincke Mon. hass. 2, 302 von dem Löwen, welcher den Landgrafen Ludwig anfiel: „unde libelie eme mit syme tzagel. S. Adelung 2, 2058. Liebesburg, jetzt Liesburg (wie lisberg in der Wetterau aus Liebesberg), jetzt längſt nicht bloß zerfallene ſondern bis auf den Namen des Verges auf dem ſie ſtand, verſchwundene Burg der Herren von Willolfesbach oberhalb des Hofes, der noch jetzt, aber nur noch ſelten, Willbach (gewöhnlich: Beiersgraben) ge⸗ nannt wird, in der Nähe des Dörfchens Rotterterode im Stift Hersfeld. Die Burg iſt, wie Lisberg, warſcheinlich zu Ehren der Gemalin des Erbauers der⸗ ſelben genannt worden (Ende des 11. Jarhunderts). Liedekirsche (geſprochen Li-ede, wie aus liud, liod entſtanden), die kleine rote Vogelkirſche. Auf der Rhön (Schwarzbach). Liere fem. (oder Lire?) Jagdranzen, wie derſelbe ehedem allgemein ge⸗ bräuchlich war, jetzt aber bei den Jägern gänzlich in Abgang gekommen iſt. Amt Landeck, Rotenburg, Homberg. Im öſtlichen Heſſen und in Oberheſſen eine gänzlich unbekannte Bezeichnung. Warſcheinlich das in der ältern Sprache hin und wieder vorkommende lüre, lore, Schlauch. Lierloch neutr., iſt gegenwärtig nur noch Eigenname von Oertlichkeiten. So heißen in Hersfeld zwei von dem Marktplatze nach der Stadtmauer hinlaufende Gaßen das vorderſte und das hinterſte Lierloch; der Paſſ der Schwalm zwiſchen der Hundsburg und der Altenburg wird nach Pfiſter Kleines Handbuch der Landeskunde von Kurheſſen 1840 S. 48 das Lierloch genannt. Bei Martin⸗ hagen heißt ein Feldplatz „über dem Lierloch“, und bei Lohra in Oberheſſen führt ein Walddiſtrict den Namen Leierloch (Prov. Wochenblatt für Oberheſſen 1842. No. 25. S. 419). Durch die Form Leierloch wird es ſehr zweifelhaft gemacht, ob die Schreibung Lierloch richtig, und die urſprüngliche Form nicht etwa Lirloch ſei. Die eine wie die andere Form widerſtrebt jedoch einer genügenden Erklärung. An hlear (hlier) Hel. 149, 2. 156, 6 (maxilla) wird nicht gedacht werden dürfen ſes könnte dann ja freilich allenfalls Mund bedeuten), und das angelſ. hleoran, transire (J. Grimm Andreas und El. S. 99 — 100) liegt, wenn auch der Sache nach ſcheinbar notdürftig verwandt, der Sprache nach allzuweit ab. Lire aber (ra) gehört offenbar nicht hierher, wenn gleich leiern in der uneigentlichen Bedeutung „drehen“ in Oberheſſen wie in Baiern volksüblich iſt (ſ. leiern 1), und muß'gänzlich außer aller Erwägung bleiben. Die urſprüngliche Form wird Lürloch ſein. So findet ſich das Wort in des Nikolaus Manuel Reimwerk: „Das Barbeli. Ein geſpräch von einer Muoter mit ihr tochter, ſie in ein Cloſter zebringen. 1526. (Ausg. v. 1585, Straßburg bei Chriſtian Müllers Erben. 8. Bl. Eb): Wir wurden zur letſt mit roſſz vnd karren Dem Teuffel zhinderſt ins lürloch fahren. Dieſes Lür iſt, dem Dialecte Manuels gemäß, gleich liur-, leur⸗ (vgl. ſein lücht = liuhtit, leucht, auf derſelben Seite), und hiermit ſchließt ſich unſer 250 Lieser — Limesz. Lür an das ſchweizeriſche Lüre, Unreinigkeit, welche abgeſondert wird (Stalder 2, 186. 1, 108), an. Nach dem niederheſſiſchen Dialekt würde nun dieſes lür, wie in zalreichen andern Fällen, zu lir werden, im oberheſſiſchen Dialekt aber in leur, geſprochen leir, übergehen oder vielmehr zurück gehen. Wird doch in Baiern ſogar der Laur (lora, Nachwein) „Leyern“ geſprochen. Schmeller 2, 488. Hieran ſchließt ſich denn auch das oberheſſiſche leiern (ſ. o.) in ſeiner zweiten Bedeutung: unrein, ſchmutzig werden. Lürloch, Lierloch, Leierloch, bedeutet demnach Schmutzloch, Kotloch, was noch vor 60 Jahren für die Hersfelder Lierlöcher eine völlig zutreffende Bezeichnung war. Lieser plur. tant., meiſt nur deminutiv: Lieserchen, kleine Puſteln auf der Haut, geringer Ausſchlag. Niederheſſen. Es iſt dieſes Wort ohne Zweifel der alte Name der Krätze, oder vielmehr der Krätzmilbe (deren Exiſtenz keines⸗ weges eine Entdeckung der neuen Zeit iſt), welche im 16. Jarhundert als Lies (Alberus Dict. Bl. ffab: „Lies, linea rotunda“) und Liſſe vorkommt; mit dem Aufkommen des Worts Krätze verſchwand die genaue Bedeutung von Lies. Da⸗ gegen iſt mir der im 16. Jarhundert häufig vorkommende Name der ſ. g. laufenden Krätze (wenn ſich die Milbe Gänge unter der Oberhaut bildet): Reiteliſſe, in Heſſen nicht aufgeſtoßen; Alberus hat aber a. a. O. auch: „ein reidlies“. Lisse fem. iſt noch jetzt hier und da, z. B. in Marburg, üblich, bedeutet aber denjenigen Leichdorn, welcher ſich auf der Fußſohle gebildet hat, wogegen der, welcher ſich auf oder an den Zehen bildet, eigens Leichdorn genannt wird. lieszläszig, ſehr nachläßig, ſaumſelig. Hünfeld. Iſt vielleicht nur eine luxurierende Bildung von läßig, nach Art der Reduplication geſtallet. like, die einfache und niederdeutſche Form des hochdeutſchen Compoſitums gleich; im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, wo es zwar auch wie das hoch⸗ deutſche gleich verwendet wird, meiſt aber eben und vor allem gerade bedeutet. Limesz neutr., richtiger wol nach der älteſten bis daher aufgefundenen Schreibung (Heſſiſches Zinsbuch aus dem 7. Jarzehnd des 14. Jarh. bei Gudenus 3, 833) linmet⸗, ein Getreidemaß von vier Metzen, dem vierten Theil des Malters (Viertels), der Hälfte des Scheffels. Ehedem war es in ganz Niederheſſen üblich, ſeit dem Ende des vorigen Jarhunderts iſt Sache und Name in Abgang gekommen, und jetzt faſt überall gänzlich vergeßen, nur mit alleiniger Ausnahme der Gegend an der obern Werra und der Diemelgegend, wo das Wort wenigſtens noch das Nominalmaß von vier Metzen bedeutet, und in dieſem Sinn allgemein gebräuchlich iſt. In den lateiniſchen Urkunden entſpricht dem Limesz auch quarlale. Das Limeß war der allgemeine Abgabeſatz von einem jeden einzelnen Acker: ſo in faſt ſämtlichen Zinsurkunden der Klöſter Anenberg und Weißenſtein, welche in Lenneps Leihe zu Landſiedelrecht im 2. Bande ab⸗ gedruckt ſind. Aber auch von jedem Rauch im Gericht Oberaula wurde ein iymesz habern abgegeben (Weistum von 1419 bei Grimm Weist. 3,333; Lehen⸗ brief des Abts Albrecht von Hersfeld von 1434 bei Wenck 2, 480); jeder Bauernhof in Neukirchen an der Haun und in Meiſenbach gab eine lymas habbern (Weistum von 1486. Grimm Weist. 3, 378); von der großen Teichmühle bei Wolfhagen geſiel jährlich ein limelz vogiweizen 1563 (1663 i leimes weitzen). Dieſe Abgabe hieß ganz allgemein die Limesgülte, und die betreffenden Aecker die Limesäcker, Leimesäcker, das Leimesland, unter welchem Namen ſie in den Kataſtern theilweiſe bis auf den heutigen Tag fortgeführt werden. Ja es gibt auch Leimes berge (einer bei Breitau) und einen Leimesteich (Weißenborn A. Belimplich — Lochskein. 251 Wanfried). Hin und wieder iſt auch der Leimesacker, das Leimesſohl u. dol, zum Eigennamen (Bezeichnung der Feldplätze) geworden. Früherhin und wenigſtens bis an das Ende des 17. Jarhunderts gab es auch ein Gemäß, Limesz genannt, welches vier Metzen faßte; ſo ließ die Univerſitätsvogtei Singlis im Jahr 1569 ein neues Liemeß für 16 Albus anfertigen, und es erſcheinen in den ſpätern Inventarien gedachter Vogtei fortwährend: „Zwen beſchlagen Scheffel; zwey be⸗ ſchlagen Liemmes, ein beſchlagen metz“ u.ſ. w. In Oberheſſen ſcheint weder Sache noch Namen vorzukommen; indes findet ſich doch bei Erxdorf ein Leimesgarten. Vgl. Lennep Leihe zu Landſiedelrecht 1, 407. 409. J. Grimm in der Zeitſchrift für heſſ. Geſchichte u. Landest. 2, 148 —150. Offenbar iſt die erſte Hälfte des Wortes lin, Lein, alſo das Maß urſprünglich ein Leinmaß, welches dann auch auf andere Getreidearten angewendet wurde. Ob dieſes Maß den Umfang eines Ackers beſtimt habe, wie Grimm a. a. O. meint, iſt wol möglich, doch nicht mit Beſtimtheit zu ermitteln; diejenigen Leimesäcker, welche jetzt noch zu beſtimmen waren, ſind gewöhnliche ſ. g. Kaſſeler Acker von 150 Ruten. belimplich adj. u. adv. (geſprochen beleumplich [Schmalkalden], auch beleimplich), glimpflich, fein ſäuberlich, ſchonend, beſcheiden. Im öſtlichen Heſſen und im Schmalkaldiſchen. Lite fem., Leite, Lith, Leid, Bergſeite, Bergabhang. Als Appellativum iſt dieſes Wort jetzt kaum noch vorhanden, war es aber im Anfang dieſes Jar⸗ hunderts wenigſtens noch hier und da; „die (wilde) Sau lief als an der Liten weg“ habe ich noch 1820 gehört. Dagegen iſt das Wort einfach und zuſammen⸗ geſetzt in Heſſen, nicht einmal mit Ausnahme der niederdeutſchen Gegenden, in welchen es nur etwas ſeltner vorkommt, als Eigenname von Flur⸗ und Wald⸗ gegenden äußerſt häufig; einfach z. B. bei Sontra, bei Guntershauſen, bei Treyſa u. a. O.; Zuſammenſetzungen ſind Sommerlith (Sommerleite), welcher die Winterſeite gegenüber liegt (Asmushauſen), Winterlith und Sommer⸗ lith am „Stockig“ (richtig und urſprünglich Stubicl.) bei Gethſemane, die Heringer Winterlith, die Heſſenlieden (Wald bei Vieberſtein), Birkenlith, Hirſch⸗ lith, Soislieden (Dörfchen am Soisberg) u. ſ. w. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 1, 249. -Litzig hört man in Heſſen hauptſächlich in den zwei Compoſitionen einlitzig (ahd. einhluzzi), einfach, einzeln, wenn es gilt, die Einfachheit der Mehrfachheit recht deutlich gegenüber zu ſtellen: „ein einlitziger Schuh“, dem Paar entgegengeſetzt; „ein einlitziges Hemd“, im Gegenſatz gegen das Bedürfnis mehrerer Hemden; — und dürrlitzig, von auffallend magerer Statur, woraus ſich auch ein Subſtantivum Dürrli(z msc., kleines mageres Perſönchen, meiſt: Mädchen, gebildet hat. Der Ton liegt nicht, wie in den baieriſchen Compoſitionen mit leizig auf der zweiten, ſondern auf der erſten Hälfte der Zuſammenſetzung, und es fallen für den heſſiſchen Dialect die beiden von Schmeller 2, 530 531 auseinander gehaltenen Formen -leizig und -lezig zuſammen. Lochstein, Grenzſtein. 2O. 1,550. Kopp Handbuch 6, 369. Das Wort ſcheint jetzt gänzlich außer Uebung gekommen zu ſein; im Anfange dieſes Jarhunderts wurde es noch gehört, freilich nicht mehr verſtanden, denn man meinte, der Grenzſtein heiße Lochſtein deshalb, weil er in ein Loch geſetzt von lah (richtiger hläb), Einſchnitt, her, indem in die Grenzſteine und Grenz⸗ 252 Loh — Löpp. bäume ein Zeichen (Kreuz, Wappen, jetzt Buchſtaben) geſchnitten oder gehauen wurde. Grimm RA. 544. Graff althochd. Sprachſchatz 2, 100.Neben Lochstein galt lange Zeit das jetzt auch erloſchene Wandslein (ſ. wenden). Lochställe, Stätte wo der hläh, das Grenzzeichen, angebracht iſt. „vff der Lochſteden gelegen“. Flurbezeichnung bei Rengerdehauſen (Rengershauſen bei Frankenberg) 1550. Lachgang, Grenzbegehung; jetzt nur noch als Eigenname eines Flurſtriches bei Wabern („im Lachgange“) vorhanden. Lol neutr., Löcher plur., Hain, kleines Gehölz, Buſchwerk, welches einzeln mitten im angebauten Felde liegt. Als Appellativum jetzt nur noch ſelten; bei Imshauſen führen das lange Loh und andere gleichnamige kleine Wald⸗ parcellen zuſammen den Namen der Imshäuſer Löcher. Dagegen iſt das Wort als Eigenname von Walddiſtricten äußerſt häufig, nur erſcheint es ſehr oft ver⸗ derbt in den Formen Lohn und Löhn (Lehn). Wo es in den niederdeutſchen Bezirken von Heſſen vorkommt, wird es Lau geſprochen, wie im Lippiſchen Frommann Mundarien 6, 352. Es iſt das regelrecht verſchobene lucus, und in der älteren Sprache eben ſo als Appellativum und einfach, wie auch in Com⸗ poſitionen und Eigennamen ſehr häufig; Schmeller 2, 460. Vgl. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 4, 79. Lohne fem., die im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, aber auch ſonſt in Niederheſſen übliche Form von Lohe, Flamme; auch Löhn geſprochen, und daher das allgemein übliche Deminutiv Loenchen (Lenchen): „ein Loenchen in den Ofen machen“, einheizen — ein Ausdruck der Behaglichkeit, welche bei rauhem Herbſtwetter, wo noch keine Zeit zum regelmäßigen Einheizen iſt, durch eine gelinde Feuerung hervorgerufen wird. lönern, lonnern (im Schmalkaldiſchen länern geſprochen), lodern. Läner msc., im Schmalkaldiſchen, Flamme, kleine Flamme, gelindes Einheizen, dem Loenchen parallel. Reinwald henneb. Id. 1, 99. Lock msc. u. neutr., im Plural Löck, Haufen, Menge; zumal ein Arm voll Getreide oder Heu. Aus mehreren Löcken beſteht eine Garbe. Vgl. Zehnt⸗ ordnung vom 9. Januar 1714 (LO. 3, 742) und Zehnt⸗O. v. 16. Juli 1737 §. 5 (LO. 4, 465); Kopp Hand. 1, 329. Im Amt Wolfhagen war es (oder iſt es noch) Sitte, daß die Schnitter am Abend ſich ein Schneidelöckchen mit nach Hauſe nahmen. „Ein Löckchen Heu“ bedeutet meiſtens ein kleines Fuder Heu. In allgemeinerer Bedeutung: „ein ganzer Lock Geld“, „ein Lock Menſchen“. Sehr üblich in ganz Heſſen, wie in der Schweiz (Tobier Appenzell. Sprach⸗ ſchatz S. 302), in der Grafſchaft Hohenſtein (Journal von u. für Deutſchland 1786, 2, 116) und anderwärts. Lolles msc., ſcheltende Bezeichnung eines fahrläßigen, trägen Menſchen. Oberheſſen. Eſtor t. R. 3, 1414 hat das Wort als Adſectivum. Lallepaisch, Tölpel. Uebliches Scheltwort in den Mittelſtänden. Lommel kem., Meßer dem der Stiel fehlt; auch wol Meßerklinge überhaupt. Es liegt nahe, dieſen übrigens ſeltenen und faſt nur im Amt Schönſtein völlig üblichen Ausdruck auf das lat. lamella zurückzuführen. Das Wort, als aus dem Lateiniſchen geborgt, gehört der niederdeutſchen Sprache an, und kommt in Weſtfalen (Lippe u. ſonſt) in der Form Lammel, Lemm u. dgl. vor. Brem. WB. 3, 9. Frommann Mundarten 6, 351. Löpp fem., Lippe, Bornlöpp, Waßerlanne von Holz, in Geſtalt eines abgekürgten Kegels und mit einem Zuklappdeckel verſehen. Dieß in Nordfranken 253 Lorch — Lotter. übliche Wort (Schmeller 2, 486) findet ſich in Heſſen im öſtlichen Theile des Kreißes Hünfeld (Schwarzbach u. a. O.) und im Schmalkaldiſchen. Reinwald 1, 97 — 98. Das Geſäß ſelbſt aber iſt in ganz Heſſen, jedoch theilweiſe mit Ausnahme von Oberheſſen, gebräuchlich; an der Schwalm führt es den Namen Gilpe m. ſ. Vgl. Laupe. Lorch, Lork (letztere Form üblicher) neutr., der niederdeutſche Name der Kröte (rana' buko), welche ſonſt in Heſſen gewöhnlicher Ütſche, Itſche, ge⸗ nannt wird. In eigentlicher Bedeutung faſt nur an der Diemel üblich, dagegen iſt Lorch, Lork ein ſehr gebräuchliches Schimpfwort für einen widrigen, zumal aber faulen Menſchen, insbeſondere gegen Frauensperſonen verwendet: „du Lork“, „du garſtiges Lork“, „du faules Lork“. Lorch, Trunk, ſ. unter lurchen. lôs adj., Comparativ loeser, ſchlimm, übel; „es geht uns jetzt gar los, es iſt uns noch nicht loeſer gegangen, ſeit wir hier wohnen“. Obergrafſchaft Hanau; im übrigen Heſſen unbekannt. Vgl. Schmeller 2, 503, wo dieſe Be⸗ deutung von los aus der Oberpfalz verzeichnet wird. Losckanne ſoll auch in Niederheſſen, wie anderwärts (Friſch 1, 622; Frommann Mundarten 4, 175) üblich geweſen ſein und die zinnene Kanne bedeutet haben. Ich habe den Ausdruck weder ſelbſt gehört, noch in ältern heſſiſchen Schriften bis jetzt gefunden, es braucht aber darum jene Angabe, für welche ich übrigens weitere Beſtätigung vergeblich geſucht habe, nicht unrichtig zu ſein, denn ein in Heſſen alteinheimiſcher Familienname iſt Loszkand, Loss- kann (Losekam), welcher die Ueblichkeit des Ausdrucks Losekande (Losekanne) vorausſetzt. Losekuchen msc., eine dem öſtlichen Heſſen ausſchließlich eigene Bezeichnung des aus Brodteig gebackenen mit Speck reichlich belegten Kuchens, welcher ſonſt Speckkuchen genannt wird. Möglich, daß das lose nichts anderes bedeutet, als locker, wie los von lockerm Gebäck gewöhnlich gebraucht wird; Losbäcker iſt nach Adelung ein Becker, welcher zartes, weißes Brod backt, und bei Ortolph ſteht dem „därben prot“ das „losprot“ gegenüber. Schmeller 2, 501. Lötstrümpfe, Strümpfe ohne Füßlinge, welche bei trockener Wit⸗ terung, wenn das Barfußgehen möglich iſt, angezogen werden. An der untern Lotter, latter, lem., heſſiſche Nebenform für das ſchriftdeutſche Latte, Werra. in ältern niederheſſiſchen und oberheſſiſchen Bau⸗ und Forſtrechnungen ungemein häufia, mitunter dicht neben Latte vorkommend; auch jetzt wird dieſe Form noch hier und da gehört. In den Vogteirechnungen von Singlis erſcheint von 1550 — 1620 faſt ausnahmslos Lotter „vor lotthern zum Sewſtall“ 1550. „180 lottern“. 1578; u. ſ. w.; gleichfalls kommt Lotier faſt ausnahmslos in den Forſtrechnungen von Rauſchenberg 1580 —1604 vor: „j eichen vnd buchen ſtam zu Lotteren vnd ſtickſtecken gehauwen“ „zu Lottern vnd Sparen vff ſeine be⸗ hauſung“; „zue lotteren vff ihr kirche“ 1585. Die Baurechnungen und Forſt⸗ regiſter von Wetter dagegen aus den Jahren 1555 — 1610 wechſeln mit Lottern, Lattern und Latten ab: „ij buchen zu latten“ und „ein buche zu lottern“ folgen 1558 unmittelbar aufeinander, eben ſo lattern und latten 1570, lattern und lottern 1574; u. ſ. w. Lotterstange „lottern ſtangen gehauwen“, unmittelbar neben „latten ſtangen“, Werter 1572. „Lotterſtangen gehauwen“ Rauſchenberg 1585. 254 Lotter — lumm. Lotlernagel, Lattennagel. „500 Lotternegel, ſdes hundert vor 8 alb.“ Singlis 1578. lottern, latlern, mit Latten beſchlagen, gleich dem ſchriftdeutſchen latten. „Meiſter Melchior der Decker hat den ſtall gelottert vnd gedacht“. Singlis 1563. „Außrechnung, waß Meiſter Curt Boß vor gebew von newen gelatt vnd mit zigeln bedeckt. Das Hoffhauß iſt langk 50 ſchu, vnd der ſparn hoch 26 ſchu, doruff ſind nach dem hoff zu gelattert 51 Lottern, vnd vf ide latter gelegt 80 Zigeln; vff die ander ſeiten ſint gelattert 45 Lottern, vf ider lottern gleichfals 80 Zigeln. Doruf ſint zu beiden ſeiten gelatteri 61 Lattern, of ide latter gelegt 63 Zigeln. Item ſo iſt noch eine ecke von newem gelatt vnd gedeckt, hat 18 Lattern, vff der oberſten latter 28 Zigeln“. Baurechnung des Kloſters Georgenberg bei Frankenberg von 1599. lotter, locker, wackelig, ſchlaff; nur im Fuldaiſchen. Schmeller 2, 524 — 525. Vgl. laddern. lotterig, lodderig, loddericht, zottig, zerlumpt, auch nachläßig in der Kleidung. Allgemein in Altheſſen üblich. Schottel Haubtſpr. S. 1358. „Maitgen war dich, an dem ort da du ſchlaffeſt, ſitzt alle nacht ein lodderichter Hundt, der ſchutt frey fewr vmb ſich“; Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657. Löwer msc., Lohgerber; die Bezeichnung iſt noch jetzt in mehreren Städten, in Treyſa, Frankenberg u. a. die übliche. Sie beruhet auf dem Ueber⸗ gange des h im Inlaute in w, den wir in wéwe ſt. Wehe (Schneewehe) und ſonſt bewerken: Löwer ſt. Löher (Loher, Lohr); auch geht dieſes w dann weiter in b, Loeber, über, wie in älteren Schriften ſich das Wort neben Löwer nicht ſelten geſchrieben findet. Vgl. Schmeller 2, 462. Lubermilch, geronnene, ſaure (dicke) Milch. Hin und wieder, z. B. auf dem Habichtswalde, gebräuchlich. Vielleicht iſt Lummermilch (ſ. d.) nur eine Entſtellung von Lubermilch, denn dieſes Wort iſt eine richtige Bildung von Lub, Lupp ſt. Lab, coagulum, Stoff welcher gerinnen macht, dann auch Gerinnendes, gerinnende oder geronnene Flüßigkeit. Vgl. Schmeller 2, 486. lucht, linf; „de luchte Hand“. Im weſtfäliſchen, auch im ſächſiſchen Heſſen, wie in ganz Norddeutſchland. Im übrigen Heſſen unverſtändlich. Lüft msc., Schmalkaldiſche Benennung des Dompfaffen, Gimpels; dieſer Vogel iſt neben dem Finken der Lieblingsvogel der Schmalkalder. Lüken mse., die Dachöffnung auf dem Hausbeden, Bodenloch. So im weſtfäliſchen Heſſen; an der Weſer und im Schaumburgiſchen Femininum: Lüke, in welcher Geſtalt das Wort gemeinhochdeutſch geworden iſt. Im übrigen Niederheſſen iſt Lake nur auf den Oekonomiehöfen gebräuchlich, gewöhnlich ſagt man nur Bodenloch; in Oberheſſen Gaubloch w. ſ. Lüling msc., im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen die Benennung des Sperlings (passer domestieus); in andern Gegenden Niederdeutſchlands Lüning. Im übrigen Heſſen unbekannt. * Lumbe fem, Lende, aber auch Weiche; „einen in die Lumben hauen“, gehörig abprügeln; ganz allgemein üblich. Vgl. Weigand Intell. Bl. f. d. Prov. Oberheſſen 1846. No. 61. S. 52, wo aus einem Brevier des 14. Jar⸗ hunderts als Üeberſetzung von' Pſ. 38, 8 angeführt wird: „wan mine lumpen sint mit bekorunge erfult“. lumm, auch lummer (Schwarzenfels) und lummerig, ſchlaff, locker, loſe. „Bind das Band nur gang lumm um den Hals“; „lumme Waden“, Lummer — Lüpper. 255 ſchlaffe Waden, wie denn lumm ganz beſonders von den Fleiſchtheilen gebraucht wird, z. B. in Oberheſſen ganz beſonders von weich gewordenen Geſchwulſten; — „lummes Leder an der Zunge haben“ nichts verſchweigen können, im Schmal⸗ kaldiſchen, Schmidt weſterw. Id. S. 104. Schmeller 2, 467. Lummermilch, ſaure (dicke) Milch; an der Diemel. (Doch wol etwa Entſtellung von Lubbermilch? ſ. d.). Lummer fem., am gebräuchlichſten in der Zuſammenſetzung Lummer⸗ braten, das lockere (lumme) Fleiſch auf der innern Seite der kurzen Rippen des Rindviehes, welches als ein feiner Braten von jeher galt, und, ſeitdem um das Jahr 1820 die Beefſteaks bei uns aufkamen, zu dieſen Bratſtücken verwendet wird. Vgl. Schmeller 2, 479, wo jedoch die Anlehnung an Lende ſicherlich irrig iſt; eher würde an Lumbe gedacht werden müßen. Lunn, Lünn, Lüns fem. (geſprochen luoh), der Nagel am Wagen, welcher das Rad an der Axe (die Axe in der Nabe) hält, Achsnagel; beſonders in Oberheſſen und in der Grafſchaft Ziegenhain üblich, Eſtor S. 1414: „lun, vor das rad“, aber auch anderwärts bekannt, wenn gleich nicht in regelmäßigem Gebrauch. Val. Schmeller 2, 474, wornach in Baiern ſtatt lun die Ausdrücke lonnagel und loner gebräuchlich ſind; Adelung verzeichnet Lünſe als ſchrift⸗ deutſch. In den Gloſſen iſt lun obex; auch kommt luna in derſelben Bedeutung vor. In Oberheſſen iſt übrigens die lunn (luoh) von der lüns (geſprochen lins) wol zu unterſcheiden; lüns iſt hier das, was an der Schwalm Lünsewid iſt (ſ. d.). Lünsewid fem., d. i. Holz für die Lun oder Lünſe: Stock mit Ring, von welchem letztern das Vordertheil der Nabe umgeben und das hervorragende Ende der Axe des Wagens umſchloßen, er ſelbſt aber von der Lun, dem Axnagel, gehalten wird; der Stock an deſſen unteres Ende der Ring befeſtigt iſt, iſt am obern Ende durch ein eiſernes Band mit Ring mit der Wagenrunge verbunden und dient dieſer zur Stütze. Der Name iſt übrigens nur an der Schwalm üblich; in Oberheſſen heißt die ganze Vorrichtung Lüns, Lins und wird in Lünsenstüts und Lünsenzapfen (Lünn, luob) unterſchieden; in Niederheſſen, wo Lüns faſt gar nicht in Anwendung kommt, heißt die Lünſewid ſchlechtweg Stütze oder Stißel. Doch hat Eſtor S. 1414: „Linſewied, der träger der wagen⸗ leiter“. Anderwärts hat dieſe Vorrichtung den Namen Leuchſe, mit dem Leuchſen⸗ ring und der Leuchſenſtütze (Schmeller 2, 428). Dieſe letztere Bezeichnung ſcheint in ſtarker Entſtellung an der Werra vorzukommen, wo die Lünſewid der Schwalm zwar auch meiſt ſchlechthin Stätzel, aber auch Lichſtätzel genannt wird. Iunzen, leicht ſchlummern, halbſchlummernd ſich im Bette halten, ſich behaglich zum Schlummer niederlegen. Hier wie anderwärts ſehr üblich: im Fuldaiſchen ſpricht man loinzen. Schottel Haubtſpr. S. 1359 lunſchen, suaviter adniti. Schmeller 2, 470. 485. Lupp fem., Schmalkaldiſches Scheltwort für eine lüderliche Weibsperſon, eine gemeine Hure; gleichbedeutend mit Lusch. Reinwald 1, 99. Lüpper (Lüppert) muß das niederdeutſche lübbe, Rieſe (Grimm alt⸗ deutſche Bil. 1, 370. Mythol. (2) S. 492) ſein in der Benennung eines großen Grabhügels aus älteſter Zeit, welcher bei Warzebach ſich findet und das Lüppers⸗ grab (Lüppertsgrab, Lippertsgr.) genannt wird. Den Einwohnern von Warze⸗ bach dient dieſes Grab als Verſamlungsplatz bei ihren Auszügen am Maitag (Himmelfarts⸗ und Pfingſttag). Vgl. Zeitſchr. f. heff. Geſch. u. LK. 4, 79. 256 Lurchen — lützel. lurchen, ſchlürfen; im Haunthal und überhaupt im Fuldaiſchen Land ſehr üblich. Das Wort fehlt bei Schmeller, findet ſich aber in der Schweiz, Stalder 2, 187: lürggen, nippen, ſchlürfen. Daher Lurch, Lorch msc. und neutr., ein Trunk („Suff“), im Fuldaiſchen ſehr üblich, anderwärts jetzt nicht mehr bekannt. Doch muß dieſes Wort ehedem ein in ganz Heſſen gebräuchliches Wort geweſen ſein, denn in Kaſſeler Schul⸗ rechnungen aus dem 16. Jarhundert findet ſich: „iij Pfennig für ein lorch“. Gelürre neutr., Gerümpel, unbrauchbares, bei Seite geſtelltes Haus⸗ geräte; auch ein baufälliges, den Einſturz drohendes Gebäude nennt man ein Gelürre. Lusch fem. 1) unzüchtige Dirne, ſeile Hure. Schmalkalden. Rein⸗ wald 1, 99. Schmaller 2, 506. Gleicher Bedeutung iſt Lupp, w. ſ. 2) in Oberheſſen, beſonders in deſſen weſtlichen Theilen: Mund, in ver⸗ achtendem Sinne, wie ſonſt Guſche gebraucht wird, und hin und wieder neben Guſche gebräuchlich. lüistern, auch lüspern, lauſchen, horchen. Im weſtfäliſchen und ſäch⸗ ſiſchen Heſſen. Strodtmann 1d. Osnabr. S. 130—131. Richey Id. Hamb. S. 157. Brem. WB. 3, 105. Luststiel msc., Luststrauch msc., und abgefürzt Lust fem., in Ober⸗ heſſen, wenigſtens in den nordöſtlichen Gegenden, und im nördlichen Theile der Grafſchaft Ziegenhain Benennung der aus künſtlichen Blumen verfertigten Sträuße, welche die jungen Burſche (Knechte) und Mädchen bei Kirmeſſen und Hochzeiten tragen. „Sie habe die Kindern vff den boden gefuhrt, ihren Caſten vffgeſchloſſen, —auch eine ſchachtel mit Luſtſtiehlen vnd eräntzen gezeigt“ Marburger Hexen⸗ proceſſacten von 1682. „Bruſttücher, luſtſträuche und anderes“ Ebdſ., aus Betziesdorf. Die Abkürzung Luſt iſt im Amt Schönſtein gewöhnlich. S. Zeit⸗ ſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 80. Vgl. Vorreigen, Zwick. lüttig (iuttich), klein; niederdeutſche Form des hochdeutſchen lunil, lützel. Die Form des Wortes iſt in ganz Niederheſſen üblich, die Bedeutung klein beſchränkt ſich jedoch auf die Diemelgegend, wo klein ſelten, ſondern regelmäßig nur lütk (en lütken plag, ein kleines Kind) gebraucht wird. Gewöhnlich bedeutet lüttig, lutich, leichtfertig, eilfertig, oberflächlich, ſowol von Menſchen wie von deren Verrichtungen gebraucht. „Ein tüttcher (auch „lettcher“ geſprochen) Kerl“ ein leichtſinniger Menſch (ſo an der untern Schwalm und Eder); „der Tiſch iſt gar lüttig gemacht“; „nähe das nur ſo ganz lüttig an“. Eben ſo in der Graf⸗ ſchaft Hohenſtein, Journ. v. u. f. Deutſchland 1786, 2, 116. lützel, klein, gering; jetzt in Heſſen nicht mehr üblich, dafür lütlig (w. ſ.); ehedem muß jedoch das Wort auch hier, wie ſonſt in Oberdeutſchland, ſehr üblich geweſen ſein. So hieß eine beſeſtigte Anhöhe dicht nordweſtlich von Marburg die Lützelburg vgl. Entdeckter Ungrund ꝛc. 1753. S. 44. Kopp Handb. 6, 394. (Später führte die Lützelburg den Namen Weinberg, ſeit 1814 Auguſtenruhe, jetzt wird ſie gewöhnlich Minne genannt). Eben ſo findet ſich neben dem Chriſtenberg, zunächſt vielleicht im Gegenſatz gegen die Lüneburg, eine Lützelburg. Auch die niedrigere ſüdliche Vorburg der Amöne⸗ burg, gewöhnlich Wenigenburg genannt, kommt zuweilen als Lützelburg vor. Unweif des Dorfes Wernswig liegt das Dorf Lützelwig, bei Breitenborn Machen — Mäde. 257 Amts Bieber das Dorf Lützel (d. h. eigentlich: Lützelborn), und bei Alten⸗ haslau Lützelhauſen neben Großenhauſen. (Bei Gießen liegt auch, neben Großenlinden/ das Dorf Lützellinden). Sonſt findet ſich noch einLützels⸗ berg (Gerterode), ein Lützelſtrauch (Oberellenbach), Lützelfeld (Großſeelheim) u. dgl m. M. machen wird in ganz Heſſen für reiſen gebraucht, falls das Ziel der Reiſe dabei angegeben wird: „nach (auf) Kaſſel machen“, „auf Frankfurt, Gotha u. ſ. w. machen“; „wieder zurück (nach Hauſe, oberheſſiſch: auf Haus) machen“. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1414. Die Formel ſcheint niederdeutſch, da man in Niederdeutſchland (Hamburg, Holſtein) machen für gehen, reiſen, auch ohne zu⸗ gefügtes Ziel, gebrauchen hört: „nun kann ich wieder machen“ d. h. bin hin⸗ reichend zum Weitergehen gekräftigt. Machetôre msc., Hanswurſt. Dusser Keyser liss uss sime hoffe vertriben alle gockeler, spillude, ludderbuben, herolden, machedorin, huren vnd derglichen. W Gerſtenberger Chron. bei Schmincke Monim. hass. 1, 104. Das Wort iſt ein Imperativ: ſtell einen Thoren vor; ähnlich dem Machmann Friſch 1, 613 (wiewol Oberlin s. v. meint, es könne auch Machtmann heißen), und gleichfalls ähnlich dem Worte Machwüst, welches der Name eines berüchtigten Wilddiebes war, der um das Jahr 1550 im Reinhardswalde er⸗ ſchoßen wurde (ſ. Kirchhof Wend⸗Unmut 1602 S. 559), ſo wie dem noch jetzt in Vacha vorkommenden Familiennamen Machetanz. Dieſe Compoſition mit mache⸗ ſcheint ſonſt nicht vorzukommen. mächtig iſt in der Bedeutung gültig, rechtlich wirkſam, noch jetzt hin und wieder, namentlich in Oberheſſen, üblich; ehedem ſehr allgemein im Gebrauche, z. B. genau in dem noch jetzt mit dem Worte verbundenen Sinn in einem Verhörprotokoll Treisbacher Gemeindeglieder von 1609, welche aus alten Ur⸗ kunden zu beweiſen ſuchten, daß die Collatur der Pfarrei Treisbach der Gemeinde zuſtehe; hier handelte es ſich darum, ob dieſe Urkunden für das angeſprochene Recht mächtig oder ohnmächtig, beweiskräftig oder nicht, ſeien, und ſo kommen denn die eben angeführten Ausdrücke in jenem Protokoll äußerſt häuſig vor: „ſie hetten dem Greben an den Stecken gelobt, daß ſie den Brieff vor vnſern gn. F. und Herrn tragen wolten, daß S. F. Gn. erkennete, ob er mechtig were oder nicht“; „ob. J. F. Gn. die Brieff in macht oder ohnmacht erkennen wolte“ u. v. a. St. Mädchen. Die Mägde pflegen ſetzt die Bezeichnung Magd als er⸗ niedrigend, wo nicht gar als ehrenrührig zu betrachten, und verlangen, nur mit dem Deminutiv Mädchen bezeichnet zu werden. Redensarten, Lebensregeln: Ein Madchen darf nicht ſo lange müßig gehen, als ein Huhn einen Kern aufhebt. Ein Mädchen muß einer fliegenden Bettfeder über drei Zäune nachſpringen. Schwearalraun Madchen iſt in manchen Gegenden der Name des Adonis⸗ blümchens. Made mse., der abgemähete Strich Gras (Heu oder Grummet). Gemade neutr., das Abgemähete, gleichbedentend mit Aäde. Gemädke iſt Bilmar, Jdiotikon. 17 258 Mäddeln — Mackes. ziemlich allgemein üblich, Made vorzüglich im Amt Schönſtein. Seltner und in manchen Gegenden gar nicht im Gebrauch aber findet ſich in Heſſen der gemein⸗ hochdeutſche Ausdruck Schwade. mäddeln, ſchmutzig machen. Niederheſſen, beſonders nördlich von Kaſſel. g./4n 67 A. Maden, Name eines Dorſes bei Gudensberg, darf als einer der be⸗ merkenswerteſten heſſiſchen Ortsnamen in dieſem heſſiſchen Idiotikon nicht fehlen. Die älteren Formen des Wortes ſind Mathanon (Brev. S. Lulli), Madanun 1045 (Kopp Gerichtsverf. 1, Urk. No. 47), Mathenun 1074. Augenſcheinlich iſt Mathanon, Malhanun ein Dativ des Plurals eines Nominativs mathan (in ſpäterer Schreibung madan), und dieſes madan iſt warſcheinlich ein Neutrum, gleich mogan (rö d𝓁radJat, vis), und eben ſo warſcheinlich ein ähnliches Ab⸗ ſtracium von einem Verbum madan, wie magan (vis) ein Abſtractum von mogan (posse) iſt. Von eben dieſem Verbum mathan iſt abgeleitet das gothiſche mathls (concio), ahd. madal, und es ſcheint, als ob das Verbum mathan (madan) das eigentlichſte und älteſte Wort für dyopeösr geweſen ſei. Schwerlich hat mathan in der Bedeutung von mathls differiert, vielleicht daß mathau, madan (gleich lehau, pouhhan, parn (Grimm Gr. 2, 160) mehr präteritiſch zu faßen iſt: abgehaltene Volksverſamlung, dann die Stätte derſelben; wie mathls &yopa bedeutet Marc. 7, Ft ſo ze madanon die Stätte der abgehaltenen Verſamlungen. Maden war von älteſter Zeit bis in das 17. Jarhundert die bedeutendſte Verſamlungs⸗ und Gerichtsſtätte des niederheſſiſchen Volkes; noch Landgraf Moritz hat hier Landtage abgehalten. Maikleher msc., Benennung des Maikäfers im Ebsdorfer Grunde. Vgl. Klette. Maikräutchen. Dieſen Namen führt in Heſſen, zumal in Nieder⸗ heſſen, ganz eigens die Kryptogame Osmunda lunaria, welche als ein Beſtandtheil des „Gekrüdigs“ ſehr geſucht, und im Ganzen nur ſelten anzutreffen iſt. Maifart fem., die Grenzbegehung, der Grenzumgang ſeitens der Gemeinden, welcher früherhin im Mai gehalten wurde. Der Ausdruck iſt an der Diemel noch jetzt im Gange, wiewol die eigentlichen Maifarten, die Bittumgänge in der Kreuzwoche (Bittwoche, Rogatewoche) längſt vergeßen ſind und die Grenzbegehungen, wenn und wo dieſelben noch gehalten werden, wenigſtens im Mai nicht mehr ſtattfinden. Majuse fem., Erdbeere. Nur an den ſüdöſtlichen Abhängen des Vogels⸗ bergs in einigen Ortſchaften des Iſenburgiſchen und ſonſt nirgends vorkommende ſeltſame Bezeichnung. (Vgl. Ampe, Murr). mackelicht, gewöhnlich mackelig, dick, fleiſchig, rundlich, vom menſch⸗ lichen Körper und deſſen Gliedern, am meiſten der kleinen Kinder gebräuchlich. In ganz Heſſen, beſonders in Niederheſſen mit Einſchluß der niederdeutſchen Bezirke, gebräuchlich, als ein lobendes und gleichſam zärtliches Beiwort für ein geſundes, wolgenährtes Kind. Eſtor S. 1414. Vgl. Schmeller 2, 549, wo dieſes Wort in der Form mockelicht zu Mocke, Brocke, gezogen iſt. Vergleichung verdient übrigens auch das nieder⸗ deutſche maklit (gemächlich, bequem) Richey S. 73 und anderwärts. Mackel, Mackelchen, Koſewort für ein kleines wolgenährtes Kind. Mäcker msc., Luſt, Neigung; „großen Mäcker haben“; meiſt in nega⸗ tiver Verbindung gebräuchlich: „er hat keinen Mäcker“. Haungrund. Maches plur. tant., Schläge. Iudendeutſch (hebr. Hdw) aber in Müks — Malter. 259 manchen Gegenden, wo die Iuden häuſig ſind, auch volksüblich geworden, doch meiſt nur im Scherze oder halbem Scherze angewendet. Schmidt weſterw. Jd. S. 109. Mäks neutr., Kalb. Im Haungrund, ſonſt nirgends üblich, wenn auch weiter ſüdlich im Fuldaiſchen bekannt; doch ſoll es auch an der Ulſter gebräuch⸗ lich ſein. Vgl. Mokel, Kuh und Mökele, Kalb, welches nach dem Journal von und für Deutſchland 1786 S. 532 und Reinwald Henneb. Idiot. 1, 102 im Hennebergiſchen vorkommen ſoll. [Für das Schmalkaldiſche iſt es mir als dort vorhanden abgeleugnet worden; ob mit Recht?]. Man halte hierzu Möschle, welches, ſo wie Moische, Mösche u. ſ. w. Variationen eines und deſſelben Stamm⸗ wortes zu ſein ſcheinen. (ſ. Motschel). Mal neutr., wie gemeinhochdeutſch. Malstein, die einzige volksmäßige Bezeichnung des Markſteins, Grenzſteins, welche noch übrig iſt, nachdem Lochstein (ſ. d.) und Wandstein (ſ. d.) unter⸗ gegangen ſind. Es ſcheint ſich das Wort Mälstein übrigens, und ſchon in älterer Zeit, mit Markstein zu vermtſchen, indem nicht nur jetzt in vielen Gegenden Märstein geſprochen wird, ſondern dieſes unorganiſche Wort ſogar in Schriften und Drucken des angehenden 17. Jarhunderts vorkommt. Hochmal, jetzt meiſt Femininum, ziemlich oft vorkommende Flurſtücksbezeich⸗ nung, z. B. bei Rotenburg, bei Rüdigheim; hier meiſt Hommel geſprochen, ſo daß die öfter vorkommenden Ortsbezeichnungen „auf der Hommel“ hierher ge⸗ zogen werden müßen. Vgl. J. Grimm in der Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 2, 147—148. Steinmal, neutr., ſehr häufig vorkommende Benennung von Bergen und, meiſt an Bergen belegenen, Flurſtücken, ſehr oft Steimel geſprochen und geſchrieben. Es erſcheint das Wort z. B. bei Obergrenzebach, bei Salzberg (Berg zwiſchen Salz⸗ berg und Raboldshauſen), bei Gertenbach, bei Werda (A. Burghaun), bei Erks⸗ hauſen, bei Empfershauſen, bei Friedlos, bei Erksdorf (hier in der Entſtellung Steinmühl u. v. a. O. Es ſind Hochmal und Steinmal urſprünglich Steine, welche zur Bezeichnung von Verſammlungsſtätten, namentlich von Gerichts⸗ ſtätten aufgerichtet worden waren, Felſen, felſige Berge, welche zu ſolchen Be⸗ zeichnungen dienten. Vgl. J. Grimm a. a. H. maelig adv. und adj, ſehr, ſtark, groß; maeliger Dreck; maelig gross, maelig schoen u. dgl. Im Fuldaiſchen, und hier ſehr gewöhnlich, anderwärts nicht erhört. malles adj., dic, unbehülflich; Eſtor S. 1414. Auch ſubſtantiviſch: ein dicker Malkes, ein dicker, plumper, unbehülflicher Menſch. Nur in Ober⸗ heſſen gebräuchlich. Malter neuie. 1) ein Getreidemaß, deſſen Name urſprünglich ſichtlich die Quantität bezeichnet, welche auf einmal zum Malen gebracht wird. In Niederheſſen iſt dieſe Bezeichnung nur in wenig Gegenden üblich: bei Rotenburg und Allendorf nebſt Umgegend (Nentershauſen, Sontra), wo man das, was man im übrigen Niederheſſen Viertel nennt, mit Malter bezeichnet. Ueblich dagegen iſt Malter in Oberheſſen, wo man jedoch mit dieſer Bezeichnung eine weit größere (mehr als doppelte) Quantität Getreide bezeichnet, als man in Niederheſſen unter Viertel oder Malter begreift; ſodann in Fulda, in Schmal⸗ kalden und in der Obergrafſchaft Hanau, wo das Malter auch, wenn gleich nicht in dem Verhältnis wie das oberheſſiſche Malter, größer iſt als das niederheſſiſche Malter oder Viertel. Bgl. Schmeller 2, 571. 17 260 Mampfelicht — Mantelkraut. 2) ein Holzmaß, welches nur in einem ſehr beſchränkten Kreiße, nämlich in den Geſamtwaldungen der Trotte zu Solz und der Freiherren Verſchür, bei Solz (Bauhaus, Bellers) vorkommt, 4 Fuß hoch, 4 Fuß weit und 5 Schuh lang iſt, ſo daß ein ſolches Malter 80 Kubikſchuh enthält, und 1 ⅜ Malter einer heſſiſchen Holzklafter gleich iſt. Vergl. Kopp Handbuch 5, 288. mampfelicht, feucht, von dem auf dem Felde ſtehenden Getreide gebraucht; ſo lange es noch mampfelicht iſt, kann es nicht eingefaren werden. Hin und wieder in Oberheſſen, z B. in einigen Familien des Dorfes Michelbach, in andern nicht, üblich. Das gewöhnlichere Wort iſt glim, klemm oder klamm (ſ. d.) J.,t f/22 man' nur (d. h. seulement; ſeltner für ne⸗que verwendet) iſt allein im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen üblich, anderwärts unbekannt und unverſtanden. Mandel, Zal von funfzehn Stück, der vierte Theil eines Schockes, iſt ein nur im Schmalkaldiſchen vorkommendes aber hier ſehr übliches Zählmaß. Mane fem., richtiger Mande, Tragkorb größerer Art. Das Wort iſt nur im Hanauiſchen (wie in Frankfurt u. ſ. w.) üblich. Alberus im Dictionarium hat beide Formen: Maun (d. i. Man) und Manne. mang, niederdeutſch mank, darunter gemiſcht, zwiſchen eingebracht, da⸗ zwiſchen eintretend oder befindlich; oft dermang (dermank). mank den Hafer sind Erbsen gesäet. er kam mir dermank (damank), er kam mir dazwiſchen, vereitelte meinen Plan. In der Diemelgegend und an der Schwalm, anderwärts ungebräuchlich und in den meiſten Gegenden auch unverſtanden. Mangel m., boeser Mangel, die Epilepſie, fallende Sucht. Noch jetzt hin und wieder üblich, ehedem eine ſtehende Bezeichnung dieſer Krankheit. „Sie habe dieſe Nacht drei mal den mangel gehabt“; „eins der kinder ſei auch am böſen mangel geſtorben“. Marb. Hexenproceſſacten von 1648 (aus Bottendorf). Sonſt Leid (ſ. d.) und Krank (ſ. d.). // Hmo 7. 711. Mannskèr fem., die Wendung welche ein Menſch mit dem Körper macht; faſt nur in der Redensart gebräuchlich: einer mannsken, unerwartet, un⸗ verſehens — ehe man ſich umwendet; „man ſah und hörte nichts von den Koſaken, einer Mannskehr aber waren ſie ſchon aus dem Wald und im Hofe“; Erzälung 1813. Oeſtliches Heſſen; Umgegend von Sontra. Mannskraft, in der Knüllgegend der Name von Geum urbanum und Geum rivale, welche Kräuter beide vor ihrer Blüte und um der Wurzel willen eifrig geſucht werden, noch mehr das erſtere, häufig vorkommende, als das zweite, ſeltnere. „Mannskraft und Mantelkraut“ wurden vor 40 —50 Jahren ſtets alliterierend zuſammen genannt, als die unentbehrlichen Hausarzneien, wie ander⸗ wärts Doſten und Dorant gegen die Zaubereien alliterierend zuſammengeſtellt wurden. Vgl. übrigens Dodebüdel. 7 S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 4, 81. manschen, mantschen, in Altheſſen in ganz demſelben Gebrauche, wie matschen (ſ. d.), beſonders vom Zerwühlen der Speiſen, bei Kindern, welchen die Speiſe nicht mundet, und von ſchlecht, zu flüßigem Brei, gekochter Speiſe gebraucht. Warſcheinlich nur eine Sprachvariation von matschen. Eben ſo in Baiern Schmeller 2, 600.P/i16 7 R2. l. . . u,1774 Mantelkraut, der Name von Alchemilla vulgaris, deren Blätter einem runden Frauenmantel, wie ihn die Bäuerinnen ſeit Jarhunderten getragen haben und großenteils noch jetzt tuagen, ſehr ähnlich ſind;— ſonſt auch Frauen⸗ Mar- — maeren. 261 mantel, Unſer lieben Frauen Mantel (Rhön) u. dgl. genaynt. Die Pflanze wird noch immer fleißig geſucht, weil man ihr auflöſende urd ſchmerz⸗ lindernde Kräfte zuſchreibt. Mar- iſt erſter Compoſitionsteil des Namens einer Reihe von bewohnten Ortſchaften in Heſſen: Marbach (zweimal), Marborn, Marburg, Mardork (zweimal), Marjoss und Marköbel, und es gehört die Ermittelung der Bedeutung dieſes Wortes zu den keinesweges leichten Problemen der deutſchen Etymologie. Am leichteſten zu erklären und aus der Reihe der übrigen Mar- auszuſcheiden ſind die beiden Namen Marborn (im Huttiſchen Grunde) und Marjoss (an der frän⸗ kiſchen Joſſa); ihr Mar⸗ iſt eine Abkürzung von Maria: eigentlich Marienborn, Marienjossa. Alte Schreibung im ſtrengen Sinn gewährt nur der Name Mardorf: Marhdorf im 8.— 10. Jarhundert. Bei dieſem Namen konmt jedoch ſofort die auch ſonſt zu eingehenden Unterſuchungen auffordernde Frage zum Vorſchein: ob dieſes marh für das deutſche marhha, Grenze, oder für das keltiſche mark (Pferd), welches Wort von den Deutſchen als marh beibehalten worden iſt, zu halten ſei? Gegen die erſtere Annahme ſcheint ſehr deutlich der Umſtand aul ſprechen, daß die beiden heſſiſchen Mardorf nicht an irgend einer, nur als möglich zu er⸗ mittelnden Grenze gelegen haben. Marburg und Marbach entbehren alter Schreibung: dieſe Namen kommen erſt im 13. Jarhundert vor; eine Grenzburg war übrigens Marburg auch nicht, wenn man auch die einmal vorkommende Schreibung Marhpure in erſten Anſchlag bringen wollte. Maripure iſt entſchieden irrig, auch neben der ſchon in den erſten Decennien des 13. Jarhunderts über⸗ wiegenden Schreibung Marpurc nicht zu beachten; die daran im 16. und 17. Jar⸗ hundert geknüpften etymologiſchen Poſſen einer arx Martis liegen weit hinter uns. Indes widerſtrebt die Lage von Marburg mit ſeinem Bächlein Marbach auch der Zurückführung auf das keltiſche mark, marh, Ros. Ohnehin iſt vielleicht der Name des kleinen Baches älter als der Name der Burg, und hat wol eher dieſe ihren Namen vom dem Bach, als der Bach den ſeinigen von der Burg, erhalten. Man kann deshalb wol darauf verfallen, den Namen Marbach und Marburg von mari, See, abzuleiten: Marburg lag an einem von Kölbe bis nach Fron⸗ hauſen und Bellnhauſen (Friedelnhauſen) ſich erſtreckenden See (ſpäter Sumpf), welcher noch bis heute von ſeinem Vorhandenſein Zeugniſſe ablegt. — Schwerlich wird das Steieriſche Marburg etymologiſch mit dem heſſiſchen Marburg zu identificieren ſein. Maere fem., zwar auch, wie gemeinhochdeutſch, von ſchlechten, abge⸗ triebenen Pferden (nicht mehr von Stuten inſonderheit) gebräuchlich, indes nicht unter die üblichſten Wörter zu rechnen. Im nördlichen Oberheſſen (Frankenau) ſo wie im kölniſchen Sauerland iſt dagegen das Wort (geſprochen Mer) eine übliche, keineswegs ſchimpfende Bezeichnung für „kleines Mädchen“, und in Schmalkalden, ſogar in der Compoſition Schindmaer, ein nicht böſe gemeintes Scheltwort für Weiber überhaupt. „Hett Betlagtin der Vapelin mitt dießen worten geantwortet, du junge Meer, därffes du einen alten Mann dero geſtalt beſcheiden vnd laden?“ Marburger Hexenpröceſſacten ſaus Cappel] von 1655. „Alſo ſpricht die Mutter auch zu jrem Töchterlin, du Hürlin, du Sack, du Mehre, das iſt eitel,köſtlicher zucker vnd ſüſſer honig“, Luther Eisl. Suppl. 2, 468a. f.1o 7 1i S. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 80. maeren 1) in naßen, kotigen, klebrichten Sachen herumwühlen. Faſt nur in Niederheſſen gebräuchlich. Dieſelbe Bedeutung hat das baieriſche merren 262 Maerisch markischoen. Schmellzr 2, 611, nur daß dieſes merren noch einen weitern Umfang der Bedeutung hat. 2) langſam, ziehend, unzuſammenhängend und mit läſtiger Breite reden und erzälen Gleichfalls vorzüglich in Niederheſſen üblich. Gemoere neutr., langſam vorgebrachte, unordentliche und unnütze Rede oder Erzälung. Sehr üblich. Wenn maeren und jenes merren, wie warſcheinlich, wirklich identiſch ſind, ſo iſt es nach Schmeller a. a. O. vollkommen zuläßig, dieſelben auf goth. marzjan, ahd. merran, allerdings mit nicht unerheblich veränderter Bedeutung, zurück zu beziehen. Das niederheſſiſche Wort hat dann eine unorganiſche Ver⸗ längerung des Vo⸗als angenommen, und dafür die Gemination des Conſonanten unterdrückt. maerisch ſ. mördsch. Pl. 2./²2 Mm. 2 277 Mark fem., urſprünglich limes, signum, terminus (signum limitum), dann Wald, als die natſctiche und älteſte Grenze der Anſiedelung; vgl. Grimm RAl. 496—497. D. der Wald Geſamteigentum war, ſo bedeutet Mark auch Weide, die nebſt dem Walde das Geſamteigentum bildete. de silva apud Selem sita, 9 b quae vulgariter marcha vocatur. 1261. Wenck heſſ. LGeſch. 2, 160. Heut zu Tage iſt das Wort, bevorab in der alten Bedeutung, nur noch ſehr ſpärlich im Gebrauche; gemeine Weiden heißen noch in einzelnen Gegenden appellativiſch Mark z. B. bei Altenbrunslar, und mehrere Walddiſtricte führen den Eigennamen Mark, ſo bei Willingshauſen und Neuſtadt, bei Lenderſcheid, bei Erbenhauſen (die rote Mark), zuweilen nur noch als Compoſitum, z. B. der Markwald bei Beuern und bei Hanau in der Bulau, das Markhölzchen zwiſchen Asmushauſen und Lispenhauſen; ſodann die Kuhmark zwiſchen Fortbach und Sichertshauſen, die Gänſemark (Kirchvers), die halbe Mark bei Allen⸗ dorf (auch Bezeichnung einer einzeln gelegenen Förſterwohnung daſelbſt: Halbe⸗ mark), die Viermark bei Kirchvers u. ſ. w. Markstafel msc., Schmetterling, Papilio im Allgemeinen, indes werden doch vorzugsweiſe die bunten Tagſchmetterlinge im Gegenſatz gegen den Milchdieb (ſ. d.) ſo genannt. Schmalkalden. Daß das Wort ein Compoſitum ſein müße, iſt klar; unklar der Sinn der Compoſition, obgleich stafel, stapel auch bei Heustapel, Sprincstapel (Strodtmann S. 226), Heuſchrecke, vorkommt. marktgebe (richtig: -gaebe) eine im 17. Jarhundert und vorzüglich nur in den Aemtern Homberg und Borken ſehr oft, ja gewöhnlich vorkommende Bezeichnung des von den Zinsleuten zu liefernden Getreides: es muß markigebe Frueht geliefert werden, d. h. ſolche Frucht, wie ſie auf den Markt gegeben werden kann. In den Leihebriefen des 17. Jarhunderts aus dem angegebenen Bezirk iſt das Wort faſt ausnahmslos anzutreffen. Belege bei Lennep Leihe zu Landſiedelrecht Cod prob. S. 487 u. a. St. marktschoen iſt die, der Bezeichnung marktgaebe gleichbedeutende Bezeichnung des von den Cenſiten zu liefernden Getreides. Dieſes Wort findet ſich ſchon im 16. Jarhundert und dauert in den Leihebriefen fort bis in das 18. Jarhundert, iſt auch in weit allgemeinerem Gebrauche als marktgaebe: „der Zinsmann muß trockene marktſchöne Frucht liefern“ — ſo in niederheſſiſchen wie in oberheſſiſchen Leihebriefen. Belege finden ſich zalreich bei Lennep a. a. O. S. 58 u. v. a. St. Heut zu Tage ſind mit der Lieferung von Naturalgefällen beide Ausdrücke völlig außer Uiebung gekommen, aber auch die Bezeichnung, durch welche dieſelben Marren — matschen. 263 ſeit der zweiten Hälfte des 18. Jarhunderts erſetzt wurden: marktkein wird aus gleichem Grunde jetzt kaum noch vernommen. marren bezeichnet das gutgemeinte Knurren der Hunde, namentlich wenn ſie als junge Thiere knurrend mit einander ſpielen. Das Wort findet ſich in Nieder⸗ und Oberheſſen. Eſtor S. 1414. MArt neutr., das Gebiß, die Zähne in ihrer Geſamtheit, vorzugsweiſe die Geſamtheit der zermalmenden Zähne, die Backenzähne im Ganzen.„Er hat gar kein Märt mehr“, er hat ſämtliche Zähne verloren. „Ich habe das Märt verloren“, ich habe nicht mehr meine vollſtändigen Zähne, namentlich keine Backenzähne mehr. Im Amt Schönſtein, Haina, und ſarſt in der Umgegend. Anderwärts iſt mir dieß, ſeiner Etymologie nach dunkle Wort nicht aufgeſtoßen. Ueberſehen darf man hierbei nicht das uralte marchzand, dens maxillaris, der Legg. Baiuv. 4, 16 und Legg. Alam. 64, 5, wenn gleich auch dieſes Wort ſich nicht genügend will deuten laßen, und der regelrechte Uebergang aus march⸗- zand in märt nicht nachweisbar iſt. Vgl. Schmeller 2, 615. Masch neutr., die wenn auch unrichtige, doch in ganz Niederdeutſchland übliche Ausſprache von Marsch, bedeutet das Tiefland, den lehmigen Ackerboden, gegenüber dem Bergland mit mehr ſteinigem, trockenem und weniger fruchtbarem Boden. Es iſt das Wort bei uns noch appellativiſch vorhanden in Hofgeismar, Trendelburg u. a. O., auch in dem weſtfäliſchen Dorfe Oſtheim an der Diemel; Maſchland iſt gutes Tiefland. S. Brem. WB. 3, 133. Masz 1) ein Gemäß flüßiger Gegenſtände, vier Schoppen haltend, iſt in Niederheſſen neutral, wie gemeinhochdeutſch, in Oberheſſen femininiſch, während das Wort ſo wie es allgemeine, abſtracte Bedeutung hat, auch hier neutral iſt. „daß ſie eine maas melken können“ Marburger Verhörprotokoll von 1658. 2) in ähnlicher Weiſe gilt im Hanauiſchen das Simmer für das Maß xar' &Foxyjy des Getreides: zu einem Maasz Land iſt ſo viel, wie mit einem Simmer beſäet werden kann, ein halber Morgen. 3) wiederum in derſelben Weiſe iſt in Altheſſen die für eine Wieſenportion beſtimte Ackerzal das Maß ſchlechthin. Lennep Leihe zu Landſ. R. S. 329. Kopp Handbuch 6, 409. Masze kem. iſt zwar jetzt, wie es ſcheint, Eigenname von Flurſtrecken und Flurſtücken, welcher in Königswald, Dankerode und wenigen andern in jener Gegend gelegenen Dörfern vorkommt, muß aber vor nicht langer Zeit Appellativum geweſen ſein, wie dieß der Gebrauch (z. B. „in der Dietrichs Maaße“) deutlich ausweiſt. Welche Bedeutung aber das Appellativum dort gehabt oder noch haben möge, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. matschen wird in zwei weit von einander abweichenden Bedeutungen gebraucht: 1) in Altheſſen bedeutet matſchen, wie auf dem Weſterwald (Schmidt weſterw. Id. S. 110), unreinlicher Weiſe in etwas Flüßigem, Weichem, herum⸗ wühlen. Vgl. munschen. 2) im Fuldaiſchen aber bedeutet matſchen: im Kartenſpiel alle Stiche machen. Eben ſo verhält es ſich auch mit Matsch msc. Es bedeutet 1) in Altheſſen eine ſchmierige, unreinliche Halbflüßigkeit, z. B. halb⸗ flüßigen Straßenkot, ſchmelzenden Schnee, durch fehlerhaftes Kochen zu Brei und ungenießbar gewordene Speiſen u. dgl. Metaphoriſch: ein unſelbſtändiger Menſch. 264 Maulaffe — medern. 2) im Fuldaiſchen dagegen iſt Matſch der Trumpf im Kartenſpiel. 3) nach Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1414: „Matſch am tiſche, wenn man nichts bekömmt“. Ich habe das Wort in dieſem Sinne in der Volksſprache nicht auffinden können. Maulaffe iſt, außer ſeiner gemeinhochdeutſchen Bedeutung, die auch dem Volke geläufig iſt, in Marburg und ſonſt der Name eines mürben Weizen⸗ gebäckes, in elliptiſcher oder auch viereckiger Form gebacken. Im Jahr 1839 wurde dieſe Bezeichnung durch eine andere („Apoſtel und Propheten“, von Kaſſel her eingeführt) zeitweiſe zwar verdrängt, kam indes nach einigen Jahren wieder zum Vorſchein. Maultasche k., Ohrfeige, kommt in den erſten Jahren des 17. Jar⸗ hunderts in den Bußregiſtern vor, und behauptet ſich in denſelben und ähnlichen Literalien durch das ganze 17. Jarhundert. Früher iſt es mir nicht aufgeſtoßen. Maulſchelle habe ich niemals geſehen; Ohrfeige iſt noch jetzt dem Volke nicht geläufig. Maus kem., der dem Volke allein geläufige Ausdruck für das lateiniſche Muskel.. ₰ 232F:Z. 4 Redensarten: „daß dich das Mäuschen beißſ gewöhnliche, beſonders im öſtlichen Heſſen vorkommende Redensart, um einen leichten Aerger ſcherzhaft auszudrücken; eine ſchon ältere Formel, z. B. in Filidors Ernelinde (1665) S. 60. „er macht ein Geſicht, wie ein Töpfen voll Mäuſe“, ein finſteres, verdrießliches Geſicht. In ganz Heſſen, wie beſonders in Niederdeutſchland üblich. Strodtmann 1d. Osn. S. 360. „er guckt heraus, wie eine Maus aus einer Wickel Werg“, in Niederheſſen ſehr gebräuchlich, um die Kleinheit einer Perſon im Gegenſaß gegen die großen und weiten Kleidungsſtücke, die ſie angelegt hat, ſcherzhaft oder ſpöt⸗ tiſch zu bezeichnen. Das Werg wird in Wickeln aufbewahrt, und in dieſen Wergwickeln niſten die Mäuſe häufig; werden nun die Wickeln aufgenommen um gebraucht zu werden, ſo ſchaut gewöhnlich eine der jungen Mäuſe aus dem Stirntheil der Wickel mit großen Augen heraus. Strodtmann Id. Osnabr. S. 368 (Muus in der Heede). Mäus fem., auch wol Maus geſprochen, bos femina, die Kuh, eine in ganz Niederheſſen und in der Herſchaft Schmalkalden übliche Bezeichnung; zumal iſt Mäus der gewöhnliche Lockruf und das Schmeichelwort für die Kuh. Mäuskalb, Mäusenkalb, ein Kuhkalb, dem Ochſenkalb entgegen geſetzt. Ueblichſte Bezeichnung. Eſtor S. 1414. Das Blindetuhſpiel heißt deshalb im öſtlichen Heſſen und im Schmalkaldiſchen Blinzelmäus. Warſcheinlich iſt das Wort verwandt mit Mösche, Mötsche, welches Adelung 3, 292 u. 294 aus der Lauſitz und aus Meiſſen in gleicher Bedeutung (Mösche, Kuh, Möschenkalb, ein Kalb weiblichen Geſchlechts, zum Unterſchiede von dem Ochſenkalb) verzeichnet, und wovon Möschle im Schmalkaldiſchen, Motschel im Schwarzenfelſiſchen noch üblich iſt, wenn gleich ohne Unterſchied des Geſchlechtes (ſ. d.). Möglich, daß alle dieſe Wörter ſlaviſchen Urſprungs ſind, worauf Adelung Môsche zuruͤckführt. Mausgedarm neutr., im Schmalkaldiſchen der Name für Alsine media, Hünerdarm. mäuzeln (sich), ſich plagen. Im Haungrund. medern verh. impers. meiſt nur in der Verbindung „es medert mich nichts“ d. h. ich habe, aus Krankheit oder Kummer, an nichts Freude, an nichts Medum. 265 und zu nichts Luſt, mag mich um nichts bekümmern, bemühen — oder im ſchriftdeutſchen Jatgon: ich habe für nichts Intereſſe. Im Fuldaiſchen, beſonders in den Ortſchaften an der vorderen und an der hohen Rhön. Medum, Medom msc. Das Wort bedeutet Gabe, Abgabe, namentlich Abgabe welche auf Grundſtücken haftet, und es werden deshalb Grund⸗ ſtücke, auf welchen eine ſolche Abgabe ruhet, Medumsland genannt. Von welcher Art dieſe Abgabe iſt, ſcheini ſich nicht mit völliger Beſtimtheit nachweiſen zu laßen; jedenfalls ſteht Medum neben dem Zehnten oder ihm gegenüber, alſo zunächſt als eine höhere Naturalabgabe als der Zehnte iſt (der Siebente, Fünfte oder noch mehr, ſ. u.), oder auch möglicher Weiſe als Getreideabgabe (ſackfallende Frucht) oder gar als Geldabgabe, worauf der Urſprung des Wortes hinzuweiſen ſcheint. Höchſtwarſcheinlich iſt nämlich unſer Medum, Medom das gothiſche mäithms (Mare. 7, 11), welches der Gothe hier offenbar (vgl. Matth. 27, 6) als Geld⸗ gabe verſtanden hat, wie auch das angelſ. mädhm im Beowulf und das altſächſ. methom im Heliand res pretiosa, meiſt Gold, bezeichnet. Anders faßt J. Grimm unſer Medum (Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 2, 150— 132), indem er, geſtützt auf die in einem Trierer Rechtsbuche des 13. Jarhunderts vorkommende Form medimo, nicht ohne eine gewiſſe Warſcheinlichkeit den Ausdruck als Hälfte (Mitte) des Ertrags, welche von dem Grundſtück als Abgabe in älteſter Zeit entrichtet werden mußte, erklärt. Das goth. mäithms findet er dagegen in dem mhd. meidem, meiden wieder, ſ. Meiden. Die Bezeichnung Medum, Medumsland, findet ſich bei uns nur in Oberheſſen, ſo wie, wenigſtens ehedem, weiterhin nach dem Mutel⸗ und Nieder⸗ rhein zu. Meiſtens ſind die Medumsäcker dem Walde nahe liegende Flurſtücke, mithin auch von geringerer Qualität. Eſtor bürgel. Rechtsgel. der T. §. 425. 796. 1957. 4450; 3, 1414, wo er Möddum ſchreibt (vgl. deſſen Kleine Schr. 1, 75. Kopp Lehnproben 1, 284. Cramer Wetzl. Nebenſtunden 1, 65), erklärt die Medemsäcker für ſolche, welche nur zwei Jahre (Korn oder Hafer) zehnten, im dritten Jahre brach liegen und abgabenfrei ſind. Dieß würde jedoch keinen Unterſchied von den bei weitem meiſten Zehntländern in Heſſen begründen, in⸗ dem vom Brachlande nirgends Getreidezehnte entrichtet worden iſt, und ſelbſt der Brachzehnte (Treſeneizehnte) nicht überall Rechtens war. Daß Medum Abgabe bedeute, ergibt ſich aus den von Grimm in der Zeitſchrift a. a. O. angeführten Stellen, ſodann aus dem bei Wenck 2, 440 abgedruckten Urkundenextract von 1370, Caldern betreffend, wo der Hof Bru- ningshusen (Brungershauſen bei Caldern) mit ſeinem Grund und Zubehör an Holz, Zehnten und Medomen erwähnt wird; ferner aus einem Leihebrief von Ockershauſen aus dem Jahr 1573 bei Lennep Leihe zu Landſiedelrecht Cod. prob. S. 79, wo es heißt: „Erſtlich Sechs Morgen Medumbs Landt, welche Uns in Unſern Medumb, wenn ſie tragen, das Siebende ſeil — geben“. Dieſe Abgabe der ſiebenten Garbe ſcheint dem Medum eigentümlich geweſen zu ſein, denn in jenem Trierer Rechtsbuch (bei Lacomblet Archiv zur Geſch. des Nieder⸗ rheins 1832 S. 338, und daraus bei Grimm Zeitſchr. a. a. O.) kommt gleich⸗ falls die septimu gelima vor. Die Bezeichnung Medum, Medumsland, Medumsacker, Medumswieſe, Erbmedumsland iſt in Oberheſſen äußerſt häufig. Mitunter wird das Wort von Unkundigen misverſtanden und in Widem (Widmungsland, wie z. B. Kirchwidem) verlehrt oder mit dieſem Worte verwechfeit. 266 Meblbeere —, Meisner. Mehlbeere fem., die Frucht des Weißdorns (Crataegus oxyacantha). In einem in meinem Beſitz befindlichen ungedruckten Weihnachtsſpiel aus dem Ende des 15. Jarhunderts kommt die Mehlbeere als eßbare Frucht vor v. 488 — 489: erber, bromber, heidelber, craczber vnd mülbern ynd darlzu die melbern. Es lann deshalb kaum ein Zweifel obwalten, daß mit den melbern des Weih⸗ nachtsſpiels nicht die völlig ungenießbare Frucht des Weißdorns, ſondern die Frucht des, jetzt in Heſſen äußerſt ſelten gewordenen Mehlbaums, Pyrus Aria, gemeint ſei. meien (sich), imperſonales Verbum: es meiet mich, ich ſcheue das es gereuet mich. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1415. Schottel Haubtſpr. S. 1363. Iſt wol ſicher nichts anderes, als das corrumpierte es mühet mich ſ. mühen. Oberheſſen. Meiden mse., Pferd, warſcheinlich Wallach, verſehnittenes Pferd. Dieſes im Mittelhochdeutſchen ziemlich häufig erſcheinende Wort kommt in heſſiſchen Urkunden höchſt ſelten vor; es iſt bis jetzt nur einmal, in einer Ziegenhainer Urkunde von 1369, gefunden worden, wo es heißt: eyn megden vnd eyn pert. Es ſcheint dieß derſelbe Gegenſatz zu ſein, welcher ſich anderwärts zwiſchen Meiden und Ros findet. Vgl. Schmeller 2, 551. Grimm Gramm. 3, 325 wollte es warſcheinlich finden, daß dieſes mhd. meidem, meiden daſſelbe Wort wie goth. mäithms ſei, und deſſen urſprüngliche Bedeutung enthalte; unbedingt folgt ihm Schulze im gothiſchen Gloſſar. Weit warſcheinlicher iſt Schmellers Erklä⸗ rung a. a. O. Dieſes in der Schweiz noch jetzt gebräuchliche Wort iſt bei uns gänzlich ausgeſtorben. Meilenrecht, ein Recht der Stadt Marburg, vermöge deſſen in einer Meile im Umkreiße keine Dorfſchaft Bier brauen durfte. S. Verordnung vom 4. Februar 1706. Eſtor t. Rechtsgelahrtheit 1, S. 609 (§. 1508), vgl. S. 102 (§. 253). mein, Ausruf der Verwunderung; in Heſſen nur im Fuldaiſchen, Hers⸗ feldiſchen und Ziegenhainiſchen (an der Schwalm, wo meng geſprochen wird) üblich, in Ober⸗ und beſonders in Niederheſſen ungebräuchlich. „meng bas sofl me sae?“ (mein, was ſoll man ſagen?) oft vorkommende Schwälmer Formel. Daß hier die Ellipſe lieber (mein Lieber) vorliege, iſt bekannt, aber im Be⸗ wuſtſein des Volkes längſt gänzlich erloſchen. Schmeller 2, 591 —592. meinst, Superlativ ſtatt meiſt. Grafſchaft Ziegenhain und Oberheſſen. „Aufs meinſte zwölf oder dreizehen mott“. Marburger Hexenproceſſacten v. 1658. Schmeller 2, 602. üeinster ſt. Meiſter kommt in oberheſſiſchen Zunftacten des 16. und 17. Jarhunderts äußerſt häufig vor, namentlich in Wetter. meisch, wol richtiger maisch, wie im Fuldaiſchen geſprochen wird, geil, roſſig; von der Pferde⸗ (auch Eſels⸗) Stute im Fuldaiſchen und im Haun⸗ grund, ſo wie im Schmalkaldiſchen gebräuchlich, im Schmalkaldiſchen auch ver⸗ ächtlich von Weibern. Im übrigen Heſſen gilt dafür roisch (reisch, reusch). Scheint nirgends anderswo in Deutſchland vorzukommen. Aare/ tio eſer Meisner msc., bekannter Berg, der höchſte in Altheſſen. Das Volk ſpricht Wissner, und zwar richtig, denn die älteſten Urkunden, welche ihn nennen, und die bis in die erſte Hälfte des 13. Jarhunderts zurückgehen, ſchreiben Wisener, und ſo bleibt die Schreibung bis in das 16. Jarhundert (wo zuerſt Meizern — Melak. 267 Meisner,“Meißner, ja Meichſner erſcheint, ſ. z. B. Landau Geſch. der Jagd S. 234), nur daß bis dahin und noeh in dkeſer Zeit öfter auch Wissener, ſiszner geſchrieben wird. Dieſe Schreibung und die mit derſelben übereinſtim⸗ mende Ausſprache des Volkes beweiſt entſchieden die Kürze des i, ſo daß an wise (sapiens) nicht zu denken iſt, geſchweige denn an wise (poena), wiewol hiervon ein unſerm Worte ſcheinbar ähnliches, dem Namen nach aber grund⸗ verſchiedenes Wort: wizanari, wizener (tortor, lictor) gebildet iſt, oder gar an wis (albus), woran die Unkentnis der Sprache wol gedacht hat, was jedoch durch die Verſchiedenheit des Auslautes entſchieden abgewieſen wird. Es muß vielmehr, wenn anders, was warſcheinlich iſt, der Name Wisener deutſcher, und nicht etwa keltiſcher Wurzel iſt, auf das Stammwort risan, ras zurückgegangen werden, welches urſprünglich manere, habitare, dann esse bedeutet, und wovon wisa, pratum, eigentlich: Aufenthalt für das Weidevieh, abgeleitet iſt. Dieſes Wort wisa, jetzt Wieſe, aber von dem Volk Wiſſe geſprochen, wird als nächſtes Stammwort für Wisener anzuſehen ſein, von welchem Wisener durch die mascu⸗ liniſche Ableitung ari (die ohne Zweifel ältere, nicht die jüngere äri Grimm Gramm. 2, 125 — 126. 130.) abgeleitet iſt, ſo daß das Wort in althochdeutſcher Form wisanari gelautet haben würde. Es müßte den Berg bezeichnet haben, welcher Aufenthaltsorte, Wieſen, für das Weidevieh gewährt hat, wie dieß bis in die neueſte Zeit wirklich der Fall geweſen iſt. Da nun aber -ari eniſchieden perſönliche Bedeutung hat, ſo müßte wol der Berg als Perſon aufgefaßt worden ſein, oder den Namen von einer Perſon (Wiesner, Wieſenbewohner, Viehhalter), die ihn in Beſitz gehabt, erhalten haben. An wisunt (bubalus), welches derſelben Wurzel zugehört, wird nicht zu denken ſein, da uns doch alsdann wol einmal die Schreibung wisenter begegnen würde. — An dem Berge lag übrigens im 13. Jarhundert auch eine bewohnte Ortſchaft: zuo dem Wisener, welche ihren Namen doch wol von dem Berg, nicht der Berg von der Ortſchaft, den Namen erhalten haben wird, wenn es gleich nicht gerade unmöglich iſt, daß dieſe Ort⸗ ſchaft die Wohnſtätte eines ſolchen Wiesners geweſen ſein könnte, und ſomit Berg und Hof oder Dorf in gleicher Weiſe ihren Namen von der Perſon erhalten hätten. meizern (faſt dreiſitbig geſprochen, wie meltern), bei einem abzu⸗ ſchließenden Handel von unten auf, ganz niedrig, bieten, und dann nach und nach das Gebot ſteigern, „zuſetzen“; auf jüdiſche Art handeln, ſchachern. Im ſüdlichen Oberheſſen. Ob das von Eſtor 3, 1414 aufgeführte „meſſern, ſich zancken“, hierher gehört, kann ich nicht ſagen, nur vermuten, da es mir nicht gelungen iſt, „meſſern“ im wirklichen Leben aufzufinden. Meckel, Frauenname älterer Zeit, in den heſſiſchen Literalien bis in das 18. Jarhundert vorkommend; warſcheinlich urſprünglich Mlegila, darnach in verkehrter Weiſe traveſtiert in Margareta (Schmeller 2, 616); doch tritt die Traveſtie bei dieſem Namen erſt ziemlich tief im 17. Jarhundert (1640) ein, während die älteren, auch officiellen Actenſtücke, die ſonſt ſehr frühzeitig zu der⸗ gleichen Traveſtieen geneigt ſind, nur Meckel haben. „Meckell, weyland Fur Peters nachgelaßene witwe“ Wetter 1576. Der Aceuſativ lautet Meckeln, desgleichen der Dativ. Larzktues 9. 535 Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. AK. 4, 81. Melak mse., tadelnde und zugleich ſchmähende (nicht aber übel gemeinte und ſchlanfende) Veeichaung eines ungeſchmeten, tolpiſchen Menſchen. Scmat⸗ kalden. 268 Meldericht — Mensch. meldericht acject., trübe, unrein, vom Waßer, welches faulicht iſt und mouſſiert, in welchem ſich Waßerfäden und Inſekten finden, ſo daß man Anſtand nimmt, es zu trinken. Oberheſſen. Warſcheinlich gehört das Wort als eine entſtellte Ableitung zu molta, Erde, Staub, denn Eſtor hat t. Rechtsgl. 3, 1415 das augenſcheinlich richtige Wort „mültern, der born wird trübe“. melzen, Malz bereiten, Gerſte zu Malz machen. „Zu dem andern gebruwe worden gemelczet vnd verbruwet x firtel“. Schloß Reichenbacher Rech⸗ nung von 1420.“ Noch jetzt wird dieſe Form neben der nicht umgelauteten malzen hin und wieder in Niederheſſen gehört. Memm, 1) msc. Euter, auch wol von der weiblichen Bruſt gebraucht. Allgemein üblich in Oberheſſen, anderwärts in Heſſen völlig unbekannt. „Ich will gehn bey den Weidenpſadt, Vnd will mein bäuchlein eſſen ſat, Das ich dir bring den Memm voll milch, Das ich das thu iſt recht vnd bilch“. Erasm. Alberus Tugend u. Weis⸗ heit 1550. S. 44. „Den Memm voll Milch hab ich dir bracht“. Ebdſ. S. 45. Vgl. Dit, Dutzen und Hutz. 2) Memme kem., Mutter, iſt in Heſſen einzig und allein von Judenkindern, bezw. den Juden gegenüber, im Gebrauche, während anderwärts (in Oberdeutſch⸗ land, im Elſaß) das Wort im allgemeinen Gebrauche ſich befindet. Vgl. meine Schrift: Zur Literatur Johann Fiſcharts 1865. S. 33. Nur das weſtfäliſche Moeme lehnt ſich einigermaßen an Memme, urſprünglich Mami, an. Auch in der Bedeutung Feigling, welche ſchon im 16. Jarhundert, z. B. bei Luther, vor⸗ kommt, iſt Memme durchaus nicht volksüblich; kaum daß das Wort verſtanden wird. Menge msc., Krämer, Kleinkrämer, Händler. Ein in der alten Sprache ſehr übliches, jetzt ausgeſtorbenes Wort. In heſſiſchen Urkunden und Verord⸗ nungen kommen Keßler und Mengen öfter zuſammen vor. Vgl. Kopp Handbuch 6, 22 ff. Eine Nebenform iſt Mengel, desgleichen Manger, welche beide Wörter in Heſſen nur noch als Familiennamen erſcheinen. (Lächerlicher Weiſe wird der zweite derſelben da wo er zu Hauſe iſt [Wetter] Manjer geſprochen). menneläuten, zur Gemeindeverſamlung unter der Dorflinde läuten. In der Diemelgegend üblich, ohne Zweifel als Verkürzung von méneläuten, gemeinläuten, vgl. Menweide. In Niederheſſen wurde und wird zum Theil noch dieſes Läuten „unter die Linde läuten“, verkürzt „lindeläuten“, in Oberheſſen ewertläuten genannt (j. Einwart). 9 5216 leuwe:t Mensch neutr., ſehr häuſig componiert: Wibesmensch, Wei'smensch, iſt im Volke überall noch ohne allen erniedrigenden oder gar gehäßigen Neben⸗ begriff die geläufigſte Bezeichnung der Fraueusperſonen. Im 16. und 17. Jarhundert erſcheint in heſſiſchen Literalien ungemein häufig neben dem Neutrum das Femininum: die Menſche, auch: die Menſchin, Menſchen. „die ſachen zwiſchen meinem ſohn und der menſchen“; „daß er der menſchen einen antheil gelts geben ſolte“ Wetterer Rentereirechnung von 1583, Belege. „Diemar Schneider und ſeine menſche (menſchin)“; Rauſchen⸗ berger Rentereirechnung von 1596, Belege, und ſo oft. „Die Menſche wäre gar bleich geweſen“ Marburger Criminalproceſſacten von 1680 u. ſ. w. Menweide — milgen. 269 Mènwelde fem. „Super pascuis que menweide vulgariter appellantur in Lintdorf sitis“. Ungedr. Urkunde des Kl. Spießcappel von 1269. Iſt, wie meenmark Richey Ditmarſ. Id. S. 418 die gemeine Weide, gemeine Mark (Allmende). Schmeller 2, 588. Wird zuweilen noch jetzt gehört. Vgl. menneläuten. 7 4b Merbel mse., d. h. Marmor, iſt im Schmalkaldiſchen die Bezeichnung der Marmorkugeln des Knabenſpiels, welche im übrigen Heſſen Wacken, Ueller, Schoßer heißen. Mergelrecht, Recht des Landſidels, analog dem Miſtrecht, ſ. dieſes. Urkunde von Rimundeshauſen (Rimedehuſen) bei Lennep Leihe zu 9SR. Cod. prob. 657. 705 u. a. St. Metze fem., iſt in Niederheſſen ein Getreidemaß, welches den 16. Theil eines Malters (Viertels) beträgt. Je nach den verſchiedenen Gegenden (Aemtern) iſt die Metze von verſchiedener Größe, mithin anch das Viertel (Malter) bald größer, bald kleiner; ſo hält die Kaſſeler Metze 505 ⅝ Kubikzoll, die Homberger Metze 632 Kubikzoll u. ſ. w. In Oberheſſen und in der Grafſchaft Ziegenhain kennt man nur Mött und Meſten, keine Metzen, oder es wird Metze für die Hälfte einer Meſte ge⸗ braucht: 474 Kubikzoll, wo die Meſte 948 Kubikzoll [Ziegenhain], oder 632 Kubikzoll, wo die Meſte 1264 Kubikzoll hält [Oberheſſen). Im dem Sinne von Molter (ſ. d.) wird Metze, ſo viel ich weiß, nirgends in Heſſen verwendet. Neice als Deminutiv von Mechthild (Machthild, Mathilde) kommt in heſſtſchen Urkunden bis in das 16. Jarhundert vor; ſpäter iſt mir dieſe Form nicht begegnet, und im Volksmunde gar nicht vorhanden, viel weniger in der erniedrigenden Bedeutung, welche dieſes Deminutiv in der Schriftſprache ange⸗ nommen hat. Meiskopf, buchſtäblich: einer der einen Kopf, dick wie eine Metze, hat; es kommt in dieſer eigentlichen Bedeutung vor, am häufigſten aber, gleich dem ſynonymen Dickkopf, um einen eigenſinnigen, ſtörrigen Menſchen zu bezeichnen. Am häufigſten hört man dieß Wort in der Obergrafſchaft Hanau. Metzelsuppe, Gaſtmal, beim Schweineſchlachten gegeben. Ober⸗ grafſchaft Hanau, in Niederheſſen Schlachtekohl, im Fuldaiſchen Stichbraten. mijen, mingere, harnen, piſſen. Nur im weſtfäliſchen und etwa theil⸗ weiſe auch im ſächſiſchen Heſſen gebräuchlich, wie auch weiterhin in Norddeutſch⸗ land. Strodtmann S. 137. Richey S. 163. Brem. WB. 3, 159 u. A. Wo die niederdeutſche Sprache nicht herſcht, wird im Allgemeinen ſeichen geſagt, vom weiblichen Geſchlecht insbeſondere brunzen, von Kindern hin und wieder wieſen oder wiſſen; harnen iſt gänzlich, piſſen faſt gänzlich unverſtändlich. mickeln, faſt nur in der Redensart; „es mickelt ein bischen“ d. h. es hat mit der Sache nicht ganz ſeine Richtigkeit. Im Fuldaiſchen. Milchdleh msc. iſt im Schmalkaldiſchen der Name des Kohlweißlings, Pieris brassicae und P. rapae. Vgl. Markstafel. miigen (wol richtiger mülgen, müljen) das Getreide (Roggen, heſſ. Korn) einweichen, d. h. mit heißem Waßer übergießen, und es auf ſolche Weiſe dem Vieh als ein beſonders narhaftes Futter (Aß) zubereiten. Das Wort iſt jetzt nicht mehr üblich, kommt aber in Oekonomierechnungen aus dem 15. Jar⸗ 270 hundert öfter vor z. B. „i malter korn zu asse dauon zu milgende den melken kuwen vnd heleswynen“ Grebenſteiner Rechnung von 1462. Es kann kein Zweifel ſein: dieſes Wort iſt das zu dem Subſtantivum mölie, molie, mullje gehörigen, bis daher unbekannte Verbum. mölge erſcheint als offa in dem Wörterbuch Vocabula etc., 1500 (Hoffmanns Findlinge 1, 155); mölie bei Chytraeus Nomenclator saxonicus Bl. 438 als „eine Fleiſche⸗Molye edder Soppe, juseulum e carne“; molge ebdſ. Bl. 439 „eine Mölie⸗Soppe, offa“. Aus Chyträus: Friſch 1, 668b, aus Beiden Hoffmann horae belgicae 7, 30. Richey hat S. 168 das Wort müllje: „Gemitſe von Brod in Scheiben geſchnitten, und eingeweichet durch übergegoßene Früchte, die ſo mürbe gekochet, daß man alles mit Leffeln eſſen kann. Alſo gibt es Beeren⸗ Vickbeeren⸗ Kaßbeeren⸗Müllje. Man nennt hierauf auch Mülljen, wann Brod in Suppe geweichet, und mit einer etwas fetten und gewürzten Brühe übergoſſen wird“. Aus Richey als ganz kurze Notiz Br. WB. 3, 200: „Mülje, ein Gemüſe von eingeweichtem Brod“. Ob nun mülje und unſer milgen, beßer müljen, vom lateiniſchen mollis, und insbeſondere das heſſiſche Verbum vom franzöſiſchen mouiller erborgt iſt, worauf ſchon Richey a. a. O. hingewieſen hat, oder ob mul einer der gemein⸗ ſamen indogermaniſchen Wortſtämme iſt, mag zweifelhaft bleiben. Vgl. jedoch moll. Das Subſtantivum, und ohne Zweifel auch das dazu gehörige Verbum, iſt entſchieden niederdeutſchen Gebrauches; dieſe aber hat ſich ſehr viel Fremdes und dieß in ſehr früher Zeit angeeignet (man denke an femea, abel [habilis], forke u. dgl.). Der heſſiſche Dialekt aber neigt zu der Verderbnis des ü in i (kiſſen osculari und pulvinar, fiwe [vaccae], gillen [aureusſu.ſ. w.), und ſo hat die Depravation von müljen in miigen nichts beſonders Auffallendes. Indes bleibt auch noch die Möglichkeit nicht gang ausgeſchloßen, an eine Ableitung von mel zu denken. Milgesal neutr., Bildung mit -sal aus dem Verbum milgen (wie Schickſal, Heckſel, Kochſal, Bruweſal u. dgl.): ſo viel Getreide (Korn, Gerſte), wie auf einmal gemilgt wurde. Das Wort kommt in den niederheſſiſchen Oekonomie⸗ Rechnungen des 15. Jarhunderts oft vor: ij firtel korns zcu Milgesale den swynen; i firtel korns zcu milgesale den nossern Rechnung von Borken 1451. Korn den noszern vnd swinen zeu milgesale ebdſ. 1460. eyn viril zu milgesal Fels⸗ berger Rechnung von 1462. j scheffel gersten hain ich malen laissen den kelbern zeu Melgesale in dem winter; Waldauer Rechnung von 1489. exposita der fruchte dieses jars den mesteswynen vnd anders den noszern im hofe zu asze und zu mylgesal gemalen und gemacht ist; Rechnung von Schloß Reichenbach vom Jahr 1425. Das Aß beſtand zwar auch aus geſchrotenem und eingeweichtem Getreide, indes ſcheint die zuletzt angeführte Stelle zu beweiſen, daß as2 und milgesal nicht völlig identiſch geweſen ſein mögen. Heut zu Tage wird zwar daſſelbe Futter noch bereitet, aber ſchon im 16. Jarhundert finde ich in den von mir durchgeſehenen Rechnungen weder milgen noch milgesal für daſſelbe, und ſcheint mithin der Gebrauch dieſer Wörter ſchon damals erloſchen zu ſein. Minni, ſ. Siegwinden, Viermünden. mirzen, moderig riechen und ſchmecken. „Der Kuchen mirzt“ er ſchmeckt nach angegangenem Mehl. Im Fuldaiſchen. mirzening adv., moderig. Vgl. muffen, Nuttig, mutzen. Milgesal — Mirzening. Mislrecht — Mördsch. 271 Mistrecht, das Recht des von dem Landſiedelgute abziehenden Land⸗ ſidels, den Wert des zuletzt in den Acker gewendeten Miſtes, falls er von dem Acker keine Ernte gewonnen, erſetzt zu erhalten. Sehr häufig in den älteren Landſidelleihebriefen z. B. von Genſungen vom Jahr 1377 Lennep Leihe zu Landſidelrecht Cod. proh. S. 503. Nachher „Oberbeßerung“ genannt, wiewol dieſer Ausdruck auch noch weitere Bedeutung hat. Im Schaumburgiſchen „Brackelzeit“ Kopp Handb. 2, 137. Vgl. Mergelrecht, Pflugrecht. moll Adj., auch fehr oft mull geſprochen, weich, mild, feucht. „Die Wäſche iſt mol!“ d. h. noch etwas feucht, nicht vollſtändig getrocknet; das Obſt wird durch das Liegen moll; auch reifes Obſt am Baume wird wol in Gegenſatz gegen unreifes, noch hartes Obſt als moll bezeichnet; nach einem Regen iſt das Erdreich moll. Eben ſo Schmidt Weſterw. Id. S. 113. Lippiſches Idiot. Frommann Mundarten 6, 357. Id. v. Fallersleben, wo molich aufgeführt iſt Frommann 5, 357. Allgemein üblich, aus älterer Zeit aber bis daher nicht zu belegen, möglich alſo, daß das Wort ohne Weiteres aus mollis aufgenommen worden iſt, wenn gleich nicht warſcheinlich. Mollung fem., (geſpr. Molling) Feuchtigkeit des Erdbodens, beſonders in der Zuſammenſetzung Fintermollung, die vom Winter herrührende Feuchtigkeit. Eſtor S. 1414. Molme kem., Dammerde, humus. Im Schmalkaldiſchen, auch an der oberen Werra und ſonſt im öſtlichen Heſſen. Was in der Schriftſprache Aulm iſt, nennt man in Heſſen Melm, msc. Mülmische, Flüßchen, welches vom Riedforſte herabkommt und bei Körle der Fulda zugeht: das Erdwaßer, dem Sinne nach identiſch mit Fulda. Molter msc., der Mahllohn des Müllers, welchen derſelbe in Natur von dem zu malenden Getreide abnimmt. Eſtor S. 1414. Alberus Dict. Bl. bbiija: Molter, merces molendinaria. moltern, den Mahllohn abnehmen. In ganz Heſſen gebräuchlich; andere Bezeichnungen kennt man hier zu Lande meines Wißens durchaus nicht. Schmidt Weſterwäld. Id. S. 113. Mombotz, ſ. mummeln. Moeme fem., Mutter; die im weſtfäliſchen Heſſen ausſchließlich ge⸗ bräuchliche Benennung, die ſich auch weiterhin in Weſtfalen, z. B. im Ravens⸗ bergiſchen, findet. Frommann Mundarten 6, 355. Eigentlich iſt dieſes Wort identiſch mit dem hochdeutſchen muoma (Muhme), und weiſt auf die Verwandt⸗ ſchaft zwiſchen memme (urſprünglich wol mami), muoma und muoter hin. mördsch adj., meiſt merlsch geſprochen, ein in Mittelheſſen ſehr übliches Wort, mit welchem der Superlativ der Verwunderung ausgedrückt wird; faſt ſynonym mit den in ähnlichem Sinne verwendeten Wörtern gräulich und grauſam. „Jung, du biſt in dem Jahr mertſch groß geworden“; „der R., ſo klein wie er iſt, kann doch mertſch laufen“. Eben ſo wird im Lippiſchen mortsk verwendet. Frommann Mundarten 6, 356. Es iſt deshalb kein Zweifel, daß dieſes Wort ein Adjectivum von Mord: mordiſch, mördiſch iſt. Eine noch ſtärkere Bezeichnung der gröſten Verwunderung iſt mordalisch. 2 ¼: In Oberheſſen iſt dieſe Fokm, vielleicht das Wort ſelbſt, nicht gebräuchlich; es gilt dafür maerisch; ob von maere? oder nur Entſtellung von mördsch? edid Bieh it maeriſch gefuitertg es kann waeriich lonfen“. Bat anch das fuldaiſche maelig. 2 272 Môr morgen — Möluchen. môr morgen (öſtliches Heſſen), more morgen (inneres Heſſen: Homberg, Wabern) morgen früh. Es iſt eine Verkürzung aus morn 28 morgen z. B. Heldenbuch von 1509 Bl. f64, wie man in Oberheſſen auch noch jetzt ſpricht. morn Fritagk morgen Kopp Gerichtsverf. Beil. 101. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſchichte u. Landeskunde 4, 81. Môsbaum. In den Forſt⸗ und Rentereirechnungen alter Zeit kommt oft vor (viermal in dem einzigen Frondienſtverzeichnis des Amts Wetter vom Jahr 1600): „(10 Man) haben Mosbeume vors wiltpret vergangenen Wintter in der hardt gehaugen“. Mosenberg, ein mehrere Male in Heſſen vorkommender Bergname (bei Homberg, zwiſchen Königswald und Dankerode, bei.Waltersbrück und ſonſt), iſt wol ſicherlich nicht auf mos, muscus, Moos, zurück zu beziehen, da dem die Bildungsſylbe en widerſtrebt. Allem Vermuten nach iſt dieſer Name keltiſch, und deſſelben dunkeln Stammes, welchem die Flußnamen Mosa (jetzt Maas) und Mosella, Moſel, angehören. Uebrigens kommen Moſenberge auch außerhalb Heſſens vor. Mött neutr., modius, ein in der Grafſchaft Ziegenhain und in Ober⸗ heſſen gebräuchliches, im übrigen Heſſen unbekanntes Getreidemaß. Das Mött der Grafſchaft Ziegenhain iſt größer (7584 ⅜ Kubikzoll) als das Marburger (5056 ¼ Kubikzoll); das Ziegenhainer wird in acht, das Marburger in vier Meſten geteilt. Ehedem Mutt, wie mitunter auch noch jetzt geſprochen wird: „funf mutte korn“ Urkunde von Caldern 1377. Vgl. Schmeller 2, 653 und Adelung unter „Muth“. Motschel neulr., meiſt noch einmal verkleinert: Motschelchen (auch Motschelchen), junges, noch ſaugendes Kalb, Milchkalb, ohne Unterſchied des Geſchlechtes. Im Schwarzenfelſiſchen. Möschle neutr., ein junges Rind, gleichfalls ohne hervortretenden Unterſchied des Geſchlechtes, doch weil meiſt Kuh⸗ kälber aufgezogen werden, beſonders von dieſen gebräuchlich, im Schmalkaldiſchen. Dieſe Bezeichnungen ſind im übrigen Heſſen unbekannt, indem dafür das übrigens warſcheinlich verwandte Mäus (ſ. d.) gebraucht wird. Adelung 3, 292 u. 294 verzeichnet Mösche und Mötsche aus Meiſſen und der Lauſitz als eine Kuh be⸗ deutend, und führt das Wort nicht unwarſcheinlich auf das wendiſche Modzo, Mlodza, ein Junges, zurück. Vgl. auch Mäks. motzeln, heimlich bei Seite bringen. Oberheſſen. Eſtor S. 1414: „mozzeln, zuſammenpacken, daß es niemand ſehen ſoll“. Motzen mse., Jacke; im Schwarzenfelſiſchen. In Oberheſſen Muts msc., Weiberjacke ohne Ermel, bloß mit Armlöchern, wie eine Weſte; eine vollſtändige mit Ermeln verſehene Jacke heißt hier Ermelmutz. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1414 hat Mozze. Als Femininum erſcheint Motze im Fuldaiſchen, und hat hier die Bedeutung Oberrock, eben ſo wie in Franken und Schwaben. Schmeller 2, 664. Mötzchen, ein Gebäck älterer Zeit. Bei der Unterſuchung der Becker⸗ laden in Wetter im Sommer 1576 fand ſich, daß ein Becker an einem Sechs⸗ Heller⸗Mötzgen vier Loth hatte fehlen laßen, und wurde derſelbe deshalb zur Strafe gezogen. Jetzt iſt dieſe Benennung außer Gebrauch gekommen, ja es iſt nicht einmal mit Beſtimtheit zu ermitteln, von welcher Form und welchem Gehalt das Mötzchen möge geweſen ſein. Mitſche iſt bei Philander von Sittewald (Geſichte 1643. 2, 165) ein Gebäck für die Hunde, 80 aus einem Seſter zu Moezkorb — muffen. 273 backen, Mütſchelein dagegen noch heut zu Tage in Baiern (Schmeller 2,658) eine Art feineren Beckerbrodes. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 82. Moezkorb, auch Mötzkorb geſprochen, auch Möttenkorb; Spreukorb. Oberheſſen. Zur Erklärung der letzterwähnten Form pflegt geſagt zu werden: es giengen in einen ſolchen Korb zwei Mött oder ein halber Centner Heu. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 84. S. auch Treugekorb. mucheln, heimlich mit einander ſprechen; unterhandeln. Gemuchel neutr., heimliches Treiben, Intrigue. Oeſtliches Heſſen. müchen, modern, faulen; einen modrigen Geruch von ſich geben. Schmalkalden und öſtliches Heſſen (Werragegend). Auch wol: müchern. müchzen, michzen, Frequentativ von müchen, in der Werragegend üblicher als müchen. müchzening, moderig, einen Modergeruch von ſich gebend. Im öſtlichen Heſſen üblich. „grüne Wicken, daß (ſie) nicht michzenick würden, aus⸗ einander ſtellen“. Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657. Vgl. Muff und Aultich. Müder neutr., geſprochen Mieder, Midder, ein Theil der weiblichen Kleidung des Landvolkes, doch iſt der Name eigentlich nur in Niederheſſen und Schmalkalden zu Hauſe, wogegen in Oberheſſen die Bezeichnung Autz (ſ. d.) gilt. Das Müder hat entweder Ermel, und dieß iſt das eigentliche Mieder, Midder, oder es entbehrt derſelben, und dann führt es zwar hin und wieder auch noch den Namen Mieder, wird aber auch, und zwar in den meiſten Ge⸗ genden, Leibchen genannt. Nur im Schmalkaldiſchen herſcht noch die alte Aus⸗ ſprache: Auder, ahd. muadar, muoder; hier iſt auch das Muder ausnahmslos mit Ermeln verſehen. Schottel Haubtſprache S. 1366. Schmeller 2, 553 — 554. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1414 hat: „Müder, ein gefärbeter leinener überzug der bauer⸗ weiber“; hiernach wäre damals das Müder über den Mutz (die Motze) gezogen worden, oder Mutz und Müder hätten ſich, was nicht unwarſcheinlich iſt, bloß dadurch unterſchieden, daß Mutz aus ungefärbter, Müder aus gefärbter Leinwand verfertigt war. „iij gulden (wird geſtraft) Creina, Hen Schweitzers hausfraw zu Erxdorf, daß ſie Catharina Ludwig Schmitts Tochter daſelbſt ein Leinen Ober Mudergen abgenommen“. Rauſchenberg 1603. Die Müder aus Kattun heißen jetzt in Oberheſſen wie in Niederheſſen Jacken. mühen (sik), imperſonales Verbum: et müet mik, es gereuet mich, ganz in dem alten Gebrauch. Sächſiſches und weſtfäliſches Heſſen. Brem. WB. 3, 181. In Oberheſſen iſt es meiet mich üblich, genau deſſelben Sinnes, und warſcheinlich nichts anderes, als eine Corruption von mühen. S. meien. Hin und wieder hört man auch wol es mühet mich in dem Sinne von: es iſt mir verdrießlich, läſtig. mühen, betrüben; „der Tod ſeines Bruders hat ihn ſehr gemühet“. Im Haungrund am gebräuchlichſten, aber auch ſonſt nicht unüblich. Vgl. sike mühen. Muff msc., Schimmel, Moder; auch Modergeruch. Schottel Haubtſpr. 1366. Brem. WB. 3, 195 (wo Mulf übrigens bloß als holländiſch angegeben wird). Sehr üblich. muflen, müffen, miſfen, modrig, faulig riechen oder ſchmecken; das Wildpret mullt. Sehr üblich. Vilmar, Idiotikon. 18 274 Müflzen — multum. müfrzen, Frequentativ von mulken, müllen; meiſt millten geſprochen. Sehr gebräuchliches Wort. müdrern, Deminutiv von mulken, müllen; etwas nach Moder duften. Im Schmalkaldiſchen gebräuchlich, wiewol dort daneben auch müchen und müchern vorkommt (ſ. d.). mülrzenlng, miſaening, einen Modergeruch oder Modergeſchmack an ſich tragend. Sehr üblich. Vgl. müchzening. Pgl. Schmidt weſterw. Id. S. 116. Schmeller 2, 554. S. auch Matfich. Mufrel kem., Mundvoll, aus dieſem Worte in gleicher Weiſe wie Handvoll abgckürzt; „eine Muffel Brod“; „ein Muffelchen Kuchen“. Eſtor S. 1415. Schottel Haubtſpr. S. 1366 hat Mummel in gleicher Bedeutung, Schmeller aber 2,576 Mumpfel als eine nürnbergiſche Bezeichnung des Mundes. muffeln 1) eine Speiſe, zumal eine trockene (Brod, Kartoffeln, Kuchen) kauen, beſonders: eilfertig und etwas gierig kauen. Eſtor S. 1415. Im Fuldaiſchen wird maufeln oder mäufeln (Haungrund) geſprochen. 2) im Haungrunde iſt muffeln ſo viel als fein regnen. Muck fem., 1) Viſier, Korn der Flinte, doch meiſt im figürlichen Sinne: „jemanden auf der Muck haben“, Jemanden aufpaſſen, auf Jemanden lauern, ihn ſcharf beobachten. — Ziemlich allgemein iblich, am meiſten in Oberheſſen. In ſu //—el z 2) Mutterſchwein. In Oberheſſen wie weiterhin bis nach Frankfurt die faſt ausſchließlich gebrauchte Benennung; Eſtor deutſche Rechtsgelahrtheit 1, 509 (§. 1221): mocken (ſaumütter). Außer Oberheſſen ſindet ſich das Wort nur noch im Haungrund bis nach Hersfeld hin als ſtehende Bezeichnung. In Nieder⸗ heſſen iſt es unbekannt. Altecteee, 7. 695 ℳ. ½ 23 ee i⸗ Gemück neutr., Geſchlecht, Art, Sorte; meiſt in verachtendem Sinne gebraucht. Haungrund. Er i 1.1o 7 1A. Mülbeerc lem. In einem ungedruckten Weihnachtsſpiel meines Be⸗ ſitzes aus dem Ende des 15. Jarhunderts erſcheinen v. 488: erber, bromber, Ub le heidelber, craczber vud mülbern. Welche Beeren hiermit gemeint ſein mögen, läßt ſich nicht erkennen (vgl. Mehlbeere); vielleicht ſind die ſ. g. Elſebeeren (Frucht des Pyrus torminalis) gemeint, welche erſt weich, moll, mull, geworden, in Gährung übergegangen ſein müßen, bevor ſie eßbar werden. Oder gar Mulbeere, das ſlaviſche molina, Himbeere? Auffallend iſt es, daß in dieſer Aufzälung die Himbeere nicht erwähnt wird. Schmeller 2, 568. An Mülbeere wird ſicherlich nicht zu denken ſein. f. 214 244.R, 2. 113 4i,lur. Müllermaler msc., auch bloß Aüller, iſt die (wenigſtens in Nieder⸗ heſſen) allein übliche Benennung des Phalangium opilio L. (Halbſpinne, Weber⸗ knecht, Langbein). In Vaiern bezeichnet Milemale nach Schmeller 2, 567 den Schmetterling. Mülter msc., Maulwurfshaufen; eine richtige und gefüge Form anſtatt der unrichtigen und widrig ſchwerfälligen ſchriftdeutſchen Form. In der ganzen Diemelgegend. Im übrigen Heſſen werden die Maulwurfshaufen meiſt Moll⸗ hüppel, Maulhüppel genannt. multum iſt auch in Heſſen wie in Baiern, und ganz in derſelben Bedeutung, in die Volksſprache eingedrungen: viel, ziemlich viel, ſehr viel, reichlich. „Da gabs aber Schläge multum“, „dieß Jahr gibts Kartoffeln multum“. Selten Mummeln — munkes. 275 wird multum dem Subſtantivum vorgeſetzt. Schmeller 2, 573; ohne allen Zweifel iſt unſer Wort das lateiniſche mullum und ſind alle Verſuche aufzugeben, daſſelbe an irgend eine deutſche Wurzel anzulehnen. In Schriftſtücken habe ich es übrigens niemals gefunden. mummeln, auch wol (Oberheſſen) mommeln, Deminutiv⸗ und Iterativ⸗ form von mummen, welche in Heſſen allein üblich, übrigens gleich dem ſchrift⸗ deutſchen mummen meiſt nur in Compoſitionen gebräuchlich iſt; einmummeln, vermummeln, zumummeln, ſich in dichte, gegen die Kälte ſchützende Kleider hüllen, vermummeln auch wie das gemeinhochdeutſche vermummen, ſich durch fremdartige Kleidung unkenntlich machen. Eſtor S. 1415. Mombotz msc., das Geſpenſt, auch: eine vermummte und durch ihre Vermummung Furcht erzeugende Perſon, Schreckgeſtalt. Oberheſſen (Mo bot⸗ geſprochen, mit kurzem o in botz). Hierher gehört auch vermumpeln / vermumpeln, vermimpeln) un d vermampeln, eine Sache bemänteln, ſo darſtellen, daß die, warſcheinlich zum Nachteil gereichende, Warheit nicht entdeckt werden kann. Eben ſo Schmidt Weſterw. Id. S. 304. vermampeln iſt eine ſichtliche Entſtellung von vermanteln, welches Wort z. B. J. Ferrarius von dem gemeinen Nutz (1533. 4) Bl. 52a vorkommt: „Gottes worte laſſen ſich nicht vermanteln“ („Gott leßt ſich keinen mantel vmbhencken“ ebdſ. 51a). mummeln, undeutlich ſprechen; hier wie anderwärts in Deutſchland in dieſem Sinne gebräuchlich, am üblichſten aber in der Form es mummelt sich = es geht ein dumpfes Gerücht. Schmeller 2, 576. Schmidt Weſterw. Id. S. 118. Mummelung f, dumpfes Gerücht, unſichere Sage, heimliche aber halb verlorene Beſprechung. Sehr üblich. „Sonſten ſey nicht ohn, das von Johannnes dem Meyer iederzeit die mummelung in Willersdorf geweſen, das er zauberey treiben könnte“. Marburger Hexenproceſſacten von 1633. „Es were wol die Mommelung vnder den Nachbaurn gangen, wan der Pfarher ſich nicht mit ihnen ihrer alten Gerechtigkeit abfinden wolte, ſo wollten ſie ihn auch nicht haben“. Treisbacher Verhörprotokoll von 1609. Und ſo ſehr oft. Mundhaus, Bezeichnung eines kleinen Bauerngutes in dem Alten⸗ haßlauer Weistum von 1354 Grimm Weist. 3, 413. Ein ſolches Mundhaus durfte nur ein Schwein in die Eckern treiben, während ein halber Hof ſechs Schweine zu treiben hatte. Munds, msc., Kuſſ. mundsen, küſſen. Im Geisgrunde üblich, ſonſt kaum erhört. Kuſſ, küſſen iſt freilich kaum irgendwo in Deutſchland volksüblich, ſondern nur Maul (Mäul, niederheſſiſch Mal, Mull, Mull, Mill); Munds und mundſen aber ſollen wol ſonſt nirgends als Idiotismen vorkommen. Münkel msc., Kuſſ. Oberheſſen. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1415. munkes. „Stille munkes!“ oder auch: „Stille munkes, der Pfaff hält Meß!“ eine noch' jetzt, in ganz Altheſſen übliche Ermahnung zum Still⸗ ſchweigen ſcherzhafter Art, wenn das Reden eine — übrigens unbedeutende, meiſt ſelbſt nur ſcherzhafte Gefahr bringen könnte; Ermanung, etwas nicht auszuplaudern, was der Andere eben herauszuſagen im Begriffe ſteht u. del. Der Ausdruck iſt 18* 276 ſchon ältern Gebrauches: „Nachdem etzliche Metzler vorletzt vf der Firmanei ge⸗ weſen, vnd ziemlich berauſcht vorüber gangen, vnd einer vnter ihnen Stille munckes geſagt, hette die Truckelſche zum Fenſter heraus geſagt, das iſt vf mich gemeint“, Marburger Verhörprotokoll von 1655. Hier ſcheint der Ausdruck noch ernſtlich gemeint zu ſein. Wie dieſer Ausdruck zu erklären ſei, bleibt auch nach dem, was Schmeller 3, 374 darüber ſagt, dunkel. Es ſcheint allerdings, als ſei derſelbe aus dem engliſchen Gebote des Stillſchweigens mum-chance, wornach auch ein engliſches Kartenſpiel (oder der Ausdruck nach dem Spiel?) benannt iſt, entſtanden, indes bleibt es doch ſchwer erklärlich, auf welche Weiſe der Ausdruck oder das Spiel, oder das eine und das andere, nach Deutſchland und zwar in den Lebenskreiß der niedern Stände bereits im Jahr 1655 gelangt ſein ſoll. Daß der Ausdruck ein fremdländiſcher ſei, ſcheint die Schrift des Protokollführers von 1655 andeuten zu ſollen. Münster. In Heſſen ein faſt unbekanntes Wort; ſelbſt von der Kirche der h. Eliſabeth in Marburg, welche allein unter den Kirchen in Altheſſen dieſe Bezeichnung zuweilen erhalten hat z. B. in dem bekannten Protokoll über die Herausnahme der Gebeine der h. Eliſabeth aus dem Sehmuckſarg 18. Mai 1539 (Hiſtoriſch⸗Diplomatiſcher Unterricht u. ſ. w. 1751 fol. Beil. No. 126 Bl. (nn) a „Hochgedachter Fürſt ſich in das Münſter sanct Elizabeth begeben“), und von dem Dom zu Fulda nicht gebräuchlich./ „Gott heif Münſter“ iſt eine in Wetter vorkommende Redensart, um das gänzliche Verlorengeben einer Sache zu bezeichnen; man will dieſelbe auf den Wiedertäuferkrieg 1534 zurück beziehen. Münstermann, Kirchendiener. In einer Urkunde des Abts von Fulda Heinrich von Kranlucken vom Agathentag 1361 (Schannat Hist. Fuld., Cod. prob. S. 271 —272) wird vorgeſchrieben, es ſolle dem Domküſter (Custor, damals Otto von Hetzſtett) ein Muustirmann, niederer Küſter, Kirchendiener, gehalten werden. Jetzt iſt die Amtsbezeichnung, auch in Fulda, erloſchen, dauert aber in Heſſen als Familienname noch heute fort. Murr fem., Brombeere. Seltſames, nur an den ſüdöſtlichen Abhängen des Vogelsbergs (Waldensberg im Iſenburgiſchen) vorkommendes Wort, wie denn dieſe Gegend für die Waldbeeren noch andere, ſonſt nicht erhörte Namen hat. (Vgl. Ampe, Majuse). murzein, kurz und ungeſchickt, mit ſtumpfem Inſtrument abſchneiden. Ein Knabe, welcher Beſtrafung wegen eines Diebſtahls fürchtete, hatte ſich „mit einem ganz ſchlechten Kniff (ſ. d.) langſam den Hals abgemurzelt“ (Nenkers⸗ hauſen 1815). Vgl. Schmeller 2, 576, wo jedoch das Verbum fehlt. Schottel Haubtſpr. hat murkeln. Mühs neutr. 1) das Gemüſe d. h. vorzugsweiſe die zur Speiſe gebrauchten Gahlarten. So nur in Oberheſſen, wo die verſchiedenen Kohlgemüſe folgender Geſtalt bezeichnet werden: Koelmüs (meiſt geſprochen Kilmüs), Weißkraut, auch Lumpenmüs genannt (Eſtor S. 1414); gren Müs, ſ. g. brauner Kohl, Kraus⸗ kohl; sür Mus, Sauerkraut. In Niederheſſen kennt man dieſen ältern Gebrauch des Wortes muos nicht mehr, nur, wie gemeinhochdeutſch, das Collectivum Gemüſez ehedem fand derſelbe aber auch dort ſtatt: in einer Kaſſeler Rechnung von 1479 wird die Sulze dem Mus gegenüber geſtellt: V“ [d. h. 500] krudes zu soltzen, 850 krutz gekauft zcu musen. 2) und mase., der aus Zweiſchen oder Birnen auch wol Aepfeln gekochte Münster — Mas. 2 Müeser — Muttich. 277 Brei (Compott): Zwetſchenmus, Birumus, Aepfelmus, welcher ſich über den Winter aufbewahren läßt und ein beliebtes Zugebröde (Muſenbrod) für Kinder und Geſinde bildet. Die Sache iſt in ganz Heſſen bekannt, der Name für die⸗ ſelbe aber, Mus, nur in Niederheſſen, Ziegenhain, Hersfeld, Fulda gebräuchlich. In Oberheſſen heißt dieſer Compott Honig (ſ. d.), und nur ſeit 1840 etwa fängt die Bezeichnung Mus auch dort an, Eingang zu finden. Müeser msc, neben Ductmüeser ſehr gebräuchlich: ein finſterer, heim⸗ tückiſcher Menſch. Diemelgegend. muscheln, heimlich, beſonders aber: betrügeriſch, verfahren; „er hat gemuſcheli“ er iſt nicht offen, nicht ehrlich, verfahren, hat betrügeriſch gehandelt. Sehr häufig im Spiel, zumal im Kartenſpiel, gebraucht. Mitunter wird auch fuscheln, muscheln und fuscheln geſagt. Niederheſſen. Vgl. fuckeln. musseln, bemusseln, einer Sache, namentlich einem rein gewaſchenen Kleide, die Sauberkeit benehmen, ein wenig verunreinigen. musselig, ein wenig unſauber. Eſtor S. 1415. Muster mse. wird in neuerer Zeit häufig als Scheltwort gebraucht: „Du Muſter!“ d. h. du Inbegriff aller Nichtswürdigkeiten. (Vgl. Spiegel). muten c. Genit., Mut d. h. Luſt nach etwas haben, etwas verlangen, begehren. man sol auch das gelt von inen nemen zur stund, wan sie des mudende sein; Wallenſteiniſche Urkunde vom J. 1405 in Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 276. Wilicher do unschuldig werden wel, den dy richter gebyte vor gerichte ob he ez muliet, da mog he es werden unschuldig. Statuta Eschen- wegensia S. 3. wo eyn ussmann erschlagen worde von eyme borger und nymandes habe, der gerichtes mäte. Ebdſ. S. 10. Noch jetzt hört man zu⸗ weilen: „das mutt mich nicht“ d. h. ich habe dazu keine Luſt; ähnlich wie in der Schriftſprache anmuten gebraucht wird. Vgl. Schmeller 2, 656. abmuten, die Luſt abwenden, abwendig machen. „1 k. (wird geſtraft) Hans Walther zu Dreißbach, das er Hans Baſten ſein Knecht, als er Ime im halben Jar ohne verwilligung auß dem Dienſt gangen, ohne vorwißen hatt abgemuett“. Wetterer Bußregiſter von 1583; und öfter. Scheint jetzt aus⸗ geſtorben. Mutkür fem., freie Wahl, freies Belieben nach Luſt und Neigung. Ein in Mittelheſſen ſehr gebräuchlicher Ausdruck, Mödkoer geſprochen. „Das iſt euer Mutkür“, das könnt ihr machen, wie ihr wollt. ſ. koer. Mutsche, Mützsche, Mosche, im 15. Jarhundert eine gangbare Ver⸗ kehrsmünze in Heſſen; nach Falckenheiner Städte und Stifter 2, 122 ſechs Pfennige betragend; ein anderes Mal wird ſie (Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 3, 174) für den ſechſten Theil eines Schillings erklärt. „Zehn Mützſchin“ ſollte nach §. 11 der Gerichtsordnung vom 14. April 1455 derjenige als Strafe bezalen, welcher eine Ladung vor Gericht unbefolgt ließe. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. 2K. 4, 82. Muttich, Mutch msc. wird zwar gewöhnlich als Verwahrſam ver⸗ ſtanden: „Aepfel in den Mutch legen“ (damit ſie nachreifen, mürbe werden; dieſer Mutch beſteht meiſt aus dem Bettſtroh); „er hat noch Geld im Mutch' d. h. heimlich verwahrt, verborgen; „ſich einen Mutch anlegen“, Obſt, Geld u. dgl. nach und nach anſammeln als einen Vorrat für ſpätere Zeiten des Mangels. Schmidt weſterw. Id. S. 111. Schmeller 2, 647 —648, wo Mauten fem. in gleicher Bedeutung aufgeführt wird. 278 Mutehig — mutzig. Aber es iſt dieſe Bedeutung eine abgeleitete. Mutich bedeutet, wie das alsbald folgende, von Mutich abgeleitete Adjectivum ſchon hinreichend ausweiſt, und außerdem Alberus ausdrücklich angibt (Dict. Bl. Zzija: Limus, mutich i. ſchleimicht erden im ſee. Maltha, der mutch in eym ſee [womit Torf und Erd⸗ pech gemeint ſind)): Moraſt, Moder, Schlamm. mutchig, moderig, Moderduft von ſich gebend; mutchig riechen iſt eine gelindere Bedeutung als mutzig riechen; letzteres bedeutet faulig riechen, nach Verweſung riechen; beide Ausdrücke ſind überall, am meiſten und den Unterſchied am beſtimteſten betonend in der Grafſchaft Ziegenhain üblich. Es iſt Mutich eine Variation oder eine Ableitung von Mot, Torf, Moder, Moraſt, welches Wort in der angegebenen Bedeutung in Schmalkalden, wie weiterhin im öſtlichen Deutſchland (Adelung 3, 294) gebräuchlich iſt. Aepfel, Geld in den Mutich legen bedeutet mithin, das Obſt in dunkelm Verwarſam weich, das Geld zu „Schimmelpfennigen“ werden laßen. kr. 319 motig wird noch hin und wieder in der Bedeutung ſchlamwig, unſauber, gehört, ganz wie es der Pfarrer M. Hartmann Braun zu Grünberg in einer Predigt im Jahr 1612 gebrauchte: „wird der Schnee abgehen, wird es kotig vnd motig werden“. (Speculum senectutis. 1612. Bl. H4b). Mutz. 1) masc. etwas Abgeſtumpftes, ein abgebrochenes Stück; „du haſt ja nur einen Mutz ſtehen laßen“. In manchen Gegenden z. B. im Gebirgs⸗ theil der Grafſchaft Ziegenhain iſt Mutz ein ſehr gewöhnlicher Name von Schäfer⸗ hunden, weil denſelben dort der Schwanz gewöhnlich abgeſtutzt wird, und ſie in folgenden Generationen vermöge dieſer Operation ſogar kurzſchwänzig geboren werden. Auch das ſchwanzloſe Huhn (Kullarſch) heißt hier und da Mutz. 2) fem. vulwa. Sehr üblich, ehedem auch in niederdeutſcher, im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen noch jetzt üblicher, Form ſelbſt außerhalb dieſer Bezirke gebräuchlich: Mutt. Ein wildes Schwein hat 1581 keine Mutth, keine Mutter, auch keine Dutten am Amen. Landau Geſchichte der Jagd S. 239. Urſprünglich muß Mutz auch Mund bedeutet haben ſ. mutzen und die üblichſte Benennung der vulva, F., bedeutet an ſich, wie noch jetzt in Franken, gleichfalls Mund. In Eiſenhauſen im Breidenbacher Grund wurde bis in die Mitte des vorigen Jarhunderts alle ſieben Jahre ein Gericht über die Eigenleute dortiger Gegend gehalten, um zu unterſuchen, ob die landgräfiſchen Eigenen Weiber hätten, welche landgräfiſch oder adelich eigen waren. Daher hieß dieſes Gericht das Mutzengericht, wenigſtens im Munde des Volkes, und Eſtor verlateiniſcht das deutſche Wort durch judicium cunnagii. S. Kuchenbecker Analecta hass. 3, 89 — 91. Eſtor d. Rechtsgelahrtheit 1, §. 385; 3, 1414 ſchreibt er aber Mauze und Mauzegericht. Vgi. Adelung s. v. Wer im Fuldaiſchen beim Ausdreſchen der Letzte iſt („den letzten Schlag thut“), von dem ſagt man „er hat die Mutz“ (geſpr. Muitz). Dieß iſt eine Figur, welche, aus Stroh geflochten und mit Weiberkleidern angethan, demjenigen welcher zuletzt im Dorfe ausdriſcht, an das Scheunenthor gehenkt wird. Auch ſonſt wird im Fuldaiſchen Mutz als Schimpfwort verwendet. mutzen. 1) maulen, den Mund aufwerfen, eben ſo üblich und in manchen Gegenden noch üblicher als brotzen. Schmidt weſterw. Id. S. 114. 2) faulen, in Verweſung übergehen. mutzig, motzig. 1) maulend, trüben, verdrießlichen Angeſichts; metaphoriſch auch vom Himmel, von der Witterung gebraucht. 2) faulig, beſonders ſauligen Geruch, Verweſungsgeruch von ſich geben. Sehr üblich: „mubig riechen“. Nachdunnig — Nadeloehr. 279 N. nachdannig adverb., nachher, darnach, hierauf, ſpäter. Obergraf⸗ ſchaft Hanau, namentlich in Steinau üblich. Zuweilen wird dieſes Wort auch adjectiviſch verwendet, wie das gemeinhochdeutſche nachherig. Nacht. Zeugniſſe für die alte Zeitberechnung nach Nächten ſtatt nach Tagen aus Heſſen: Eine Urkunde der Adelheid von Heimbach und ihres Sohnes Ludwig über Gülten an der Mühle zu Steinerzhauſen, die ſie an das Kloſter Kaldern verkauft hatten, iſt datiert 1329 „vf den Sonabent viertzehin nacht nach Oſtern“. Gerichtstermin von dry verczen nacht (dreimal vierzehn Nächten): Statuta Eschenwegensia, herausgegeben von Röſtell 1854. Und ſo ander⸗ wärts öfter. Noch jetzt wird das Roßen des Flachſes nach Nächten, nicht nach Tagen gerechnet (der Flachs muß ſo und ſo viel Nächte in dem Roße liegen um zu roßen, flück zu werden), eben ſo das Liegen der meiſten Getreidearten und Sämereien in der Erde, bevor dieſelben keimen (z. B. vor allem der Gurken⸗ kerne); auch die Menſtruation wird in ihrer Dauer faſt ausnahmslos nach Nächten bemeßen. Tag und Nacht, melampyrum nemorosum ſ. Tag. Nachibrod, Nachteßen, Abendbrod. Wird nur zuweilen noch gehört. „Darumb thut man hie genug, ſo man inen (den „frembden vnd auslendiſchen“) ein zeher pfennig ader nachtbröd gibt, vnd leſt ſie furters paſſtren“. Joh. Ferrarius von dem gemeinen nutz. 1533. 4. Bl. 62b. naecht, auch naechten, adv. (richtiger nücht, nächten), geſtern (über Nacht, ſo daß eine Nacht dazwiſchen liegt); hier wie in ganz Deutſchland volks⸗ üblich, nur nicht ſchriftdeutſch. naechtzabend (naechi ze abend), geſtern Abend. enigndçhte, vorgeſtern (Fulda), öndignaecht (Ziegenhain und Oberheſſen), daſſelbe. E i ei: vornaecht (Haungrund), wiederum daſſelbe. „Geſtern“ iſt wenig, „vorgeſtern“ faſt gar nicht volksüblich in Heſſen. Nadeloehr. Dieſen Namen führt ein ehedem in ganz Heſſen ſehr bekannter, ja gewiſſermaßen berühmter, jetzt (ſeit etwa 1830) ſo gut wie völlig vergeßener Stein, welcher im Süllingswalde an der Straße von Friedewald nach Berka (Eiſenach) ſteht. Es iſt derſelbe eine Pforte im kleinſten Maßſtabe, ſo daß ein Menſch nur kriechend und doch nur mit Mähe durch dieſelbe hindurch⸗ ſchlüpfen kann; dieſenigen Perſonen, welche zum erſtenmal bei dieſem „Nadelöhr“ vorüberkamen, pflegten zum Scherz durch daſſelbe hindurchgedrängt zu werden, und es wurde dieſer Scherz noch im Anfange dieſes Jarhunderts regelmäßig ausgeführt. Der gegenwärtig das „Nadelöhr“ darſtellende Stein iſt von Land⸗ graf Moritz in den erſten Jahren ſeiner Regierung, zwiſchen den Jahren 1593 bis 1598, an dieſer Stelle errichtet worden, und vertritt einen hier geſtandenen hohlen Baum, welcher bis daher zu jenem Durchkriechen war verwendet worden. S. Pauli Hentzneri itinerarium (v. 1598 — 1509) Vratislaviae 1617 p. 5. Dieſes Durchkriechen durch den hohlen Baum war jedoch in älterer, zumal älteſter, heid⸗ niſcher Zeit, keinesweges ein Scherz, ſondern wurde als Heilmittel für Menſchen und Thiere angewendet, und ſpäter, vielleicht willkürlich, in Scherz verkehrt. Denn das Dufchkriechen durch hohle oder abſichtlich geſpaltene Bäume wird bis 280 Näh — Narrenhaus. auf den heutigen Tag in Heſſen als Heilverfahren gegen Brüche (hernia) an⸗ gewendet. Vgl. Grimm Aythol. (2) S. 1118—1121. Uebrigens gibt es ein zweites Nadelöhr bei Hatzbach am Gerwigshagen, wo freilich jetzt weder ein Baum zum Durchkriechen mehr ſteht, noch ein Stein als deſſen Stellvertreter, ohne Zweifel aber ehedem ein Baum, dem im Süllings⸗ walde ähnlich, geſtanden haben wird; ein drittes am Alheimer, wefn eſd. Näb, Nahe neutr., eigentlich fem., Fähre, Nachen (anderwärts Nau, Nauen Schmeller 2, 667), navis. Wenig gebräuchlich, indes nicht unbekannt. Die über die Lahn oberhalb des Dorfes Argenſtein führende Fähre trug den Namen Nähe ganz eigens, wie ein Nomen proprium vgl. Eſtor deutſche Rechtsgel. 1, 710 §. 1761: „Zum nähe⸗ oder der färe zwo ſtunden hirvon ward eine eiche von etlichen 60 ſchuhen erfordert“. „Fähre oder Flöße, insgemein das Näh genannt“. Engelhard Erdbeſchr. 2, 501. Daher heißt die an dieſer Stelle gelegene Mühle noch jetzt, wiewol das Nähe ſeit faſt einhundert Jahren verſchwunden iſt, die Nähmühle und ſogar die an eben der Stelle angelegte, das Nähe verdrängende Brücke über die Lahn die Nähbrücke, ein Name, welchen neuerdings auch die in der Umgebung der Brücke angelegten Gehöfte führen. Name, im Sinne des modernen „Perſon“, wird noch heut zu Tage in den Zuſammenſetzungen: Mannsname und Weibsname hin und wieder ver⸗ nommen. „Lyt eyn man by eyme wibesnumen ane eren willen — — worden se des oberczuget met drien eren nachkeburn, ez si manssnamen ader wibesnamen ete. Statuta Eschwegensia herausgeg. v. Röſtell 1854. S. 5. Am häufigſten hört man es in Formeln wie dieſe: „alles was Mannsnamen hat, iſt draußen im Heu“ = alle Mannsperſonen, u. dgl. m. Narde fem., Mulde. Nur im Hanauiſchen üblich, und zwar mehr in der Niedergrafſchaft als in der Obergrafſchaft. E. Alberus Diet. Bl. daiüb: alueus, ein gefees oben weit, ein narten, boll, mulen, kar. Vgl. Bolle. naerlich, dürftig, ſparſam, kaum; in ganz Heſſen, wie auch ſonſt in Deutſchland volksüblich, nur nicht ſchriftdeutſch. „Hette ſie zwar gekennet, es gedencke ihn aber gar nährlich“. Marb. Hexenproceſſacten v. 1658. Altſ. naru, angustus; angelſ. nearo. Im Froſchmeuſeler erſcheint das Wort noch überall; zu allerletzt ſoll es wol Bürger gebraucht haben (in Lenardo und Blandine). Schmeller 2, 701. vgl. F. Bech in Pfeiffers Germania 5, 242 — 243. nellig wird im Amt Großenlüder genau in demſelben Sinne wie naerlich gebraucht, und iſt wol nur eine entſtellte Ausſprache von uaerlich. Narren plur., die durch einen Inſektenſtich misgebildeten Zwetſchen, welche anderwärts Taſchen, Schlotten, Schläuche heißen. Im Hanauiſchen, vor⸗ zugsweiſe im Unterlande. Narrenhaus. Dieſe Bezeichnung führte in ganz Heſſen, vorzugs⸗ weiſe in Niederheſſen, das Gefängnis, und zwar bis zum Jahre 1806 beinahe ausſchließlich, zumal auf den Dörfern, in welchen ſich Patrimonialgerichte mit Gefängniſſen befanden. Seitdem iſt dieſelbe ausgeſtorben, und wurde ſchon um 1816, als die Gefängniſſe mit dem Aufhören der Patrimonialgerichtsbarkeit aus den Dörfern gänzlich verſchwunden waren, kaum noch gehört. In Kaſſel ver⸗ ſchwand der Name mit dem Brande des Reſidenzſchloßes am 24. November 1811; Nast — naut. 281 das an das Schloß angebaute und in jenem Brande mit zerſtörte Hofgefängnis hieß „das Narrenhäuschen“, und die an dieſem Gefängnis vorbei, von dem Schloße nach der Aue führende Brücke, deren Trümmer noch im Jahr 1830 vorhanden waren, hieß die Narrenbrücke. Urſprünglich führte dieſen Namen nur das Drehhaus, Drillhaus, in welches Verbrecher geringeren Grades geſetzt und der öffentlichen Verſpottung preis gegeben wurden (ſ. Kasten, Thorenkasten), deren es in den meiſten größeren Städten, z. B. in Marburg auf dem Markt unterhalb des Kavats, gegeben hat, und welche bis weit in das 17. Jarhundert vorhanden blieben. Dieſe eigent⸗ lichen Narrenhäuſer, welche bis in die neueſte Zeit noch für Wahnſinnige in Anwendung kamen, meint Fiſchart im Flohatz: Oder wie man lehrt in vil Stedten Böß Leut in Narrenheußlein betten. S. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landeskunde 4, 82. Nast msc., ſehr gewöhnliche heſſiſche Form für Aſt, wie auch in Baiern Schmeller 2, 712. Doch iſt dieß auch das einzige oder faſt einzige Beiſpiel (vgl.⸗Nobis) eines dem anlautenden A oder E vorgeſchlagenen N; ich wenigſtens habe z. B. Natem für Atem niemals gehört.²2. 15, nau, genau, kaum, mit Not. Oberheſſen, doch nicht ſehr häufig, wiewol in dieſer Gegend die Familiennamen Nau und Gnau zu den verbreitetſten ge⸗ hören. „der dan nauw von der kranckeyd uffgestanden was“ W. Gerſten⸗ berger bei Schmincke Mon. hass. 2, 437. Salzſchlirfer Weistum von 1506 Grimm Weisth. 3, 375. J. Ferrarius von dem gemeinen nutz Marburg 1533. 4. braucht nau ſehr oft in der Bedeutung von nahe (vgl. ne). R211. nau iſt übrigens in faſt ganz Altheſſen die übliche Ausſprache von neu, novus. Dahin gehört der Ortsname Nauſis, welcher dreimal von noch vor⸗ handenen Ortſchaften (bei Neukirchen, bei Spangenberg, bei Rengshauſen), einmal von einem uralten, jetzt aber ausgegangenen Dorfe (im Süllingswalde), einmal in moderner Form (Neuſes bei Somborn im Freigericht) vorkommt, und eigentlich der niuwe sez, neuer Sitz, lautet. Die Bewohner des Gehöftes, welches im 16. Jarhundert neben der neu erbauten Brücke über die Lahn bei Brungers⸗ hauſen angelegt wurde, hießen 1560 —1570 nur: „Großhans vnd Kleinhans vf der nawen brucken“, und nachher lange Jahre „die Nawbrucker“ (Neubrücker). Jetzt führt das Gehöfte den Namen „Brückerhof“ näufeln (meiſt neifeln geſprochen), Hülſenfrüchte aus der Schale nehmen: Erbſen ausnäufeln, Nüße näufeln. Im Schmalkaldiſchen auch gebräuchlich für abpflücken (Beeren, Nüße). Allgemein üblich, wie auch in Franken; Schmeller 2, 683. In der Wetterau ſagt man laufeln (Weigand oberheſſ. Intell. Bl. 1846 No. 61 und 55). naint, nichts. Jetzt nur noch in Oberheſſen und an der Schwalm, ehe⸗ dem aber auch in Niederheſſen üblich, wie dieß zalreiche Beiſpiele bei Burcard Waldis, bei Melander Jocoseria (Lich 1604 No. 578: Lötzche, Lötzche, du darffſt mir wol ein Geſelchen ſein, du nimbſt den Scheffel Wayß von mir, vnd läſt mir naut de winger mein Saw ſterben“; — aus Germerode) u. a. beweiſen. „Sagt, ſie wiſſe naut darum“ Marburger Hexenproceſſacten von 1579 und ſonſt ſehr oft. Iſt das ahd. néowiht, mhd. nieht, nicht, altfrieſ. näwet, naut, angelſ. näviht, navht, engl. nought; den letztern Formen ſchließt ſich unſer naut an und ſteht von den hoctdeutſchen Formen merklich ab. Grimm Gramm. 8., T3l., Mit nicht wird is niemals verechſelt, deſes lantet nit, nel. S. aut. 282 Né — Neite. né, nahe, beſonders: beinahe, faſt; im ſüdlichen Oberheſſen die geläufigſte Form. Vgl. nau.t 222 Neffen plur. tant., Blattläuſe. Sehr üblich, am meiſten in Niederheſſen. Neid msc. iſt in der gemeinhochdeutſchen Bedeutung weniger volksmäßia, wenn gleich das Wort verſtanden und nach Umſtänden auch gebraucht wird; das Volk bedient ſich lieber der Umſchreibung: „er gonnt (gonn) ihm nichts“, oder 2.3i2 des Wortes rachgierig (ſ. d.). Im 16. Jarhundert muß indes die alte und eigentliche Bedeutung des Wortes: Kampfgier, Feindeshaß, noch lebendig und eben auch in Heſſen im Gange geweſen ſein; denn Hans Staden ſagt in ſeiner Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567. fol. 2, 51a): ſie ſchneiden ihnen offt⸗ mals arm vnd bein lebendig ab, von groſſem neid. Strodtmann Id. Osnabr. S. 146 bezeichnet dieſe Bedeutung als im Adjectivum nydsk damals (1755) im Osnabrückiſchen noch lebendig. Geneige. In einem Bußregiſter von Felsberg aus dem Jahr 1462 komt vor: „VI pund gab Henne Hildebrandt, als er bij nebil vnd nacht zeu der ſtadporte dorch das geneyge gingk“ Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 2, 376, wo das Wort von Landau durch „Wallgraben“ erklärt wird. Allerdings war in älterer Zeit das Gehen auf der Stadtmauer und auf dem Wall an vielen Orten bei ſchwerer Strafe verboten, doch folgt daraus noch nicht, daß Geneige ein appellativiſcher Ausdruck für Wallgraben ſei; es kann recht wol ein Eigen⸗ name eines Theiles des Stadtwalles geweſen ſein. nein, nén, niederdeutſche, im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen ge⸗ bräuchliche Form für kein. Nelke fem. iſt in ganz Altheſſen ſeltſamer Weiſe der Name von chei⸗ ranthus cheiri (Gelveielein, Lack), während die Nelken Grasblumen (die Feder⸗ nelke Federröschen) heißen. Nesperig msc. iſt in Schmalkalden und (war wenigſtens im Anfang dieſes Jarhunderts) auf dem Richelsdorfer Gebirge der Name des dort häufig zu Tage geförderten Schwerſpaths. Daß dieſes Wort aus einer bedeutenden Entſtellung hervorgegangen ſei, kann kaum einem Zweifel unterliegen; wie indes der Kern deſſelben aus der unkenntlich machenden Hülle herauszuſchälen ſei, darüber können zur Zeit kaum Vermutungen geſtattet ſein. Möglich wäre es, daß Nesperig (oder Nespericht, wie auch geſprochen wird) eine adjectiviſche Ableitung von Asbeſt wäre, welchem der eben gebrochene Schwerſpath ähnlich ſieht. nesset adj. (von nöseln, nösseln), wähleriſch im Eßen; wenn jemand an eine ihm vorgeſetzte Speiſe nicht recht anbeißt, mit der Gabel darin herum⸗ ſtört ohne zu eßen, oder ſie ganz verſchmähet, ſo ſagt man von ihm „er iſt gewaltig neſſet im Eßen“. Fulda. Vgl. nöseln. 2. 236. Westlützchen neutr., der jüngſte, kleinſte Vogel im Reſte, unter einer Brut (von Hünern, Enten, Gänſen); — das letzte Kind einer Ehe. Allein üblicher Ausdruck durch ganz Ober⸗ und Niederheſſen. Neströssel, daſſelbe, im Haungrund. Vgl. Fromman Mundarten 5, 416, wo eine anſehnliche Reihe von Aus⸗ drücken dieſes Sinnes zuſammengeſtellt iſt, unſere beiden jedoch fehlen, während daſelbſt Nestrücker als heſſiſch angegeben wird, welches ich niemals gehört habe. Netze fem. 1) oberheſſiſche Form für das gemeinhochdeutſche Näße, Netzen — niedlich. 283 ganz wie in Baiern Schmeller 2, 721; es muß für Netze ein altes nazi ſtatt nazt vorausgeſetzt werden. „Es iſt ein ſchlimm Jahr, wenn wir viel Netz haben“. „Die netz vom Waſſer“ Heinr. Engel Eyn gantz grawſamlich geſchicht ꝛc. einer groſſen Waſſerflut — in Marburg. 1552. 4. Bl. A3b. 2) naße Stelle im Felde, Pſuhl. Dem Hans von Döringenberg (Dörn⸗ berg) wurde vom Landgraf Heinrich ein Pfuhl zwiſchen Langenſtein und Allen⸗ dorf im Beerſchießen zu Lehen gegeben, um daſelbſt einen Fiſchteich anzulegen (Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 838); dieſer Pfuhl, allmälich ziemlich ausgetrocknet, jetzt ein Gehöfte, führt den Namen die Netze. 3) Urin, in Oberheſſen ſehr gewöhnlich. Im Jahr 1381 mußten die auf der Melnau Belagerten „ire eigin netz unde ſeyche drincken“. Wig. Gerſten⸗ berger bei Schmincke Mouim. hass. 2, 501. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 82—83. netzen wird zwar auch wie gemeinhochdeutſch gebraucht (anfeuchten), indes in Oberheſſen auch von dem Beſtreuen des Brodes mit Salz: „netz dir doch Salz zum Brod“. Außerdem iſt es in der neueren Zeit für Brantwein trinken ſehr üblich geworden, netzen zu ſagen. neufängisch (neufängsch), neugierig; an der Diemel niggefünksch; Niggefunk msc. ein neugieriger Menſch. Sehr üblich. neuschierig, neugierig, im öſtlichen Heſſen die üblichſte Form. Das Wort gierig iſt außer „rachgierig“ (ſ. d.) weder einfach noch zuſammengeſetzt dem Volke geläufig. Vgl. nyschyrig in dem Idiotikon von Fallersleben, Hoff⸗ mann in Frommann Mundarten 5, 157. Neuntödter. Dieſer Name des Vogels wird hier wie anderwärts metaphoriſch von einem verſteckten, kleivlichen, auch wol hämiſchen und tückiſchen Menſchen ſehr gewöhnlich gebraucht. „Neuntödter, tückiſcher Kerl“ aus der Grafſchaft Hohenſtein im Journal von und für Deutſchland 1786, 2, 116. Hin und wieder wird in Oberheſſen von den Kindern alberner Weiſe der Hirſchkäfer Neuntödter genannt. niederrucken, wiederkäuen. Das Wort iſt nur in der Grafſchaft Ziegenhain üblich, weniger gebräuchlich, aber nicht unbekannt in Niederheſſen; es iſt eine Entſtellung des richtigen itrucken, abermals aufſtoßen. In Ober⸗ heſſen racken (ſ. d.). †. 9/3 niederträchtig, in Heſſen wie auch ſonſt in der Volksſprache der deutſchen Stämme in ſeiner ältern und urſprünglichen Bedeutung gebräuchlich: herablaßend, demütig. Einen Beleg aus älterer Zeit ſ. v. Rommel Geſchichte von Heſſen 4, Anm. 297. niedlich bedeutet in Oberheſſen, beſonders in deſſen ſüdlichem Theile, wo das Wort äußerſt üblich iſt: leicht verletzlich, reizbar. „Die Gutedel (Wein⸗ ſtöcke) ſind gar niedlich“ d. h. ſie wollen gut gewartet, vor dem Froſt geſchützt ſein, ſie erfrieren und verderben leicht, nehmen eine nachläßige Behandlung gleich⸗ ſam übel. „Das Kind iſt gar niedlich“ = wunderlich, krittlich, reizbar. „Die alte Frau iſt nun gar niedlich worden“ = grämlich, eigenſinnig, wunderlich. Was dagegen gemeinhochdeutſch niedlich iſt, bezeichnet der Oberheſſe durch nützlich (ſ. d.). Der einzige Beleg aus älterer Zeit, welcher für das Wort niedlich aufzubringen ſteßt, iſt ein in den Bereich dieſes Idiotikons gehöriger: Schannat dioec. Fuld. 319: dass nymandes als niedlichen, nutzlichen und bass schuren vnd 284 Niet — Nobiskrug. verantworten moge, als ein ertzbischof zu Mentz, den ſchon Scherz-Oberlin 2, 1126 angeführt hat. Hier hat niedlich dieſelbe Bedeutung, welche das alt⸗ ſächſiſche niudlico im Heliand (6, 21 u. oft) hat: ſorgſam, ernſtlich, nachdrücklich, eifrig. Aus dieſer Bedeutung, welche dem mhd. sich nieten ſehr nahe entſpricht, kann ſich leicht die Bedeutung: es mit einer Sache genau nehmend, und daraus weiter die Bedeutung reizbar, leicht verletzlich, entwickelt haben. Aus dieſer letztern Bedeutung aber ſolgt erſt die gemeinhochdeutſche Bedeutung von niedlich = fein, klein und zierlich ſwiewol niedlich im jetzigen Sinne ſich auch direct aus der Bedeutung nieten, ſich anſtrengen, genau arbeiten, ſorgfältig ausarbeiten (Schmeller 2, 715 — 716 unter 3)) ableiten läßt). Niet msc., Luſt, Eifer, Beſtreben, wie das ahd. niut, nur im Schmal⸗ kaldiſchen üblich, meiſt nur noch in der Redensart: es hat mich ein Niet nach etwas, ich habe Luſt, bin eifrig darauf aus, bin erpicht. es nietert mich nach etwas, ich habe nach etwas Verlangen, es gelüſtet mich nach etwas. Schmalkalden. Reinwald henneb. Jd. 1, 109. 2, 91. 92. Niggemoere fem., der Name des Hirſchkäfers, Feuerſchröters in der Diemelgegend (Weſtuffeln). S. Hirz, Pelzgaul, Brutschmiler. Nickus msc., Name zweier anſehnlichen Berge zwiſchen Heubach und Oberzell: der große und der kleine Nickus. Das Wort iſt ganz deutlich der noch faſt ganz in ſeiner alten Form bewahrie Name des Waßergeiſtes, Nihhus, jetzt Nix, welcher hier nur, wie auch anderwärts, als Dämon überhaupt, und, nach der Oertlichkeit modificiert, als Berg⸗ und Waldgeiſt erſcheint. Auch haftet an dieſen Bergen eine Sage von einem Waldgeiſt, welche von Lynker Deutſche Sagen und Sitten in heſſiſchen Gauen S. 72 referiert wird. Es dürfen dahin wol auch noch andere ähnliche Ortsbezeichnungen gerechnet werden, z. B. die Nickenhell, eine Höhe bei Roſenthal, die Nixbitten (Nixbetten), eine Wieſen⸗ ſtrecke bei Betziesdorf. Vgl. Grimm d. Myth. (2) S. 456. Nimmerstag, colendae graecae. Sehr üblich; beſonders gebräuchlich iſt die Formel: „auf Nimmerstag, wenn die Böcke lammen“. Vgl. Jubelches Tag. Niszkopf msc., buchſtäblich ein Kopf, welcher voll Niße (lendes) iſt: ein ſehr übliches Schimpfwort für einen eigenſinnigen, ſtöckiſchen Menſchen. Eben ſo auf dem Weſterwald, Schmidt S. 124. Nohiskerug msc., Hölle. Niederdeutſche, jetzt ausgeſtorbene Bezeich⸗ nung, die jedoch auch in Oberdeutſchland nicht ungeläufig war z. B. kommt die⸗ ſelbe bei Fiſchart öfter vor. Erläutert iſt dieſelbe von J. Grimm deutſche Mythol. 1. Ausg. S. 561 (2. S. 954) und in Haupt u. Hoffmann Altdeutsche Biaitier 1, 294— 295. Zu den dort aus Burgh. Waldis gegebenen heſſiſchen Belegen mögen noch folgende kommen: G. Rigrinus Fegfeuers Ungrund. 8. 1582. Vorrede 634: „jener Jüde, da er ſterben ſolte, ſprach ſein Rabi zu jm: Abraham hat dich lieb: ſprach der ſterbende: wider lieb. Aber Chriſtus ſprach er, iſt dir gram: wider gram: antwort der Jude, vnd fuhr alſo dahin inn Nobiskrug, nicht inn Abrahams Schoß“. Iſaat Gilhauſen Grammatica. Marburg 1597. 8. S. 97: Zih erſt hin, ſeh mit aller trew, Os ſie (die Eller) auch in dem Himmel ſey, Dann wann ſie wer in Obis Krug Da iſt ihr ohn das warm genug. Nolle — Nosz. 285 O. Melander Jocoseria (Lichae 1602 No. 546. S. 548. 1604. No. 546 S. 507. Smalc. 1611 2, No. 146 S. 189): „O Judaee, eccubi ie in extremo judicio reperturus sum? nunquid orci in culo, ac regno Plutonis? O Jud, wo werd ich dich wol heut oder morgen finden? In Robis Krucken?“ Vgl. Heſſiſches Hiſtorienbüchlein 1842 S. 88. 1845 S. 96. Die Stelle aus Gilhauſen iſt zugleich ein Beleg für das von Grimm (1. Ausg. 561) noch vermiſteObis für Nobis (= Abyssus). 52 14f 4- Es exiſtiert in Heſſen (Frankenau, Amt Haina) auch der Familienname Nobis. Nolle fem., niederheſſiſche Form für Nadel, aus nadala zuſammen gezogen. Nône fem. An der Diemel, wie auch weiterhin in Weſtfalen, und zwar in nicht katholiſchen Gegenden, iſt dieſe Bezeichnung der fünften hora canonica, Hora nona (drei Uhr Nachmiitags), als Zeitbeſtimmung noch jetzt in voller Uebung. Man bezeichnet damit die frühe Nachmittagszeit (11 —1 oder 12 —2 Uhr), und verbindet damit in der Regel den Begriff der Mittagsruhe. In älterer Zeit findet ſich die Nône als Zeitbeſtimmung für bürgerliche Geſchäfte auch in heſſiſchen Urkunden oft; ſo iſt z. B. eine Urkunde des Burgmanns zu Marburg, Paulus in dem Hofe, von 1372, datiert: „vff Sant Thomas Abend in mein Paulus hobe vnd in meiner ſtube zur Nuné zeit oder in der maße“ (Copialbuch von Caldern). Das Verbum nönen (Mittagsruhe halten) iſt mir jedoch in Heſſen nicht begegnet. Strodtmann Id. Osn. S. 147. 334. [E.d.w F431 Worbel fem. und masc., ein Kügelchen Ziegen⸗ oder Schafmiſt. Fulda und Schmalkalden; in Fulda masculiniſch, in Schmalkalden femininiſch. fIg△. nörgeln (nergeln, nirgeln). Dieſer in der neueren Zeit in die /u⸗ Schriftſprache aufgenommene Ausdruck, welcher ſich bisher aus der ältern Zeit nicht hat belegen laßen, iſt in Heſſen ſehr üblich, und bedeutet an ſich undeutlich ſprechen, namentlich in der Kehle ſprechen — einer, dem das Zäpfchen zu tief ſitzt, nörgelt — dann auch mit verdrießlichem, naſalem Tone tadeln, kritteln. Nörgelhans, ein Krittler. sich abnörgeln (wol ſtatt: sich abmergeln), ſich fruchtlos abmühen. Nosz neutr., im Plural Nöszer, Stück Vieh, zumal Stück Rindvieh. Dieſes in Franken (Schmeller 2, 710), in Meiſſen (Adelung 3, 522) und jedenfalls durch ganz Mitteldeutſchland verbreitet geweſene Wort war ehedem auch in ganz Heſſen üblich, findet ſich aber jetzt nur noch, dem Abſterben nahe, in Oberheſſen und im Fuldaiſchen, wo es noch in voller Uebung ſteht, aber indeelinabel iſt. Kyntnoisser, Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schmincke Monim. hass. 2, 698. „ſintemal ihm zeugen ſelbert inwendig ſechs Jahren an die ſechs Rindnöſſer vnd 25 pferde beſcheddiget worden vnd abgangen“. Mar⸗ burger Hegenproceſſacten von 1öro. „Segen vor das fewe, wenn dz dihe daſetd bet Gott vnd vnſer liebe frawe giengen vber ein grüne Awe, do begegneten ihn fewr vnd flam. Fewr vnd flam wo woltet hin? do wil ich in den ſtal, das Noß dz ſol ich ſtechen, ſein blut dz wil ich lecken. 286 Noesel — Nück. Fewr vnd flam dz ſoltu nicht thun, du ſolt dich ſchlagen zwiſchen alle zeun, du ſolt dich niderſengen, dz dich nimmermehr kein man thu empfengen“. Hexenproceſſ⸗ acten von 1633, aus Willersdorf. Noesel neutr., ein Wort vielleicht ſlaviſchen Urſprungs, da es nur in Meiſſen, Thüringen und Heſſen vorkommt, und der oberdeutſchen wie nieder⸗ deutſchen Sprache in gleicher Weiſe fremd iſt. Es bedeutet ein Gemäß für Flüßigkeiten und iſt dem Schoppen (vierten Theil eines Maßes) gleich. In Heſſen iſt es heut zu Tage nur in den öſtlichen Bezirken, bis zur Fulda hin, gebräuchlich, im Weſten, namentlich in Oberheſſen, gänzlich unbekannt und unverſtanden. Ehedem muß daſſelbe jedoch in ganz Heſſen üblich geweſen ſein, denn in Emmerichs Frankenberger Gewohnheiten (Schminke Monim. hass. 2, 708) heißt es: Dy stadt sal eygen masze, halbe, unde nosteln han; und in Marburger Acten von 1596, 1604, 1633 u. a. erſcheint das Wort, meiſt in der Form Nesel, öfter. nöseln, auch nösseln, nusseln, nüsseln, nisseln geſprochen, bedeutet 1) herumkrämern, in etwas herumſtöbern; eben wie Schmidt Weſterw. Id. S. 125 angibt; namentlich aber 2) in den Speiſen herumſtören (mit der Gabel), ohne ernſtlich zu eßen; wenig und ohne Appetit eßen. So findet es, genau wie noch heute gebräuchlich, bei Melander Jocoseria (Lich 1604. No. 731. Schmalk. 1611. 2; No. 332) „Ich ſahe wider an zu nüſſeln, ich habe heut ein Hünerſüplein vnd ein Hünlein geſſen“, was Melander durch rodere überſetzt. 3) undeutlich, namentlich durch die Naſe ſprechen, halblaut, wie Unzu⸗ friedene und Hinterhaltige thun, und krittlich ſprechen. Sehr üblich; zumal „in den Bart nuſſeln“. Im Haungrunde und weiter im Fuldaiſchen iſt die erſte dieſer drei Be⸗ deutungen nicht vorhanden, die andern beiden Bedeutungen aber werden durch zwei verſchiedene Wörter vertreten: nduseln, ohne Appetit eßen. nüsseln, durch die Naſe, undeutlich ſprechen, kritteln, tadeln. Im Br. BW. 3, 252 findet ſich von jenen drei Bedeutungen nur die erſte, doch mit Anlehnung an die zweite (1. etwas durchſtänkern, 2. zauderhaft arbeiten). Hoffmann dagegen in ſeinem Idiotikon von Fallersleben hat (Frommann Mundarten 5, 157), nux die dritte. Bgl. nessei. 7. 16 2. nocte adverb., mit Not, ſchwer, ungern, wider Willen. „Es kommt ihm noete an, dahin zu gehen“; „er thut das noete, aber nicht gern“. Ober⸗ heſſen. „Ich ließ mich aber nicht anders merken, denn das ich nöde mit zöge, auf das ſie, wenn ich gutwillig mit gezogen wäre, nicht gedacht hätten“ ꝛe. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch, Frankf. 1567. fol. 2, 44a). genôtig, genottig, eilig, zumal ſchnell hinter einander her; „er lauft ihm gendtig nach“; „die Frau kriegt die Kinder genottig“. Schmalkalden. Nück msc., meiſt Nick geſprochen, heimlicher Groll, Tücke; mehr plura⸗ liſch als ſingulariſch im Gebrauche. Ueberall vorkommend, am üblichſten in Oberheſſen. „Er hat Nicke und Schnicke an ſich“, er iſt heimtückiſch, lügneriſch und verſchlagen; zuweilen auch im Scherze gebraucht. Schottel Hauptſprache S. 1370. Vgl. Nückel 2. 287 Das Wort ſcheint vorzugsweiſe niederdeutſchen Gebrauches zu ſein: Richey S. 175. Brem. WB. 3, 251, kommt aber auch ſüdlich von Heſſen, bis nach Mainz hin, ſehr häufig vor. Nückel msc., 1) Abhang, ſteiler Abhang. Vielleicht (wie auch oft ge⸗ ſprochen wird): Nickel, von neigen. Haungrund. 2) der im Zorne hervortretende Muskeltheil der Stirn über den Augbrauen. Diemelgegend. Vgl. Nück. nuckeln, an der Bruſt, dem Euter ſtoßweiſe ſaugen. Daß indes Nückel in Heſſen die Weiberbruſt heißen ſolle, wie Schmidt Weſterw. Id. S. 123 angibt, iſt wol irrig; ich habe es, ſo häufig auch nuckeln vorkommt, niemals gehört. Vgl. nutscheln. Wülle kem., Naſe. Nur in der Diemelgegend gebräuchlich, muß aber in älterer Zeit auch im öſtlichen an Thüringen grenzenden Heſſen üblich ge⸗ weſen ſein: haben unde huollen an sürgen vnde au nuollen. Cliſabethleben Graff Diut. 1,365. so nom sie von ir nullen ir wimpeln vude ir hullen. Ebdſ. 1, 390. Bgl. ein ouüll machen, frontem contrahere; nüelen, nülen Pictor., wühlen, von Schweinen und Schormäuſen. Friſch 2, 23e. Stalder 2, 245. Schmeller 2, 689. nümpeln, im Schmalkaldiſchen ein Ausdruck im Kinderſpiel mit Merbeln (ſ. wieren): durch Merbel, welche man auf dem Erdboden hinrollen läßt, be⸗ ſtimmen, wer der erſte im Spiel ſein ſoll. Xf18 Nuppe fem., faſt nur im Plural, Nuppen, gebräuchlich. 1) Schwierigkeit; „das hat ſeine Nuppeni“ Dieſe Bedeutung iſt wol die urſprüngliche, da Nuppe, Noppe einen Knoten in der Wolle, beſonders im gewebten Wollenzeug bedeutet, vgl. Brem. WB. 3, 242. Sehr üblich. 2) Eigenſinn, Störrigleit, auch Tücke. „Der hat ſeine Nuppen“, der hat ſeine unüberwindlichen Eigenheiten. „Sie hette ſeine Schalksnoppen woil gewuſt“. Oberheſſiſches Verhörprotokoll von 1596. „Wer ſolte vnder ſolchen güldenen Wörtlein ſolche falſche Noppen geſucht haben?“ Gefängnuß M. Joh. Hesselbeinii 1607. 4. S. 12. Anderwärts Naupen, Schmeller 2, 700. Schmidt weſterw. Id. S. 121. Vgl. Fiſcharts Naupengeheuerliche Geſchicht⸗ klitterung, naupentückiſche Naſen u. dgl. Nüppchen, im Schmalkaldiſchen; ein kleiner Merbel (ſ. d.), was zu Noppe, Knoten, ſich wol fügt. nur. Dieſes aus mhd. nuwer, niur, ahd. ni wäri = nisi, es ſei denn, entſtandene Wort kommt in Heſſen nie in ſeiner einfachen Geſtalt, ſondern in den Formen nurt, nurter, nursi (geſpr. nurscht), nurent vor, und wird ſehr gewöhnlich mit allein verbunden: nurt allein. „Sie wüſte eben in specie nichts zu ſagen, nurt allein daß“ ꝛc. Marburger Hexenproceſſacten v. 1658. (In dieſer Form erſcheint das Wort durchgängig im Froſchmeuſeler). „Das er vor⸗ gedachte attestationes nit, dan nuhrent an widderigen örtern beſtritten haben wolte“. Marb. Hexenproceſſa. v. 1579. Die Formen nurter und nurst ſind offenbar Comparationen: Comparativ und Superlativ; auch iſt wol ſchon nurt eine ſuperlativiſche Verſtärkung. 1 fl.p Ltette 1431 Würn fem., auch Norn fem., Felſen, Felsblock. Oberheſſen, beſonders im weſtlichen Theile. Vei der geringen Tiefe der Ackerkrume, welche ſich auf Nückel — Nürn. 288 Nusz — Ober-Noete. dem Uebergangsgebirge weſtlich von Marburg (in den Gemarkungen von Elnhauſen, Dilſchhauſen, Neßelbrunn, Weitershauſen, Diedenshauſen u. ſ. w.) findet, ſtößt man beim Ackern öfter auf eine Nürn oder ein Nürnchen, d. h. einen aus dem Humus hervorragenden größern oder kleinern Felsblock. Die Nürn (auf der Nürn) iſt ein Feldplatz bei Amöneburg. Die Nürnwand (Nornwand), Felſenwand am Wollenberge; der Nürnberg (Weiterode). — Unerklärtes, ſonſt nicht vorkommendes Wort; ſicher vom höchſten Altertum. Kehrein Volksſprache in Naßau. 1861. S. 295 hat das Wort als Nörr, Norr, und verſteht es als eine unfruchtbare, beſonders naße Stelle im Acker — gewis unrichtig; das Richtige (aus dem Amt Marienberg) ſchiebt er gerade bei Seite! Nusz. „In die Nüße gehen“, verloren gehen; eine hier wie anderwärts ſehr übliche Redensart. vernuszbäumen, ſeltſam, altfränkiſch, der Mode zuwider, ge⸗ ſchmacklos und albern ankleiden; meiſtens nur reflexiv: sich vernuszbäumen. Das Wort findet ſich auch anderwärts ſ. Schmidt Weſterw. Id. S. 305, wenn gleich in etwas abweichender Bedeutung. Nuster, Nüster neutr., Abkürzung von Paternoſter, wie der Roſenkranz im Kreiße Hünfeld genannt wird. Aber auch in dem proteſtantiſchen öſtlichen Heſſen iſt dieſes Wort landüblich; es bezeichnet zwar nicht mehr die ſeit drei Jarhunderten verſchwundenen Roſenkränze, wol aber die nach den Roſenkränzen geformten Korallenſchnuren, Perlenſchnuren, Bernſteinſchnuren, welche, meiſt auf ein Stück Band aufgereihet, zum Halsſchmuck des weiblichen Geſchlechts dienen. Vgl. Schmeller 2, 714. feer4⸗ nutscheln, ſaugen; an Aepfeln, Birnen, wird genutſchelt. Allge⸗ mein üblich. nützlich bedeutet im ſüdlichen Oberheſſen: ſein, klein, zierlich, geſchickt gearbeitet, und iſt im gemeinhochdeutſchen Sinn unbekannt und völlig unver⸗ ſtändlich. Im Ganzen vertritt in dieſem Diſtrict nützlich das gemeinhochdeutſche niedlich, ein Wort, welches hier auch, doch in ganz anderm Sinne als in der Schriftſprache vorkommt (ſ. niedlich). „Nützliche Arbeit“ wird z. B. die Stickerei, die künſtliche Flechtarbeit aus Silberdraht, wie ſie in den Frauenklöſtern ver⸗ fertigt wird, das Verfertigen künſtlicher Blumen u. dgl. genannt. Auch heißt wol ein kleines zierliches Kind „ein nützliches Kind“. Schmidt Weſterw. Id. S. 126. — Auch anderwärts ſindet ſich der Gebrauch dieſes, ſicherlich nicht von Nutzen abzuleitenden, Wortes in demſelben Sinn: im Journal von und für Deutſchland 1786 S. 532 wird derſelbe als im Hennebergiſchen Statt findend angegeben und als Beiſpiel angeführt „ein nützlich Näschen“, und eben ſo referirt auch Reinwald 1, 113, welcher die Form nieſelich neben nützlich hat und das engliſche nicely zur Vergleichung zieht. (Das engl. Wort vereinigt die Be⸗ deutungen der oberheſſ. Wörter niedlich und nützlich in ſich). O. Ober-Noete, 1) Nöte, Bedrängniſſe, welche ohne Schuld des Be⸗ drängten von Obenher, von den Herren und von Gott, kommen; daher 2) Steuern, welche dem Oberherrn (Landesherrn), außer dem Zins an den Ländeigentümer, entrichtet werden mußten. In dieſem Sinne kommt das Oberste — oder. 289 Wort öfter vor, noch 1625 in einem Landſiedelbrief von Unter⸗Rosphe (Lennep Leihe zu Landſidelrecht Cod. prob. S. 169): „darbeneben auch vnſerem G. F. vnd Herrn ſ. F. G. daruf herbrachte dienſte vnd erbgülde, auch Steuer vnd Schatzungen neben andern Ober Nöthen vnd Neuerungen, ſo vf dieſem Hof der gebüer möchten geſucht werden, zu gewönlichen gebürenden Zeiten entrichten“. Oberste neutr., die Sahne, der Schmand. Schmalkalden, wo ſonſt auch Raum d. i. Rahm gebräuchlich iſt. Reinwald Henneb. Id. 2, 93. obig, über, oberhalb, dem undig correſpondierend; ſehr üblich. „obig der Landſtraße“, „obig dem letzten Haus im Ort“. Im Schwarzenfelſiſchen wird oewig geſprochen. Ohlei kem. hießen in älterer Zeit die Naturalgefälle; in Heſſen hat ſich bis auf die neuere Zeit (c. 1830) dieſe Bezeichnung nur in Schmalkalden erhalten. Obleiamt, in Schmalkalden noch jetzt die Verwaltung eines beſondern Corporationsvermögens, welche den Mitgliedern des dortigen Stadtrats als ſolchen zuſtehet. obsternát, obstinotus, hartnäckig; wird gebraucht, um einen hohen Grad dieſer Eigenſchaft auszudrücken. och, die auch noch jetzt gewöhnliche Form von ach, wie ſie häufig bei Fiſchart u. A. erſcheint. „och nun werden ſie unſere mutter auch greiffen und hinſetzen“ Marburger Verhörprotokoll von 1680. Ochse. In den meiſten Gegenden Heſſens (Oberheſſen, Ziegenhain) heißt der Pflugochſe, Anſpannochſe Stier, und nur der Zuchtochſe Ochſe; in andern Gegenden (Werra) heißt nur der junge Ochſe Stier, und bekommt den Namen Ochſe ſo wie er zur Arbeit verwendet wird. Brulliochse, die üblichſte Bezeichnung des Zuchtochfen. Uneigentlich: ein exceſſiv unzüchtiger Menſch. Weniger üblich ſind: Brummochs, Bremmochs, Bremmelochs. ochsen, von der Kuh, hitzig ſein, nach dem Faſelochſen begehren. umochsen, nach der Begattung, welche fehlgeſchlagen, abermals hitzig werden. Ochtme, Ochtum mse., der Schmalzehend, minuta decima, Blut⸗ zehnte, Zehend vom Vieh. Ein jetzt längſt untergegangenes, ehedem aber, wie anderwärts, auch in Heſſen üblich geweſenes Wort. Lennep Leihe zu Landſidel⸗ recht Cod. prob. 709. 710. 716 (vor vchten, vor czenden 1366). Zeitſchr. des Vereins für heſſ. Geſch. u. LK. 2, 365 aus einem Güterverzeichniſſe der Frilinge zu Frankenberg von 1343. Vgl. Haltaus s. v., Brem. WB. 3, 254—255. Vgl. Gejüng S. 187. oder. Eine Eigentümlichkeit des heſſiſchen Dialektes, und keine ſehr vor⸗ teilhafte, iſt es, oder mit aber zu vertauſchen, oder zu gebrauchen für aber und aber für oder; vorzüglich kommt dieſelbe dem niederheſſiſchen Dialekte zu. „Er ſagte mir, ich ſollte das thun; ich ſprach oder, ich thäts nicht“.„Es iſt einerlei, wer da kommt, dein Vater aber deine Mutter“; u. dgl. Außerdem erleidet oder bei der ungefähren Angabe von Zalen Aphäreſis und Inelination, ſo daß es als tonloſes er an das betreffende Subſtantivum angeſchleift wird. Der Heſſe ſpricht: „ein Jahrer drei“ anſtatt: ein Jahr oder drei; „ein Wochener vier“ anſtatt: eine Woche oder vier; „ein Tager acht“ anſtatt: ein Tag oder acht; „ein Stücker drei“ anſtatt: ein Stück oder drei: — während in geringer Entſernung, nach dem Rhein und nach Weſtfalen hin, die urſprüngliche Redeform noch deutlich und unmisverſtändlich geſprochen wird. Vilmar, Jdiotikon. a l durg a. d. 19 19 290 Ohd — ockers. „vnd vor der Hütten ſtund ein kopff oder fünffzehen auff reydeln“ Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567 fol. 2, 87b). „Wie wir nun vngeferlich ein tag oder fünff zu Schiff waren geweſen“ Ebdſ. 37b. „möchte ein Jahr oder drey ſein“ Marburger Hexenproceſſacten v. 1658. „vor ein wochen oder drey“ ebdſ. „ein tag oder acht hernach ebdſ., und ſo ſehr oft. Schmeller 3, 613 hätte nicht nötig gehabt, ſich ſo ſchwankend, wie er thut (damals that, denn ſpäter gelangte er zu feſter Einſicht) über dieſe Formen auszuſprechen. ⁶hà, Zuruf an das Zugvieh, durch welchen demſelben Halt geboten wird. In Niederheſſen durchgängig, bis auf die neuere Zeit, üblich, nicht in Oberheſſen, wo dafür ji im Gebrauche iſt. S. ) und jü. Ohe fem., häufig vorkommende heſſiſche Ausſprache von Aue; ſo bei Amenau u. v. a. O., aber auch Ausſprache von aha, fließendes Waßer, Bach, Fluß; ſo heißt ein Flüßchen, welches von Ropperhauſen am Knüll herabkommt und bei Casdorf der Efze zugeht, die Ohe; dahin wird ſicher auch die Oh⸗ ſchreufe bei Frankenberg, eben ſo die Zweſterahn (Zweſterohn) gehören. Ohrdachtel kem., Ohrfeige, gebräuchlicher als das einfache Dachtel, welches Adelung dem „niedrigen Scherze“ zuweiſt; auch hört man eben ſo häufig ohrdachteln, beohrfeigen, wie dachteln, welches Wort tief unter Adelungs Niveau gelegen haben mag. Vgl. Husche, Watsche. Ohrlitze fem., auch Ohrschlitz msc., der unter dem Namen Ohrwurm bekannte Halbkäfer, Forſicula auricularia. ockers (ocherst, auch ackersi), zuweilen auch ocherl, adv., nur, in der Bedeutung von seulement, indem ne-que durch nur (nurt, nurſt) ausgedrückt wird. In ganz Altheſſen mit Ausnahme der ſächſiſchen und weſtfäliſchen Bezirke, doch mehr in Niederheſſen als in Oberheſſen üblich, wie auch ſonſt im nord⸗ weſtlichen Mittel⸗Deutſchland. „wers ockers nicht der Herre Crist“ ſagen die Teufel in dem Gedichte, welches Bartſch unter dem Litel „die Erlcesung“ herausgegeben und ſeinem Urſprunge nach für Heſſen vindiciert hat. „dann sie ockert eyn halb jar gedienet hat“, Acten aus dem Gericht Oberaula vom Jahr 1471. „Gib mir ockert ein klein Stück Brod, ich brauch nicht mehr“. „Gib me ockerſt einen halben Gillen“, Anforderung einer Frau in Rotenburg 1799 an ihren Mann, einen Emigranten, welcher in Verzweiflung darüber geriet, daß er ockerſt in ſeinem Dictionaire de poche, das er ſtets bei ſich führte, nicht finden konnte. In den Reimen auf die Ankunft des Landgrafen Friedrich I. Königs von Schweden, in Heſſen (Aller Reddelichen Heſſen⸗Kenger Herzeliche Freude ꝛc. Eiſenach 1131. 4., auch abgedr. Hersfelder Intelligenzblatt 1832. No. 9) erſcheint ockerst dreimal: Säht ockerſt waas fer Herrlichkeit Der Heſſen Ferſten⸗Kenger Erworben hann dorch Tapperkeit ꝛc. Jo waas mä au im Huſe honn Das kunnt tä ockerſt heiſchen ꝛc. Ach! hetten mä ockertſch die gillen Frau ꝛc. Das Wort iſt Adverbium eines untergegangenen Adjectivs, eccherodi. ekorodi, welches exilis, tenuis, tener bedeutet (Graff althochd. Sprachſchatz 1, 134—135. Grimm Gr. 3, 113— 114), und lautet demnach urſprünglich (8. 9. Jarhundert) ekkorodo, aber ſchon im 10—11. Jarhundert (bei Williram) ockeret, wie heut zu Tage und hat dieſelbe Bedeutung, wie in Heſſen: tantum. Olei — Ort. 291 Anderwärts ſcheint indes die urſprüngliche Bedeutung des Adjectivs in dem Adverbium ockers feſter gehaftet zu haben, indem es in der Grafſchaft Hohenſtein nach der Angabe im Journal v. u. f. Deutſchland 1786, 2, 116 die Bedeutung kürzlich, vor Kurzem, hat. Oiei neutr., Oel, aus oleum in derſelben Weiſe entſtanden, wie Orlei aus horologium, Oſterluzei aus aristolochia u. dgl. Die Bezeichnung iſt nur in Oberheſſen und in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Gegenden Heſſens üblich; in Niederheſſen ſo wie in dem gröſten Theile der Grafſchaft Ziegenhain wird auch das Oel, mit Ausnahme jedoch des Baumöls, Fett genannt. Vgl. Felt. Olübig, öleibig, olebig, klein, ſchmächtig, ſchwächlich; „ein olibiges Kind“. Sehr üblich in Niederheſſen. Von äleipa, reliquiae. Das Subſtantivum oleibe iſt mir in Heſſen nicht vorgekommen, wiewol es z. B. bei Schottel Haubtſpr. S. 1371 noch erſcheint, und früher ſehr allgemein üblich geweſen ſein muß: Soltau hiſt. Volkslieder S. 303: „ein oleüb pauren“; „Ohleyb, Reliquiae“ bei Alberus Dict. Bl. Cija. S. leiben. AtVk. Omaden, Oemde neutr., Nachheu, Grummet. An der Efze, untern Schwalm und Eder, ſo wie an der untern Fulda üblich; im übrigen Niederheſſen ſo wie in Oberheſſen ungebräuchlich und unverſtändlich. „gab herrlich Oemden oder Krummetwetter“ verzeichnet der Beckermeiſter Hans Henrich Arnold in Kaſſel für das Jahr 1677. „nach dem Regen gab es noch etwas Omaden“ ebendaſ. zu 1684. . A ru4△ Oemiel msc., ein alberner, träger Menſch. In der Diemelgegend. ömen, alte Form des heutigen ahmen in dem Wort nachahmen, allge⸗ mein üblich. Das Wort muß, wie manche Stellen bei Matheſius, beſonders aber bei Luther, deutlich zeigen, urſprünglich die Bedeutung gehabt haben: (ſich) ein ungefähres Bild von etwas machen, hinter der Sache her, nachdem man ſie geſehen hat, ſie in allgemeinen Umrißen darzuſtellen verſuchen. Unter dieſer Vorausſetzung iſt eine hin und wieder in Oberheſſen vorkommende, jetzt dem Ab⸗ ſterben ſich nähernde Formel befriedigend zu erklären: jemanden ömen, einer Perſon ähnlich ſehen; „der Jung ömi seinen Vater, ömi seiue Mutter“. Auch wird auf dieſem Wege begreiflich, daß imitari nicht durch das einfache omen. ſondern nur durch nachomen ausgedrückt werden konnte. Omitze fem., Ameiße, die in ganz Niederheſſen, mit Ausſchluß jedoch der ſächſiſchen und weſtfäliſchen Diſtricte, gebräuchliche Form; das tz iſt eine Verſtärkung des urſprünglichen z, wie das in das gemeinhochdeutſche Ameiſe eingeführte ſ eine, aber tadelhafte, Schwächung des z iſt. — Nach den Namen von oberheſſiſchen Feldplätzen zu urteilen (Omeisser, Oméser), muß Omeisze doch auch in Oberheſſen üblich geweſen ſein oder hier und da noch jetzt üblich ſein. Schmidt Weſterwäld. Id. S. 128 Vgl. Ummelsche, Seichhammel. Mizu. 14. öpfel msc., ſchmalkaldiſche Form von Gipfel und Wipfel. ordinieren, ein dem Volke ſehr geläufiger Ausdruck für befehlen, anordnen, und weit üblicher als anordnen. Es findet ſich derſelbe ſchon im 16. Jarhundert ſehr häufig verwendet, z. B. bei Matheſius, Fiſchart u. A. Ort neutr. 1) in Gemäßheit der alten Bedeutung: ſcharfe Spitze einer Waffe (swertes ort mhd., Schwertſpitze) bezeichnet Ort in vielen Gegenden Heſſens die Schuſterpfrieme, welche ſonſt auch Saul und Ahle heißt; in Schmal⸗ kalden iſt Ort neben Ahle für daſſelbe Inſtrument gebräuchlich. 19* 292 Orte — osse. 2) Ecke überhaupt, Endſtück eines Dinges (wie die vier örter des allars im Schatzbehalter 1491 und ſonſt vorkommen): (eine Stadt, ein Dorf) „an allen vier örten in Brand ſtecken“ Kaſſeler Protokolle aus dem 16. u. 17. Jar⸗ hundert, öfter. In dieſem Sinne nennt auch Landgraf Heinrich in einer Urkunde vom 30. Januar 1480 (Kopp Gerichtsverf. I, No. 2) die Stadt Witzenhauſen „ein Ortslos unsers Fürstenthums, daran den gedachten unsern lieben Veltern etwas mergliches gelegen ist“. 3) Theilſtück (Ecke, Endſtück) eines Ganzen, zumal der vierte Theil eines Guldens, eines Thalers. „ein Ort eines Gulden“ ſehr oft in ältern heſſiſchen und nichtheſſiſchen Schriften, z. B. in Landgraf Philipps Reformation vom 18. Juli 1527. Marburg 1528. 4. Bl. Ca, in Köbels Rechenbuch 1532. 8. u. ſ. w. Es muß deshalb die Annahme, es habe ſich dieſes Ort aus Quart durch Entſtellung gebildet, abgelehnt werden; vielmehr verhält es ſich mit Ort in dieſer Bedeutung wie mit dem niederdentſchen Timpe, welches auch in acumen desinens extremitas (Schottel Haubtſpr. S. 1431) bedeutet und eben darum auch eine Münze, welche Theilſtück einer größern iſt, bezeichnet. Aus dem „Ort eines Gulden“ hat ſich dann die Abkürzung: Ortsgulden (Ort⸗s⸗gulden), Ortsthaler gebildet. Pflanzenort, Theilſtück eines Gemeindegrundſtückes, wie ein ſolches jeder Ortseinwohner in Benutzung bekommt, um die Kohlpflanzen darauf, bis zum Ausſetzen in das Ackerland, zu erziehen. Niederheſſen. Bgl. Biech. 4) wie gemeinhochdeutſch: Stelle, beſtimter Platz, bewohnte Stelle (Dorf). Bemerkenswert iſt nur der metaphoriſche, indes doch merklich an 2 ſich anlehnende Gebrauch dieſer Bedeutung: mit einer Sache über Ort ſein = fertig ſein, ſie vollendet haben; mit einer Perſon auf ein Ort ſein (kommen) — mit ihr einig werden, zum Abſchluß gelangen „Herr Vernhart hette ihnen den einrath gegeben, ſie ſolten damit warten, bis ſie mit Caſpar Müloxern auf ein ort weren“. Marb. Hexenproceſſacten von 1658. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landest. 4, 83 —84. Orte fem., ſtatt Urte, Urie, Zeche. In Heſſen ſicherlich ſehr ſelten ge⸗ weſenes Wort; doch komt es vor W. Gerſtenberger heſſ. Chronik Schminke Monim. hass. 2, 493: „unde worffin sie in die koln in ir eigin huseren, wan sie ire gloge unde orthen betzalen sulden“. Vgl. Schmeller 1, 114. orzen, Oerzchen ſ. ures. Oese fem., die jetzt gemeinhochdeutſch gewordene Entſtellung des nieder⸗ deutſchen Oegesken, Oeſeten, d. h. Augelchen: der runde Griff, in welchen der Haken eingreift. Haken und Oeſen, bekannter Apparat zum Zuheſten von Kleidungsſtücken, beſonders von weiblichen. oese adj. Das einfache Wort iſt mir noch niemals begegnet, und ich vermag auch heute ſo wenig wie 1837, als mir das folgende Wort zuerſt auf⸗ ſtieß, zu ſagen, was es bedeutet. unocse, widerwärtig, nichtsnutzig, lüderlich. Niederheſſen (Spangen⸗ berg). „Er habe eine vnöſe zanckiſche hure gehabt, die ihnen allerſeits in der Nachbarſchaft vnwillen vervrſacht“. Marb. Verhörprotokoll v. 1658. Richey Id. Hamb. S. 327 hat unnoesel in gleichem Sinn, ſubſtantiviſch. Außerdem kann ich undese nirgends finden. osse (als ſo) mit gelindeſter Ausſprache des fi, imn ſächſiſchen und weſt⸗ fäliſchen Heſſen in der Bedeutung wie, eben ſo wie. Oster — Owwe. 293 Oster, ſchwaches Femininum: Ostern plur., Eigenname von Wieſen. „Wieſen in der Oſtern“ Frankenberg 1550; Oberaula. Heut zu Tage an beiden Orten pluraliſch: in den Oſtern, wiewol in Oberaula der Singular bis jetzt noch nicht völlig vertilgt iſt. An beiden Orten liegen die gedachten Wieſen öſtlich von der Ortſchaft; aber ob dieß der Grund der Benennung iſt? Osterbad. Nach Schmalkalder Aberglauben muß man am Oſter⸗ morgen in das Oſterbad bei Sonnenaufgang gehen (ſollte das Bad auch nur darin beſtehen, daß man die Füße einmal in das Waßer tauchte) und dabei dreimal in einem Atem ſagen: „Wurm, Wurm, geh in dein Neſt, ich bin im Oſterbad geweſt“; dann wird man das ganze Jahr hindurch von keiner Otter gebißen. otmütig adj. und adv., ein jetzt unbekannt gewordener uralter Aus⸗ druck, zuletzt, im 16. und 17. Jarhundert bis in den Anfang des 18. Jarhun⸗ derts ein Kanzleiausdruck in Bittſchriften an den Landesherrn oder auch die höchſten Landesbehörden, am häufigſten in der Formel ot⸗ und demütig bitten. „Als gelangt mein oht vndt demutige pitt“ 1596. „E. F. Gn. gebe ich arme betrübte Wittibe hiermit oht⸗ vnd demütig zu vernehmen“ 1658. Eine zum Säcken verurteilte Kindsmörderin bittet 1680 „ot⸗ und demütig um Be⸗ gnadigung mit dem Schwert“. In älteſter Zeit iſt dieſes Wort, deſſen Stamm odi, kacilis iſt, ſehr häufig: otmuati bei Otfrid, odmödi im Heliand u. ſ. w. Graff Sprachſchatz 2, 690 f. vgl. 1, 149 f. Brem. WB. 3, 255./ % /L. 2 ℳri * ôwelzig acj. und adv., übermäßig, ungemeßen. Oberheſſen (Roſenthal, Gemünden und Umgegend). ôwésch, d. i. o⸗weh⸗iſch, ein aus der Interjection o weh gebildetes oberheſſiſches Adjectivum. „Einem öwesch machen“, jemanden zum Nachthun einer von mir vorgenommenen Handlung, namentlich aber zum Appetit, reizen. „Der hat ſchon ſein Frühſtück gegeßen, und mir damit öwésch gemacht, daß ich es nun auch eßen muß“; „die Aepfel auf dem Baume machen dem Jungen Owésch“. Owwe msc., Vater. Die übliche, ja vorzugsweiſe gebräuchliche Bezeich⸗ nung Seitens der kleineren Kinder in einigen Dörfern des oberheſſiſchen Hinterlandes (Hadamshaufen, Weitershauſen). Es iſt dieſes Wort eins der ſeltenſten und merkwürdigſten des idiologi⸗ ſchen deutſchen Sprachſchatzes, zwar auch in Holſtein (Nordditmarſchen) gebräuch⸗ lich, ſonſt aber bisher nicht verzeichnet worden. Unrichtig hat es Müllenhoff in ſeinem Wörterbuch zu Klaus Groths Quickborn 3. Ausg. S. 309 vgl. S. 273 für eine Verkürzung aus Oldpapa, Großvater (was Obbe dort be⸗ deutet) ausgegeben. Papa iſt weder in Holſtein noch im heſſiſchen Hinterlande ein auch nur verſtandenes, geſchweige denn jemals gebräuchlich geweſenes Wort, und eine ſolche Verkürzung iſt für den hierländiſchen Dialekt eine Ungeheuerlich⸗ keit, ja geradezu eine Unmöglichkeit. Es gehört vielmehr Owwe zu den wenigen Reſten der allerälteſten deutſchen Sprache, gleich aithei (Aidche, Aige, ſ. d.), welches eben da üblich iſt, wo auch Owwe ſich findet. Gothiſch aba, maritus, Ehemann, altnordiſch af, jetzt avus, urſprünglich aber puter bedeutend (vgl. Gnenn). Grimm RA. 418. Gramm. 2, 43. Althochdeutſch nur noch als Eigenname vorhanden: Apo, Abbo, Apo Graff Sprachſchatz 1, 74. 294 Pännchen felt — Pass. R— . P Pännchen fett. Sehr übliche Redensart: „es geht Pännchen ſett“ „da gehts immer Pännchen fett“, d. h. es wird allezeit ſehr gut und reichlich gegeßen, geſchmauſt, ſo daß der gute Tiſch die Einkünfte des Gutſchmeckers über⸗ ſteigt. Verſtanden wird die Formel, und ohne Zweifel richtig, als „Pfännchen fett“ = fettes Pfännchen“, Fett in der Pfanne, in welcher ſtets fett gebacken und gebraten wird. Richey Idiot. Hamb. S. 355 hat „Bankefett spelen, ſchmauſen“, und eben ſo Brem. WB. 1, 48 „ſchmauſen, luſtig darauf los zechen“ Strodtmann Idiot. Osnahr. S. 29 hat „Bönckekett spelen, darauf gehen laßen“, und bezieht es richtig auf Pfanne und fett. Panse, Banse msc. 1) wie gemeinhochdeutſch: erſter Magen des Rindviehes. 2) in verachtendem Sinn: Magen, „ein voller Banſe“; Leib, dicker Leib, wofür auch Wanſt geſagt wird; Schimpfwort gegen Kinder, parallel dem gleich⸗ geltenden „Wanſt“, doch milder gemeint als letzteres Wort. Gewöhnlich, doch nicht immer, iſt Panse, wenn es von einem Kinde gebraucht wird, neutral. Schambach Gött. Id. S. 151. Papiller mse., die oberheſſiſche, Papoller die niederheſſiſche, an der Eder und nordwärts übliche Form, der Name des Schmetterlings, papilio. Näher an das hochdeutſche Feikalier ſchließt ſich die niederdeutſche, im weſtfäliſchen und ſächſiſchen Heſſen gebräuchliche Bezeichnung, an: Pipoldern fem., auch Pipoltera geſprochen. Schmetterling iſt nirgends in'Heſſen üblich. Im öſtlichen Heſſen,) zwiſchen Fulda und Werra, heißt er Buttervogel, in Rotenburg Zwitzvogel, in Schmalkalden Markſtafel und Milchdieb. Papp msc., geſprochen Bapp, Brei, Kleiſter. Das Wort iſt nur im Fuldaiſchen eigentlich volksüblich, wenn es auch ziemlich überall leidlich verſtanden wird. Gebräuchlicher iſt im Ganzen die Form Bapps, auch Praps (Braps), dicker Brei. partieren, handeln, Handelſchaft treiben, kaufen und verkaufen. „Steiner keile darmit ſie hawen, wie die andern Nationen auch hatten, ehe ſie mit den Schiffen haben gepartieket“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Welt⸗ buch 1567 fol. Bl. 51a); und öfter. Die Bauern in Bauerbach beſchwerten ſich im Jahr 1581 über ihren Pfarrer Johannes Strack: „wider alles Herkom⸗ men partiere er und gehe mit Vieh und Ackerwerk um“ Partierung, Handel. „Es iſt keine Parthierung unter ihnen, wiſſen auch von keinem Geldt zu ſagen“. H. Staden Reiſebeſchr. (Weltbuch Bl. 55a). rerpartieren, verhandeln, beſonders in üblem Sinne: heimlich und un⸗ rechtmäßiger Weiſe verhandeln; „ſchlechte Weiber verpartieren die Sachen“. In Oberheſſen äußerſt üblich; vgl. pulscheln (puckeln). Schmeller 1, 296. S. auch Friſch und Adelung unter partieren. Partunnikraut, Name der stachys alpina in der vorderen Rhön (Malges am Wißelsberg u. a. O.). Vgl. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 4, 84, wo auf den ſlaviſchen Donnergott, Perun, Perkun als den etwa möglichen Quell dieſes ſonſt ſchwer zu erklärenden Pflanzennamens hingedeutet worden iſt. Pasch ſ. pfeschen. 4. Pass msc. 1) Geſundheit, Wolbefinden; nur in der Regative: „es iſt mir nicht recht zu Paſſe“, „ich bin nicht zu Paſſe“ Pecken — Perlebitz. 295 unpass, unpäslich, welche ſchriftdeutſche Form nicht volksüblich iſt. Wol durch ganz Deutſchland verbreitet ſ. Adelung, und Schmeller 1, 297. Vor⸗ zugsweiſe mögen jedoch dieſe Formeln niederdeutſchen Urſprungs ſein; to passe maken, geſund machen, bei Kinderling Geſch. der plattd. Spr. S. 348. 2) Achtſamkeit, Achtung, gleichfalls nur in der Negative: „keinen Paſſ auf etwas ſchlagen“, auf etwas nicht achten, nicht merken. „Sie habe einen vngeſunden leib, derhalben die leuthe ſolches glaubende keinen paſſ darauf geſchlagen“. Proceſſ gegen eine angebliche Kindsmörderin aus Rauſchenberg [Ausſage aus Wohra] 1673. aufpaſſen und verpaſſen ſind beide volks⸗ üblich. pecken, picken, beſonders aber an etwas Feſtem krätzen, wie wenn ein Kind an dem juckenden Rob einer Wunde kratzt. Vgl. puken Richey Id. Hamb. S. 194. peckern, Frequenlativ von pecken. Oberheſſen. Pecker msc., ein großer Merbel (ſ. d.), mit welchen man beim Zwieren (ſ. d.) die kleinen Merbel aus der Vertiefung (Kutte) zu werfen ſucht. Schmal⸗ kalden. Die großen Schoßer oder Merbel heißen auch anderwärts Bicker. Vgl. Hacker. Pelzkappe. „Mit der Pelzkappe geſchoßen ſein“, ſcherzhafte Formel für: in lächerlicher Weiſe mutwillig ſein, ſich närriſch anſtellen. Sehr üblich. Schmidt Weſterwäld. Jd. S. 134. Pépel msc. 1) der Reſt der vertrockneten Blütennarbe oben am Apfel oder auch an der Birne. Oberheſſen. 2) verhärteter Naſenſchleim. Allgemein üblich. pépeln, mit dem Finger in der Naſe wühlen. Perlchitz, Berlewitz, Berlewitchen. Der Name des Elben, welcher im Märchen der Königin ſeinen Namen zu raten aufgibt, iſt nach der Recenſion des Märchens, welche ich in meinen Kinderjahren (1805— 1807) aus der Gegend von Homberg, Fritzlar und Felsberg gehört habe, nicht Rumpel⸗ ſtilzchen (ſ. d., vgl. der Brüder Grimm Kinder⸗ und Hausmärchen No. 55; 1,333 — 336), ſondern Berlewitchen, und zwar findet ſich derſelbe in folgendem, von dem Spruche bei den Brr. Grimm gleichfalls abweichenden Spruche: Wenn die gülle Frogge (güldne Frau) wüßt, Daß ich Berlewitchen hieß, So behielt ſie ihre Kindchen. Mehr hochdeutſch nach einer, vermutlich aus Obergeis herſtammenden Verſion: Wenn die gülle Frau doch wüßt, Daß ich Berlewitzchen hieß. Der im Jahr 1631 zu Marburg wegen Zauberei und Blasphemie hingerichtete fänfzehnjährige Knabe Heinrich Seng (Sang) ſagte in der gegen ihn geführten Unterſuchung aus, er ſei von dem Teufel bei Ockershauſen (oder: bei Lasphe unter dem Galgen) getauft worden, und habe von demſelben den Namen Per⸗ lebitz erhalten. Offenbar ſind dieſe Namen nur Entſtellungen des alten pilwiz (Grimm d. Myth. (1) 266 —270; (2) 440 f.), welches ſchon früh pilewis, im 15. Jar⸗ hundert pelewyse, im Teutoniſta belewitte lautete. Mochte man belewilte oder bellewitte ſprechen, ſo lag in beiden Fällen die Einſchiebung des R in den längſt nicht mehr verſtandenen Namen nahe. „Am Piiſenbaum“ Flurgegend in der Wäſtung Rindshaufen bei 296 Perrner — Petter. Amenau, 1550. Auch dieſe Benennung iſt ohne Zweifel =— Pilwizbaum, Baum, an welchem die Pilſen (Pilwize) ihre Stätte haben. Eben ſo wird es ſich ver⸗ halten mit Bilzenwieſe (Friedigerode), Bilzenländer (Asmushauſen). Obiger Märchenname kommt (aus der Gegend von Kaſſel und von der Werra her) auch in der weiteren, ſinnlos und unverſtändlich gewordenen Ent⸗ ſtellung vor: Berlepiffchen. Perrner msc., Pfarrer. In Mittelheſſen (nicht an der Fulda und Werra) und Oberheſſen die ausſchließliche Bezeichnung, ſo weit das Volk unter ſich iſt, mit ſeines Gleichen redet; niemals aber bedient man ſich dieſes Wortes in der Anrede an den Pfarrer ſelbſt, indem man daſſelbe für unedel, alſo den Gebrauch deſſelben in der Anrede für unhöflich hält. Wgl. Weigand in dem Intelligenzblatt ꝛc. für den Kreiß Friedberg 1845, No. 61. Pes fem., Schweiß; „das Kind lag in einer Pe.“ das Kind lag an⸗ haltend im Schweiß. Oberheſſen, und hier ſehr üblich, anderwärts unerhört. Es iſt die Vermutung geſtattet, daß dieſes Wort aus dem uralten Phiesal (wor⸗ aus das franzöſiſche poele), geheizte Stube, entſtanden, oder vielmehr dieſes Wort ſelbſt mit wenig veränderter Bedeutung, den effectus pro causa bezeichnend, ſein möge. pésen, peschen, pischen, zart thun mit jemanden, ihn beſänftigen, ihm ſchmeicheln. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1416: „peeſen, zart thun“. In Oberheſſen ſehr üblich, wie auch in der Wetterau pesen, peschen allgemein gebräuchlich iſt; Weigand im Intelligenzblatt für den Kreiß Friedberg 1845 No. 76 S. 304. Die Form pischen, in dem dieſſeitigen Oberheſſen für vollkommen identiſch mit pèsen geltend, wird gleichwol als Onomatopoeſie, den Laut psch, pisch vertretend, verſtanden, und bezeichnet das Einlullen der Kinder, welches mittels dieſes Lautes bewirkt wird: „das Kind hat alſofort gekriſchen, und ich hab doch an ihm ge⸗ piſcht, was ich gekonnt hab“. Georg Nigrinus braucht, an einer Stelle wenigſtens, das Wort péschen ganz in dem hier angegebenen Sinne: „Da man im peſcht und quinſeln thut“. Affenſpiel F. Johan Naſen 1571. 4. Bl. F4b. Vgl. Zeitſchrift für heſſiſche Geſchichte und Landeskunde 4, 84. S. übrigens pfeschen; indes vergleiche, man auch pfeisen, welches dem pischen offenbar nahe ſteht. pésen, paesen, pösen, verſuchen, probieren, ſchätzen. Man pest (post) die Güte eines Handwerkszeuges, die Dauerhaftigkeit des Ackergeſchirres, das ungefähre Gewicht einer Sache; am gebräuchlichſten iſt das Wort unter den jungen Burſchen, welche mit einander ringen („ſich ranzen“) um ſich zu pesen, ihre Stärke zu probieren. Südliches Oberheſſen, bis nach Marburg, doch wird es in der Stadt jetzt nur noch äußerſt ſelten gehört, während es vor 30 — 40 Jahren daſelbſt gewöhnlich war. Eben ſo gebräuchlich iſt das Wort an der untern Lahn bis nach Wetzlar hin, und in der Wetterau. S. Weigand im Intelligenzblatt für den Kreiß Friedberg 1845 Nr. 61, welcher nachweiſt, daß das Wort ſchon bei Alberus verkomme: „ich peyß, peuso, tento mauibus“, und daſſelbe für ein Fremdwort, eben dieſes pensare, franzöſiſch pèser, erklärt, was ohne allen Zweifel ſeine Richtigkeit hat. Petter, Pedder msc., patrinus, männlicher Pate. Ueblich in dem nörd⸗ lichen und neſtlichen Niederheſſen, in der Grafſchaft Ziegenhain und in Ober⸗ heſſen, nicht aber an der obern Fulda und in der Gegend zwiſchen Fulda und Werre, wo Gevatter die ausſchließliche Bezeichnung iſt, oder Pate (Patt) oder Petzgaul — pfeisen. 297 Dode gebraucht wird. In den Marburger Acten aus dem Ende des 16. bis zum Ausgange des 17. Jarhunderts erſcheint Petter (auch Peter geſchrieben) ſehr häufig. 4 4 2/7. Aber es wird das Wort, zumal im nördlichen Niederheſſen auch für den filiolus gebraucht; ein Beleg dafür findet ſich bereits bei Melander Jocoseria Lich 1604. S. 654 No. 623 aus Breitenau: „Ja das iſt recht, mein Petter ſol Ehud heißen, Chud ſol er heißen“. Die Form iſt niederdeutſch: petern, patrinus, in den niederdeutſchen Gloſſen Diutiska 2, 226b. Die hochdeutſche Form pfetter findet ſich im Helden⸗ buch 1509 fol. Bl. rb; die niederdeutſche aber im Simplieiſſimus. Schmidt Weſterw. Id. S. 133. In Baiern iſt der Ausdruck nicht⸗ üblich. Vgl. Dode und Gote. Petzgaul msc., Hirſchkäfer — von petzen, pfetzen, kneipen, und Gaul, welches urſprünglich jedes große Thier in ſeiner Art bezeichnete. Steinau und Umgegend. Vgl. Niggemoere. In Niederheſſen Knipphers (Kneiphirſch), in Schmalkalden Klammhirz; ſ. Hirz. Pfälf msc., das Balkenſtück, welches auf der Achſe der Pflugräder auf⸗ liegt (oder auch: aus welchem die Achſe hervorgeht), unter welchem die Arme des Pflugs durchgehen, um nach vorn das Widerſcheit (ſ. d.) zu bilden, und auf welchem das Vorderende des Pfluggrendels (meiſtens in einer Kerbe) ruhet. In der obern Grafſchaft Hanau und einzeln in Oberheſſen, wo das Wort jedoch Pet geſprochen wird. Anderwärts wird dieſer Pflugtheil Aftertrach, Schemel, Boß (ſ. d.) genannt. Auch im Fuldaiſchen iſt dieſes Wort, dort Piff geſprochen, bekannt, es bedeutet aber vorzugsweiſe das Achſenbret (Balkenſtück) am Wagen, in welches die Rungen eingeſtemmt werden. Das Wort fehlt in allen Idiotiken, welche freilich großenteils den Acker⸗ gerätſchaften keine oder die allergeringſte Aufmerkſamkeit zuwenden. Es ſieht undeutſch aus und iſt vielleicht noch keltiſch, wie das dem Laute nach verwandte Balfen (Schmeller 1, 172), überhangendes Felſenſtück. Pfalz. Eine ſehr übliche Redensart im mittlern Heſſen lautet: Er ſieht aus, als wenn er die Pfalz vergiftet hätte, und wird dieſelbe von einem hämiſch und ingrimmig ſchauenden Menſchen gebraucht. Wol ohne Zweifel rührt dieſe Formel aus dem franzöſiſchen Verwüſtungskrieg her, welcher am Ende des 17. Jarhunderts gegen die Pfalz geführt wurde, und ſoll die Bosheit der Franzoſen bezeichnen. Eine gleichfalls, nur noch ſichtlicher, auf jene Zuſtände bezugliche Redensart hat Strodtmann Idiot. Osnabr. S. 153: he sät ul, als een Verdrehener ut der Palz. Pfandschein msc. (geſprochen Padschei), pflegt in Oberheſſen, ganz im alten Sinne des Wortes Schein (augenfälliger Beweis) das Unterpfand genannt zu werden, welches der Forſtlaufer den Forſtfrevlern abnimmt (Beil, Hacke, Hepe); auch wird wohl das Pfändegeld ſo benannt. pfätten, auf die Hand ſchlagen; nur im Schmalkaldiſchen gebräuchlich. Vermütlich = pföten, d. h. Pfötchen halten und darauf geſchlagen werden; eine ehemals ſehr übliche Schulſtrafe. pfeisen, ziſchen, ziſchend blaſen. Dieſes Wort iſt, wie im übrigen obern Deutſchland, ehedem auch in Heſſen üblich geweſen, und in der Form pesen, péschen (ſ. d.) mit etwas veränderter Bedeutung noch jetzt üblich. „Gleichwie die Baſilisken mit ihrem gifftigen athem, pfeiſen vnd augen alles 298 Pfennwerl — pfeschen. verderben vnd tödten“. Ludwig Schröters, Diaconi zu Homberg, Klag⸗ und Trauerrede auf Landgraf Moritz 1632. (Monum. sepuler. 1638 fol. S. 130). Pfennwert. Dieſes an ſich masculiniſche, in heſſiſchem Gebrauch jedoch neutrale Wort iſt gegenwärtig in Heſſen völlig außer Uebung gekommen, war jedoch bis in das 17. Jarhundert auch hier üblich, wiewol ſchon ſeit dem 16. Jarhundert in einer ſtarken Entſtellung: Pfennwerk. An ſich bedeutet es das, was einen Pfennig wert iſt, ſodann das, was überhaupt Geld wert iſt, alſo Waare, zumal einzelnes Stück einer Waare, wie denré (aus denariata). „Hautwergke die ir gereitschaft, da sie mit arbeiten by dem goilde koiffen müssen, die müssen widder das phennigwert da na setzen, da sie zu kommen mit kost arbeit unde lon“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 705. „es ſoll der Gebacke gewirdiget, vnd nach gelegenen iaren vnd zeiten zimlichs kauffs geſetzt, geordent, vnn darobe mit ernſt gehalten werden, alſo daß dem armen das pfendwerck nicht verteurt werde“. Landgr. Philipps Reformation vom 18. Juli 1527. 4. LO. 1, 55 (hier jedoch Pfennigwerck gedruckt). „vnd ob der frembde ſein war das pfenwerck wol ein heller oder zwen wölfeler gebe dan der inheimyſch vnd zunfftiger, ſo darff er doch nicht ver⸗ kauffen, vnd muß die gemein das pfenwerck eines hellers oder zwen vmb den zunfftigen tewerer kauffen“. Ferrarius von dem gemeinen Nutz. 1533. 4. Bl. 54 b. Vgl. Schmeller 1, 316. Pferch. Noch jetzt hört man zuweilen die Redensart: „der Hund iſt bei den Pferch gebunden“, in dem Sinne: es iſt Hut, es iſt ein Wächter vorhanden, es wird aufgepaſſt, es wird bemerkt, was man thun will. Wenn irgend ein Schabernack ausgeführt, irgend ein Schaden verübt werden ſoll, oder wenn nur geäußert wird: das können wir ja thun, wer wird uns anzeigen? ſo erfolgt die Warnung: „ja, wenn der Hund nicht an den Pferch gebunden wäre! Die Redensart bezieht ſich auf den Schutz vor den Wölfen, welchen die an den Pferch gebundenen Hunde leiſten ſollen: „Der ſcheffer mag wol ein hund by den perch binden, dem wolff zu weren, wo er aber den wolff wölt dar bey thun, wurd er nit lang ein ſcheffer bleiben“. Joh. Ferrarius von dem ge⸗ meinen Nutz 1533. 4. Bl. 39a. Indes ſchon in jener Zeit wurde die Formel in uneigentlichem Sinne verwendet, wie eben Ferrarius in derſelben Schrift Bl. 14a die Erwälung der tribuni plebis in Rom dadurch erläutert, daß er ſagt: „Jedoch ward der hunt bey den perch gebunden, denn es verdroß den hauffen, das der Rath ſolch verwaltung allein haben ſolt, — darum worden — zween erwelt, genant Tribuni plebis“. pféschen, päschen, das Wild, die Fiſche u. dgl. durch Lockſpeiſe her⸗ beiziehen, anlocken; Jägerausdruck. „Item, daß Tollmachen vnd Pfeſchen der Fiſche mit Oley, Lein, Rüben vnd Mohnkuchen vnd dergleichen Fiſchköder iſt — durchauß verbotten“. Landesordnungen 2, 443 (Fiſchordnung von 1657). „Tollmachen vnd Pfäſchen der Fiſche“ Fiſchordnung von 1711, 2O. 3, 677. Desgl. von 1730 LO. 4, 15. Vgl. Kopp Handbuch 7, 217. Offenbar in dieſem jägermäßigen Sinne braucht G. Nigrinus das Wort pfeschen: Allein die Grebes fras er nit, Da pfeſchte er den Fliegen mit“. Von Bruder Johan Naſen Eſel. 4. Bl. C4b. Stieler Sp. 1416: „Päſchen — signilicat propr. insidias parare, laqueos aplare: sed usurpalur pro escam ponere, allicere, inescare. Unde Päſchung — — sogina, esca, illicium“. Friſch hat das Wort nur aus den angeführten heſſiſchen Fiſchordnungen 2, 53a; Adelung hat es gar nicht. Pfeisch — Pflugrecht. 299 Pfeisch msc., Lockſpeiſe für das Raubwild, namentlich für den Wolf. 1 fl vj alb iij hlr wird geſtraft Loitz braun zu Oberndorff, dz er ſeinen Hundt vf den Pfeiſch im Dittrichsgrundt lauffen laßen“. Waldbußregiſter von Wetter 1574. Sonſt auch Pfosch Landau Geſch. der Jagd S. 211. Friſch 2, 57a. Adelung 3, 751. Dieſe Wörter ſind noch jetzt in folgenden Formen, doch faſt nur im Fuldaiſchen, wo ſie allgemein üblich ſind, gebräuchlich. Pasch msc., die Lockſpeiſe für Tauben, aus gebranntem Lehm, Anis, Urin und Heringslake beſtehend. anpäschen, jemanden für ſich gewinnen. Hierzu vergleiche man pesen, peschen, welches Wort vielleicht nur ein metaphoriſcher oder gemilderter Gebrauch unſeres pfeschen und mit letzterem identiſch iſt, möglicher Weiſe aber auch die Grundform und Grundbedeutung von pfeschen enthalten könnte. Pfetten, Felten fem, nur im Plural üblich, die Dachbalken, zumal die Dachdohnen. Schmeller 1, 326. In Oberheſſen ziemlich üblich, doch eigentlich nur unter den Zimmerleuten im vollen Gange. In Niederheſſen habe ich das Wort niemals vernommen. Pfingstmännchen war an der Schwalm die Benennung des in Laub, Gras und Moos gekleideten (vermummten) Burſchen, welcher bei Dar⸗ ſtellung des Sieges des Sommers über den Winter, dieſer uralten ſymboliſchen Volksluſtbarkeit (dem Winteraustreiben, Todaustreiben) den Sommer vorſtellte. Dieſer Todaustreiber war bis in die neuere Zeit in allen Schwalmdörfern üblich, bis ſeit 1830 theils die neue Aufklärung, theils ein übel verſtandener Rigorismus, welche beide in dieſem Todaustreiben einen Aberglauben erblickten, daſſelbe ſucceſſiv aus allen Dörfern vertrieb. Noch 1847 war es in Schrecksbach, als dem letzten Dorfe, welches dieſe Sitte pflegte, in Uebung, ſeit 1848 aber iſt es auch dort, und ſomit gänzlich verſchwunden. An der Werra herſchte die Sitte gleichfalls, und zwar bis in die neuere Zeit auch in den Städten. Man nannte hier den Darſteller des Frühlings das Brunnenmaͤnnchen, weil er ſich an oder auf dem Hauptbrunnen des Ortes aufzuſtellen pflegte; jetzt iſt dort (Allendorf) wenigſtens noch die am Pfingſttag vorgenommene Ausſchmückung der Stgdtprunnen mit Kränzen und Blumenſträußen üblich. ſelea. H274elerr⸗ pfirren, ſchwirren. Im Schmalkaldiſchen; „der Pfeil pfirrt“. Pflanze, meiſt Plänze geſprochen. Dieſes Fremdwort wird, ganz eben ſo wie in Baiern (Schmeller 1, 329), nur von den aus der Fremde einge⸗ führten Küchengewächſen, vorzugsweiſe von den verſchiedenen Arten Brassica ge⸗ braucht, und zwar nur ſo lange, als dieſelben erzogen, d. h. im Samenbeet gepflegt und dann in das Land, wo ſie ſtehen bleiben ſollen, verſetzt werden; die zu verſetzenden Arten Brassica heißen, ſo lange ſie dieß ſind, eigens und faſt ausſchließlich Pflanzen. Zu dem Ende haben viele Dörfer und manche kleinere Städte ihre Gemeindeländer in Pflanzenbeete, Pflanzenbleche, Pflanzenörter, Pflanzenſtücke getheilt, von denen jedes Gemeindeglied eins oder mehrere beſitzt oder jährlich zugeteilt bekommt, und auf welchem die jungen Kohlpflanzen bis zum „Krautſetzen“ ſtehen. Pflugrecht; das Recht des Landſidels oder des Pfandinhabers (auf Wiederkauf eingetretenen Beſitzers) eines Grundſtückes, falls der Landſidel abzieht oder der Wiederkauf Seitens des urſprünglichen Eigentümers eintritt, den Wert 300 Pfnischen — Gepful. der in das Grundſtück gewendeten Cultur, falls er von derſelben noch keinen oder nicht den vollen Nutzen gezogen, von dem Eigentümer erſetzt zu erhalten. Jetzt Melioration, Oberbeßerung, genannt. Auch wanne die uorguanten vnser Herre vnd frouwe oder ire erbin die Losunge des egenanten ires Hoffis vnd gerichtes tun, alz uorgeschrieben stet, han dan wir oder myn Curdes Rechten erbin denselbeu iren Hoff selbis befahren oder befruchtiget oder sust verlandsidelt, so wullen vnd sullen sie oder ire erbin vas oder unserme Landsidele von vnser wegin vuser pflugrecht dauone geruwenlichen fulgen lassen ane alle geuerde; Urkunde Kurts von Treisbach über ein Gut zu Halsdorf von 1390; Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 221. In einer (ungedruckten) Urkunde Henne Knoblauchs über ein dem Kloſter Caldern gehöriges Gut von 1428 ſagt er, wenn das Gut darum, daß er demſelben nicht rach vnd gerecht gethan, ander⸗ weit verliehen werde, ſo ſolle er das nicht hindern dürfen, jedoch „were ess, das mir dan nach des landes recht vnd gewonheit etzwas gepurte, von bawe oder pflugrecht, das solle mir volgen an alle geuerde“. Dieſelbe Formel, wie in dieſer Calderer Urkunde findet ſich in einer Biedenkopfer Urkunde von 1431 bei Lennep Leihe zu 2SR. Cod. prob. S. 55. Anders bei Haltaus Sp. 1489. Vgl. Mergelrecht, Mistrecht. pfnischen, pfaüschen, nieſen. Im Schmalkaldiſchen. Reinwald 2, 96. Schmeller 1, 331. Im Fuldaiſchen kniſchen (ſ. d.). pfnittern, verſtolen lachen, kichern. Im Schmalkaldiſchen. Vgl. das baieriſche pfuotten Schmeller 1, 331. Im übrigen Heſſen kittern. pfuchen (puchen). 1) hauchen mit einem hörbaren Laute, z. B. in die Hände pfuchen, um ſie zu erwärmen; 2) ſchnauben, beſonders von der Katze gebräuchlich. Ziemlich überall üblich, am üblichſten in beiden Bedeutungen im öſtlichen Heſſen, zumal im Schmalkaldiſchen. Vgl. Schmeller 1, 307. Egl. fochen. Pfui iſt im Sinne der heſſiſchen Bauern (Fürſtentum Hersfeld, Amt Landeck u. a.) ein ſchweres Schimpfwort, indem ſie noch die urſprüngliche Be⸗ deutung des pfl mit Sicherheit durchfühlen, freilich ohne ſich Rechenſchaft von derſelben geben zu können. Pll iſt nämlich nichts anderes, als der Laut des Spuckens, und vertritt das Anſpeien, das Speien ins Angeſicht, wie das die Formel „pfui dich an“ noch heute deutlich genug kund gibt, und wie im Nibelungen⸗ lied bekanntlich auf das pfi heftige Erbitterung und Kampf folgt. Ein Bauer aus dem Amt Landeck kam im Jahr 1829 zu dem Advokaten Vietor in Hersfeld, um ſeinen Nachbar wegen Injurien verklagen zu laßen; nach einer längeren Aufzälung von Haderſcenen verſchiedener Art äußerte er endlich: „da hoß (hieß, nannte) he (er) mich en Poi, und daruf well ich en verklagt han“. Dem Ad⸗ vocaten, welcher die Bedeutung des Pfui nicht kannte, kam dieſer Klaggrund über alle Maßen lächerlich vor, ſo daß er die Annahme der Klagſache zurückwies. Seinerſeits war der Bauer höchlichſt verwundert, daß der Advocat dieſe über⸗ ſchwere Beleidigung ſo gar für nichts achtete, und verließ den Advocaten in großem Unwillen. Gepfül, Gepeul neute. Dieſes ehedem in ganz Oberheſſen, war⸗ ſcheinlich aber auch, wenigſtens theilweiſe, in Niederheſſen übliche Wort iſt gegen⸗ wärtig in dem ſüdlichen Theile des kaſſeliſchen Anteils von Oberheſſen faſt ganz, in Niederheſſen völlig in Vergeßenheit gekommen, und iſt in voller Uebung nur noch im Amt Rauſchenberg und in dem nördlichen Theile der Grafſchaft giegen⸗ hain. Es bedeutet daſſelbe die halb oder ganz ausgedroſchenen Aehren und die Pfungen — Pike. 301 Strohſtümpfe, welche ſich unter die ausgedroſchene Frucht verloren haben (alſo das Rupf⸗ oder Niſtel [Niſſel]⸗Stroh); nachdem die Frucht gedroſchen und das Stroh entfernt worden iſt, werden die Körner auseinander geworfen, damit jene Aehren und Strohſtümpfe ſich oben auf lagern und mit dem Rechen abgenommen werden können. Dieſes Gepeul wird hierauf durch ein Sieb gereinigt, von allen Fruchtgattungen zuſammen auf einen Haufen geſchüttet und im Winter ent⸗ weder trocken oder in der Südde mit dem Rindvieh verfuttert, in kargen Wintern auch wol mit den Pferden. In den die Oekonomie betreffenden Schriftſtücken älterer Zeit erſcheint das Wort nicht ſelten: „zwanzig ſeck gepfül hat der Ehrbar vnd Ehrenhaft Heinrich Ebel Rentmeiſter zu Wetter in Renthof geliefert“ Wetterer Rentereirechnung v. 1583. Die Dreſcher ſollen keine Früchte in den Gepfülen und Spreu laßen; Zehntordnung v. 9. Januar 1714, Landesordn. 3, 744. In den Rauſchenberger Rentereirechnungen, namentlich in den „Draſch⸗Regiſterlin“ von 1580— 1601 heißt es regelmäßig: „Innahme Heldt vnd Gepeul“, und dann z. B. 1596: „16 Malter Heldt vnd gepeull iſt von der frucht abgenohmen worden“. Hiernach mag das Held mit dem Gepeul vermiſcht worden ſein, was heut zu Tag wenigſtens nicht überall geſchieht. Ein anderes Mal ſcheint Gepeul auch als Gattungsname zu gelten, und die Spreugattungen unter ſich zu be⸗ greifen: „1 Wagen hat das gepeull als Hoelt vnd Kaab gen Marpurgt ge⸗ fuert“, Wetterer Rentereirechnung von 1600. Hierher gehört auch der Familienname Pulſack (Falkenheiners Hof⸗ geismar S. I.X; falſch Pultſack Brem. WB. 1, 161) vom Jahr 1470, welcher dem gleichzeitig ſehr häufig vorkommenden Familiennamen Stroſack ganz analog iſt. — Am nächſten ſcheint ſich das Wort an das niederdeutſche „pulen, klauben, kneipen, zupfen, rupfen, zerren“ Brem. WB. 3, 372 anzuſchließen. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landeskunde 4, 85—86. Pfungen fem., Veronica beccabunga, Bachbungen, eine in Heſſen ſehr häufig vorkommende, aber durchgängig, mit einziger Ausnahme von Schmal⸗ kalden, wo der angeführte Name vorkommt, namenloſe Pflanze. Pfusche fem., Kohlkopf, deſſen Blätter ſich nicht gehörig geſchloßen haben und anſtatt eines Kopfes nur einen Buſch bilden. Schmalkalden. Im übrigen Heſſen Schlauch. Pfütsche, vielmehr Pütsche (im niederheſſiſchen Dialekt auch Pische) geſprochen, kem., die landübliche Ausſprache des lat. puteus, puzzi, Pfütze. Die einen tiefen und weiten Tümpel bildende Quelle der Ems oberhalb des Dorfes Breitenbach am Habichtswald heißt ſchlechthin die Pütſche, und der früher den v. Gaugreben, ſpäter den v. Stockhauſen gehörige, neben dieſer Quelle liegende Hof hieß gleichfalls die Pfütze, bis um das Jahr 1816 die Beſitzer dieſen, ihnen anſtößig erſcheinenden Namen in Emſerhof veränderten. Waldſümpfe heißen die blaue Pfütze (Asbacher Forſt bei Hersfeld) und die grüne Pfütze (Trottenwald). putschnasz, pütschuasz, durch und durch naß, völlig durchnäßt, als wenn man in einer Pfütze (Pütſche) gelegen hätte. Auch baischnass. Sehr üblich. Schmidt Weſterw. Id. S. 150. Vgl. traischen. Pike fem., in der Redensart: eine Pike auf jemanden haben, ihm grollen, das Begehren haben, ſich an ihm zu rächen, welche ſehr gewöhnlich iſt. Ebenſo Schmidt Weſterwäld. Id. S. 136. Schmeller hat 1, 277: einen Pick auf jemanden haben, in demſelben Sinn. 302 Pickel — Pipenpapen. Pickel msc., 1) Knoten, beſonders ein großer, aus einem ſtärkeren Seil geſchlungener oder geflochtener Knoten. 2) ein halbgefüllter — einem Knoten ähnlicher — Sack. Amt Schönſtein; ſonſt iſt mir das Wort nirgends vorgekommen. Pille fem., ein aus Weizenmehl (gröberem, was das Gewöhnlichere iſt, oder feinerem) gebackener Kuchen in der randen Geſtalt eines Brodlaibes, mit⸗ unter auch in länglichrunder (elliptiſcher) Form. Dieſe Art kunſtloſer Kuchen ſind in Oberheſſen und im nördlichen Theil der Grafſchaft Ziegenhain die aus⸗ ſchließlich oder doch faſt ausſchließlich gebräuchlichen Feſtkuchen für die Kirmes und für Weihnachten; der Name Pille jedoch, welcher mit pillula wol kaum Verwandtſchaft haben wird, findet ſich nur in jenem nördlichen Theil der Graf⸗ ſchaft Ziegenhain. Pinne fem., Sclulpinne, eiſerner Schuhnagel mit kurzer Spitze und breitem rundem Kopfe. Dieß iſt die gewöhnliche Bedeutung des Wortes; in manchen Gegenden bedeutet Pinne jedoch auch den hölzernen Schuhnagel, der ſonſt Zweck, Zwecke heißt. Letztere Bedeutung findet ſich als die regelmäßige auf dem Weſterwald (Schmidt weſterw. Id. S. 137) und in Niederdeutſchland („Pinn, ein kleiner Pflock“ Brem. A0B. 3, 319). „Pfin“, Marb. Hexen⸗ proceſſacten v. 1633. Pinnliole, der Ahorn, das Ahornholz, woraus die hölzernen Schuhnägel verfertigt zu werden pflegen. Wabern. pinnen, die Schuhe mit Pinnen beſchlagen. pinken, 1) zechen, ſtark trinken. Sächſiſches Heſſen. 2) ſeufzen, jammern, ohne eigentlich laut zu weinen (zu gerren, greinen, ſchreien), von Kindern gebraucht, dem gilpen der Thiere ähnlich. Südliches Oberheſſen. pänkern, im Schmerz unaufhörlich klagen. Im Schmalkaldiſchen. pinkern, an einer Sache ſich abmühen, laborieren. Haungrund. Pintnagel gibt Eſtor t. Rechtsgelahrtheil 3, 644 (§. 1601) für eine auf den penis, welches pint bedeutet, bezügliche Strafe des Ehebruchs aus, welche in Oberheſſen bekannt ſei. Ob dieſe Strafe dieſelbe ſei, welche er als in Lüteck vorhanden aus Haltaus S. 1490 anführt, iſt nicht zu erſehen. Jetzt, nach faſt einhundert Jahren, will niemand mehr etwas vom Pint⸗ nagel wißen oder gehört haben. Pipe fem., 1) wie hochdeutſch Pfeife; 2) Auslaufröhre des Röhrbrunnens, welche im übrigen Heſſen Zaite, Zeite (ſ. d.), im Fuldaiſchen Zoll heißt. Im ſächſiſchen Heſſen. Pipenziock, der Stock, in welchem das Röhrwaßer zum Auslaufen auf⸗ ſteigt, der Zaitenſtock. Ebendaſelbſt. Hierher gehören auch Eigennamen wie Pipenbrink, Brink, d. h. grüner Raſen bei dem Röhrbrunnen, und daher Geſchlechtsname; Pipmeier, Kleinbauer, welcher am Röhrbrunnen wohnt, u. dgl. m. pipen, pipsen (letzteres üblicher als die einfache Form), kränkeln aus Weichlichkeit, zärtlich thun bei einem geringen Uebelbefinden, auch wol kränkeln ohne dieſe Nebenbegriffe. piperlich, weichlich, empfindlich. Schmidt weſterw. Jd. S. 11. Fipenpapen fem, die braune Samenfackel des Teichſchilfes, arundo phlragmites. Weſtfäliſches Heſſen, an der Erpe. Pirpel — Platzbursche. 303 Pirpel msc., Gxerement der Schweine und Haſen. Im Fuldaiſchen Land, allgemein üblich. Vgl. Norbel. Z. 2. pispeln, oft und wol meiſtens pischpeln geſprochen, fliſtern (flüſtern), welches gemeinhochdeutſche Wort dem Volke gänzlich fremd iſt. Die Einwohner des Dorfes Florshain bei Treyſa führten (bis etwa 1825) bei ihren Nachbarn den Spottnamen Florshainer Piſchpeler in ironiſchem (antichretiſchem) Sinne, wegen ihres angeblich überlauten Sprechens. pissen, urinare, iſt nur im ſächſiſchen und zum Theil im weſtfäliſchen Heſſen volksüblich, wie weiterhin in Niederdeutſchland, im übrigen Heſſen faſt gänzlich unbekannt, geſchweige denn gebräuchlich. Pisse fem., urina. Ebendaſelbſt. pitschen, auch wol putschen, eine Onomatopoeſie, einen ziſchenden gelinden Knall ausdrückend: Schießpulver pitſcht, der auf das Waßer platt ge⸗ worfene Stein (beim Jungfernwerfen) pitſcht. „Die Jungen pitſchen mit Schießpulver“. abpilschen nannte man das Abbrennen des Schießpulvers von der Pfanne der ehemaligen Flintenſchlößer, ohne daß daſſelbe den Schuß im Laufe entzündet hätte. Daher wurde dieß Wort auch, und wird noch jetzt gern metaphoriſch ge⸗ braucht von begonnenen aber meiſt lächerlich mislungenen Unternehmungen, von vergeblichen Bitten u. dgl. Schmidt Weſterwäld. Id. S. 147. pitteln, ſich begatten, vom Federvieh, zumal von den Gänſen und Enten. Oberheſſen und Grafſchaft Ziegenhain, beſonders in deren weſtlichem Theil. Vgl. reihern. Pf.iwo Plage neulr., Kinö, zumal kleines Kind. Eine im ſächſiſchen, auch wel im weſtfäliſchen Heſſen ſehr übliche, keinesweges übel gemeinte Bezeichnung. plämberig adj. u. adv., ein üblicher Ausdruck, um die unbehagliche Empfindung des beginnenden Hungers zu bezeichnen: „es wird mir ganz plämberig“. Planke fem., wie gemeinhochdeutſch. Geplänke neutr., Plankenzaun, die geſamte Umfaßung eines Hofes, Gartens u. ſ. w. durch Planken. Das Wort kommt in faſt allen Schloßrechnungen aus der Mitte des 16. Ih. bis in das 18. Ih. vor („das Geblencke vor dem Schloß“), und wurde noch in der neueren Zeit anſtatt Plankenzaun oft gebraucht, ſtirbt aber, da die Plankenzäune überall beſeitigt werden, ſichtlich aus, oder iſt vielmehr ſchon ausgeſtorben. Plärje mac., naßer und ſchmutziger Fleck: „ein Plärje von Speichel“: „das Kind hat einen Plärje gemacht“; auch einen Kuhfladen nennt man Plaͤrje. Südliches Oberheſſen. Filtt neuir., das zur weiblichen Kleidung gehörige Halsluch. Sächſiſches und weſtfäliſches Heſſen. Aehnlich Richey ld. Hamb. S. 187: Plate, Schürze, Vorſchürze. Piatzbursche (im Fuldaiſchen noch: Platzknechte) ſind diejenigen, meiſt zwei, Burſche (Knechte) des Dorfes, welche von den andern vor der Kirmes, im Fuldaiſchen auch vor Faſtnacht, gewählt werden, um beim Tanz die Ordnung zu handhaben, die erſten Tänze zu tanzen, die Rechnung zu führen u. ſ. w. Dieſe Platzburſche trugen iſt öſtlichen Heſſen nicht nur einen bebänderten Strauß von „gebackenen“ (künſtlichen) Blumen am Hute, ſondern auch am Arm, und führten ſogar noch die alte Pritſche der Spruchſprecher und Pritſchmeiſter. Vgl. Schmeiler 1, 339—340, aus der Oberpfalz und Franken. 304 Platzen — Plusch. platzen ſ. Blatz und blatzen S. 40. Die Bedeutung laut klatſchen, hell knallen, iſt in Oberheſſen üblich, die Bedeutung: Heimlichkeiten ausplaudern, ſo viel ich weiß nur noch in dem nördlichen Theil der Grafſchaft Ziegenhain (Amt Schönſtein) und in den angrenzenden Theilen von Ober⸗ und Niecerheſſen (Haina und Jesberg). Geplätze neutr. gibt Eſtor t. Rechtsgelahrtheit 1, 644 (§. 1601) als ein in Oberheſſen übliches Garnmaß, und zwar folgender Geſtalt an: ein Gepläze hat 60 Haſpelfaden; in der Stadt ſind 5 Gepläze (300 Faden) ein Strang, vier Stränge (1200 Faden) machen eine Zal; auf dem Lande aber ſind zwei Gepläze ein Gebind (120 Faden), und zehn Gebinde machen eine Zal, gleichfalls 1200 Faden. Der Urſprung dieſer Benennung iſt folgender: Die Haspel (Weifen) ſind ſo eingerichtet, daß die Umdrehungen durch eine gezahnte runde Scheibe ſignaliſiert werden, und bei der ſechzigſten Umdrehung ein an der Scheibe angebrachter kleiner Pflock ein kleines am Haſpelſtock befeſtigtes elaſtiſches Bretchen mit einem lauten Klatſch („Platz“) wegſchnellt; ſo wie ein ſolcher „Platz gehört wird, iſt ein „Geplätze“ abgehaſpelt. Uebrigens gibt es auch Haſpel mit halben Geplätzen d. h. ſolche, welche ſchon die dreißigſte Umdrehung durch ein ſolches Platzen ſignaliſieren. Piempé fem., Degenklinge, Säbelklinge in verachtendem Sinne. Sehr üblich. Schoktel Haubtſpr. S. 1372 hat ein einigermaßen ähnliches Wort: Pampe, genus glodii opud Germanos. plestern, ſtark regnen. An der Diemel ſehr üblich, anderwärts unbe⸗ kannt, dafür plälschen und trätschen. pletschen, pldischen, 1) wie gemeinhochdeutſch, vom ſtarken Regen, wie er auf den Erdboden niederſällt, vom Geräuſch des Waßers, in welchem hantiert wird, wenn gleich hierfür da und dort auch andere Ausdrücke mehr in Uebung ſind. 2) breit drücken; ein von einer einſtürzenden Mauer erſchlagenes Kind war „ganz gepletſcht“; „nimm dein Hütchen (Mützchen) in Acht, daß es nicht gepletſcht wird. 3) metaphoriſch: abführen, die Abſicht eines Dritten unerwartet und für ihn ſchmählich vereiteln; „der war einmal gepletſcht!“ „wenn wir das nach⸗ geben, dann ſind wir gepletſcht“. Allgemein üblich. Pletschnase, breite, platte Naſe; Perſon mit platter breiter'Naſe. Pletschbohne, vicia faba. Niederheſſen; noch üblicher als Saubohne. Pleischer, Plaäischer msc., ausgedehntes Stück Land, Breite. Haungrund. Plocke, Blocke fem., heſſiſche Form für Flocke; Schneeplocken, Federblocken. „draufſchlagen, daß die Blocken ſtieben“, ſehr übliche Redensart. Frey dapffer her, gantz vnerſchrocken, Drauff gſchlagen, daß ſtüben die Plocken. Iſ. Gilhauſen Gram- matica eic. 1597. 8. S. 105. Plötzer mse., Meßer. „½ fl. (wird geſtraft) Philips Fett, das er vber Hans Dreißen ſeinen ploetzer entploßet hat“ Wetterer Bußregiſter von 1591. Plotz als Meßer, Weidplotz, Plotze findet ſich anderwärts häufig ſ. Adelung unter Plaute. Alle dieſe Wörter ſind wol ohne Zweifel auf das goth. blötan zurückzuführen, und haben demnach urſprünglich die Bedeutung Opfermeßer gehabt. S. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 86. Plusch msc., Schaum. pluselen, ſchäumen. Hersfeld, Haungrund, auch weiter hinaus im Fuldaiſchen Land. Pogge — prachern. Pogge msc., Froſch. Im weſtfäliſchen Heſſen, wie weiterhin in Weſt⸗ falen und in Niederdeutſchland üblich. Indes iſt es nicht die ausſchließlich herſchende Benennung des Froſches, am wenigſten im ſächſiſchen Heſſen; neben Pogge gilt, und zwar in manchen Ortſchaften weit überwiegend, Höpper (Hüpfer). Pôl neutr. bedeutet jetzt ein ſtumpfes Meßer, auch wol ein ſonſtiges ſtumpfes zum Schneiden oder Stechen kaum noch dienendes Inſtrument. Werragegend. Eben ſo Richey Id. Hamb. S. 190. Es muß das Wort aber eigentlich eine brauch⸗ bare Waffe bedeutet haben: „Wer ein Meſſer, pock oder ander Gewehr zeucht“ Reformat. Ordnung Landgraf Wilhelms II. §. 25. Auch das von pok abgeleitete poeken bei Richey weiſt darauf hin, daß der Gebrauch des pöl ein ernſtlicher Waffengebrauch geweſen iſt. verpopeizen, verpfuſchen. Schmalkalden. Ohne Zweifel nur eine Variation von verbombeisen, verfumfeien, ſ. Bombei. Vgl. verpopitzen, Friſch 2, 66. verpöpeln (sich), ſich vermummen; in Schmalkalden das eigens für das Vermummen gebräuchliche Wort. Es bedeutet: ſich zu einem Popel (Popanz) machen, wiewol das Subſtantiv Popel angeblich dort nicht vorkommen ſoll. poppern, klopfen, vom Herzen allgemein und faſt ausſchließlich ge⸗ braucht; ſodann auch von dem Abfallen des Obſtes, zumal beim Obſtſchütteln. es poppert mir, es iſt mir bange, angſt. popperig, ängſtlich, furchtſam. Porz msc., auch wol Borz, ſehr oft aber Pörz, Perz, geſprochen, im weſtlichen Oberheſſen der Raum in der Scheune, welcher neben und über der Dreſchtenne ſich befindet. Vgl. Kör. Es kann dieß Wort kein anderes ſein als porta (woher Pforz kem. bei Friſch 2, 57a) oder porticus (woher das alte phorzich Schmeller 1, 635). Wie aber porta oder poxticus zu der hier angegebenen Bedeutung komme, iſt ſchwer zu ſagen. P ,2n12os Pose kem., Pauſe, doch nicht in dieſem Sinne, ſondern in der Bedeutung von Periode gebraucht, wie bei Richey Id. Hamb. S. 191. Das Wort kommt einzeln in und um Frankenberg, im Amt Schönſtein und wol ſonſt in Gegenden welche an das Niederdeutſche grenzen, vor; aus dem eigentlich niederdeutſchen Heſſen iſt es mir nicht als üblich bezeichnet worden. Dagegen hört man in den vorher bezeichneten Gegenden ſehr häufig das Abverbium posenweise, periodiſch. Pot msc., Topf; die ausſchließliche Benennung im ſächſiſchen und weſt⸗ fäliſchen Heſſen. Pötter, Töpfer; gleichfalls die einzige Benennung dieſes Handwerks in den eben genannten Gegenden, anderwärts gänzlich unverſtändlich. potten, im weſtfäliſchen Heſſen die eigentliche Benennung des Pfropfens und Oculierens der Bäume; auch wird das Wort wol für pflanzen gebraucht, namentlich vom Pflanzen der Bäume, auch wol der Kohlgewächſe, und vom Legen der Bohnen. Strodtmann Idiot. Osnabr. S. 166. prachern, dürſtig ſein, oder ſich dürftig, bettelhaft anſtellen, um nichts geben zu müßen, ſo daß prachern ſehr oft für geizig ſein gebraucht wird. Pracher msc., Pracherer, ein Dürftiger; häufiger faſt: ein knickeriger Menſch. „Du alter Ertz⸗Pracher, ich habe mehr Geld als du“ in Filiders „Vermeinter Prinz“, eine Redensart, welche beide Bedeutungen in ſich ſchlißt. Bilmar, Idiotikon. 20 305 306 Praschen — pruppeln. pracherig, armſelig, dürftig, bettelhaft: „es geht mir gar pracherig“. Dieſes Adjectivum wird ſelten in dem Sinne von geizig, knickerig, verwendet. Bei Schottel Haubtſpr. S. 1379. Richey id. Hamb. S. 192 und ſonſt iſt prachern betteln, niederträchtig um etwas bitten. Niederdeutſchen Urſprungs und Gebrauches iſt das Wort in ganz Nieder⸗ heſſen in volleſter Uebung; übrigens auch in Oberheſſen keinesweges unbekannt. praschen, pratschen, pralen, großthun. Prasch msc., Pralerei. Schmalkalden. Vgl. breschen (breischen). vrAzeln, ein den Laut nachahmendes Wort, welches vom geſchättelten Obſte gebraucht wird: vom Baume mit Geräuſch zu Boden fallen. Schmalkalden. Prégel msc., ein ſtarkes Stück Holz; meiſt ein ſolches, welches zu einem beſtimmten Gebrauche zugerichtet iſt. prégeln, mit einem ſtarken durch die Spannkette geſteckten⸗Knittel das auf dem Wagen befindliche Holz zuſammenhalten und befeſtigen. Im weſt⸗ faliſchen Heſſen. Prem msc., meiſt nur deminutiv: Premchen neulr., ein Stück Kautabak. Im Fuldaiſchen allgemein, wie auch in Niederdeutſchland die Portion Kautabak Prömmel genannt wird. Im übrigen Heſſen heißt ſie Schärchen. Prépel msc., wo mehr hochdeutſch geſprochen wird: Brépel, Brebel, dünner Kot, z. B. auf den Dorſwegen, Im nördlichen Niederheſſen. prekeln (brekeln, wo mehr hochdeutſch geſprochen wird), unaufhörliche, meiſt kleinliche Vorwürfe machen, kleinlich tadeln. In ganz Niederheſſen üblich; nicht ſelten kommt auch die Variante prépeln (brebeln) vor (ſ. d.). Pressermsc., Steuerexecutant. Nur in Schmalkalden üblich. Schmeller 1, 344. Préte fem., Mütze. In der Diemelgegend. Priede fem., das Eiſen am Wagen, welches um den Pilf (ſ. Pfälf und die Wagenachſe, um dieſe Stücke zuſammen zu halten, herumgebogen und am untern Theil der Achſe mit Schrauben befeſtigt wird. Fulda (Neuenberg). Pries msc., der Beſatz unten am Weiberrocke, aus Band beſtehend. Fulda. Ohne Zweifel Subſtantiv zu preisen, ſchnüren. Im übrigen Heſſen wird das Band nur Schnur, niemals Band genannt, was ſich zu dem Fuldaiſchen Pries wol fügt. Priezling msc., eine Varietät der Walderdbeere, fragaria vesca. Schmalkalden. prickeln, ſtechen; ein in das Gemeinhochdeutſche übergegangenes, im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen volksübliches niederdeutſches Wort. Prim kem., heißt in Oberheſſen die dem Hirten zukommende, von den einzelnen Viehhaltern erhobene, Gabe an Frucht; Hirtenlohn. Das Wort iſt nichts als eine Entſtellung des Wortes Pfründe (phruonta), wird auch noch jetzt ſo verſtanden. Eben ſo Weigand im Friedberger Intelligenzblatt 1845, No. 17. pruppeln, ſchelten, ſchmählen. pruppelig, ungehalten. Eine Pruppelſuppe kriegen, ausgeſcholten werden. Oberheſſen. In Niederheſſen mit einer Veränderung des Lautes und einiger Modi⸗ ſieation des Sinnes: prépeln, brébeln, nahe vermandt mit prékeln, brékeln), w. f. Prulsche = putscheln. 307 Prutsche fem., dickes, aufgeworfenes Maul; trotziges Maul oder Geſicht. Nebenform von Brotze (ſ. d.). „Der macht eine Prutſche, daß ein Schock Hüner darauf ſitzen könnte“. Oberheſſen und Schwarzenfels. prutscheln, um ſich ſpritzen. Allgemein üblich. Pudel mse., Fehlwurf im Kegelſpiel, hier wie anderwärts üblich. verpudeln, eine Sache verderben, durch albern gewählte Mittel den Zweck gänzlich verfehlen, die Abſicht vereiteln. Sehr gebräuchlich. Pulle fem., Flaſche, Bouteille. Im ſächſiſchen Heſſen. Im übrigen Heſſen ſpricht man Bulle, und verſteht darunter nicht, wie dort, eigens eine Bouteille (die eher Bodelje, Bödell genannt wird), vielmehr ein ungewöhnlich großes Glasgefäß, z. B. nennt man ein großes Glas voll Arznei Medieinbulle. puscheln, die noch unaufgebundenen Getreidegarben vorläufig ab⸗ dreſchen, um die ausfallenden Körner nicht verloren gehen zu laßen. Grafſchaft Ziegenhain, beſonders Amt Schönſtein. Anderwärts knüppeln (knöppeln), hörnen. Pusse fem., Schmeichelwort für die Katze. An der Diemel, wie über⸗ haupt in Niederdeutſchland, nur daß außerhalb Heſſens auch häufig Püse ge⸗ ſprochen wird. Im übrigen Heſſen unbekannt. puͤsten, blaſen. Das Wort blaſen iſt im weſtfäliſchen und ſächſiſchen Heſſen wenig oder gar nicht gebräuchlich, das niederdeutſche püsten dagegen in dem ganzen übrigen Heſſen, neben blaſen, und hin und wieder mehr als blaſen, üblich. „Das Korn puſtet“, fängt an zu blühen. Am Habichtswalde braucht man jedoch die Redensart „das Korn puſtet“ auch, um das Hervortreiben mehrerer Nebenhalme neben dem Haupthalm, welches im Mai bei fruchtbarer Witterung Statt zu finden pflegt, zu bezeichnen. Püstebachen, dicke, fleiſchige, friſche Wangen. Sehr üblich. Strodt⸗ mann S. 371. putchen, kränkeln, ſich unwohl befinden, ohne eigentlich krank zu ſein. Allgemein üblich. putchern, Frequentativum von putchen, öfter kränkeln, ſich wiederholt unwol befinden; beſonders von Schwangeren gebraucht. Oberheſſen. verputchen, durch Kränklichkeit oder ſchlechte Pflege in Wuchs und Ent⸗ wicklung zurückbleiben; von Kindern, zumal den rhachitiſchen, aber auch von jungen Thieren (Lämmern, Hünern) gebräuchlich. Das Wort verbutten iſt in Heſſen nicht volksüblich; nur in Schmal⸗ kalden findet ſich verbott, verkrüppelt. nutscheln, ſich heimlich mit einander beſprechen, heimliche Wege gehen, namentlich heimlich etwas verkaufen; in letzterem Sinne ſagt man von einer Frau, welche heimlich allerlei aus dem Hauſe trägt (Eier, Butter, Obſt u. ſ. w.), um ſich dafür in Kaffe gütlich zu thun oder ſich einen Mutch anzulegen: „das iſt ein rechtes Putſchelweib“. Putsckelail iſt dasjenige Ballſpiel der Knaben, wobei die Spielenden des einen Theils ſich heimlich verabreden, wer von ihnen den Ball haben ſoll. Amt Jesberg und Amt Schönſtein. Eben daſelbſt kommi neben pulscheln auch die Form puckeln in derſelben Bedeutung vor; anſtatt Putſchelweib hört man eben ſo oft, beinahe öfter: Puckelweib. 20* 308 Putt — Quatter. Aehnlich ſagt man in Oberheſſen mit gleicher Bedeutung wie puckeln: verpackeln. Vgl. partieren. putt adj., weich, zart, jung. Im weſtfäliſchen Heſſen. Püzigel msc., ein im Verhältnis zu ſeinem Alter kleiner Menſch; Spottwort. Schmalkalden. Q. quackelig, als Eigenſchaft von Kindern: lebendig, beweglich, auch: unruhig; als Eigenſchaft Erwachſener: unſtät, unſelbſtändig, faſelig. Sehr üblich. Vgl. gackelig. Schambach Gött. Id. S. 163. qjuanzen, handeln, ſchachern, zumal im Kleinen und Kleinſten, namentlich werden die Händel, welche Kinder unter einander abſchließen, mit dieſem Worte bezeichnet. verquansen, unrechtmäßig oder mit Schaden etwas Kleines verſchachern. Allgemein üblich. quarren, quärren, halbſchreiend weinen, wie die kleinen Kinder thun; unmutige Bezeichnung des Weinens der Kleinen. Quurrsack, Scheltwort für ein ſtets weinendes Kind. Quast msc., auch Quaste fem., wie gemeinhochdeutſch: Schleife, Troddel. Ehedem aber wurde das Wort von jedem Büſchel gebraucht, z. B. vom fruchttragenden Aſte: Dem Schulmeiſter zu Frankenberg gab „eyn ickelich burgers kynt zu unszer frauwen tag Assumptionis von ickelichem quaste den groisten appel“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schmineke Monim. hass. 2, 686. Es war das Wort auch der Eigenname eines Walddiſtriets im Amt Landeck (Schenklengsfeld): „Auch der Queſtenn, Buchholtz vnd dem Obers⸗ berge“. Vertrag zwiſchen L. Philipp u. Abt Kraft v. Hersfeld v. 26. Juli 1557 bei Ledderhoſe Jurium Hassiae priucipum in Abbatiam Hersfeldensem etc. 1787. 4. S. 180. Ouat msc. (und Quät), Schlamm, Kot. Im Haungrund, Eitragrund u. w. quatschen, ein Schallwort, den Laut bezeichnend, welchen mit Feuchtigkeit durchdrungene Gegenſtände hören laßen, wenn ſie mit härteren, trockenen in Berührung kommen; Schuhe z. B., in welche Waßer eingedrungen iſt, quatſchen beim Gehen; es quatſcht, wenn man im Sumpfe, tiefen Kote, watet. Ouatsch msc., das zu quatſchen gehörende Subſtantivum: wenn man naſſe Wäſche hinwirft, thut es einen Quatſch; wenn das Richtſchwert durch den Hals des Hingerichteten fährt, thut es einen hellen Quatſch. Allgemein üblich. Schmidt Weſterw. Id. S. 153. Schambach Gött. Id. S. 164. qjuatteln, ein Schallwort von dem Geräuſch kochender Sachen, namentlich des Breies, der Suppe u. dgl. Ziemlich allgemein üblich (Hersfeld, Haun⸗ grund u. w.). qjuattern, ſtrudeln. Im Schmalkaldiſchen. Duatter moe., ein kleiner, unruhiger, queckſülberiger Menſch. Schmal⸗ kalden. Queifelei — Quetsche. Quelfelel fem., meiſt nur pluraliſch: Oueiſeleien, Ausflüchte, Lügen, Ränke. Sächſiſches und weſtfäliſches Heſſen. Vgl. Schambach Gött. Id. S. 164. qzuellen (causat., ſchwach conj.) wird in der obern Grafſchaft Hanau in Beziehung auf die „Krumpern“ (Grundbirnen, Kartoffeln) für ſieden ge⸗ braucht: Grumpern quellen, gequellte Grumpern. Quellkartoffeln, Quellgrumpern, Kartoffeln welche zum Sieden beſonders geeignet ſind; indes auch geſottene Kartoffeln (Pellkartoffeln, Kar⸗ toffeln in der Schale). Quellfleiſch ſ. Krezelfleiſch. Ouenzel msc., dicker Bauch; ein halb ſcherzhaft gebrauchter, indes doch das Misfallen an dieſer Körpergeſtalt kund gebender, hin und wieder in Nieder⸗ heſſen gebräuchlicher Ausdruck. Querdel msc., die urſprünglichere Form des Wortes Köder, esca. Die alte Form war noch im Anfange dieſes Jarhunderts (geſprochen Quirdel, Kirdel, Kerdel) bei den Fiſchern in Heſſen üblich (wie auch Adelung 2, 1681 angibt), und ſoll noch jetzt vorkommen „Acht alb. hat — der erbar Joſt Henckel — Herman Volanden dauor er Lorbern vnd Anis querdeln zum vorellenfangen zu machen geprauchen kaufft, — bezald“. Wetterer Rentereirechnung v. 1559. ühd. querdar. Graff 4, 680. Grimm Gramm. 2, 121. 150. Querch msc., Zwerg, Krüppel. Eben ſo Schottel Haubtſprache S. 1380. Die Form mit Zw ſoll wol, wenigſtens in Altheſſen, niemals und nirgends vorkommen. qjuerch adj., quer, zumal wenn das Wort den Begriff verkehrt aus. drücken ſoll; querches Zeug; ein quercher Kerl. Das ch iſt nach dem Urſprunge (tvairhs) richtig beibehalten. Ueberall üblich. F aca24e'te⸗ Ouerche fem., Quere; „wenn das Holz ſich nicht werfen ſoll, muß es in die Querche geſchnitten werden“. Vgl. Waerscht. ¾. 411 Querenberg, Name eines bewaldeten Berges zwiſchen Uengſterode und Großalmerode, eines andern im Speſſart, bei Bieber. (Ob von quiru, alſo = Mühlenberg?). Vgl. Ouirnberg Graff Althochd. Sprachschatz 4, 680. qjuerzen, ächzen, ſtöhnen. Im Schmalkaldiſchen, ſonſt nicht gebräuchlich. Reinwald henneb. Id. 1, 123. Journal von u. für Deutſchl. 1786. S. 532. Es darf dieſes Wort immerhin für ein Frequentativum des alten queran (Graff Sprachsch. 4, 679) gehalten werden. qjuesten bedeutet, wie es ſcheint: plagen, quälen — ſtrafen. Ich kenne das Wort nur aus Iſaac Gilhauſen Grammatica eic. Frankf. 1597. 8. S. 72: Solt mir derwegen trawen feſt, Daß er ſoll redlich werden gequeſt, So baldt er kompt in Waldt hinein, Soll er ein Hirſch, kein Menſch mehr ſein. Vielleicht identiſch mit dem gemeinhochdeutſchen quetſchen. Oder wäre es gar noch das uralte quistjan (goth. usqristjan, ahd. arquistjan, farquistjan)?? Ouetsche fem., die ausſchließlich gebräuchliche Form für Zwetſche in ganz Heſſen. Des Anlauts wegen vgl. Querch ſt. Zwerg. „Das quetſchen muß kuhlete ihn“. Marb. Criminalacten v. 1682. Schon bei Alberus Dict. Bl. Ggiſb: „Pruna damasei ſind die beſten quetſchten“. 309 „ 310 Quiden — quôsen. 4juiden, quiten, frei machen, loszälen; jetzt zum Theil dem modernen quittieren entſprechend. „Vnd ist es, das etwas aus dem vorgenanten halben gute versatzt oder verkeufft ist, — das sollen Eila vnd ire kinder vnuerczuglich inn das gut widder queiten vnd lassen, on des obgenanten Closters (Caldern) zuthun vnd schaden“, Landſiedelbrief über ein Gut zu Lohra vom Jahr 1431. „Montag trinitatis als myn gnediger Herre tzouch keyn Cassel myt synen Rutern vnd die Fehede gescheiden waz, du qwidete ich myns gnedigen Hern ruter vsz der Herberge mit habern, alsz man in tzwen tagen nicht hatte gefuteri“. Fels⸗ berger Rechnung von 1469. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 2, 168. „han vus — wol bezalt achtzig gult gulden — vnd quitten sie der in macht dises briefs“. Urk. v. J. 1539. Lennep Leihe zu LeR. Cod. prob. S. 50. Es ſoll dieſes quitten ſt. quittieren noch im Anfange dieſes Jarhunderts gehört worden ſein. Ouiele fem., Quelle in weichem, moraſtigem Boden, welche ihr Waßer nicht über die Oberfläche des Bodens heraustreibt, ſondern unter derſelben ſich verlaufen läßt, Sickerquelle. Niederheſſen. Das Wort Quelle iſt gar nicht im Gebrauche, ſondern es tritt ſtatt deſſen das Wort Born ein. „Dieſe Wieſe iſt voller Quielen, aber einen Born hat ſie nicht, unten drunter iſt ein kleines Börnchen“. Es erinnert dieſer Unterſchied an den, welchen Schottel Haubtſpr. S. 1380 zwiſchen quellen, scaturire, und quielen, stillare pituitam ex ore, geifern, macht. Quieier msc., derſelben Bedeutung wie Quiele, vorzüglich im Schmal⸗ kaldiſchen gebräuchlich, aber auch im öſtlichen Heſſen vorkommend. Ouiller msc., Name einer anſehnlichen hochrückigen Waldſtrecke nördlich vom Heiligenberge, in dem Winkel, welchen die Eder mit der Fulda vor ihrer Vereinigung mit letzterer bildet. Der Name findet ſich ſchon in den Forſtregiſtern des 16. Jarhunderts, und ſcheint nicht aus einer Entſtellung hervorgegangen zu ſein; wie aber derſelbe mit quellen zuſammenhänge, und ob der Quillerwald, Quiller, ſeinen Namen von dem in ſeinem Umfange (oberhalb Büchenwerra) befindlichen Quillerborn, oder letzterer den ſeinigen vom Quiller empfangen habe, muß für jetzt unausgemacht bleiben. quinseln, ſchmeicheln, gute Worte geben; Kindern und Hunden quinſelt man. Oberheſſen. „Gut Leckerbislein, vnd gut wort, Wie er ſie findt an manchem Ort, Da man im peſcht vnd quinſeln thut, Machen jm ein lüſtigen muth“. (G. Aigrinus) Affen⸗ ſpiel. 1371. Bl. Fla-b. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1417. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 86. Quintipse fem., vulva, ſcherzhaft. Schmidt Weſterw. Id. S. 154. Schwerlich willkürlich erfunden, da das Wort im öſtlichen Heſſen wie auf dem Weſterwalde vorhanden iſt, ſondern an irgend welche alte Wörter (quili, quoden Graff Sprachſch. 4, 650 — 651, auch wol an quena) angelehnt. qjuittern, glänzen, leuchten. Im ſächſiſchen, auch wol im weſtfäliſchen Heſſen (Niedermeiſſen, Zwergen). M.-ho r iſne Schambach Gött. Jd. S. 164. tzuôsen, auch quesen geſprochen, ſprechen, meiſt aber von der klagenden Rede gebraucht und verſtanden: klagend etwas vorbringen. Weſtfäliſches Heſſen. Strodtmann Id. Osu. S. 175: quausken, läppiſch Zeug reden. Schambach Gött. Jd. S. 108. Quullern — Gerach. 311 qjuullern, quollern, 1) ſtark hervorquellen, mit Geräuſch hervorſprudeln; 2) im Leibe (in den Gedärmen) rumpeln. In beiden Bedeutungen überall üblich. Vgl. quunkeln. Schambach Gött. Id. S. 165. qjuunkeln, poltern in den Gedärmen. Im Haungrund. Vgl. quullern. R. Rabbas msc., Scherzbenennung einer, zumal bejahrteren, unruhigen, arbeitſeligen Frauensperſon. In den mittlern Ständen, beſonders jedoch in Niederheſſen, ſehr üblich. Schmeller hat 3, 4 „Rabatſchen“. rach und gerech. Eine in heſſiſchen Urkunden des 15. Jarhun⸗ derts häufig vorkommende Formel im Sinne von: vollkommen zur Genüge, zu hinlänglichem Vorteil, zu der erforderlichen Befriedigung; „einem Gute rach und gerech thun“ bedeutet das Gut ſo bewirtſchaften, daß es im vollſtändig guten Stande erhalten wird. So kommt dieſe Formel zu dreien Malen vor in einer ungedruckten Urkunde des landesherrlichen Schultheißen zu Wetter, Henne Knobelauch, vom Sonntag nach Gallus 1428. Hier bekennt er, von der Aebtiſſin Katharina zu Kaldern ein Gut, zu ObernAmenau gelegen, zu Landſiedelrecht ge⸗ liehen bekommen zu haben, und ſagt weiter: „das ich geredden in crafft diesz prieffes, demselben gute mit aller seiuer zugehorunge, es sey an ackern, wiesen, vnd wie das anders funden oder benant wurdet, nichts auszgescheiden, rach und gerech zu thunde, nach recht vnd gewonheit diesses landes“. Weiter: in den erſten drei Jahren ſoll der Pachter der Verpächterin kein Pacht, Gefälle oder Gülte geben, „vmb deswillen, das ich dem obgenanten gute mit aller seiner zugehorunge fleissig rach und gerech thun soll“. Endlich: „Vnd were esz, das ich dem ehegenanten gute mit seinen zugehorungen nicht rach und gerecht thete als vorgeschriben stehet, so sollen — — sie das selbe gut einem andern Land- siddeln leihen“. — Desgleichen in einer Urkunde vom J. 1431 über eine Land⸗ ſiedelleihe zu Lohra: „Were esz auch das Eila vnd jre Kinder dem vorgnanten halben gute mit seinen zugehorungen nicht rach oder gerech theten als Land- siddeln recht ist — — so sollen sie sich gantz von dem gute vertrieben han“. „vnn sollen sy daz hus halden mit buwe vun mit gerach alze buwes recht ist“. Zinsbuch der Pfarrkirche St. Mariä zu Marburg v. 1410. Und ſo öfter. Lennep in der Leihe zu Landſiedelrecht Cod. prob. S. 54 (v. J. 1431 aus Biedenkopf) und S. 163 (v. J. 1428 von OberAmenau) lieſt raid und gerech, indes fehlerhaft, wie aus Folgendem hervorgeht. Gerach neutr., in der Formel zu Gerach kommen iſt ein in Ober⸗ heſſen noch jetzt ſehr übliches Wort in der Bedeutung: Vorteil, und wird am gewöhnlichſten bei dem Aufziehen junger Thiere gebraucht. „Ich denk, daß mir die Muck mit den Ferkeln zu Gerach kommt, dann lös ich Geld und kann bezalen“; „die Kuh mit dem Kalbe kommt mir zu Gerach“; „das Kühehen kommt zu Gerach“, d. h. bekommt ein Kalb. „Das Getreide kommt zu Gerach“, d. h. gerät. Indes bedeutet zu Gerach kommen ganz eigentlich: zu rechter Zeit kommen: „ich bin ſo gelaufen, ich dachte, ich käme nicht mehr zu Gerach“ = zu rechter Zeit, um mitzufahren (Aeußerung, auf dem Poſthofe 1812 vernommen). 9 312 Rachenputzer — Rafſianer. gerech iſt ein altes und bekanntes Wort: recte, plene, Schmeller 3,15. Grimm Gramm. 3, 148; bis dahin noch nicht nachgewieſen iſt das Wort rach. Schwerlich wird daſſelbe eine von gerech weſentlich abweichende Bedeutung gehabt haben, wie denn das heutige gerach die Bedeutung von rach und gerech, mit wenig veränderter Schattierung zuſammen zu faßen ſcheint. rach ſieht aus wie eine Ableitung von dem Präteritum eines Verbi réchan, rach, rächen, rechen, perech wie eine Ableitung aus dem Präſens deſſelben. (Etwa rikan goth. Röm. 12, 20²) Gerachen, treffen, zu rechter Zeit kommen hat Schmidt weſterw. Id. S. 65; rachen (nicht mehr üblich nach S. 65) S. 155. Rachenputzer, anderwärts ein Schluck ſauren Weins, welcher die obern Kehlgegenden vom Schleim reinigt, Schmeller 3, 10; in Heſſen, wo man keinen Wein zieht, auch nicht einmal ſauren, bedeutet das Wort einen Schluck Brantewein. rachgierig wird in Heſſen allgemein, wie anderwärts, für habgierig, habſüchtig gebraucht. Vgl. rachig. 4162 ℳ. 4 rachig, habſüchtig. In der Obergrafſchaft Hanau neben rachgierig gebräuchlich, ſo daß man ſieht, das Volk will in dieſem Worte den Namen Rachen, kaux, nicht Rache (rindicta) verſtanden wißen. Radeber fem., daſſelbe, was im übrigen, beſonders im öſtlichen Heſſen, ein „Treiber“ (richtig Tri⸗baer) iſt: ein mit einem Rade verſehener zum Fort⸗ ſchaffen von Erde, Miſt, Schlamm u. dgl. dienender Kaſten, Schubkarren. Nur im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen üblich. Reinwald 2, 103. Schmeller 3, 48. Mone Anzeiger 1838. S. 156. Wgl. Bere. raden, räden, reden, ſieben. Es unterſcheidet ſich das raden von dem reitern, rittern (w. ſ.) dadurch, daß durch das raden nur das Gröbſte von dem mit der Frucht vermiſchten Unrat (Stroh, Aehrenſtümpfe), durch das reitern auch die feineren ungehörigen Zuthaten zu der Frucht (Trespen u. dgl.) ausge⸗ ſehieden werden. Das Radenſieb (oder der Raden) hat ein breites, das Reiterſieb ein ſehr ſchmales Geflecht, folglich auch verhältnismäßig engere Sieböffnungen. Eben ſo Schmidt Weſterw. Id. S. 162. Das Wort iſt ſehr alt; es erſcheint z. B. als redan bereits bei Otfrid IV, 13, 31. Vgl. Schmeller 3, 48. 53—54. Raeden msc. gilt als Eigenname des ausgedehnten ſumpfigen Seees zwiſchen Wildeck und Oberſuhl, welcher ehedem (noch 1820—1825) der Auf⸗ enthaltsort vieler, jetzt aus Heſſen gänzlich oder doch faſt ganz verſchwundenen Waßer⸗ und Sumpfvögel war, auch ſolcher, welche überhaupt im mittleren, weſtlichen und ſüdlichen Deutſchland nur äußerſt ſelten anzutreffen waren, der aber nunmehr völlig ausgetrocknet und in Wieſen, theilweiſe ſchon in Ackerland verwandelt worden iſt. Schwerlich iſt jedoch das Wort Eigenname, vielmehr wol nur eine Entſtellung von Riet. Viel weniger warſcheinlich, wenn auch nicht geradezu unmöglich, iſt es, das Wort für niederdeutſch halten, und es als floeten, Ort des Faulens (Roßens, in hochdeutſcher Form) verſtehen zu wollen; vgl. Strodtmann 1d. Osn. S. 185. Brem. WB. 3, 439. Raffiauer msc. Dieſe Entſtellung des jetzt überall gänzlich verſchol⸗ lenen Fremdworts Ruffian hatte ſich wenigſtens bis zum Jahre 1830 an der Werra (Allendorf, Sooden u. w.) erhalten und iſt vielleicht noch jetzt daſelbſt üblich. Man bezeichnete damit Landſtreicher, namentlich aber die Zigeuner, welche Ragel — racker-. 313 ſonſt auch im öſtlichen Heſſen Tateln (Dattern) heißen (ſ. d.). An ſich be⸗ deutet das ital. rufſiano, ruffo, ſpan. rufian, franzöſ. ruflien einen Hurenwirt, aber der Begriff Landſtreicher ſteht dem, was man ſich unter Ruffianer dachte, immer zur Seite. Nach der Landesordnung der Grafſchaft Henneberg vom Jahre 1534 (Buch 6. Tit. 4. Cap. 2) ſind „Spitzbuben, Riffianer, Landtfarer vnd Zygeuner nit zu leyden“. Sonſt ſcheint die Bezeichnung Rufſianer in Heſſen nicht ſonderlich üblich geweſen zu ſein; ich bin derſelben bis dahin weder in heſſiſchen Verordnungen noch in ältern Acten begegnet. Vgl. Schmeller 3, 62 — 63. Brem. WB. 3, 540 — 542 (wo übrigens die Wörter ruffeln, Ruffelij u. ſ. w. nicht als urſprünglich niederdeutſch, wofür ſie ausgegeben werden, ſondern als von dem ital. Worte Ruflian abgeleitet, hätten bezeichnet werden ſollen; die niederdeutſche Sprache war und iſt noch ganz be⸗ ſonders geneigt, Fremdwörter ſich anzueignen und weiter zu bilden). Ragel msc., der Ofenkratzer, die Ofenkrücke, auch wol: der Hahler. Ein nur in der Obergrafſchaft Hanau (Steinau, Schwarzenfels) vorkommender Ausdruck. rahen, munter ſein, beweglich ſein, ſich in Bewegung, zumal lebhafter Bewegung, befinden. Haungrund. racken, niederracken, die oberheſſiſche verderbtere Form des ziegen⸗Ai1e hainiſchen und niederheſſiſchen niederrucken, d. i. itrucken, ruminare, wiederkäuen.† 1/4 Racker msc., bißiger Hund; böſer, verlorener Menſch; als Schimpf⸗ wort nicht ſelten angewendet. Eſtor S. 1417: „Rakker, ein groſer hund, wenn man ihn ſchimpfet“. Schindracker, urſprünglich ein Hund, wie ihn ehedem die Schinder bei ſich führten; übliches Schimpfwort, gleichbedeutend mit dem jetzt wenig mehr üblichen Schimpfworte Schindhund. rackern (sich);, sich abrackern, mühſelig ſchwere Arbeit thun, zumal mit dem Nebenbegriff, daß das Ergebnis der Arbeik zu der aufgewendeten Mühe in keinem Verhältnis ſtehe. „Ein Ackermann ein Rackermann“ Redensart an der Diemel. Das von Eſtor 3, 1417 angeführte Rakkerknecht = Schinderknecht, Abtrittsfeger, findet ſich in Heſſen, wenigſtens heut zu Tage und ſeit 30—40 Jahren, ſo wenig, wie die im Brem. WB. 3, 424 — 426 aufgeführten Wörter, die ſich zum Theil auch ſchon bei Richey S. 204, dann bei Strodtmann S. 178. 372. als ſpecifiſch niederdeutſche Wörter finden, aber ſelbſt in den weſtfäliſchen Gegenden Heſſens nicht üblich ſind. Wie in Heſſen, verhält es ſich mit den oben angeführten und dieſen eigens niederdeutſchen Ausdrücken auf dem Weſterwald, Schmidt S. 155 — 156, und in Baiern, Schmeller 3, 38 —39; desgleichen im Hennebergiſchen, Reinwald 1, 125. 2, 101, nur daß Rein⸗ wald aus Eſtor „Rakkerknecht“ als heſſiſch aufgenommen hat. Ob das niederdeutſche rakken, ſchmutzen, ein urſprüngliches Wort iſt, von welchem alle dieſe Wörter abgeleitet ſind, oder ob das gleichfalls nieder⸗ deutſche racken = recken (auf der Tortur) als Urſprung derſelben gelten kann, mag dahin geſtellt bleiben. racker= erſcheint in einigen Compoſitionen: rackerdürr, saunracker⸗ dürr, äußerſt mager, abgemagert, ausgetrocknet, von Menſchen und Thieren; — rackertodi, mausrackerlodt, wirklich geſtorben, wirklich todt, im Gegenſatz von Scheintod und Ohnmacht. Schmidt weſterw. Id. S. 155. Schmeller 3, 38. Wenn in Baiern nicht raekendkürr (ſtatt, wie bei uns, rackerd.) geſagt würde, 314 ſo könnte man verſucht ſein, dieſe Wörter an Racker, Hund, anzulehnen. Indes iſt es geratener, ſich an das Friſch 2, 82 aus Ryff Spiegel der Geſundheit angeführte ragtodt anzuſchließen, was dann wieder weiter auf das bei Geiler v. Keiſersberg und ſonſt vorkommende ragen, ſich im Tode ſtrecken, ſtarr werden, zurügkführt; alſo: dürr wie ein Todter, todt wie einer, der ſich im Tode ſchon geſtreckt hat, ſtarr geworden iſt. ramen, zielen, feſt beſtimmen; ein bekanntes, aber gemeinhochdeutſch in raumen (auberaumen) entſtelltes altes, ſchon bei Otfrid vorkommendes Wort. Das Volk ſpricht, ſo weit daſſelbe von dieſem Worte noch Gebrauch macht, rämen. „unde sal nymand houwen (Weiden an der Werra) danne vf eyne vorramede vnde gestagkede ezyt“; Ungedruckte Urkunde der Fiſcherzunft zu Witzen⸗ hauſen von Epiphanias 1445. „Ich Conrad von Michilnbach vnd ich gerburg sine eliche wirtin — — dün kunt, das wir mit vorgehattem guodim rade vnd wolbedachtem ferremtem willin“ etc. Ungedr. Urkunde des deutſchen Ordenshauſes in Marburg von 1358. Schmeller 3, 82. ramenten, romenten, romentieren, unnötigen Lärm machen, rumoren. Niederdeutſches, übrigens in ganz Heſſen übliches, aus dem Lateiniſchen geborgtes und verderbtes Fremdwort. Richey S. 205. Brem. WB. 3, 430. Vgl. Schmeller 3, 83. racmen (sich), ſich ſchwarz machen, beſchmutzen, beſudeln; wird namentlich vom Schornſteinfeger geſagt. Im Haungrund; ſonſt iſt dieß alte Wort in Heſſen nicht bekannt; ob ram, Schmutz, im Haungrund noch üblich iſt, wie warſcheinlich, kann ich jetzt nicht mehr ſagen. Schmeller 3, 81. Rampen plur. tant., das Gekröſe und der Panſen des Rindviehes: Ochſenrampen, Kälberrampen (Kalbsr.); daſſelbe, was anderwärts Kaldaunen genannt wird, welcher Ausdruck hier zu Lande völlig unverſtändlich iſt. Eben ſo wenig wird man freilich außerhalb Heſſens das heſſiſche Rampen verſtehen, da es, mit bis jetzt einziger Ausnahme des Idiotikons von Lippe in Frommanns Mundarten 6, 366, nicht nur in keinem Idiotikon, ſondern auch bei Friſch und Adelung nicht erſcheint. Erbſen mit Rampen — eine ſehr be⸗ liebte derbe Speiſe. Ramsch msc., congeries, ungeordneter Haufe. Wird meiſt nur, aber ganz allgemein, in der adverbialen Formel gebraucht: im Ramsch kaufen oder ramschweise kaufen (verkaufen), im Ganzen, in Bauſch und Bogen, ohne Auswahl des Beßern, kaufen oder verkaufen. ramschen, mitunter gebräuchlich in dem eben angegebenen Sinne: ohne Auswahl kaufen oder verkaufen. Das Wort ſcheint urſprünglich Kamp zu lauten und vorzugsweiſe nieder⸗ deutſchen Urſprungs und Gebrauchs zu ſein: Schottel Hauptſprache S. 1382: Ramp, congeries, im rampe verkauffen. Brem. WB. 3, 431. Eben ſo kommt rampsweise in den Heſſ. LandesOrdn. 1, 650 vom Jahr 1622 vor; vgl. Kopp Handb. 5, 289. Ramsnase, gebogene Naſe, von Menſchen und Thieren, zumal von Pferden, geſagt; überall gebräuchlich. Es iſt dieß Wort der einzige in Heſſen vorhandene Ueberreſt des Wortes ram, Bock. & 1:.A.Pt. ràn, geſprochen roön, röm (in letzterer Form bei Eſtor 3, 1417), mager, ſchmächtig, beſonders von Perſonen, guweilen auch von Thieren gebräuchlich. Rämen — rin. Rauft — Angeraes. 315 Oberheſſen, ſonſt unbekannt. Schottel Haubtſpr. S. 1381: rahn, macer, gracilis. Schmeller 3, 92. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. 2K. 4, 87. 1e4; 244 Ranft mse., Rand; ſehr gebräuchliche Form, am gebräuchlichſten aber, zumal in Oberheſſen, deminutiv vom Brode: „ein Ränftchen Brod“, der erſte Anſchnitt oder der letzte Reſt eines Brodlaibes. Schmeller 3, 91. E. Alberus Dict. Bl. Xb: „Crustum panis, ein ranfft“. Vgl. Knust. Ranze msc. 1) wie hochdeutſch Ranzen; 2) Bezeichnung eines wilden, unartigen Kindes. ranzen (sich), ſich wie die Buben herumbalgen. Vgl. ratzen. Ränzel msc., d. i. Rändsel, Rändchen, heißt mit einer ſonſt weder im fuldaiſchen noch ſonſt im heſſiſchen Dialect vorkommenden Wortbildung im Ful⸗ daiſchen der obere Rand, Kranz, Ranft, am Strickſtrumpfe. Geräippel neutr., eine Menge kleiner und geringfügiger Sachen, kleines Geſchirr u. dgl., auch pflegt man eine Anzal kleiner Kinder ſo zu nennen. Vgl. Schmidt Weſterw. Id. S. 161. rär, rarus, iſt in der Bedeutung trefflich, vorzüglich, ausgezeichnet, auch in die heſſiſche Volksſprache, wie in die baieriſche (Schmeller 3, 120) über⸗ gegangen. Auch findet ſich hier, wie dort, das in gleichem Sinne verwendete Raretét, und das misgebildete Adjectivum raretétsch. Raer msc., Pflugsraer, heißt im Schwarzenfelſiſchen neben Püugskrennel der Grendel, Pflugbaum. Rasser msc., ein misgünſtiger, neidiſcher Menſch; Schmalkalden. Der Zuſammenhang mit rassern, welcher wol nicht in Abrede geſtellt werden kann, läßt eine andere, urſprünglichere Bedeutung vermuten: ein mühſeliger Arbeiter, welcher in ſeiner Mühſal neidiſch auf diejenigen hinſchaut, welche es beßer haben. rassern, wird im Schmalkaldiſchen ſo gebraucht, wie im übrigen Heſſen sich abrackern, sich abratzen, gebraucht wird: ſich mit großer Mühe an einer Sache abarbeiten ohne entſprechenden Erfolg. raesen, auch raezen geſprochen, eigentlich raisen, raizen, Hoffnung machen, dann: Anleitung zu einer Unternehmung geben, endlich, und zwar am gewöhnlichſten: hinhalten. Nur in Oberheſſen, hier aber ſehr üblich. „Der Maurer hat mich lang geraeſt, daß er bis Michaelis fertig werden würde, ich bin aber endlich das Raeſen müd geworden und zu einem Andern gegangen“. „Die Leute klagen, daß ſie mit der Verwilligung des Bauholzes ſo geraeſt werden“ ſtellte ein Bürgermeiſter 1839 dem Oberforſtmeiſter vor, und dieſer antwortete: „drum eben, wo Brandanleger im Orte vermutet werden müßen, da reizen wir die Leute mit dem Holz ſo lang als möglich, da wird das Brennen ſchon aufhören, und es hat durch das Reizen, was ich mit allem Fleiß thue, ſchon abgenommen“. Bei W. Gerſtenbeger (Schminke Monim. hass. 2,371 und öfter) lautet das Wort reißen, und bedeutet Anleitung zu einer Unter⸗ nehmung geben, dem Sinne des heutigen reizen ſehr ähnlich. Anreissung, Anleitung zu einer Unternehmung, Antrieb. „durch An⸗ reißung etzlicher ſeiner rethe“ W. Gerſtenberger b. Schminke Monim. hass. 1, 68. Angeraes neulr., Anleitung zu einer Unternehmung, beſonders einer bedenklichen, Antrieb. „Warum ſind denn die Kinder alle weggegangen? Ei das Kathrinlies hat das Angeräs gegeben, und da giengen ſie alle fort“. Sehr üblich. 9 316 Rat — Ratz. Eſtor 3, 1417 hat das Wort: „räſen iſt ſo viel, als reitzen, heiſſet aber hofnung machen“; eben ſo Schmeller 3, 125 aus einem Tegernſeeer Vocabular von 1455: räßen, incitare. Es wird kaum gezweifelt werden können, daß dieſe Formen mit dem gemeinhochdeutſchen reizen urſprünglich identiſch ſind; nur hat die oberheſſiſche Sprache das in dem Worte reizzen (bei Notker) ohne Frage urſprüngliche (weiche) g beibehalten, während die gemeinhochdeutſche Sprache das (härtere) 2 in das Wort eingeführt hat. Rat: raten, wie gemeinhochdeutſch. Verraeter, im 16. Jarhundert ein ſchweres Schimpfwort, weil es dem Andern die weſentliche Eigenſchaft eines dem deutſchen Volke Angehörigen, die Treue, abſprach. In den Bußregiſtern des 16. Jarhunderts wird dieſes Scheltwort niemals geringer als mit einem Gulden geſtraft, mitunter neben ſehr nachdrücklichen Bezeichnungen: iij f Heintz Richard zu Langendorf, das er Johan Scheffern daſelbſt einen Verreter geſcholden“. Rauſchenberg 1591. 1 H Hans Hueter zu Wetter, das er Hans Schuemachern ſein Nachparn mit gotsleſterlichen Worten vbergeben, einen verrehter geſcholten“; 1596. beractlich, vorſichtig, ſorgſam, aufmerkſam, damit nichts verloren gehe, ſparſam. Sehr üblich, und ſchon im 16. Jarhundert vorkommend. (Fehlt bei Grimm, Schmeller u. A.). geraete (gerdie, geraue) coll (Niederheſſen), gritte roll (Ober⸗ heſſen) ganz voll, zumal voll von einzelnen Stücken. „Der Baum hängt doch geraete vell Birnen, eine an der andern“. „Das Kind iſt ſo gritte voll Läuſe“. Warſcheinlich gehört das Wort zu riken, ſchütteln, ſieben. Vgl. gerattert voll, ganz voll, in der Grafſchaft Hohenſtein Journ. v. u. f. Deutſchl. 1786, 2, 115. Schmidt Weſterw. Id. S. 65. 157, wo derſelbe Ausdruck wie der heſſiſche und in demſelben Sinne verzeichnet iſt, auch dieſelbe, ſehr nahe liegende Etymologie aufgeſtellt wird. rätschen, auch wol raetschen, Karten ſpielen, im verächtlichen Sinn, in welchem allein das Wort in Heſſen gebraucht wird, nicht, wie in Baiern und anderwärts: plaudern u. dgl. Schmidt Weſterw. Id. S. 160. Ratsmeister, eigentlich Vorſtand des Stadtrates; in den Statuta Eschenwegensia aus dem 15. Ih. (Ausg. v. Röſtell 1854 S. 7) wird jedoch das Wort für Mitglied des Stadtrates, parallel mit dem zugleich vorkommenden Ratmann gebraucht. Das Wort Ratmann bezeichnete in Heſſen bis in das 17. Jar⸗ hundert den Scharfrichter; eine erbliche Scharfrichterſamilie führte auch dieſen Namen als Familiennamen. rattekahl, ganz und gar, mit Stumpf und Stiel (ausleeren, weg⸗ ſchaffen). Das Wort wird meiſt ganz ehrlich verſtanden: kahl wie ein Ratten⸗ ſchwanz, iſt aber wol ohne Zweifel an ſich nichts anderes als radical. Das Wort iſt allgemein, auch anderwärts (Schmidt Weſterw. Id. S. 160) üblich. Ratz msc. iſt der heſſiſche Name des Iltiſſes, Mustela pulorius, und wird zur Bezeichnung keines andern Thieres (namentlich nicht der Ratte, wie das anderwärts der Fall iſt) gebraucht; Iltis iſt völlig unbekannt. (u½. †. (9! Der lockere Theil des Felles der Hunde im Nacken, bei welchem man ſie zu faßen und aufzuheben pflegt, heißt das Ratsfell, und ſo wird denn auch „einen beim Ratzfell kriegen“ gebraucht, um das Feſtpacken eines ſtörrigen Menſchen, der zu entfliehen ſucht, überhaupt auch das ſchnelle Ergreifen eines Menſchen, zu begeichnen; mitunter ſogar in ſcherzhaften Sinne äblich. Geraub — räufen. 817 ratsen (sich), ſich balgen; üblicher Ausdruck. Vgl. ranzen. abratzen (sich), ſich mühſelig abarbeiten, eben ſo wie rackern, abrackern gebraucht wird. Vgl. auch rassern. Geraub neutr., das Eingeweide der Thiere, zumal in ſo fern ſie ge⸗ ſchlachtet ſind. Im Fuldaiſchen (Kreiß Hünfeld). Stimmt im Ganzen mit Gereb Schmeller 3, 5 überein, doch weicht der Vocal in auffallender Weiſe von den a. a. O. angegebenen Ableitungen und Zuſammenſtellungen ab. Rauchhafer, Abgabe eines gewiſſen Quantums (meiſt vier Metzen) Hafer, Rauchhun, Abgabe eines Huns, beides jährlich, von jeder einzelnen bewohnten Hausſtätte (welche mit Heerd und Rauch, „eigenem Rauch“ verſehen war), meiſtens jedoch nur von einer ſolchen, welche nicht zu einem Bauerngute gehörte, ſondern die Wohnung eines Einläuftigen (Kodeners) war. War das Haus nicht bewohnt, ſo ceſſierte für das Jahr die Abgabe. Dieſe Bezeichnung gilt, da der Rauchhafer und die Rauchhüner zur Ausſtattung von Pfründen ver⸗ wendet wurden, und als ſolche, weil ſie als Kirchſpielsabgaben angeſehen werden, alſo nicht abgelöſt werden konnten, noch jetzt hin und wieder; als Abgabe an die Landesherſchaft ſind ſie abgelöſt. Die Bedeutung der Bezeichnung wird noch ſehr wol verſtanden. Einen Beleg für den Urſprung dieſer Bezeichnung gibt die Stelle in Abt Albrechts von Hersfeld Lehenbrief für Landgraf Ludwig vom Jahr 1434 (Wenck 2, Urk. S. 480): Zinss vnd Gulte die er in dem Gericht zu Aula hat, nemlich Rauchhabern vnd Rauchhüner, von jeglichem rauch ein Lymess habern vnd ein fastnachthun, als daz von alter herkommen ist. üblich. In Oberheſſen iſt anſtatt Rauchhafer die Bezeichnung Aschhafer Der Rauchhafer (Aſchhafer) wurde zu Faſtnacht, gleich den Hünern, ge⸗ liefert. Es fragte ſich nun, ob derſelbe als Pfründenteil zur Beſoldung des vor der Faſtnacht vorhergegangenen Jahres, oder des Jahres, in welches die Faſt⸗ nacht fiel, gehöre. In Oberheſſen wurde im Jahr 1639 bei einem Wechſel der Pfründeninhaber zu Kölbe von dem Superintendenten entſchieden, daß der Aſch⸗ hafer zur Beſoldung des vergangenen Jahres gehöre, alſo dem Pfründeninhaber des vergangenen Jahres gebüre, auch dann, wenn er zum Lieferungstermin, Faſt⸗ nacht, nicht mehr Inhaber der betreffenden Pfründe ſei. Eine unzweifelhaft richtige Entſcheidung, da die Abgabe erſt gefordert werden konnte, wenn die Bewohnung des Hauſes während eines Jahres bereits Statt gehabt hatte (was durch das Vorhandenſein der Aſche bewieſen wurde), und es iſt ſich ſeitdem nach dieſer Entſcheidung gerichtet worden. raufen, jetzt in dieſer Form gänzlich außer Uebung (f: rüuken). In älterer Zeit wurde raufen wie anderwärts auch hier von dem Entblößen, Blank⸗ ziehen der Wehr (des Schwertes) gebraucht. „(Alexander von Pherä) lies einen knecht mit einem geraufften vnd bloſſen ſchwert vorhin gehen“ Joh. Ferrarius von dem gemeinen Nutz. 1533. Bl. 15b. „Jacob Viedenſtein hat lucas ſchmidden zwiſchen wetter und omenaw vf freier ſtraſſen mit gerauffter wehr feintlich angangen“. Wetterer Bußregiſter von 1591. räufen iſt in der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen die Form des ſonſt völlig ungebräuchlichen Wortes raufen, welche bedeutet: den Flachs mit den Wurzeln aus dem Erdboden ziehen. Das Wort wird, namentlich im Ziegenhainiſchen, gerade ſo geſprochen, wie Alberus (Dict. Bl. Y 4a) ſich er⸗ laubt, es zu ſchreiben: „ich reiff flachs, carpo linum“. „Flachs raufen und raffen“ Lennep Leihe zu LeR. Cod. prob. S. 499, vom Jahr 1539. Im 318 Raulich — Rebbes. übrigen Heſſen wird nur rupfen (geſpr. ruppen) von dieſer Beſchäftigung gebraucht. raulich, mager, namentlich krankhaft mager, abgezehrt; kränklich; ohn⸗ mächtig; elend, kläglich überhaupt. In Oberheſſen, wo es in der Bedeutung mager vorzugsweife vom Vieh gebraucht wird; ſehr üblich iſt es dagegen auch von Menſchen in der Bedeutung von ohnmächtig, kläglich: „es wird mir ganz raulich“. „Dan ſie vnd andere mehr haben es von ihme geſehen, daß er ſeine Hende elendiglich vnd rawlich gerungen“ Marb. Hexenpr. Acten von 1579. „Sie hette raulich außgeſehen, ob Sie aber wie eine kindtbetterin außgeſehen, wüſte ſie nicht“. Marb. Crim. Pr. v. 1680. Eſtor 3, 1417. Außerhalb Oberheſſens unbekannt. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Lk. 4, 86. Das Wort gehört wol ohne Zweifel zu riuwan, bair. rauen Schmeller 3, 1 und hat mit gräulich nichts zu thun; wol aber wird das bair. gräulich Schmeller 2, 98 hierher und nicht zu grauen zu ziehen ſein. Raum msc., Schmalkaldiſche Ausſprache von Rahm (im übrigen Heſſen: Schmand). Im Schmalkaldiſchen iſt dieſe Benennung die üblichſte; vgl. Oberste. raumen (mit dem Dativ der Perſon), von Statten gehen; „die Arbeit raumt mir“; „es will ihm mit der Arbeit nicht raumen“, d. h. er arbeitet langſam und unbehülflich. Allgemein üblich. Raezckanne fem., große hölzerne Kanne, in welcher Trinken (Dünn⸗ bier) und Waßer den Arbeitern in das Feld nachgetragen wird; anderwärts Gilpe, Schleifkanne. Amt Schönſtein, Roſenthal. Schmeller 3, 1714 hat aus Nordfranken die Rätzen, ſo daß unſer Wort eine abundante Com⸗ poſition zu ſein ſcheint. Der Bendermeiſter Johannes Schwarzenborn quittiert 1604: „5 alb ver⸗ dienet an den Rätzkannen zu binden“ und 1607: „fünff alb. — daß ich ahn die höltzernen Räißkanden vffm Schloß ezlich reiff ahngelegt, vnd im gebände erhalten“. Rauſchenberger Rentereirechnungen von 1604 und 1607. 1603 aber quittiert er, daß er die Rötzgelpen gebunden, ſ. Gilpe. „8 alb verdienet an den Retzkanden zu binden, ſo vor die Dienſtleutt zu trinken gebraucht werden“. Ebdſ. 1606. „Sechs groiſſe Reutzkanden vffs ſchloß gemacht“. Ebdſ. 1559. ré, ſtarr, erſtarrt, in Folge des eingetretenen Todes. réhart, hart, ſtarr wie eine Leiche. Re fem., die Todtenſtarre. In dem angegebenen Sinne ſind dieſe Ausdrücke nur im Schmalkaldiſchen gebräuchlich. Es kann kein Zweifel ſein, daß re das zu einem Adjectivum um⸗ geſtaltete goth. hrüirs, ahd. hreo, mhd. re, Leichnam, iſt, aber es kann auch nicht im Zweifel ſtehen, daß unſer Wort identiſch ſei mit dem gemeinhochdeutſchen Adjectivum reh, rach, ſteif, die Rehe, krankhafte Steifigkeit, welche Ausdrücke von Pferden gebraucht werden, und ſomit eigentlich leichenſteif, leichenartig, bedeuten. Vgl. Schmeller 3, 1. Brem. WB. 3, 413. Friſch 2, 82. Adelung 2, 82 (nur daß Friſchs und Adelungs Etymologieen völlig irrig ſind). Rehbes neutr. (auch Röbbes, niederheſſiſch), Riebes, Riewes (fuldaiſch und ſchmalkaldiſch), bauchiges thönernes Milchgefäß von größerer Breite als Tiefe, worin die Milch gerinnen (ſauer werden) ſoll. Die angegebene Form dieſes Milchtopfes findet ſich in ganz Niederheſſen, ſo wie im Hersfeldiſchen und Fuldaiſchen, wenn auch hier nicht durchgängig, und im Schmalkaldiſchen, der Name dafür aber nicht in ganz Niederheſſen, indem in den niederdeutſchen Bezirken dafür das Wort Bars (ſ. d.) gebraucht wird. In Oberheſſen und Ziegenhain Rechnen — reich. 319 haven die zu dem angegebenen Gebrauch dienenden Töpfe eine andere Form (mehr hoch als weit) und führen keinen beſondern Namen. Ein bewaldeter Vorſprung am Meisner über der Kitzkammer heißt das Rebbes. Schon Stieler Sprachſchatz S. 1580, welcher „Riebes und Riefes msc., Thuringis meis Rebs“ aufführt, erklärt das Wort durch „sinus, vas ven- tricosum, darinnen man Kreuter und Samen klein reibet“, und Schmeller 3, 8 folgt ihm darin, indem er eine Entſtellung aus Reib⸗aſch annimmt. Dieſer Urſprung wird durch die Form Riefes, die bereits Schottel Haubtſpr. S. 1386 hat (er eiklärt das Wort gleichfalls durch sinus, vas ventricosum), ſehr zweifel⸗ haft gemacht. — Reinwald 1, 128. rechnen, gewöhnliche Form für rächen, uleisci, der auch ſonſt über⸗ greifenden Neigung, ableitendes N einzuſchieben gemäß, gebildet. „Meine Tochter, deren erbärmlichen Tod ich gerne gerechnet ſehe“ Hexerei⸗Anklage in Marburg vom Februar 1658. Im Froſchmeuſeler iſt dieſe Form die herſchende. Reff neutr., im Fuldaiſchen Raeſt, Geſtell aus Stäben oder Bretchen, mit Tragbändern verſehen, und zum Tragen von Laſten auf dem Rücken beſtimt, hauptſächlich zum Klee⸗ und Grastragen von Seiten der Mägde; für dieſen Gebrauch iſt das Reff mit einem Reffſtock verſehen, durch welchen die Laſten zuſammengehalten werden. Im ökonomiſchen Gebrauche iſt das Reff, wie in der Oberpfalz und in Franken, nur im öſtlichen Heſſen, an der Werra bis zur Fulda, und im Fuldaiſchen; in Oberheſſen völlig unbekannt. Dagegen haben die Feder⸗ viehhändler, Butterträger u. dgl. das Reff überall im Gebrauche, und heißen davon auch geradezu Reffträger. Uneigentlich wird Reff als Schimpfwort gegen Frauensperſonen gebraucht: „du altes Reff! Schmeller 3, 61. reffen, den ausgejäteten (geräuften) Flachs, nachdem die Böszen (ſ. d.) in die Scheune gefahren und aufgebunden worden ſind, durch eiſerne Kämme hindurchziehen, um die Knoten abzuſtreifen. Jene Kämme ſtehen entweder auf den Felgen eines großen Rades (Reffrad), oder auf den ſchmalen Seiten eines langen Bretes (Reffbret). Im ſachſiſchen Heſſen lautet das Wort répen. Vgl. Schmeller 3, 62 (wo riffeln als in Baiern üblich aufgeſtellt iſt); Schmidt weſterw. Id. S. 156 — 157. In älterer Zeit lautete es bei uns raffen Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 499 v. Jahr 1539; auch reffeln: — „haben den Flachs gereffelt, ins waßer vnd draus bracht“ Wetterer Rentereirechnung v. 1600. In den meiſten Gegenden iſt das Flachsreffen eine beſondere Erntefeſtlich⸗ keit, bei welcher, wenn auch ſonſt kaum im Jahre, die Volksgeſänge laut und in reicher Zal erſchallen. Der der Knoten entledigie Flachs heißt Faul w. ſ. Rehe fem. (geſprochen Mi), die Pflughandhabe, in Oberheſſen: ander⸗ wärts unbekannt. Es wird, da mit dieſem Worte der einarmige, in eine Gabel auslaufende Pflugſterz bezeichnet wird, daſſelbe auf ganz ähnlicher Anſchauung beruhen, wie die Benennung derſelben Sache in Vaiern mit dem Worte Geiß. „1½ fl wird geſtraft Seifrid Staffel von Simptshauſen, das er der girſchen da mit einem pflugrehen die naſen wund geſchlagen hat“. Wetterer Bußregiſter von 1591. Eſtor 3, 1417. reich bedeutet im Volksmunde der Obergrafſchaft Hanau (Schlüchtern, Steinau, Schwarzenfels) noch immer, was es in der Vorzeit bedeutete: hochge⸗ ſtellt, mächtig, vornehm — höheren Standes überhaupt. 320 Rerd — Reitschaft. ReFd neutr, Rohr. Niederdeutſche, aber in Oberheſſen gewöhnliche Aus⸗ ſprache des hochdeutſchen Ried. Eſtor S. 1417 ſchränkt die Bedeutung des Wortes auf „ein ſpaniſches Rohr“ ein, ſie befaßt aber das Rohr im Allgemeinen, und wird z. B. ganz ausſchließlich von demjenigen Rohr gebraucht, welches die Küfer (Bender) zur Ausfütterung der Dauben gebrauchen. Brem. WB. 3, 467. Frommann Mundarten 5, 290. Schilf iſt nicht volksmäßig; man ſagt entweder Rohr, Ried (dieß iſt beſonders alles „dreikantige Schilf“, Typha u. dgl.) Reid, oder Schiemen ſſ. d.). reide, rede adverb. 1) fertig mit einer Arbeit; expedilus, paratus; ahd. reiti. In ganz Heſſen üblich. „sie enkunden mit den bussen, armbrusten unde mit dem geschütze nicht regde werden“. Wig. Gerſtenberger bei Schminke Monim. hass. 1, 171. „Alß ſie mit der Mauß (Valentin Maus aus Battenberg, ein Botengänger) ſeins Lohns vnd ſtillagers halber gehandelt, ſeihe Ihrer ohnverſehens Mollerhanß Ihnen nach, vnd als ſie ſchon reide geweſen, zuhr ſtube hinein kommen“. Unterſuchungsprotokoll gegen Hans Möller in Treis⸗ bach A. Wetter v. 1609. 2) bereits, ſchon; mehr in älterer Zeit üblich, als heut zu Tage, indes keinesweges ungebräuchlich. „Otte Hund hat Fredderich von Hertingishusen egenant ouch reyde vernugelu. Urk. v. 3. Dec. 1454 bei Kopp Gerichtsverf. 2, Beil. No. 106 S. 197. gereite, gereide adv. 1) in demſelben Sinne wie das einſache Ad⸗ verbium: bereits, ſchon. „Wie grosse tzeichen gereyde durch sie (die heil. Eliſabeth) gescheen weren“. Wig. Gerſtenberger bei Schminke Monim. hass. 2, 381. „Wir haben den rechten Mann, ſie ſenden gereyt Schiffe nach ihm“ Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567 fol. 2, 39b). Gewöhn⸗ lich wird dieſe Compoſition, wie bereits Stieler (Sprachſchatz S. 1502) ange⸗ merkt hat, kreit, kret geſprochen; „der ist hrét sechzig jar alt“; „der ist hrei lang todt“. Nicht alle Gegenden haben dieſes gereite, kreit kret in gleicher Uebung; am üblichſten iſt es zur Zeit noch an der Werra, im weſtfäliſchen Niederheſſen und im nördlichen Oberheſſen. 2) geſchwind, raſch; an der untern Eder und Schwalm (Wabern); „er ist hréte gekommen“; „ich bin hréte fertig geworden“. réts, gereits adv., bereits, ſchon; erſtere Form, ſehr oft mit all verbunden, im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. „Den ſechſten Monat ſo ich gereydts gefangen war“. Hans Staden Reiſebeſchr. a. a. O. Bl. 43a und oft. alreite, alrede adv., allbereits, ſchon. „lu massen ör burger vnd gilden alregde in weren vnd hesittinge haben“. Witzenhauſer Urk. von 1482 in Kopp Gerichtsverf. 1, Beil. No. 3 S. 10. „Dermaſſen de helffte alles ſines Erbgudes vnd farender Habe mit ſinen Kindern (wes ſe des nicht alreide empfangen) gutlichen nach gebur deilen“. Hofgeismarer Urkunde von 1548 bei Falken⸗ heiner Städte und Stifter 2, 401. Reitschaft, Bereitſchaft, Gerätſchaft, Stoff. „backen ſonderliche Gefeß, darinn thun ſie die reidtſchafft (d. h. den zubereiteteten Farbeſtoff) darmit ſie in vermalen“. Hans Staden Reiſebeſchreibung a. a. O. Bl. 56b. Wird jetzt nur ſehr ſelten noch gehört. Vgl. Brem. WB. 3, 456. Schmeller 3, 157, welcher der Meinung iſt, daß das moderne Wort Gerätſchaft aus dieſem Reitschaft, Gereilschaft, Bereitschaft entſtanden ſei; die Anführungen im Brem. WB. zeigen jedoch, daß Ratschop ſchon im 15. Jh. gebräuchlich geweſen iſt. Das Wort mit ſeinen Compoſitionen und Bildungen ſcheint vorzugsweiſe Reidel — Reien. 321 Niederdeutſchland zur Heimat zu haben. Strodtmann Id. Osn. S. 182. Richey ld. Hamb. S. 201 — 208; indes fehlt es (mit Ausnahme von Reitschaft) im Brem. WB. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 87. Reidel msc., kurze und verhältnismäßig dicke Stange (Knüppel), beſon⸗ ders gebräuchlich von dem ausgeforſteten Stangenholz (Reidelholz), und im öko⸗ nomiſchen Gebrauche von den ſtarken Stangen, welche in der Scheuer von Balken zu Balken gelegt werden, um auf dieſelben die Getreidegarben und Strohſchüttlinge (Bäuſche) zu banſen. „sibben grune reide!“ Weistum der Elbermark von 1440, Grimm Weist. 3, 322. „Wir in der belägerung hatten nur einen Zaun von Reydeln vmb vns her“ Hans Staden Reiſebeſchr. (Weltbuch 1567 fol. 2, 28a) und öfter. In den Forſtregiſtern und Forſtordnungen erſcheinen die Reidel (Reddel) ungemein häufig. Schmeller 3, 49— 50. In dem Sinne von „Knebel“ (Schmidt weſterw. Id. S. 136), welches die eigentliche Bedeutung von Reidel iſt (wredel von wridan, drehen ſ. Schottel Haubtſpr. S. 1445), iſt Reidel hier nicht ſpecifiſch üblich, auch fehlt das Zeitwort reideln, mit Ausnahme der Herſchaft Schmalkalden, ſo wie des äußerſten Weſtens von Oberheſſen, welches anderwärts, auch in der Form von ratteln (ſ. Schmeller und Schmidt a. a. O.) für knebeln üblich iſt, in Heſſen faſt gänzlich. Dagegen iſt üblich Reidel kem. für Schaukel, und reideln für ſchaukeln (sich reideln) im Fuldaiſchen; wiederum aber bedeutet in Oberheſſen reideln das Gleiten (glanern, ſchuben) auf dem Eiſe, und Reidelbahn iſt die Gleitebahn. Vgl. Harreitel, Schaukel, welches nach dem Journ. v. u. f. Deutſchl. 1786 S. 531 im Henne⸗ bergiſchen üblich ſein ſoll, bei Reinwald jedoch fehlt. reideln, feſt zuſammendrehen, z. B. Weiden zum Behufe des Korb⸗ flechtens; auch einen Strick mittels eines Reidels feſt zuſammendrehen, knebeln. Faſt nur im Schmalkaldiſchen üblich. S. Reidel, deſſen frequentativ gemachtes Stammwort reideln iſt. Vgl. prègeln. reien, wenden, drehen; sich reien, ſich ſchnell umdrehen, ſich ſchnell bewegen, ſich eilen. „Rei den Wagen ſo herum“; „rei dich!“ „mer muſſe ſich reie“ wir müßen uns eilen. Nur in Oberheſſen, hier aber ganz allgemein üblich. Eſtor 3, 1417: „reihen, reien, ſich dummeln“. Das Wort iſt das alte wridan, ridan Schmeller 3, 54, aus welchem der Dialect das d hat ausfallen laßen. Hierher gehört Reischeil w. ſ. Eeien msc., Tour im Tanzen. Allgemein volksüblich, hier wie ander⸗ wärts. Schmeller 3, 79. Vorzugsweiſe wurden in älterer Zeit, und noch am Ende des vorigen Jarhunderts unter Reien die langſam ſich bewegenden Tänze verſtanden, welche bis dahin noch nicht ganz ausgeſtorben waren, wenigſtens in der Erinnerung der älteren Perſonen noch feſt ſtanden. An und für ſich aber bedeutete Reien (Reigen) ſeit dem Ende des 12. Jarhunderts denjenigen Tanz, bei welchem nicht bloß von den Zuſchauenden, ſondern von den Tanzenden ſelbſt, geſungen wurde, wodurch eine langſame, wenigſtens mäßige Körperbewegung bedingt war. Einer der letzten dieſer übrig gebliebenen und noch in das gegen⸗ wärtige Jarhundert hineinreichenden Singetänze war der ſogenannte Schwälmer (Schwälmer Reien, Schwälmer Tanz). Die jetzige Welt, und nicht bloß die „gebildete“, hat ſich des Vorzugs beraubt, die volle Harmonie der Jugendfreude, die Zuſammengehörigkeit von Geſang und Tanz, darzuſtellen. „Chorus, der rey, die dantzen oder zuſehen, eonuentus canentium ei zallantium, ſingendant“. Alberus Dict. Bl. k 4b. Bilmar, Joistikon. 21 322 Reihe — Reischeit. Reihe wird in dem Sinne von Ordnung, Regelmäßigkeit, ganz allge⸗ mein in der Redensart gebraucht: „etwas in die Reih bringen“ d. h. Ordnung ſchaffen, etwas wieder zurecht bringen. „Ich bin wieder in der Reihe“ d. h. wieder geſund. Aehnlich wird Richte gebraucht, doch ſind die Redensarten mit „Reihe“ die üblicheren. reiheln, ſchaukeln, hin und her ſchwingen. Reihelplatz, Reichelplatz, ein ſumpſiger Ort, deſſen Boden ſchwankt, ſich ſchaukelt, wenn man ihn betritt, Torfſtelle. Im Haungrund; dieſe Wörter werden wol nichts anderes ſein, als die ſo eben aufgeführten reideln und reien. Rteihen mse., der Oberteil des Fußes, der Fußrücken. In Oberheſſen und im Hanauiſchen das weitaus üblichere Wort, während in Niederheſſen dafür frist gilt, was in Oberheſſen ꝛc. eben nur verſtanden, nicht gebraucht wird. Es kann mit Beſtimtheit behauptet werden, daß dieſes Wort nicht iden⸗ tiſch ſei mit dem Femininum Reihe, linea, welches zu einem Verbum rigen gehören muß (Schmeller 3, 78), und man wird, um unſer Reihen auf ein altes Wort zurückzuführen, wol keine andere Wahl haben, als es identiſch mit ahd. riho (Graff Sprachſch. 2, 430) zu faßen. So ſchon Weigand im Oberheſſ. Intelligenzblatt 1846 No. 61; indes bedeutet riho (? riho) Wade und Schienbein, nicht Fußrücken. Eine genauere Erwägung dieſes Wortes, welches mhd. nicht vorzukommen ſcheint, bleibt wünſchenswert. Schmeller 3, 77. reihern, in Niederheſſen, zumal im öſtlichen, die ausſchließliche Bezeich⸗ nung der Begattung des männlichen Waßervogels (Gans, Ente) mit dem weib⸗ lichen. In der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen iſt dieſes Wort völlig unbekannt, und gilt dafür pitteln (ſ. d.). Schmeller 3, 78 hat unſer Wort aus der Umgegend von Aſchaffenburg, wo es für die Begattung des Geflügels überhaupt gebraucht wird; hier zu Lande gilt es vom Hünergeflügel entſchieden nicht. relnen, zureinen, mit Rainen, Grenzrainen verſehen und hierdurch das betreffende Grundſtück Jemanden als Eigentum zuweiſen. „ir teyl des holzes an deme Langinberge daz enkegen vnsern Hieben getruwin den Burgmannen vnd burgeren gemeinlich zcu Gudensberg zcu gewisit vnd zugeregnt ist“. Ungedr. Urkunde des Landgrafen Heinrich vom Sonnabend vor Invocavit 1366 für die Leute zu Ober⸗ und Nieder⸗Beſſe über das Holzrecht derſelben im Langenberge. reinen und steinen, mit Rain und Grenzſtein verſehen; alte und bis jetzt noch übliche Formel für das Vermeßen und Eingrenzen von Grundſtücken. Fuu 2. 4. reisch, meiſt geſprochen reusch und roisch, oberheſſiſch reisch (Eſtor 3, 1417), hitzig, nach der Begattung verlangend, von Stuten und Sauen, auch wol von Kühen gebräuchlich. Warſcheinlich iſt die oberheſſiſche Form die ver⸗ hältnismäßig richtigere, die niederheſſiſche eine entſtellende Zuſammenziehung, wenn gleich ſchon 1680 in einem oberheſſiſchen Criminalproceſſe ſich roisch (von einer Sau gebraucht) vorfindet. Im Holländiſchen exiſtiert nämlich das Wort ritisch (Marnix Biencorf 1572 Bl. 251b. 1597 Bl. 240a) jetzt ritzig (ritsig) in gleicher Bedeutung, bei Marnix von der keue, Hündin, gebraucht. Die Jäger in Heſſen haben jedoch auch das Wort rauschen von der Begattung des Schwarzwildes. Reischeit neutr., auch Reibret (bei Eſtor 3, 1417 irrig: Reich⸗ ſcheit), iſt in Oberheſſen das Querholz, mittels deſſen die Gabelenden des Reisig Reck. 323 Vorderwagens verbunden ſind, auf welchem mithin die Lanewid ruhet und ſich reiet d. h. hin und her drehet (ſ. reien), weswegen das Reiſcheid in der Mitte meiſtens ganz ausgerieben iſt. Misverſtändlich wird deswegen (um dieſes Aus⸗ geriebenſeins willen) in der Obergrafſchaft Hanau das analoge Holz am Pfluge Reibscheit genannt; das oberheſſiſche Reiſcheit heißt, vielleicht mit nür weiter gehendem Misverſtändnis, Richtſcheit. reisig, jetzt im gemeinen Leben, wie natürlich, völlig ausgeſtorben; im 17. Jarhundert war das Wort dem Volksmunde noch ganz geläufig. Marburger Bürgerinnen bezeichneten in einer Protokollvernehmung vom 29. Juni 1658 die Kühe, von denen die Rede war, als friſch, geſund, und wie reiſige Pferde“. Reisner, Reiſiger, Gewaffneter (auf der Kriegsfart Begriffener). Komt häufig vor in Wigand Gerſtenbergers Chronik bei Sehminke Monim. hass. I. II. z. B. 1, 69. reiten, wie gemeinhochdeutſch. Redensarten: „der Teufel reitet ihn“, „welcher Satan hat ihn geritten“; „mich reitet das Unglück Jahr aus Jaht ein“; „einen ins Unglück hinein reiten“. Vgl. Schmeller 3, 162. Ausreiter, ehemalige Bezeichnung derjenigen Function, welche in der neueren Zeit durch Landbereiter bezeichnet wurde; doch war der Ausreiter ein Diener, welcher nur zu beſtimten Verrichtungen ausgeſendet wurde, und da⸗ neben auch die Geſchäfte eines Poſtboten beſotgte. Schon ſeit dem Anfange des 17. Jarhunderts finde ich in heſſiſchen Schriften den Ausreiter nicht mehr. Strichreiter, Bezeichnung der weſtfäliſchen Gensdarmen von 1808 — 1813, welche nicht als Strichreiter (Schmeller 3, 160) verſtanden wurden und ver⸗ ſtanden werden konnten, weil bei ihnen der bis dahin in Heſſen unerhörte Gebrauch vorkam, Arreſtanten mit Stricken an das Pferd zu binden. reitern, rettern, ritlern, ſieben; althochd. hridaron. Das reitern iſt ein auf größere Reinheit des durch das Sieben zu reinigenden Stoffes abzielendes Sieben als das raden (w. ſ.). Das Reiterſieb, Retterſieb, im Fuldaiſchen die Retter, hat deshalb auch ſehr ſchmales Geflecht und enge Sieböffnungen. Uebrigens miſcht ſich rettern mit raden mehrfach; ſo heißt das grobe Sieb, durch welches die Flachsknoten geſchüttelt werden, um ſie von den Stümpfen der Flachsſtengel u. dgl. zu ſäubern, Knottenredder, was der Ausſprache nach hierher, der Sache nach aber zu raden gehören möchte. Auch im Fuldaiſchen ſind mir als Rettern grobe Siebe gezeigt worden, eben ſo wol wie feinere, ſo daß es ſchien, als ob Retter ein Sieb überhaupt, ohne Beachtung des, wenigſtens im öſtlichen Niederheſſen, ſehr beſtimt feſtgehaltenen Unterſchiedes zwiſchen raden und reilern bedeuten ſollte. Ja noch mehr: es kommt auch die Redensart, figürlichen Sinnes, vor: „grob durchreitern“ d. h. nur die ſchlimmſten An⸗ ſtände, Fehler, beſeitigen; jemanden wegen recht grober Fehler derb zurechtweiſen. Dieß würde auf die, unſerer Aufſtellung gerade entgegengeſetzte Bedeutung von raden und reitern weiſen, die übrigens auch Schmeller 3, 162 andeutet. Reitschmid msc, ehemalige Bezeichnung derjenigen Schmide, welche das Reitzeug, namentlich die Hufbeſchläge, verfertigten. „Ihr man were reitt⸗ ſchmid im teutſchen haus geweſen“ Marburger Protokolle von 1655. 1658. Die Bezeichnung erhielt ſich hier und da, wenn gleich zuletzt unverſtanden, für einzelne Schmiedewerkſtätten (Hufſchmieden) die ſchon in früheren Jarhunderten exiſtiert hatten, bis in die neuere Zeit. Rech nentr., richtiger Riek, wie auch zuweilen geſprochen wird: 21 324 Rengnieren — resch. 1) die Hakenleiſte, auch wol das, was im übrigen Heſſen Kannbank, in Sachſen Kannrick iſt. Oberheſſen. 2) geſprochen Rik und mso., die Stange oder das Seil, worauf man Wäſche trocknet. Schmalkalden. Rick, pertica; E. Alberus Dici. Bl. tija. 3) Rik msc. und Reck msc., der grüne (lebendige) Gartenzaun, Hecke. Fulda und Obergrafſchaft Hanau. min mantel ist unverre: nu sich viel lieber herre, er hanget aume rieke. Eliſabethleben, Diut. 1, 382. Herbort von Fritzlar 9247. Bgl. Friſch 2, 418. Die Gründbedeutung von Aick iſt ohne Zweifel: gerade Richtung, bezw. ein Ding (Geräte), welches gerade Richtung hat; vgl. Schmeller 3, 12- 13. Aus der im Schmalkaldiſchen üblichen Bedeutung iſt der Name des Turngerätes Reck entnommen. Vgl. Gerich, deſſen Bedeutung ſich aus der Grundbedeutung von Rick ſehr leicht ergibt. J. 7 32 rengnieren, regieren, lenken, bewältigen, z. B. ein Geſpann Zug⸗ vieh u. dgl.; ſehr gebräuchlich, aber niemals im poliiſchen Sinne verwendet: ſoll dieſer ausgedrückt werden, ſo ſpricht man reigieren. Jenes rengnieren iſt ohne Zweifel das in der ältern Sprache (z. B. im Schatzbehalter, 1491, überall) vorkommende regnieren, aus regnare gebildet, während regieren wol aus regere entſtanden ſein mag. Vgl. Schmeller 3, 66. repp im Fuldaiſchen, röpf im Schmalkaldiſchen, in gutem Zuſtande, in guten Umſtänden — zumal: wiederum in guten, beßeren Umſtänden (ſchmal⸗ kaldiſch) — befindlich. Von Menſchen, welche längere Zeit nicht krank waren, von Schülern, welche das ganze Schuljahr hindurch fleißig und geſittet geweſen ſind, ſagt man: „ſie haben ſich repp gehalten“. In den genannten Gegenden äußerſt üblich, anderwärts völlig unbekannt. In keinem Idiotikon erfindlich; vgl. jedoch ripp Schmidt weſterw. Id. S. 163; nur bedeutet meines Wißens ripp bei uns nicht geil. Rer kem., Fall, doch nur von den Dingen gebräuchlich, welche ſich von einem größern Ganzen ablöſen und hernieder fallen (tropfen, tiſen), auch wol von denjenigen, die man, z. B. aus Unachtſamkeit, fallen läßt: Schneerer, Aepfelrér; eine Rer machen, aus einem Sace, Korbe u. dgl., der mit Getreide oder Obſt gefüllt, Getreide oder Obſt u. ſ. w. beim Tragen verſtreuen. Im nördlichen Oberheſſen (Roſenthal, Bonſtrut). Gerèr neutr., gewöhnlich irrig Geroehr geſchrieben und geſprochen, der Abfall an Getreidekörnern, welcher aus überreifen Aehren auf dem Felde oder in der Scheune ſich findet. Grafſchaft Ziegenhain und nördliches Sberheſſen. In den Rentereirechnungen des 16. Jarhunderts (z. B. Wetterer Rent. Rechn. vom J. 1596) findet ſich nicht ſelten die Rubrik Dengeroehr, Denne geröhr (Tenn⸗Geröhr). Es erſcheint dieß Wort auch in einer Verordnung vom 20. April 1574 (2O. 1, 431): „Wann alsdann — — ſie ſich berichten laiſſen, was vnd wie viel denne geröhre gefallen“. Schmidt weſterw. Jd. S. 66. Dieſe Wörter gehören zu dem Verbum réren, fallen laßen (z. B. Thränen reren), welches, in der alten Sprache häufig, und auch noch heute in Deutſch⸗ land ſehr allgemein verbreitet (vgl. Schmeller 3, 121. Schmidt weſterw. Jd. S. 164. 307), mir in Heſſen nicht hat vorkommen wollen. Es iſt aber dieſes reren das regelmäßige Tranſitivum von risen, w. ſ. 4 310 341 resch. Dieſes alte Wort iſt jetzt im eigentlichen Heſſen ausgeſtorben Resten — Ries. 325 während daſſelbe noch bei W. Gerſtenberger (Schminke Mon. hass. 2, 299. 300) als rysch (d. i. risch) in der Bedeutung ſchnell, ſchleunig, öfter vorkommt. Im Schmalkaldiſchen allein iſt es noch üblich, und zwar nach ſeinen zwei Be⸗ deutungen in zwei Formen geſchieden: 1) risch, ſchnell, hurtig. Reinwald 2, 103. Im übrigen Heſſen findet ſich risch, wie R. 1, 129 angibt, nicht. 2) roesch, rauh. Reinw. 1, 129. Vgl. Schmeller 3, 140. resten, (sik) ſich ruhen. Nur im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, wo die Wörter ruhen und Ruhe wenn auch bekannt doch durchaus nicht ublich ſind. Das Subſtantivum iſt Rast oder Rest. Daher denn auch die in jenen Gegenden häufige Bezeichnung von Bäumen u. dgl. im Felde: Reſtebaum, Reſtebuſch. Reuse fem., verlängerter Rückenkorb, wie derſelbe zum Holztragen auch in Oberheſſen üblich (ſ. Koexe), in der Obergrafſchaft Hanau aber, wo er dieſen Namen, Reuſe, führt, ganz allgemein im Gebrauch iſt. Réz neutr., gewöhnlich in der Compoſition Brodrés, hölzernes Geſtelle mit Sproßen, welches an die Decke gehängt, und auf welches die Brodlaibe, beſonders zum Schutz gegen die Mäuſe, aufgeſtellt werden. Im ſüdlichen und weſtlichen Oberheſſen üblich; nördlich und öſtlich von Marburg ſindet ſich der Ausdruck ſchon nicht mehr. rihbeln, Frequentativ von reiben; ſehr üblich. „krico, conkrico, tergo, ich reib, ribel“ Alberus Diet. Cija ya. Ribbelſuppe, eine beſonders in Niederheſſen ſehr übliche Mehlſuppe mit Bröckchen aus Ei und Mehl, welche zwiſchen den flachen Händen zu Ribbeln (einer Art Nudeln) gerieben werden. Eſtor hat 3, 1418 „Röbbel, wenn in bier man brod einbrocket zum eſſen“, was wol daſſelbe, nur in der Ausſprache ſtärker entſtellt, ſein wird. Richte fem., gerade Richtung; „in der Richte gehen“, den kürzeſten Weg einſchlagen. Richtweg, der kürzeſte Weg. „in die Richte bringen“, in Ordnung bringen, vgl. Reihe. „in die Richte ſtellen“, ſenkrecht ſtellen. u. dgl. m. (vgl. neihe). In älterer Zeit auch adverbial, wie es ſcheint: hin gerichte, in gerichte; z. B. „von deme wege von der korskirchin vnder deme hoygersbornen hine gerichte den weg hin“ etc. „in gerichte den weg ulf“ etc. Urkunde des Land⸗ grafen Heinrich (des Eiſernen) vom Sonnabend vor Invocavit 1366 für die Leute zu Ober⸗ und Nieder⸗Beſſe über das Holzrecht im Langenberge. RRid neutr. (oder Ried? nach Adelung 3, 1115), das „Blatt“ der Weber. „Wolewebern unde lynen webern suld man tzu irn kemmen ryden unde andern geizuge sehen, das sie das mechten als vor aldirs sich geboret. Emmerich Frankenberger Gewbnheiten bei Schminke Mouim. hass. 2, 705. Riede lem. im Fuldaiſchen, Reite kem. in der Obergrafſchaft Hanau, der Stock mit angeſetztem breitem Eiſen, vermittels deſſen der Erdboden von der Pflugſchar und dem Streichbrett beim Ackern weggeſchoben, Schar und Streichbret gereinigt wird. Sonſt Rieſterſtock, auch bloß Pflugſtock. Ries neute. Dieſes Wort lautet, wenn von einem Ries Papier die Rede iſt, in den heſſiſchen Rechnungen des 16. Jarhunderts, wo es äußerſt häufig vorkommt, Reisz. Aber es wird auch von Schieferſteinen (Dachſchiefer) ge⸗ braucht: „Es hat mein gn. F. vnd Herr Landtgraff Ludwig gnediglich beuolhen, nechſt freitags von Blanckenſtein vier vnd zwentzig Reiß ſchifferſtein gen Specks. 326 Riester — Rile. winckel zu ſchicken“. Rauſchenberg 1567. Dieſe 21 Reiß Schieferſteine wurden auf einem Wagen mit zwei Pferden geführt. Riester neutr., auch wol masc. (geſprochen Hester), lederner Flicken auf das Oberleder der Schuhe und Stiefeln. riestern (réstern), Schuhe und Stiefeln in dieſer Art flicken; dann auch in allgemeinerem Sinne: in grober, unkunſtmäßiger Weiſe ausbeßern. Eben ſo in der Schweiz Stalder 2, 276. Möglich übrigens, daß dieſes Wort eigentlich rister lauten müſte, ſomit von Riester am Pfluge ſich weſentlich unterſchiede, wie dieß Schmeller 3, 144 warſcheinlich zu machen ſucht. Der ſchweizeriſche und noch weniger der heſſiſche Dialect begünſtigen freilich dieſe Annahme nicht. Eben ſo wenig aber auch die niederdeutſche Sprache, Richey S. 209 („Reyſter oder Reeſter“) Brem. WB. 3, 467, und der Dialect auf dem Weſterwald, Schmidt S. 162 („Re⸗iſter“). Riester msc., Riesterbret, das Streichbret am Pfluge, welches zum Umwerfen der durch die Pflugſchar losgeackerten Scholle, mithin zur Bildung der Furche dient. Nieder⸗ und Oberheſſen (in Oberheſſen ſpricht man fälſchlich Rister). Eben ſo, wie in Heſſen, in der Schweiz, Stalder 2, 276. Auffallend iſt es dagegen, daß in der ältern Sprache durchgängig und eben ſo auch in Baiern Rieſter den Pflugſterz bedeutet, Schmeller 3, 145. Geriffel neutr., üblicher Ausdruck für Gerippe, Skelet. „Dann er ſahe ein ſehr groß Menſchen⸗Geriffel daran nur eitel Knochen und gantz keine Haut oder Fleiſch war“. Der Füternde (Landgraf Hermann) Hexamereon oder Sechs⸗Tage⸗Zeiten des Torquemada. 1652. 8. S. 275. „Hier lieget das Gerüffel eines armen Sünders“ Anfang der Grabſchrift des Pfarrers Johann Hartmann Crajus zu Kaſſel (geb. 1609 † 1664), welche dieſer ſich ſelbſt geſetzt; Strieder 2, 328. Das Gänſegeriffel, Ueberbleibſel der gebratenen Gans nach Abſchälung der beſten Stücke des Bratfleiſches. Gerifke, Gerischtel, Gerippe, Skelet. Im Haungrund. Vgl. Rif und Riſt, Gerippe. Brem. WB. 3, 189. S. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. 4, 87. riireln, 1) ausfadeln, auffabeln. Ein geſtrickter Strumpf wird, wenn er fehlerhaft iſt, aufgeriffelt; locker gewebtes Zeug, Band, riffelt ſich. Niederdeutſch, aber in ganz Heſſen gebräuchlich. Brem. WB. 3, 464 (refleln). 2) nachdrücklich tadeln, ſtrenge Verweiße geben. Ahd. refsan. Riffel msc., nachdrücklicher Verweiß. Gerick neute., in Ordnung, in Reihe und Regelmäßigkeit ſich bewegendes Thun, Ordnung in der Arbeit, beſtimte Arbeit; Oberheſſen. „Ich hab ſo mein Abendgerick“ (z. B. das Vieh zu futtern) d. h. meine regelmäßig am Abend wiederkehrende Arbeit. Allgemein üblich dagegen iſt die Redensart: Gerick und Geschick (häufiger negativ: kein Gerick und G.) zu etwas haben, anſtellig (bzw. nicht anſtellig), geſchickt, behend in der Ausführung einer Arbeit ſein — ſie weder in der gehörigen Ordnung, noch in der gehörigen Form behandeln können. Vgl. Rick. Schmidt Weſterw. Jd. S. 69. Rile, RiI fem., Reihe, z. B. von gepflanzten Bäumen, aufgeſtellten Geräten. Im Schmalkaldiſchen, anderwärts unbekannt, wenigſtens hat ſich das Wort, welches niederdeutſch ſcheint (fehlt Richey, Strodtmann, Brem. WB., findet ſich aber bei Schambach Gött. Id. S. 172), auf wiederholte Nachfrage in den niederdeutſchen Begirken nicht wollen auffinden laßen. Rille — Rischweg. 327 Rille fem., kleiner Waßerablauf, flache und ſchmale Vertiefung, in welcher Flüßigkeiten herablaufen. In Niederheſſen faſt allgemein üblich. Brem. WB. 3, 494. rinden. In dem Protokoll eines im Jahr 1603 zu Wetter gehaltenen Bahrgerichtes (gegen Heinricht Vogt, ſ. Bahrgericht) kommt vor: „Ob dan wohl der Corper ſehr bleich vnd faſt der erden gleich, auch die wunden ſo er geſchlagen, deren 8 oder Neune geweſen, gantz ſchwartz vnd zugerunden geweſen, ſo ſeind doch nicht allein die wunden wieder ſobalt friſch Roth vnd flieſend worden“ ꝛc. Das Wort iſt ſeiner Bedeutung nach klar: verharſchen. Es hat den in das Auge ſpringenden Anſchein, als hätten wir hier das Participium eines längſt verlorenen Verbums: rinthan, ranth, runthum, runthaus vor uns, zu deſſen Ablautsableitungen die Wörter rinta, cortex, und rant, clypeus, gehören, und welches die Be⸗ deutung bedecken, zudecken, gehabt haben muß; „zugerunden“ bedeutet: mit Rinde bedeckt. Dazu kommt, daß hin und wieder eine verharſchte Schrunde (Schrunge, ſ. d.), Runge, d. i. Runde, genannt wird. An eine Verwechſelung des Schreibers mit zurinnen, zugerunnen, wird ſchwerlich zu denken ſein. Rindsfusz war im 16. Jarhundert der Name eines, wenigſtens in Wetter, üblichen Gebäckes. Bei der im zweiten Halbjahr 1576 daſelbſt vorge⸗ nommenen Viſitation der Beckerladen fanden die Zunftmeiſter, daß bei einem Becker an einem Sechs⸗Heller⸗Rindsfuß zwei Loth mangelten. Ohne Zweifel ein Weizengebäck, wenn auch vielleicht ein gröberes, nicht unwarſcheinlich von derſelben Geſtalt, welche bis jetzt die ſ. g. Franzbrode behalten haben: dieſe tragen in der Länge ihrer elliptiſchen Form eine Spalte, früher eine tief ein⸗ geſchnittene, jetzt ſehr flache, wodurch ſie der geſpaltenen Rindsklaue ähnlich werden. S. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 87. Rinken msc., die faſt ausſchließliche Form für Ring. Fingerrinken, für Ring und für Fingerhut. Schuhrinken, Schuhſchnalle (Schnalle war noch bis etwa 1830 gar nicht volksüblich). Schmidt weſterw. Id. S. 163. Vgl. Fingerlein. rippeln (sich), 1) ſich regen, leiſe Bewegungen machen; beſonders: ſich gegen einen Stärkern gelinde auflehnen: „der A. hatte den B. am Boden liegen, ſo daß ſich dieſer nicht rippeln konnte“; „es iſt ſtrenge Aufſicht, ſo daß ſich keiner rippeln darf“. Allgemein üblich. Schmeller 3, 8; wobei jedoch zu bemerken iſt, daß bei uns ribbeln (riwweln) und rippeln auf das Be⸗ ſtimteſte auseinander gehalten werden. 2) in den mehr niederdeutſchen Gegenden (nördlich von der untern Eder) bedeutet sich rippeln auch: ſich eilen, ſich zuſammennehmen, um mit einer Arbeit zeitig fertig zu werden. So auch ſonſt in Niederdeutſchland, ſ. z. B. das Lippiſche Idiotikon in Frommanns Mundarten 6, 367. Kischweg, eine in heſſiſchen Feldmarken ſehr häufig und in mancherlei Formen vorkommende Bezeichnung. „bei dem Riſchwege“ (Volkmarſen); „bei den Riſchen“ (Breuna); „auf dem oberſten Röſchenwege“ (Oberſuhl); „im mittelſten Röſchen“ (ebdſ.); „am Röſtweg“ (Sontra); „am Rußweg“ (Kirch⸗ hain); „an dem Rutſchenwege“ (Weimar); „über dem Reißeweg“ (Feldberg und Niedermöllrich) u. a. m.; warſcheinlich gehören hierher auch Formen wie „am Rießenweg“, „auf dem Rießer“ (Niederelſungen), „am Raſeweg“ (Hermanrode, Eſchwege) u.dgl. Es wird das Wort zu resch, rösch, risch (ſ. d.) in dieſes Wortes — freilich jetzt in Heſſen nicht mehr vorhandenen — Be⸗ 328 Risebett — Rishen. deutungen rauh und ſteil (Schmeller 3, 140 —141) gehören, und einen unge⸗ bahnten, einen Abhang hernieder gehenden, Weg bedeuten. Mhd. ſcheint rosche einen rauhen, ſteilen Abhang zu bedeuten: durch menge roschen wilde Diutiska 2, 148; und es könnte das Zeitwort roschen, röschen nicht bloß ſteil und rauh machen, ſondern auch ſteil und rauh ſein bedeuten, ja es wäre gar nichts Unmögliches, daß aus dieſem roschen, röschen ſich das gemeinhochdeutſche Wort rutſchen gebildet hätte. Dieſe Verbindung zwiſchen roschen und rutschen ſcheint ſogar die obige Form Rutſchenweg und die Bedeutung von Rutsche (ſ. d.) anzudeuten, ja zu beſtätigen. Daneben könnte auch das Diut. 2, 205. 207 vorkommende Wort resch, gleba, cespes in Betracht kommen, und Röſchenweg einen rauhen, ſteilen, mit Gras überwachſenen Weg bedeuten; in Hanauiſchen Feldmarken kommt ſehr oft ein graſiger Weg, als ungebauter, wilder Feldweg vor, und Seb. Frank (Paradoxa Bl. ib) gebraucht dieſe Bezeichnung geradezu als Bezeichnung eines ungebahnten Weges: „ein vngebahnten, engen, graſigen weg anhin gehen“. Ob die Wörter reſſen und Röſche, welche Adelung 3,1090. 1156 als Kunſtwörter aufführt, hierher gehören, mag unentſchieden bleiben, ſie ſehen eher deutſch, als ſlaviſch aus, an welchen letzten Stamm ſie Adelung anzulehnen ſcheint. Riisehétt, neutr. Krankenbett, d. h. Bett, auf welches Jemand riset, niederfällt. Alter, aus dem gewöhnlichen Gebrauche verſchwundenes, aber um 1820 in Oberheſſen noch in der Erinnerung feſtſtehendes und verſtandenes Wort. „Wo kranckheit infallen, müſſe geſchickte vnd gebrauchte Artze ſein — ſunſt wurde offt einer im reſebett gehalten, kundte alſo ſeinem hauſſe nit vorſtehen“. J. Ferrarius von dem gemeinen nutz. 1533. 4. Bl. 48a. Vgl. bettrisig.7 risen, ferri deorsum, ſinken, fallen. Das reife Obſt rist, die Blätter im Spätherbſt risen. Allgemein üblich. Das Verbum conjugiert indes nicht mehr ſtark, ſondern ſchwach: riste, gerist; in Oberheſſen wird jedoch auch mit⸗ unter reisen, reiste, gereist geſprochen, und zuweilen ſogar das Participium noch ſtark flectiert: gerisen (geriſene Aepfel). Wol ohne Zweifel gehört hierher Beris msc., meiſt geſprochen Berést nentr., welches Wort, im nörd⸗ lichen Oberheſſen und im Amt Schönſtein, gleichbedeutend mit Geniſt und Gerer (ſ. Rer), neben dieſen Wörtern gebräuchlich, den Abfall vom Getreide beim Einfaren, die auf dem Acker nach dem Aufladen der Garben liegen ge⸗ bliebenen und nachher zuſammen gerechten Getreidehalme bedeutet. Es würde ſomit Beris, Bereist das Beigereiſte, nebenbei Abgefallene, bedeuten, und Bereist die Ausſprache reisen anſtatt des urſprünglicheren risen vorausſetzen. Vgl. Rer, und die Zehntordnungen v. 9. Januar 1714 (LO. 3, 744) u. von 1737 (LO. 4, 467). In der erſten dieſer Stellen iſt Beris = Röhrig d. h. Rerich, und rührt alſo dieſes Wort auch urkundlich an Gerér, Tenngerer, ſ. d. Kopp Handbuch 2, 9. Vgl. Schmeller 3, 129. Risken, plur. Binſen. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. Der Vocal richtet ſich nach der ſäckſiſchen, die Conſonanntenverbindung sk nach der weſtfäliſchen Mundart. Eigentlich lautet das Wort Rusk, Rüsk, Ruſch, in Hanoveriſchen aber Riſch. Adelung 3, 1217. Ziegler Dithmarſ. Id. bei Richey S. 421. Strodtmann S. 192. Brem. WB. 3, 562 — 563. Wol eins von den Wörtern, welche die deutſche Sprache mit der lateiniſchen (ruscus) gemein hat, denn an Entlehnung iſt hier nicht wol zu denken, trotz der ſonſt zal⸗ reichen lateiniſchen Vorgwörter, an denen die niederdeutſchen Sprache ſchon in alter Zeit reich ddr. Rispe — ritzerot. 329 Nispe, fem. 1) im ſüdlichen Niederheſſen wie gemeinhochdeutſch, in Oberheſſen unbekannt (hier Schnädke); 2) im ſächſiſchen Heſſen: flacher Korb, anderwärts Wanne, Kretze, Schanze (ſ. d.) genannt. Rispel fem., in Schmalkalden wie Rispe 1, aber auch die Trauben der Johannisbeere und die in Traubenform zuſammengeſchnürten Zwiebeln u. dgl. Vgl. Reinwald 1, 129. Risse plur. tant., Schläge, zumal derbe Schläge, als Züchtigung. Allge⸗ mein üblich. Schmidt Weſterw. Jd. S. 163. Kiste fem., 1) der Handrücken, vielmehr der Theil des Unterarms, welcher ſich unmittelbar über und zwiſchen den Knöcheln befindet, mit Einſchluß der Handwurzel. Zuweilen wird jedoch dieſer Körpertheil auch wie der Fußrücken, Friſt (Handfriſt) genannt (ſ. Friſt). Iſt eigentlich wrist, von welchem Wort der Anlaut w abgefallen iſt. 2) ein Büſchel Flachs, ſo viel man mit der Hand faßen kann. Es wird dieſes Wort ſowol von ungebrechten Flachs, ſogar von dem, welcher als flück (ſ. d.) aus der Roße kommt, um aufgeſtellt oder gebreitet zu werden, wie von ge⸗ brechtem und für das Hecheln zurechtgelegtem und von gehecheltem Flachſe gebraucht. Fünf Riſten gehechelten Flachſes machen in der Regel eine Kaute (einen Kauten, im Fuldaiſchen, fünf und ſiebenzig Riſten oder funfzehn Kauten machen daſelbſt einen Kloben oder Büſchel). „gar kleine risten flasses“; „flasses eine risten“ Eliſabethleben Diutista 1, 384. In den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Bezirken ſpricht man meiſt Risse, wie ſonſt in Niederdeutſchland. Strodtmann S. 187. Brem. WB. 3, 305. In Oberheſſen ſcheint Riſte in älterer Zeit nicht üblich geweſen za ſein; die Rentereirechnungen von Wetter und Rauſchenberg von 1552 — 1617 enthalten das Wort nicht ein einziges Mal, ſondern ſtets Hand⸗ voll, z. B. „Zwey Kloben flachs jedern Kloben an 60 handtvoln“ 1603. Das hier und ſonſt ſehr häufig in den Belegen vorkommende Wort „Klobe Flachs“ iſt jetzt, außer im Fuldaiſchen, nicht mehr üblich. Dieſes Wort, welches im heſſiſchen Dialekt in ſeinen zwei Bedeutungen, und zwar gerade wegen derſelben, mit gröſter Beſtimtheit als ein Wort behandelt wird, ſchließt zwei Wörter verſchiedenen Stammes in ſich. Das Wort, welches Handrücken bedeutet, eigentlich wrist, iſt anderwärts Masculinum, meiſt ſogar Neutrum Schmeller 3, 144. Das Wort hingegen, welches Handvoll Flachs bedeutet, lautet anderwärts Reiſte (Schmeller a. a. O.), welche Form einzeln auch in Heſſen vorkommt z. B. in einem Leihebrief bei Lennep Leihe LSR. Cod. pr. S. 370, und ſelbſt, tiefer in Weſtfalen hinein, Rise (ſ. Strodtmann). Ritt (geſprochen Red), in den Redensarten allen Ritt, jedesmal, und auf einen Ritt, auf einmal, auf einen Hieb, Schlag; in Heſſen die gewöhnlichſte, ja bis vor Kurzem völlig ausſchließliche Bezeichnung des in der ältern Sprache auch durch sind, stund, werbe, in der neueren, gemeinhochdeutſchen Sprache nur durch Mal bezeichneten Begriffes. Grimm Gram. 3, 230 — 233. Schmeller 3, 164. (Die in Baiern üblichen Ausdrücke gleichen Sinnes: alle Bod, alle Streich, fehlen in Heſſen). S. Werbe. Ritz, im ſüdtichen und innern Niederheſſen das Lock⸗ und Schmeichelwort für Schweine: „Ritz dä!“ „komm Ritz!“ Oft deminutiv: Ritzchen, plur. Ritserehen, Ferkel. Dafür gilt in Oberheſſen und an der Schwalm, wo Ritz unbekannt iſt, Wutz, in Oberheſſen auch Buß, an der Eder und weiter nördlich Kimmchen. ritzerot, grell rot, blutrot. Sehr üblich. „riterot ardeuliasimi coloris 330 Roggen — Rôsze. E. Alberus Dict. Bl. Eija. Schmidt weſterw. Id. S. 164. Schmeller 3, 715 (nur bei Aſchaffenburg). Roggen msc., kommt einfach im Volksmunde gar nicht vor, ſondern es wird für secale cereale der allgemeine Ausdruck Korn gebraucht, wie in Baiern (Schmeller 3, 71) und anderwärts. Dagegen wird alles, was aus dieſer Getreideart bereitet wird, nicht durch die Compoſition mit Korn, ſondern mit Roggen, in der Ausſprache: Rüchen, bezeichnet: Rückenmehl, Rückenſtroh, Rückenbrod, Rückenkkeie, Rückenbrei. Dem Schulmeiſter in Frankenberg gaben die Kinder, die nicht nach Brode giengen, ire rocken brode; Emmerich Frankenb. Gewohnheiten b. Schminke Monim. hass. 2, 686. „Ein thauſendt Peuſche oder gebondt Ruckenſtroh“ ſoll 1562 der Rentmeiſter zu Wetter ein⸗ kaufen und in den Renthof nach Marburg liefern. Er notiert: „d. 5. Decemb. anho 62 habe ich dem Rentſchreiber vf diſen fürſtlichen Beuelch 1000 Streckling — liefern laſſen“. S. Streckling. Roeling msc. Der Waßerfroſch; allgemein üblich. O. Melander Jocoseria (Lich 1604 No. 547 S. 548 —549) gibt aus einem zu Eſchwege ge⸗ haltenen Geſpräche Röling durch ranunculus. Schmeller 3, 78. „Rölinge“ heißen ſpottweiſe die Bewohner des Dorfes Wabern, weil Wabern tief und ſumpfig liegt. S. Rulsche. Im öſtlichen Heſſen wird übrigens mit Roeling auch die Waßereidechſe bezeichnet. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen iſt das Wort Roeling zwar auch bekannt, aber nicht beſonders geläufig, ſo wenig wie Froſch und theilweiſe ſogar Pogge; der Froſch wird dort durch Höpper (Hüpfer) unterſchiedlos, ob Gras⸗ froſch oder Waßerfroſch, bezeichnet. Rolie, Frau Rolle, iſt die im Schmalkaldiſchen übliche Ent⸗ ſtellung der auch dort wolbekannten Frau Holle. rollen, 1) läufiſch ſein, von der Sau; in Oberheſſen von jeher üblich (Crim. Proceſſacten von 1680), weniger in Niederheſſen, wo das in Oberheſſen unverſtandene Wort hauen gebräuchlich iſt. Schmidt Weſterw. Id. S. 165. Schmeller 3, 80. 2) daher: unſtät und neugierig überall herumlaufen; herumrollen. Rölps msc., 1) ructus, Auſſtoßen, wie gemeinhochdeutſch Rülps; 2) Schimpfname zur Bezeichnung eines ungeſchliffenen und unflätigen Menſchen. Rop msc., auch neutr., Schorf auf einer zugeheilten Wunde; ſehr oft deminutiv: Röppchen. Schottel Haubtſpr. S. 1388 hat Roffe msc.; Brem. WB. 3, 440 Rare, Robe; holl. Rappe, Roof, Roofken. Ahd. riob. Vgl. Schmeiler 3, 8. 118. Ueberall üblich, doch mehr in Niederheſſen als im Fuldaiſchen und in Oberheſſen. Rôsze fem., heſſiſche Ausſprache des althochdeutſchen ràza, Honigwabe; in Süddeutſchland Räsz msc. mit beibehaltenem Vocal aber verändertem Genus (Adelung hat für Rooß gar das Neutrum). Alberus hat (Dict. Bl. Xxa) noch Raß, auch noch das Femininum. Schmeller 3, 125. Roßenhonig, unausgelaßener, noch in den Roßen, Waben, befindlicher Honig. Zur Zeit der undurchforſteten Wälder hatten Waldbienen in hohlen Bäumen mitunter vier Schuh lange Roßen. Wabe iſt unbekannt und unverſtändlich. Rôsze fem., Flachsrösze (auch Roesze, Flachsroesse, doch ſelten), die mit Waßer gefüllte Grube, in welche der gereſfte Flachs (das Faul, ſ. d.) gelegt 331 Rotzfaul — Rotkelchen. wird, um zu röenen, d. h. zu faulen. In der Roße bleibt der Flachs ſo und ſo viel Nächte (nicht: Tage) bis der Splint ſo weit gefault iſt, daß die Heren (ſ. d.) ſich von dem in Fäulnis geratenen Stengel (Splint) löſen. Die Halb⸗ gebildeten und vollends die „Gebildeten“ ſprechen fälſchlich Röſte, röſten, während das letztere Wort nichts anderes iſt, als das alte rozen, faulen. Hin⸗ ſichtlich dieſes Wortes iſt die Sprachverderbnis der „Gebildeten“ in den letzten vierzig Jahren auch in das Volk gedrungen, welches ſeitdem allmälich angefangen hat, roesten ſtatt des richtigen und bis gegen das Jahr 1820 allein üblichen rdssen zu ſprechen; Roeste aber ſpricht das Volt noch heute nicht. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 94. Schmeller 3, 138. rotzfanl, Verſtärkung des neueren Sprachelements, faul, durch das ältere, roz, durch und durch faul, gänzlich in Verweſung übergegangen; „die Kartoffeln werden im Lande ſchon rotzfaul“ hörte man während der Dauer der Kartoffelkrankheit, 1845 — 1855, ſehr oft ſagen. Allgemein üblich; in den nieder⸗ deutſchen Bezirken rottefül. [Das Wort hat mit Rotz, ahd. hroz, mucus, nichts zu ſchaffen]. rosseln, mit Getöne (durch vorliegenden Schleim hin) atmen; röcheln. Sehr üblich, wogegen röcheln ungebräuchlich iſt oder höchſtens in der Form rocheln vorkomt. Schmeiler 3, 138 (rößeln). rossig, hitzig, nach der Begattung verlangend, von der Sau. In einem Marburger Criminalproceſſe von 1680 kommt roisch und rossig neben einander vor. Das Wort iſt in ganz Heſſen bekannt und ziemlich überall üblich. roesten. Das Brod zu röſten wird von den oberheſſiſchen Bauern für einen großen Frevel gehalten; noch jetzt iſt in dem Munde aller Oberheſſen Wer aaed (ſagt, ausplaudert, deuten läßt) ken iroum, die Priamel: Un schelt ken boum, Un rest ken bröd, Dem hilft der liebe Goit aus aller nöt. Es iſt dieß übrigens der Reim der Holzweibchen in der Pflege Reichenfels im Vogtland, welche damit das Eintreten der unruhigen, habſüchtigen, geizigen, mit dem Gegebenen nicht zufriedenen Zeit bezeichnen; nur heißt es dort nicht „röſtt kein Brod“ ſondern „pip kein Brod“ (mache keine zauberabwendenden Zeichen hinein, oder vielmehr! zeichne es nicht als dein ausſchließliches, niemanden mit⸗ zuteilendes Eigentum mit dem natürlichen Siegel der fünf Finger). Grimm Mythologie 2. Ausg. S. 452. Das Röſten des Brodes gilt auch in der That darum für einen Frevel, weil daſſelbe zeigt, daß man mit dem lieben Brod ſo wie es Gott gibt und mit deſſen Geſchmack noch nicht zufrieden iſt, ſondern demſelben einen erhöheten Wert geben zu dürfen meint — „über das Brod wie es Gott gibt, geht nichts“. Uebrigens ſpricht das Volk in Niederheſſen nicht roesten, ſondern roestern (Frequentativ). Rotkelchen, lieber Rotörüstchen, der bekannte Vogel. „Du haſt ein Rotkelchen (Rotbrüſtchen) gefangen“ vexierende Redensart, wenn Jemand von der Kälte eine rote Naſe bekommen hat. Die Redensart iſt alt und keineswegs ausſchlleßlich heſſiſch. „auch mancher junger Wanderer den ſchwartzen Bart in kurtzem graw heimbringet, vnd die Rotbrüſtlein hin vnd wider auff die Naſen fligen“ Fiſchart Praktik 1573 Cilijb 1598 Bija (Scheible raot lartt. Raburg a. 4. Lab. 332 Rotzköber — Gerücht. S. 571). „Aber Bruder Jan thut das Rotbrüſtlein von der Naſen, ſeh wie es Claretrot dran hencket“ Fiſchart Geſchichtklitterung 1582 Gg2a (1594 Bl. 247, 1600 Bl. 247a, 1608 Gga). Rotzkäber msc., der Fiſch cottus gobio, welcher mit Schleim über⸗ zogen iſt. Er findet ſich in den meiſten Bächen, heißt aber gewöhnlich Kaul⸗ kopf (d. i. Kugelkopf) ganz wie die Froſchlarve; nur in Schmalkalden, wo er (in der Schmalkalde) ſich ſehr häufig findet und eine beliebte Speiſe bildet, führt er den Namen Rotzköber. Reinwald 2, 105. Vgl. Kulle. Rotzmaul, übliches Schimpfwort, beſonders für ungezogene vordring⸗ liche Kinder. Im 14. 15. Jarhundert war dieſe Bezeichnung Familienname einer ſehr angeſehenen Patricierfamilie in Treyſa bei Ziegenhain, aus welcher u. a. einer, Johann Rotzmaul, um 1430 Abt des Prämonſtratenſerkloſters Cappel (am Spieß) war. Nach der Hand hat dieſe, wol ſchon ihrer früheren Stellung nach dem Adelſtande nahe ſtehende, dann in den Adelſtand gelangte Familie ihren Namen Rotzmaul in Rotsmann verändert. Es iſt dieſer Name eines der zal⸗ reichen, auch durch andere heſſiſche Namen zu erhärtenden Beiſpiele, daß ſcheltende Bezeichnungen unbefangen als Familiennamen gebraucht und beibehalten wurden. Rotzlöffel, gleichfalls ein ſehr übliches Schimpfwort, welches noch beſtimter, als Rotzmaul, auf Kinder ſich zu beſchränken pflegt. Den Sinn dieſer Schimpfworte erläutert ſehr anſchaulich Salomo und Morolf (v. d. Hagen Heldenbuch 1, 45): in allſolicher maſſe ſo lag ir naſe, droff ir in den munt. Rotznase, ein ausſchließlich Kindern geltendes, oft aber auch nur (wie von Goethe) ſcherzweiſe gebrauchtes Scheltwort, beſonders ganz kleine, eben zum Laufen gelangte Kinder bezeichnend. Rücheln msc. und neutr., Kamiſol der männlichen Kleidung im ſäch⸗ ſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. rochelen, suppellicium in einem Vocabularius rerum, Hſ. des 15. Ih. Hoffmann horae belg. 7, 32. Friſch 2, 124. Brem. WB. 3, 509, wo dieſes Wort als Deminutiv von Rock (rockelin), wie es auch bei Kilian erſcheint, erklärt wird; von dem Volke wird jedoch dieſe Deminution, jetzt wenigſtens, durchaus nicht mehr verſtanden. Hoffmann Theophilus S. 74. Rucht fem., Gerücht, zumal übles Gerücht, Ruf, übler Ruf. „Die Alten (Eltern und Großeltern der Inquiſitin) hetten die Rucht gehabt, daß ſie getten zaubern können“. Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657. Auch jetzt noch zimnr heinlich üblich, zumal im öſtlichen Heſſen. Gerüicht neutr., Lärm. „rüffen vnd blaſen mit Poſaunen, machen ein ſchröcklich gerücht, wenn ſie truncken werden“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch, Frankfurt 1567 fol. 2, 53b). „fuhren zu Lande, wolten Beute halten; da war ein Gerüchte und Glockenſchlag von Bauren, daß der Räuber Edel und Unedel etwa 10 gegriffen wurden“ Theophil Seibert, Pfr. zu Asbach, in ſeiner Chronik v. 1679 (z. J. 1531, Thomas von Roſenberg betr.). Schmeller 3, 18. (Ob aber nicht trotz Schmellers, allerdings ſehr nahe liegender, Vermutung, daß dieſes Wort zu geruohhan gehöre, dennoch vielleicht eine niederdeutſche Form von geruoſti, clamor (Diut. 1, 280) anzunehmen iſt, wie ſacht ſt. ſanft, Nichte ſt. Nifte, Lachter ſt. Klafter, beſchwichtigen ſt. beſchwiftigen?) In der heutigen heſſiſchen Volksſprache iſt mir das Wort nicht vorgekommen. Ruddel — Runkunkel. 333 Ruddel msc., gemeines Gerücht, lautbar gewordene Unthot, gemeines Geſchrei; „als es nun alſo im Ruddel vnd in der Sage gangen“ Oberheſſiſche Criminalacten von 1593, und öfter. Das Wort ſoll noch jetzt in Oberheſſen hin und wieder im Gange ſein. ruhen. Der niederheſſiſche Dialect hat in dieſem Zeitworte das alte w beibehalten: rüwen, rauwen; nicht conſtant aber in dem Subſtantivum, welches Rau, nur hin und wieder Ragwe. lautet. Im ſächſiſchen und weſtfäliſfchen Heſſen ungebräuchlich ſ. resten. Der übliche Gruß eines im Felde Vorübergehenden an einen Sitzenden oder Liegenden beſteht in der Frage: Iſt die Rau gut? Ruckert msc., die männliche Taube, der Tauber; von ſeinem Laute ſo genannt. Mittelheſſen, neben Tubhorn üblich. Rumpelstilz, Rumpelstilzchen. In dem Märchen No. 55 der Kinder⸗ und Hausmnärchen der Brüder Grimm (1, 133) wird der Name des Erdmännchens, um welchen das Märchen ſich drehet, als Rumpelstilz, und dieſer als aus Heſſen ſtammend angegeben. Daß dieſer Name ein wirklich gebräuchlicher geweſen, iſt aus Fiſcharts Gargantua, wo unter den Spielen „Rumpele ſtilt oder der Poppart“ aufgeführt wird, bekannt, und die Grimm berufen ſich auch im 3. Theil der Märchen zu No. 55 auf Fiſchart. Vgl. Grimm d. Myth. S. 473. Aus welcher Gegend Heſſens jedoch ſie dieſen Namen erhalten haben, ſagen ſie nicht; mir iſt es bis auf dieſen Tag ſo wenig wie andern, auf meine Anregung eifrig nachforſchenden Perſonen gelungen, den Gebrauch dieſes Namens in Heſſen zu entdecken, obgleich bis jetzt das betreffende Märchen lebendig iſt. Vgl. Perlebiis. 7,1. Rumpf msc., hölzernes Gemäß für Getreide; auch wol große hölzerne Schüßel (Rumpfſchüßel). Velten Schloßer zu Wetter quittiert 4. Juni 1575 über 2 n 23 alb „von deswegen dz ich in m. gn. F. u. H. Fruchthaus Wetter vier ſtück an meſten Rumpff bei meinem eiſen beſchlagen habe, nemlich 2 meſten koſt jcer beſchlagt ein gulden, Item ein halbe meſten beſchlagen koſt ein halben gulden, vnd ein vierttel koſt der beſchlagk zehen alb.“ „Der Teufel ſeſſe im groſſen Rump“ ſagt Enichen Schnabel aus Betziesdorf vom Hexentanz 1673 aus. Gebräuchlich iſt das Wort noch am meiſten in der Compoſition Salz⸗ rumpf, die Eſtor S. 1418 ohne Erklärung aufführt: das in der Küche zur Auf⸗ bewahrung des Salzes gebräuchliche Gefäß; auch die auf den Tiſch geſetzten kleinen Salzgefäße (Salzfäßchen) heißen in Oberheſſen Salzrümpfchen. Heſſiſche Familiennamen ſind: Kornrumpf (Retterode); Schülrumpf (Rumpf für die Korn⸗ ſchütte; Haungrund, Imshauſen und anderwärts). Das Wort iſt im Ausſterben begriffen. Runke kem., auch Runken msc., großes Stück Brod. Allgemein üblich, anderwärts (Schmidt weſterw. Id. S. 158) Ranke. Reinwald 1, 130. Runkunkel fem. (geſprochen mit dem Hochtone auf der zweiten Silbe) ein durch ganz Deutſchland gehendes auch in Heſſen ſehr übliches Schmach⸗ wort für alte, häßlich gewordene, zuſammengeſchrumpfte Weiber, meiſt jedoch in halbem Scherze gebraucht. „Manche alte Runckgunckel kommt in das Wirths⸗ hauß, ſiehet etwan den Mann bey einer halb Wein ſitzen, da bleckt ſie die Zähn wie ein biſſiger Ketten Hund“ Abraham a Sancta Clara Gehab dich wol. Nürnberg 1729 S. 363. Richey S. 219. Strodtmann S. 373. Brem. 20B. 3, 559. Schmeller 3, 559. Schambach Gött. Jd. S. 177. Die 334 Rüepel — ruspern. Schreibung bei Abraham a S. Cl. ſcheint auf die Ableitung von runken, cor⸗ rugare, einſchrumpfen und Kunkel hinzuweiſen. Meiſt wird dem Worte das Adjectivum alt beigegeben. Rüepel msc., ein grober, ungeſchlachter Menſch. Vorzugsweiſe in Niederheſſen gebräuchlich. Urſprünglich iſt dieſes Wort die deminutive Abkürzung von Ruodperaht, Ruprecht, welche ſonſt in Heſſen als Familienname Ruppel, Rüppel, lautet, und bleibt die Vermutung gerechtfertigt, es habe dieſes Wort Rüepel ſeine üble Bedeutung von dem „Knecht Ruptecht“ bekommen, welcher auch außer der Nikolai⸗ und Weihnachtszeit, in den Scherzſpielen (Komödien) älterer Zeit eine Rolle ſpielte. Daß Vornamen zur Bezeichnung übler Eigen⸗ ſchaften dienen, iſt bekannt: „langſame Trine, ſaule Grete“; Stoffel, Herme u. dgl. Schmeller 3, 118. Schottel Haubtſpr. S. 1390. So auch W. Wackernagel in Pfeiffers Germania 5, 353. rupfen, geſprochen roppen, wird ſehr gewöhnlich reflexiv: sich roppen, für ſich thätlich zanken, gebraucht; ragken iſt in dieſem Sinne ungebräuchlich. In Niederheſſen wird rupken auch vom Ausraufen des Flachſes gebraucht, während dafür in Ziegenhain und Oberheſſen raufen (räuſen) üblich iſt. verrupft, zerzauſt, unordentlich gekleidet, lumpig; „was ſieht der ſo verrupft (verropt) aus! ruppig, in gleicher Bedeutung wie verrupft, indes auch von Thieren gebraucht: „ein ruppiges Kalb“, „ein ruppiger Gaul“ d. h. mager, übel aus⸗ ſehend, ſchlecht gehalten. rüren, den Acker zum zweitenmal pflügen. Der Hofmann in Stedebach ſoll die Länderei zu rechter Zeit mit Fleiß „lentzen, brachen, ruhren, düngen“ Leihebrief vom Jahr 1661 in Lennep Leihe zu 2SR. Cod. prob. S. 129. — Allgemein gebräuchlich. Es' iſt dieß Wort kein anderes, als ahd. heuorian, movere, nur ohne Umlaut; in der gewöhnlichen Bedeutung wird rüeren bei uns réren geſprochen, wogegen in Baiern nur die eine Form rüeren vorhanden iſt. Schmelter 3, 123. Rüre fem., das zweite Umackern. Außerdem aber muß Rüre ein Fechterausdruck geweſen ſein. Georg Wizel ſagt in ſeiner Poſtill (1539. fol. Bl. 133a): „Ein loſer Fechter iſt es, der nur die lufft ſchlegt, Nein, treffen ſol er, vnd dem widerfechter ein rure vber die andern geben“. Iſt wol = Anrührung, Treff, Schlag. Dieſe Bedeutung von Rure finde ich nirgends. In der Bedeutung dysenteria war Rür bis über den Anfang dieſes Jar⸗ hunderts im Volke bei uns nicht üblich; die Krankheit hieß das Rote (scil. das rote Scheißen). Nech jetzt hört man dieſe Bezeichnung, wie ſie ſchon bei Alberus vorkommt: „Dysenteria, das blut, das rot“ Diet. Bl. Eeiſa.†. 3 1.1 ruspern. „es ruspert ein wenig“; „es hat die Nacht ein bischen gerusperi“ d. h. es iſt ein leichter, den weichen Erdboden, den Kot, Schnee, nur auf der Oberfläche ein wenig anhärtender Froſt eingefallen. Im Lippiſchen rispein Frommann Mundarten 6, 367. rusperig, vom Erdboden, von der Oberfläche des Schnees, wenn derſelbe durch einen leichten Froſt rauh und ſcharf geworden iſt. Nur in Niederheſſen üblich, in Oberheſſen und ſonſt unverſtändlich; für dieſelbe Erſcheinung gilt in Oberheſſen schrébehen, im Fuldaiſchen schrähen, beide von schro gebildet (. d.). Rute — Sack. 335 Das Wort iſt ſehr alt; in Gloſſen des 9. Jarhunderts zu Virgils Aeneide (10, 711) wird inhorruit uper setas durch giruspit überſetzt. Schmeller 3, 142. Rute fem., ehedem ſpeciſiſches Attribut des den Pflug führenden Acker⸗ manns, im Gegenſatz gegen den die Pferde mit der Geiſel treibenden Ente. So, ganz ähnlich wie in Weſtfalen, in den Statuta Eschenwegensia aus dem 15. Jarhundert (herausgeg. von Röſtell Univ. Progr. v. 1854 S. 5): wenn eine genotzüchtigte Frauensperſon um Hülfe ſchreit, ſo ſind alle, welche den Hülferuf vernehmen, zur Folge verpflichtet: dy ackerman met der ruthen, dy enke met der geisselen und sollen plug und phert lossen sten, desgleichen der Hirt mit ſeiner Keule und ſeinem krummen Stabe, und ſoll das Vieh laßen ſtehn. Vgl. Enke. Iſt ſonſt gegenwärtig nicht volksüblich; ſtatt Rute faſt durchgängig Gerte. Rutsche, Rotsche, Rölsche fem. 1) ſteiniger und ſteiler Abhang, an welchem man hinabrutſcht. Sehr häufig als Appellativum und auch als Eigen⸗ name von Feld⸗ und Wald⸗ (vielmehr Buſch⸗) Plätzen; nicht ſelten auch in der Zuſammenſetzung Steinrulsche. „ein rotsche ein swinde gehe“ (d. i. gaehe); „die rotschen ube vf einen stein“; Eliſabethleben, Diutiska 1, 390. 2) Gleitebahn (Glanerbahn, Schube) auf dem Eis. Obergrafſchaft Hanau. Vgl. Rischwej. „Steinrutſcher“ werden ſpottweiſe die Bewohner des Dorfes Nieder⸗ möllrich beſonders von den Einwohnern von Wabern, genannt, weil Nieder⸗ möllrich am Fuße eines ſteinigen ſteilen Abhangs liegt. Dafür geben ſie denen von Wabern die Bezeichnung „Rölinge“ zurück. S. Roeling.?. S. sabbern, den Speichel aus dem Munde laufen laßen, wie zahnloſe Kinder und Greiſe thun. Vorzüglich in Oberheſſen gebräuchlich, während in Niederheſſen lieber mit dem Umlaut sabbern oder noch, lieber seibern (ſ. d.) geſagt wird. Eſtor S. 1418. Siher. Sabder msc., der auslaufende Speichel. Eſtor S. 1418 Nis Sapper geſprochen bedeutet das Wort in Schmalkalden die ſich in den Abguß der Tabackspfeife ſammelnde Feuchtigkeit, ſonſt Sutter genannt. besabbern, besabbeln (sich), meiſt refleziv, ſich durch Geifer oder auch ſonſt verunreinigen. Eſtor S. 1418. Sack, ein im 16. und 17. Jarhundert übliches Schimpfwort gegen Frauensperſonen, in gleichem Range mit Kotze (ſ. d.), Maere (ſ. d.) und Hure. Daß die Bezeichnung Sack als Schimpfwort galt, ergibt ſich aus dem, allerdings ſparſamen, Vorkommen deſſelben in den Bußregiſtern aus der zweiten Hälfte des 16. Jarhunderts; daß es aber nur für ein gelindes Schimpfwort galt, ergibt ſich aus den geringen Strafen (5 Albus), mit welchen, wenn die Sache anhängig wurde, dieſe Schimpfrede belegt zu werden pflegte; nicht ſelten ſcheint unter den in den Bußregiſtern ſehr oft vorkommenden „vnleidlichen Worten“, mit denen eine Frauensperſon angegriffen worden zu ſein behauptete, eben dieſe Schimpfrede gemeint geweſen zu ſein. Daß dieſelbe auch ſcherzhaft angewendet werden konnte, gleich dem Wort Maere, beweiſt der unter Maere angeführte Beleg aus Luther, außerdem aber auch die bei Melander Jocoseria 336 Ansacken — sammer. (Lich 1604 S. 764 No. 707) erzälte Anekdote: der bekannte derbe Profeſſor Caſpar Rodolphi in Marburg ſieht der Auffürung einer Komödie zu, und einige Mädchen lehnen ſich im Gedränge der Zuſchauer derb auf ihn; da ſagt er: „wann ich wolte Säcke tragen, wolte ich mich in eine Müle verdingen“. Vgl. Richey S. 222. Heut zu Tage iſt die Anwendung dieſes Scheltwortes faſt gänzlich erloſchen. ansacken, hart anfahren, barſch und ungeſtäm anreden, ein im Schmalkaldiſchen üblicher Ausdruck, iſt wol aus dieſem ſchmähenden Gebrauche des Wortes Sack noch übrig geblieben. sacken, aufsachen, das ausgedroſchene Getreide auf der Dreſchtenne einmeßen, in Säcke füllen und ſo zum Aufſchütten auf dem Getreideboden fertig machen. Auch ſagt man wol einsacken. Üebrigens wird aufsachen auch meta⸗ phoriſch gebraucht: „Läuſe aufſacken“ iſt die gewöhnliche Bezeichnung des Em⸗ pfangens dieſes Ungeziefers von Andern: „Junge, wo magſt du denn die Läuſe aufgeſackt haben? Die Formel „geſackt ſein“ in der Bedeutung „epicht“, welche Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1418 hat, will ſich nirgends finden laßen, auch verſtehe ich die⸗ ſelbe nicht, und möchte vermoten, daß dieſelbe auf irgend einem Misverſtänduis beruhen müße. Sal. Salch. Dieſes Wort (ahd. salha) iſt noch vorhanden in der auch gemeinhochdeutſch gewordenen Compoſition Salweide, aber auch in ziemlich zalreich vorhandenen Flurbenennungen: vor dem Sälchen (Laudenbach), im Salchen, Sahlen (Dens), auf dem Sälchen, Sählen, im Sähl (Rockenſüs) u. v. a. Vielleicht liegt dieſen Namen salchach (Salweidengebüſch) zum Grunde. Dem Buchſtahen nach gehört hierher auch Salchenmunster 1320 (jetzt Salmünſter, Stadt an der Kinzig), wenn nicht dieſer Name auf Salz, welches in nächſter Nähe (Soden) bereitet wurde, zu beziehen iſt. Salfett, die in Heſſen, beſonders in Niederheſſen, allgemein und einzig übliche Bezeichnung des Wallfiſchthrans. Die Bezeichnung iſt in Heſſen ſchen alt, ſ. Melander Jocoseria (Lich 1604 S. 763 No. 705): „wolte dem Hund das geſchlungene Saalfett mit gewalt wiederumb abnemen“, aber außerhalb Heſſens bis daher kaum zu entdecken geweſen. Die erſte Hälfte des Wortes iſt das uralte Wort Sal, See; Meer, wovon in Niederdeutſchland der Seehund Salhund und der Seehunds⸗ (und Wallfiſch⸗) Speck und Thran Salsmér heißt, welches letztere Wort ſich mit unſerm Salfeit direet berührt. S. Brem. WB. 4,583. Vgl. auch den Artikel: Fett. 4. 1ℳ0/ Salvéte fem., hier wie anderwärts die Entſtellung von Serviette; all⸗ gemein üblich.. Dieſe Form war ſchon im 17. Jarhundert vorhanden; ſo ver⸗ zeichnet ſie z. B. Schottel Haubtſpr. S. 1391. Sammelsurium neutr., Sammlung von allerhand geringfügigen, ſchlechten, widerwärtigen Dingen. Ein in dem Stande der ſ. g. Gelehrten und Halbgelehrten ehedem ſehr üblicher, jetzt im Abſterben begriffener Ausdruck. Das Wort komt ſchon bei Lauremberg Schertzgedichte S. 55 (Van Allemodiſcher Sprake) von dem Gemengſel der deutſchen und franzöſiſchen Wörter vor. sammer, sommer, eigentlich sam mir, eine im Mittelalter überall, ſo auch in Heſſen volksübliche Beteurungsformel. „Sommer unsse frauwe sent Elisabeth, das sol en das lant zu Hessen schaden“ läßt W. Gerſtenberger den Landgrafen Heinrich II. von Heſſen ſagen, als er ſich mit ſeinen Enkeln von Braunſchweig veruneinigt hatte; Schmincke Nopim. hass. 2, 186. Samwitzigkeit — Besat. 337 Samwitzigkeit, Geſamtbewuſtſein, Geſamteinſicht, Geſamtbeſchluß. Ein ſehr paſſendes, wiewol ſonſt kaum vorkommendes Wort für das ehedem und urſprünglich in derſelben Bedeutung allgemein gebräuchliche Wort Gewißen. „die mogen daz dar mede nach irem guldunken vnde ab vnde zu gange des wassirs geborlich halden ane geuerde alse sy daz uor Gode dem almechtigen vorantworten wullen vnde vif ore conscientien vnde samwitsekeit daz beuelen“. Urkunde der Fiſcherzunft von Epiphanias 1445. Sandhaas msc., ein Fehler beim Kegelſpiel, wenn die Kugel, ohne das Laufbret der Bahn zu berühren, auf dem Sande derſelben lauft. In Nürn⸗ berg iſt Sandhaas nach Schmeller 3, 264 ein Scheltwort, welches ſich vielleicht aus unſerm, der Natur der Sache entſprechenden Gebrauch des Wortes erklären ließe. Sanikel mse., die Gebirgspflanze Samicula europaea l., welche ſich auf den höheren Gebirgen in Heſſen nicht ſelten findet; ein beliebtes Arzneimittel des Landmanns für das Vieh, zuweilen auch für Menſchen, welches im Frühling vor der Blüte geſucht wird und einen weſentlichen Beſtandtheil des zu Himmelfart geſuchten „Getrüdigs“ bildet. In Baiern'(Schmeller 3, 251) ſoll Sanikel der Name von drei ſehr verſchiedenen Pflanzen ſein: Dentaria enneaphyllos L., Lathraea squamaria L. und Saxifraga rotundikolin. Ob misverſtändlich? Sapperment, eine der üblichſten Entſtellungen des zu einem Fluch⸗ worte misbrauchten Wortes sacramenlum; ohne Entſtellung, als „Sackerment“, wird es freilich auch als Fluchwort benutzt. Andere Verhüllungen des heiligen Wortes zu gleichem Zwecke ſind Sackerlot, Schlapperment, Schlapperbenk (ſo ſchon in Filidors Wittekinden 1665 Bl. K2b: „ich greiff beym Schlapperbenck zum Degen“), Schlapperleberwurst u. dgl.; die letzten drei Ausdrücke werden meiſt nur im Scherze gebraucht. Seit den franzöſiſchen Kriegen, beſonders während und ſeit der weſtſäliſchen Zwiſchenregierung wurde ſehr üblich der Fluch⸗ ausruf Sackernuntjé (sacre nom de Dieu), welcher ſchon um das Jahr 1830 nur noch ſelten gehört wurde, und jetzt, dreißig Jahre ſpäter, gänglich außer Uebung gekommen iſt. Sarock bei Emmerich Frankenberger Gewonheiten (Schmincke Monim. hass. 2, 698): „Allen kouffmanschatz, da eyner mit hanttiret, woln ge- want, lynen tuch, sarogk. Es iſt das entweder das componierte sar-rock, wie ſonſt sarwat, sartuch vorkommt (Friſch 2, 150a), oder das zerdehnte sark, sarg, sürge, heut zu Tage Serſche; nach der Stellung bei Emmerich nach Wollen⸗ gewand und Linnen ſcheint es auch hier gemiſchtes, aus Wolle und Leinen ver⸗ fertigtes Gewand zu bedeuten. Urſprünglich bedeuteten alle dieſe Wörter Kriegs⸗ gewand, was in sarwat noch deutlich erkennbar iſt. Besat fem. In der Schaumburger Policeiordnung, Rinteln 1717 S. 194 kommt folgende Stelle vor: „So viel aber die Junckern Leute, woran Wir nichts als die Landsfolge, Burgfeſt, Bauerwerck, Landſchatz oder dergleichen, ſie aber die Beſath haben, welche die Leibeigenſchaft, Schatz, Dienſte oder Mahlſchweine ſampt oder beſonders in ſich begreifft, belangen thut“ ꝛc. Es muß dieß Wort daſſelbe, mit wenig veränderter Form und Bedeutung das ſein, welches Brem. WB. 4, 763 — 765 als Sate aufgeführt wird. Während jedoch im Brem. WB. unter 4, „die Präſtation ſolcher Leiſtungen, welche die Ritter⸗ ſchaft zu gewähren hatte“ 'als Bedeutung von Sate angegeben wird, bezeichnet Besat nach Angabe jener Stelle der Schaumburger Policeiordnung vielmehr die⸗ Bilmar, Idiotikon. 22 338 Sattel — Saufen. jenigen Präſtationen, welche die Ritterſchaft zu empfangen hatte. Möglicher Weiſe kann Besat ſämtliche Ritterſchaftsrechte und Pflichten, wovon hier nür die Rechte erwähnt werden, bezeichnen. Sattel fem., längliches Ackerbeet, durch zwei zu beiden Seiten auf⸗ geworfene Furchen von den übrigen Satteln (Ackerbeeten) des Ackers abgetheilt. Dieſer Ausdruck iſt in Heſſen und Thüringen der völlig ausſchließlich herſchende, auch von alter Zeit her daſelbſt einheimiſch (vgl. Hoefer Auswahl von Urkunden, wo dieß Wort öſter begegnet). Bei Adelung, Schmeller u. A. fehlt das Wort. Dagegen hat es Reinwald 1, 131, ſcheint es aber nicht zu verſtehen, da er es bloß vom „Krautsacker“ gebraucht meint. Den niederdeutſchen Idiotiken (Brem. WB., Richey, Strodtmann) fehlt es wieder, gleich als ob es im Nieder⸗ deutſchen nicht gebräuchlich wäre; in den niederdeutſchen Gegenden Heſſens aber iſt es eben ſo, wie in den andern Gegenden des Landes, üblich. Sau fem., im Plural in manchen Gegenden (Hersfeld) Säuwe; im weſt⸗ fäliſchen Heſſen im Singular und Plural: Sügge. Das Wort iſt zwar auch im Munde des Volks zum epicoenum geworden, indes wiegt der Gebrauch von Sau für das weibliche Schwein noch immer vor, und das niederdeutſche Sügge wird faſt nur von dem weiblichen Schweine gebraucht. Vgl. Sog. Sauglocke ſ. Anioniusschwein. Sauhaut. „Der Jud muß auf die Sauhaut“ d. h. er muß ſchwören; eine ehedem übliche, jetzt wol erloſchene Redensart. Nach altem, im Schwaben⸗ der Eidesableiſtung auf eine Sauhaut geſtellt, und als dieſer Gebrauch allgemach obſolet wurde, pflegte derſelbe von der bäuerliehen Gegenpartei ſehr ernſthaft in Anſpruch genommen zu werden: „Herr Amtmann, der Jude muß auf die Sau⸗ haut, ſonſt gilt der Eid nichts“ hörte man noch in den dreißiger Jahren dieſes Jarhunderts in manchen Gerichtsſtuben. Sauschwanz, der Wirbelwind, welcher mit dieſem Worte ganz eigens als Schwanz des Teufels bezeichnet werden ſoll. In ganz Heſſen in dieſem Sinne gebräuchlich; wo für Schwanz Zael üblich iſt, ſagt man Sausael. Hinter dem Teufel liegt indes ohne Zweifel irgend ein alter Heidengott, vielleicht Phol. Vgl. Grimm d. Myth. (2) S. 599. Töngessau ſ. Anloniusschwein. Saufen neutr. und fem, die hochdeutſche Form des niederdeutſchen und in die gemeinhochdeutſche (Schrift⸗) Sprache übergegangenen Wortes Suppe. „Sagt, ſie zeugin hab einmahl ein ſauffen mit heiffen eſſen“. „Sagt, daßmals alß ſie die ſauffen mit hab helffen eſſen, da hab Philips nichts tödtliches ihres wiſſens bekommen“. Marb. Hexenproceſſacten von 1579. Bis gegen das Jahr 1830 hieß in Kaſſel und Umgegend der Morgentrunk (der noch jetzt in vielen Gegenden die Morgenſuppe genannt wird) das Suffen, und Sdpen neutr, heißt in der Diemelgegend noch jetzt die Buttermilchſuppe, als die Suppe xar' SFoxiv. Vgl. Seffe. Bekanntlich galt das Wort sdpon urſprünglich nicht, wie jetzt, von dem Schlucken der Flüßigkeit Seitens des Viehes, ſondern vorzugsweiſe von dem menſchlichen Trinken, dem allmäligen, abſetzenden, Einſchlürfen. sufſili sorbiliun- cula in den Mondſeer Gloſſen. Vgl. Schmeller 3, 204. Das Vort Suppe kommt indes ſchon zeitig vor; in L. Philipps Refor⸗ mation v. 18. Juli 1527 (Mbg. 1528. 4. Bl. Dija) heißt es, daß auf Hochzeiten Morgens vor dem Kirchgang (welcher gegen acht ühr zu Ende war) „kein Saugmutter — Schabel. 339 ſuppen gegoſſen oder vor eſſen gehalten werden ſolle“. Das „gießen“ iſt vermutlich ein alt feſtſtehender Ausdruck für das Auftragen und Vorlegen der flüßigen Speiſen. Sauigmutter, wie Säugamme (da Amme an ſich Mutter bedeutet ſ. Fiſchart Anmanung b. 65; Schmeller 1, 54), ehedem die gewöhnlichen Bezeichnungen der Ammen, bis und wo dieſes Wort ſeine urſprüngliche Bedeu⸗ tung verloren hatte. Ein Beleg „soghmoder“ aus einer Heſſiſchen Urkunde von 1444 iſt citiert Landau Ritterburgen 2, 256. Auch iſt Saugmutter (Sei⸗ mutter) verſchiedentlich der Name von Flurſtücken. Saul fem., Sauwel, Saubel (Hersfeld, Eſchwege), auch Seul (ſo hat Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1421, und es iſt in Oberheſſen ehedem zuverläßig dieſe Form eben ſo vorhanden geweſen, wie in Oberdeutſchland Schmeller 3, 181, wenn ſie auch gegenwärtig der Form Saul gänzlich gewichen zu ſein ſcheint), in den niederdeutſchen Gegenden Heſſens Sale, die Schuſterpfrieme, Ahle, welches letztere Wort in den meiſten Gegenden neben Saul, in Schmalkalden aber aus⸗ ſchließlich im Gebrauche iſt. Das Wort, ahd. siula, bedeutet Nähwerkzeug, von siuuan, nähen, wovon auch Schuochsuter, Schuhnäher, heut zu Tage Schuſter, abgeleitet iſt. Sause fem., Korb, welcher an Stricken aufgehängt wird und für die Kinder zur Wiege dient; desgleichen das auf ähnliche Weiſe conſtruirte Behältnis, welches die Fuhrleute unter den Frachtwagen anbringen. Fulda. sausen, süsen, durch Wiegen die Kinder einſchläfern. „Sie ſchlafen fein ſüß ohne ſauſen“. Iſ. Gilhauſen Grammatica 1597. S. 81. einsusen, einſchläfern; allgemein üblich. süse, der ſingende Ton, welchen man beim Einſchläfern der Kinder hören läßt, gewöhnlich in der Form süse kindehen suse“, und mit weitern meiſt will⸗ kürlichen Reimen begleitet. Das Wort iſt aus Luthers Lied „Vom Himmel hoch“ Str. 14, 3 als „Suſaninne“ bekannt, komt aber ſchon früher und nicht ſelten anderwärts vor, z. B. in einem heſſiſchen ungedruckten Weihnachtsſpiel aus dem Ende des 15. Jarhunderts: „ich wel es legen in die wiege und wel im singen Susse liebe ninne“. Dieſes sdse ninne süse (ſ. Adelung 4, 506) iſt identiſch mit sdse kindchen suse, denn ninna bedeutet (im Spaniſchen) Kind, kleines Kind. Vgl. Frommann deulsche Mundarten 5, 70. 6, 429. Vilmar Paſtoral⸗ theologiſche Blätter 10, 46 — 48. Sauvaͤt msc., oft auch vollſtändig Sawdukol, üblicher Name des Wirſing⸗ kohles in Hersfeld, wo „Wirſing“ nicht nur ungebräuchlich, ſondern faſt unver⸗ ſtändlich iſt; Savoyerkohl, brassica oleracea sabellica. schia, wird mir aus Schmalkalden als ein Provincialismus in der Be⸗ deutung von aber angegeben, nur daß scha ſtets der Anfang der Sätze bilde. Ich ſelbſt habe das Wort nicht gehört. schahbelieren, forischabbelieren, geſchäftig hin und her laufen, ſich eilig fortmachen: von jungen Mädchen und kleinen Kindern gebraucht. Schabél, Schawel, msc. Schatten. Im Fuldaiſchen und Hersſeldiſchen, an der obern Werra (Heringen), im Speſſart. Vorzüglich wird es von dem Schatten, welchen die Wolken und die Bäume werfen, gebraucht, weniger von dem lichtloſen Bilde einer von der Sonne beſchienenen Perſon. schabelich (-licht) ſchattig. Die verhältnismäßig richtigere Ausſprache dieſes Wortes iſt die fuldaiſche: Schawel, und dieß iſt eine Weiterbildung der auf dem Vogelsberg üblichen Form Sekauwe, Schatten, es schaubt, es gibt (macht) Schatten. Dieſes schauwe aber 22˙ 340 Schafkopf — Schalter. iſt nur eine vergröberte Ausſprache des ahd. scuwo bei Tatian (4, 18; 21, 12) und in den Keroniſchen Gloſſen, (Graff 6, 305), angelſ. scuva, welches ſich ſchon mhd. nicht mehr zu finden ſcheint. Vgl. Schwade. Schafkopf, eine in manchen Gegenden Heſſens, z. B. um den Knüll, wie am Böhmer Wald (Schmeller 3, 328) übliches Kartenſpiel, auch ſonſt ſchwarzer Peter genannt, in welchen der Kreuzbube immer weiter von einem Mitſpieler zum andern geſchoben wird; wer ihn zuletzt behält, nachdem alle vor⸗ handenen gleichen Paare von Karten abgeworfen ſind, iſt Schafkopf. Schack msc., die zumal in Niederheſſen ausſchließlich gebräuchliche Form des gemeinhochdeutſchen Femininums Schecke (buntes Pferd, weißbraun oder weißſchwarz). In Baiern (Schmeller 3, 318) ſpricht man zwar Scheck, indeſſen iſt dieſes Wort, wie in Heſſen, Masculinum. Schacker msc., ein böſer, bißiger Hund, und in ähnlichem Sinne, zuweilen halb ſcherzhaft, auch von Menſchen, zumal hinterhaltigen, tückiſchen Charakteren gebraucht, wie weiterhin im ganzen öſtlichen und nordöſtlichen Deutſchland; indes mehr in Niederheſſen als in Oberheſſen und im Fuldaiſchen üblich. Das Wort iſt die niederdeutſche Form des althochdeutſchen scahhari, latro, Schächer: Diut. 2, 22la schecre, latro. Schottel Haubtſpr. 1393 hat noch das Verbum schaeken in der engern Bedeutung rapere virginem. Das gemeinhochdeutſche Wort ſchäkern (dem Volke völlig unbekannt) mag etwa aus einer noch mehr verblichenen Bedeutung des Wortes Schaeker entſprungen ſein. schacl 1) wie das gemeinhochdeutſche ſchal: beſonders von der Milch, welche (im Sommer zumal) zuweilen nicht gerinnt und keinen Rahm anſetzt, zu⸗ gleich aber den Geſchmack verloren hat. Schmeller 3, 342, wo dieſe Form aus Aſchaffenburg angemerkt wird. 2) für ſchelch, ſchielend, auch einäugig; in letzterer Bedeutung iſt das Wort noch häufiger, als in der erſteren: „ein ſchaeles Auge“ iſt die übliche Bezeichnung für ein blindes, erloſchenes Auge. Bekanntlich iſt dieſe heſſiſch⸗ thüringiſche Form von ſchelch, mit der Schreibung ſcheel, durch Luthers Bibel⸗ überſetzung in der Formel „ſcheel ſehen“ — und weiter dann „Scheelſucht“ u. dgl. — gemeinhochdeutſch geworden. Vgl. schich. Schäle fem., noch jetzt hin und wieder (in Schwarzenfels in der Form Schalle) gebräuchlich für das gemeinhochdeutſche Schalter, Fenſterladen. „iij gulden xr alb. meyſter Salomon dem ſchreyner zu Hompurg vor 4 ſchalen vor die glaßfenſter in der vorderſten ſtüben“. „18 ſchaeln nägell womit dieſe ſchaeln angeſchlagen werden. Singliſer Vogteirechnung von 1563. Vgl. Weigand im Friedberger Intelligenzblatt 1845 No. 43 S. 172, welcher auch dieſes Wort schale auf schalle zurückführt, was bei schalle freilich ganz nahe liegt. Schallerei, ein Ei mit weicher, den Kalkſtoff der Schale noch nicht ausgebildet habender Schale. Obergrafſchaft Hanau. Schalmüszer (masc.? neutr ?), Scharmützel. „unde der krig lange zyt tag unde jare gewert hatte, unde manch gerenne, gerouffe unde schal- müszer gehaltin hattin. W. Gerſterberger bei Schmincke Monim. hass. 2, 481. Schalter fem., Fenſterladen, zumal diejenige Art, welche inwendig vor die Fenſter, zur Nachtzeit, geſetzt zu werden pflegt, jetzt aber faſt durchgängig außer Gebrauch gekommen iſt. Ohne Zweifel iſt Scheller (ſ. d.) eine Verderbnis des Wortes Schalter, hat jedoch auch das Genus geändert. Vgl. Schäle. 341 Erschamen — Schär. erschamen (sich), ſich tief ſchämen, ſich in ſein Herz ſchämen, ſich zu Tode ſchämen. Schmatkalden. Eins der wenigen guten Ueberbleibſel von Zeitwörtern welche mit er- zuſammengeſetzt ſind. Scan= (etwa auch Scam, in Verbindung mit Labialen), eine zur Zeit noch völlig dunkie Wurzel, welche in Heſſen in zwei, warſcheinlich in drei, jetzt nur noch als Eigennamen vorhandenen, Bezeichnungen von Waſſergerinnen exiſtiert. Scanfulda iſt der alte Name des obern Laufes der Fulda, bis derſelbe die heſſiſche Grenze erreicht, oder auch bis Löſchenrod, wo ſie die Fliede auf⸗ nimmt, jetzt nicht mehr mit dieſem Namen, ſondern meiſt kleine Fulda genannt, wiewol auch der alte Name in der Entſtellung Schönfulda fortgedauert haben ſoll bis in die neuere Zeit. Scanburne oder Scanenburnen, jetzt der Name eines Dorfes in der Nähe von Waldkappel, Schemmern; auch dieſer Name iſt auf Schönborn zurückge⸗ führt worden, mit einer Willkür, welcher die erſten Elemente der Sprachkenntnis abgehen. Förſtemann deutſche Ortsnamen S. 127 meint, es müße dieſes scan, scam; klein bedeutet haben; noch zur Zeit entbehrt jedoch dieſe, allerdings warſcheinliche, Mutmaßung der wünſchenswerten etymologiſchen Grundlage; seamm bedeutet allerdings breyis, aber es fragt ſich ſehr, ob scamm und unſer scan identiſch iſt. Hierher darf denn wol unbedenklich gerechnet werden die an verſchiedenen Orten vorkommende Bezeichnung kleiner Bäche (und ihrer Umgebung, als Flur⸗ name): Schambach; es wird dieß auch Scanpah geweſen ſein. schänden, noch jetzt üblich in der Bedeutung: jemanden eine Schande nachſagen, beſchimpfen, ſchimpfen. In der ältern Zeit in den Bußregiſtern äußerſt häuſig anzutreffen. Eigentümlich aber iſt die Reimformel schenden und blenden: „hette aus gemeinem geſchrey, von wem aber konte ſich nicht erinnern; als nuhrendt von jungſthin juſtificirten Eülgen Röledderin, ſo alhie zu Gießen ver⸗ brent worden, welche iederman vaſt geſchendet vnd geblendet hatte, aber mit ohn Wahrheit“. Marburger Hexenproceſſacten von 1634. blenden muß hier noch in der älteren Bedeutung: in Verwirrung bringen, genommen ſein. Die Formel ſoll noch in der neueren Zeit gehört worden ſein. ftr, Teree: Schank, Schànk msc., die in Heſſen ausſchließlich herſchende niederdeutſche Formel des Wortes Schrank. Schottel Haubtſpr. S. 1394. Schmeller 3, 372. Die Form Schank iſt alt, ob ſie aber ein eigenes, von Schrank verſchiedenes Wort iſt, wie Schmeller annimmt, und die Ausſchenkſtätte bezeichnet (Aufbewahrungsort für die zum Ausſchenken nötigen Geräte) muß dahin geſtellt bleiben. Schanze fem., flacher Korb, in Niederheſſen Wanne, im Hersfeldiſchen Kretz, in den niederderdeutſchen Bezirken Rispe genannl. Schwarzenfels, ander⸗ wärts unbekannt. Reinwald 1, 134. 2, 108. Schur fem., ſcheint Nomen proprium, iſt jedoch an ſich Appellativum. Schdr, Schärlund heißt das Grabeland, welches in den verlaßenen und jetzt völlig abgetragenen Feſtungsgräben von Ziegenhain und Gießen angelegt worden war; ja der um die Wälle und die Wallgräben angelegte Weg hieß Schär (Schör) wie das Eſtor 3, 1419 angibt: „Schoor, der weg zu Gieſen um dem äußern waſſer herum“, und der Wallgraben hieß Schargraben (wol gewis nicht identiſch mit dem baieriſchen Schargraben, Schmeller 3, 384). Auch anderwärts finden ſich Feldplätze, welche auf der Schar benannt werden. Es kann kaum ein Zweifel ſein, daß dieſes Wort das Umgegrabene bezeichnet, denn ſchoren bedeutet: das Land umgraben mit dem Spaten, in 342 Scharben — Schatz. Franken, Schmeller 3, 395, vgl. Schorgärtlein Friſch 2, 220: hortu⸗ parvus, qui fodiendo colitur; Schorfeld Schmeller ebdſ. Es berührt ſich mit⸗ hin unſer Wort ſowol mit scharen (ſ. d.) als mit Schorn (ſ. d.). scharben. Dieſes Wort iſt, trotz Adelung (3, 1360), in der Schrift⸗ ſprache nicht durchgedrungen, auch in Heſſen meines Wißens nur in den weſtlichen Bezirken von Oberheſſen in voller Uebung vom Kraut ſcharben d. h. Kraut⸗ köpfe zerſchneiden zu Krautſalat oder zum Einmachen als Sauerkraut (sür Mas). Eſtor 3, 1418. Brem. WB. 4, 611. Schmeller 3, 397. schàren, schören, bloß vom Tabak üblich: kauen; Tabak ſcharen, Tabak kauen. Schärtabak (Schört.), der in Rollen verkäufliche Kautabak. Schaerchen, nur in dieſer Deminutivform üblich, eine Portion Kautabak, ſo viel auf einmal in den Mund genommen wird; in Niederdeutſchland Prümmel, im Fuldaiſchen Prem genannt. Niederheſſen. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landest. 4, 88. Warſcheinlich iſt dieſes Wort kein anderes als das niederdeutſche schoren, lacerare, Schmeller 3. 395. J. Grimm Reinhart Fuchs S. 270, und würde ſich demnach einerſeits ganz nahe mit Schär (ſ. d.), anderer Seits auch mit Schorn (ſ. d.) berühren. Scharweide fem. oder Schaweide, Schawei fem., die Gleitebahn auf dem Eiſe. Die erſte und zweite Form ſind die Dialektsformen in Schmalkalden (Stadt und Land), die dritte die Fuldaiſche. Der Hochton liegt in dieſen Wörtern, wie in den abgeleiteten Verbis, ausnahmslos auf dem ei. scharweiden, schabeiten, schaweien, auf der Eisbahn gleiten — bekanntes großes Vergnügen der halbwüchſigen Kinder. Das Wort iſt, was Fulda betrifft, faſt auf die Stadt Fulda beſchränkt; außerhalb, auf dem Fuldaiſchen Lande, heißt dieſes Gleiten riten oder riden, und die Gleitebahn Ritschocke (Ridsch.), Ausdrücke, welche übrigens auch in der Stadt Fulda vorkommen. Vgl. Reidel. Reinwald 1, 133. 2, 108. scharwerken, Handdienſte leiſten (je nachdem einer in der Schar iſt, d. h. ihn die Reihe trifft), ein in älterer Zeit ſehr üblicher und bekannter Ausdruck, vgl. Schmeller 3, 381 —383. Auch in heſſiſchen Schriften älterer Zeit kommt derſelbe, wie überall, vor, war jedoch im Anfange dieſes Jarhunderts bereits völlig erloſchen, mit Ausnahme der Diemelgegend, wo bis zu der Zeit als die Handdienſte überhaupt aufhörten (1832) derſelbe gäng und gäbe blieb und auch jetzt noch verſtanden wird. schastern, eilfertig, unbeſonnen in etwas hineingehen, hineintappen; „du ſchaſterſt ſo hinein, als wenn du keine Augen hätteſt“; „du' biſt ein rechter Schaſterer“. Oberheſſen. Hier wird auch mitunter Schaſterbartel geſagt, was in Niederheſſen Schoßbartel lautet. schasterig, eilfertig, unruhig mit Unbeſonnenheit; von Kindern, jungen Thieren ꝛc. ſehr gewöhnlich gebraucht. Oberheſſen. Schatter msc., die weiche Maſſe, in welche das vermodernde Holz ſich bei völliger Vermoderung auflöſt. Im Haungrund. Bgl. Schotter mse. bei Schmeller 3, 417. Schatz' msc., der in Altheſſen allein und ausſchließlich herſchende Aus⸗ druck für Geliebter, Geliebte, Seſalsleuie, ein Liebespaar. Das Wort lieben Schauh — Scheffel. 343 iſt mit ſeinen Ableitungen bei dem Volke nur in obſcönem Sinne üblich, eben wie es im 13. —14. Jarhundert dem Worte minnen widerfaren iſt. Bgl. Schäumpfer. Schaub msc., im Plural Scheube, iſt 1) das zuſammengebundene Stroh, der Strohbündel, welcher zum Decken der Dächer verwendet wurde und hin und wieder noch jetzt verwendet wird. „Einhundert vnd zehn gebundt Decke ſcheube gemacht“. Rauſchenberger Rentereirechnung v. 21. Jan. 1555. „Einhundert vnd dreyzehen gebundt Scheube ſo vff die Maelmoele zu Langendorff verdeckt vnd gepraucht worden ſein“. Ebdſ. 16. Oet. 1556. Schmeller 3, 305. Die kleinen Strohbündel, welche man bis 1822 in Niederheſſen unter die Hohlziegeln zu legen pflegte, hießen dort nicht Schaub, Schäube, ſondern Fieder. Dagegen iſt Schaub in den niederdeutſchen Gegenden Heſſens noch für die⸗ jenigen Strohbündel im Gebrauch, welche aus den Strohſeilen (Widden, Lenſeln) beſtehen, die man zum Binden der Garben verwendet. 2) In Oberheſſen, beſonders in deſſen weſtlichem Theil, und nicht in allen Dörfern, iſt Schaub (auch Schob geſprochen, im Plural oft Schéwe) im Gegenſatz von Garbe oder Sichling, aber auch im Gegenſatz gegen Pauſch, ein Gebund Rauhfrucht, d. h. Erbſen, Linſen, Wicken u. dgl. Hin und wieder wird auch das Gebund Krummſtroh (Blitterſtroh) mit Schaub bezeichnet. Schaube, Schauwe fem., 1) Bündel Reiſer, wie ſie zu einer Rute, dem Züchtigungsinſtrument kleiner Kinder, zuſammen gebunden werden. 2) Notbrücke, was anderwärts Schwicke und Specke genannt wird; man meint mit dieſer Bezeichnung beſonders das auszudrücken, daß dieſer Steg ſich unter den Fußtritten der denſelben Beſchreitenden bewege. In beiden Bedeutungen nur im Haungrunde üblich; urſprünglich gewis nicht von dem vorhergehenden Schaub masc. verſchieden. Schäumpfer msc., Schäumpfere fem., Geliebter, Geliebte; Verlobter, Verlobte; Bräutigam, Braut. Im Schmalkaldiſchen die ausſchließlich übliche Bezeichnung — „Schatz“ iſt unbekannt, „Bräutigam“ und „Braut“ werden nur im Verkehr mit den geiſtlichen und weltlichen Behörden gebraucht. Das Wort iſt ohne allen Zweifel eine verderbte Ausſprache von Schimpfer, d. h. Scherzer, (wie denn auch Reinwald 1, 148 die Ausſprache Schömpfer! anmerkt, welche übrigens in Schmalkalden nicht Statt findet. schäumpfen, ſchön thun, verliebt thun (den Hof machen), obwol im Schmalkaldiſchen nicht häufig, indes doch nicht ganz ungebräuchlich, beweiſt hinlänglich die Richtigkeit der Annahme, es ſei schäumpfer = ſchimpfen. Rein⸗ wald 1, 147. X Lf A.e,rt, Schawelle lem, eigentlich scabellam, kleiner Schemel, Fußſchemel. Fußbänkchen, in welchem Sinne es jedoch in Heſſen nicht gebräuchlich iſt. Da⸗ gegen wird — oder wol eher: wurde — das Wort in den Mittelſtänden ſehr häufig zur ſcherzhaften Bezeichnung eines unruhigen, ſtets hin und herlaufenden kleinen Mädchens gebraucht: „du kleine Schawelle“; „das Linchen iſt aber ein recht arges Schawellchen“. Vgl. schabbelieren. Schawwesdeckel msc., ſchlechter Hut, verachtend; ein urſprünglich von Juden und Juden gegenüber gebrauchtes, auch anderwärts, wie hier, ſehr übliches Wort. Schmidt Weſterw. Id. S. 178. Scheifel msc., ein in Heſſen nicht beſonders übliches, wenn auch dem Namen nach bekanntes Getreidemaß, wenn es ja im Handel und Wandel einmal vorkam, die Hälfte eines Malters (Viertels, ſ. Malter) bedeutete. In alter 344 Scheib — Scheiszen. Zeit und in manchen Gegenden Heſſens war das Wort ohne Zweifel weit üblicher als heut zu Tage; z. B. duo modii ordei, quos vulgo scipelones appellare solemus in der Lippoldsberger Chronik vom Jahre 1151 bei Ledderhoſe Kleine Schriften 1, 212. In metaphoriſchem Sinne kommt das Wort öfter bei Joh. Ferrarius vor: „es ſoll gleicher Scheffel ſein“, d. h. es ſoll Gleichheit vor dem Geſetz, Unparteilichkeit, Statt finden; z. B. „Es ſal alhie der gleiche Scheffel gehen, vnd das verſchafft werden, das zu der gantzen gemeinen wolfart reichen mag“. Von dem gemeinen Nutz 1533. 4. Bl. 31b, und ſonſt. scheib (Niederheſſen), schepp (Oberheſſen), die ausſchließliche Form für ſchief. „Die Betzel ſteht ihm (ihr) ſcheib“ er (ſie) iſt übel gelaunt. „Er hat ſcheib geladen“, iſt betrunken, ſo daß er nicht gerade aus zu gehen vermag. „Scheiber (ſchepper) Kerl“, allgemeiner Verachtungsausdruck, ohne daß Ver⸗ wachſenheit oder ſonſtige körperliche Misbildung vorhanden oder gemeint zu ſein brauchte. Den in Frankfuit im Uebermaß gebräuchlichen Ausdruck „ſchepp Oos“ hört man im ſüdlichen Oberheſſen bis nach Marburg auch, doch iſt er hier nicht eigentlich zu Hauſe. Scheibes (ſchepp) Faß, Waſchbütte, von der ellip⸗ tiſchen Form, vorzüglich im weſtlichen Heſſen, ſo genannt. Vgl. Schmeller 3, 376. Eeschcid msc., was einem beſchieden, zugetheilt iſt; meines Bescheids, für meinen Anteil, für meinen Theil, ſo viel mich angeht, ſo viel ich weiß; eine wenigſtens bis in die zwanziger Jahre dieſes Jarhunderts in Niederheſſen ſehr übliche Redensart. In den ältern Verträgen, Rechnungen u. dgl. ſehr häufig z. B. „Vßgifft gelt den Vogten vor yr beſoldungen. v gulden Job Schrendeyſen ſeins beſchaits; v gulden Johan gerhartten ſeins beſchaits (Homberger Rechnungen 1544—1564). Zo Z. Sclaeier, Schemer fem. Becher. Ein jetzt untergegangenes Wort. 12 Als im Jahr 1574 der Kurfürſt von Mäinz, Daniel Brendel 'vvn Homburg, 7o die Stadt Fritzlar beſuchte, verehrte ihm dieſe Stadt „eine ſchone ſilberne vber⸗ gulte Scheurenn oder ein kopff genant“. Falckenheimer Städte und Stifter 1, 279. Das lange Zeit in der Vorſtadt von Hanau beſtandene Gaſthaus „zur goldenen Scheuer“ iſt jetzt eingegangen, und damit auch dort die letzte Reminiſcenz an dieſen Ausdruck erloſchen, wiewol freilich in den letzten zwanzig Jahren des Beſtehens dieſes Gaſthauſes deſſen Name ſchon ganz getroſt als „horreum aureum“ verſtanden wurde. Schmeller 3,392. Brem WB. 4, 614. (Luther hat übrigens Sir. 50, 10 nicht Schauer, wie ſpäter gedruckt wurde, ſondern Schewer geſchrieben). scheier, in der nächſtkommenden Nacht, wogegen heint nur die nächſt⸗ vergangene Nacht bedeutet. Oberheſſen. In den wiesen wäsen (wachſen) blumen, scheier wird mein schäizchen kommen, kommt es aber scheier nit, 7/4/ ist es auch mein schätzchen nit. Oberheſſiſcher Mädchenreim. Warſcheinlich nichts anders, als schier, scioro, wol zu unterſcheiden von schier, glänzend, lauter, unvermiſcht, w. ſ. scheiszen, wie überall in Deutſchland erepitum ventris edere und eacare, sch.. en wie ein Reiher, treffende, von der bekannten Natürlichkeit dieſes Vogels hergenommene und bisher ſehr übliche Redensart; da der Vogel aber, ehedem in Heſſen ungemein häufig, ſeit etwa 1830 von Jahr zu Jahr ſeltner geworden iſt und folglich faſt ganz unbekannt wird, dürfte dieſe Phraſe ſehr bald erlöſchen. Es wurde dieſelbe keinesweges für beſonders anſtößig gehalten: Schelfe — beschelten. 345 am Ende des vorigen Jarhunderts bediente ſich der im Jahr 1818 verſterbene Rector Nüchtern in Hersfeld derſelben in der Leichenparentation für ein Kind, um die bisherige Geſundheit des Kindes zu charakteriſiren. Sechzig Jahre früher bildete eine ähnliche Redensart; sch. wie die Jagdhunde, welche der Pfarrer Knabenſchuh in Harmutſachſen ſeinen Zuhörern als Beſchuldigung, indem ſie da⸗ durch ihn hinderten, weiter zu predigen, von der Kanzel entgegenwarf, zwar einen Anklagepunkt gegen dieſen ſchließlich abgeſetzten Pfarrer, aber einen unerheblichen. Sch... herl, übliches Compliment, welches auch in Heſſen wie in Frankfurt, dem Großherzog Karl Auguſt von Weimar Gelegenheit gegeben haben würde, Goethe darauf aufmerkſam zu machen, daß ſeine Gedichte (Götz) erfreulicher Weiſe im Volke Anerkennung und Geltung fänden. Uebrigens längſt durch Luthers „ernſte zornige Schrift“ berüchtigt gewordenes Scheltwort. Alugsch.., er, überkluger Kleinigkeitskrämer; ſehr üblich und noch jetzt nicht unbedingt anſtößig. Frunnensch... er, (Bornsch.), Schmachwort für die Bürger der Stadt Rotenburg. In den Schiss ireten' bei Jemanden; es mit Jemanden ſchwer verderben; gleichfalls nicht unbedingt anſtößig, wenn man ſich gleich oft, ſcheinbar delicater, ausdrückt: in den Dreck treten. lo, ein Seiliss/ alte (ja scheiz! sigfr. Helbling 4, 308) und übliche derbe Abweiſung, eben ſo: ich will dir elwas sch... en! Der ſprächrichtige Unterſchied, welcher anderwärts zwiſchen Scheise (crepius ventris) und Schisz (merda) gemacht wird, findet in Altheſſen nicht Stait. besch... en, im Sinne von betrügen, galt noch vor funfzig Jahre (um 1810) keinesweges für anſtößig, kaum für unanſtändig, eben ſo wenig wie die ſtudentiſchen Ausdrücke Verſchiß (Verruf) und Anſchiß (zollange Verwundung im Duell) für anſtößig gelten. Grimm d. W. 1, 1559— 1361. Manche hierher gehörige unſaubere und niedrigkomiſche, aber wirklich komiſche Ausdrücke und Formeln ſind in den letzten vierzig bis funfzig Jahren abgeſtorben, wie z. B. das freilich höchſt unſaubere aber auch höchſt komiſche Monodrama: das Sch. ßwürzelchen, in welchem durch Vermittlung dieſes Würzelchens ein Liebender die Geliebte zur Gattin gewinnt. Vgl. Schmeller 3, 406 —407. Schelfe lem., Schale, Rinde. Iſt nur im Schmalkaldiſchen üblich, wenn auch an der obern Werra hin und wieder gebräuchlich. Reinwald 1, 135. Schelle lem, ſehr üblicher Ausdruck, um die Hautblaſen zu bezeichnen, pon welchen das Wort Blaſe dem Volke durchaus nicht geläuſig iſt. „Das Kind hatte ſich ſo verbrannt, daß der ganze Arm nur eine Schelle war“. Bei den ſogenannten wilden Blattern wird der Körper voll Schellen. Scheller msc. (wol nur eine verderbte Ausſprache des Wortes Schalier, indes zugleich mit verändertem Genus), Riegel. An der Schwalm heißt jeder Riegel Scheller, und das Wort Riegel iſt, wenn auch nicht unbekannt, doch ungebräuchlich (vgl. das Schwälmerlied Nr. 3: hingerm Schloss o hingerm Scheller), 2 ½. in der Obergrafſchaft Hanau aber iſt die Bezeichnung Scheller nur einem Theile des Pfluges verblieben, nämlich dem Nagel (durchgeſteckten Riegel) welcher das Gezög der Zitter (Pflugdeichſel) an das Widerſcheit, durch welches derſelbe durchgeſteckt wird, befeſtigt. beschelten, ſchimpflich beſchuldigen. Gemeinhochdeutſch nur noch im Partieip des Compoſitums: unbeſcholten vorhanden, auch im Volke ſchwerlich 346 Schemel — Schepperling. noch üblich, ehedem aber ſehr gewöhnlich; in den Bußregiſtern, Injurienproceſſen u. dergl. aus dem 16. Jarhundert bis zum Ende des 17. Jarhunderts erſcheint das Wort äußerſt häufig, z. B. „1 fl wird geſtraft Volpert Mengell zu Omenaw, das er Rohts Jacoben beſcholten, er habe einen baum vor eine grieben gegeben. ¼ fl wird geſtraft Nielauß Wagners fraw von Stertzhauſen, daß ſie Happelhens fraw da beſcholten, ihr man habe ihr“ u. ſ. w. Wetterer Bußregiſter von 1591. Schemel msc., 1) Stuhl mit hölzernen Sitzbret und (in älterer Zeit drei, in neuerer Zeit vier) divergierend, geſpreizt, geſtellten Beinen; ſeltner für Fußbank gebraucht; ſo in ganz Heſſen. Gewöhnlich wird Schemmel, Schimmel geſprochen, und ſchymmel ſchreibt ſogar Joh. Ferrarius von dem gemeinen Nutz 1533. 4. regelmäßig. 2) in einem Theile von Oberheſſen (Amt Treis an der Lumbde) der Pflugteil, welcher ſonſt auch Aftertrach und Boß genannt wird: der Klotz, auf welchem der Pflugbaum ruhet.⸗. /P, ä.. e. 3) „Meiſter Hanßen dem decker von/4 Schemel vf der Scheurn zu Decken geben 10 alb“. Singliſer Vogteirechnung von 1599. Was iſt dieß? Schenkasche fem., Schenkung, zumal wenn das Widerrechtliche, oder wenigſtens das Auffallende der Schenkung bezeichnet werden ſoll. Dieſe franzöſiſche Endung (age) iſt nicht bloß in den Mittelſtänden üblich, ſondern auch dem Volke ziemlich geläufg; ich finde Schenkäsche zuerſt 1665 in Filidors vermeintem Printz S. 51. scheppeln, aufscheppeln, kränzen. Romaniſches Wort, aus chapeau, chapel, entſtanden, und in Heſſen vorzugsweiſe in dem Gebirgstheile der Graf⸗ ſchaft Ziegenhain uͤblich, doch auch ſonſt in dieſer Gegend bekannt, und in Ober⸗ heſſen nicht ganz fremd, wenn auch unüblich. Außerhalb Heſſens findet es ſich am Main und Rhein, in der Schweiz und in Weſtfalen. Völlig unbekannt iſt es in Niederheſſen. Es bezeichnet dieſes Wort das Durchflechten des Haares mit rotem Band und künſtlichen Blumen, wobei die Mütze (Betzel) abgelegt wird, was der Ehrenſchmuck der jungfräulichen Bräute bei der Trauung und am Hochzeittage, ſo wie der jungfräulichen Gevatterinnen bei Kindtaufen, desgleichen ihrer jungfräulichen Begleiterinnen (Scheppelmägde, Züchtmägde ſ. d.) iſt. Auf das Recht, ſich aufſcheppeln zu dürfen, und ſomit auf die Ehre unbefleckter Jungfräulichkeit, wird jetzt noch ein ſehr hoher Wert gelegt. Schapel, Scheppel, msc., Name des ſo eben bezeichneten Kopſaufſatzes; doch iſt derſelbe weniger üblich, als das Verbum. Formel der Bezeugung ehrlicher Geburt: „Alß bezeugen wir bey den Eydten vnd pflichten, daß gedachte Cathorina von Redtlichen, Ehrlichen vnd frommen Eltern, benandtlichen Reneken polman vnd deſſen Haußfraw Enneke geboren, welche beyde Eheleute lediges Stands zuſahmen geheuratet, vnd in Jungfrawlicher Zierdt mit ſchapell vnd banden, Chriſtlicher Ordnung nach offent⸗ lichen zu Kirchen vnd Straßen gegangen“ (Zeugnis des von Oeynhanſiſchen Gerichts zu Grevenburg im Paderbörniſchen vom 13. November 1677 für die Ehefrau des Schullehrers Wolf zu Betziesdorf, Katharina geb. Polmann aus Sommerſiel). Wgl. Schnatz, Bünderwerk, aufsetzen. Schepperling mse. iſt der neben Kauschel (ſ. d.) übliche Name des unter Kauschel beſchriebenen Kartoffelgebäckes; mehr gebräuchlich in denjenigen Dörfern, welche nicht im Hochgebirge des hohen Lohrs und Kellers, ſondern im ſüdlichen Hügellande liegen (Schönau, Giiſerberg). Scherbe — scherkeln. 347 Scherbe(?), Schirm (²) fem., Schirn (?) fem. Dieſer oberheſſiſche Ausdruck, über deſſen Vorhandenſein und Bedeutung kein Zweifel beſteht, wird von den „Gebildeten“ geſprochen Scherbe, auch im Sinne von testa verſtanden; die Ausſprache des Volkes ſelbſt aber iſt Schirm oder Schirn, ſo daß die Etymologie jedenfalls, zumal wenn man die Bedeutung mit in Anſchlag bringt, rätſelhaft bleibt. Es bedeutet dieſes Wort Geſichtszüͤge, Geſichtsbildung, und wird am häufigſten in Beziehung auf die Familienähnlichkeit gebraucht: „der hat gerade eine Schirm wie ſein Vetter“; „du gehörſt gewis dem N. N., ich kannt' dich gleich an der Schirm“; — aber mitunter auch in allgemeinerem Sinn, zumal bei den „Gebildeten“: „der hat eine teufliſche Scherbe“; „den Vogel kennt man an der Scherbe“. scheren. Land scheren in Urkunden des 14. —15. Jarhunderts be⸗ deutet: die Aecker die man beſäet hat, auch abernten. In einem Pachtbriefe über ein Gütchen von Wetter vom Jahr 1383, welches auf ſechs Jahre an Kunz Keßler und deſſen Ehefrau vom Kloſter Caldern ausgethan wird, iſt die Beſtim⸗ mung getroffen, daß wenn der Ehemann innerhalb der ſechs Jahre ſtürbe, und die Witwe das Gut nicht beſorgen könne, das Gut Seitens des Kloſters ander⸗ weit verliehen werden ſolle, „also bescheidenlich, dos sie (die Witwe) Landt schere vmb iren verschienen poicht als sie das zu der zeit befruchtiget hette“. Und ſo öfter, nur kürzer, in andern Urkunden. In Ditmarſen iſt scheren das Vieh die Weide abfreßen laßen, Richey 422 und daraus Brem. WB. 4, 640. Scherf msc. Dieſe kleinſte unter allen Münzen findet ſich in Heſſen öfter erwähnt im 15. Jarhundert, namentlich erſcheint ſie in den Statuta Echen- wegensia (herausgeg. von Röſtell 1854. 4.) S. 2 u. a. O., wo die Buße für mehrere Rechtsverfarungen auf dry scherf vnd eyn phunt beſtimt wird. Welchen Wert ſie in Heſſen gehabt habe, iſt aus den mir zugänglichen Stellen nicht mit Beſtimtheit zu erſehen, doch ſcheint dieſelbe nur einen kleinen Bruchtheil eines heutigen Kreuzers (etwa einen halben Heller) betragen zu haben. Matheſius bezeichnet den Scherf als „Egeriſchen Heller“. Schon im 16. Jarhundert iſt mir Scherf nicht mehr begegnet, doch mag er auch damals noch im gemeinen Leben üblich geweſen ſein. S. Adelung 3, 1424. schergen; ſchieben, fortſchieben, fortſtoßen, mit dem Nebenbegriff einer bedeutenderen Anſtrengung; das alte scurgan, alſo richtiger schürgen, wie denn auch in Niederheſſen, wo ſtets u in i ſehlerhaft verwandelt wird, oft schirgen geſprochen wird. Am üblichſten iſt schergen von der Arbeit der unter einem Joch gehenden Ochſenpaare, welche Anſpannart im weſtlichen Heſſen (im öſtlichen nur auf den Oekonomiehöfen) üblich iſt. Im weſtlichen Heſſen ſchergen die Stiere oder Kühe, während im öſtlichen die Ochſen dinſen, weil ſie dort, unter einem Joch vereinigt, mit der Kraft der Halsmuskeln das Joch, mithin die Deichſel und den Wagen (Pflug) fortſchieben, hier, jeder an einem beſondern Joche, vermittelſt des (dort fehlenden) Silſcheites und der an demſelben ſo wie an dem Joche befeſtigten Zugſtricke mit der ganzen Kraft des Körpers die Wage und ſomit den Wagen fortziehen. Begreiflicher Weiſe iſt deshalb auch im weſt⸗ lichen Heſſen auch von „Zugvieh“, von „Zugochſen“ nicht die Rede — man würde dieſe Wörter gar nicht verſtehen — ſondern nur von Schergochſen (Schergſtieren) und Schergkühen. Reinwald 1, 148. scherkeln, ein, wie mir mitgetheilt wird, denn ich habe bis jetzt den Ausdruck noch nicht ſelbſt gehört, an der Schwalm üblicher Ausdruck, welcher 348 Scheune — Beschichsmänner. dem eppen gleichgelten ſoll, alſo: ſich verletzt fühlen oder des ctwas bedeuten müßte. Scheune (geſpr. Schinn) im weſtlichen, Scheuer (geſpr. Schier) im öſtlichen Heſſen ſind die einzigen in Altheſſen vorhandenen Bezeichnungen des Aufbewahrungsortes des eingefahrenen Getreides, des Strohes und Heues. Stadel u. dgl. ſind unverſtändliche Worte. Zehntscheuer, Scheuer in welche die Zehnten eingefahren und gedroſchen wurden; jetzt theils abgebrochen, theils ihren Pachthöfen don den ehemals Zehnt⸗ berechtigten zugewieſen. Scheuernthor: „ein Maul wie ein Scheuernthor“. Schibbe (Schiwwe), Scheble (Scheuwe), Schüwe, fem., Flachs⸗ abſchabſel, Splint des Flachſes, welcher bei dem Schwingen und Hecheln abfällt, auch festuca überhaupt, z. B. die Hautabſchabſel unter den Kopfhaaren u. dgl. schuwe, unter Lehm und Kalk zu mengen, in einer Waldauer Rechnung von 1486. Eſtor deutſche Rechtsgelahrtheit 1, 643 (§. 1599) ſchreibt ſchäbe und bezeichnet das Wort richtig als Synonym von sgen, an (ſ. d.). „Zehen Moth Schieb Ahen jdes Möth fur zwen Alb. habe ich vndenbenantin zu verbawung meines Gn. Fürſten vnd Herns Schornſtein alhier vfm Schloß verkaufft“. Quittung der Rentmeiſters⸗Witwe Anna von Weitershauſen zu Rauſchenberg vom 30. December 1609. schere, siuppa. Hoffmann horae belg. 7, 33. Schottel Haubtſpr. S. 1395. Schmeller 3, 306. Gewöhnlich wird das Wort pluraliſch gebraucht: Schibben, Schebben. Schibbel fem., Deminutiv von Scheibe: Aepfelschibbel, dünne Aepfel⸗ ſcheiben. Im Haungrund am üblichſten, aber auch anderwärts nicht ungebräuchlich. Schibber fem., Splitter; „ich habe mir eine Schibber in den Finger geſtoßen“; in dieſem Sinne, einen kleinen Splitter, allgemein üblich. In Ober⸗ heſſen aber heißen auch die zum Küchengebrauche angefertigten Holzſplitter Schibbern, während dieſelben in Niederheſſen, beſonders im öſtlichen, Klibbern genannt werden. Eſtor 3, 1418. schibbern v. reflex. u. neulr., ſich ſchibbern, ſich in kleine Splitter auflöſen; ungleich gewachſenes Holz „ſchibbert“ oder „ſchibbert ſich“ trotz dem daß es ſcheinbar glatt gehobelt iſt; trocken werdender Hautausſchlag „ſchibbert“, „ſchibbert ſich ab“; u. dgl. Es ſind die niederdeutſchen Formen des hochdeutſchen Schiefer, schiefern. schich adj. u. adv., ſchielend; ein ſchiches Auge; er guckt ſchich. Oberheſſen, beſonders in deſſen ſüdlichen Theilen. Im übrigen Heſſen wird ſchielend meiſt nur durch schel ausgedrückt, was in Oberheſſen nur einäugig bedeutet. Vgl. Schmeller 3, 339, wo schieh, aber in ganz andern Bedeutungen, aufgeführt wird. Schicmen nennt man im nördlichen Heſſen die Iris (Jris pseudaeorus) und den Kalmus (Acorus calamus); die Wurzeln des Kalmus heißen Schiemen⸗ köpfe, die Jrisblumen Schiemenblumen. schicken, in älterer Zeit mit dem Genitiv in dem Sinne des heutigen beſchicken mit dem Accuſativ: eine Sache beſorgen, verwalten. „Die heiligen⸗ meister vnd vormunde adir wer des zu schigken hait“ Ungedr. Urkunde des Gr. Johann von Ziegenhain v. Donnerstag vor Pfingſten 1443; und öfter. Beschichsmänner. Wenn eine Perſon von einer andern etwas 349 Schickern — schinden. Nachteiliges geſagt hatte oder geſagt haben follte, ſo wurden von der letzteren zwei „geſtandene“ Männer an erſtere abgeſchickt, um dieſelbe zu beſprachen (ſ. d.). Dieſe Männer nannte man Beſchicksmänner. Hiermit wurde, wie leicht ein⸗ zuſehen, nicht nur das widerwärtige Stadt⸗ und Dorfgeklatſch abgeſchnitten, ſondern auch den im 17. Jarhundert höchſt gefährlichen Beſchuldigungen der Hexerei der Boden entzogen. Konnte ein Beſchuldigter nachweiſen, daß er wegen einer Beſchuldigung Beſchicksmänner an den Beſchuldiger abgeſandt, und der letztere ſeine Beſchuldigung vor dieſen Männern nicht feſtgehalken hatie, ſo galt die Beſchuldigung vor Gericht für völlig irrelevant. Es finden ſich von dieſer rühmlichen Sitte in den Acten der Infurien⸗ und Hexenproceſſe des 17. Jar⸗ hunderts, beſonders in Oberheſſen, zalreiche Zeugniſſe. schickern (sich) ſich zurückhaltend benehmen, ſich „menagieren“. „Schicker dich!“ ſei anſtändig, halt an dich. Fritzlar und Umgegend. schicks adv., ſchräg; eine Furche ſchicks durch den Acker ziehen. Ober⸗ heſſen, beſonders an der untern Lahn üblich. Vgl. schich. geschickt, artig, den Kindern gegenüber gebräuchlich, faſt nur in den Hanauiſchen Gegenden und in dem ſüdlicheren Theil von Oberheſſen in voller Uebung. Das Wort artig iſt nirgends voltsüblich, ſondern wird durch concrete Bezeichnungen, in der Regel wenigſtens, erſetzt: ſtill, fromm, u. dgl.; der ver⸗ hältnismäßig allgemeinſte Ausdruck iſt hübſch (d. i. höfiſch). schilchen, ſchielen. Dieſe ältere und richtigere Form des ſchrift⸗ deutſchen Wortes iſt in ganz Heſſen die ſaſt ausſchließlich übliche, wie in Baiern (Schmeller 3, 352) und anderwärts. Schin fem. Schienbein. In älterer Zeit üblicher als jetzt, wo es mit Ausnahme der nördlichen Theile von Niederheſſen nur noch ſelten gehört wird. „Er dürft dich tretten für die ſchin, Das dirs Maul kem vber die Kin“. G. Nigrinus von Bruder Johan Naſen Eſel (o. O. u. J. 4.) Bl. A2a. Brem. WB. 4, 684. schindaas, Schindleich, Schindlnder. Dieſe Worte werden in Heſſen als ganz gleichbedeutende Schimpfwörter gebraucht; Sehindleich iſt üblicher in Niederheſſen als in Oberheſſen. „Du aas, du ſchindaas, du magſt wol in der hell ſitzen, Marburger Hexenproceſſacten von 1658. „an vnflätigen Orthen, als ſchindleichen“ Des Füternden (Ldgr. Hermanns) Ueberſetzung von Torquemada Hexaemereon 1652. 8. S. 449. Sicherlich iſt unſer Schindleich keine Verkehrung des alten scin-leih, portentum, monstrum (Grimm Gram. 2, 503). Schindluder mit jemanden ſpielen, eine Perſon verächtlich behandeln, als caput vile; hudeln. Sehr übliche Redensart. Ebedem war auch Schindhund ein übliches, jetzt nicht mehr im Gange befindliches Schimpfwort = Racker w. ſ. Es kommt dieß Wort in den Crimi⸗ nalacten des 17. Jarhunderts nicht ſelten vor, auch bei Phil. v. Sittewald Schergenteufel (1650) S. 28. schinden wird jetzt im eigentlichen und metaphoriſcher Bedeutung ganz wie gemeinhochdeutſch gebraucht. In heſſiſchen Rechnungen des 15. Jarhunderts aber kommt schiuden auch ſynetdochiſch für ſchlachten von dem Viehe vor, welchem die Haut abgezogen wird, alſo von Rindvieh, beſonders Kälbern, und Schafen. 1436 Waldau: dem schgnder, der dy schalfe schinte dy mertinsschaffe. 1486 350 Sehingubel — Schirr. ebendaſ.: von schlachten von vi swein; vor czuene kelber zu scinden. 1496 Borken: vor ij metzen sailczes etzliche schinde schoeffe laessen mit sailezen. 1475 Marburg: Inname von huden: vff der burgk im schindehuse verkaufft bijwesen des schindekoichs. Schingabel, ein Scheunengeräte: Zwieſel mit langem Stiele, um das halb ausgedroſchene Getreide Behufs völligen Ausdreſchens aufzuſchütteln und umzuwenden (zum Scheinen, zum Vorſchein zu bringen). Niederheſſen; im Ziegen⸗ hainiſchen und in Oberheſſen Schüttgabel. Schippe fem, eiferne Schaufel, im öſtlichen Heſſen auch für Grabſcheit, Spaten, gebräuchlich. Es iſt dieß die heſſiſche Ausſprache des niederdeutſchen Wortes Schuppe, Schüppe; „viij ſchuppen, vier hauwen, vj gabeln ꝛc.“ Rechnung des deutſchen Ordens zu Marburg von 1497. Schottel Haubtſpr. S. 1399. Brem. WB. 4, 715, wiewol in den eigens niederdeutſchen Gegenden Heſſens nichl Schüppe, Schuppe, ſondern Schüte der Name dieſes Inſtrumentes iſt. „Den nähme ich noch nicht auf die Sehippe“ Ausdruck der äußerſten Verachtung. schippen mit der Schaufel arbeiten: Dreck schippen, Kot wegſchaufeln, mit der Schippe bei Seite werfen. Schippel fem., Scholle; isschippel, Eisſcholle. Im Fuldaiſchen, auch anderwärts; „Scholle“ iſt durchaus unüblich im Volke. schippeln, schibbeln, wie es ſcheint, Frequentativ von schieben, und ſchwerlich richtiger schüppeln, fortrollen laßen; allgemein üblich, in Nieder⸗ und Oberheſſen mit der Tenuis, in der Obergrafſchaft Hanau mit der Media geſprochen. schir, eitel, bloß, lauter; schires Waszer, bloßes, lauteres (auch klares) Waßer. In Oberheſſen, wie auf dem Weſterwald. Schmidt weſterw. Id. S. 179, wo es jedoch, wie auch oft in Oberheſſen, hochdeutſch: ſcheier ausgeſprochen wird. In Baiern ausgeſtorben Schmeller 3, 390. Auch ſcheint das Wort nicht einmal in den niederdeutſchen Bezirken Heſſens mehr vorzukommen. Brem. WB. 4, 659 — 660. Schirn kem., in Heſſen das, was in Niederdeutſchland Scharren (Brem. W0B. 4, 691. Richey S. 241) in Oberdeutſchland Schranne heißt; öffentlicher Verkaufsplatz für Lebensmittel, Brod, Getreide, Fleiſch; in Heſſen jedoch nur für Fleiſch: Fleischschirn, Wildpreischirn. Die Form iſt ſchon aus alterer Zeit in Heſſen nachzuweiſen: „in Mölln, Backheuſſern, Fleiſchſchirn, Braw vnd Wirtzheuſſern“, Joh. Ferrarius von dem gemeinen Nutze. 1533. 4. Bl. 44b. Eben ſo Alberus: Schirrn, lanium; und ſchon eben ſo in der Limburger Chronik: Fleiſchſchirne. Die heſſiſche Form Schirn entwickelt ſich aus der Nebenform von Scharren: Scherren, welche bei Luther öfter vorkomt. Friſch 2, 164. Schirr. In einer Urkunde des Bürgers zu Marburg Konrad von Michilnbach und ſeiner ehelichen Wirtin Gerburg vom Jahr 1358 kommt folgende Traditionsformel vor: dis vorgenant güt wir auch in han vigebin vnd gebins auch vf mit dyesem briefe den obegenanten dem comthur vnd brüdern vnd irn nacbkommelingen zà wittelsberge in dem gerichte da inne dy vorgenanten gut gelegen sint, vor schultheizsin vnd vor schefſin in den rier schirrin an vffener strazse semmenliche mit hendin vnd mit munde ledecliche vnd genczliche vz ynsern henden inhende der vorgenanten des comthurs vnd brudere nach des landes recht vnd gewonheit. Geschirr — Schlage. 351 Geschirr, wie gemeinhochdeutſch, ſowol für den Zugapparat des Zug⸗ viehes wie für das thönerne Hausgeräte (irden Geschirr, eulern Geschirr). Schiff und Geschirr, alle zum Betreiben der Landwirtſchaft gehörigen Utenſilien: Wagen, Pflug, Egge, mit dem dazu gehörigen Anſpanngeſchirr. Aus dem Geschirr schlagen, ausarten, wie in Baiern (Schmeller 3,393) und anderwärts. Ins Geschirr schlogen, metonymiſch für zornig werden, auffahren, nach⸗ drücklich und heftig zufahren. Wunderliches Geschirr machen, ſeltſame, unverſtändliche Reden führen oder Handlungen vornehmen; eben ſo Bragur 3, 344. schiwes gehn, verloren gehen, drauf gehen, untergehen. Uebliche Formel, zumal in Niederheſſen ſehr gebräuchlich, wie auf dem Weſterwald (Schmidt weſterw. Id. S. 184). Schwerlich von ſchief abzuleiten, welches in Niederheſſen conſtant ſcheib, in Oberheſſen ſchepp lautet. schiahbern, 1) mit Geräuſch auflecken; der Hund ſchlabbert in⸗ dem er ſauft. 2) eilig und undeutlich ſprechen. Vgl. Brem. WB. 4,794 —795. beschlabbern, 1) reflexiv: ſich beſchlabbern, ſich beim Trinken oder Eßen durch fallen gelaßene Tropfen u. dgl. beſudeln; von kleinen Kindern gebraucht. 2) tranſitiv: „etwas beſchlabbern“, durch unvorſichtiges Sprechen eine gute Sache verderben, durch Rühmen eine im beſten Zuge befindliche Angelegen⸗ heit ins Stocken bringen — bekannter Aberglaube. In dieſem Sinne ſpricht man das Wort beschlappern aus. Dieſe niederdeuiſchen Wörter ſind im Ganzen mehr in den Mittelſtänden als im Volke, übrigens auch faſt nur in Niederheſſen, üblich. Schláde fem., Name von Feld⸗ und Waldplätzen, welcher mehrfach und mitunter mit adjectiviſchen Beſtimmungen vorkommt, die ihn als Appellativum erſcheinen laßen, z. B. „die grüne Schlade“ zwiſchen Quentel und Lichtenau, indes doch nicht mehr verſtanden, und folglich als Eigenname behandelt wird. Es findet ſich dieſe Bezeichnung noch z. B. bei Geismar A. Fritzlar („die Schlade am Eckerich“, „unter der Schlade“) und bei Geismar Amt Frankenberg („in der Schlade“) Zur Erklärung dieſes ohne Zweifel uralten Wortes bleibt nichts übrig, als die Beziehung auf das, nur einmal, in der aus dem 11.— 12. Jar⸗ hundert ſtammenden Geneſis (Diutiska 3, 46) vorkommende Wort slote (ob wirklich siöte? ſo Graff Sprachſch. 6, 792), auf welches ſich für das baieriſche Schlott bereits Schmeller 3, 46: berufen hat. Dann würde Schlade Schlamm, Sumpf bedeuten; das Genus ſtimmt überein, der Vocal aber weicht in nicht unbedenklicher Weiſe ab. Dagegen erſcheint der Vocal in dem angel⸗ ſächſiſchen släd (slaed, sled), welches Sumpf bedeutet, aber Neutrum iſt. Die Ortsbeſchaffenheit unſerer Schladen will nicht überall zu dieſer Bedeutung paſſen. Schlafittich, Schlafftch msc., anſtatt Schlagſitiich, ein durch ganz Deutſchland verbreitetes altes Wort, welches in Heſſen, wie in Nordfranken, im Hennebergiſchen und anderwärts faſt nur in der Redensart noch üblich iſt: „einen beim Schlaffittich kriegen“, ihn erwiſchen und feſthalten. An ſich bedeutet Schlag⸗ fittich die Schwungfedern des Flügels, mit denen der Vogel die Luft ſchlägt, indes iſt der Ausdruck von den Vögeln nicht mehr in Uebung. Richey ld. Hamb. S. 57, wo jedoch Schlolitije Femininum iſt. Schmidt Weſterw. Id. S. 185. Reinwald Henneb. Id. 1, 139. Schmeller 3, 444. Eſtor 3, 1420. Schiage fem., Holzſchlegel zum Holzſpalten, zum Eintreiben des Keils, gebraucht. In ganz Heſſen. Schlegel iſt nicht gebräuchlich. 352 Schlagen — Schlamassel. schlagen iſt vom Ochſenſchlachten als ſynekdochiſcher Ausdruck auch hier üblich, doch nicht in der Ausdehnung und Ausſchließlichkeit wie anderwärts; mehr üblich war er vermutlich in älterer Zeit, beſonders im 15. Jarhundert, wo er in Rechnungen öfter erſcheint, z. B. in einer Homberger Rechnung von 1416: ryndnosser geslaen. Schlagmann. Alte Bezeichnung des Schlagbaum⸗Wärters und Zollerhebers, wie ein ſolcher im 15. Jarhundert am Spieße in dem noch heute ſtehenden Thurme wohnte und des Schlages wartete. Zeitſchrift für heſſ. Ge⸗ ſchichte und Landeskunde 2, 161: „ltem drye phund von dem slagmane ulfe dem spesze“ 1413 u. 1416. Im Jahr 1451 heißt er „der tornhuder yff der Warthe ulf dem spisse“, und 1458 wird verzeichnet: „iiij phunt Ingenommen von deme slage an der Lanthwer zcu cappel“. (Aus Homberger Rechnungen). schlacken verb. impers., es schlackt, es fällt Regen und Schnee zu gleicher Zeit. Schlackerwetler, ſchneeiges und doch naßes Wetter, wenn Schnee mit Regen vermiſcht fällt. Sehr üblich, zumal in Niederheſſen. schlacherig, vom Wetter, trübes, naßes, Wetter, beſonders von der Zeit des Aufthauens des Winterfroſtes üblich. Eſtor 3, 1419. schlächern, in Niederheſſen gewöhnlich schlickern geſprochen, Fre⸗ quentativ von ſchlagen: mit Hefligkeit, raſch hinwerfen, hinſchleudern. Unbe⸗ fiederte Sperlinge werden geschläckert, hingeschlickert, um ſie zu tödten. Waßer und ſonſtige Flüßigkeiten werden geſchlickert, d. h. mit den Händen weggeſpritzt, weggeſchleudert; „ich bin ganz voll Dreck geſchlickert worden“ u. dgl. m. „Her⸗ mann Mentzler und Andere hätten Sie mit den Hahren aus dem Haus vor die thür uf das Pflaſter gezogen, elendiglich mit einem ſtock zerſchlagen, vnd ſie endtlich mit den Haaren herumb geſchläckert vnd uf das Pflaſter vor der Kellerthür nieder geworffen“. „H. M. hätte ſie mit den HahrZepffen genommen, herumb geſchläckert vnd uf das Pflaſter niedergeworffen“. Ausſagen Franken⸗ berger Bürger 8. Februar 1697. Vgi. Schmidt Weſterw. Id. S. 190, wo ſchlickern wie in Niederheſſen und genau in dem hieſigen Gebrauche angeführt wird. Schlagsal neutr., Oelſamen, welcher zum Auspreſſen des Oels (Schlagen) verwendet wird, der Same von Rübſamen. In Oberheſſen vorzugs⸗ weiſe gebräuchlich. „ltem wan sie (die Opferleute in Frankenberg) die fasten uffhencken, Sleszal zu bidden, unde zur Oisterkerlzin zu bidden, so pleget man en essen zu gebin“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten b. Schmincke Monim. hass. 2, 889. „Sundern was anders dar geoppert wirt, esz si flasz, weysze, wachs, unslet, slaszal, kleder, kleynod, golt, gelt“. Ebdſ. S. 692. Jol vff Martini inn S. f. gn. Rentherey Franckenberg Ein Malter eine Meſten Korn — — guter reiner dürrer Marckſchöner frucht, Eine halbe Meſten Schlagſal — lieffern vnd bezahlen“. Leihebrief von Wohra 1606 bei Lennep Leihe zu LSR. C. pr. S. 222. Schlamassel msc., 1) congeries, unordentliche Maſſe, zumal kleiner leicht untereinander zu mengender oder auch weicher, aneinanderklebender und ineinander fließender Dinge; dann auch Maſſe von Unrat, z. B. kommt aus einem Geſchwür „ein gewaltiger Schlamaſſel“. Warſcheinlich nur eine unorganiſche Weiterbildung des Wortes Schlamm. Sehr üblich, wie auf dem Weſterwald (Schmidt S. 185). Schlampe — schlecht. 353 2) verdrießlicher, verwickelter Zuſtand, unangenehmer, weit ausſehender Handel. Auch dieſe Bedeutung iſt hin und wieder üblich: „da bin ich in einen rechten Schlamaſſel gekommen“. Schmeller 3, 428. Es läßt ſich recht wol die erſte Bedeutung, hier zu Lande die weit üblichere, als die urſprüngliche betrachten und die zweite aus derſelben ableiten. Anders Schmeller 3, 448 und nach ihm Weigand im Oberheſſiſchen Intelligenzblatt 1846. No. 26, welche das Wort bloß in der zweiten Bedeutung kennen, und es von dem italieniſchen Worte schiamazzo (exclamatio, Geſchrei, Lärm) ableiten. Wenn indes Schlamaſſen, Schlamaſſel wirklich vorzugsweiſe in der Judenſprache bzw. Gaunerſprache vorgekommen iſt (was jetzt bei uns nicht mehr erkennbar iſt, auch nicht mehr Statt findet), wie dieß in Frommann Mund⸗ arten 1, 296 aus Anton und Stern nachgewieſen und 6, 221 wiederholt wird, ſo muß doch das Wort eine vox hybrida ſein, aus Schlamm oder ſchlimm und 1 entſtanden, und die obige zweite Bedeutung wäre dann die erſte, die erſte die abgeleitete. Schlampe fem., nachläßige, unordentliche Frauensperſon. In Heſſen überall, wie anderwärts, ziemlich üblich. Schmeller 3, 449 f. Eine derbere Bezeichnung deſſelben Sinnes iſt Schlumpe, faſt noch üblicher als Schlampe. Vgl. schlunse. rerschlampen, durch Nachläßigkeit zu Grunde gehen laßen; namentlich von Kleidungsſtücken gebraucht. Auch rerschlumpen. schlappe fem., Pantoffel; ſ. Toffel. Im Fuldaiſchen heißt der Pantoffel Schlepper msc. Eben ſo wie in Heſſen wird Schlappe auf dem Weſterwald gebraucht Schmidt weſterw. Id. S. 187. Vgl. Schluppe. schlaudern, in den niederdeutſchen Bezirken slüren, in tadelhaſter Weiſe müßig gehen, beſonders aber: mit ſeinem Vermögen nachläßig umgehen, daſſelbe durch Trägheit und Unachtſamkeit. zu Grunde gehen laßen. schlauderig, slürig (üblicher als das Verbum), nachläßig, verſchwenderiſch aus Trägheit. Daher die Bezeichnung Släraffe, Schlauderaffe, ein Menſch, der wie ein Affe nichts thut als hin und her ſpringen, ſich ſchlenkern, freßen und ſich kratzen (und wiederum daher das Schlauraffenland, Schlaraffenland, Schlaraffenleben). Als Familienname exiſtierte Schlauderaff lange Zeit in Marburg, und iſt derſelbe erſt vor wenig Jahren ausgeſtorben. Schlawitzer, Anname eines in Hanswurſtmanier dreißig Jahre lang (von 1833 bis 1863) in dem Striche zwiſchen Darmſtadt und Ziegenhain (Frankenberg) hauſierenden Kurzwaarenkrämers (eines ſehr wolhabenden Juden aus Rödelheim, Salomon Hirſch). Jetzt, nach ſeinem Tode, wird er, werden ſeine Späße, ſeine Waaren und wird die ſprichwörtliche Bezeichnung unverhältnis⸗ mäßig wolſeil losgeſchlagener Waaren „Schlawitzerwaaren“, bald vergeßen ſein. Bemerkenswert aber bleibt der Anname (den er ſich übrigens ſelbſt gab) an ſich: es bedeutet derſelbe Zwetſchenbrantewein (Sliwowitzer von dem ſlaviſchen sliwa, Schlehe, Zweiſche ſ. Schmeller 3, 433), und gibt aus der neueſten Zeit einen Beleg dafür, daß die Bezeichnung lächerlicher Perſönlichkeiten durch die Namen von Speiſen und Getränken dem Volke unmittelbar nahe liege, in Schlawitzer eben ſo wie in Hans Wurſt, Pickelhering, Jean Potage. schlecht, geſprochen schlecht, hat in der Volksſprache, zumal der oberheſſiſchen und ziegenhainiſchen Bauernſprache noch mehr von ſeiner urſprüng⸗ lichen Bedeutung (eben, gerade, ſchlicht ehrlich) eingebüßt, als in der Schrift⸗ ſprache; ein schlechter Kert iſt eins der allerſchlimmſten Schimpfwörter, wenigſtens Vilmar, Idiotikon. 23 354 Schleier — Schleifkanne. dem ſchriftdeutſchen „niederträchtig“ gleich, oder vielmehr daſſelbe noch überbietend; meiſtens verſteht man darunter einen Lügner, Betrüger und Dieb. Eben ſo wird, freilich ſeltſamer Weiſe schléchter Dinge, schléchterdings nur im übelſten Sinne gebraucht: „die Frau hat ſich ſchlechterdings aufgeführt“ iſt gleichbedeutend mit: ſie iſt eine Ehebrecherin, Hure. Daneben aber bedeutet schlécht auch verrückt, unſinnig, wahnſinnig, blödſinnig; beſonders wird von einem Blödſinnigen geſagt, er ſei schlecht. Auch von Epileptiſchen wird es gebraucht. unschlecht bedeutet an der Schwalm, im Amt Jesberg und weiterhin übel, vom körperlichen Befinden: „mir iſt ganz unſchlecht worden“, ich habe mich krank gefühlt. Möglich, daß dieſe Compoſition noch die alte Bedeutung von ſchlecht vorausſetzt, möglich aber auch, daß un (ſ. un-) eine verſtärkende Partikel wäre. Schleier msc., in Niederheſſen die aus Kattun verfertigte und gefältelte Mütze der Bäuerinnen und bis gegen das Jahr 1840 auch der Bürgerinnen in den kleineren Städten. Von der Form des Schleiers, welche im Mittelalter üblich war, iſt in dieſen niedern Ständen nur die Kopfbedeckung übrig geblieben, während die herabhangenden Enden, wie ſie uns aus den Holzſchnitten des 15. Jarhunderts entgegen treten (z. B. im Schatzbehalter 1491. fol. Fig. 65 u. a. O.), verloren gegangen ſind; in den höheren Ständen ſind die letztern allein noch vorhanden und tragen den Namen Schleier, dagegen iſt die Kopf⸗ bedeckung verloren gegangen. Die herabhängenden Enden wurden jedoch erſetzt durch zalreiche Bandſchleifen, welche hinten an die Kopfbedeckung angehängt werden, und ſind, den alten Formen ziemlich ähnlich, noch jetzt in der eigentümlichen Kopfbedeckung der Bewohnerinnen des ſ. g. heſſiſchen Hinterlandes (des weſtlichſten Theils von Oberheſſen) vorhanden. Am treueſten hatten die Formen des 15.—16. Jarhunderts, wie ſie in dem eben genannten Schatzbehalter (Fig. 13 u. a. O.), im Heldenbuch und ſonſt vorkommen, die Städte Hersfeld und Roten⸗ burg bis in die dreißiger Jahre dieſes Jarhunderts bewahrt. Auf dem Lande ſind die Schleier zum Theil (mit Ausnahme des Hersfeldiſchen) weit platter ge⸗ worden, und weichen in untergeordneten Einzelheiten nach den einzelnen Gegenden — Aemtern, Thalgründen u. ſ. w. — ja nach den einzelnen Dörfern von einander ab. In Oberheſſen und an der Schwalm, wo die Mützen ganz platt und ohne alle herabhängende Bänder ſind, mithin auch keine Schleierform vorhanden iſt, iſt das Wort Schleier unbekannt. Vgl. Karnette, Ziehbetzel. Schleif, Schlef msc., großer hölzerner Löffel; im ſächſiſchen Heſſen. Mitunter wird dieſes Wort auch als Scheltwort für einen trägen, unbeholfenen, ungezogenen Menſchen (= Schlingel, Flegel) gebraucht Brem. WB. 4, 819. Richey Hamb. Id. 260. schleif adj., langſam, träge. Schmalkalden. Schleife fem. Gleitebahn; nur hin und wieder, außer der Niedergraf⸗ ſchaft Hanau, wo es die regelmäßige Bezeichnung iſt, ſo wie schleifen für gleiten auf einer ſolchen Bahn. vgl. Scharrweide, glanern, schuben u. dgl. Schleifenhlauel ſ. Blauel. Schleifkanne, große Kanne von Holz, aus Dauben und Reifen beſtehend, mit einem Deckel verſehen und mehrere Maß (zu vier Schoppen) faßend. Aus derſelben wird in die Halben⸗Gläſer oder auch in die Gilpen, Löppen (ſ. d.) eingeſchenkt. Niederheſſen und Schwalm. Indes in dem nord⸗ weſtlichen Theile der Grafſchaft Ziegenhain und in dem angrenzenden Oberheſſen heißt dieß Gefäß nicht Schleifkanne, ſondern Raegekanne (ſ. d.). Schleiszen — Schlippe. Das obige Schleif (Löffel) muß daſſelbe Sprachelement ſein, welches in Schleifkanne erſcheint, und in irgend einer Weiſe hölzernes Geräte be⸗ zeichnen. Aber wie? schleiszen lautet in Heſſen, und ſchon ſeit alter Zeit schliessen, ja es conjugiert ſogar (wie auch Adelung 3, 1521 angibt) wie schlieszen: ich schlosz, geschloszen. „wer beyme sliesel“ (wer Bäume ſchält, anhaut) Weistum der Elbermarck von 1440 Grimm Weist. 3, 321. Heutiges Tages iſt es ſaſt nur üblich von Federn: Federn ſchließen, d. h. die Fahne von der Rippe abſtreifen; geſchloßene Federn. schlemkern, in ſchwingende und zwar unregelmäßig ſchwingende (zuckend ſchwingende) Bewegung ſetzen: „die Beine ſchlenkern“ ſchlotterig gehen, aber auch mit den Füßen baumeln; „die Arme ſchlenkern“ oder „mit den A. ſchlenkern“ unſtäte, ſchleudernde Bewegungen mit den Armen machen, die Arme beim Gehen gleich den Füßen, wie ein Thier die Vorderfüße, bewegen, gleich als ob man mit den Armen auch gienge. „Schlenkerbein“ Spottwort für einen Menſchen, welcher die Beine ſchleudernd bewegt. 4, 822. Schmidt weſterw. Id. S. 189. Schmeller 3, 453. Brem. WB. schlenzen, schlenzieren, müßig herumgehen, meiſt noch dazu in ver⸗ nachläßigter Kleidung. Schmeller 3, 454. Hin und wieder üblich. S. schlunzen. Schlette, Schlatte fem., großer Mund, zumal mit vorſtehenden, auf⸗ geworfenen Lippen; Schimpfwort für Mund überhaupt. In ganz Heſſen, jedoch vorzugsweiſe in Niederheſſen üblich. schlichten, nur als Kunſtwort der Leinweber bekannt, welche mit der von ihnen zubereiteten Schlichte die Webfaden gefügig machen. In Beziehung auf Streitigkeiten, welche geſchlichtet werden, iſt das Wort gänzlich unüblich, in den meiſten Gegenden ſogar völlig unverſtändlich. Schlier msc., aber auch Schliere fem., beide mit der Pluralform Schlieren, Skrophel, auch blindes Geſchwür, Balggeſchwulſt und dergleichen. Nördliches Niederheſſen; zumal in Kaſſel ſehr üblich, anderwärts unbekannt. Vgl. Schmeller 3, 457. In der Bedeutung Lehm, Schlamm, welche Schlier anderwärts hat (Schmeller a. a. O.), kommt das Wort in Heſſen jetzt nicht mehr vor, muß aber ehedem hier auch vorhanden geweſen ſein, da ſich in den verſchiedenſten Gegenden Feldplätze (Gräben, kleine Rinnſale nebſt Umgegend) ſinden, welche Schlierbach heißen, auch ein an der Schwalm liegendes Dorf dieſen Namen führt — eine Bezeichnung, welche ſich kaum auf etwas anderes, als auf Schlamm und Lehm zurückführen läßt. schlipp werden, gerinnen, ſauer werden, von der Milch. Schlippmilch, ſaure Milch, dicke Milch. In der Obergrafſchaft Hanau üblich, im übrigen Heſſen unbekannt. Schlippe fem., Schlippen msc., letzteres üblicher, der Rockſchoß, der untere Theil des Frackes oder Oberrockes (vgl. Adelung unter Schlipp, welches Zipfel am Kleide bedeuten ſoll). Allgemein üblich. Redensarten: „einem die (den) Schlippen abreißen“, ihn mit Gewalt halten wollen, zum Bleiben nötigen; „ich hab ihm gerade keinen Schlippen abgerißen“, ich habe ihn nicht beſonders zum Dableiben genötigt, er war mir ziemlich läſtig und ich war froh, daß er gieng. Wann ſchon die Haſen mit dem hauffen Wölln mir in meine ſchlippen laufen. Iſ. Gilhauſen Grammatien. 23 * 355 356 Schlipper — schlosien. 1597. S. 74. „Ein Prediger ſoll tragen vnd haben die Bibel in des Mantels Schlippen vnd in des Mundes Lippen, haben die Alten geſagt“. M. H. Braun Labia sacerdotis. 1615. Bl. Ba. schlipper mse, Zulegemeßer ohne Feder, wie dieſelben ehedem in Schmalkalden verfertigt wurden, und auf dem Lande in Heſſen beſonders in den ärmeren Klaſſen und für Kinder äußerſt üblich waren; auch wol für ein feder⸗ lahmes Meßer gebräuchlich. Im weſtlichen Heſſen vorzüglich üblich; im öſtlichen Heſſen ſagt man lieber Aniff (ſ. d.). Geschlitter, auch Geschlutler, neutr., weiche ſchleimige Maſſe. „Die materia welche er iederzeit ausgeſpigen, hett einem Froſchgeſchlitter vnd leimichten materien gleich ausgeſehen“; „Geſchlitter wie froſchlaich“ Marburger Hexen⸗ proceſſacten von 1657. „were etwas von ihr geſchoſſen, das were geweſen ein geſchlutter wie fleiſch, dieſes hette ſie in den Kehrdreck gekehret“ Ausſage einer Kindsmörterin 1680. Allgemein üblich. Schlitting, Schlittinger, Schlutting, kommt in den Rentereirechnungen, namentlich aber in den Bußregiſtern, von Wetter aus den Jahren 1576— 160] ſehr häufig als Bezeichnung von Perſonen, und zwar von fremden, durchreiſenden Perſonen vor. „Ein Schlittinger hat etzliche Pflanzen zu vnderſt Asphe aus⸗ geraufft“ 1583; „N. N. (in Amenau) hat drey ſchlittingern etzliche frucht wider verpott verkauft“ 1591; hierzu gehört das 1576 regiſtrirte Verbot, an kölniſche Unterthanen Korn zu verkaufen, ſo wie die Notiz aus einem der nächſt⸗ folgenden Jahre, daß eine gewiſſe Quantität Frucht von einem Schlitting ſei weggeführt worden; „ein colſch Schlutting“ wurde 1600 auf freier Straße bei'Niederasphe angegriffen und verwundet. Es ſcheinen dieſe „Schlittinger“ kölniſche Unterthanen geweſen zu ſein, deren Wanderung ſie regelmäßig durch den oberen Theil des Amtes Wetter führte; noch jetzt führt eine Flurſtrecke oberhalb Niederasphe die Bezeichnung „die kölniſchen Wege“. Ob aber die Bezeichnung Schlittinger daher rührt, daß dieſe Leute etwa Waaren auf Schlitten geführt haben, oder von ihrer Kleidung (Schlutlin Friſch 2, 203), oder woher ſonſt, läßt ſich zur Zeit nicht beſtimmen. schlorpfen, den Buchſtab R ſchnarrend, als Guttural, anſtatt als Liquida, ausſprechen, wie das die Bewohner der Stadt Schmalkalden, des Fleckens Ruhla und des Meiningiſchen Dorfes Steinbach thun, weshalb auch das letztgedachte Dorf zum Unterſchied von Steinbach⸗Hallenberg Schlorpf⸗ Steinbach genannt wird. Im Schmalkaldiſchen. Derſelbe Sprachfehler ſindet ſich, wenn auch nicht mit dem Worte ſchlorpfen, ſondern mit dem gemeinhochdeutſchen Worte ſchnarchen bezeichnet, auch ander⸗ wärts in Heſſen, namentlich in der Umgegend von Felsberg (Beuern u. a. O.) und Gudensberg (Werkel, Wehren u. a. O.). Hier ſpricht man dieſen Schnarchern ſpottweiſe, weil ſie des Schnarchens nie eingeſtändig ſein wollen, nach: ymin vater schnarcht, mine mutter schnarcht, mine brüder schnarchen, mine schwester schnarcht, nurst ich alléne ich schusrche gar nit“. schloszen, mit Schlamm, Lehm, Mörtel, Kalk zu thun haben, Kalk anſchmieren, tünchen. „Joſt Steindecker zu Wetter hat daß Dach vfm Herrn Hauß mit kalk geſchloſt“. Wetterer Rentereirechn. v. 1583. Es iſt dieß Wort eine zwiſchen ſchlötten (Schmeller 3, 461) und ſchlotzen (Ebdſ. S. 462), Wörtern welche gleiche Bedeutung mit schloszen haben, in der Mitte liegende Form; jetzt nicht mehr üblich. Schlöszweisz — Schlupfe. 357 schlöszweisz, ganz weiß, rein weiß. „Das Tuch (Leinwand) iſt ſchlößweiß gebleicht“; aber auch: „ſie hat ſich ſo erſchrocken daß ſie schlöszweisz im Geſicht geworden iſt“. Die Formen ſchlohweiß, ſchlotteweiß u. dgl., welche anderwärts vorkommen, ſind hier gänzlich unbekannt, um ſo mehr, als man die Vergleichung mit Schloßen, welche das Wort enthält, durchgängig noch ſehr wol verſteht. Unſer Wort kommt bei Geiler v. Keiſersberg vor, und iſt auf dem Weſterwald wie in Heſſen üblich; Schmidt Weſterw. Id. S. 194. Vgl. Schmeller 3, 461. Schlotte f., auch wol Schlutie geſprochen, das Zwiebelkraut, Schalotte, aus ascalonica (Allium ascalonicum L.), da die Zwiebel aus Askalon ſtammt, verderbt. Allgemein üblich, wie auch ſonſt in Deutſchland. Schmeller 3, 461. Schlotterfasz, das aus Holz gedrehete ſpindelförmige mit Waßer oder feuchtem Graſe gefüllte Gefäß, welches die Grasmäher an einem Gürtel auf dem Kreuze tragen, um den Wetzſtein darin zu bewahren und feucht zu erhalten. Ob von slote, limus, Diut. 3, 46; Schmeller 3, 4612 Oder von ſchlottern (weil der Wetzſtein im Schlotterfaß klappert) wie es gemeinhin verſtanden wird? schlühorken (ſchlauhorchen), die Heimlichkeiten Anderer auszu⸗ forſchen ſuchen; eine treffende, übrigens nur im weſtfäliſchen Heſſen übliche Be⸗ zeichnung. schldkspeck msc., gewöhnlich Seilulspecſt ausgeſprochen und durch dieſe Ausſprache unverſtändlich gemacht, bedeutet eigentlich einen Menſchen, welcher Speck ſchluckt, große Brocken ſchlingen kann, wie dieß auch das Brem. WB. 4, 846 angibt. In Heſſen aber, wo das Wort in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Bezirken üblich iſt, bedeutet es einen habſüchtigen Menſchen, deſſen Habſucht ſich in auffallender, gemeiner Weiſe äußert. Schlump mse., glücklicher, unerwarteter und unverdienter Zufall. All⸗ gemein üblich, wie in ganz Niederdeutſchland. Schottel Haubtſpr. S. 1402. Brem. WB. 4, 847. Adelung 3, 1545. schlumpsweise, durch einen glücklichen unerwarteten Zufall. Aeußerſt üblich. Das Wort erſcheint ſchon im 16. Jarhundert nicht ſelten, z. B. Winniſtede wider die Sacrilegos 1566. 4. Bl. 3a. Adelung a. a. O. schlunzen, in tadelhafter Weiſe müßig gehen, nachläßig gekleidet gehen, beſonders dem weiblichen Geſchlecht gegenüber gebraucht. rerschlunsen, 1) die Zeit unnütz, mit Müßiggang, verbringen. 2) Kleidungsſtücke nachläßig behandeln, verderben, verloren gehen laßen. Ueblicher und weit ſtärker tadelnd als das ſeltnere schlensen (ſ. d.). Schlunze fem., arbeitsſcheue, träge, unordentliche und unſaubere Frauensperſon, von ähnlichem Sinne wie Schlampe (ſ. d.), nur daß in Schlunze mehr der Müßiggang, in Schlampe mehr die Unordnung hervorgehoben erſcheint. Schlupfe fem., ſchmaler Weg zum Durchſchlüpfen für das Wild. „Wie das gewilde in den wäldern ſeine ſchlupffen, das viehe auf den heyden ſeine gänge, vnd die ameiſſen auf den ſteinen ihre ſpuren haben“. Ludwig Schröters Klag⸗ und Trauerrede auf L. Moritz ¾ 1532. (Monum. sepuler. 1638. S. 133). Bei Oberaula lag vor Zeiten ein Dörſchen slufft (1419), Sliffe (1462. 1467), welches von einer Wildſchlupfe ſeinen Namen entlehni haben mag; Grimm Weisth. 3, 333. 337. Obgleich daſſelbe ſchon im Jahr 1419 eine Wüſtung war, dauert doch der Name des Oertchens bis auf dieſen Tag in dem Namen des 358 Schluppe — Schmalthier. von Hauſen und Wahlshauſen ehedem dahin führenden Weges ſort: Schluppches⸗ weg, Schlippchesweg. Adelung 3, 1544 hat in der Bedeutung unſeres Wortes Schluff msc.; 3, 1536 Schlippe fem., und 3, 1544 das gemeinhochdeutſche Wort Schluft; ſodann 3, 1546 Schlupf msc. Schluppe fem., 1) Bandſchleife; allgemein üblich, beſonders in Niederheſſen, wo an die Mützen der Bäuerinnen Bänder mit Schleifen (Schluppen) angeheftet zu werden pflegen. Das gemeinhochdeutſche Wort Schleife iſt un⸗ bekannt, eben ſo das weſtfäliſch⸗niederrheiniſche Strick u. dgl. 2) Pantoffel, zumal der zum Pantoffel durch Niedertretung oder Ab⸗ ſchneidung der Kappe gemachte Schuh. Brem. WB. 4, 844, wo Slutfke ſteht. schluppen, schluppchen, ſchlürfend, wie in Schluppen, einhergehen. Es gilt dieſe Form für eine derbere, niedrigere Form des in gleicher Bedeutung üblichen Wortes Schlappe. Ldtsche (ſ. d.) iſt zwar verwandten, aber doch be⸗ ſtimt verſchiedenen Sinnes. Schlüppe fem., Riß in der Haut in Folge einer Verwundung: „ene Slüppe ſingers bret“; Breite der Wunde. Weſtfäliſches Heſſen. Strodtmann Id. Osnabr. S. 214 hat Slop in derſelben Bedeutung; daraus Brem. WB. 4, 840— 841. Schlüszel. Heſſiſche Rechtsformel: „einem den Schlüßel aufs Grab legen“, d. h. des Verſtorbenen Schulden nicht bezalen wollen. Eſtor t. Rechtsgel. 1, S. 1566. Noch jetzt iſt dieſe Formel bekannt und hin und wieder üblich. Schlutte fem., in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Diſtrikten Slate. Krug von cylindriſcher Form wie derſelbe z. B. für das Selterſer Waßer gebraucht wird; Fettſchlutte (Oelkrug; an der Diemel iſt Släte ſchlechtweg nur der Oelkrug), Eßigſchlutte (Estig sluten 1430 in Grebenſtein). Niederheſſen, ſonſt unbekannt. verschmahen war ehedem üblicher als heut zu Tage; z. B. ſagt 1657 eine angebliche Zauberin in Eſchwege: „wenn es euch nicht verſchmähen wolte, ſo wolte ich Schwager Sixtusn etwaß zu trincken geben und ihn ein bißgen ſchmieren“; heutiges Tages iſt es nur noch im Schmalkaldiſchen in ent⸗ ſtellter Form gebräuchlich: „es verschmüst mich“ (d. i. verschmäst, verschmähet), es verdrießt mich. Dagegen iſt allgemein, vorab in Niederheſſen und Ziegenhain, üblich das Wort verschmôhsam in der Bedeutung empfindlich, durch Kränkung gereizt, ſo daß man nunmehr von dem zur Begütigung Dargebotenen nichts an⸗ nehmen mag. Auch ſchmähen, Schmach iſt jetzt durchaus nicht mehr volksüblich, während dieſe Wörter in ältern heſſiſchen Verhörprotokollen, beſonders des 16. Jar⸗ hunderts, häufig erſcheinen; ſeltſamer Weiſe conjugiert ſchmähen faſt durch⸗ gängig ſtark: „das er den Landknecht — geſchmehen vnd geſcholten hat“ Wetterer Bußregiſter von 1591 und öfter. Vgl. Schmeller 3, 467 — 468. Schmakucke fem., meiſt pluraliſch: Schmakucken, leere Ausflucht, Intrigue. Allgemein gebräuchlich. Schmalthier, Rind; eine noch hin und wieder vorkommende Be⸗ zeichnung. Ueblicher iſt jetzt noch dehimalleder, Rindsleder. Schmand — schmitzlich. 359 Schmand msc., das in Heſſen (mit Ausſchluß von Schmalkalden) aus⸗ ſchließlich gebrauchte Wort für das gemeinhochdeutſche Rahm. smand, crema, in einem Vocabularius rerum des 15. Ih. Hoffmann horae beig. 7, 34. Metaphoriſch: der Schmand von einer Sache = das Beſte, der Hauptvorteil, der Löwenanteil; ſehr üblicher Gebrauch. Schmandgeſicht, Geſicht mit weichlichen Zügen, zarte und matte Phyſiognomie. Schmandmaul, Leckermaul. Schmandſauce. Schmandkuchen. Schmandenbrod (das -en wie in Muſenbrod). Es geht wie Schmand = es geht ganz leicht, geht vortrefflich von Statten; ſehr gewöhnlicher Vergleich, ſogar: „das Meßer ſchneidet wie Schmand“. Land (d. h. zubereiteter Erdboden) wie Schmand, übliche, beſonders in Melſungen und Umgegend geläufige Vergleichung. Schmnatter, Schmetter msc. (Schmadder), weicher Kot, beſonders Straßenkot. In Niederheſſen ſehr geläufige Bezeichnung. schmattern, schmettern, das Auseinanderſpritzen des weichen Kotes. In der gemeinhochdeutſchen Bedeutung iſt das Wort ſchmettern dem Volke gänzlich unbekannt. Schmatz msc., Kuſſ; das neben Maul am meiſten in Heſſen für Kuſſ übliche Wort; weit ſeltner Munds (ſ. d.). schmetzen, küſſen. „D. Cariſtadt hat ſich mit Fraw Vernunfft ge⸗ hertzt, vnd hat die auff der Canzel geſchmetzt“. M. Hermann Braun Labia sacerdotis. Gießen 1615. 4. Bl. Bb. schmeiszen, üblichſter Ausdruck in Heſſen 1) für ſchlagen, 2) für werfen im Sinne des Hinwerfens, Niederwerfens: „ſchmeiß das Stroh herunter“; „ſchmeiß den Schemel nicht ſo hin“. Schmetsche fem., die Grasmücke. Gudensberg, Felsberg, Fritzlar und Umgegend. schmieren, ſin Heſſen der ausſchließliche Ausdruck für ſchmeicheln, welches Wort dem Volke gänzlich unbekannt iſt. „Darnach habe Seibert Schnabels Tochter ſich wieder eingeſchmiert“ Marb. Hexenproceſſacten v. 1673. „Ich weiß wol, daß Sie auch alle Sonntage im ſchwarzen Frack zu N. N. gehen und bei ihm ſchmieren und lecken“ zornige und für Heſſen ſehr verhängnisvoll ge⸗ wordene Anrede an einen Stallmeiſter im Sommer des Jahrs 1837. Schmicke fem., die Spitze der Peitſchenſchnur, was niederheſſiſch Schmitz, im ſächſiſchen Heſſen Schwacke heißt. Obergrafſchaft Hanau. Schmitz msc., im öſtlichen Heſſen der von Zwirn geflochtene Anſatz an der ledernen Schnur der Peitſche (Fahrpeitſche, Fahrgiſchel, denn die Ackergiſchel hat in der Regel keinen Schmitz), welcher zum Klatſchen dient. An der Wal⸗ deckiſchen Grenze wird ſtatt Schmitz Schwacke ſem. oder Schwack masc. gebraucht, im weſtlichen Heſſen, Ziegenhain und Oberheſſen, hört man nur Fahrſchnur. Zwiſchen dem Schmitz und der Peitſchenſchnur wird die Verbindung durch ein ſtärkeres Zwirngeſlecht vermittelt, welches Beſchlag oder Schlag genannt wird Vgl. Schmicke. S. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. 2K. 4, 88—89. schmitzlich, ehrenrührig; ehedem hier wie anderwärts im Gebrauche, jetzt ausgeſtorben, indes doch erſt am Ende des vorigen Jarhunderts. In den altern Gerichtsaeien, Bußregiſtern u. dgl. kommt das Wort äußerſt häuſg vor, 360 Schmorgen — Schuapperlied. und zwar nicht bloß aus der Feder der Fiskale und Advocaten, ſondern auch in den Ausſagen der Zeugen, deren Protokolle oft mit beſonderer Sorgfalt die Volksausdrücke wiedergeben. „an ſeinen ehren und gutem leumuth ſchmitzlich oder nachteilig“, übliche Formel, von 1580—1700 in den Acten zu finden. „der Denunciator iſt gerant vnd gelauffen, bey einem vnd anderm zuerfahren, ob er nicht ein vnd anders vf Beklagtin zu ſagen gehabt, was ſchmitzliches er nur gehört, dem Herrn Richter referirt“. Marburger Hexenproceſſacten v. 1655. schmorgen, darben. Im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen. Viel⸗ leicht ein Deminutiv von schmorren. Reinwald henneb. Id. 1, 143. schmorren, sersclmorren, austrecknen, vertrocknen, verdorren. Hin und wieder üblich. „bey dem heßlichen, verſchmorreten Dieb vnd Schelmen am Galgen“ Kirchhof Wendunmut 1662. No. 300. S. 437. Nicht unmöglich iſt es, daß von dieſem Worte das übliche Wort schnurren, zusammenschnurren, verschnurren nur eine Deterioration iſt. Es bedeutet daſſelbe eintrocknen, und wird z. B. von einem halbverbrannten Braten, von getrocknetem Obſte, von dem verwelkten menſchlichen Körper ganz gewöhnlich gebraucht. Schmuch msc., ein ſtiller Menſch, der jedoch mehr in ſich trägt, als es den Anſchein hat, zu dem man ſich dieſes und jenes zu verſehen hat oder nicht verſehen ſollte. „Hintern Schmuchen ſoll mans ſuchen“. Schwalm. schmudelich, schmuddelich, unſauber, nicht gehörig reinlich, etwas ſchmutzig. Niederdeutſcher, in Niederheſſen ſehr üblicher Ausdruck, von Kleidern, Hausgeräten, von verwaſchener Farbe, auch vom regnigen, feuchten Wetter ge⸗ bräuchlich. Brem. WB. 4, 871, Schmidt Weſterw. Id. S. 198. Schmaut msc., ſcherzhaſte Erdichtung, Schwank. Im Haungrunde üblich, ſonſt nicht im Gebrauche. Schnâde fem., Rispe der Grasarten, namentlich des Hafers; ein außerhalb Oberheſſens, wo nut Schnäde gebräuchlich und Rispe weder gebräuch⸗ lich noch auch nur verſtändlich iſt, unbekanntes Wort. Es iſt daſſelbe, welches in der Bedeutung von Reis, Zweig bei dem Dichter Günther, mithin als nordſchleſiſcher Provincialismus vorkommt, und von Adelung 3, 1588 — 1589 verzeichnet iſt. .7 Schnäke fem. 1) in Nieder⸗ und Oberheſſen mit Ausſchluß der ſäch⸗ ſiſchen und weſtfäliſchen Diſtriete: wie gemeinhochdeutſch, die größexen Mückenarten. 2) im weſtfäliſchen und ſächſiſchen Heſſen: die Raupe. 7.186, Schnappe fem. 1) der äußerſte Rand, die äußerſte Ecke. „Setz doch die Teller nicht ſo auf die Schnappe d. h. ſo dicht an den Tiſchrand, daß ſie leicht herabfallen (herunter ſchnappen) können. Allgemein üblich. 2) Verluſt, Nachteil, Niederlage; im Haungrund eben ſo gebraucht wie ge⸗ meinhochdeutſch Schlappe. schnappen. 1) unverſehens von einem Rande herabfallen; „laß das Kind nicht ſchnappen“ hat Eſtor 3, 1418 ganz richtig = laß das auf dem Arme getragene Kind nicht unvorſichtiger Weiſe rückwärts überſchlagen und herabfallen. 2) hinken; der üblichſte Ausdruck, während hinken wenig gebraucht wird. Schnapperlied, das weltliche Lied im Gegenſatz zu dem geiſtlichen Liede, zumal aber das leichtſertige oder obſcöne Lied, der eigentliche Gaßenhauer. Das Wort iſt nur im Schmalkaldiſchen üblich. Schmeller 3, 492. Schnäppig — Schnede. sclanäppig, schnäppei, vorlaut, naſeweis, vorwitzig. Im Fuldaiſchen. Sonſt in Heſſen auch rorschndppisch. Vgl. gebschnäppisch. schnarbeln, sclnerbeln, ſchnell und unverſtändlich ſprechen, viel und unnötiger Weiſe reden, durch die Naſe reden, mit dünner Stimme viel reden, wie die kleinen Kinder. Allgemein üblich. Schnarrscheit neutr, in Schmalkalden üblicher Ausdruck für 1) das bekannte Spielzeug der kleinſten Kinder, in Geſtalt einer Fahne, welche mittels des im Innern angebrachten Rades beim Umſchwenken einen ſchnarrenden Ton gibt; 2) den Grfllus stridalus, Schnarrheuſchrecke, welche beim Fliegen einen ähnlichen Laut hören läßt, wie jenes Spielzeug. Schnát fem., Grenze; ſoll auch gebraucht werden für Schnur (Meß⸗ ſchnur, womit die Grenze abgemeßen wird). An der Weſer und Diemel, wie weiterhin in Weſtfalen und Hannsver. Brem. WB. 4, 883. Strodtmann Id. Osn. S. 218. Vgl. Schnede. schnatzen, das Haar der Frauensperſonen glatt kämmen, flechten und um die Haarnadel wickeln (binden und zum Kringel drehen). Oberheſſen, Schwalm. In Oberheſſen wird jedoch, wie auf dem Vogelsberge, auch das Durch⸗ flechten des Haares mit rotem Band, künſtlichen Blumen u. dgl., was im Gebirgstheil der Grafſchaft Ziegenhain ſcheppeln heißt, ſchnatzen genannt. in gar uppeclicher zir gesnatsei unde wol hereit. Eliſabethleben Diutiska 1, 462. Schnatz msc., das geflochtene und um die Haarnadel gewickelte Haar der Frauensperſonen; — in Oberheſſen auch der Kopfputz der Bräute, Gevatterinnen und Züchtmägde. „Die braut (in Oberheſſen) ſaſſe auf einem mit tannen⸗ „zweigen ausgeſchmückten wagen, ſange und ſpanne; um ſie ſaſſen etwa 6 braut⸗ „madgens und ſangen mit. Alle im ſchnatze, das iſt, blosköpfig mit band und „roßmarien geziret, auch zween geflochtenen harzöpfen“. Eſtor bürgerl. Rechts⸗ gelehrſamkeit der Teutſchen. 1757. 1, 293, §. 710. Vgl. scheppelu, aufsetzen, Bänderwerk; desgl. Schnitzhaupt. 21F. Üu.. schnetser, reinlich, ordentlich, von Mädchen gebräuchlich: „ein ſchnetzeres Mädchen“, welches gleich beim Anblick durch die Sauberkeit ſeines Anzugs und die zierliche Haltung gefällt. Amt Schönſtein, nordöſtliches Oberheſſen. 4 3c2 schnäubig, wähleriſch im Eßen. Oberheſſen, Obergrafſchaft Hanau. Eſtor 3, 1419. Sehnauber msc., ein wähleriſcher, im Eßen pretiös thuender Menſch. Obergrafſchaft Hanau. Eben ſo wird in Niederheſſen schnuchig, Schnucker gebraucht. Schnede kem, die ältere niederdeutſche Form des jetzt in Heſſen allein üblichen Wortes Schneise (Schneisze?) d. h. eines durch den dichten Mittel⸗ und Niederwald gehauenen Durchganges, Weges, welcher in früheren Zeiten, als der Fang der Krammetsvögel auch bei uns betrieben wurde, zum Zweck des Aufhängens der Sprenkel (Dohnen) diente. Ohne Zweifel aber diepten dieſe Schneden urſprünglich zu Grenzwegen, und es iſt Snede nur eine andere Form von Snät, Schnate (ſ. d.). „1 A vnd iiij alb von den von Czyliaxwymar daz jr fehe in die snede gehit“. Marburger Rechnung von 1487. Friſch 2, 214. Richey Id. Hamh. S. 272. Brem. WB. 4, 891. Adelung 3, 1596. Schmeller 3, 497. Reinwald 1, 145—146, wo ganz 361 362 Schnegel — schaetteln. richtig bemerkt wird, daß Schneiſe ein ſpeciſiſch heſſiſcher Ausdruck für einen durch den Wald gehauenen Durchgang iſt. Erſt neuerlichſt iſt aus einem Idiotikon der Eifel das Wort „Schnaise f., ein durch den Wald gehauener Gang“, alſo ganz in unſerer Sprachform und Bedeutung, zum Vorſchein gekommen: From- mann Mundarten 6, 18. Warſcheinlich ſind Schnäde, Schnät und Schuede urſprünglich identiſch, und bedeuten wie läh den Einſchnitt, welcher in die Grenzbäume gemacht wurde; dann Schnitt (einen in gerader Linie gemachten Schnitt) überhaupt, und endlich Geſchnittenes (Schnäde), abgeſchnittener Zweig, Geäſtel — Rispe. Schnegel msc., auch Schnaegel, Schnael, Schnel, Schneil geſprochen, die heſſiſche Form des hochdeutſchen sneccho, Schnecke, limax. Mit dieſem Worte weicht der heſſiſche Dialect von der hochdeutſchen nicht allein; ſondern auch von der niederdeutſchen Sprache, in welcher das hochd. sneccho snigge lautet, ab, und ſchließt ſich gleich dem weſtfäliſchen Dialect (Frommann Mundarten 5, 64) und dem der Eifel (ebdſ. 6, 18), wo sndgel und snaele (letzteres Femininum) gilt, an das Angelſächſiſche und Nordiſche an: agſ. snägel (snigl, snael, suegel), engl. suag, snail, dän. snegel. Die Reiſebeſchreibung des Hans Staden aus Homberg (1556. 1557. 4. Weltbuch, Frankf. 1567. 2. Bibl. des lit. Vereins 57. Publ. 1859) hat auf den erſten Bogen die heſſiſche Ferm, weiter hinaus iſt dieſelbe, entweder durch Prof. Eichmann oder warſcheinlicher durch die Setzer, in Schnecke umgeändert. Bl. 31a ſim Weltbuchſ: „andere ſeltzame Gethier mehr ſo wir bekommen kunten, auch waſſerſchnellen ſo an den ſteinen hangen“. Bl. 38a „So machten ſie auch weiſſe Paternoſter, von einer art Seeſchneiln“. verschnecken, verſchleudern, durchbringen, zumal mit dem Neben⸗ begriff des mutwilligen Verſchleuderns. Im Haungrund und Umgegend ſehr üblich; ſonſt aber iſt es mir nicht vorgekommen. schnellen (auch: schnallen, doch ſeltner) vervorteilen, betrügen. Sehr üblich. „auch haid mich myn Vetter verkorczet vnd vorſnellet“. „dy „vorſnellunge der fruchte med dem moße, das es eleyner iſt dan in dem „gerichte zeu Berlaibſchen“ Acten von 1489, Familienſtreitigkeiten der v. Berlepſch betr. Der Sinn des Ausdruckes kann ganz einfach der ſein: ſchneller handeln, als der Andere, ihm zuvorkommen; indes verdient auch Beachtung, daß man das plötzliche Eintauchen in das Waßer und überhaupt das heftige Auf⸗ und Abziehen, welches mit dem am Schnappgalgen, Schnellgalgen in einem Korbe hängenden Delinquenten vorgenommen wurde, ſchnellen nannte. Vgl. Alberus Dict. Bl. Aaija. Vgl. Schmeller 3, 490. Schnepper lem., der Schnappgalgen. Jetzt völlig untergegangene, mit der Sache bereits gänzlich unbekannt gewordene Bezeichnung. Hurenschneppe, beſonders ſo genannt, weil prostibula an den Schnapp⸗ galgen vorzugsweiſe zu kommen pflegten. Kopp Handbuch 5, 351. Schnepper msc., auf der Weſtſeite des Habichtswaldes, an der Baune, übliche Bezeichnung des Kartoffelpfannkuchens, auch in denjenigen Ort⸗ ſchaften dieſer Gegend, wo das am heißen Ofen geröſtete Kartoffelgebäck (ſ. Kauschel, Spanuckel, Schepperling) üblich iſt, der Name deſſelben, von welchem Schepperling nur eine Varietät zu ſein ſcheint. schnetteln, die heſſiſche Form für ſchneideln (ſ. Adelung s. v.), die Aeſte der Waldbäume ausſchneiden, die Waldbäume beſchneiden. Es gehörte dieſe Arbeit zu den Frondienſten, und wurde die Tagarbeit gleichwol um 1600 Schningern — Schnipp. 363 mit zwei Albus, alſo für die damalige Zeit hoch genug, vergütet. In den Forſt⸗ und Rentereirechnungen von 1590 bis in die dreißiger Jahre des 17. Jarhunderts kommt dieſes Schnetteln faſt regelmäßig vor, und muß mitunter große Aus⸗ dehnung gehabt haben; ſo wurde z. B. im Jahr 1600 von 59 Perſonen aus Treisbach an einem Tage, von 24 Perſonen aus Warzenbach, gleichfalls an einem Tage, im Wolberg (jetzt Wollenberg), von 13 Perſonen fünf Tage lang in der Eibenhart geſchnettelt. Heut zu Tage findet dieſe Bewirtſchaftung der Wälder bekantlich nicht mehr ſtatt. schningern, bezeichnender Ausdruck im Schmalkaldiſchen für: durch die Naſe reden. schnippen (sich), heſſiſche Ausſprache ſtatt schnüppen (schuüpfen, schnupfen), ſich ſchneuzen, die Naſe putzen. Faſt ausſchließlich gebrauchter Aus⸗ druck, welcher nur hin und wieder eine Modification erleidet; ſo ſagt man z. B. im Amt Schönſtein: sich schnissen, was eine Nebenform von schneuzen iſt. Vgl. schnupfen. Schmippe tem. und masc., das Vorderteil des Kopfes, Oberteil der Naſe, bei Thieren. Ein Pferd iſt eine Schnippe, wenn es eine weiße Naſen⸗ ſpitze hat; eine weiße Taube, deren Vorderkopf rot oder ſchwarz iſt, heißt Rot⸗ ſchnipp, Schwarzſchnipp, und zwar ſind dieſe Compoſita in der Regel masculiniſch. „Ein Vogel, iſt nahe ſo groß wie ein Hun, hat ein lange Schnippen, beine wie ein Reiger“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Welt⸗ buch. Frankf. 1567. 2, 58b). Schnipp mse., Schnipchen, Schnipsel neute., eine hauptſächlich nur im öſtlichen Heſſen und im Fuldaiſchen übliche Speiſe, aus Käſematte, ſaurem Rahm und Salz und Kümmel beſtehend, welche vorzüglich zum Schmieren auf das Brod benutzt wird, und deshalb auch Schmierkäſe genannt wird. Im Anfange dieſes Jarhunderts war unter den Kindern ein Kartenſpiel ſehr üblich unter dem Namen Schnipp Schnapp Schnurr Apostolorum. Es beſtand daſſelbe in einem ſehr einfachen Abſtechen der niederen Karten durch die nächſt höheren in zwei Reihen 7 — 10 und Bube — As. Der Reiz des Spieles beſtand für die Kleinen gröſtenteils darin, daß bei jedem Ausſpielen, welches möglichſt raſch von Statten gehen mußte, das betreffende jener vier Wörter gerufen wurde: Wer die Sieben hatte, ſpielte aus und rief Schnipp, wer die Achte derſelben Farbe hatte, folgte mit Schnapp, wer die Neune hatte, darauf mit Schnurr, und wer die Zehne hatte, rief Apostolorum (abgekürzt auch Boste- lorum, Bastelorum) und zog den Stich an ſich; eben ſo hatte der, welcher den Buben beſaß, denſelben mit Schnipp auszuſpielen, die Dame derſelben Farbe folgte mit Schnapp u. ſ. w. Es gehörten mithin wenigſtens vier Spieler zu dieſem Spiele; wer die meiſten Zehn und As hatte, folglich die meiſten Stiche machte, war Sieger. Zuweilen aber wurde auch die Säche umgekehrt: Sieger war der, welcher ſeine Karten zuerſt los wurde, alſo die meiſten Sieben oder Buben hatte, doch hatte dieſe Spielform für die Kinder weniger Reiz. Neuerlichſt hat auch Hoffmann in ſeinem Idiotikon von Fallersleben (Frommann Mundarten 5, 294) dieſes Spiel erwähnt; nur hat er das un⸗ verſtändliche Wort Baselorum, und weiß bloß von der Spielform, vermöge deren der Sieg des Spielers in der möglichſt baldigen Entledigung von ſeinen Karten beſteht. (Durch das unverſtändliche Baselorum wurde indes dem Spiele das Anſtößige benommen; die eigentliche Meinung war, die vier Apoſtel d. h. Evangeliſten mit einander ſpielen zu laßen: es war das Schnipp Schnapp Schnurr der Apoſtel.) 364 Schnilzer — Geschnurr. Schnitzer msc., ein mit einem runden hölzernen Stiel verſehenes Meßer, welches eine kurze, dicke, einſchneidige Klinge hat; das Hauptwerkzeug der Korbflechter (Föllwesmächer) im Schmalkaldiſchen (ſ. Füllkass), auch das bekannte Mordinſtrument dieſer Menſchenklaſſe. Schnitzhaupt (geſprochen schnitzheid) neutr., der im Schmalkal⸗ diſchen ſehr gebräuchliche Weiberkopfputz, beſtehend aus einem in ein Dreieck zu⸗ ſammengelegten und um den bloßen Kopf in der Weiſe gebundenen Tuche („Lappen“ genannt), daß der eine Zipfel auf den Scheitel zu liegen kommt, die beiden andern aber auf der Mitte der Stirn in einer Schlinge (bäsch) ſich vereinigen. Es kann kaum ein Zweifel ſein, daß dieſes Wort von Schnaiz (ſ. d.) durch Entſtellung abgeleitet iſt. 1. 364. Schnuiler (Schnüller, Schniller) msc., penis. Allgemein üblich. Vgl. jedoch Bille, Hiller. ℳ.lichu Ani 7 5 schnupfen. 1) jetzt nur noch reflexiv gebraucht: sich schuuppen, schnippen (ſ. schuippen), ſich ſchneuzen, die Naſe durch Auswurf reinigen. Ehe⸗ dem aber wurde es intranſitiv gebraucht: „Hyena, welch thier wie ein menſch kotzen vnd ſchnupffen kan, vnd alſo die hunde zu ſich locket, würget vnd friſſet“. Ludw. Schröters Diaconi zu Homberg Klag⸗ und Trauerrede auf L. Moritz 3. Mai 1632 (Monum. sepulcr. 1638. S. 127). 2) riechen, vorzüglich in metaphoriſcher Bedeutung: von fern merken, ahnen; zumal wird es von der Ahnung einer drohenden Unannehmlichkeit ge⸗ braucht. In dieſem Sinn wird es niemals schuippen, ſondern nur schnupfen, schuuppen ausgeſprochen: „er hats doch geſchnuppt, daß wir ihn nicht haben wollen“. Hierzu gehört seknußpen msc., das Riechbare, in metaphoriſcher Bedeutung: „den Schnuppen riechen“, merlen, wo etwas, und zwar zum Uebeln, hinaus will. Sehr übliche Formel. Schnur fem., faſt Schnurr, oft auch Schnor, aber ſtets mit ſehr be⸗ ſtimt kurz ausgeſprochenem Vocal, geſprochen, die alte und richtige Bezeichnung der Schwiegertochter, und noch immer üblich, ja üblicher als die ſchwerfällige und unzutreffende Compoſition „Schwiegertochter“. Sehr oft wird, beſonders im weſtlichen Heſſen, ſchon in Hersfeld, das Wort deminuiert: Schnurchen, Schnorche, Schnörche, Schnerch. „die Cuntzerſche Schnorche zu Botten⸗ dorf“ Marb. Hexenproceſſacten v. 1648. Schnur f., der übliche Ausdruck für Band: ſeidene, baumwollene, leinene, wollene Schnur. Das Wort Band war bis in die zwanziger Jahre dieſes Jarhunderts von Geweben gar nicht, nur von eiſernen Bändern, üblich, iſt jedoch ſeitdem auch im Volke nach und nach in Gebrauch gekommen, wird aber von Schnur noch immer weit überwogen. „Ueber die Schnur hauen“ iſt auch hier eine volksübliche Redensart, wie in dem übrigen, beſonders ſüdlichen, Deutſchland: des Guten zu viel thun (zu viel eßen und trinken), ſich ein wenig vergehen, zumal ſeine Befugnis überſchreiten. Vgl. Diut. 2, 107: het ich mit worten an keiner stat den schnurschlag uberhawen. Geschnurr neutr. (Geschnörr, Geschnörch), geringe, unbedeutende Sachen, kleines Gerümpel, zumal unnützer, kleinlicher Putz. Sehr üblich. Gänsegeschnörr, die geringen Theile der Gans: Kopf, Hals, Füße, Magen, Herz und Unterflügel, welche zum „Gänſepfeffer“ verwendet werden. Schnüte — schoen. 363 Schnute fem. Dieſe niederdeutſche Form von Schnauze iſt richt allein im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, ſondern in ganz Niederheſſen bekannt und gröſtentheils ſehr üblich, beſonders um den menſchlichen Mund verächtlich zu be⸗ zeichnen. Dagegen iſt die hochdeutſche Form nirgends bekannt, noch weniger gebräuchlich. Vgl. Sirotte, mit welchem Wort es eine ähnliche Bewandnis hat. schimuiz mse., Naſenſchleim; ſonſt auch, doch ſeltner, Seündder (Schottel Haubtſpr. S. 1406, bei Fiſchart und ſonſt), öfter Schnudel, genannt. Die niederdeuſche Form, welche im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen gebraucht wird, iſt Schnittt, und hiervon iſt die Bildung Schnuttel, Schnuddel, noch üblicher, auch im übrigen Heſſen, als Schnddel. In Oberheſſen gilt Schnult geradezu als Schimpfwort Rotzjunge. Es iſt dieß die einzige Bildung von ſchneuzen, welche (außer Schnüle) in Heſſen vorkommt. Eſtor 3, 1418. Schöde, Sctaude msc., ſchlechter, geringer, niedrig denkender Menſch. Das Wort, eigentlich hebräiſch (wder, Verachtung), gehört urſprünglich der Judenſprache zu, hat ſich aber in die Volksſprache ſehr ſtark eingebürgert. Eſtor 3, 1418. (Für „Hündin“ iſt jedoch das Wort nicht, wie Eſtor angibt, gebräuchlich). Vgl.. Schmidt Weſterw. Id. S. 178. schofel ag. und adv., ſchlecht, „gemein, niedrig, von Menſchen und Sachen gebraucht. Pre.2Ltee 2. Schofel neutr., ſchlechtes, gänzlich unbrauchbares Zeug; nichtswürdige Menſchen. Das Wort iſt hebräiſch, 9dt, und gehört urſprünglich auch der Judenſprache an, iſt aber ſehr allgemein üblich, auch außerhalb des Verkehres mit Juden. schöken plur. tont. (ſelten Schöke im Sing., und dann doch lieber Schöken geſprochen, masculiniſch), grober, plumper, unförmlicher Schuh; Schuh in verachtender Weiſe „er kommt mit Schoken voll Dreck ins Haus“. Früher⸗ hin allgemein, und zwar bis in die höheren Stände hinein, in Niederheſſen üblich; jetzt wird das Wort, wenn gleich immer noch bekannt, nur noch ſelten gebraucht. Strodtmann ld. Osnabr. S. 203. Brem. WB. 4, 596 — 597, wo Strodtmann nicht hätte getadelt werden dürfen, da der von ihm angegebene Gebrauch des Wortes eben auch der heſſiſche Gebrauch iſt. Schôlholz nennt man in Niederheſſen die ſchmalen, platt gehauenen Holzſtücke, welche in die Gefache des aufgezimmerten Hauſes ſenkrecht (in die Böden [Decken] horizontal) eingeſteckt, nachher, was die in die Geſache eingeſetzten Scholhölzer betrifft, mit Fitzgerten horizontal durchflochten, und dann mit Stroh⸗ lehm gekleibt (die in die Decken eingeſetzten auch mit Strohlehm umwickelt) werden. In Oberheſſen Stickstecken. scholen, Scholhölzer einſtecken. Es iſt dieſes scholen, Schölholz eine den Dialekt gemäße Bildung des lang gemachten a in dem Worte scala, Schale, zu d. Dagegen ſpricht man z. B. die Verſchalung der Brücken u. dgl. nicht mit ö, ſondern mit a. Vgl. Weiſstechen, Spilstecken. schoen. Zwei Ortsnamen oder drei in Heſſen zeigen noch die ur⸗ ſprüngliche Bedeutung von ſchön: speciosus, spectabilis, was ſichtbar iſt, in das Auge fällt, weit in das Land hinein leuchtet. re er 366 Sehöps — Schorn. Es ſind das die beiden Schöneberg, der eine zwiſchen Hofgeismar und Hümme, der Sitz der uralten Dynaſten vom Sconinberge, der hervorragendſte Berg auf der Weſtſeite des Reinhardswaldes und im heſſiſchen Diemelthal: der andere, ein Berg mit uralter Kirche bei Röllshauſen, die hervorragendſte Höhe im obern Schwalmthal. Eben dahin gehört wol auch der Schönſtein, eine Burg, welche zwar keinen großen Umkreiß beherſchte, aber doch unter den übrigen Höhen ſich bemerkbar machte (jetzt vom Wald verdeckt). Unter dem Schönſtein liegt Schönau. Wie es mit Schönbach und Schönborn ſich verhält, wäre noch zu unterſuchen; vielleicht liegt dieſen Namen nicht sküuns, schöni, ſondern das noch nicht aufgeklärte scam, scan (Schanfulda, Schemmern) zu Grunde. † 34/. Mit Schönſtadt kann es ſich verhalten wie mit Schöneberg; Schön⸗ feld aber trägt ſeinen Namen von dem Erbauer, dem Generallieutenant von Schönfeld. schoen Brod ſ. Brod. Schöps, Hammel. Dieſes ſlawiſche Wort (scopec) iſt in Heſſen durch⸗ aus nicht nur nicht üblich, ſondern auch nicht gekannt und nicht verſtanden. Auffallend iſt es deshalb, daß es gleichwol bei Emmerich (Frankenberger Ge⸗ wonheiten Schmincke Monim. hass. 2, 707), der doch ſonſt nichts weniger als eine von dem Volksgebrauche ſich entfernende Sprache hat, vorkommt: tieygeln vnde schöffster (Ziegen und Schöpſe). Schorling msc., auch Schirling, geſchorenes Wollenvieh. „xrxv hamels schorlynges hüde, dy gefallen worn“ Homberger Rechnung von 1416. „schor- linges kelle“ Kaſſeler Rechnung von 1453. „ſechs Schirlings heude“ Rauſchen⸗ berger Rechnung von 1596 u. ö. Luther nannte bekantlich die Mönche Schür⸗ linge Eisl. Suppl. 1, 443b u. a. St. Schorn mse. 1) in Oberheſſen: eine Erdſcholle, ein Stück zuſammen⸗ hängenden Erdbodens. Bgl. Friſch 2, 221a, wo aus dem Holländiſchen Schorre, cespes und Schore, alluvies angeführt wird, was ſich hierher zu fügen ſcheint. So hat auch Herbort von Fritzlax liet, von troye v. 1793: uf einen felsechten schorn. Liulus 2 piy 4l 2) in Niederheſſen und Fulda: ein eigentümliches Weizengebäck: ein mit⸗ unter 2 Fuß langer, 8 Zoll breiter, platter, oblonger aber an den Seiten aus⸗ gebauchter, an den verſchmälerten Enden mit je zwei umgebogenen Hörnern ver⸗ ſehener, auf der Oberſeite mit rinem zopfartigen Teiggeflecht belegter lockerer Kuchen. Dieſe Art Kuchen, die in Oberheſſen nicht Schorn, ſondern Neujahrs⸗ weck heißt, wird zu Neujahr in ganz Altheſſen und im Fuldaiſchen von den ſtädtiſchen Beckern hauptſächlich für das Landvolk gebacken, und von letzterem eifrig gekauft. Wie ſchon in älteſter Zeit die Siite, zu Neujahr ein weißes Brod, ein ſchönes Brod (ſ. Brod) zu ſchenken, üblich war, ſo iſt in Altheſſen und Fulda es unverbrüchliche Sitte bei dem Landvolk, daß die Paten zu Reu⸗ jahr den von ihnen aus der Taufe gehobenen Kindern einen Schorn, Neujahrs⸗ ſchorn (Neujahrsweck) ſchenken. In Frankfurt führt dieſes Gebäck den Namen Bubenſchenkel, erſcheint aber unter dieſem Namen nur in kleinſter Form und als gewöhnliches Gebäck. Ob die niederheſſiſche und fuldaiſche Benennung Schorn aus der unter 1) aufgeführten Bedeutung, oder aus dem in Franken üblichen Worte Teloren mse., welches Spaten, Schaufel bedeutet (Reinwald Henneb. Id. 2, 160. Schmellei 2, 395) ſich entwickelt hat, muß dahin geſtellt bleiben. Schoss — Schragen. 367 schörnericht (gewöhnlich schirnericht geſprochen), in Oberheſſen die Eigen⸗ ſchaft des Erdbodens, vermöge deren derſelbe beim Umbrechen große Schollen bildet — ſtrenger, ſchwerer Erdboden. S. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landeskunde 4, 88. Vgl. Sehdr. Schosz msc. Geſchoß, Abgabe; — wurde im Anfange dieſes Jar⸗ hunderts noch oft gehört, und ſoll hin und wieder, zumal in den niederdeutſchen Gegenden Heſſens, hier in der Form Schot, noch jetzt nicht ganz außer Gebrauch gekommen ſein. In den älteren Schriften und Urkunden häufig. Beckerschosz. Bierschosz. „ungellum de cerevisia, quod dicitur bier- schosz; ungeltum pistorium, quod dicitur beckterschoz; Abgaben in Fritzlar, welche zu den Gefällen der von (Löwenſtein⸗) Schweinsberg gehörten. Urk. v. 18. Sept. 1362. Wenck 2, Urk. B. S. 273. Eidgeschosz, Abgabe vom Vermögen, Gewerbe, welche auf den Eid hin beſtimt wurde. „daß er nicht zu Hauſe ſondern uff dem Rathauß bey Verferti⸗ gung des eydtgeſchoß geweßen“. Ausſage des Braumeiſters Andreas Neuſchäfer zu Frankenberg 8. Febr. 1697. Schössen msc. nennt man im Haungrunde die innere Rocktaſche, beſonders auch die unter dem Rocke der Weiber angebrachte, angenähete oder angebundene Taſche. Vgl. Garge, Diesack. Schotenscheusel, auch Schotenschausel geſprochen (dieß meiſt im Fuldaiſchen) neutr., die Figur aus Lumpen, welche in die Erbſen und etwa auch ſonſt in das reifende Getreide geſtellt wird, um die Vögel zu verſcheuchen; ſehr üͤblich iſt außerdem der Gebrauch dieſes Wortes zu Vergleichungen und im tropiſchen Sinne. Ziemlich überall gebräuchlich, am üblichſten im Fuldaiſchen und Hersfeldiſchen. Schözwage (oder Schoezwage ?) fem., Schnellwage. „Ouch ensal keyn bruder noch sin gesinde nicht koufen mit der schözwagin garn daz yme ezu notze kommen moge“. Statuten der Michelsbrüder in Fritzlar von 1387 bei Falckenheiner Städte und Stifter 2, 209. Es ſoll dieſes Wort auch ſpäter, ja noch am Ende des vorigen Jarhunderts in niederheſſiſchen Städten in Uebung geweſen ſein; mir iſt es nirgends als in der angegebenen Stelle begegnet, und auch die Wörterbücher ermangeln deſſelben, mit Ausnahme von Scherz⸗ Oberlin, welcher S. 1435 aus einem Vocabular von 1482 anführt: schosswag. librilla. schrägeln, unſicher gehen, wanken, namentlich aus Altersſchwäche, Krankheitsſchwaͤche, doch auch in Folge von Trunkenheit. Wol ohne Zweifel eine Verbalbildung von ſchräg = ſchrägeln, ſchräg gehen. Oberheſſen, ſonſt nicht erhört. Eſtor 3, 1419. schragen mse, Bahre, beſonders Sargbahre, Todtenbahre. Nur im Schmalkaldiſchen üblich. Schmeller 3, 509. Brem. WB. 4, 689. Es muß dieſes Wort aber ehedem auch Bezeichnung eines Flußfahrzeuges, irgend einer Art vdn Nachen, oder allenfalls eines Fiſchergerätes geweſen ſein: „Ez sal ouch mit dem schragen nymant faren zuschen Ostern vnde sente Marlins tagen, uss gescheiden ab eyn uffloif des wassirs wurde, so mag ein iglich daz thun; — — her mag ouch mit deme digken hamen vnde schragen in allen iskerten faren vnd gehruchen“. Ungedruckte Urkunde der Fiſcherzunft zu Witzen⸗ hauſen vom Epiphaniastage 1445. 368 Schraine — Beschreikraut. Schraine fem., Garnwinde, aus einem Geſtell mit drehbaren Flügeln beſtehend. Werragegend. Gehört wol zu Schragen, welches im Allgemeinen ein Geſtell mit Beinen bezeichnet. D. c. 347./ schrammen, ein in der Schriftſprache, wo nur das Subſtantiv Schramme üblich iſt, nicht ſonderlich gebräuchliches Wort, iſt in der heſſiſchen Volksſprache ein ſehr gewöhnlich gebrauchtes, meiſt reflexiv: ſich ſchrammen d. h. ſich durch Anſtreifen an einen harten oder ſcharfen Gegenſtand verwunden. Auch wird das Subſtantiv Schramme nur von derartigen Verwundungen gebraucht; einen Säbelhieb z. B., welchen die Schriftſprache unbedenklich eine Schramme nennt, würde die Volksſprache niemals ſo bezeichnen. schrappen, kratzend ſchaben, ſcharren. „Gelbe Rüben (Schwarz⸗ wurzeln, friſche Kartoffeln) ſchrappen“; „den Kalk (die Tünche) von der Wand ſchrappen“; einen Baum ſchrappen“ die abgeſtorbene Rinde abkratzen; „ſich die Füße abſchrappen“ den Schmutz von den Schuhen abkratzen u. dgl.; „den Keßel ſchrappen“, auskratzen nach vollendetem Kochen (des Zwetſchenmuſes z. B.). Metaphoriſch: Geld zuſammen ſcharren, geizig ſein. „geschynt unde geschrappin“ W. Gerſtenberger bei Schminke Mon, hass. 2, 429; wo die ſtarke Con⸗ jugation des Wortes bemerkenswert iſt. Kesselschrappe fem., Inſtrument, um den Keßel auszukratzen, wozu da wo es Muſcheln gibt, die Muſcheiſchalen verwendet werden. Schropper msc., meiſt nur in figürlichem Sinn: ein Geiziger, Habſüchtiger. Bartschrapper, verächtlich für Barbierer. Richey Hamb. Id. S. 241. Strodtmann Id. Osn. S. 205 (nur daß in dieſem Dialect das Wort mit verdoppelter Media geſprochen wird.). Brem. WB. 4, 692 f. Schmidt Weſterw. Jd. S. 209. üblich. schrappehen, Frequentativ von schrappen, beſonders im figürlichen Sinne schrehchen, rauh und hart werden: das Wort Cezeichnel die onir⸗ kung des mäßigen Froſtes auf den weichen Erdboden: „es hat die Nacht ein wenig geſchrebchi“, „es hat geſchrebcht, ſo daß es ganz ſchrapplicht war“, d. h. auf dem leicht gefrornen Kot übel zu gehen war. Oberheſſen, Hersfeld. Vgl. schrdhen, wovon dieſes Wort, mit Beibehaltung des urſprünglichen w, jedoch unter Verhärtung deſſelben in b, ein Deminutivum und Frequentati⸗ pum iſt, unter schrö. beschreben findet ſich in Rothes thüring. Chronk (Lilieneron S. 83), worüber ſich F. Bech äußert Pfeiffer Germonia 5, 236; es bedeutet dort congelure: daz wazzer was beschrebit. In Niederheſſen ruspern, rusperig, w. ſ. schreien, der in Niederheſſen und in der Obergrafſchaft Hanau nächſt kreiſchen üblichſte Ausdruck für weinen; indes conjugiert ſchreien in dieſer Bedeutung nicht ſtark, ſondern ſchwach: ich ſchreite, geſchreit. Neben ſchreien iſt hin und wieder in Altheſſen auch heulen (geſpr. hüllen, hillen) üblich, und ſoll an der untern Werra überwiegend gebräuchlich ſein. Vgl. flennen, gerren, greinen. beschreien, behexen. Ueberall üblich. Beschreikraut, im Schmalkaldiſchen der Name von zwei Pflanzen: Stachys recta und Erigeron acre, doch vorzugsweiſe der erſteren, welche zu gleichem Gebrauche verwendet werden: die beſchrieenen Kinder werden gegen das Beſchreien mit dieſen Kräutern, am meiſten mit Stachys, geräuchert. Schrecken — schro. 369 Reinwald 1, 108, welcher jedoch Galeopsis Ladanum als Beſchreikraut angibt; das Urſprünglichſte wird die ſtarkriechende Stachys ſein. schrecken und schricken, urſprünglich: ſpringen. Daher noch jetzt: Schrick msc., Sprung; doch nur: „das Glas hat einen Schrick“, hin und wieder üblich. Schrecksieine, in Marburg große in der Lahn hinter dem deutſchen Hauſe liegende Steine, auf denen man, von einem Stein auf den andern ſpringend, die Lahn überſchreitet. Die Stubenweisheit neueſter Zeit nennt ſie Schritt⸗ ſteine. Ehe in den kleinen, zumal den niederdeutſchen, Städten in Heſſen und außerhalb Heſſens ein Straßenpflaſter gelegt war, lagen in den Gaßen ähnliche große Steine, auf welchen man den unergründlichen Straßenkot überſpringen mußte; auch ſie hießen Schreckſteine. Am längſten hatten die Schreckſteine dieſer Art ſich in Volkmarſen erhalten. — Sonſt nennt man jetzt Schreckſteine in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes ſchrecken diejenigen Steine, welche an Straßen⸗ und Haus⸗Ecken, an Einfarten u. dgl. geſetzt werden, um die Eck⸗ ſäulen der Häuſer vor Beſchädigungen durch Fuhrwerk zu ſchützen, das Fuhr⸗ werk abzuſchrecken. Schreckenberger. Eine in Kurſachſen beſonders in den erſten Jahren des 16. Jarhunderts geprägte und nach dem Schreckenberg (nachher und noch jetzt, Annaberg) genannte Münze, deren Wert 3 oder 3 ½ guten Groſchen betrug. Dieſelbe iſt in Heſſen bis zum Jahre 1806, wenigſtens dem Namen nach, im Gebrauche geblieben, indem bis dahin, ſeit dem Landtage zu Treyſa 1576, die Exemtenſteuer in Schreckenbergern ausgeſchlagen wurde: 1 Schrecken⸗ berger = 4¼ Kaſſelalbus auf 100 fl. Steuercapital. Vgl. Eſtor t. Rechtsgel. 1, §. 2851. Deſſ. Elementa juris publ. hass. S. 379. Friſch 2, 224. Landesordnungen 1, 58 (wo der Schreckenberger zu 4 Albus angeſetzt iſt) u. a. O. schremen, die Spitzen des zu geil wachſenden Wintergetreides, namentlich des Weizens, im Frühjahr abſchneiden, um das Schießen ins Blatt zu verhindern und den Halm zur Blütenentwicklung zu ſtärken. Der Ausdruck iſt faſt nur im Fuldaiſchen üblich, im übrigen Heſſen ſagt man blatten (Ober⸗ heſſen), dachen u. dgl. 7. P.$. schro, scürd adject., im Plural schrowe, schrawe, rauh beim Anfühlen, dann rauh überhaupt, ſchlecht, dürftig, mangelhaft, armſelig. „Sie wäre er⸗ ſchrocken, daß das Kind ſo ſchroe ausgeſehen“ (von einem Kinde, welches die Schwindſucht hat) Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657. „In ſüßer Freud und Jo Nun ſinget und ſeid froh, Unſers Herzen Wonne Liegt in der Krippen ſchro“ Heſſ. Geſangbuch des Landgr. Moritz von 1607, in der Ueberſetzung von in dulei jubilo (in manchen Ausgaben z. B. 1634. 12 der Druckfehler ſchoh; richtig wieder in einer der letzten Ausgaben 1677: Geiſtl. Geſänge; Kaſſel, Schadewitz S. 21). „ein ſchroes Pferd“ ein übel genährtes, armſeliges Pferd; „ein ſchroes Eßen“ d. h. eine grobe, ungeſchmelzte Speiſe; „es geht mir gar ſchro“. In ganz Heſſen üblich, wie in Nordfranken (Schmeller 3, 509), am Rhein und anderwärts. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen lautet das Wort schreff, plur. schrewe, indes wird schrewe auch im Singular gebraucht, zumal wenn das folgende Wort mit einem Conſonant anfängt; anderwärts in Nieder⸗ deutſchland ſchrage (wie dort oft w in g verwandelt wird) und ſchrade; engliſch schrewd, schrovetid. Vilmar, Idiotikon. 24 370 Schröggen — schrinden. Vgl. Haupt zu Neidhart 76, 24. F. Bech in Pfeiffers Germania 5, 236. Es bedeutet schrd aber auch figürlich rauh, nicht leicht zu handhaben, derb: „der hat ein schrà Maul“ er iſt derb im Antworten, mundfertig, weiß ſich wol zu helfen (Amt Schönſtein); „der iſt schrà genug“ der iſt pfiffig (Haungrund); ein Schrower, ein kluger, mund⸗ und thatfertiger Menſch. (Oeſtl. Oberheſſen). scürden, schrahen, rauh werden, von der Erdoberfläche, welche durch den Froſt rauh wird: es schräet, die Erde überzieht ſich mit einer dünnen Froſtrinde; Haungrund. Das Frequentativ von schräen iſt schrebchen w. ſ. Schrabigkeit fem., Rauhigkeit, Dürftigkeit. Im Fuldaiſchen und ander⸗ wärts. Schrd kem., die Baumrinde. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. S. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. Landest. 4, 89. schröggen, verschröggen, verbrennen laßen, verſengen. Weſtfäliſches Heſſen. Deminuiert: schroegeln, verschroegeln, ſengen, verſengen; in Wolfhagen üblich. Warſcheinlich zu schrö gehörig. Strodtmann 1d. Osn. S. 206: „ſchröggen, leicht brennen“. Brem. WB. 4, 698. schrôten, einen größern, tiefer eingreifenden Einſchnitt mit einem gröberen Inſtrument machen, im Gegenſatz gegen „ſchneiden“, welches einen mit einem feineren Inſtrument gemachten kleineren und ſchärferen Schnitt bezeichnet. Baumſtämme werden nicht in Klötze geſchnitten (man ſchneidet nur Dielen), ſondern geſchroten mit der Schrotſäge. „Brod ſchroten“ (meiſt halb ſcherz⸗ haft) große Stücke Brod abſchneiden und in großen Bißen verzehren. „dadurch mir (d. h. wir) in Radt (d. i. rätlich) befunden, einen graben nach vnſer geleigenheit vor den deichen herab zu ſchrotten; — — vnſer furgenommenen graben durch den . . .. ſchrecker weg ſo auff Baurbach geet zu ſchroiten“ Urk. des D. O. Commenturs Wolfgang Schutzbar gt. Milchling zu Markurg (des ſpätern Hoch⸗ und Deutſchmeiſters) von 1533. Schrumpel fem., Runzel; das in Heſſen ausſchließlich gebräuchliche Wort; Runzel iſt gänzlich unbekannt. Synekdochiſch wird wol auch ein altes Weib verächtlich „eine Schrumpel, alte Schrumpel“ genannt. schrumpelicht, runzlig; gleichfalls ausſchließlich gebräuchlich. Das gemeinhochdeutſche Wort ſchrumpfen iſt auch dem Volke geläufig, und muß ehedem ſtark conjugiert haben; Joh. Ferrarius von dem gemeinen Nutz 1533. 4. Bl. 55a hat „verſchrumpen brot“ (untüglich brot, das nit zum kauff dient). Sehr üblich iſt verschrumpeln, corrugari. Vgl. Schmeller 3, 510, wo Schrumpel jedoch in ſehr enger und hier nicht üblicher Bedeutung verzeichnet iſt. Schrunde fem., Riß in der Haut, welcher entſteht, wenn die Hand erſt der Näße und dann ſofort der rauhen Luft oder der Kälte ausgeſetzt wird. Nur in dieſem Sinne in Heſſen üblich, nicht, wie anderwärts, von jedem Riß; geſprochen wird Schrunge. schrinden (schrand, geschrunden) findet ſich meines Wißens nur im weſtfäliſchen Heſſen, und wird von jeder Wunde gebraucht, welche zu heilen be⸗ ginnt und dadurch ein leicht ſchmerzhaftes Gefühl erregt; vom Aufſpringen der Haut an den Händen iſt es weniger im Gebrauche. BglSchottel Haubiſpr. S. 1409. Schmeller 3, 517. Brem. 2B. 4, 697. 371 Schruppen — Schuh. schruppen, auch wol, meiſt im nördlichen Heſſen, schrubben, schruwwen, geſprochen: das Zimmer mit einem kurz⸗ und ſteifhaarigen Beſen, welcher an einem ſchiefgeſteckten Stiele angebracht iſt, dem Schrupper (Schrubber), und heißem Waßer reinigen, ſcheuern. Allgemein üblich. Richey Hamb. Jd. S. 242. Strodtmann Id. Osnabr. S. 206. Brem. WB. 4, 699. Schul msc., Aufſchub. Wird einzeln noch vernommen. „Aduocaten vnd vorſprechen ſollen — keynerley falſch oder vnrecht geuerlich ſchub, oder ver⸗ lengerung der ſachen gebrauchen noch ſuchen“. L. Philipps Reformation vom 18. Juli 1527. schulbeln, auch schuppeln, sctüppeln (schippeln), wälzen, rollen; fortschubbeln, wegschuppeln, von ſich abwälzen. Allgemein üblich. schubbelrund, kugelrund. schüben (ſchwaches V.), auf dem Eis gleiten. Im öſtlichen und mittlern Heſſen; anderwärts schurren, schabeiten, reideln, glanern, glanzern u. dgl. (ſ. dieſe Wörter). Schübe fem., die Gleitebahn. schuben kommt ſchon bei Schottel Haubtſpr. S. 1410, indes in allge⸗ meinerer Bedeutung als hier, vor. Vgl. Schuffel. Schubstein, Wetzſtein größerer Art, auf welchem ſchwerere Meßer, beſonders aber Aexte und ähnliche Inſtrumente gewetzt werden; der Ausdruck findet ſich beſonders in Oberheſſen, doch wird er überall gebraucht, wo es darauf ankommt, den eigentlichen (kleineren) Wetzſtein einerſeits und den drehbaren Schleifſtein andererſeits von dieſer Art Wetzſtein zu unterſcheiden. In älteren Zeiten thaten die Geländerſteine der Brücken, die Einfaßung des Cavat in Marburg und ähnliche öffentlich aufgeſtellte Sandſteinquadern dem Handwerker und Tage⸗ löhner ihre Dienſte als Schubſteine. „Dan er eben den ſchubſtein vffn banck geſetzt vnd das meßer daruf geſchuben“. Roſenthaler Hexenproceſſacten v. 1688. Die eben erwähnte ſehr altertümliche Conjugation des Wortes ſchieben (schieben, schob, geschubben) im Particip findet ſich in Heſſen ſowol urkundlich als im Volksmunde öfter, im Gegenſatz gegen die ſpätere Conjugationsweiſe geschoben, in der Schriftſprache ſogar geschoben. „so das etzlich entzeln knechie angeschubben worden“. W. Gerſtenberger bei Schmincke Monim. hass. 2, 491; eben daſelbſt findet ſich auch das Subſtantiv zuschubbunge. Dieſe beiden Wörter bedeuten anreizen, Anſtiftung. Schuffei fem., Eisbahn zum Gleiten; hin und wieder im Fuldaiſchen, neben Schawei und Rilschocke. schuffeln, gleiten (schaweien, glänern, schuben); ebendaſelbſt. Schuh msc, gewöhnlich in alter Weiſe, mitunter ſogar im Plural, Schuch geſprochen. Redensarten und Formein: Jemanden die Schuhe austreten, ihm auf Schritt und Tritt in läſtiger Weiſe nachfolgen. In Jemandés Schuhe treten, in üblem Sinne: es eben ſo ſchlimm machen, wie Jener. Stroh in den Schuhen haben, ſ. Stroh. Mit Schuh und Strümpfen in die Hölle faren, bekannte und übliche Redensart: mit Willen und Wißen ſich in leibliches und geiſtiges Ver⸗ derben ſtürzen. 21* 372 Schulblume — Schulze. Fremde Schuhe im Hauſe haben, eine nur in Oberheſſen übliche Redensart, mit welcher die jungen Burſche eines Dorfes die Anweſenheit des einem andern Dorfe angehörigen erklärten Liebhabers einer vielbegehrten Dorf⸗ ſchönen in dem Hauſe der Braut bezeichnen: „die N. N. hat heute fremde Schuh im Hauſe“. Ihrem Unwillen über dieſe Entführung der Vielumfreieten ſuchen ſie auf die Art Luft zu machen, daß ſie in ziemlich großer Anzal ſich Abends vor das Haus des Mädchens begeben und an das Fenſter klopfen. Auf die Frage, wer da ſei und was man wolle? erfolgt die Antwort: „ihr habt fremde Schuh im Hauſe, die wollen wir ſuchen“. Der Einlaß wird verweigert, und nun von den Eiferſüchtigen durch Liſt und Gewalt zu erreichen geſtrebt, meiſt auch wirklich erreicht. Sind ſie eingedrungen, ſo werden die „fremden Schuhe“, welche ſich möglichſt zu verbergen ſuchen, allenthalben aufgeſpürt. Iſt der Ge⸗ ſuchte gefunden, ſo endigt ſich der Aci meiſtens damit, daß der begünſtigte Fremdling die Einheimiſchen für die entzogene Braut gewiſſermaßen ſchadlos halten, d. h. ſie in das Wirtshaus führen und für keinige Gulden bewirten muß. Hin und wieder, doch ſelten, kommen bei dieſem Schuhſuchen auch eigentlich ge⸗ waltthätige Scenen vor. Die Erklärung dieſer Redensart liegt nahe, auch wurde dieſelbe in älterer Zeit zur Bezeichnung gewiſſer Dinge häufig gebraucht, z. B. Fiſchart Gargantua 1582. Bl. E4a: „da man die ſchuh vnter das Bett ſtellt, da gibts dann vber ein Jar Mäl vnd Milchſchreiling“. Ebdſ. Bl. Oöb: „ein Gauch ein guter Mann, der die fremde Schuh bei ſeiner Frauen Bett vor zorn zerſchneidet“. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 4, 89 90. Schuchworhte, Schuchworte, Schuworte, Schuhmacher (Schuhwürker vgl. Steinworhte), die in Heſſen im 14.—15. Jarhundert allein vorkommende Be⸗ zeichnung dieſes Handwerks; Schuchsuter (jetzt Schuſter) iſt mir niemals aufge⸗ ſtoßen. Die Bezeichnung Schuchworhte hat zwar im 16. Jarhundert der Be⸗ zeichnung Schuhmacher, ſpäter theilweiſe der oberdeutſchen Bezeichnung Schuſter weichen müßen; indes bedient ſich auf der einen Seite das Volk der Bezeichnung Schuſter nur ſelten und ausnahmsweiſe, hält vielmehr am Schuhmacher feſt; auf der andern Seite iſt aus der ehedem allein herſchenden Bezeichnung Schuch“ worhte erklärlich, daß, während der Familienname Schuſter in Heſſen ſo gut wie gar nicht vorkommt, die aus Schuchworhte entſtandenen Familiennamen Schuchard und Schubert (Schubart, Schuppert) zu den ſehr häufig erſcheinenden gehören. Schulblume fem., colchicum autumnale. Schmalkalden. Im übrigen Heſſen Herbſtblume. Der ſchmalkaldiſche Name rührt daher, daß um die Zeit, wenn dieſe Pflanze blüht, die Schule (Winterſchule) anfängt, denn im Sommer wurde in ältern Zeiten auf dem Lande gar keine, ſpäter nur an zwei Wochentagen Schule gehalten. Vgl. Zeitlose. Schulpe fem., Erdſcholle; in Niederheſſen eben ſo gebräuchlich, wie in Oberheſſen Schorn (ſ. d.), im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen Klate (ſ. d.) üblich iſt. „Dicke Schulpen an den Schuhen haben“ ſagt man, wenn ſich thoniger und lehmiger Erdboden an den Schuhen dick angeſetzt hat. Das Wort findet ſich zwar bei Strodtmann S. 207 in verbaler Form, Brem. NSWB. 4, 710 auch als Subſtantivum neben dem Verbum, aber in abweichender, in Heſſen nicht vorkommender Bedeutung. Schulze, Schuls msc., aus Schult⸗heiß zuſammengezogen. Bis zum Erſcheinen der Gemeindeordnung vom 23. October 1834 trug der Vorſtand der Schünden — Beschurunge. 373 Dorfaemeinden in den Kreißen Rotenburg, Eſchwege, Witzenhauſen, Marburg, Frankenberg, im Fürſtentum Hersfeld, in Schmalkalden, Fulda, Hanau (Ober⸗ und Niedergrafſchaft), ſo wie in einem Theile des Kreißes Melſungen (Gericht Schemmern, Alt⸗ und Neumorſchen, Mörshauſen, Wichte, Connefeld, Hainebach) die Bezeichnung Schultheiß, Schulze, als Amtstitel. Vgl. Grebe u. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 69. Manche derſelben trugen die Bezeichnung Ge⸗ richtsſchultheiß, ohne daß ihre Functionen in den letzten Decennien weſentlich andere geweſen wären, als die der übrigen Schulzen. Der Oberſchultheiß dagegen, dergleichen in Marburg, Hersfeld, Kaſſel waren, war eine landesherrlich beſtellte Gerichtsperſon, urſprünglich der Vor⸗ ſitzende des Schöffengerichts, und nach der Beſeitigung deſſelben als eines Gerichtshofes, der Juſtizbeamte für die betreffende Stadt und die zu derſelben gehöͤrigen Dorfſchaften. schünden, ein altes gutes, der Schriftſprache entgangenes Wort (ahd. scuntan), welches in Schwaben noch jetzt üblich iſt (Schmeller 3, 372; Schmidt ſchwäb. WB. S. 461), und antreiben, veranlaßen, anſtellen bedeutet, iſt in Heſſen nicht mehr vorhanden, wol aber findet ſich im 16. Jarhundert, und hat ſich, wie mir geſagt worden iſt, einzeln noch in dieſem Jarhundert in Gebrauch befunden die Ableitung Anschündung; Antrieb, Veranlaßung, und zwar im üblen Sinne. „So iſt doch woll zu bedencken, auff wes anſchündung der verſtorbene Philips die Beclagtin gemeldt habe, das es nichts anders, denn ein lauter feindſchafft, vnd von den zeugen ein zugerichts werck iſt“. Marburger Hexenproceſſacten von 1579. „der knecht hab ſonder alle anſchündung mit guten ſinnen und vernunfft geredt“. Ebdſ. J. Grimm bezog Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 2, 152 auf dieſes Wort den Urſprung des Namens der Stadt Sontra. schuppern (sich vor etwas), einen gelinden Schauder vor etwas haben, ungern an ein ſchwieriges Geſchäft, oder auch an die Arbeit überhaupt gehen. Sehr üblich, wie auf dem Weſterwald (Schmidt S. 177) und ander⸗ wärts (aus der Grafſchaft Hohenſtein z. B. verzeichnet Journal von und für Deutſchland 1786, 2, 117). Schfr msc., Krankheitsanfall. Schüercken neute., Deminutiv von Sehdr, Krämpfe der kleinen Kinder, beſonders die bei dem Zahnen ſich einſtellenden gelinderen Krämpfe. Sächſiſches und weſtfäliſches Heſſen. Brem. WB. 4, 719. Schur fem., Schutz, Obdach: „der Baum gibt ſchon gute Schur gegen den Regen“. Im Haungrund, Hersfeld, und auch wol ſonſt noch. schuren, scüauern, den Regen unter einem Obdach abwarten. Va-?éx schuren und schirmen, ſehr häufig in den Urkunden, zumal denen des 15. Jarhunderts, vorkommende alliterierende Rechtsformel. Falckenheiner Fritzlar S. 193. beschuren und beschirmen W. Gerſtenberger b. Schmincke Mouim. hass. 1, 156. schuren, schirmen und schützen, Lennep Leihe z. LSR. Cod. prob. S. 104. schützen und schüren Grimm Weist. 3, 381. schuren allein: Grimm Weist. 3, 329. Beschurunge, Beſchützung. W. Gerſtenberger a. a. O. 2, 463. Beschurer, Beſchirmer. W. Gerſtenberger a. a. O. 2, 530. Vgl. Scherz⸗Oberlin S. 1454. Schmeller 3, 387. F. Bech in Pfeiffer Germania 5, 244. Haltaus s. v. u. v. Andere. 374 Schürzen — Schoszbartel. schürzen, wol richtiger, wie auch geſprochen wird: scherzen, der im öſtlichen und innern Heſſen, im Fuldaiſchen, Hersfeldiſchen und in der Grafſchaft Ziegenhain feſtſtehende, indes auch in Oberheſſen nicht ungebräuchliche Ausdruck: den Dienſt verlaßen, von Knechten und Mägden. Das Wort wird jetzt nur intranſitiv gebraucht „ich habe ſchon zu Chriſttag geſcherzt“; ehedem aber wurde es nicht nur von den Dienſtboten ſondern auch von den Dienſtherren, mithin activ (tranſitiv) und mit dem Adverbialſatz „aus dem Dienſt“ gebraucht. So ſagt der Pfarrer Vaß zu Udenhauſen (im Riedeſeliſchen), welcher nach Löhlbach verſetzt war, in einer Bittſchrift vom 9. November 1630: „ich hab meine Pferde, wagen, geſchirr, Rindviehe ꝛc. verkaufft, mein geſind aus dem dinſt geſchertzt“ Es muß ſehr in Frage geſtellt werden, ob das Wort in der That von Schurz abzuleiten und urſprünglich als ſchürzen (Schmeller 3, 406: von der Arbeit ablaßen) zu verſtehen ſei. Das Wort ſcherzen wird von Opitz u. A. (ſ. Adelung) gleichfalls tranſitiv gebraucht, in der Bedeutung verſpotten. Höchſtwar⸗ ſcheinlich iſt unſer „ſcherzen“ jocari, und nicht ſchürzen; es bedeutet activ: „ſpielen, müßig gehen laßen“, intranſitiv „müßig gehen“, ganz ähnlich wie das baieriſche „ſchlenkeln“ (Schmeller 3, 405) erſt bedeutet: „müßig herum⸗ ſchlendern“, dann „den Dienſt verlaßen“. Die Scherztage waren und ſind zum Theil noch in Niederheſſen „zwiſchen den Jahren“ d. h. vom 27. December, dem dritten Chriſttag, bis zu Neujahr. An erſterem Tage wird der bisherige Dienſt verlaßen, an letzterm der neue an⸗ getreten, in der Zwiſchenzeit gehen die Dienſtboten „nach Heimen“. Bleiben ſie aber etwa aus Mangel einer andern Unterkunft während dieſer Tage im Hauſe des Dienſtherrn, ſo iſt dieſer Zeitraum (übrigens auch dann, wenn ſie im Hauſe fortdienen) als Scherzzeit, Scherztage, für ihre Privatarbeiten, namentlich das Ausflicken der Kleidungsſtücke beſtimt alſo ganz der baieriſchen Schlenkelweil (Schmeller 3, 405) gleich. In Oberheſſen weiß man von dieſer Art Scherztage nichts; der Dienſt wird gewechſelt, aufgegeben und ſofort angetreten, am 27. December. Im Fuldaiſchen ſind die Scherztage Lichtmeß (wie in Baiern) und Sommerfrauentag (Mariä Himmelfart, 15. Auguſt). //.1 f.124 schurren, auf dem Eis gleiten. Niederdeutſches, im ſächſiſchen Heſſen übliches und in das Gemeinhochdeutſche übergegangenes Wort. Anderwärts heißt dieſes Eisgleiten schuben, gldnern, glanzern, reideln, schabeiten u. dgl. (ſ. dieſe Wörter). Schusz haben; einen Schusz haben, auch wol ge- schoszen sein, mit der Pelzkappe geschossen sein, albern, verkehrt, läppiſch⸗ poſſenreißeriſch ſich benehmen. Hier wie anderwärts ſehr üblich, mitunter auch in der Bedeutung, welche dem einen Schusz haben, verschoszen sein, in den halbgebildeten Ständen gegeben wird: verliebt ſein. Dieſe Bedeutung der ange⸗ gebenen Redensarten findet ſich ſchon im 17. Jarhundert, z. B. in Filidors Trauer⸗, Luſt⸗ und Miſchſpielen. 1r Thl. 1665: „ich halt du ſeiſt geſchoſſene“ (verrückt) [Wittekinden Blatt C4aſ; „eben als wenn Ihr Gn. mirs ſagen ſolte, wenn ſie irgend einen Schoß wohin hette“ ſvermeinte Printz S. 74]. Bgl. Schmidt Weſterw. Id. S. 208. Schoszhartel, ein einfältiger, poſſenreißeriſcher Menſch. Das Wort iſt durch ganz Deutſchland verbreitet (vgl. Schmeller 3, 411), auch in Heſſen, doch vorzugsweiſe in den öſtlichen Gegenden; in Oberheſſen ſagt man lieber Schaſterbartel (ſ. schastern). 375 Schüszel muß einſt ohne Weiteres eine Münze, warſcheinlich die Holpfennige, Bracteaten, deren Wert feſtgeſtanden haben muß, bezeichnet haben. Von einer Wieſe in Eiterhagen verſprechen die Beſtänder jährlich auf St. Jakobs Tag zu „geben und bezalin Dryhundert schusseln“. Urk. v. Erasmustag 1418 bei Lennep Leihe zu LSR. C. prob. S. 614. Goldene Schüszeln, ſ. g. Regenbogenpfennige, wurden bis auf die neuere Zeit (1830) in Heſſen häufig am Goldberg bei Mardorf unweit Amöneburg ge⸗ funden. Unter einem andern Namen, als dem hier angegebenen, waren ſie bei dem Volke nicht bekannt. Schuster ſ. Schuh. zuschustern, Zubuße thun. zusammen schustern, aus einzelnen, an ſich unbeträchtlichen Beiträgen irgend eine benötigte Summe zuſammenbringen. Sehr üblich. Vgl. Brem. WB. 4, 667, wo inschostern genau wie unſer zuschustern verzeichnet wird. Schüte fem., Spaten, im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, wie weiterhin in Niederdeutſchland, z. B. im Schaumburgiſchen. Im übrigen Heſſen gänzlich unbekannt. schütten. In der Bedeutung: das ausgedroſchene Getreide auf dem Fruchtboden verwahren, in welcher das einfache Wort ehedem üblich war: „Korn ſchütten“ findet ſich daſſelbe nicht mehr, kaum noch die Compoſition: aufschalten. Der einzige Reſt des Wortes schütten, in dieſer Bedeutung gebraucht, ſind die Schüttekreppeln in Niederheſſen, welche den Dreſchern an dem Tage des Ausdreſchens gebacken zu werden pflegen. verschütten, mit dem Dativ: dem Hirten verschütten, bedeutet an der Schwalm: dem Hirten ſeinen Lohn geben, welcher ehedem ganz und gar in Frucht beſtand, jetzt wenigſtens überwiegend in Naturalien verabreicht wird; zu dieſem Lohn hat jeder Viehhalter des Ortes ſeinen beſtimten Beitrag zu geben, und die Entrichtung dieſes Beitrags wird „dem Hirten verſchütten“ genannt. Warſcheinlich gehört dieſes verschütten noch zu dem vorher bezeichneten schütten (Korn ſchütten); ſchwerlich wird es bedeuten „das Vieh auslöſen“, womit wir auf das aus dem Holländiſchen erborgte ſchükten (= ſchützen), das Vieh in eine Clauſur bringen, d. h. pfänden, zurückgehen müßten. schüttern, etwas Feſtſtehendes in ſchwankende Bewegung ſetzen, meiſt in der Conſtruction: „an etwas ſchüttern“, z. B. „ſchütter doch nicht ſo am Tiſch“. Das Compoſitum erſchüttern = in vollſtändig ſchwankende Bewegung ſetzen, iſt durchaus nicht volksüblich. Schüttling msc., Gebund Stroh. Niederheſſen. In Oberheſſen gilt dafür Pauſch (Peuſch), Blitter, ehedem auch (für Roggenſtroh) Streckling. Vgl. Schmeller 3, 417. Das Wort ſcheint vorzukommen in einer Spießkappeler Urkunde von 1334; decem cludera lane communis, cum omni lana que dicitur schudelinge cum omnibus pellibus. Jedenfalls wird Schüttling jetzt von der Wolle durchaus nicht gebraucht, meines Wißens auch nicht in dem Sinne, welchen Friſch 2, 237b verzeichnet. schützen, das Waßer, Gerinne, aufſtauen, dämmen; zuschützen, dem Gerinne ſeinen Lauf nach der einen Seite (durch das Schükzbret) benehmen, um denſelben nach der andern Seite zu leiten; das Schützbret niederlaßen; auch mit vorschütsen bezeichnet. auſschutsen, das Schützbret aufziehen. Schüszel — schützen. 376 Schwabchen — Schwalm. Schütsbrel, Bret welches in zwei gefalzten, an den beiden Ufern des Gerinnes auſgerichteten, Balken auf und nieder gelaßen werden kann, um das Gerinne entweder in ſeinem Laufe zu laßen oder es aufzuſtauen. Ausdrücke, welche überall ſchon in Mühlenordnungen und Verträgen über Mühlen im 15. Jarhundert vorkommen und jetzt für gemeinhochdeutſch gelten. Schmeller 3, 424. F. Bech in Pfeilfers Germania 5, 244 aus Rothes thüringiſcher Chronik. schwabchen (schwappchen), auch durch die Ablaute hindurch in den Formen schwibchen, schwubchen, Frequentativ von schwacken w. ſ. Der Unterſchied in den drei Ablauten iſt der, daß u die ſtärkſte, a die mittlere, i die geringſte Intenſität der Bewegung der Flüßigkeit bezeichnet. Vgl. Schmidt Weſterw. Idiotikon S. 215. schwächterei fem., ſtarke Hauswirtſchaft — großes Ackergut mit ſtarkem Viehſtand und zalreichem Geſinde. Oberheſſen (Eſtor S. 1419), wo das Wort jedoch nicht zu den üblichſten gehört, Schwalm, Haungrund, in welchen Gegenden es ſehr gebräuchlich iſt. Dieſes ſeltſame Wort wird ſich kaum anders erklären laßen als durch die Annahme, daß daſſelbe eine Entſtellung von Schwaige, alſo = Schwaigerei, Alpenwirtſchaft, ſei; vgl. Schmeller 3, 531 f. schwacken bedeutet die Bewegung einer Flüßigkeit, welche in einem ſtark bewegten Gefäße beſindlich iſt. Die Suppe darf nicht ſchwacken, wenn die Suppenſchüßel auf den Tiſch geſetzt wird; „trag die Gelte (den Zuber) ſtrack, und laß das Vier nicht ſchwacken, daß der Satz (die Hefe) nicht aufgerührt wird“. „ein Glas im Kreiß herumzudrehen, ohne daß es ſchwackt“ bekanntes Kinderkunſtſtück. uberschwacken, überlaufen in Folge heftiger oder ungleichmäßiger Be⸗ wegungen welche mit dem Gefäße gemacht werden, in welchem die Flüßigkeit befindlich iſt. Vgl. schwabchen. Schwade msc., 1) Schatten; der in Oberheſſen ausſchließlich gebräuch⸗ liche, auch in einigen Gegenden der Grafſchaft Ziegenhain nicht unbekannte, anderwärts aber völlig unübliche Ausdruck. Warſcheinlich eine Weiterbildung von ahd. scuwo, welches als Schauw, Schabel (ſ. d.) anderwärts üblich iſt; möglicher Weiſe aber auch eine Verſetzung des d (1) mit w aus mhd. schatewe. Eſtor d. Rechtsg. 3, 1419. üblich. 2) wie hochd. das durch das Mähen in Reihen aufgehäufte Gras; wenig 3) wie hochd. Dampf, zumal ſettig riechender Dampf. Schwaedel neutr., vielleicht zu 2) gehörig, nach Eſtor S. 1419 der Anteil Speiſe, den die Hochzeitgäſte von der Hochzeit mit nach Hauſe nehmen. Jetzt nicht mehr üblich, wenn es ja im dieſſeitigen Heſſen jemals üblich geweſen iſt. Schwager msc. In L. Philipps Reformation von 1527 kommt neben dem Schwager noch ein naher Schwager vor, deſſen Bedeutung, da dieſe Bezeichnung mir ſonſt nicht vorgekommen iſt, ich nicht kenne. Geschwei neutr., Schwägerin. Schmalkalden. Schmeller 3, 523. Schwalm fem., 1) Name des auf den Vorbergen des Vogelsberges, oberhalb des großherzogl. heſſiſchen Dorfes Hopfgarten, entſpringenden und nach einem Laufe von etwa 9 Meilen bei Altenburg mit der Eder ſich vereinigenden Schwänen — Geschweig. 377 heſſiſchen Flußes; im 8. 9. Jarhundert zuuslmanaha, sunalmaha. Es ſcheint (Grimm Gr. 2, 29) dieſer Name das Nebelwaßer, Dampfwaßer zu bedeuten, wenn nicht etwa der Wortſtamm älteren, keltiſchen Urſprungs iſt. ⁴ 2) msc. und zuweilen fem., die Schwalbe; die faſt ausſchließliche Form dieſes Vogelnamens; im Gemeinhochdeutſchen iſt aus dem w des urſprünglichen Wortes sualawa b, in unſerm Dialect der verwandte liquide und dem w um etwas näher ſtehende Lippenlaut m geworden. schwanen; es schwänt mir, es ahnet mir, es ſteht mir dunkel vor. In ganz Heſſen volksüblich. Schwarte fem., 1) wie gemeinhochdeutſch, von der Schweinshaut und der menſchlichen Kopfhaut gebräuchlich. „einen reißen (jetzt auch: ſchlagen) daß ihm die Schwarte kracht“, einen bei den Haaren reißen; auch vom Arbeiten mit dem Kopfe: „arbeiten (lernen) daß die Schwarte kracht“. 2) das erſte und letzte, mithin zur Hälfte convexe Bret eines zu Dielen geſchnittenen Baumes; im Schmalkaldiſchen Schwärtling. schwarz. Die hervorragendſten Fälle, in welchen schwarz als, oft zum Compoſitum gewordenes, Adjectivum in der Volksſprache erſcheint, mögen (außer den bekannten Bezeichnungen der Pferde mit Schwarzschimmel, Schwarz- fuchs, und der Ochſen und Kühe mit Schwarzkopf, Schwarzmaul, Schwarzohr u. dgl., ſo wie der Tauben mit Schwarzschnipp, Schwarzbrüster u. ſ. w.) folgende ſein: Sehwarzamsel, regelmäßige Benennung der Amſel, im Gegenſatz zwar gegen die verſchiedenen Droſſelarten, aber in Oberheſſen zugleich gegen die dort vorkommende weiße Varietät der merula. schwarze Beere, Schwarzbeere, im weſtlichen Heſſen die Benennung der Heidelbeere. schwarzbraun Madchen; hin und wieder (im Fuldaiſchen) der Name für den dunkelfarbigen Adonis. schwarzer Kohl, Trauermalzeit, Leidmahl, nach Begräbniſſen. Nur im Amte Landeck. Schwarzplättchen, Name der von Linne Motacilla alricapilla genannten Grasmückenart, ſonſt auch Mönch genannt; der Vogel iſt bei dem Landvolk bei weitem beliebter als die ziemlich gleichgültig behandelte Nachtigall. schwarzer Peter, ſ. Schafkopf. Schwarzwurzet 1) die bekannte Heilpflanze Symphytum ofſicinale. 2) im weſtlichen Heſſen die Skorzonere. 3) im öſtlichen Heſſen hin und wieder die Paſtinake. Schweher msc., Schwiegervater, welche letztere überflüßige ſchriſt⸗ deutſch gewordene Compoſition bis etwa in die zwanziger Jahre dieſes Jarhunderts bei dem Landvolke in ganz Heſſen durchaus nicht im Gebrauche, ja hin und wieder demſelben kaum verſtändlich war. Auch noch jetzt überwiegt der Gebrauch des alten und richtigen Schweher, Schwäher, bei weitem den Gebrauch von „Schwiegervater“. In älterer Zeit war übrigens auch eine Compoſition, aber eine paſſendere, üblich: Swegerherre (vgl. Schwiegerfrau), z B. bei W. Gerſten⸗ berger Schminke monim. hass. 2, 488. schweigen wie gemeinhochdeutſch. Leellin zrt Geschweig geben, ſchweigen. In den oberheſſiſchen Bußregiſtern aus den beiden letzten Decennien des 16. Jarhunderts findet ſich häufig verzeichnet: „10 alb. wird N. N. geſtraft, hat am gericht kein geſchweig geben wollen“. 378 Schwein — Schwicke. Schwein msc., der Schweinhirt (wol zu unterſcheiden von swin, sus; swein iſt der Treibende, swin das Getriebene, Grimm Gramm. 2, 13). Dieſes Wort iſt jetzt nur noch in dem ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen (Hofgeismar ſ. Falckenheiner Stifter u. St. 2, 454, und Wolfhagen und deren Umgegend) volksüblich. In Kaſſel und Frankenberg iſt es im Anfang dieſes Jarhunderts ausgeſtorben; in Emmerichs Frankenberger Gewonheiten schminke Mon. hass. 2, 702 kommt es vor, und in Kaſſeler Rechnungen und Acten findet es ſich bis über die Mitte des vorigen Jarhunderts hinaus, früher (1486) auch in der Form swen. Weiter ſüdlich als Kaſſel und Frankenberg habe ich das Wort nicht auffinden können. Das Brem. WB. notiert 4, 1123 Sween, Schweinhirt, als nur in Hannover gebräuchlich. schwellhaupt ſ. Blasenkopf. & to- Schwèn neutr., kommt in einer heſſiſchen Urkunde in der ganz zweifel⸗ loſen Bedeutung des Körpers Chriſti am Kreuz vor: liem so hat mein her von Meintz zu setzen ein creutz, und ein swen daran, uff den hoib zu Obern Aula. Oberaulaer Weistum von 1462. Grimm Weisthümer 3, 336. Sonſt iſt mir das Wort nicht vorgekommen, ja es iſt überhaupt unerfindlich. Ob es zu swinau, swein, swinen gehört, in dem Sinne wie von Chriſtus geſagt wird: „er ver⸗ ſwaint (vergießt, läßt dahin gehen, ſich verzehren, verſchwinden) ſein blut“ und Er der „Blutverſwainer“ genannt wird, Schmeller 3, 537, iſt nicht mit Be⸗ ſtimtheit zu ſagen, wenn ſchon warſcheinlich; ſchwerlich wird ahd. suein, taedium (gl. jun. 252. Grimm Gr. 2, 12) heranzuziehen ſein. Schwere Not, Epilepſie. Jetzt faſt nur noch als Fluchwort üblich geblieben, während die Epilepſie am üblichſten als arme Krankheit, böſe Krankheit, auch wol noch als Kränke, und ſchon in älterer Zeit als ſchwere Plage (Marb. Hexenpr. A. v. 1579), als böſer Mangel (Marb. HPAl. v. 1658) bezeichnet wurde. In früherer Zeit bedeutete schwere Nöt aber auch Krämpfe überhaupt, zumal die tödtlichen Kinderkrämpfe: „ob das kind (ein Täufling) nicht den Abend noch die ſchwere noth bekommen?“ (Marb. Hezen⸗ Pr. A. v. 1658 u. öfter). Hypokoriſtiſche Entſtellungen von schwere Nöt als Fluchwort ſind Schwenze⸗ lenz, schwere Nixen (Fulda), schwere Nacke, schwere Hache, Schwereback u. dgl. m. Am nächſten kommt dem urſprünglichen schwere Not der ſehr übliche Fluchausruf Schwere Angst (schwerenangst). Schwerenoeter msc., ſehr übliche Bezeichnung eines böſen, widrigen, zu⸗ gleich liſtigen Menſchen, eines ſchwer zu lenkenden Thieres u. dgl. Schwerttanz. Dieſer eigens heſſiſche Kriegstanz, welcher an die allerälteſten Zeiten des deutſchen Volkstums erinnert, und durch die in Grimms deutſche Sagen 1, 241 aufgenommene Sage vom Schloße Weißenſtein bei Werda unweit Marburg auch in weiteren Kreißen bekannt geworden iſt, hat bis in die Mitte des 17. Jarhunderts als ein volksmäßiger Tanz, zuletzt als ein volksmäßiges Schauſpiel exiſtiert. Im Jahr 1633 beſchreibt ein Knabe aus Willersdorf den Hexentanz auf Walpurgis, dem er beigewohnt haben wollte: „die Tänzer hetten gleich wie die Schwerttänzer getantzet“. Winkelmann hat den Schwerttanz zu⸗ letzt im Jahr 1651 geſehen, und beſchreibt ihn in der Beſchreibung von Heſſen 1, 374 umſtändlich. Schwicke fem., Steg, Brücke, aus Pfählen welche mit Hürden und dieſe wieder allenfalls mit Raſenſtücken überdeckt werden, verfertigt, und zur, meiſt nur ſommerlichen, Ueberbrückung eines kleinen Flußes oder eines Sumpfes 379 Schwieden — Geschwisterde. dienend. In der neueren Zeit werden ſolche Schwicken nur ſelten noch errichtet. Niederheſſen; in Oberheſſen ſagt man Specke (ſ. d.), an der Haune Schaube (ſ. d.). schwieden. In einer Bittſchrift des Pfarrers Johannes Daubner zu Speckswinkel vom December 1562 beklagt ſich derſelbe über das Kriegsvolk: „die dan zum offtermal meine behauſung vffgeſchlagen, die glaſefenſter ausge⸗ ſtochen, das hauſſ durchlauffen, vnd was Ihnen zu handen khommen mit ſich getragen, bin meines Leibs vnd lebens in groſſer fhar vnd ſorgen geſtanden, vber das ſie mein arm weib vnd kinder offte geſchwieth vnd Erſchreckt haben“. Das Wort kann nur heißen ſollen: „Gewalt, Ueberlaſt anthun, vergewaltigen“; kommt aber ſo viel ich weiß, nirgends ſonſt vor. Es bleibt nichts übrig, als daſſelbe an das niederdeutſche swiede (= suitho, swinde) anzulehnen, wozu die Brem. WB. 4, 1119 — 1121 aufgeführten Wörter mit ihren Bedeutungen ziemlich ſichere Anhaltpunkte gewähren, alſo zuletzt auch auf das Angelſächſiſche (sridjan, invalescere) zurückzugehen. Hieraus würde denn auch der heſſiſche Familienname Schwieder ſich erklären: = Dränger, pressor. Dagegen wird swien (: krien) Wiliehalm 391b, wenn es auch nicht sedare (Ziemaun) bedeutet, was wenig warſcheinlich iſt, für unſer Wort nichts austragen. Schwieger fem., noch jetzt in ganz Heſſen die faſt ausſchließliche Bezeichnung der „Schwiegermutter“, welches Wort eine ſpätere und an ſich unnötige Compoſition iſt. Vgl. Schweher. In älterer Zeit findet ſich eine weit paſſendere Compoſition, dem „Schwegerherre“ parallel: Schwiegerfrau. „Hans Diel⸗ mann zu Steinerzhauſen wird um 1 fl. geſtraft, das er ſein ſchwigerfraw vor den hindern gewißen, vnd geſagt: hinden, hinden, hinden, da die hoſen winden“. Wetterer Bußregiſter v. 1591. „ihre Schwiegerfraw Kreina“. Marb. Hexen⸗ proceſſacten v. 1655. Es iſt dieß „Herr“ und „Frau“ ehrende Bezeichnung, ganz gleich dem heutigen „Herr (Schwieger⸗) Vater“, „Frau (Schwieger⸗) Mutter. Der Wortſtamm dieſer uralten Wörter iſt sua (suas) = suus lat., und bezeichnet die leibliche Nähe (Verwandtſchaft) mittels des weiblichen Geſchlechts: suestar (= soror d. i. sosor), suchar, suigar. Schwimel moe., Schwindel, Taumel. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. schwimeln, auch wimeln, wanken, gehen wie ein Trunkener; gleich⸗ falls an der Diemel und Weſer. Beide niederdeutſche Ausdrücke ſind auch im übrigen Heſſen in den Mittel⸗ ſtänden ſehr üblich, zumal wird das Subſtantivum ſehr gern metaphoriſch ver⸗ wendet für Unbedachtſamkeit, Fahrigkeit, Leichtſinn, und das Verbum in der Formel es schwimelt mir, es wird mir ſchwindlig, ich habe meine volle Beſinnung nicht — auch als Ausdruck des plötzlichen höchſten Erſtaunens. Schwippe kem. Dieß Wort iſt an der Diemel, in der Umgegend von Kaſſel und an der Fulda aufwärts bis nach Spangenberg hin die Be⸗ zeichnung der Peitſche; an der Weſer lautet das Wort Suépe, wie auch weiterhin in Niederdeutſchland, namentlich auch im Schaumburgiſchen. In dieſen Gegenden iſt das Wort Geiſel unbekannt; auch Peitſche wurde bis gegen 1830 faſt gar nicht gehört. Geschwisterde plur., ſelten neutr. sing., die gangbare Form für Geſchwiſter. „Das könne er nicht ſagen, ob ſie ſo redlich ſei, als ihre geſchwiſterde. Marburger Hexenproceſſacten von 1596. „die anderen ge⸗ ſchwiſterde“ ebdſ. 1601 und oft. 380 Schwulch — seibern. Schwulcl msc., 1) von ſchwul (ſchwül): drückend heißer Dunſt; in einer Stube, in welcher geheizt iſt und dazu Waßer verdampſt (aus der „Blaſe“), iſt ein „Schwulch zum Erſticken“. In Niederheſſen ſehr üblich, auch ſonſt nicht ungebräuchlich. (Das Wort gehört zu suelan). 2) von ſchwellen: Doppelkinn, zumal ein ſtark hervortretendes. Nur im Schmalkaldiſchen üͤblich, hier auch zuweilen Schwulcher mse. Auch Geſchwulſt überhaupt (Hersſeld, Knüllgegend, Haunthal lhier meiſt Schmulch geſprochen) und auch wol ſonſt noch). Sech neutr. (ſtatt Segg), im Fuldaiſchen mit Berückſichtigung des richtigen Auslautes Saeg geſprochen, wie gemeinhochdeutſch: das Pflugmeßer. Sechwech msc., in Oberheſſen der Keil, vermittelſt deſſen Eintreibens das Sech geſtellt wird; vielleicht der einzige Fall in Heſſen, in welchem Weck noch in ſeiner eigentlichen Bedeutung: Keil, vorkommt. Sechter msc., sextarius, mithin urſprünglich der ſechſte Theil eines größern Gemäßes. Das Wort iſt als Getreidemaß in Oberheſſen, als Getreide⸗ und in Folge deſſen als Ackermaß in der Obergrafſchaft Hanau in allgemeinem Gebrauche, bedeutet aber nicht mehr den ſechſten, ſondern den vierten Theil; ein oberheſſiſcher Sechter iſt der vierte Theil einer Meſte, ein Schwarzenfelſiſcher Sechter der vierte Theil eines Morgens. Schmeller 3, 194—195. Sefler, andere Ausſprache von Sechter, wie ſanft ſt. ſacht, Klafter ſt. Lachter u. dgl., die ſich mitunter, namentlich in Oberheſſen, findet. „Oich ir mesten, seffter vnde moltir masz besehin“. Emmerich Frankenb. Gewonheiten b. Schmincke Monim. hass. 2, 703. Seester (dreiſilbig geſprochen: se-ester) msc., Sieb. Eine angeblich in Schmalkalden gebräuchliche Benennung. Setre fem. verzeichnet Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1418 mit der Bedeutung Waßermehlſuppe, und ſetzt hinzu „Melchseffe, Milchmehlſuppe“. Das Wort wird kein anderes ſein, als Saufen, Sapen (ſ. d.), ſcheint aber ſeit Eſtors Zeit aus⸗ geſtorben, wenigſtens habe ich daſſelbe im Volksgebrauche nicht auffinden können. Segen iſt in der Bedeutung einer theurgiſchen oder zauberiſchen Formel heut zu Tage zwar noch nicht ganz vergeßen, aber man hört doch durchgängig mehr das Wort Spruch, um jene Formeln zu bezeichnen; eben ſo iſt beſprechen, ſogar beſchreien, bei weitem häufiger als segnen. In älterer Zeit, bis in den Anfang des 18. Jarhunderts iſt das Verhältniß umgekehrt: Spruch und be⸗ ſprechen ſinden ſich zwar in den einſchlagenden Actenſtücken ſchon im 16. Jar⸗ hundert, aber nur vereinzelt, die regelmäßigen Ausdrücke ſind Segen und ſegnen. Segn Gon (geſprochen Senggott, ſo daß gott tonlos wird, übliche Gruß⸗ formel bei der Malzeit, gleichbedeutend mit „geſegnete Malzeit“, welche dem Volke nicht ſonderlich geläufig iſt. Eſtor 3, 1318. einsegnen, confirmieren. sehr wird in der Obergrafſchaft Hanau gewöhnlich für faſt, beinahe, gebraucht, in ganz ähnlichem Sinne wie, richtig verſtanden, auch faſt (Adverb von feſt) verwendet worden iſt. „Das Waßer iſt ſehr all“, iſt faſt völlig aus dem Faße ausgelaßen; „das Geld iſt ſehr all“, iſt faſt gänzlich ausgegeben. seibern, sehbern, den Speichel aus dem Munde fließen laßen; niederdeutſche Form des oberdeutſchen saifern (Schmeller 3, 203). In Nieder⸗ und Oberheſſen allgemein üblich; eben ſo in der Grafſchaft Hohenſtein (Journal Seichen — Seil. 381 v. u. f. Deutſchl. 1786, 2, 117), auf dem Weſterwald zaebern (Schmidt S. 170). Eſtor 3, 1418. Seiber, Sebber msc., aus dem Munde herabfließender Speichel. Seiberiuch, Seiberläppchen, Tuch mit Bändern, welches den ikleinen Kindern vorgebunden zu werden pflegt, um deren herabfließenden Speichel auf⸗ zufangen. Anderwärts Schlabber. seuerduc, emunctorium Diutiska 2, 224a. Vgl. sabbern. seichen, das ausſchließliche Wort für mingere; weit ſeltner hört man brunzen, welches ohnehin nur vom weiblichen Geſchlecht, höchſtens von kleinen Knaben, gebraucht wird. Das Volk iſt ſtark in draſtiſchen Verwendungen dieſes Wortes; ſo lautet z. B. eine höhniſche Abfertigung in Hersſeld: „gih, gih, ſech der [deiner] Mutter uf de Kees, daß ſe ſchörf wern“, an der Schwalm: „gih, ſech de'r Mudder uf die Herdſtati, daßs Röch git“. &ureLe tc) Hochseicher, Hochmutsnarr (metaphoriſche Verwendung einer ſehr unfigür⸗ lichen, unter Knaben ſehr gewöhnlichen Procedur); in Niederheſſen ſehr üblich. fu.e Seichammel fem., gewöhnlich in neueſter Zeit Seichhammel geſprochen und masculiniſch verwendet, die faſt ausſchließliche Bezeichnung der Ameiße im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, und in der Form Séchummelsche (ſ. Um⸗ melsche) in Oberheſſen. Der giftige Biß der Ameiße gilt nämlich nicht als ein Beißen, ſondern nach allgemeiner heſſiſcher Annahme als ein Beſeichen. Seiche fem., Urin. „dünn wie Pferdeseiche“, übliche Verurteilung ſchlechten Vieres. Seife, Seif, masc., bedeutet der gewöhnlichen Annahme zufolge einen Ort, an welchem zu Tage liegendes Erz ausgewaſchen wird, hier in Heſſen aber bedeutete es geradezu Wieſe. „N. N. ſuppliciren gegen vnd widder mich, eines Seyffen odder wieſenn halben — bitte aber, mir den Seyffen odder wieſenn zu laßen, — weilen der angezogene ſeyff odder wieſenn“ u. ſ. w. Schreiben des Balthaſar von Joß, Schultheißen zu Kreinfeld, an Burghard von Cramm zu Marburg v. 1. Juli 1567. Der appellativiſche Gebrauch des Wortes iſt er⸗ loſchen, aber als Eigenname von Wieſen kommt Seif noch hin und wieder vor. So findet ſich ein einfaches Seif bei Treisbach A. Wetter, bei Allendorf am Bärenſchuß ein Kirchenſeif, welches Wort noch jetzt als Kirchenwieſe ver⸗ ſtanden wird; bei Schwarzenborn am Bärberg und ebendaſelbſt am Bilſtein liegen Waldwieſen, welche die Seifen heißen; eine Seifenwieſe iſt bei Frankenau; ein Seifengrund und über demſelben ein Seifenköpſchen bei Kaupen im Fuldaiſchen, ein Seift endlich zwiſchen Rauiſch⸗Holzhauſen und Mardorf vorhanden. Seil neutr, wie gemeinhochdeutſch. ein Seil Koras, eine Korn⸗(Roggen⸗)Garbe. So wird in vielen Rechnungen der Renterei Rauſchenberg (1552— 1623), doch nicht in allen, die Garbe Korns von den Weizengarben, Gerſtengarben und Hafergarben unterſchieden; letztere heißen Garben, nur die Korngarbe Seil; eben ſo unterſcheiden dieſelben Rech⸗ nungen auch Sireckling, Bund Roggenſtroh, von den Strohgebunden anderer Getreidearten. S. Sireckling. Heut zu Tage wenig mehr üblich, und, ſo viel ich weiß, am wenigſten im Sinne der angegebenen Unterſcheidung. Bindseil, übliche Bezeichnung des Bindfadens, welches Wort völlig unge⸗ bräuchlich iſt. Vgl. Härkel. Strohseil (vgl. Lensei). Seilerhans, langweiliger Erzäler, Schwätzer. 382 Sekel — Seng. Sékel msc., Taſche. Nur im Schmalkaldiſchen gebräuchlich, anderwärts unverſtändlich. Auch Sack als Taſche kommt in Heſſen ſehr wenig vor. Sclbende neutr. oder Silbende, plur. Selb-enden, Silb-enden, iſt die in dem gröſten Theile von Heſſen (die Form Silbende in Oberheſſen) herſchende richtige Ausſprache des urſprünglich holländiſchen Namens der ora panni, welcher zuerſt in Salbende, dann gar in das monſtröſe Sahlband, Sahlbänder iſt entſtellt worden. Das holländiſche Wort iſt selfende, auch selfegge (niederdeutſch sulfegge) und selfkant, und bedeutet das dem Tuche ſelbſt eigene (nicht ge⸗ ſchnittene), natürliche Ende, das Ende mit welchem das Tuch von ſelbſt ein Ende nimmt, und welches ihm nicht durch Abſchneiden gemacht wird. Schmeller 3, 233, welcher Selb⸗end als am untern Main herſchend bezeichnet, wie denn auch im Hanauiſchen meines Wißens nur Selb⸗end ge⸗ ſprochen wird. Vgl. Leiste. seld, dort; ganz wie das baieriſche seld (Schmeller 3, 232), aus selbt entſtellt. Schwalm, Fulda, Schmalkalden (wo man sell ſpricht), Ober⸗ grafſchaft Hanau, anderwärts nicht bekannt und unverſtändlich. seller, selle, selles, derſelbe. Im Hanauiſchen. Senf malen war in älterer Zeit eine nicht ſelten vorkommende Formel für: nichtige Reden vorbringen, wovon die Redensart „einen (langen) Senf machen“ noch jetzt üblich iſt. Eine eigentümliche Redensart aber findet ſich in der von einem Ungenannten, höchſt warſcheinlich jedoch einem Hersfelder, ver⸗ faßten Chronik, welche bei Senkenberg Selecta juris et historiarum 3, 301—514 abgedruckt iſt: eine Senfmühle heim bringen für: nichts ausrichten; „da wolte er sich auch versuchen, und sich reich rauben im Lande zu Hessen, aber er raubet ein senffmüllen, die führet er mit ihm heim“, S. 399. 452. Seng neutr., Bezeichnung einer Waldſtrecke, welche einſach am Burgwald (ſchon 1550), ſonſt aber in mannigfachen Formen und Compoſitionen faſt in allen heſſiſchen Wäldern vorkommt, und, wenigſtens in ihrer überwiegenden Mehrzal, auf das ehemalige Niederbrennen der Wälder hinweiſt, wovon die zal⸗ reichen Namen von Waldorten, Trieſchern und Bergen Zeugniß geben, die bald als der gebrannte Berg, das Gebrannte, der Brand, bald als Aſchen⸗ berg, Aſcherberg, Aſchergrund u. ſ. w. überall zu finden ſind. Brannte man doch ganze weite Waldſtrecken nieder, bloß um Aſche zur Glasfabrication zu gewinnen. Zu den Zuſammenſetzungen mit Seng gehören z. B. die Sangel⸗ platte (an der hohen Warte oberhalb Liſcheid), die Sengelhart (zwiſchen Kammerbach und Oberrieden), die Sangenhecke (zwiſchen Königswald und Dankerode), der Sangeberg (Obergrenzebach), der Sengelsberg (Nieden⸗ ſtein), das Sengiſch (Frauenborn) u. a. Nur ein, und nicht ganz unerheb⸗ liches Bedenken tritt dieſer Ableitung entgegen. Der ſo eben nach der jetzigen Forſtbezeichnung Sangelplatte genannte Forſtort wird von 1550— 1600 in den Josbacher (Rauſchenberger) Forſtregiſtern, welche ſich in der Namenbezeichnung durchweg ſorgſam und zuverläßig zeigen, conſtant und zu unzäligen Malen am Sungelſch bezeichnet. Dieß iſt aber genau dieſelbe Form, in welcher das Volk ſchon im 16. Jarhundert den Namen des Dorfes Singlis ausſprach, und im Ganzen noch heute ausſpricht; Singlis aber hieß 1123 Sungeslon, und im Breviarium S. Lulli, wenn anders richtig geleſen worden, Sungsule. Dieß will ſich zu einer Anlehnung an ſengen doch durchaus nicht fügen. Sich — Siegen. 383 sich. Dieſer Aceuſativ des reflexiven Perſonalpronomens wird in Ober⸗ heſſen nicht bloß für die dritte Perſon, ſondern auch für die erſte des Plurals als Reflexion gebraucht; z. B. lauten die Formeln: wir wollen uns ſetzen, wir müßen uns lieb haben, in oberheſſiſchem Munde: „mer wolle ſich ſetze“, „mer müße ſich lieb habe“, und die Stellung dieſes ſich iſt, vom Gemeinhochdeutſchen abweichend, vor dem Perſonalpronomen der dritten Perſon:⸗„das könne ſich ſe mit laße bringe“. Sichling msc., Getreidegarbe. Jetzt nur noch“im Hanauiſchen, und, wie es ſcheint, beinahe im Abſterben begriffen, im Amt Wetter in Oberheſſen üblich, hier jedoch nur vom Korn (Roggen); von den übrigen Getreidearten wurde und wird noch Garbe gebraucht (Wetterer Rentereirechnung von 1550 — 1620). Vgl. Seil und Streckling, desgl. Schaub 2). side, niedrig, tief gelegen; sider(Comparatwv), niedriger, weiter unten. Dieſes niederdeutſche (angelſächſiſche, däniſche) Wort findet ſich im ſächſiſchen Heſſen, aber auch an der Werra, aufwärts bis in die Gegend von Eſchwege. Hier wird side, auch sade, deminutiv südchen, auch für platt, flach gebraucht: ein sider Teller. süde bedeutet indes daſelbſt auch langſam; südchen gehen, ganz langſam, gemächlich gehen; im Schmalkaldiſchen sutjes, gelind, allmälich. Anderwärts, ſelbſt im weſtfäliſchen Heſſen, nicht gebräuchlich und meiſt völlig unverſtändlich. Richey Id. Hamb. S. 253. Brem. WB. 4, 782 f. Sidel fem., langer ſchmaler und niedriger Kaſten, welcher in den Bauern⸗ ſtuben an den Wänden her geſtellt iſt, und urſprünglich als Verwahrungsort für Flachs, Leinwand und Kleider diente, jetzt aber meiſt nur zur Aufbewahrung von Lumpen und unbrauchbarem Geräte (Gelürre) benutzt wird. Dieſe Sidel dient zugleich als Bank. Heut zu Tage iſt die Sidel faſt aus ganz Heſſen verſchwun⸗ den, und findet ſich nur noch im Fuldaiſchen, zumal im Kreiße Hünfeld, ſo wie vereinzelt im Schmalkaldiſchen. In letzterer Gegend iſt Sidel wol auch Be⸗ zeichnung eines Fruchtkaſtens. Im übrigen Heſſen iſt nebſt der Sache auch der Name längſt, ſchon im vorigen Jarhundert, abgängig und jetzt völlig unbekannt geworden. Schmeller 3, 200. sider, sider, heſſiſche und ausnahmslos in Oberheſſen herſchende Form für ſeit, analog dem mittelniederdeutſchen seder, sedert, Grimm Gramm. 3,258. „Vnd dieſer geſelle ſey lange vor nechſt verwichenem Michaelis weg geweſen, doch ſey er ſieder dem etwa vor acht wochen wieder hier geweſen“. „als ſieder Chriſtag her das Geſchwätz gangen“. „ſieder der zeit her hette ſie keine geſunde ſtunde gehabt“. Marburger Verhörprotokolle von 1680. Vgl. Richey S. 253. Brem. WB. 4, 731. Siegen msc., Vertiefung auf dem Felde, wohin das Regenwaßer ſeinen allmälichen Ablauf nimmt, Vertiefung, tiefere Stelle der Flur überhaupt. Dieſe Bedeutung des von dem aus der Schriftſprache wie aus der Volksſprache ver⸗ ſchwundenen sigen, cadere, defluere, abgeleiteten Wortes wird im nördlichen Niederheſſen noch verſtanden, indes appellativiſch ſoll daſſelbe gleichwol nicht mehr verwendet werden; man weiß nur noch, warum die äüßerſt zalreichen Siegen, Benennungen von Flurſtrecken und Flurſtücken, dieſen Namen führen. Wo indes im ſüdlichen Niederheſſen dieſe Benennung — nur vereinzelt — noch vorkommt, wird ſie lediglich als unverſtandener Eigenname behandelt. Es iſt dieſelbe einfach wie zuſammengeſetzt äußerſt häufig; einfach z. B. bei Wolfhagen, Zweſten, Fürſten⸗ wald, Oberrieden; Zuſammenſetzungen ſind u. a. Auenſiegen, Erzſiegen 384 Siegwinden — Sickel. (Niederthalhauſen, bis jetzt der ſüdlichſte Punkt, wo mir dieſe Bezeichnung begegnet iſt), Gemeindeſiegen, Heckenſiegen, Knotenſiegen u. dgl. mehr. Vgl. Schmeller 3, 213. Siegwinden, Name eines Gehöftes im Gebiete der ehemaligen freien Reichsritterſchaft, jetzt im Juſtizamt Eiterfeld, auf einer Waldblöße oberhalb des Dörſchens Hermansſpiegel gelegen. Es wird dieſer Name hier um ſeiner — ſehr wahrſcheinlich — mythologiſchen Bedeutung willen verzeichnet. An ſich iſt es möglich, denſelben auch an den Volksnamen der Wenden (ſ. d.) anzulehnen, vermutlich aber iſt die älteſte Form von Siegwinden nicht Siegwinne, wie er im 16. Jarhundert mir vorgekommen iſt, ſondern Siegminne, und das Gehöfte trägt unter dieſer Vorausſetzung den aus dem Wolfdietrich bekannten Namen eines Wünſchelweibes, einer Waldminni, welche an der Stätte des jetzigen Gehöftes in dem langgeſtreckten, ehemals ſehr dichten und einſamen Walde ihren ſagen⸗ haſten Wohnplatz gehabt haben muß. S. Grimm Mythol. (2) S. 404—405. Vgl. Viermünden. Bis zum Jahr 1816 und wol noch etwas länger wurde Siegwinden in Hersfeld und deſſen Umgebungen, im Amt Landeck u. ſ. w. gleichſam ſprichnört⸗ lich gebraucht. Der Hof liegt äußerſt einſam und faſt von allem Verkehr ab⸗ geſchnitten, und gehörte zur „Ritterſchaft“, welche eben ein „fremdes Land“ war. So ſagte man denn, wenn man eine weite Entfernung, gleichſam eine Reiſe in die Wüſte, bezeichnen wollte: „bis nach Siegwinden gehen“, „bis nach Siegwinden gekommen ſein“ —: wiewol Siegwinden ſo zu ſagen vor den Thoren von Hers⸗ feld (kaum zwei Wegſtunden entfernt) liegt. Jüngeren Männern machte es noch in den Jahren 1820—1830 Vergnügen, Siegwinden aufzuſuchen, und ſie pflegten ſich nicht wenig darüber zu freuen, „Siegwinden gefunden und mit Augen geſehen zu haben“. Heut zu Tage findet jene Redensart, aber auch dieſe Freude nicht mehr Statt. siecheln, Frequentativ von siechen, gleichbedeutend mit sochern und sückern. „Das Kind hette den ganzen Sommer geſiechelt“. Eſchweger Hexen⸗ proceſſacten von 1657. Niederheſſen, wo sochern nicht üblich iſt. Siesse fem., gewöhnlich Sesse, Soesse geſprochen, aber ſchon ſeit 150 Jahren faſt ausnahmlos Süsse, Süss geſchrieben, Eigenname einer großen Anzal von Flurſtellen in den Feldmarken, beſonders im öſtlichen Heſſen zwiſchen Fulda und Werra, ſo wie dreier bewohnter Ortſchaften. Frankenhain A. Abterode: in der (den) Süßen, in der Seeßen, Röhrda und Wipperode: auf der Süße (Süß); Breitau: an der Seeße; Erkshauſen: auf der Sößen; Gilfershauſen: auf (in) der Söß (Süß) u. v. a. Die Ortſchaften ſind: Süß, Rockenſüß und die Hoheſüß, letztere ein Hof. Es iſt nicht zu be⸗ zweifeln, daß alle dieſe Namen identiſch, und nichts anderes ſind als das ahd. siazu, praedia (Dronke Programm des Gymnaſiums zu Fulda 1842. 4. S. 17), welches Wort längſt ſchon als Ortsbezeichnung aus Neugart bekannt war (Neugart Trad. No. 155 vom Jahr 805 und Nr. 226 v. J. 826: Wolkpoldes siaza ſsiuzzo]). Genauer iſt unter siaza, praedia zu verſtehen ein im Walde ge⸗ legener Weideplatz für Rinder; ſ. J. Grimm in Haupt Zeitschrift für deutsches Alterthum 2, S. 5 6. Val. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 1, 270. 4, 93. sick oder zick, Lockruf des Schäfers für die Schafe in ganz Heſſen; oft siekt da! Aehnlich in Baiern ſuck, aber für die Schweine, Schmeller 3, 198. Sickel neutr., ſoll „in einigen Dörfern um Grebenſtein“ das Saug⸗ Sickeru — sirbeln. 385 ſchwein, Sogferkel bezeichnen. Ich habe das Wort nicht ſelbſt vernommen; indes iſt die, ſonſt nicht von der zuverläßigſten Seite mir zugekommenen Mitteilung aus dem Grunde nicht gerade unwarſcheinlich, weil in einer Grebenſteiner Rech⸗ nung von 1430 „junge sickeln“ vorkommen, welche dem Zuſammenhang nach kaum etwas anderes ſein können, als Ferkel. sickern, geſprochen sekern, Frequentativ von ſigen, ſeigen, langſam durchtröpfeln, wird in Oberheſſen nicht allein von dem langſamen Tröpfeln, z. B. von einer dürftig laufenden Brunnenröhre („das Rohr sekert nur noch), ſondern auch vom langſamen Trinken gebraucht: „was sékerst du ſo lang? Sil msc., Abzugskanal; im weſtfäliſchen Heſſen gebräuchlich. Richey Id. Hamb. S. 254. silen mse., auch Sellen, Süllen, sinn geſprochen, das Vordergeſchirr der Pferde, der Riemen, welcher dem Pferde vor der Bruſt hergeht, Vordergeſchirr, Zuggeſchirr. „das der Beclagte Hans Wagenern dem hoffmann zu Fronhauſen negſt verſchienen herbſt einen zugk Siell vnd ein affter Siell geſtolen hat“. Fiscaliſche Auklage gegen Junghans von Ober Asphe v. 29. April 1601. Es iſt das Wort ein gemeinhochdeutſches, in der Schriftſprache indes faſt gar nicht vorkommendes, in den Dialecten aber durch ganz Deutſchland übliches, in Heſſen nur an der Werra etwas weniger als in den übrigen Gegenden gebräuchliches Wort. silscheit neutr., das Stück Holz, an welches die Zugriemen oder Zug⸗ ſtricke des Pferdegeſchirres, auch wol des Ochſengeſchirres, angeſchirrt werden und welches das Vorderteil der Zugwage, Wage bildet. Allgemein üblich. Das Wort iſt uralt. Schmeller 3, 229. Sime fem., Schnur, Strick, Bindfaden, beſonders ein dünnerer und kürzerer. Niederheſſen, aber auch in Oberheſſen und ſogar da, wo das faſt ſynonyme Härfel (ſ. d.) gebräuchlich iſt, wie in Hersſeld, keinesweges unbe⸗ kannt. Das Wort iſt niederdeutſch, fehlt aber in den älteren niederdeutſchen Idiotiken (erſt Schambach Gött. Jd. 1858 S. 192 hat es verzeichnet), und findet ſich auch im Frieſiſchen, Nordiſchen und Holländiſchen. Der Vocal des urſprünglichen Wortes simo msc. Hel. 157, 20 u. a. St. iſt ohne Zweifel kurz (J. Grimm Andreas S. 101 zu v. 183, gegen Schmellers Annahme) wie dieß die heſſiſche Ausſprache beweiſt; daß einmal (1629, Landau Geſchichte der Jagd S. 330) seime vorkommt, muß als eine Ausnahme gelten. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 90—91. simulieren, wird auch in Heſſen, wie anderwärts (Schmidt Weſterw. Id. S. 217) vom Volke für nachdenken, ſinnen, ſehr gewöhnlich gebraucht. singeln, fehlerhafte, auch im ſüdlichen Oberheſſen wie auf dem Weſter⸗ walde übliche Ausſprache von zingern (ſ. d.). P U2b sinnig iſt in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Diſtrikten Heſſens durchaus volksüblich: „ein ſinniger Mann“ bedeutet nicht bloß einen verſtändigen, über⸗ Strodtmann ld. Osn. S. 211. sippern, ein wenig Feuchtigkeit von ſich geben, meiſt von Wunden: die Wunde ſippert, d. h. ſie fängt an zu eitern. Niederdeutſch, aber überall gebräuchlich, gewöhnlich im Sinne einer Deminution von suppen (ſ. d.). Scham- bach Gött. Id. S. 192. sirheln, ſchlecht auf der Geige ſpielen. Haungrund und Ungegend. Vilmar, Jiotikon. 25 386 Sisen — sohren. sisen, Deminution von susen; das im Sieden begriffene Waßer sist. ziſcht; naßes Holz sist, wenn es angebrannt wird. Iſt das Waßer in der Blaſe in vollem Sieden, ſo shst es. Niederdeutſch, aber allgemein gebräuchlich. Schambach Gött. Jd. S. 192. Six, geſprochen Séæ; meiner Séw, eine auch bei Bürger vorkommende, in Heſſen jedoch nur im Fuldaiſchen, vorzugsweiſe im Bezirke der Hauna übliche Beteuerung: bei meiner Treue! smöken, auch schmöken geſprochen, hochdeutſch ſchmauchen, iſt in den niederdeutſchen Bezirken Heſſens, vorab in den weſtfäliſchen, noch immer das bevorzugte Wort für das Rauchen des Tabats. In niederheſſiſchen, nicht dieſen Bezirken angehörigen Acten des 17. Jarhunderts findet ſich ſchmauchen vom Tabatsrauchen gleichfalls, aber doch nur einzeln; entweder wird auch hier trinken geſagt, wie in den oberheſſiſchen Acten, oder es findet ſich auch ſchon rauchen (wenigſtens im Jahr 1698). sochern, söchern, suchern, als Frequentativ von sGren, süren, ge⸗ braucht, wenn gleich pon siechen, Sucht, ſtammend: kränkeln, zumal zehrend kränkeln. „er ſey, nachdem er lang zuvor geſochert, geſtorben“. Marburger Hexenproceſſacten von 1658 (denſelben Mann betreffend, von welchem sören gebraucht worden). Häufiger wird in MHPrAl. v. 1657 ſuchern geſchrieben. Oberheſſen, Schwalm, Schmalkalden (hier sachern geſprochen). 2: Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen iſt das Wort gleichſalls, in der Form sückern vorhanden, bedeutet daſſelbe, was es in Oberheſſen bedeutet: aus⸗ zehren, ſchwinden, und wird beſonders von Kindern gebraucht. In Baiern sochen Schmeller 3, 191. Söcherung fem., die Schwindſucht. Schwalm, Oberheſſen. Sôgferkel neulr. nennt man in Heſſen, beſonders in Niederheſſen, das noch an der Mutterſau ſaugende Ferkel, ſo daß das Wort genau dem ober⸗ deutſchen Spanferkel (von spanan, spuon, lactare) zentſpricht. So hat auch Alberus Dict. Bl. Ooa: „Nefrendes porei, ſpenferckeln, ſugferckeln“. Söhre fem., Wald⸗ und Bergname in Heſſen, einmal eines ausgedehnten Waldgebirges, welches ſich von Kaufungen bis nach Melſungen hinzieht, ſodann aber auch einzelner Berge und Wälder, z. B. im Bergbezirk des Knülls, dicht ſüdlich über Schwarzenborn, ferner bei Treyſa, dann an der Werra im Forſte Rosbach (Kopp Handb. 5, 380), und anderwärts. Auch ſcheint hierher zu ge⸗ hören der Name eines hohen Vorberges der Rhön, zwiſchen Schenklengsfeld und Rasdorf, welcher im Dialect Sösberg, Soisberg heißt, urkundlich aber Soresbere lautet, an deſſen ſüdlichen Abhängen die Ortſchaften Soisdorf und Soislieden (ſ. Lite) liegen und ein Bächlein fließt, welches den Namen Soraha führte. Ein zweiter Sösberg findet ſich am Thüringer Walde, und ein Sösenberg bei Rauſchenberg. Wollte man mit Sor, Söhre auf eine deutſche Wurzel zurück⸗ kommen, ſo müßte dieſelbe siura, saur, surum lauten, aber in dieſer Conjugation (iu, äu, u) gibt es keine Wurzeln mit Liquiden im Auslaut. Es bleibt, wie es ſcheint, einſtweilen nichts übrig, als das Wort für einen keltiſchen Namen zu halten, dergleichen Milſeburg, Belchen und manche andere faſt unzweifelhaft ſind. Die von mir Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 1, 249 angedeutete Beziehung auf soren, arsoren, emarcescere (Diut. 1, 530a) kann daneben recht wol Be⸗ ſtand behalten, da das Wort soren vielleicht ſelbſt keltiſchen Urſprungs iſt, vgl. Stalder 2, 372. Schmeller 3, 280 —281. soharen, süren, austrocknen, ſiechen, hinſiechen. „Daß beede, der Becker Sockern — Solder. 387 vnd ſeine fraw geſohret, weren einen Tag nach einander geſtorben“. Marb. Hexenproceſſacten v. 1658. „wahr, daß das mägdlein Catharin daruf ſohrend, vnd je langer je krancker worden“ ebdſ. in der peinlichen Anklage des Fiskals. Oberheſſen, Obergrafſchaft Hanau, ſonſt nicht oder nicht mehr im Gebrauch; hin und wieder kommt in dieſen Gegenden auch die auf dem Vogelsberg ſehi übliche Redeweiſe sich süren vor, d. h. ſich ſchwere Kümmernis machen, ſich kränken. Dieſes letztere Wort ſcheint auf sdr (acidus) zurückzugehen, unſer sohren auf arsoret, emarcescit Diut. 1, 530a. Schmeller 3, 280. Surkrankheit, Kränklichkeit, leiſes, allmäliches Hinſiechen, Zehrung. Ober⸗ grafſchaft Hanau (Schlüchtern, Schwarzenſels). Vgl. sochern. sockern, ſickern, hindurchtröpfeln, von Flüßigkeiten, welche durch feſte Körper nach und nach hindurchdringen; das Waßer ſockert durch unglaſierte Töpfe hindurch. Von suttern mithin ſehr beſtimt verſchieden. Mittelheſſen. Ander⸗ wärts z. B. in Oberheſſen, wird sockern gleichfalls, aber daneben auch ſehr gewöhnlich das gemeinhochdeutſche ſickern gebraucht. Sol (auch Söl) neutr., im Plural Söler und Soeler. 1) jetzt nur noch als Eigenname bruchiger, ſumpfiger Waldorte vorhanden, aber ſehr häufig: das faule Sol, das alte Sol, die Steinbachs ſöler; das hohe Sohl (Flörsbach); am häufigſten in Oberheſſen. Das Wort iſt ſehr alt; daz Grimensol erſcheint ſchon in der Wirzburger Grenzurkunde von 772; sol bedeutet volutabrum, Schmeller 3, 231. Heut zu Tage wird appellativiſch nicht mehr Sol, ſondern Suhl geſagt, und zwar nur noch äußerſt ſelten das Suhl, gewöhnlich die Suhle, in welcher ſich die Sau, der Hirſch ſuhlt. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 1, 253. 2) der mit Salz vermiſchte Erdhaufen, welcher dem Wildbret im Walde aufgeſchüttet zu werden pflegte. „Sechs meſten an Saltz — ſo furthin dem wiltpret im burckwald zu ſalezſohlen gebraucht“. Wetterer Rentereirechnung von 1562. „1 Wagen hat Erden zu den Sollen vf dem Langendorffer walt gefürt“; „1 Wagen hat Holtz bei den Saltzhauffen am Langendorffer Wolt gefürt“. Rauſchenberger Rentereirechnung von 1596. „1 Wagen hat Erden zu den Sollern vor Wildpredt vff der hohen wart gefürt“: Ebdſ. 1597; und öfter. Solder msc., Boden, Decke des unteren, Fußboden des oberen Stock⸗ werkes. Das Wert iſt mir nur in den Rechnungen der Univerſitäts⸗Vogtei Singlis aus dem 16. Jarhundert vorgekommen, wo es oft erſcheint. „25 alb. Kleinhen geben, hat 2 tage vff dem langen baw Solder geſchlagen, vnd ſonſten 3 tage an der hern Scheuren gekleibet“ 1578. „10 alb. geben Clauß Scharpffen hat 2 tage vff dem langen baw Solder helfen ſchlagen“ 1578. „20 alb. geben Kleinhen hatt 4 tage vff der kymnode einen Neuwen Solder geſchlagen Auch in der hern kammern gekleibet“ 1580. „hat 3 tage Solder geſchlagen“ 1586. „2 fl 23 alb Cunz kortten hatt 15 tage Spielln gehauwen Solder geſchlagen vnd gekleibet“ 1587. Neben dieſem Ausdrucke komt (doch nur einmal, 1592) por: „das er den Boden geſchlagen“. Friſch 2, 285e und Brem. WB. 4, 915 verzeichnen aus Niederdeutſchland nur die Form Soller; dagegen komt bei Schottel Haubtſpr. S. 1417: „ſolder, büne“, und in (Peter Laurenbergs) Acerra philologiea (Ausg. v. 1667 S. 685) vor: „Aber der war vom Boden oder Solder herunter geſtürtzet“; und eben ſo hat das Holländiſche: Zolder, contignalio, tabulalio. Das Schlagen des Solders wird ohne Frage das Be⸗ wickeln der Speilſtecken mit Strohiehm und das Feſtſchlagen deſſelben geweſen ſein. 25“ 388 Solper — Sonutag. Es gehört dieſes Wort, wie amen, laupern, milgen u. A. zu den Elementen tief niederrheiniſcher und niederländiſcher Sprache, welche im 15. und 16. Jar⸗ hundert ſich in Heſſen finden, mit dem 17. Jahrhundert aber verſchwinden. Solper (Sulper) msc., auch wol neulr., die Einſalzung des Schweinefleiſches. „Das Fleiſch in den Solper legen“; „die Speckſeiten müßen ſo und ſo lange, die Schinken aber ſo und ſo lange im Solper liegen, bis ſie Solperbrühe ziehen“. Solperſteizch, eingeſalzenes Schweinefleiſch, z. B. Rippenbraten „aus dem Solper“. Solperknochen, Unterbeine und ſonſtige Knochentheile des Schweines, welche mit dem ihnen anhängenden Fleiſch eingeſalzen, dann gekocht werden und für beſonders wolſchmeckende Theile des Schweinefleiſches gelten. einsolpern, solpern, Schweinefleiſch einſalzen. In ganz Altheſſen die ausſchließliche, außerhalb Heſſens über Frankfurt hinaus, wo die aufgeführten Ausdrücke gleichfalls üblich ſind, kaum oder gar nicht vorkommende Bezeichnung. Metaphoriſch wird Solper gebraucht, um die Auſbewahrung der Rache für eine zugefügte Beleidigung zu bezeichnen: „er hat noch etwas bei mir im Solper“; auch wol ironiſch vom Aufbewahren einer wertloſen Sache: „da, das leg dir in den Solper“; „das ſolper dir ein“. Das Wort iſt ſichtlich nichts anderes als Salpeter, welcher zum ein⸗ ſolpern ehedem faſt ausſchließlich, jetzt noch wenigſtens theilweiſe, verwendet wird; indes wird dieß Wort wenn nicht der hier angegebene Gebrauch bezeichnet werden ſoll, niemals Solper, ſondern in unentſtellter Form geſprochen. sömmerisch, ſommerlich. „Ein ſömmerſch Feld“, eine ſonnig, warm gelegene Flur. „Sömmerſch angethan ſein“, leichte Kleider tragend, wie man ſie im Sommer zu tragen pflegt. Sondersiechenhaus. Dieſe, eigens den Leproſenhäuſern zu⸗ gehörige Bezeichnung fand ſich in Heſſen nur einmal: für das zwiſchen Asbach und Hersfeld an der Landſtraße unfern Asbach gelegene Siechenhaus, welches um das Jahr 1864 abgebrochen worden iſt. Andere Krankenhäuſer, welche ſo⸗ wol nach ihrer Lage, in Entfernung von den Städten, als ihrem Namen nach, Leproſenhäuſer geweſen ſein müßen, heißen die Sieche (zwei Häuſer bei Mar⸗ burg, die unterſte und oberſte S.), der Siechenhof (bei Kaſſel). Vgl. Schmeller 3, 190 und 268. Sonnabend iſt in Altheſſen die ausſchließliche Benennung des ſiebenten Wochentages; Samſtag iſt gänzlich unbekannt. Sonnabendskopf, Name eines hervorragendes Verges bei Melnau. Sonnenkrämer, die im 16. Jarhundert ſehr häufig vorkommende Bezeichnung eines Hauſierers, welcher ſeine Waare nicht im Hauſe, ſondern im Freien, an der Sonne, feil bot; meiſtens hatten dieſe Sonnenkrämer geringfügige und ſchlechte Waaren, oft eigentlichen Trödel, die ſie an die unkundigen Land⸗ leute um hohe Preiſe abſetzten. Es wurde deshalb den Sonnenkrämern oder Knapſäcken das Hauſieren in Heſſen durch die Reformation des L. Philipp vom 18. Juli 1527 verboten. Vgl. Friſch 2, 287. Sonniag. Redensart: „er verſteht ſo viel, wie die Kuh vom Sonntag“, er iſt ungewöhnlich beſchränkt, dumm. Sonntagsgesicht, heiteres, freundliches Antlitz. Sonntagsstaat, übliche Bezeichnung der Sonntagskleidung, Feſtkleidung. Culdener Sonntag, im Fuldaiſchen, der Sonntag nach dem Quatember; Sosen — Spällering. 389 gulden Sonnlagskind (ſonſt gewöhnlich bloß: Sonntagskind) ein an einem dieſer vier Sonntage Geborener, welchem damit die Fähigkeit verliehen iſt, Geiſter zu ſehen. Hutzelsonntag, im Fuldaiſchen die Bezeichnung des Sonntags vor den Faſten, Quinquageſimä, an welchem die Hutzeln (ſ. Hotzel) als Leckerbißen eine große Rolle ſpielten, und welcher durch die Feuerbeluſtigungen (ſ. Blesen, Hagel⸗ rad) ſich auszeichnete. Letztere ſind, längere Zeit beſchränkt, wieder in ziemlich allgemeine Uebung gekommen. Der Hutzelſonntag gilt im Fuldaiſchen als eins der bedeutendſten Volksfeſte, und im vorigen Jarhundert wurde von Karl Benediet Welle (geb. 1723, einem fuldaiſchen Beamten, zuletzt Director der Obereinnahme) ein volksmäßtges Lied auf den Hutzelſonntag verfaßt, welches ſchnell allgemeine Verbreitung fand und ſich noch jetzt, nach faſt einem Jarhundert, im Munde des Volkes erhalten hat. sôsen (sich), ſich beruhigen, nachlaßen, vom Schmerze, wenn derſelbe allmälich verſchwindet. Niederheſſen, ſehr üblich. Sosse, Söse fem., ſoll die Latte (Diele) ſein, welche über die Balken⸗ köpfe am Hauſe genagelt wird, dieſelben vor dem Wetter zu ſchützen. S. Lan⸗ dau in der „Dritten Ausführung über den nationalen Hausbau“ in der Beilage zu No. 12 (Sept. 1860) des Allg. Correſp. Bl. der hiſt. Vereine. Soſſen⸗ wein, worauf L. ſich beruft, kommt allerdings 1622 in den Landesordnungen vor: 1, 653. Allgemein üblich iſt Soſſe jedoch nicht. Sotte fem., auch Sutte, gewöhnlich in der Compoſitien Mislsolle, Mist- sutte, Jauche. Durch ganz Heſſen wie in Thüringen und einem Theile von Franken gebräuchlich. Schmeller 3, 293. Nach dem ohne Zweifel nahe ver⸗ wandten suttern (ſ. d.) zu urteilen, bedeutet Sotte, Sutte das Abgetröpfelte, den (unreinen) Niederſchlag. Mit Sütte, Sudde (ſ. d.) hat das Wort keinen Zu⸗ ſammenhang. Soetck msc., ein ſüßer Apfel. Vgl. Bitek. Im weſtſäliſchen und ſächſiſchen Heſſen, wo der Bauer faſt keinen Unterſchied unter den Aepfelſorten macht, als Soetek und Bitek.Z. I/ spachern, zuſammentrocknen und Riße bekommen in Folge von trockener Luft und Hitze. „Das Brod ſpachert“ oder „iſt geſpachert“, wenn deſſen Krume bei angeſchnittenem Laibe eine rauhe, geborſtene Oberfläche bekommt; eben ſo ſpachert die Erde, oder iſt geſpachert, im Sommer bei großer Dürre und Hitze; auch wird das Wort wol vom ſtarken Erlechen hölzerner Gefäße gebraucht. spacherig; ſpacheriges Brod, ſpacheriger Erdboden. Strodtmann Id. Osnabr. S. 222: spaken und Schmidt Weſterw. Id. S. 220 (unter 2,) = ſpachern, eben ſo. Spällering mse., Holz, ſo viel auf einmal geſpalten wird, Armvoll Holz. Wird jetzt nicht viel mehr gehört, muß aber in Oberheſſen, namentlich in Marburg, ſehr geläufig geweſen ſein, da das Wort in Rechnungen, Regiſtern u. ſ. w. des 17. Jarhunderts, beſonders denen des deutſchen Ordens, oft er⸗ ſcheint; z. B. hatte Benjamin Schedla dem Hoſpital des deutſchen Ordens in Marburg im Herbſt 1654 einen Spällering Holz entfremdet; es wurde dar⸗ über eine weitſchichtige Unterſuchung geführt, welche an Zeit und Papier wol mehr koſtete, als der Spällering wert war, und ſchließlich mußte Schedla, nach⸗ dem er um 3 ll. geſtraft worden war, unter dem 24. November 1654 einen umſtändlichſt formulierten Revers ausſtellen. (osraph. lnciu, Marburg a. d. Laha — 390 Spannen — Speile. spannen. Das reduplicierende Verbum spanan, spien, gespannen, tendere, conjugiert im Volksmunde zwar das Präteritum nicht mehr vollkommen correct, aber, wenigſtens in den meiſten Gegenden, doch noch ſtark: spon (spun): „gerad wie ich anſpun (anſpon), iſt ſie zur Thür herausgekommen“. Dagegen wird das Participium noch beinahe ausnahmslos ſtark gebildet: gespannen, nicht geſpaunt. „Ich hab angeſpann(en)“. beſpannt ſein mit ſo und ſo viel Zugvieh iſt eine übliche, auch im Schriftdeutſchen gültige Bezeichnung der Anzal Zugviehes, welche ein Gutsbeſitzer hält; „das die mergker, iglicher also er gespannen ist, den hrn. v. Elben eyn fuder hoilez — furen soflen“; Weistum der Elbermark von 1440, Grimm Weisth. 3, 323. ungespannen sein, kein Zugvieh beſitzend; jetzt nicht mehr vorkommendes Wort; „und ob eynich mercher so swach und ongespunnen were, das er nicht gefaren kunde“. Ebendaſelbſt. Das Verbum spanan, spuon, gespanen iſt gar nicht mehr vorhanden: das davon abgeleitete Wort Geſpenſt iſt dem Volke fremd, ſtatt Spanferkel ſagt man hier Sogferkel (ſ. d.), widerſpenſtig iſt wenig üblich, und nur ab⸗ spenstig, abspennig (letztere Form die üblichere) iſt in ziemlich allgemeinem Gebrauche. Spannstengel heißt, beſonders in der Obergrafſchaft Hanau, das Eiſen am Pfluge, welches ſenkrecht vom Grendel herab, parallel mit der Kritſche, aber mehr nach vorn, am vordern Ende des Riſterbrets nach der Pflugſchar hinunter geht. Spanuckel fem., Name des unter Kauschel beſchriebenen eigentümli⸗ chen Kartoffelgebäckes, welcher neben Kauschel in Uebung iſt, doch weniger in der eigentlichen Heimat der Kauscheln, im Hochgebirge des Kellers und hohen Lohrs, als in der Umgegend. S. Kauschel, Schepperling, Schnepper. Spargemente, Umſtändlichkeiten, Weitläufigkeiten, Ausflüchte; „mach mir keine Spargemente“. Sehr üblich. Schambach Gött. Id. S. 203. Die Halbgebildeten gebrauchen auch neben Spargemente in demſelben Sinne: Speranzien. Spauzjes, Spausijes, ein moderner Bauernausdruck an der Schwalm, mit welchem man einen ſtillen, trockenen, verſchloßenen Menſchen, welcher be⸗ deutender iſt, als er ſcheint, bezeichnen will; alſo ähnlich dem ältern Worte Schmuch (ſ. d.). Indes wird unſer Wort auch da gebraucht, wo die moderne Miſchſprache Intrignant brauchen würde. speilsch, wähleriſch, ekel im Eßen — von einer Perſon gebraucht, welche manche oder viele Speiſen nicht eßen mag oder kann. Haungrund. Speile fem. Dieſes mitteldeutſche und niederdeutſche Wort iſt in keiner von den Bedeutungen, welche Brem. WB. 4, 949 — 950 und Adelung 4, 179 aufgeführt werden, namentlich nicht in der Küchenſprache, in Heſſen üblich, auch wol niemals üblich geweſen. Wol aber findet es ſich in der Bedeutung, welche dem Worte Scholholz und dem Worte Stickholz, Stickstecken zukommt, im 16. Jarhundert, nur, wie es ſcheint, mit dem Unterſchiede, daß Speile und Speil- stecken in die Böden (Decken), Stickstecken in die Gefache der Wände ver⸗ wendet werden. „8 fl geben dem Hecker zu Rodeman, hat 32 Tage Eine ſchwellen vnder den ſtall geleget, im Schibberbodden gegrubelt, Speiln in gehauwen, die thüre vnd wende gemacht“. Singliſer Vogteirechuung v. 1583. Speilen — Spes. 391 „ifl10alb Meinſter Joachim von Hombergk geben das er den boden geſpeilet vnd die Tache geflickt“. Ebdſ. 1594. 2 ul dem Oberfurſter vor 2 Stemme Spielln darauß zu machen“. Ebdſ. 1587. „Cunz kortt hatt 15 tage Spielln gehauwen, Solder geſchlagen vnd gekleibet“. Ebdſ. 1587. 2f 3 alb vor 4 Eichen holezer Spieln darauß gemacht zum boden bei der pfarr“. ebdſ. 1588. speilen, Speilen einziehen, oder wie es in den angezogenen Belegen heißt, einhauen; ſ. oben. Spilstecken, Speilstecken, abundante Compoſition für Speile. 2f. 20 alb. Sem Vrffe menchen geben, hat 12 tage im ſchornſtein gekleibet, die boden ge⸗ flicket, auch Spiellſtecken eingehauwen“, Singliſer Vogteirechnung von 1583. Mit dem Anfange des 17. Jarhunderts verlieren ſich dieſe Ausdrücke aus den angegebenen Vogteirechnungen von Singlis, übrigens bis jetzt den ein⸗ sigen heſſiſchen Schriftſtücken, in welchen mir dieſe Wörter begegnet ſind. Vgl. Stickstecken, Schothols, Weiſstecken. Specke fem., leichte Brücke, Steg, welcher aus Pfählen beſteht, die mit Hürden und dieſe etwa wieder mit Raſenſtücken überdeckt werden. Ober⸗ heſſen. Eſtor S. 1419. „die Specke im deutſchen Haus“ (dieſelbe exiſtiert ſeit etwa 1820 nicht mehr).. Marb. Hexenpr. A. v. 1658. Jetzt gibt es faſt gar keine ſolche Specken mehr, deren es ehedem an jedem Fluß und Flüßchen in Oberheſſen mehrere gab; bei Niederklein hat davon ſogar ein Flurort ſeinen Namen „an der Specke“. S. Schwicke, Schaube. Daß das Wort mit Speck, lardum, nicht zuſammenhänge, begreift ſich von ſelbſt; es wird auf das angel⸗ ſächſiſche spaec, sarmentum zurückgegangen werden müßen. spellen in der Redensart: spellen geln, bedeutet zu einem nachbarlichen Beſuche, vertraulichem Geplauder gehen; mitunter wird jedoch auch ein Beſuchs⸗ gang über Feld mit spellen gehn bezeichnel. In Mittelheſſen, wie in Thüringen und Henneberg (Reinwuld 1, 154), in der Grafſchaft Hohnſtein (Journal v. u. f. Deutſchl. 1786, 2, 117) der ausſchließlich für ſolche Beſuche gebräuchliche Ausdruck. Es iſt dieſes Wort das alte spellen, loqui, conversari, und von ſpielen (spiton, ludere) welches im heſſiſchen Dialect spelen lautet, grund⸗ verſchieden. Schmeller 3, 560. Spelzen plur. nennt man hin und wieder in Heſſen, beſonders in Mittelheſſen, die Zwiebelſtengel (Schalotten, Schlutten). spenge, speng, ſparſam, ſelten, in geringer Menge vorhanden. „Das Geld iſt ſpeng“, es herſcht Geldmangel; „die Futteraſche iſt ſpeng“, es herſcht Futtermangel; „eine ſpenge Zeit“ Miswachs und Theurung; „ein ſpenges Maßu ein knappes Maß. Nieder⸗ und Oberheſſen. In Schmalkalden spengel (neben spenge) Reinwald 1, 153. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen sprenge. Spennel fem., auch Spennadel, Stecknadel; in ganz Heſſen im aus⸗ ſchließlichen Gebrauch, wie auch ſonſt in Deutſchland, als letzie Reminiſcenz an das alte span, fürspau. Schmeller 3, 569. Spes msc. erſcheint in oberheſſiſchen Forſtregiſtern des 16. Jarhunderts zuweilen, 1580—1589 öfter, in dem Forſtregiſter aber des Amts Rauſchenberg von 1585 allein neunmal, und wird hier von einem Eichbaume ganz unter den⸗ ſelben Verhältniſſen gebraucht, unter welchen vom Buchbaume das Wort Reidel (die Förſter ſchreiben ſtets Reddel) und Heiſter verwendet wird. „2 ¼ alb. Hartman Debes in Josbach vor 1 geringen durren eichen Spes zu Brennholtz“; 1 u. v aib. Heint Hecker zu Erlsdorf vor 1 vnfeuchtbaren eichen Spes vnd 392 Spiegel — Spike. ij durre buchen zu brennholtz“; „i eichen Abſtendigen ſpes“; „xiij alb. Hennchen von Goßfellen vor i Buch zue ſtickſtecken vnd j geringen eichen Spes zue Inngebew“; „v alb. Mertes Heintz von Langendorf vor i abſtendigen eichen Spes zue ſchwellen“; „gij alb. Ditmar Flattich zu Halsdorf vor ij durre Eichen Spes zu brennholtz“ u. ſ. w. Das Wort muß hiernach ein ſehr übliches geweſen ſein, kommt indes in keiner der in den Landesordnungen abgedruckten Forſtordnungen vor, iſt auch weder in irgend einem Idiotikon, noch, in der hier vorliegenden Form, bei Stieler, Friſch, Adelung zu entdecken. Warſcheinlich iſt Spes eine vergröberte Ausſprache von spiz, Spiß, virgs (bekantlich von spioz, Spieß, cuspis, wol zu unterſcheiden, wiewol Adelung 4, 203 — 204 dieſe beiden Wörter höͤchſt unkritiſch untereinander wirft), von welchem Worte u. a. Spißrute abgeleitet iſt. Sichtlich bezeichnet Spes einen ſchwachen Eichbaum (wiewol ein⸗ mal freilich ein ſolcher auch zu einer Schwelle dienen ſoll), und berührt ſich mithin nahe genug mit dem Begriffe virga. Auszumitteln wäre nur, warum Spes gerade vom Eichbaum ſo eigens gebraucht werde. Vgl. über spiz Schmeller 3, 579. Heut zu Tage ſcheint das Wort gänzlich außer Uebung gekommen zu ſein. Spiegel wird elliptiſch gebraucht für Darſtellung, Abbildung, Abbild in ſchlimmer Bedeutung, als Darſtellung, Abbild alles Elends oder auch aller Schlechtigkeit. „und were ſie vielen Weibern in Kindesnöthen beyhülfflich ge⸗ „weßen, und viele Kinder gebähren ſehen, aber ſolchen elenden ſpiegell hette „ſie nie geſehen, es hette gar zu jammericht geſehen wie das Kind zugericht „geweſen und ausgeſehen“. „In Summa es were ein ſolcher elender ſpiegell „geweſen, dergleichen ſie nie mehr geſehen“. Ausſage zweier Weiber zu Franken⸗ berg vom 29. Juni 1697, welche einer Frau in Kindsnöten beigeſtanden, die ein unvollſtändig ausgebildetes Kind geboren. „in welchem geweſſer viele menſchen vndt viehe auch ſonſt viele ſachen jemmerlich verdorben vnd vmbkommen, deren 2,, draurigen ſpiegel ich viele zwiſchen Eſchwei vnd Allendorff midt augen geſehen“. Chriſtophs Dietrichs in Schwebda Chronik 1641. „Zwiſchen eſchwe vnd dieſem dorffe (Schwebda) ſtunt die Schönſte winder frucht, da nicht (durch ſchweren Hagelſchlag) eine metzen zum brauch vbrigk bliebe, da wart ein traurigt ſpiegel, ſonderlich vor die armen Leute, ſo ihre frucht alle verlohren“. Ebdſ. 1654. Auch noch jetzt in dieſem Sinne nicht ungebräuchlich. „Du Spiegel!“ Schimpfwort, in manchen Geſellſchaftsſchichten, zumal den halbgebildeten (Kaſſel) ſehr gewöhnlich, aber ein „ehrenhaftes“ Scheltwort, d. h. auf welches man nicht klagbar werden kann. Reinwald Henneb. Id. 2, 119. Pgl. Muſter. Spiel neutr. (geſprochen Spel), für Menge, Vielheit, Maſſe iſt in Heſſen allgemein üblich: „ein großes Menſchenſpiel“, „ein Spiel Geld“, „ein mördſches Geldſpiel“ u. dgl. Schmidt Weſterw. Id. S. 225. Schmeller 3, 562. Spielmann (Spélmann), Spielleute, Muſikanten; uüblicher als das Fremdwort. verspielen iſt der übliche Ausdruck für: den Proceſſ vor Gericht verlieren. Das Volk ſieht die Rechtsverhavdlung conſtant als ein Glücksſpiel an. „Sie ſähe aber woll, daß leben wäre verſpilet“, Aeußerung einer armen, nachher wirklich als Hexe verbrannten Frau aus Cappel. Marb. Hexenpr. A. von 1654. Spik neutr., ein ſpitziges Stück Holz; niederdeutſches, nur im weſtfäli⸗ ſchen und ſächſiſchen Heſſen gebräuchliches Wort; hochdeutſch Spieß und Spiß (ſ. Spes). Spilae fem., nur in der Redensart: „das Fleiſch in die Spitte legen“, 393 Spiker — sprachen. d. h. das friſch ausgeſchlachtete Fleiſch in ein Gefäß mit Waßer legen, damit das Blut herausziehe. Die Formel findet ſich nur im weſtfäliſchen Heſſen. Bei Strodtmann fehlt das Wort. Spiker msc., der kleine Nebenbau auf größeren Höfen (Bauerhöfen, Pfarrhöfen), welcher theils zur Aufbewahrung eines Theiles des Getreides (alſo ſo weit gleicher Bedeutung mit der hochdeutſchen Form Speicher), theils aher auch zur Wohnung, z. B. der Witwen, der Auszöger, auch wol ſtandiger Tage⸗ löhner dient. * Die Sache wie das Wort findet ſich nur im weſtfäliſchen Heſſen. Strodtmann ld. Osn. S. 224. Spir (Spir, Spier) fem., keimender Grashalm, dünner ſchwacher Halm, Faſer; meiſt deminutiv gebraucht, und vorzüglich in uneigentlicher Bedeutung: „ein Grasſpirchen“ (ſo auch Aug. Lercheimer [d. i. Herman Wittekind) Bedencken von Zauberey (1597) S. 254: „noch einig graßſpierlein da zertretten“), „Strohſpirchen“; „es iſt kein Spierchen mehr da“ d. h. nicht das Geringſte, gar nichts; „es war nur ein Spierchen“ etwas höchſt Geringfügiges, Unbedeutendes; „die Kuh gibt kein Spirchen Milch“; „ein Spir Suppe“. Grimm Kinder⸗ und Hausmärchen 2, 40. Klein Prov. Wörterb. 2, 162. Richey Hamb. Id. S. 282. Brem. WB. 4, 954. Strodtmann ld. Osn. S. 224. Scham⸗ bach Gött. Grub. Id. S. 205. Frommann Mundarten 5, 295. In ganz Heſſen üblich, am meiſten in Niederheſſen; ohne Deminution jedoch faſt nur an der Diemel. Von der halbgelehrten Welt misverſtanden als Deminutiv von Spur (Spürchen). Spitzhut, in uneigentlicher Bedeutung: Zuträger, Ohrenbläſer. „Wann ein Herr alſo ſelbſt ſeinem ampt gewartig iſt, vnd nit auß zorn oder rachung ſeiner perſon, ſondern von ampts wegen, vnd als von Gott darzu ver⸗ ordnet etwas thut, darf er keiner ſpißhutt oder augendiener, die ein andern hinterruck dorffen zu hoff tragen, vnd das anſagen, des ſie nit gern bekant wölten ſein“. Joh. Ferrarius von dem gemeinen Nutz. 1533. 4. Bl. 35 b. „ij gulden (Buße) Johann Gorius Pfarher zu Josbach, ſo den Zehntheber da⸗ ſelbſt vnbillicher weiſe ein ſpitzhutt geſcholden“. Rauſchenberger Bußregiſter von 1591. bespitshälen, durch Ohrenbläſerei benachteiligen. „Das ſtehet aber einem man an, ſo er ein beuelch hat, vnd ſich was im Regiment zutregt, nit zu er⸗ dulden, das er den Herrn des erinnere, anzeige wo es mangel, nit das er iemant wolt beſpitzhütten, ſondern dem Herrn vnd gemeynem Regiment zu gutem“. J. Ferrarius ebdſ. Bl. 36a. Der erſte Theil dieſer Compoſition iſt ohne allen Zweifel spis, der zweite Theil aber iſt, zumal in ſeiner Verbindung mit ſpiß, ſpitz, dunkel. Spitzel bedeutet noch heute einen Zuträger, Denunciant, und eben dahin gehört auch Spitzbube, aber wie ſpiß, ſpitz, zu dieſer üblen Bedeutung komme, bleibt noch zu ermitteln. Vgi. Schmeller 3, 583. sprachen, anſprechen, ſich bereden, ſich unterhalten. Oberheſſen. „Als hat man vrſach genommen, inen (eum) darauf zu ſprachen“. Wetterer Regiſtratur von 1609. „Daſſelb Ding' hett lang vf der miſten geſtanden, vnd die Eyla mit ihm geſpracht“. Marburger Hexenproceſſaeten von 1634. Und ſo bis gegen 1680 hin ſehr oft. besprachen, zur Rede ſtellen. Oberheſſen. „Donnerstags den 13. Aug. ao. 79 iſt Margaretha Deiſſin in beiſein des Schultheißen — — in der gute beſpracht“. Marburger Hezenproceſſacten von 1579. „Es hetten zwar etliche 4 394 Spreng — Stäke. aus der Gemeinde vaſt vor einem Jahr ihn eben dieſer ſachen halben beſpracht“. Treisbacher Protokoll von 1609. Aeußerſt häufig bis zum Ende des 17. Jar⸗ hunderts in den Acten, einzeln auch noch bis gegen 1750; ein im Munde des Volkes noch jetzt geläufiger Ausdruck. Sprenz msc., Sprinse fem., Bügel zum Vogelfangen, Sprenkel. Die⸗ erſtere Form iſt die in Oberheſſen, die zweite die im Fuldaiſchen gebräuchliche. Spriesz (Sprieszlein, Spreiszlein), Splitter (Schibber, Klibber). „Sie hawen einen dicken Palmenbaum vmb, vnd klibern den in kleine ſprießlein⸗ — legen die ſpreißlein darauff“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567. kol. 2, 52b). Jetzt kaum noch üblich, doch kommt es einzeln noch vor. sprickelicht, spreckelicht, geſprenkelt. Allgemein üblich. An dem landgräflichen Hofe zu Rotenburg befanden ſich einſt zu gleicher Zeit zwei Herren von Hahn, ein älterer Herr mit grau gemiſchten Haaren und ein jüngerer, hochblonder Herr; dieſe wurden innerhalb und außerhalb der Hofkreiße, ohne daß von fern an eine Verſpottung gedacht worden wäre, als der ſpricklichte Hahn und der rothe Hahn unterſchieden. — Das Wort iſt ſehr alt, ſ. Schmeller 3, 589. Sprin fem., auch Sprén, Spré, Sprehe, Staar, siurnus. Dieſe nieder⸗ deutſche Venennung des Vogels iſt weitaus die üblichere; hier und da wird ſogar die gemeinhochdeutſche Benennung, Staar, gar nicht verſtanden. Eſtor 1420. Brem. WB. 4, 973. Sprügel msc., Bügel, in Bügelform aufgerichtetes Gerüſt. Das mir im Leben kaum einmal vorgekommene Wort findet ſich in des Fütternden (Land⸗ graf Hermann) Ueberſetzung von Torquemadas Hexaemeron 1652. 8. S. 318: „an theils orten pflegt man uf die Gräber das Leichtuch über einem Sprügel über die Todtenbahr zu ziehen“ (alſo = Trauergerüſt, ſ. g. blinder Sarg). spüetig, eifrig, eilig; von spuot; „Die Kinder ſo der Vorvätter namen hetten, gedeyeten wol, vnd weren ſpütig Schlauen [Sclaven) zu fangen“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567. fol. 2, 54a). Jetzt kaum noch üblich; auch das Verbum ſich ſputen, ſich eilen, hört man außerhalb der nieder⸗ deutſchen Bezirke nicht eben häufig. spützen, ſpeien (meiſt spitzen geſprochen); die in Altheſſen faſt aus⸗ ſchließlich herſchende Form. „ich ſpeitz, ſpei; ſpeutzen, ſpeichel“. Alberus Dict. aaiijb. Spütze fem., Speichel; üblichſte, ja wol allein übliche niederheſſiſche Form. Eben ſo in der Grafſchaft Hohenſtein: Journal von u. für Deutſchland 1786, 2, 117. Staches msc., Tölpel. Ziemlich überall üblich, am meiſten in Ober⸗ heſſen, wie weiter ſüdlich nach Frankfurt hin und weſtlich nach dem Rhein hin. „Mach em uf, Staches“ in Sauerweins Gräff. Schmidt weſterwäld. Id. S. 230. Staden mec., ufer des Flußes, Baches; ſlaches uſergelände. Als Appellativum jetzt ſchwerlich mehr üblich, wol aber als Eigenname, z. B. in Eſchwege, wo der Stadttheil welcher das Ufergelände der Werra pildet, der Staden heißt. „1 fl. wird geſtraft Hans Schiffermann von Amenau, daß er denen von Rehen iren mulengraben vnd bachſtaden gedempft“. Wetterer Buß⸗ regiſter von 1591. Stäke, Saten me, Knitel, Prügel, Pfahl, Stange Im weſtfäliſchen und Stallen — Stürke. 395 ſächſiſchen Heſſen. Auch werden wol die Hopfenſtangen, Bohnenſtangen Stäken genannt. Richey ld. Hamb. S. 285 f. Strodtmann 1d. Osn. S. 227 (deſſen Angaben mit dem heſſiſch⸗niederdeutſchen Gebrauche übereinſtimmen). Schambach Gött. Jd. S. 207. Brem. WB. 4, 985. stallen, meiſt in der Verbindung: mit einem stallen, mit jemanden gut ſtehen, ſich mit ihm vertragen. „Die ſtallen nicht miteinander“, paſſen nicht zueinander, vertragen ſich nicht. Stampes mse., Stampfes, 1) dicker Brei, in welchem der Löffel ſtehen bleibt; weiche dicke Maſſe. Allgemein üblich. 2) kurzer, dicker, plumper Menſch. Schmidt Weſterw. Id. S. 232, eben ſo, wie bei uns. Stande fem., Faß in Form eines abgekürzten Kegels, in den Küchen und in den Kellern gebräuchlich, um Waßer oder Bier darin aufzubewahren; meiſt Stanne geſprochen. Bornslanne, dergleichen Faß in der Küche, in welche das mit Eimern oder Butten geholte Brunnenwaßer, der Born, gegoßen wird. Trinkenstanne, dergleichen Faß im Keller, in welchem das ohnehin nicht haltbare Dünnbier, Covent, in Heſſen Trinken, welches niemals in Fäßer gefüllt wird, ſich befindet. In Nieder⸗ und Oberheſſen üblich, wie in Niederdeutſchland über⸗ haupt. Brem. 20B. 4, 999. Stange fem., wie gemeinhochdeutſch; in den niederdeutſchen Bezirken, wo Stake (ſ. d.) gilt, wenig oder gar nicht gebräuchlich. Redensart älterer Zeit: Stangen austheilen, d. h. grobe Worte, gleichſam Stangen und Spieße austheilen: „fängt er nun an und theilet ſtangen auf der Cantzel aus, wirfft vmb ſich mit verrhätern“, Beſchwerde des Pfarrers Ludwig Steitzer in Franken⸗ berg wider den Diakonus Hutten 1625. Einem die Stange halten, alte, äußerſt üblich gebliebene Formel, für: Jemanden verteidigen, für ihn Partei nehmen, namentlich in bedenklicher oder widerrechtlicher Sache; hergenommen von dem Beiſtande, welchen einer dem andern im Kampfe, durch Halten der Stange, des Speeres, leiſtete. (große) Stangen im Kopf haben, hochmütig ſein. stengeln (sich), ſich ſträuben, ſich ungeberdig anſtellen; auch: hoffärtige Geberden und Minen machen. In ganz Heſſen, wie weiterhin in Niederdeutſchland. Stäppchen neutr., halb ſcherzhafter Name des Teufels; zuweilen im Fuldaiſchen vorkommend, wie weiterhin bis Frankfurt: „des klab des Stebge“ Radlof Muſterſaal 1, 339. Ein im übrigen Heſſen völlig unbekannter Aus⸗ druck, während derſelbe doch in Niederdeutſchland als Söpken durchaus üblich iſt, ſ. z. B. Die neue Deutſchheit nuniger Zeitverſtreichungen 1776. Zweites Pröbgen S. 11—12. Schambach Gött. Id. S. 212. Staer mse. (richtig: Stär oder Ster), Schafbock. War bis etwa 1840 nur im Fuldaiſchen und theilweiſe in Oberheſſen volksüblich; ſeitdem iſt das Wort bekannter geworden, ohne gleichwol zum geläuſigen Gebrauche gelangt zu, ſein. Schmeller 3, 652. staeren, von Schafen: ſich begatten. Oberheſſen und Fulda. Stärke fem., das Mutterkalb, die junge Kuh unter einem Jahre. Weſtfäliſches und ſächſiſches Heſſen, ſonſt gänzlich unbekannt, wiewol in älterer Zeit das Wort auch über jene Grenzen hinaus in Heſſen gebräuchlich geweſen ſein muß: „Eyne hoibikuhe vor er werth, wy man die setzt, eyne stercken vor irs, kelber vnde jerlinge die verstehet man uyt“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten b. Schmincke Mon. hass. 2, 698. „heurige kelber Sterhen; — jehrige Sterhen, Rechnung v. Ludwigſtein v. 1576. 396 Starzen — aufstehen. starzen, 1) gedrängt voll ſein, ſtrotzen. Schmalkalden. 2) feſt und hart auftreten. Oberheſſen; ſ. statzen. bestatten (sich), ſich verheiraten. Kommt jetzt nur noch ſelten vor, im Anfange dieſes Jarhunderts aber gehörte es noch zu den geläufigen Aus⸗ drücken. „Als er zeuge auch an itzige ſeine hausfraw ſich beſtattet“. Marburger Hexenproceſſacten von 1579. „Producentin habe erſt zu Gemunden ein ehelichen man gehabt, darnach hab ſie ſich gen Anczenfar beſtadtet“. Desgl. von 1596. In dem Sinne von „feierlich beerdigen“ habe ich, ſo alt auch dieſer Gebrauch von beſtatten iſt, das Wort nicht nur niemals aus dem Volksmunde ver⸗ nommen, ſondern es auch bis daher nicht in alten Protokollen, welche die Volks⸗ ausdrücke wiedergeben, gefunden. statzen, mit dem Fuße hart auftreten; Oberheſſen, im ſüdlichen Theile, während man im nördlichen starsen ſpricht. „Wenn man hier recht ſtatzt (ſtarzt), klingts unten wie hohl“. Eſtor S. 1420. stätzig, geſprochen stätzk, sietak, unpäslich; im Fuldaiſchen. Es ſcheint das Wort eine Verkürzung von aufstülzig (ſ. d.) oder anstössig (ſ. d.) zu ſein, mit welchen Wörtern es in der Bedeutung übereinkommt. Stauche fem., 1) Flachsstauche, in Niederheſſen die Riſte eben aus der Roße genommenen Flachſes, welche an der Spitze ein wenig zuſammengedrehet, an der Baſis auseinander gebreitet und ſo zum Trocknen auf der Wieſe oder dem Acker, der Trift, aufgeſtellt wird. Nur in Niederheſſen ſtaucht man den geroßeten Flachs, in Oberheſſen und in der Grafſchaft Ziegenhain breitet man ihn. 2) in Oberheſſen (wo man Stäche ſpricht) eine Handvoll Getreidehalme, deren mehrere eine Garbe ausmachen; beſonders vom Hafer gebräuchlich. Schmidt weſterw. Id. S. 233. 3) Unterärmel oder Armhandſchuhe, d. h. Unterermel, welche Handgelenk, Unterhand und Daumen (dieſen nicht immer) umfaßen, meiſt geſtrickt, aber auch aus Tuch verfertigt und mit Pelz beſetzt (Pelzſtauchen), ein Kleidungsſtück vor⸗ züglich der Landbewohnerinnen, in neuerer Zeit aber auch in den höheren Ständen, und zwar bei dem männlichen wie bei dem weiblichen Geſchlecht in Uebung ge⸗ kommen. Schmidt Weſterw. Jd. S. 232. Stauf bedeutet nach den Pariſer und St. Galler Gloſſen (8. Jarhundert): rupes, cautes, während soxa ebendaſelbſt durch Felſen erklärt werden. Graft Sprachsch. 6, 660. Schmeller 3, 617. Als Appellativum iſt das Wort hier wie anderwärts längſt ausgeſtorben, aber in den Namen felſiger Berge dauert daſſelbe wie anderwärts (der hohe Staufen, Donauſtauf u. a.) auch in Heſſen fort. Ein Staufenberg findet ſich, als eine der bedeutendſten Höhen des be⸗ treffenden Gebirgswaldes, am Reinhardswald, ein anderer bei Eſcheberg, ein dritter bei Heckershauſen, ein vierter bei Wanfried, und wol anderwärts noch der eine und andere; ein Staufenküppel am Reinhardswald, ein Staufen⸗ bühl bei Langenhain; endlich liegt nahe der kurheſſiſchen Grenze der zum Groß⸗ herzogtum Heſſen gehörige Staufenberg mit dem gleichnamigen Städtchen. Warſcheinlich gehören hierher auch die Bergnamen Siöpfling, Sioppels- berg u. a. (ſ. d.). stehen, conjugiert noch in alter Weiſe: Präſens ich sien, Präteritum ich stund; verbindet ſich übrigens nur mit haben. Der Gebrauch weicht von dem Schriftdeutſchen nicht ab. aufstehen, älterer Rechnungsausdruck bei der Subtraction für das heutige aufgehen, ſich vergleichen. Wenn g B. 107 Hanen in Einname ge⸗ Bestehen — Sleige. 397 ſetzt, dieſelben aber auch wieder als Beſoldungsſtücke von dem Rechnungsführer an die Empfangberechtigten abgegeben worden ſind, ſo wird bei der Ausgabe bemerkt: „Summa auszgifft der haen thut levij vnd steet auff“. So in den Homberger, Singliſer, Wetterer Rechnungen von 1544 bis zum Ende des 16. Jarhunderts; nur mitunter kommt vor: „vergleicht ſich“, wie jetzt üblich iſt. bestchen, ſtehen bleiben bei etwas; in älterer Zeit mit dem Genitiv der Sache, und, wenn eine Perſon als indirectes Object hinzukam, mit dem Dativ der Perſon. „do soln dy geczuge bysten und soln dy rede horen, ist ez daz, daz se eme der rede besten dy he geredet hat, so soln se met eyn ander uff lege, und soln swere, daz dy rede war sin“. Sialuta Echwegensia v. Röſtell 1854. 4. S. 11. In den Protokollen über Zehntvermalterungen und Pachtungen aus dem 16. Jarhundert wird bei den Geboten, welche die höchſten waren, und bei welchen das Bieten und der Bieter ſtehen blieb, ausnahmslos geſagt: „den Zehnten, den Acker, das Gut hat N. N. beſtanden“. Wir haben hiervon die Bezeichnung Beſtänder, Pachtbeſtänder, noch übrig, das Verbum aber iſt in dem hier angegebenen Gebrauch nicht mehr vorhanden; und wird es, wo es im ſchriftdeutſchen Sinne gebraucht wird, nicht mit auf, ſondern mit bei conſtruiert: „dabei bestén ich“, darauf beſtehe, dabei bleibe ich. verstchen, in der alten Sprache mit dem Aceuſativ: für etwas ein⸗ ſtehen, namentlich für einen Grundbeſitz und für die davon zu entrichtenden Ab⸗ gaben, ſomit theilweiſe in dem Sinne des heutigen verſteuern. „vnd ich sal vnd wil auch dasselbe gud mit allen synen zugehörungen virsteen, vnde des gantze uszrichtunge tun, mit allen stadrechten, vnd mit bede, dieusten vnd mit allen andern sachen“. Biedenkopfer Leihebrief von 1431 bei Lennep Leihe zu LSR. C. pr. S. 55. Und ſo ſehr häufig in den Leihebriefen des 15., zum Theil auch noch des 16. Jarhunderts. „Wer sust da ynne (in ſtädtiſchen und Herrenhäuſern) sitzt, der ir (der Stadt und der Herren) sach nicht zu thunde hait, der gibt furschillinge vnd verstehet syn gut, als eyn ander na anlzal“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schmincke Mon. hass. 2, 696, und oft daſelbſt. Der Ausdruck iſt bis in die neueſte Zeit gebräuchlich geblieben. steif wird in der Obergrafſchaft Hanau (Schwarzenfels) vorzüglich von Menſchen, und zwar in der Bedeutung von körperlich ſtark, kräftig, gebraucht: „ein ſteifer Burſche“. Reinwald Henneb. Jd. 2, 121. Steige fem. Dieſes alte, meiſt niederdeutſche, und nur hin und wieder auch in Oberdeutſchland (ſ. Adelung s. v.) gebräuchliche Zählmaß, die Zal 20 darſtellend, gehört in Heſſen zu den üblichſten. In Niederheſſen zält man zwar faſt nur Eier und Garnſtränge nach Steigen (das Linnen mehr nach Schocken als nach Steigen), in Oberheſſen aber, zumal dem nördlichen, und in einem Theil der Grafſchaft Ziegenhain, wird nicht allein das Linnen (hier iſt die Zälung nach Schocken ganz unbekannt), ſondern es werden auch Garben, Stücke Vieh, Thaler und ſogar Jahre nach Steigen berechnet, was, theilweiſe mit Ausnahme der Garben, in Niederheſſen nicht geſchieht. „vj stige gurben“. Niederheſſiſches Ernteregiſter von 1391. „Dan ihm ſeyen in eynem Jare — ſiben pferde, mehr dan ſiben ſteiche Daler werth, beſchediget worden vnd abgangen“. Marburger Hexenproceſſacten von 1579. „Er ſei wol drei ſteig jar alt“. Desgl. v. 1556. „Er hab vber ein halb ſteig ſar zu Willersdorf gewohnt“. Desgl. von 1634. Eben ſo auch jetzt noch in den Aemtern Treyſa, Rauſchenberg, Roſenthal, Frankenberg: „drei Steig Jahr und zwe“ = 62 Jahr; „zwei Steig Thaler und fünf“ = 45 Thaler; „funfsehn Steis Schafe nicht voll“ = beinahe 398 Steigel — Stelmännchen. 300 Schafe. Eben ſo auch in Niederdeutſchland, Brem. WB. 4, 1033. Die Zälung nach Zwanzigen iſt unverkennbar keltiſchen Urſprungs: die Bretonen zälen alle höheren Zalen durch Multiplication mit ugent (viginti): tri ugent 60; pevar ugent 80, bis zu naontec ugent (19 x 20 = 380), von welcher Zälungs⸗ weiſe im Franzöſiſchen quatre vingt übrig geblieben iſt. — Das Wort steige (stiga) bedeutete urſprünglich einen Stall für Kleinvieh, Schafe und Schweine, und mag demnach wol einen Stall voll dieſes Viehes bezeichnet haben, wobei man erwägen muß, daß die älteren ökonomiſchen Einrichtungen gewiſſe Zalen ſehr ſtrenge zu beobachten und mehrere Jarhunderte hindurch feſtzuhalten pflegten: zwanzig Siück jenes Kleinviehes, nicht mehr und nicht weniger, kamen in einen Stall zuſammen; ähnlich, wie „ein Wagen Stroh“ und „ſechzig Gebund Stroh“ in Niederheſſen, „ein Wagen Stroh“ und „hundert Gebund Stroh“ in Ober⸗ heſſen noch vor wenig Decennien vollkommen identiſch war. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. 2K. 4, 91 —92. Steigel msc., Einſteigungsort; bedeutet theils den einem Fußpfade, namentlich da, wo er zwiſchen Hecken zu laufen beginnt, vorgeſteckten Quader⸗ ſtein, welcher das Vieh vom Betreten dieſes Pfades abhalten ſoll, und über welchen man hinwegſteigen muß; theils aber auch die widerrechtlich in einen Zaun gemachte Erniedrigung deſſelben, um bequem überſteigen zu können. Die Sache iſt überall vorhanden, der Name beſonders im Haungrund. Vgl. Schmeller 3, 624. Steinworhte msc., Steinarbeiter; Bezeichnung älterer Zeit, das Maurer⸗ und Weißbinderhandwerk zugleich begreifend. „Den steynworten de mure an der burgk zu bewerffen i fl.“, Grebenſteiner Rechnung von 1459. Vgl. Schuchworchte unter Schuh. Stecken msc., in Niederheſſen lieber Sleckel msc. geſprochen, Stock, Stab. In früherer Zeit ſpielte nicht bloß der Stecken des Richters, ſondern auch der Stecken des Ortsvorſtandes (Greben, Heimbürgers) eine wichtige Rolle. In der Treisbacher Sache von 1609 (ſ. Einwart, Briefe tragen, ſtummeln) verpflichtete ſich die Gemeinde zu gemeinſamem Handeln dadurch, daß ſie dem Heimbürger an den Stecken griff und ihm an den Stecken gelobte, was zu thun ſei. Emmerich Frankenb. Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 271: an den stecken grifen. Grimm Rechtsalterthümer 135, 899, 902. Stellberg, Stallberg, letzteres die ältere Form, ein in Heſſen häufig vorkommender Name von Bergen, meiſt von ſpitzen Baſalthöhen; Stallberg rſcheint in der vorderen Rhön bei Leibolz und bei Rasdorf, Stellberg in der Sohen Rhön oberhalb des Dorfes Wolferts, auf der Söhre zwiſchen Wattenbach Ind Wollrode, bei Homberg, bei Zwergen; auch den „Stahlberg“ bei Heckers⸗ hauſen, „die Stellerskuppe“ bei Reckrode werden wir hierher rechnen können. Die Bedeutung des Wortes Stalberg (ahd. stal, statio, status) iſt ganz deutlich: für Gerichtshandlungen, wie bei Homberg, wo am Stellberg der Königsſtul ſteht, oder für Unternehmungen ſonſtiger Art, auch für Jagden (nach heutiger Aus⸗ drucksweiſe: Berg, zu welchem man beſtellt iſt und an welchem man ſich einſtellt). Stelmännchen, ein geſpenſtiges Weſen, mit welchem im Geis⸗ grunde und in der Grafſchaft Ziegenhain die Kinder geſchreckt werden. Der Urſprung des Wortes iſt dunkel. Das é in demſelben iſt nämlich nicht etwa e, ſo daß an eine Ableitung von ſtehlen gedacht, und das Geſpenſt als Kinder⸗ Stelz — steuern 399 ſtehler aufgefaßt werden könnte, was ſachlich allerdings möglich, indes nicht war⸗ ſcheinlich iſt. Vielmehr iſt dieſes e ein ſehr klar und ſtark ausgeſprochenes e aus a (ſo, wie wir jetzt „Seele“ ausſprechen). „Du, das Stelmännchen kriegt dich!“ oft gebrauchte Drohung gegen kleine Kinder, welche beſtimt etwas Anderes unter dieſer Drohung verſtehen, als das Mitgenommenwerden durch den ſchwarzen Mann (Schornſteinfeger), womit gleichfalls, und neben der Drohung mit dem Stelmännchen, gedroht zu werden pflegt. Stelz neutr., ein in Altheſſen ſchwerlich jemals allgemein üblich geweſenes Weinmaß. Es kommt daſſelbe in dem Grimm Weist. 3, 377 abgedruckten Salzſchlirfer Weistum vor: vnd soll ein yder wirt den kondern gebin ein stelt= wins, einen weck und ein bratworst. Wenn Adelungs Angabe 4, 351 richtig iſt, daß in der Schweiz Stels einen Stengel bedeute (weder Stalder noch Tobler geben etwas der Art an), ſo iſt das Weinmaß Stelz ein hohes und ſchmales Gefäß, eine „Stange“, wie man die „Halben“ bekanntlich auch zu nennen pflegt, vielleicht ein Schoppen. Stenz msc., großer, unbehülflicher, plumper Menſch. Haungrund und Umgegend. stenzen 1) forttreiben, fortjagen, vertreiben. Schmalkalden. Rein⸗ wald Henneb. Id. 1, 156. 2) Bezeichnung eines Kinderſpiels, welches in Heſſen allgemein üblich iſt, aber nur im Fuldaiſchen dieſe Bezeichnung führt: es wird eine Anzal Schießer (Merbel, Thon⸗ oder Marmorkugeln) in eine Vertiefung (Kaute, fuldaiſch Kuit) geworfen, und nun kommt es darauf an, ob eine gerade oder ungerade Zal in derſelben bleibt. sterren, buchſtäblich: ſtatr machen, erſtarren machen, bedeutet im Schmalkaldiſchen: durch Gift tödten. Sterz msc., Schwanz der Thiere; in Oberheſſen, etwa mit Ausnahme der nördlichſten Striche, gar nicht, in Niederheſſen nur, wie gemeinhochdeutſch, vom Pflugſterz, der Pflughandhabe, gebräuchlich, dagegen in dem niederdeutſchen Heſſen in der Form Stert üblich. Hier kommt das Wort auch als Flur⸗ bezeichnung öfter einfach (Erſen, Niederliſtingen) und zuſammengeſetzt, z. B. Hundeſterz (Röhda), Schwalmenſterz (Zierenberg) vor; auch wird wol die im nördlichen Oberheſſen (Rengershauſen und ſonſt) vorkommende Flurbezeichnung auf dem Hinſtürz nichts anderes ſein als Hundeſterz oder Hindſterz. Nur Sterzhauſen gehört nicht hierher, denn dieſes Dorf heißt Steinhartshauſen, noch am Ende des 16. Jarhundert Steinertshauſen. sterzen, hervorragen laßen, hervorſtrecken, gerade aus von ſich ſtrecken. „die Beine ſterzen“; „die Kuh iſt wild, ſie ſterzt den Schwanz“. Oeſtliches Heſſen, Schmalkalden. Reinwald 1, 156. „Ludwig Geylsheuſſer iſt auch ge⸗ lauffen komen zu Caſparn mit geſtertztem vnd halb außgereifftem meſſer“. Zeugenverhör in Großſeelheim 1593. In Oberheſſen wird behauptet, komme dieß Wort jetzt nicht vor. sterzvoli, gänzlich betrunken. Ziemlich allgemein üblich. Warſcheinlich niederdeutſche Form von ſtroßen. Schottel Haubtſpr. 1421: „ſtartzend, vol, turgidus“. Vgl. starzen. steuern (sich auf etwas), in der Bedeutung: ſich auf etwas ſteifen, verlaßen, pochen, ſehr gewöhnlich, wie dieſe Formel im 16. Jarhundert eine ſchriftdeutſch übliche war, ſeitdem aber allgemach in Abgang gekommen iſt. So 400 Stichbraten — Stickstecken. z. B. bei Seb. Frank Sprichwörter 1, 109: „der Fuchs ſteurt ſich auf ſein witz und liſt“, und oft bei Luther. Stichbraten heißt im Fuldaiſchen das Abendeßen, welches am Abend des Schlachttages gegeben wird, und in Nieder⸗ und Oberheſſen Schlachtekohl, im Hanauiſchen Metelſuppe genannt wird. Der 31. Dec. 1839 verſtorbene Graf von Schlitz, genannt Görtz, gab im Jahr 1832 auf dem Carolinenhof bei Fulda den umwohnenden Bauern einen Stichbraten von einer ganzen Heerde Schweine auf einmal, welche am Morgen geſchlachtet und am Abend deſſelben Tages aufgegeßen wurden. stiefeln (sich); „es ſtiefelt ſich nicht“; „es will ſich nicht ſtiefeln“, es fügt ſich nicht, es will nicht recht paſſen. Sehr übliche Redensart. Dieſelbe findet ſich in keinem deutſchen Wörterbuch und in keinem Idiotikon; gleichwol kommt dieſelbe ganz in dem eben angegebenen Sinne bei Luther vor, allerdings, wie es ſcheint, nur einmal und nur in einem Originaldruck: Von Iheſu Chriſto eine Predigt ꝛc. Wittenberg 1533. 4. Hier findet ſich nämlich Bl. Bb ein ſinn⸗ loſer Druckfehler: „vnd reimet ſich vbel das ſie felt“; dieſer Fehler wird aber am Schluße dahin corrigiert, daß man leſen ſolle: „das reimet vnd ſtifelt ſich obel“. Dieſes „ſtifelt“ hat den Jenaer Herausgebern, ſalls ſie überhaupt dieſe Correctur bemerkt haben, misfallen, und ſie laßen deshalb bloß drucken (Ausg. 1567, 6, 685): „reimet ſich vbei“. stickel, heſſiſche Form der urſprünglichen Woriſorm slechal, aus welcher durch Syncope das gemeinhochdeutſche Wort ſteil entſtanden iſt. Allge⸗ mein und ausſchließlich im Gebrauche. „fuhren wir ſo hoch auff den Bulgen her, das wir ſo ſtickel hinab ſahen gleich als von einer Mauer“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch, Frankf. 1567. kol. 2, 32). Von dieſem Worte, und zwar von deſſen älterer Form, stechal, führt einer der geſchichtlich merk⸗ würdigſten Berge in dem jetzigen Heſſen den Namen: der“ Steckelberg bei Ramholz, Ulrichs von Hutten Geburts⸗ und Heimatsort, jetzt die unſcheinbare Ruine der Burg tragend, in welcher Ulrich einige ſeiner merkwürdigeren Schriften nicht allein ſchrieb, ſondern auch drucken ließ. Stickel mse., Pfahl. Im Schmalkaldiſchen. AA u Bli, L,b⸗ sticken iſt in Oberheſſen daſſelbe, was in Niederheſſen schölen (ſ. Schölholz) iſt: dünne und ſchmale Breter in die gezimmerten Gefache ſowol der Wände als der Boden einſetzen, damit dieſelben ſodann mit Gerten durchflochten und hierauf mit Strohlehm gekleibt werden. „4 menner haben die wandt vmb den hoff in ij tagen gekleybt vnd geſtickt“. Singliſer Rechnung von 1560. „etliche gefache an der ſcheüren welche der ſturmige windt außgeworffen hat, geſticht“. ebdſ. 1562. „geſticket vnd gekleibt“. ebdſ. 1578. „M. Simon der Weißbender hat die kymnode, der Herrn Stall vnd Scheuwr geſtiecket geweiſt gebunden vnd verbeſſert“. ebdſ. 1587. Warſcheinlich iſt nur eine andere Form von sticken: stocken: „er hab vor 40 Qaren helffen an einem hauſe ſtockhenn“. Aus⸗ ſage eines Ackermanns, Becker, aus Salzberg, 1528; Lennep Leihe zu LSR. C. pr. S. 340. Stickstecken, ſo viel wie Schölholz. „1 fl. 5 alb. vor drey eychen beüme, ſollen aus ezweyen latten auff das haus geſchnitten werden, der tritte iſt gen Sungilſch gefürt worden, etliche ſtickſtecken zu der wandt vmb den hoff darauß gemacht“. Singliſer Vogteirechnung v. J. 1560, u. öfter. Slickgerten — Stocket. 40¹ Stickhol, daſſelbe; „das ſtickholz in die gefache der gebäude“ Eſtor t. Rechtsgel. 1, 710 (§. 1761). Stickgerten, in Oberheſſen daſſelbe was in Niederheſſen Filsgerten; die Buchen⸗, Hainbuchen⸗ oder Eichen⸗Gerten, mit welchen die Stickſtecken, Stick⸗ hölzer, Scholhölzer durchflochten werden. „15 alb. vor 5 gebundt ſtickgerten“. Singliſer Rechnung von 1562. „10 alb. vor Stickgirten“. ebdſ. 1589. ,24 alb. vor 6 gebund ſtiekgertten“. ebdſ. 1616; und ſo öfter. Vgl. Weiſstecken, Spilstechken. stippern (niederheſſiſch), steipern (oberheſſiſch), mit Stützen verſehen, unterſtützen; eine Wand, welche ſich geſenkt hat, der überladene Aſt eines Obſtbaums wird gestippert (gesteipert). „Meines Gn. Herrn Alte ſcheürn vnder dem Rhenthoiff, welche halt gar wollen vmbfallen, haib ich widderumb vnderſchlaigen, geſteippert vnd gebeſſert, das ſie noch ein zeit lang ſtehn kan“. Quittung des Ott Zimmermann zu Rauſchenberg von 1557. Stipper msc., Steiper, Balken, Reidel, mit welchem etwas unterſtützt wird. Eſtor t. Rechtsgel. 1, 712: „ſtüzen oder ſtäuper“. Der Teutonista (1475) hat slijpren in derſelben Bedeutung; Schottel Haubtſpr. S. 1422 in wenigſtens ähnlichem Sinne stiffern. Richey S. 291 und Brem. WB. 4, 1038 verzeichnen nur das Subſtantivum (Stiper, Siipel). Bei den niederdeutſchen Wörtern, deren dieſes eins iſt, kann man freilich nie ſicher ſein, ob nicht eine unmittelbare Entlehnung aus dem Lateiniſchen ſtatt gefunden habe, und ſo iſt die Möglichkeit nicht abzulengnen, es könne dieſes Wort von stipes geborgt ſein, woran Weigand erinnert Friedberger Intelligenz⸗ blatt 1845. No. 81. S. 325; nur iſt es nicht ſonderlich warſcheinlich, daß man zur Benennung ſo höchſt einfacher Vorrichtungen, wie des Stipperns mit Stippern, ſich zum Borgen aus einer fremden Sprache hätte wenden müßen. Stitzel msc., kleine Stütze, z. B. unter obſttragende Bäume geſtellt, Fuß an einer Bank geringer Art. Niederheſſen. Stitzelfusz, Stelzfuß, hölzernes Bein, aber auch zuſammengezogener Fuß (Hollfuß). JA.y riZl=— Schmidr Weſterwäld. Id. S. 239. stocken und steinen, mit Grenzbezeichnungen, Grenzſtöcken und Grenzſteinen verſehen, und ſomit als ſicheres Eigentum feſtſtellen. Dieſe alliterierende Formel wird noch jetzt gehört: „eich hu ſich habe] mei geſtockt un geſteint Land“, um ſich recht nachdrücklich als Eigentümer, einem etwaigen Ein⸗ griff gegenüber, aber auch im Bauernſtolze im Gegenſatze gegen die Nicht⸗ beſitzenden, die Armen, zu bezeichnen. „Gut dus geerbteylt, gestogki unde ge- steynit ist, wer das hait, der mag es verkoiflin“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten, Schmincke Monim. hass. 2, 745. Vgl. reinen und steinen. stôkern, in allen Winkeln umher kriechen, im ganzen Haus umher ſteigen, alles durchſuchen, meiſt mit herum verbunden: herum stökern. Nieder⸗ heſſen. Ganz ähnlich iſt stoekern in Fallersleben: Hoffmann in Frommanns Mundarten 5, 297. Stockét heutr., Staket. Dieſe mehr hochdeutſche Form iſt in Heſſen üblicher, als die gemeinhochdeutſch gewordene niederdeutſche Form Staket. „Sie machen ein Stocket vmb jhre Hütten her aus Palmenbäumen, — Das Stocket iſt wol anderthalb klaffter hoch —. — das ſie die käpffe deren ſo ſie geſſen Vilmar, Jdiotikon. 26 402 Stolz — Sträm. haben auff die Stocketen ſtecken“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567. fol. 2, Bl. 51b). stolz adj., allgemein üblicher Ausoruck für: ſchön gekleidet, geputzt. Stöpfling, Stöffling msc., Name eines Baſalthügels nahe bei Holz⸗ hauſen A. Homberg; Stöfflingskopf, Name eines ähnlichen, nicht gar weit von erſterem entlegenen Baſalthügels bei Oſtheim A. Melſungen. Es kann kaum ein Zweifel darüber obwalten, daß beide Namen Bildungen von Stauf, cautes (ſ. d.) ſind, und zwar, wie es ſcheint, Deminutiva. Weniger ſicher, wenn ſchon warſcheinlich, iſt es, daß hierher auch gehört Stoppelsberg, auf deſſen Gipfel die Ruinen der Burg Hauneck liegen, und welcher gleichen Namen mit den an ſeinem Fuße liegenden Dörfern Ober⸗ und Unter⸗Stoppel führt. Mit Stoppel, stipula, hat dieſer Berg⸗ und Dorfname ſicherlich nicht direct etwas zu thun; übrigens iſt zweifelsohne der Name des Berges älter als der Name der Dörfer, denn es gibt noch einen zweiten Stoppelsberg, bei Weichersbach, in deſſen Geklüft ſich um 1720 1730 eine Boa constrictor aufhielt, welche, nachdem ſie lange Zeit der Schrecken der dortigen Gegend geweſen war, von dem Förſter Lins zu Weichersbach an der Sinn im Romertsbrunn erlegt wurde. Stoppel kem., wie gemeinhochdeutſch. „Der Wind fährt durch die Stoppeln“ höchſt bezeichnende, hier durchaus volksübliche Bezeichnung der begin⸗ nenden Kühle und Oede des Herbſtes. Stoppelkalb, Schimpfwort für einen beſonders dummen und ungeſchickt ſich anſtellenden Menſchen. storbisch, eine ſeltſame Bildung von ſterben, welche im 15 Jar⸗ hundert öfter erſcheint. Sie ſoll den Sinn ausdrücken: was einem Geſtorbenen angehört, und findet ſich nur in Rechnungen, ſo wie in der Verbindung mit Häute: storbische hüte, d. h. Sterblingsfelle (wie auch in andern Rechnungen deſſelben Zeitraums sterhelingshude vorkommen), Felle, Häute von gefallenem Vieh. So in Borken 1489, in Rauſchenberg 1501 u. öfter. storgen, plaudern, ſchwatzen, austragen; unnütze Reden führen. Werragegend (Amt Altenſtein). Schmeller 3, 657 verzeichnet aus Nürnberg: ſtorgen, im Lande herumfahren, woher denn auch Storger den Landfarer, Marktſchrier bis in die neueſte Zeit bezeichnet hat und theilweiſe noch jetzt be⸗ zeichnet. Adelung 4, 408. strack, gerade, gerade aus; von Reden wie von Richtungen, Wegen, ſehr gewöhnlich, auch in die Schriftſprache übergegangen. In ältern Zeiten war es ſehr gewöhnlich, einen Verkauf einen ſtracken Verkauf zu nennen, um den⸗ ſelben als einen definitiven, dem Widerkauf entgegengeſetzten, zu bezeichnen. „mit eime rechten strachin firkoulfe“. Marburger Urkunde von 1340. „Ich Albert Ringk burger zu Marpurg bekenne — das ich — han verkaufft eines sitracken ewigen verkauffs Hermanne aus der Marpach — mein Haus“. Marburger Urkunde von 1365. Und ſo oft. Stramz msc. iſt zwar daſſelbe Wort, welches hochdeutſch Strom lautet, hat aber nicht dieſelbe Bedeutung; es bezeichnet vielmehr die Richtung des fließenden Waßers, die Strömung. So kommt es in den Actenſtücken des 16. Jarhunderts aus Niederheſſen und Oberheſſen ſehr häufig vor, und ſo iſt es noch jetzt, zumal in Oberheſſen, gebräuchlich. In H. Engels grawſamlich geſchicht einer Waſſerflut in Marburg 1552. 4. Bl. A2½ erſcheint die Form Straum im Reime auf Baum. Strüme — Strieme. 403 Strame msc.; Längsſtreif, Strich, Strieme; im Dialekt nicht beſtimt geſchieden von dem ſtark deelinierenden Stram, nnd ohne Zweifel an ſich daſſelbe Wort. „Das flecklin lag auf einem ſtramen des Meers, welches ſich 2 meil wegs landtwerts in ſtrecket“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567. fol. 2, 28a). Stramel msc., Längsſtreif, Strich; Stral. Gleichfalls gebräuchlich; beſonders hört man oft Sonnenstrameln. „so das von er (der h. Eliſabeth) sirameln gingen klar als die sonne“. W. Gerſtenberger b. Schmincke Mon. hass. 2, 370. „Im selbin jare quam so eyn groisz wint, das er — in den welden grosse strameln der boyme umbewarff, want wo die strameln hyn gingen, das muste all umbekallin“. Ebdſ. S. 528. Vgl. Strieme. Strampel fem. u. mosc., Bein, dickes Bein. In Heſſen wird es faſt nur ſcherzweiſe von den Beinen kleiner Kinder gebraucht; im Schwarzen⸗ felſiſchen aber, wo es masculiniſch gebraucht wird, iſt es der feſtſtehende Aus⸗ druck für Dickbein, Schenkel. straneln, zaudern, ſich beſinnen. Oberheſſen. streir, auch striff geſprochen, ein im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen ſehr übliches Wort, Nebenform von ſtraff, und bezeichnet die Eigenſchaft des Musculöſen, Kräftigen, Starken am menſchlichen Körper: „ein ſtreffer (ſtriffer) Burſch“. Schottel Haubtſpr. S. 1424: „ſtref, rigidus, robustior“. streichen v. neutr., anfangen zu ſieden, vom Waßer im größeren (Siede⸗) Keßel, wenn es über die ganze Oberfläche hin als Anfang des Siedens ſtrichförmige Wellen wirft; „das Waßer ſtreicht, was in den Keßel ſoll, muß herbei“. Allgemein üblich. Nur Schottel Haubtſpr. S. 1425 hat dieſe Bedeutung: „ſtreichen, ebullire, anfangen zu ſieden“, und nach ihm Stieler S. 2197. In den übrigen niederdeutſchen Wörterbüchern fehlt ſie, auch bei Schmeller, und Adelung hat ſie verſchmäht. Streckling msc., ein Gebund ſtrackes Stroh, im Gegenſatze gegen krummes Stroh, Blitterſtroh; das im eigentlichen Sinne ſtracke Stroh iſt nur das Roggenſtroh. Ueblich im nördlichen Theil der Grafſchaft Ziegenhain (Amt Schönſtein) und im nordöſtlichen Oberheſſen. Die alten Rentereirechnungen von Rauſchenberg (1552 — 1623) halten dieſe Bedeutung von Streckling, als Gebund Roggenſtroh, auf das Entſchiedenſte feſt, z. B.: „An ſtreckling 2270, an Hafferſtro 800, an Weitzenſtro 52 ſtröer. An Gerſten 106 ſtröer. An Erbeißen 19 ſtröer“. 1585. Andere Rentereirechnungen aus derſelben Zeit, z. B. Wetter, laßen dieſe Bedeutung von Streckling zwar auch erkennen, vermiſchen aber doch nicht ſelten Streckling mit Peuſch, was für jede Art Strohgebund gilt. streuen, Wege sireuen, eine in ganz Altheſſen herſchende Sitte: es werden von dem Hauſe eines Mädchens zu der Wohnung ihres geheimen, aber (vermeintlich oder wirklich) entdeckten Liebhabers Pfäde von Sägeſpänen, Spreu, Häckſel bei Nacht geſtreut, um das Pärchen in das Gerede des Ortes zu bringen und jedenfalls daſſelbe zu necken. Das Object „Wege“ bleibt ſehr oft weg; es heißt meiſtens „es iſt ihm (ihr) geſtreut worden“. Aehnlich in Baiern, wo man anſtatt ſtreuen das Wort ſäen braucht. Schmeller 3, 177. Strieme msc., Slriemen, ähnlich in der Bedeutung mit Strame, und, zumal in Niederheſſen, üblicher als Sirame, Streif, abgetheilies Längsſtück einer 26* 404 Strippen — Strunze. Fläche: Striemen Land, Striemen Tuch, Striemen Leder. Die gemein⸗ hochdeutſche Bedeutung (Längsſtreif auf der Haut, welcher von empfangenen Schlägen herrührt) iſt gleichfalls bekannt und geläufig. Striemel msc., Deminutiv von Strieme; ſehr üblich. Richey S. 296. strippen (sich), uneinig werden, ſich ſtreiten, ſich zanken. strippersch werden, uneinig werden, in Wortwechſel geraten. In Nieder⸗ heſſen äußerſt häufig. Seltſam iſt es, daß im Fuldaiſchen unstrippet gleich⸗ bedeutend mit uneinig iſt (ſ. d.). stritzen, Nebenform von ſpritzen, welche in Niederheſſen in ſehr ausgedehntem Gebrauche war und zum Theil noch iſt. So z. B. hieß die eigene Art auszuſpuken, welche der heſſiſche Soldat vor 1806 (damals zum großen Theil Tabakskauer) annehmen mußte, ſtritzen. Stroh neutr., wie hochdeutſch. Im 16. und in der erſten Hälfte des 17. Jarhunderts bildete dieſes Wort auch einen Plural: Stroeer, womit die Gebunde Stroh bezeichnet wurden. So kommt es in den Rentereirechnungen von 1540 — 1630 unzälige Male vor: „400 ſtröer in den Renthoff geliffert“. Stroh in den Schuhen haben. Es iſt eine äußerſt übliche Redensart: „er hat Stroh in den Schuhen“, um damit einen Mutwilligen, einen Spötter zu bezeichnen. Ob dieß etwa den Sinn haben mag: „er läßt den Schalk her⸗ vorgucken“? In dieſem Falle könnte herangezogen werden die bei Seb. Frank Sprichwörter 1541 Bl. Kb vorkommende Redensart: „Stro im ſchüch, ſpindel im ſack, vnd ein hür in eim hauß, gucken alweg herauß“. strolern in metaphoriſchem Sinne: „Dann ob wol etwan gute ordnung troffen werden, vnd verkundigt, ſo ſein etwan die Herrn vnd obern die erſten die ſolliche brechen. Daher kompt das mans ſtroern ordnung vnd in ander wege ſchimpflich nennt, als die ein tantz vnd ein veſper vberlangen“. J. Ferrarius von dem gemeinen Nutz. 1533. 4. Bl. 30a./f. 1a f 140, Vatili 4u,ℳ Strohmeier, 1) ein ehemaliger Unterbedienter der Cameralverwaltung, welchem die Aufſicht über die Erhebung der Zehnten hinſichtlich des Strohes, d. h. der Garbenzälung, zugewieſen war. Landesordnungen 1, 429. Kommt auch in den Kammer⸗ und Rentereirechnungen bis gegen das Ende des 17. Ih. (vielleicht noch länger) vor. 2) ein geringes, auf dem Heerde in der Pfanne oder auf der Platte verfertigtes Gebäck (den weſtfäliſchen Buchweizenpfannkuchen ähnlich). Strotte fem., die niederdeutſche, durch ganz Niederheſſen übliche Form des hochdeutſchen Stroße, Strotze, Luftröhre. Gansestrotte, Luftröhre der Gans, welche von den Kindern als Blasinſtrument gebraucht wird. Strotze kem., Miſtjauche. Schmalkalden. Vgl. Sotie und Trotze. Strümpfer msc., Inſtrument zum Stoßen, Stößer; auch Strempel. Oberheſſen. Butterstrempel, Stößer im Butterfaß. Marb. Hexenpr. A. von 1658. Kartoffelstrümper, Stößer um die gekochten Kartoffeln zu Brei zu zer⸗ ſtampfen. strümpfen, slrümpen, strempen, ſtoßen, zerſtoßen, zerſtampfen. Strunz msc., in der Obergrafſchaft Hanau daſſelbe, was in Nieder⸗ heſſen Stunz, Stutz iſt: Gelte, Zuber. Strunze fem., verächtliche Bezeichnung einer Frauensperſon, beſonders einer müßig ſich herumtreibenden; auch eines ältern, widerlichen Weibes. Sehr Stubbe — stummeln. 405 gewöhnlich, beſonders in Niederheſſen. „Ambubaia, ein loß weib, daß vmbher ſtreicht, ein ſtrüntzern“ Alberus Dict. Bl. C4b. strunzen, herum strunsen, müßig umherſtreichen, beſonders von Weibern geſagt. „ſtruntzen, discurrere“ Schottel Haubtſpr. S. 1426. Stuhhe msc., niederdeutſcher, im weſtfäliſchen Heſſen gebräuchlicher Ausdruck, mit welchem die Baumſtümpfe, Erdſtöcke, bezeichnet werden. Richey S. 297. Brem. WB. 4, 1074. Stubich, Slubick, Stübich msc., Buſchwald, welcher abgetrieben wird, und deſſen Wurzetſtumpfe dann wieder ausſchlagen.“ Vgl. Stübusk Brem. WB. 4, 1074. „Auch die Jacht des Holtz oder Stupichs, gnent der Getzman“ Vertrag zwiſchen L. Philipp und Abt Michael von Hersfeld vom 26. Juli 1557, bei Ledderhoſe Jurium se. 1787. 4. S. 186. (Vgl. Getzmann). Dieſer Wald iſt noch vorhanden, heißt aber jetzt, da das niederdeutſche Wort unver⸗ ſtändlich geworden iſt, Stockicht (auch: Stockig). Ein Stubick, Stübich findet ſich noch zwiſchen Oberliſtingen und Grimmelsheim. Stübchen neutr., das Deminutiv des hochdeutſchen stouf (Stauf), niederdeutſch stop, großer Becher, ſcheint nur in Niederdeutſchland vorzukommen, erſcheint jedoch in Heſſen in älterer Zeit ſehr häufig. Als Buttermaß (vgl. Brem. WB. 4, 1048) erſcheint es in einer Immichenhainer Urkunde von 1416 bei Lennep Leihe zu LSN. Cod. prob. S. 192: tzwe stibichen bottern. Als Weinmaß war ein Stübchen dem jetzigen Maß ziemlich gleich; es faßte vier Quart (Brem. WB. a. a. O.), oder vier Schoppen (ſechs Nöſel?), Zeitſchr. für heſſ. Geſch. u. LK. 3, 192. bestudeln, einen Verbrecher feſthalten und vor Gericht ziehen, wenig⸗ ſtens mit Angabe und Beſtätigung der Thatſachen bei dem Gerichte anzeigen. „Wers oich, daz en dyp ader ein morder bestudelt worde, da solde eyn zciut- grebe und daz serye loigen“, Weistum von Großenbursla und Völkershauſen aus dem 14. Jarhundert Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 2, 241, und daraus Grimm Weisthümer 3, 325. Ohne Zweifel iſt dieſes bestudeln einerlei mit dem dingstudeln im Kaiſerrechte (König 2, 33. Fuldaer Handſchrift Bl. 8b, bei Endemann S. 35), welches wieder einerlei iſt mit kümmern, occupare. S. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 92 —93. Stucke fem., niederdeutſcher Ausdruck für einen im Felde aufgeſtellten Haufen zum Einfaren bereiter Getreidegarben; in Oberheſſen Heuchel ſ. d. „Am 15. September ſind einem Bürger dahier von ſeinen am Kohlwege gelegenen, mit Waizen ausgeſtellt geweſenen Lande, welcher bereits in Stucken geſtellt war, zwei Stucken entwendet worden“. Wolfhagen 1839. Weſtfäliſches Heſſen. Anderwärts in Niederdeutſchland, und in Weſtfalen ſelbſt, ſind Stucken das was wir hier Erdſtöcke (Stubben) nennen. Strodtmann ld. Osn. S. 234. stüelen, Schmalkaldiſches Wort, nur in der Verbindung üblich: den Arsch stuelen, den Hintern ungebürlich, oder auch einem Andern zum Hohn, hervorſtrecken. Stülpe lem. iſt die Bezeichnung mehrerer Arten von Mützen des weib⸗ lichen Geſchlechts auf dem Lande; an der Schwalm inſonderheit üblich, bezeichnet das Wort die bei kirchlichen Veranlaßungen, namentlich bei der Feier des h. Abendmals übergezogene weiße Mütze, anderwärts Ziehbetzel. stummeln (stommeln, stümmeln), aufhalten, am Fortgehen, Weiter⸗ gehen, an der Fortſetzung der Arbeit verhindern. Oberheſſen, wenn gleich nicht 406 Stumpieren — bestusst. allgemeinen Gebrauches. Die Einwohner von Treisbach weigerten ſich im Jahr 1608, den „calviniſtiſchen“ Pfarrer Vitriarius aufzunehmen, und hatten u. a. die Wagen, welche das Hausgeräte dieſes Pfarrers von Wetter nach Treisbach führen ſollten, zurückgehalten. In dem Verhörprotokoll, welches 1609 über dieſe Sache mit der gröſten Weitläufigkeit aufgenommen wurde, wird nun dieſes Auf⸗ halten oder Zurückhalten zu ungezälten Malen von den vernommenen Gemeinde⸗ gliedern als ſtummeln bezeichnet: „die Wagen ſeien geſtumlet worden“; — „daß Mollerhanß auch die fuhr hab ſtumlen vnd auffhalten wollen, das wiße er nicht“; — „daß Mollerhanß am Einfart die fuhr geſtömlet, das hab er nicht gehort“ u. ſ. w. Siummelung kem. „Von ſtummelung der wagen wiß er nichts“; „hab auch die hemmung vnd ſtimlung der wagen vnd fahrt von Mollerhanß nicht gehort“; u. ſ. w. stumpieren, verſchmähen, ausſchlagen; ein im ökonomiſchen Handel in Oberheſſen üblicher Ausdruck: zwiſchen zwei im Handel z. B. um ein Stück Vieh Begriffene, welche mit ihren Forderungen und Angebot weit auseinander gehen, tritt ein Mittelsmann, welcher einen Vorſchlag zur Einigung der Parteien macht; der eine der Handelnden iſt bereit, auf dieſen Vorſchlog einzugehen, und gibt dieß mit den Worten kund: „ich will dein Wort nicht ſtumpieren“. Anders kommt dieſer Ausdruck nicht leicht vor. Eſtor 1420. Eben ſo auf dem Weſterwald Schmidt Weſterw. Id. S. 240. Schmeller 3, 640. stunkeln (sich), ſich ſtellen, aufrecht ſtellen. Hin und wieder an der untern Schwalm, auch wol in Oberheſſen, insbeſondere kleinen Kindern gegen⸗ über, gebraucht; „ſtunkel dich“, ſtell dich doch auf die Füßchen! Stunz msc., auch Slulz, und am liebſten deminutiv: Stünschen, Stüts- chen, ein kleiner Zuber, zum Melken, zum Baden der kleinſten Kinder, zum Waſchen der Füße, ſo wie zum Waſchen des kleinſten Linnenzeugs gebraucht. Niederheſſen; in Oberheſſen iſt das Wort unverſtändlich, da man hier nur Zuber, Zuberchen (Zöbberchen) braucht. „badestuncze, fussstuncze“ in einer Waldauer Rechnung von 1486. Das Wort findet ſich als niederdeutſch nur bei Schottel Haubtſpr. S. 1426: „Stuntze, labrum, cupa“ und bei Strodtmann Id. Osn. S. 235: „Stünßken, ein klein Milchfaß, dahinein gemolken wird“, ſo wie aus letzterem im Brem. WB. 4, 1079. Ueber Stutz vgl. jedoch Adelung 4, 489. Frommann 5, 297: Stünsken, aus Fallersleben. Stuppe fem. (niederheſſiſch), Staupe (oberheſſiſch), Krankheitsanfall, Paroxysmns der Krankheit, und nicht bloß der leiblichen, auch der Narrheit, ſogar des Zornes u. dgl. stuppern, ſtolpern; der im Fuldaiſchen ausſchließlich übliche Ausdruck. Stürze fem. 1) gegitterter Behälter, oft ohne Boden, in welchem Hüner, Gänſe, Enten eingeſperrt, meiſt zum Mäſten aufbewahrt, gehalten werden; Hünerſtürze, Gänſeſtürze. 2) Deckel eines Kochgefäßes. Oeſtliches Heſſen. „Ich habe weder tuppen, kriege, storczen noch panne; — Gutte hot mir gestoln eyn storcz vnuerholn; — Zuge (d. i. zihe) mich diner sloresen nicht“. Ungedrucktes Weihnachtsſpiel aus dem Ende des 15. Jarhunderts v. 574. 655. 659. stussen ſo viel als stutzen (ſ, d.) iſt wenig üblich (Schottel Haubtſpr. S. 1427), deſto üblicher iſt das davon Abgeleitete Wort /e. Fr/3 1630 bestusst, dumm, vernagelt im Kopf; albetn; beſtürzt; — gleich einem, welcher vor den Kopf geſchlagen iſt. Stuss — Sulze. 407 Stuss msc., hauptſächlich in der Judenſprache und im Verkehr mit Juden: Verkehrtheit (Abſpringen von der Zuſage), auch Albernheit, Unſinn „mach mir kein Stuß“. Vgl. Schmidt Weſterw. Jd. S. 245. Stutz msc. 1) plötzlicher, kurzer Stoß an den Kopf, oder vielmehr mit dem Kopf an einen harten Gegenſtand, zumal an den Kopf eines Andern. „Es war ein harter Stutz“ pflegte Joh. Nau bei der Erzälung ſeines Abenteuers (ſ. Wappen) zu ſagen. 9. 774 Stutskopf machen, Siutzkopf spielen, Stutzebock oder Hermen Stutzeboch machen, spielen, die Köpfe an einander ſtoßen, wie die kleinen Kinder thun. 2) auf den Slutz, plötzlich, unvermutet, mit einem Male. „Wie kann ich das nun ſo auf den Stutz machen?“ d. h. bei ſo plötzlicher Beſtellung in ſo kurzer Zeit. „Er kam mir ſo auf den Stutz“; letzterer Redensart bediente ſich ſchon Landgraf Moritz 1624, v. Rommel heſſ. Geſch. 7, 585 Anm. Sehr üblich. Vgl. Schmeller 3, 674. 3) ſ. Stuns. sintzen, die Köpfe an einander ſtoßen. Die Ziegenböcke, Schafböcke ſtutzen ſich; Kinder ſtutzen mit einander, und ſtutzen mit einander die Oſtereier. suckeln, das Frequentativ von ſaugen, zugleich auch als Deminutiv verwendet; übrigens im Volke weit üblicher, als ſaugen, ſowohl von Kindern als von jungen Thieren. Auch nennt man das Auflöſen von Süßigkeiten im Munde suckeln: „Zucker ſuckeln“, und der Lakrizienſaft führt bei den Kindern ganz regelmäßig den Namen Suckel msc. suffig, zum Trunke (Suff, Soff) geneigt. „Die Natsperſonen ſollen auch eines erbaren lebens ſein, nit ſuffig, noch anckiſch“. Ferrarius von dem gemeinen Nutz. 1533. 4. Bl. 40b. Noch jetzt ſehr gebräuchlich. söpperig, niederdeutſche Form, derſelben Bedeutung. Im weſtfäliſchen Heſſen. Sil fem., Säule; wird in ganz Altheſſen ausſchließlich von der Holz⸗ ſäule geſagt, welche die Ecken der Gebäude bildet; Steinſäulen (in Kirchen) nannte man mit dieſem Namen bis um 1830 durchaus nicht, ſondern Ständer. Süill, Sullen msc. 1) Schwelle. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. Richey 1d. Hamb. S. 300. 2) in manchen Gegenden heißt auch der Pflugteil Suln, welcher ſonſt Aftertrach, Boss, Pfälf, Schemel heißt. süllig, gewöhnlich sillig (silch) oder sellig, und vielleicht richtiger (ſ. u.) geſprochen, ein Adjectivum, deſſen Bedeutung ungefähr der von viel, groß, an⸗ ſehnlich, bedeutend, entſpricht. „selge orbet“, viel Arbeit, ſchwere Arbeit. „ech bin selge möl do gewest“, ich bin oftmals, ſehr oft, da geweſen; „ein ſillig Glück“ ein ungemein großes Glück; „ein ſillig reicher Mann“, „ſillig viel Geldi oder auch nur „ſillig Geld“ u. dgl. m. Das Wort iſt in ganz Altheſſen, am meiſten in Niederheſſen, und im Fuldaiſchen, wie auf dem Vogelsberge, in Schwaben, in der Schweiz u. a. O. gebräuchlich. Man könnte zunächſt wol, wie Schmeller 3, 229 an eine erweiterte Be⸗ deutung von ſolch denken, doch will ſich dieß nicht ſonderlich zu dem angegebenen Gebrauche in allen Formen deſſelben fügen; weit mehr fügt ſich zu denſelben das freilich in der Schriftſprache längſt untergegangene goth. sildaleiks, altſ. seldlic, mirabilis. Sulze, Sulse fem. bedeutet jetzt nur eine beſondere Art von Wurſt 108 Suppen — Tabart. (die aus Schwarten beſtehende), ehedem aber bedeutete das Wort hier wie anderwärt das Eingeſalzene überhaupt, ſogar das eingeſalzene Kraut, das ſ. g. Sauerkraut. „V' ſc. i. 500] krudes zu soltsen, 850 krutz gekauft zcu muson [Gemüſe]“; Kaſſeler Rechnung von 1479. suppen, triefen, von den Augen. Suppaugen, triefende Augen. Supp msc., der verhärtete Augenſchleim. Niederheſſen. Suppelwetter, regnige, feuchte, neblige, aber nicht eben kalte Witterung. Im Fuldaiſchen. suppelig, regnig, feucht; „es iſt ſo ſuppelig draußen“. suppeln, ein wenig regnen. Sür neutr., der Eßig (das Saure an und für ſich, das eigens Saure). Im weſtfäliſchen Heſſen. Süster fem., die niederdeutſche, im ſächſiſchen, beſonders aber im weſt⸗ fäliſchen Heſſen (hier ausſchließlich) übliche Form von Schweſter. Das Wort weicht ſueceſſiv zurück; in und um Kaſſel war es noch in der Mitte des vorigen Jarhunderts gebräuchlich, wenn auch nicht mehr in allgemeiner Uebung, jetzt iſt es dort und ſchon einige Wegſtunden weiter nördlich gänzlich ausgeſtorben; nur das in Kaſſel (jetzt auf der Oberneuſtadt) befindliche Hoſpital für Frauens⸗ perſonen heißt noch das Süſterhaus; eine den meiſten Bewohnern der Stadt ſchon jetzt nicht mehr verſtändliche Benennung. sude, sudchen, sutjes ſ. side. Siitte, Sudde, Sute fem., meiſt sidde geſprochen, der Aufguß von heißem Waßer auf Gras, Strohſtümpfe (Gepeul) u. dgl., welcher mit dem Gras ꝛc. dem Milchvieh Abends gegeben wird; je nachdem die Vegetabilien be⸗ ſchaffen ſind, werden dieſelben auch in dem Siedekeßel eigens gekocht. In ganz Heſſen üblich. „Sie weren außgegangen mit Körben vmb Diſteln außzuſtechen zur ſutten“. Marburger Verhörprokokoll von 1596. „Palea, ein ſüd, fi e stramento secto, aus haxel“ Alberus Dict. Bl. ub. Ohne Zweifel iſt dieſes Wort das alte suti, wie auch Schmeller annimmt 3, 293. suttern, ſickern, beſonders von unſauberer Flüßigkeit gebraucht: die Wunde ſuttert, der Waßerſüchtige ſuttert, oder: die Lymphe, das Waßer ſuttert. Sutter msc., die ablaufende, ab⸗ oder durchtropfende unſaubere Flüßig⸗ keit; insbeſondere wird Sutter von dem Ablauf des gerauchten Tabaks gebraucht. Sultersack, Abguß an der Tabakspfeife, welche dieſen Ablauf aufnimmt. Vgl. Sotte, Sutie, Mistsutle, welches Wort wol hierher gehören möchte. sutzelich, auch susselich, unſauber gekleidet, unreinlich überhaupt, beſonders von Frauensperſonen gebraucht. Niederheſſen. Sutsel fem., Sussel, Susel, eine unſauber ſich haltende Frauensperſon. Die Formen mit ꝛs, 8, ſind ſchmalkgldiſch. T. Tabart (Daphart, Tappari) msc.; dieſe griechiſch⸗lateiniſche, in allen Tochterſprachen des Lateiniſchen übliche Begeichnung eines laugen Gewands ſindet 409 Tägen — Taubhorn. ſich im 14. und 15. Jarh. in Heſſen ſehr häufig: Falckenheiner Fritzlar 4, 153 und ſonſt. tägen (sich), ſ. dachen. Tag. „Zu Tage läuten“, auf den Dörfern das Läuten zum Früh⸗ gebet, um 5 oder 6 Uhr im Sommer, um 7 Uhr im Winter. Heltag, Feſttag; an der Schwalm, auch ſonſt noch nach Oberheſſen und nach Hersfeld hin. Jubelches Tag: „auf Jubelches Tag“, ad calendas graecas. nimmermehr. Fulda. Nimmerslag:'„auf Nimmerstag, wenn die Böcke lam⸗ men“, nun und nimmermehr. Nieder⸗ und Oberheſſen, ſehr üblich. Tag und Nacht, Name der ſchönen und in Heſſen nicht häufigen Pflanze Melampyrum nemorosum in der vordern Rhön, ſehr ſprechend: aus dem Dunkel⸗ blau der Deckblätter bricht die goldgelbe Blütenkrone, der Sonne gleich, hervor. S. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 94. An der Werra (Meisner, Alten⸗ ſtein), wo die Pflanze ſich gleichfalls findet, will man einen Namen für dieſelbe nicht kennen. betagen c. Acc., alter, ehedem nicht allein üblicher, ſondern regel⸗ mäßiger Ausdruck für: einem einen Tag, d. h. Gerichtstag, beſtimmen, ihn zum Termin vorladen. „1 fl xiii alb wird geſtraft Martin Bomm zu Rodenhauſen, daß er — als er vor die Obrigkeit betagt, außgerißen“. „Gedachte drei Hoff⸗ menner ſindt nach Rauſchenberg betagt, aber vngehorſam außpliben“. Rauſchen⸗ berger Bußregiſter von 1606. Und ſo ſehr oft. Talpen plur. tant., das Maul. Dieſes Wort kommt nur in der Diemelgegend, zumal von dem thieriſchen Maul, vor. tappchen, häufig dappchen geſprochen, Frequentativ von tappen, feſt und hart, plump auftreten; auch figürlich von plumpem Dreinfahren gebraucht. Schmidt Weſterw. Id. S. 250. Tapch msc., ſeltner Dapch, ein plumper Menſch. Sehr üblich. Tappe fem., auch Tappen msc., Socke, aus Salbenden, Lumpen u. ſ. w. verfertigter weiter Schuh. Allgemein üblich, ausſchließlich jedoch im Gebiet der Hauna, während in Niederheſſen neben Tappe auch Lätsche und Tatsche (Datsche) gilt. tasten (tosten auf einen), antasten, war die alte, bei Gerſtenberger häufig vorkommende Bezeichnung von fehdemäßigem Ueberfall und von Verübung des Straßenraubes. „Knechte, die gnüpten vnde tasten ulf die strasse unde in dem lande“ (Schminke M. hass. 2, 491. 499). „Sie tasten uff den Bischoff von Paderborne, du tastin die von Patberg widder uff die strasse in Westphalena (ebendaſ. 507). „Etzliche reissener — die randten vor Franckenberg unde tasten ane. (ebendaſ. 519). Vgl. gneipen. Tátel msc., auch wol Dalel geſprochen, iſt in manchen Gegenden des öſtlichen Heſſens (Waldkappel, Meisnergegend überhaupt) der Name des Zigeuners, neben dem allgemeinen Namen Heide. Es iſt dieß der, im öſtlichen Deutſch⸗ land gewöhnliche (z. B. im Froſchmeuſeler vorkommende) Name Tatar, Tatter, Datter, welcher den Zigeunern beigelegt wurde. Taubhorn mse., geſprochen Dubhorn, Dübhorn, das Männchen der Taube, Tauber, Taubert. In ganz Niederheſſen und Fulda die üblichſte Bezeich⸗ nung, neben dem weniger gebräuchlichen Ruckert. Das Wort findet ſich auch als;Auifhorn im Teutoniſta (Grimm Gramm. 2, 499) und muß ſich auch weiter verbreitet haben, da es eine adliche Familie Bubhoru, Dubehorn im 14. Jarh. 410 Taufel — Grasteufel. im Odenwald gab (Wagner im Archiv für heſſ. Geſchichte und Alterthums⸗ kunde 6, 54 f.). Taufét kem., die Handlung und Feierlichkeit, einſchließlich der Gaſterei, der Kindtaufe. Schmalkalden. Taufeteleute, Kindtaufsgäſte. Ti. 2244. . terlaffen, eine der ſeltſamen, ohne Zweifel durch arge Entſtellung ge⸗ bildeten Schmalkalder Ausdrücke, bei Reinwald 1, 161 talaäftern, albernes Zeug reden. — Teufel, geſprochen Deiwel, auch Diwel. Das Ausſprechen dieſes Wortes wird, wenn der Teufel ernſtlich gemeint wird, vermieden, und dafür „derjenige“ geſagt; wird das Wort zum Ausruf verwendet, ſo wird es in allerlei enſtellte Formen gekleidet: Deiker, Deitſcher, Deutſchel (wie in Filidors Ernelinde S. 42: „der Teudſchel hole Sich); auch wird misverſtändlich Deiphenker, abgekürzt Denker als Name des Teufels gebraucht, während daſſelbe Dieb⸗ henker (Schinder) bedeutet. Redensart: „er iſt der lebendige (leibhaftige) Teufel“, ein arger, die Umgebungen qäulender Menſch. „Ja, wie ich jung war, da war ich auch mal ſo ein klein Deiwelchen“ ſagte eine ſehr lebhafte, unter⸗ nehmende Kaufmannsfrau. „O Luischen, du watſt auch ein Teufel“ entgegnete trocken und gravitätiſch der Mann. „der Teufel ſelbſt ſein“ ſehr mächtig ſein. „Iſt der Kerle ſo ſtoltz, weil er nur Sättel kan machen, was wolte er wol' thun, wenn er köndte Gäule machen, dann würde er der Teufel ſelbſt ſein“. O. Melandi Jocoseria (Lich 1604. no. 609. S. 500. Schmalk. 1611. 2, no. 208 S. 264). Der Statthalter Burchard von Cramm wurde von einem Bauern „der Teufel gar auf der Kanzlei“ angeredet. Ebdſ. (Lich 1604 No. 572. S. 532— 533. Schmalk. 1611. 2, No. 172 S. 214 215). Von Familiennamen, in denen das Wort Teufel vorkommt, ſind mir außer dem einfachen Teufel, wohin auch wol Deibel, Deubel u. dgl. zu rechnen ſein werden, in Heſſen nur begegnet: Teufelskind in Gershauſen be Kirchheim und Teufelshaupt in Kaſſel. Der erſtere Name iſt ſchon längſt ausgeſtorben (er bedeutet Zauberer); der andere iſt im Anfange dieſes Jarhun⸗ derts erloſchen. teufeln, zum Teufel machen. „Alſo gute luſt haben ſie (die Sekten) darzu, das ſie Chriſti geiſt in den Catholicis leſtern vnd Got Teufeln ſollen“. Geo. Witzel Poſtill 1539. kol. Bl. 219a (zu Joh. 8. „nun haben wir erkannt, daß du den Teufel habeſt“). überteufeln, überwältigen, übertölpeln. Niederdeutſch (ſ. Richey S. 49), aber in ganz Heſſen üblich. „daß ich bey einem Stümmelchen Liechts eins Glieds lang drey oder vier Maß Weins herauſſer ziehen vnd vberteuffeln fan“ O. Melander Jocoseria. Lich 1604. S. 745 (no. 730). [Schmalkalden 1611, 12. 2, 428 (no. 331)) Grastenfel, muß ehedem eine beſondere Art von Dämonen oder wenigſtens Beſeßenen geweſen ſein oder bedeutet haben. Im Sommer 1657 kamen „tolle, Paderborniſche vom Leidigen teuffel beſeſſene Leute“ durch Marburg, welche vorgaben, jede Hexe „vnd voreine Leut“ zu riechen, worauf ſie dann als⸗ bald niedergefallen und „vnrichtig“ worden; bei „frommen Leuten“ waren ſie ruhig. Alles Volk ſtrömte um ſie zu ſehen, erſt vor dem Eliſabethenthor, dann auf der „Hausſtadt“ zuſammen. Darauf bezieht ſich folgende Ausſage vom Jahr 1658: „Er hab auch vorm thor geſehen, daſſ die eine beſeſſene, welche den klopteuffel gehabt, angefangen zu lachen, vnd zu ihrer mittgefährden geſagt, du grasteuffel itzs iſt herenfleiſch da, der teuffel ſitzt dir itzo in den füſſen“. Teufelsgraben — Thier. 411 Das Wort wird ſnoch jetzt gebraucht, aber als Scherzwort, für ein kleines, un⸗ ruhig hin und her kriechendes Kind. — Was der Klopteufel geweſen ſein mag, kann ich gleichfalls nicht ſagen. e . Teufelsgraben, ſehr häufig vorkommender Eigenname einer vom „wilden Waßer“ gerißenen tiefen Schlucht, eines engen dunkeln Thales (zumal einer Waldſchlucht) bei Solz, Werda [bei Marburg] u. v. a. O. Deſſelben Sinnes ſind die gleichfalls oft vorkommenden Bezeichnungen Teufelsloch, Teufels⸗ hohl, Teufelskauie, Teufelsgrund, Teufelsthal. Teufelskanzel, Eigenname eines hervorſpringenden Felſen, welcher zweimal (vielleicht öfter) in Heſſen vorkommt: auf der Höhe zwiſchen Friedigerode und Salzberg, am Bilſtein, und bei Allendorf an der Werra. Die erſtere Be⸗ zeichnung bezieht ſich unzweifelhaft auf den alten Göttermythus und Göttercultus, welcher an dieſem Orte eine ſeiner bevorzugten Stätten hatten; die Benennung des andern Felsvorſprunges datiert doch auch wenigſtens aus dem 16. Jarhundert. Ein ſtarkes Verzeichnis von heſſiſchen mit Teufel componierten Orts⸗ namen, welches gleichwol noch einiger Vermehrung fähig iſt, findet ſich bei Lynker Deutſche Sagen und Sitten in heſſiſchen Gauen 1854. S. 2122. Im Ganzen belauft ſich die Anzal von dergleichen Ortsnamen in Heſſen auf mindeſtens achtzig. Teufelskeller, Bezeichnung eines Feldplatzes bei Frankenberg (ſchon 1550), und anderwärts, wol von einer dort vorhanden geweſenen Höle. Teufelsleiter, Asperugo procumbens, ein nicht ſehr häufig, am meiſten noch in Oberheſſen vorkommendes Ackerunkraut, an deſſen ſcharfen Blättern man ſich blutig ſchneidet. A. tn 7. 4ſ½ Teufelszwirn, Cuscuta epilinum, ein dem Flachſe höchſt gefärliches Unkraut, doch faſt nur im öſtlichen Heſſen, in der Werragegend vorkommend. Auf dem Weſterwald heißt dieſes Gewächs Rang, ſ. Schmidt Weſterw. Id. S. 158. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 94. Theilwarter msc., die Benennung eines Unterbedienten der Cameral⸗ verwaltung, welcher die beſondere Verpflichtung hatte, die richtige Verteilung der Teilzehnten, d. h. der mit andern Zehntberechtigten gemeinſchaftlich bezogener Zehnten, zu überwachen. S. die Verordnung des L. Ludwig zu Marburg vom 20. April 1574, 2O. 1, 439, wo die Theilwarter neben den Strohmeiern und Zehnterhebern vorkommen. Theilknecht, wol faſt daſſelbe, was Theilwarter. Ebdſ. Theis (Theiss, Deis, Deist), niederdeutſche Abkürzung des Namens Matthias, ehedem äußerſt üblich, wie die aus dem 16. Jarhundert und aus dem Anfange des 17. herrührenden Kirchenbücher bezeugen, woher denn auch die häuſige Verwendung dieſer Abkürzung zu Familiennamen in Heſſen ihren Urſprung genommen hat. Schon ſeit dem Anfange des gegenwärtigen Jarhunderts aber wendete ſich ſogar der niederheſſiſche Dialekt von dieſer niederdeutſchen Ver⸗ kürzungsweiſe merklich ab; ſchon damals gab es unter den (beſonders im öſtlichen Heſſen) zalreichen Matthias nur noch wenige Theis, dagegen zalreiche Maltheis, Mlaties und Matz, in mehr oberdeutſcher Weiſe, Jetzt ſoll Theis als Vorname in Heſſen wol kaum noch vorkommen. TThier, hier wie anderwärts ganz ohne ſchlimme Nebenbedeutung und keinesweges verachtend von den Weibern gebraucht; auch componiert: Wibesthier, Wer'sthier. 4 etAew ³ 14¼ her. Pfr (9. 2 †. 412 Verthiggen — Tod. „Unſe Wiwes⸗Thire, die ſillen er au En hebſchen Regen taintzen“. (Aller Reddelichen Heſſen⸗Kenger Herzeliche Freude. Eiſenach 1731. 4). Uebrigens gehört dieſes Wort zu denen, welche im Plural mit -er deelinieren: die Thierer, und es iſt dieſe Declination in Heſſen ſchon alt, bei Hans Staden, bei O. Melander öfter anzutreffen. Gethierse neutr., animal brutum, die beinahe ausſchließlich herſchende Be⸗ zeichnung; faſt niemals heißt ein animal brutum Thier. verthiggen, von Vögeln gebraucht: das Neſt mit Eiern verlaßen, ohne letztere auszubrüten. Weſtfäliſches Heſſen. Strodtmann hat S. 261: vertigen, verlaßen. Nach Brem. WB. 5, 64 kann dieſes Wort kein anderes ſein, als vertthen, ſich einer Sache verzeihen, was allerdings auch hochdeutſch ſo viel iſt, als ſich losſagen, verlaßen (Verzicht thun); demnach muß wol der weſt⸗ fäliſche Heſſe irrtümlich th (= dh, d) anſtatt t in dieſem Worte ſprechen, ein Fehler, welcher allerdings möglich iſt, da zugleich das 1 Kürzung erlitten hat. tlꝛun conjugiert die 1. Sing. Präſ. noch in alter Weiſe: ich thun, beſonders in der Inverſion: das thun ich, das Präteritum aber noch hin und wieder: ich thät. „Es iſt ein Thun“, „es iſt all ein Thun“, es iſt einerlei; die gewöhn⸗ lichſte Formel. Richey ld. Hamb. S. 50. Das Wort thun, das Wort führen; eine Predigt thun, eine Pr. halten, „für etwas thun“, Heilmittel anwenden. anthun ſ. im A. aufthun vom Hut, Schleier u. dgl. üblicher als aufseisen, und für das Aufſetzen der gewöhnlichen Kopfbedeckung (Hut, Betzel) ausſchließlich üblich da, wo aufsetzen eine beſtimte Bedeutung hat; ſ. das Wort. austhun, Gegenſatz von anthun, die Kleider ablegen; sich austhun, ſich ausziehen; ausziehen braucht man nur von den Strümpfen und Stiefeln, etwa auch von den Schuhen. certhunisch, verſchwenderiſch. thürängeln, gleichſam zwiſchen Thür und Angel bringen (wie das Wort auch wirklich verſtanden wird, wiewol es dirängeln, direngeln geſprochen wird), ängſtigen, plagen, quälen. Allgemein üblich. Reinwald Henneb. Id. 1, 164. Schmidt Weſterw. Id. S. 254. Ahrer in Kellers Ausgabe S. 3090 hat thierengeln, übrigens in derſelben Bedeutung. Ganz anders, aber ohne Zweifel irrig, faßt Grimm das Wort D. Wörterb. 2, 1567. Töls neutr., ſtatt Getöbs, Getobe; großes Geräuſch, großer Lärm. Schmalkalden. odl. Redensart: „er ſieht aus wie der Tod von Apern“; im Anfange dieſes Jarhunderts in Niederheſſen äußerſt üblich, um das bleiche, todtenähnliche Ausſehen eines Menſchen, z. B. derjenigen Kranken, welche in den letzten Stadien der Lungenſucht ſtehen, zu bezeichnen; ſeit 1830 wol gänzlich er⸗ loſchen. Woher die Formel ſtammt, vermag ich nicht anzugeben; ſie galt, als ich ſie in meiner Kindheit vernahm, für altherkömmlich, indem man erwähnte, daß die Gefangennehmung heſſiſcher Txyppentheile in Ypern (1793) das alte Sprichwort habe wahr machen müßen. P. L1 1/7. Todtenkopf. Redensart: „einem den Todtenkopf auf den Tiſch ſetzen“; „immer den Todtenkopf auf dem Tiſch haben“, ganz in der ſchon von Ziegler im Ditmarſiſchen Idiotikon bei Richey Idiot. Hamb. Tolfel — töpfern. 413 S. 408— 409 angegebenen Bedeutung: dem zweiten Gatten ſtets die Vorzüge des erſten Gatten anrühmen. Die ſehr bezeichnende Redensart iſt ziemlich all⸗ gemein üblich; in Kaſſel hörte man ſie ſonſt am allerhäufigſten. todte Mann. Der „todte Mann“ iſt bei dem Bergbau techniſche Be⸗ zeichnung der Halden ausgebaueter und verlaßener Schachte, außerdem aber auch Eigenname von Wald⸗ und Feldplätzen, ſo wie einer Ortſchaft im Schaumbur⸗ giſchen, welche zwar officiell Todemann geſchrieben, im Leben aber eben ſo wie die Waldplätze und die Halden, der todte Mann, genannt wird. Die höchſte Spitze des Kellerwaldes führt den Namen der todte Mann, als Mittelpunkt des wüſten Gartens, eines umfangreichen Steinwalles, in deſſen Mitte ſich eine Grube befindet. Möglich, daß dieß ein ehemaliges Grab — bei der Größe des Steinringes dann wol nur eines Königs — geweſen iſt, und daß eben daher dieſe Bezeichnung, ſo wie von der Aehnlichkeit mit Gräbern die Benennung der Schachthalden ſtammt. Denſelben Namen, der todte Mann, trägt auch der höchſte Bergkopf des Süllingswaldes, unfern von Friedewald. Außerdem findet ſich dieſe Bezeichnung am Beiſenberg bei Grüneis, am Schreckenberg bei Zieren⸗ berg und noch ſonſt hier und da. Tofrel, Tuffel msc., Pantoffel. In ganz Heſſen. Ob durch dieſe Weg⸗ laßung von Pan die Ableitung des Wortes Pantoffel von Bandtafel, die auch Schmeller 1, 430 annimmt, beſtätigt werde, ſteht noch dahin. Uebrigens iſt Toffel, Tuffel bei weitem nicht ſo üblich, wie Schlappe (ſ. d.), Pantoffel aber ganz ungebräuchlich. tocken, eigentlich: Fäden ausziehen, beim Spinnen; gewöhnlich aber gebraucht für: Fäden verwirren, z. B. Garn tocken, beim Abwickeln. Weſtſäli⸗ ſches Heſſen. Strodtmann 1d. Osn. S. 247. P/4. P 214. Tölzel msc., Beule, Geſchwulſt. „Martha die Kinder Amme ſagte, daß Joh. Henrich Mentzlers Frau — (welche ſchwere Mishandlungen erlitten hatte) gantz ſchwartz vnd blau an ihrem leib ſeye — auch einen dicken töltzell in der ſeiten habe“. Frankenberger Verhörprotokoll von 1697. Nur in Ober⸗ heſſen gebräuchlich, anderwärts unbekannt. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1407 hat: „Dülzel, eine beule“. Töpfen neutr., die in Altheſſen ausſchließlich gebräuchliche Form für Topf, gewöhnlich Tüpfen, Düpken, oder noch gewöhnlicher Düppen, Dippen ge⸗ ſprochen. Bekantlich iſt es dieſelbe Form, deren ſich Luther bediente. „ein alte Fraw, welche die Düppen zurüſten wolte, da man die getrencke inne machen wolt“! Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch 1567. fol. Bl. 40a); „ſie nennen die wurtzel Mandioka vnd ſieden gantze düppen voll“ Ebdſ. Bl. 53a und öfter. „ein new dupffen“ Marburger Hexenproceſſacten von 1596, 1633, 1634, 1654 und öfter, ſehr häufig. Das Deminutiv lautet Büppchen, Dippchen, im Plural Dipperchen. Schmidt Weſterw. Id. S. 257. Eben ſo aus der Grafſchaft Hohnſtein Journal v. u. f. Deutſchl. 1786. 2, 117. Düppenkratne iſt ein in vielen Gegenden gewöhnlicher Name der Fluß⸗ muſchel, vielmehr deren Schalen, da dieſelben gewöhnlich zum Abkratzen und Auskratzen der Kochtöpfe verwendet werden. Vgl. jedoch Ieker, Hrebsschachie. Dippendönjes ſ. Dönjes. töpfern, ein nicht übel erfundener Schmalkalder Ausdruck für zer⸗ brechen, von irdenem Geſchirr, Gläſern und ſonſtiger „Brechwaare“ gebraucht. 414 Törst — trassen. Tärst msc., Dörscht, ein Menſch mit verworrenen Haaren, Struppkopf: auch: ein eigenſinniger Menſch. Schmalkalden. Reinwald 2, 36 (Dörſchkopf). Tötz msc., Dummkopf, Menſch mit dem nichts anzufangen iſt, der nichts lernt. Schmalkalden. trähisch, geſprochen trdwisch, draewisch, träge, vielmehr unentſchloßen, ungern an eine Arbeit gehend. Schmalkalden. Reinwald 1, 21. 2, 128. In den niederdeutſchen Bezirken kommt dieſes Wort gleichfalls vor, in der Form driwisch, und man verſteht daſſelbe als eine Ableitung von treiben: wer ſich zur Arbeit treiben läßt, nicht ſelbſtändig thätig iſt, iſt driwisch. TTrage fem., der breite lederne Riemen, welcher an die beiden Hand⸗ haben eines Schubkarrens, einer Bahre, mittels Oehren angeheftet wird und über die Schulter lauft: Tragband. Niederheſſen. Sonſt heißt auch die Bahre ſelbſt Trage. tramschen, imperſonal gebraucht, „es tramſcht ihm“, es iſt ihm bange, angſt. Haungrund. Trandel fem., der ſchmutzig gewordene Saum eines Kleides, beſonders eines Weiberrockes. Im Fuldaiſchen; in Niederheſſen Klunder. sich trandeln, den Saum des Kleides beſchmutzen. Reinwald 2, 127. Trant mse., urſprünglich Schritt, Gang — gemeßener, ruhiger, Schritt und Gang; daher Lerensgang, Gewonheit; Brem. WB. 5, 98. 149— 150 (der Unterſchied zwiſchen zwei angeblich verſchiedenen Wörtern, den das Brem. WB. macht, findet in Heſſen nicht Statt und iſt überhaupt nicht zuläßig). Das Wort iſt in ganz Altheſſen, am meiſten in Niederheſſen, üblich, aber nur in gewiſſen Formeln: 1) bei ſeinem Trant bleiben, bei ſeiner Gewonheit bleiben; es geht wieder auf den alten Trant, es geht wieder nach der alten (üblen) Sitte; die Zwei ſind in einem Trant, halten im Alter, in der Größe u. dgl. gleichen Schritt. Wgl. Richey 1d. Hamb. S. 311. 2) um den Trant oder um den Trant herum, ungefähr, beiläufig, wie dieſe Redensart in ganz Niederdeutſchland, im Frieſiſchen und Holländiſchen mit derſelben Bedeutung vorhanden iſt, nur daß in dieſen Sprachen der adverbiale Satz in ein Adverbium (ommenirent Reinete Vos v. 1585. 1791; holländiſch omtremt) zuſammengezogen erſcheint. Friſch 2, 385. Vgt. Zeiſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 94—95. trändeln, im Haungrund tränseln, langſam gehen, zögern. Möglich, daß dieß ſehr übliche Wort zu trant gehört; doch vgl. Schmeller 1, 193. Eſtor S. 1406. 1421. Geträndel neutr., Trändelei kem., tadelnde Bezeichnung des ohnehin nur in tadelndem Sinne verwendeten trändeln. trappchen, Frequentativ von lrappen, hart auftreten, mit Anſtrengung gehen, wie iappchen Frequentativ von tappen iſt. „Ich habe müßen durch den tiefen Schnee trappchen“. In Oberheſſen iſt beſonders die Imperativform ge⸗ bräuchlich: trappeh dich, mach daß du fort kommſt, pack dich, ſcher dich fort. Eſtor t. Rechtsgel. 3, 1421: „trappen, ſich wegmachen“. trassen, traben; hart und ſchwer auftreten. Haungrund. Traschäken — Treiber. 415 traschaken, gewöhnlich draschaken geſprochen, durchprügeln. Dieſes hier zu Lande wie anderwärts ſehr übliche Wort bedeutet urſprünglich das Hazardſpiel Tréjaques (richtiger tre sciacchi) ſpielen, und darnach: einem Dritten in dieſem, im Anfange des vorigen Jarhunderts ſehr üblichen, Spiele ſein Geld abnehmen, ihn „gehörig ſchneiden“.Das Hazardſpiel Trejaques wurde in Heſſen durch die Edicte vom 7. Januar 1733 (9H. 4, 192) und 28. April 1774. (LO. 6, 764) ſchärfſtens verboten. Kopp Handb. 4, 485. Schmidt Weſterw. Id. S. 263. Reinwald 1, 169. Richey S. 313, zu deſſen Zeit (1755) nur das Spiel, nicht das von demſelben abgeleitete Verbum bekannt geweſen ſein kann. trätschen, 1) rauſchend, platzend niederfallen, vom Regen; auch vom ausgeſchütteten Waßer. „Es regnet, daß es trätſcht“. „Es trätſcht draußen“, es regnet ſehr ſtark. „Trätſch doch nicht ſo“, gieß nicht ſo viel Waßer aus. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1421. tratscünasz, triefend naß, durchnäßt; auch tröppelnas⸗ (trippelaasz). Eſtor S. 1421; putschnass (ſ. Pfütſche), batschnass. Ueberall gebräuchlich. 2) ausplaudern, das Anvertrauete weiter ſagen, austragen, unter die Leute bringen; ein nur als Tadel verwendetes Wort. Geiratsch neutr., Plauderhaftigkeit. „gegen welche ſie ſich verleugnet, ihres getretſches halben“. Marburger Criminalproceſſ 1680. Träische fem., plauderhafte, ausplaudernde Frauensperſon. Eſtor S. 1421. Tratschloch, Ort, wo Plauderhaftigkeit, Klatſcherei herſcht. — Allgemein übliche Ausdrücke. Anderwärts treischen (Gr. Hohenſtein, Journ. v. u. f. Deutſchl. 1786, 2, 117). Schmidi Weſterwäld. Id. S. 264. Tranhand fem., ſonſt Treuhänder. Als ein Beiſpiel unter vielen, welche angeführt werden könnten, daß wir ehedem deutſche Wörter hatten, welche den Gegenſtand bei weitem treffender, als die eingedrungenen lateiniſchen Wörter bezeichnen, und zugleich die deutſche Geſinnung ausdrücken, was den Fremdwörtern unmöglich iſt, möge auch dieſes, allerdings, als techniſch, keinesweges auf Heſſen beſchränkte Wort hier ſtehen. Es bedeutet Treuhänder oder Trauhand den Teſtamentsexecutor. „Wo aber die Eltern nit vorhanden, vnd die kinder vaterlos würden, gepürt einem Raeth vnd oberkeit, das ſie mit trawhenden vnd furmondern ſtattlich verſehen werden“. Joh. Ferrarius von dem gemeinen nutz. Marburg 1533. 4. Bl. 58b. tréde (adj. und) adv., dicht, häufig. „Das Korn ſteht irede“; „der Lein wird trede geſäet“; „die Stiche am Saum müßen trede gemacht werden“; auch: „die Schläge fielen trede“. In Niederheſſen ſehr üblich. Warſcheinlich iſt dieſes Wort das alte drali, mhd. draete adj., drdte adj., velox, celer, wie⸗ wol der Anlaut, welcher in dem heſſiſchen Wort entſchieden die Tenuis iſt, nicht ganz ſtimmt. S. ded. Vgl. Zeutſchriſt für'heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 95. Treiber msc. (wie das Wort gewöhnlich verſtanden, und, bringt man das Genus in Anſchlag, richtig verſtanden wird: als Subſtantiv zu treiben), geſprochen Triber, ja ſehr oft Triber, im öſtlichen Heſſen Benennung des mit einem Rade und Handhaben verſehenen Kaſtens zum Fortſchaffen von Erde, Schlamm, Miſt u. dgl.; daſſelbe Geräte, was im Fuldaiſchen und Schmal⸗ kaldiſchen Radkeber (ſ. d.) heißt. Spräche das Genus nicht entſcheidend dagegen, 416 ſo ſollte man bei der Ausſprache Triber auf den Gedanken kommen, es ſei auch dieſes Wort eine Compoſition mit ber, gleich Radeber. Schubkarren wird im öſtlichen Heſſen nur das fahrbare Transportmittel genannt, welches, zum Fort⸗ ſchaffen von Heu, Laub u. dgl. beſtimt, aus Latten verfertigt iſt und ein er⸗ höhetes, über das Rad hinausreichendes Vordertheil hat. Im weſtlichen Heſſen aber wird auch der Treiber Schubkarren genannt. Treis neutr., Treisch, die ältere heſſiſche Form des gemeinhochdeutſchen Trieſch. „Mit allen deſſelbigen (Erbgüter) Ackern, Wießen, Garten, Dreiſchern vnd andern in vnd zugehörungen“. Klage der Brüder Philipp und Arnold von Viermin gegen den Pfarrer Sigfrid Walkmüller (Mylius) zu Viermin (Vier⸗ münden) 1583. Und ſo ſehr oft im 16. Jarhundert. Agl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. 2K. 1, 250. Tremel msc., Prügel. tremeln, prügeln. Geträm neulr. Das Balkengerüſte im Keller. Dieſe Ausdrücke ſind nur im Fuldaiſchen, der letztere beſonders im Haun⸗ grund, üblich, wie in Baiern, Schmeller 1, 489; im übrigen Heſſen völlig unbekannt. Treugekorb, Korb, in welchem das Hehld getragen wird, Spreu⸗ korb. Hin und wieder in Oberheſſen (Reddehauſen). Vgl. Moezkorb. Trillerhäuschen, Drillhäuschen, drehbares Gitterbehältnis, in welches Frevler eingeſperrt und mit welchem ſie herumgedrehet (getrillert) wurden, ſonſt auch Narrenhaus genannt (ſ. d.). In Fulda, wo das Trillerhäuschen bis zum Jahr 1814 neben der Pfarrkirche ſtand, jedoch ſeit 1802 nicht mehr ge⸗ braucht worden war, kannte man nur dieſen Namen, nicht Narrenhaus. Nach dem Reglement vom 27. September 1740. §. 6. (LO. 4, 715) war das Drilthaus die in Altheſſen für die Waldfreoler feſtgeſetzte Strafe. Trine lem., die in Niederheſſen, und nur hier, gewöhnliche niederdeutſche Abkürzung des Frauennamens Katharina. Bis weit über die Hälfte des 17. Jar⸗ hunderts hinaus findet ſich jedoch gerade in niederheſſiſchen Acten nur die Form Cathar, Katter, wie in der Compoſition noch jetzt: Katharina Eliſabeth niederheſſiſch Katterlies lautet. Die Abbreviatur Trine wird aber auch als Scheltwort gebraucht; eine langſame, träge Weibsperſon heißt eine langſame Trine, eine faule Trine; eine ungeſchickte, alberne Perſon: eine dumme Trine; eine albern, langſam und ziehend redende eine Maertrine. Dergleichen Frauennamen wurden ſchon im 15. Jarhundert zu ſchmähenden Bezeichnungen gebraucht; ſo erſcheint in der alten Ueberſetzung des Boccaz: Frau Gietel, Frau Neſe als Scheltworte. Weigand verzeichnet im Intell.Bl. für den Kreiß Friedberg (Oberheſſ. Prov. Bl.) 1846. No. 61. Trene in ſchmähender Beziehung als wetterauiſch, denkt aber, da ihm der ſo eben aus des Boccaz Ueberſetzung nachgewieſene Ge⸗ brauch unbekannt iſt, irriger Weiſe an treno (Drohne), oder gar an trainer. trinken wurde ehedem, und zwar bis ziemlich weit in das 18. Jar⸗ hundert hinein, auch in Heſſen, wie noch jetzt in manchen Gegenden Oberdeutſch⸗ lands, vom Tabaksrauchen gebraucht, und zwar als regelmäßiger Ausdruck: Tabak rauchen habe ich in heſſiſchen Papieren und gedruckten Schriften, welche den Sprachgebrauch des Volkes wiedergeben, im 17. Jarhundert nicht gefunden. „Hernach habe er zu Cölbe ein pfeiff tubae getruncken, in hoffnung es ihm beſſer hierauf werden ſolle“. Marburger Hexenproceſſacten von 1659. Vgl. smöten. Treis — trinken. Trinken — Troester. 417 Trinken neulr., Dünnbier, Nachbier, Covent; die ausſchließliche Be⸗ zeichnung dieſes Getränkes durch ganz Heſſen, auch, wie es ſcheint, älter als die, längſt untergegangene und vielleicht nur wenige Jahrzehende beſtandene Benennung Langwel (ſ. d.). „ſie hab auch Strohhenrichs fraw vmb einen trunck dünbier oder trincken gebeten“. Marburger Hexenproceſſacten von 1659. Trip msc., ſchmaler Pfad, meiſt im Walde, wie ſolche Pfäde vom Wild und vom zahmen Vieh getreten werden; ſo gibt es einen Viehtrip (Ockershauſen), einen Ochſentrip (niederdeutſch Varrentrap), Ziegentrip oder Geißentrip u. a. Benennungen von Pfäden jener Art, welche jetzt ſchon faſt den Charakter von Eigennamen annehmen. „Vnmüglich aber iſts, alle pfade vnd getrip dieſes weges zu erzehlen“. Ludwig Schröder, Diakonus zu Homberg, Klag⸗ und Trauerpredigt auf L. Moritz 1632 (Monum. sepuler. 1638. S. 133). trocken. „Trockene Schläge“ kommen auch in den heſſiſchen Buß⸗ regiſtern und Criminalverhandlungen, wie anderwärts, und zwar häufig, vor, es gewähren aber die Rauſchenberger Bußregiſter auch einige Male „trockene Fäuſte“. Z. B. „xx Alb. wird geſtraft Junghen am Rein vnd Curt Breida zu Erxdorff, daß ſie Ludwig Schmitten mit drockenen feuſten geſchlagen“; vom Jahr 1604. Sowol die „guten truckenen ſchlege“ von 1560 —1600, wie die „drockenen feuſte“ von 1604 mögen urſprünglich, und auch noch in unſern heſſiſchen Acten, den Begriff der unblutigen Streiche, Schläge, Fäuſte, gehabt haben: indes ſoll doch wol das „trocken“ auch „derb, nachdrücklich“ bedeuten, ſo daß für unſer trocken die Bedeutung „ganz und gar, purus putus“, Schmeller 1, 475, mit in Anſchlag kommen muß. trollen, Kinder auf dem Knie ſchaukeln. Haungrund und Umgegend, Hersfeld. Vgl. irostern. Trombe kem., ein großes in den Stubenöfen befeſtigtes (eingemauertes) kupfernes Gefäß, in welchem Waßer, beſonders für das Vieh, mit dem Feuer durch welches die Stube geheizt wird, gekocht wird und Kartoffeln geſotten werden. Nur im öſtlichſten Heſſen vorkommend, ſonſt Bläse (ſ. d.).9. K Trosser msc., Beilaufer, zum Troſſ gehörige Perſon. Im 16. Jar⸗ hundert kommt das Wort ungemein oft, beinahe ſo oft eine Hofhaltung erwähnt wird, auch in Heſſen vor, z. B. kamen am 22. Februar 1562 von dem Jagd⸗ gefolge des Landgrafen Philipp in Rauſchenberg an drei Jägermeiſter „mit ſampt dreyen Jeger perſonen, als Jungen vnd Droſſer“. Und ſo ſehr oft. Vgl. trassen. trostericht, iroslerig, trübe, von Flüßigkeiten, ganz beſonders vom Oel gebraucht. Oberheſſen. Das Wort iſt eine Ableitung von druosa, welches ſich gleichwol im Dialekt nicht findet. trostern, rütteln, z. B. das Rütteln, welches man bei dem Fahren auf einem nicht in Federn hängenden Wagen empfindet; auch trostert (rüttelt, ſchaukelt, fährt) man die Kinder auf dem Schoße, mit Kinderreimen begleitet, welche in Oberheſſen wie in Niederheſſen beginnen: trosz irosz trull. Das Verbum irostern iſt aber nur in Oberheſſen gebräuchlich. Vgl. trollen. Troester. „Den Tröſter trinken“ heißt in der Obergrafſchaft Hanau (Steinau und Umgegend) das Trauermal, Leidmal, nach dem Begräbnis; ander⸗ wärts auch „der ſchwarze Kohl“. Tröſter iſt übrigens auch eine ſehr gewöhnliche Scherzbenennung eines dicken, ſchweren Handſtockes, auf den man ſich im Falle eines Angriffes ver⸗ laßen kann. Vilmar, Idiotiken. 27 418 Trolze — tummeln. Trotze fem., Misltrofze, Miſtbrühe, Jauche; das im Fuldaiſchen olloe⸗ mein und ausſchließlich geltende Wort. Im übrigen Heſſen Adel und Solle. Vgl. Tratſche, Miſttratſche, Miſtlache, Reinwald Henneb. Id. 2, 127; desgl. Slrotze. trüge adj., trocken. Sächſiſches, auch weſtfäliſches Heſſen. Ein bekanntes niederdeutſches Wort, ſonſt auch treuge; es wird im übrigen Niederheſſen zur Not verſtanden. truhen, imperſonal: es iruhet an ihm, truhet nicht an ihm (z. B. Eßen und Trinken), gedeihen. Schmalkalden. Was Reinwald Henneb. Jd. 1, 172; 2, 129 zur Erklärung dieſes dunkeln Wortes beibringt, trägt nichts aus. Trumpel, Trombel msc., auch Trumb, Kleinigkeit; „die Sache iſt um einen Trumpel verkauft worden“ Die Formen -el ſind nur im Fuldaiſchen üblich: Trumb kommt einzeln auch ſonſt in Heſſen vor; man verſteht darunter Trumpf im Kartenſpiel, wol irrig: es wird Trum, Stück, abgebrochener Theil (wovon Trümmer) ſein. Trümper mse. wird in Oberheſſen, am meiſten ſüdlich von Marburg, eben ſo von kleinen Kindern gebraucht, wie Strampel msc. in Niederheſſen und anderwärts: „Du kleiner Trimper“. Ein Zeitwort trümpen, parallel dem Verbum ſtrampeln, iſt mir jedoch nicht gelungen zu entdecken. Tuck msc., die Tücke; im Schmalkaldiſchen üblich, und zwar namenllich von Bezauberungen; „einem einen Tuck thun“ bedeutet geradezu: jemanden behexen. iucken, auch wol duchen, eintucken, 1) die in ganz Altheſſen übliche niederdeutſche Form des hochdeutſchen tunken, eintunken. Wo tucken nicht üblich iſt, braucht man ſtippen (ſtatt ſtüppen, ſtüpfen, ſtupfen), ein⸗ ſtippen. 2) für tauchen, welche Form in Heſſen ſo wenig wie tunken, volks⸗ üblich iſt. „Etliche grobe fiſche, wenn ſie den Pfeil in ſich fühlen, begeben ſie ſich nach dem grundt, denſelben ducken ſie (die Wilden) nach, etwan die ſechs tlaffter tieff“. Hans Staden Reiſebeſchr. (Weltbuch 1567. fol. Bl. 51b). TTucks, gewöhnlich Ducks geſprochen, msc., Schlag, Stoß, Krankheits⸗ anfall. „Er hat ihm einen Ducks gegeben, daß er lange dran zu thun hat, wenn er nicht gar ſtirbt“. „Die Krankheit hat mir einen Ducks für mein Leben gegeben, ich werde mich nicht wieder ganz erholen“. „er wehre über der malzeit kranck worden, vnd nach dem des lägers geſtorben; es wehre aber ſein alter taux geweſen, welches ſie an ihm wehre gewohnt geweſen, daß er offt ſo kranck worden“. Marburger Verhörprotokoll von 1658. tucksen, ducksen, einen empfindlichen Schlag geben, niederſchlagen, entſcheidend demütigen. Sehr üblich. Vermutlich Iterativform von Tuck, Tücke, tücken. tüggend part. praes. von tügen, wird im weſtfäliſchen Heſſen ſtets da angewendet, wo wir tüchtig, brauchbar, brav, von Menſchen, oder gut gearbeitet, haltbar, von Sachen ſagen. tummeln (sich), gewöhnlich dummeln geſprochen, ſich eilen; das in ganz Heſſen ausſchließlich für den Begriff ſich eilen gebräuchliche Wort; eilen, Eile ſind Ausdrücke, welche dem Sprachkreiß des Volkes gänzlich fern liegen. Dagegen iſt der hochdeutſche Sinn von ſich tummeln, ſich herumtummeln, dem Volke fremd. Schmidt Weſterw. Id. S. 257. Tümpel — üeben. 419 Tümpel msa., 1) wie hochdeutſch: Pfuhl, Lache. 5 u.7 Cl, Tjo⸗ 2) Lichtſchnupfen. Weſtfäliſches Heſſen. Turnes msc., richtiger Tornos, eigentlich Tournoys, Münze, welche in Tours geprägt worden. Dieſe fremdländiſche Münze hat in Heſſen ohne Zweifel die längſte Dauer ihres Kurſes gehabt. Nicht genug, daß der Turnes im 16. Jarhundert zu den landüblichſten Münzen gehörte (man ſehe die Anekdote von dem bekannten Heſſiſchen Oberſten Friedrich von Rolshauſen, welcher von ſeiner verarmten Mutter mit einem Turnos aus dem väterlichen Hauſe ſoll entlaßen worden ſein, bei Schuppius Sämtl. Schr. [1719] 1, 57); der kupferne Turnes hat in Oberheſſen ſogar bis zum Jahr 1810 curſiert, zuletzt freilich auf den Wert eines leichten Hellers herunter gebracht (im 16. Jarhundert galt der ſilberne Turnes in Heſſen 18 Frankfurter Heller). Indes theilte er dieſes Schickſal oder dieſen Vorzug mit noch weit ältern und vornehmeren Münzen, den Diocletianen, Gordianen u.ſ. w., welche ſämtlich bis zu dem angegebenen Zeitpunkte im Werte eines oder höchſtens zweier leichter Heller in Oberheſſen Geltung hatten, und nur dadurch hatte der Turnes einen Vorſprung vor den römiſchen Münzen, daß ſein Name noch ziemlich bekannt war, was bei den römiſchen Müngen begreiflicher Weiſe nicht Statt fand. Tuttelkolbe kem., der Name für Typho, Kolbenſchilf, Rohrkolbe. An der Hauna, im Schmalkaldiſchen, und wol noch anderwärts. Collectiv wird ſie auch (meiſt in unterſchiedloſer Gemeinſchaft mit den Species von Arundo) Ried neutr. genannt. tüwven, bekanntes niederdeutſches Wort: warten, im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, wo das Wort „warten“ gänzlich unbekannt iſt, üblich, aber auch an der Werra bis nach Witzenhauſen hinauf (Ellingerode) im Gebrauche, hier in der Form däuwen, in welcher Geſtalt es auch im Schaumburgiſchen ge⸗ ſprochen wird (teuf man, wart nur). Reimſprüche: 'n Maeken dat nau tüwen kan, dat krigget auk nau sinen Man; — 'n Maeken dat ni mai tüwen kan, mot nommen wat i kriggen kan. Pg 2, 301 Tweddeke fem., eine beſonders in Grebenſtein vorkommende Bildung von Twete; es bezeichnet das Wort eigens ein Gäßchen zwiſchen zwei Hecken, und wird auch ſo verſtanden, als ſei es aus iwe oder gar Twele und Hecke zuſammengeſetzt; während es, wäre es nicht Femininum, als Deminutiv von Twéte angeſehen werden könnte. Twvéte fem., eine enge Gaße, zumal zwiſchen Gartenhecken. Im ſächſiſchen (auch wol im weſtfäliſchen) Heſſen: Immenhauſen, Grebenſtein, Hofgeismar, Trendelburg, Helmarshauſen, ſehr häufig. Vgl. Tweddehe. Perhochdeutſcht nennt man die Twéte: Zweite. u. üieben (eicl), ſich hören laßen, laut werden, ſich regen. „Ich hab mich einmal geübt, das iſt mir ſchlecht bekommen“. „Wir haben die ganze Nacht aufgepaſſt, aber es hat ſich nichts geübt, es iſt ganz ſtill geblieben“. — „Der Soldat ſo auf Schildwacht geſtanden, hab geruffen: Wer da? es hab ſich aber niemand geübet“. Marb. Hexenproceſſacten v. 1659. „die katze übet ſich, ſie maut“. Eſtor S. 1421. Im ſüdlichen Oberheſſen ſehr gebräuchlich. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. Landeskunde 4, 95 —96. 27⸗ 420 Ueberälsch — überschnoppen. überälsch, ſaſt nur mit der Negation gebräuchlich: nicht überalsch, nicht weltklug, nicht politiſch. Haungrund. Dieſes ſeltſame Wort iſt ein aus überall gebildetes Adjectivum: uberälsch iſt einer, welcher überall zu Hauſe iſt, überall ſich zurecht zu ſinden weiß. überenzig, übrig. „Iſt nicht noch ein bißchen überenzige Suppe da?“ „Der N. kann nicht viel beiſteuern, denn er hats nicht gerade überenzig“. „bitten vmb nachlaß der noch vberentzigen ſtraff“. Marburg 1578. Sehr üblich durch ganz Altheſſen. übergeben bedeutet im 16. Jarhundert ſehr gewöhnlich hingeben, ganz und gar hingeben, weggeben, ſo daß man das was man übergibt gar nicht mehr beſitzt, und daraus entwickelt ſich die Bedeutung: etwas von ſich thun, weil man es eben nicht haben will, verachten, z. B. „die Warheit übergeben“ (Aeg. Hunnius Poſtille 1588. fol. 1, 21), „die Abſolution verachten und übergeben““ (E. Sarcerius Pastorale 1566. fol. S. 205). In dieſem letzterwähnten Sinne: verachten kommt das Wort übergeben in den heſſiſchen Schriften, zumal in den Bußregiſtern, des 16. und der erſten Hälfte des 17. Jarhunderis mit dem Accuſativ der Perſon äußerſt häufig vor, meiſtens mit dem Zuſatze „mit unnützen Worten übergeben“. „Seip Groben fraw zu Ohmenaw hat Adam Leinwebers des hirten fraw in irem Kindbett in irem haus vbergeben vnd jhr die große kranckheyt geflucht“. Wetterer Bußregiſter v. 1591. „Die Wechter ſollen das Hoffgeſindt, Edell oder Vnedell vnd ſonſt meniglich mit keinen vnnutzen worten vbergeben“. Univerſitäts⸗Policei⸗Ordnung v. 26. Oct. 1556 (Hildebrand Urkundenſamlung über Verfaßung und Verwaltung der Univerſität. 1848. S. 62). „Hans Windt hat Wilhelm Fittich mit vnnutzen worten, vor dem Rhathaus zum Rauſchenberg, vbbergeben“. Rauſchenberger Bußregiſter von 1585. „Herman Hueter zu Wetter hat Hans Schuemachern ſein Nachparn mit gotsleſterlichen Worten vbergeben“. Wetterer Bußregiſter 1591. „Jörg Steller in Rodenhauſen hat Cloß Stein Burgern zue Rauſchenberg mit vnnußen worten vbergeben“. Rauſchenberger Bußregiſter v. 1606. Und ſo ſehr oft. übergehen wird nicht ſelten in dem Sinne: über jemand kommen, jemanden von Oben her zu Theil werden, im Böſen und Guten, gebraucht: z. B. „den ſoll doch das Wetter übergehen!“ „mich hat noch nicht viel Glück übergangen“. Letztere Redensart wurde ehedem, wenn ſie gegen einen Andern gebraucht wurde, als eine Drohung angeſehen — warum? iſt kaum deutlich ein⸗ zuſehen — und beſtraft: „Seip Groben fraw zu Ohmenaw wird um ½ fl. ge⸗ ſtraft, daß ſie dieſelbige fraw betrawet hat, es ſolle ſie nicht viel glücks vbergehen“. Wetterer Bußregiſter 1591, und ſonſt noch einigemal. üherläppiseh, 1) ſchiclend, und zwar mit der Richtung der Augen⸗ ſterne nach Oben, blicken; allgemein üblich; 2) verrückl, nicht recht bei Verſtande, närriſch. Hin und wieder gebräuchlich. überläng adj. u. adv., die durch ganz Heſſen nicht allein vorherſchende, ſondern in den meiſten Gegenden allein übliche Form für überflüßig (übrig superfluus, abundaus). Weder überflüßig noch übrig iſt irgendwo im Gebrauche, ja nicht einmal übrig in der Bedeutung ceteri, reliqui. „Sela iſt ein vberleng wort“. Luther Eisl. Suppl. 1, 46a. überschnappen, der üblichſte Ausdruck für: den Verſtand verlieren; eder d. wird vor laufer Hochmut noch überſchnappen“. Ueberweist — um. 421 übergeschnappt, verrückt, närriſch; die üblichſte Bezeichnung, vgl. über⸗ küppisch, welches jedoch weniger gebräuchlich iſt. überweist (nach jetziger Conjugationsweiſe: überwieſen) d. h. eines Verbrechens überwieſen. Der Gebrauch dieſes Wortes, auch wenn das Vergehen nicht genannt wurde, einem Andern gegenüber, galt ehedem für eine Schmähung: „2 ¼ fl. wird geſtraft Baſtian Lindt zu Steinerzhauſen, daß er Lutz Brueln jme im rucken einen vberweiſten man geſchölten hat“ (Wetterer Bußregiſter von 1591), und ſo öfter in jener Zeit, jedesmal ohne daß ein Vergehen, deſſen der Andere überwieſen geweſen wäre, genannt wird, und jedesmal mit derſelben, ſehr hohen, Strafe belegt. UII msc., Unfug; Lärm; auch: Spott, Hohn: „mit jemanden ſeinen Ulk treiben“. „Was machen die Jungen in der Stube denn für einen Ulk: Wird überall, doch mehr in den Städten, als auf dem Lande gehört. Ullermànes, Ullermänes, Ilermünes, Spottbezeichnung der Ein⸗ wohner der Stadt Frankenberg. Das Wort iſt die nach Frankenbergiſchem Dialekt entſtellte Ausſprache der Vornamen Ulrich Hermann, welche ehedem in Franken⸗ berg ſo allgemein üblich waren, oder geweſen ſein ſollen, daß faſt der dritte Mann Ulrich Hermann hieß. Die Bürgerverzeichniſſe aus dem 16. Jarhundert, welche mir zu Geſicht gekomwen ſind, und zalreiche Zeugenverhöre aus dem 17. Jarhundert, die mir vorgelegen haben, liefern jedoch für dieſe Annahme durchaus keine Beſtätigung. Ulpch mse., ein Scheltwort, ungefähr den Sinn von Dummkopf und Tölpel zugleich ausdrückend; am meiſten in Oberheſſen in Uebung. Ulrich. Der heilige Ulrich, Biſchof von Augsburg († 4. Juli 973) hat, wie Weigand im Oberhefſiſchen Intelligenzblatt 1845. No. 83. S. 332— 333 nachgewieſen hat, ſeinen Namen in einer etwas bedenklichen, wenigſtens ſeltſamen Weiſe im Munde des Volkes neunhundert Jahre lang erhalten. Noch jetzt bedeutet im Gericht Katzenberg — und weiterhin auf dem Vogelsberg — und in einigen Orten des Amts Großenlüder „der Ulrich“ die“ Uebligkeit, Sankt Ulrich anrufen, oder auch bloß Ulrich rufen, ſich übergeben, er⸗ brechen; — auch ſoll für „ſich erbrechen“ das Verbum ulrichen hin und wieder vorkommen. „Es ſol ſich auch kein Gildebroder vnzächtig halten mit vbrigem freſſen vnd ſauffen. Da er ſolchs vbertrette, vnd ſich vberwürff, vnd ſanet vlrich anruffen würde, ſal derſelbige von der gilde geſtrafft werden“. Statuten der Schuhmacherzuuft in Hofgeismar von etwa 1560 in Falckenheiner Städte und Stifter 2, 414. In der ſatiriſchen und komiſchen Literatur des 16. Jar⸗ hunderts kommt das „Sanct Ulrich anrufen“, „den Utzen anrufen“ ſehr oft vor, z. B. bei Fiſchart in Gargantua 1582. Bl. Fiija, Mb, Mija. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 96, welcher Artikel hiernach zu berichtigen und zu vervollſtändigen iſt. um. 1) In älterer Zeit, und zwar von der Mitte des 14. bis gegen die Mitte des 17. Jarhunderts wurde um da gebraucht, wo wir jetzt von ſagen: um jemanden etwas kaufen, empfangen. Es ſcheint dieſes am an die Stelle des mit dem Ende des 14. Jarhunderts abſterbenden wider (jemanden etwas empfangen, kaufen) getreten zu ſein, vgl. wider. „vnd die wisen die vnser muder selege umme Schuchman koufte“ Urk. von 1369 Wenck 2, S. 439 (no. 414). „ich Cuntz — ich Meckell — bekennen — das wir einlrechtlichen eninommen vnd empfangen han emb Bruder llenrichen vnd emb bruder Guntern — ein gutgen gelegen vor Wetter“. Ungedr. Urk. v. Caldern v J. 1383. 422 Ummelsche — Unbaden. „Auch so hat derselb Lantgray Ludwig rmb vns empfangen dess Schloss Tannen- bergl“. Lehenbrief des Abts Albrecht von Hersfeld v. J. 1434 Wenck 2, S. 480 (no. 441). Hans Paul Kuchenbecker aus Treyſa hatte in Hatzbach gekauft „ein wiſſe vmb Juncker Johan (v. Knoblauch) vor 20 daler, Item ein wiſſe vmb Juncker Churt vor 21 daler, Item ein acker vmb Juncker Johan vor 70 gulden, vnd zuletzt ein garten vmb Juncker Churt vor 20 daler“. Rauſchenberger Acten von 1578. „dan die Alten Brieff ſolten melden, wan ein Pfarherr nach Treyßbach kommen, hette derſelbige die Pfarr vmb die Nachbuhrn empfangen muſſen“. Treisbacher Verhörprotokoll von 1609, wo noch weiter vor⸗ kommt: „vmb ſie die Pfarr empfangen“, „vmb die Gemeinde zu Treyßbach empfangen“. Dieſer Gebrauch der Partikel um iſt heut zu Tage ſelbſt im Volke gänzlich erloſchen, ſoll jedoch gegen das Ende des vorigen Jarhunderts noch einigermaßen in Uebung geweſen ſein. Vgl. Schmeller 1, 55. Adelung 4, 794. 2) um und um kommen, ſich vollſtändig, von allen Seiten offenbaren; „es iſt ein großer Läm um die Sache, und wenn es um und um kommt, ſo iſt es Nichts“. Sehr üblich. Adelung 4, 797. Die Formel ſcheint kaum älter als aus der erſten Hälfte des 17. Jarhunderts zu ſein; als volksmäßig wird ſie jedoch ſchon in Filidors Wittekinden (1666) Bl. m3a behandelt: „ich weiß gewiß, komts üm und ümme, ſo hat es eine Magde geträumet und geſagte“. 3) um und an, adverbiale Bezeichnung der Kleidung; „er hatte nichts um und nichts an“, er war nackt; „nichts um und an (zu thun) haben“ Kleidermangel haben, ſich in äußerſter Dürftigkeit befinden. „Wer hat dir leib vnd ſeele gegeben? Wer beſcheret vmb vnd an? Wer bereitet dir den tiſch?" G. Witzel Poſtill 1539 kol. Bl. 127a. Sehr üblich. Da nach Adelung 4, 797 dieſe Formel „in anſtändiger Sprache veraltet“ war, ſo hat das Heſſen⸗ kaſſeliſche Geſangbuch von 1770 die ſchönen Zeilen in dem Liede „Jeſus meine Zuverſicht“: „Nur die Schwachheit um und an wird von mir ſein abgethan“ in die „anſtändigeren“ Zeilen umſchaffen zu müßen gemeint: „Dank ihm! Dank ihm! Preis und Ruhm! wunderbar ſchafft er mich um!“ Ummelsche, Umelsche fem. 1) Amſel; in Oberheſſen die aus⸗ ſchließlich herſchende Form, ſo auch ſchon von Eſtor t. R. 3, 1421 verzeichnet. „Gleich wie jener ſo durch einen ſtrauch bei nacht mit fürchten, ging, weil es der feind halber nit allzuſicher, wolte doch geſehen ſein, ſchlug mit geraufftem wehr in die ſtreuch, ſein manheit zu beweiſen, inn des fuhr eyn amelſche herauß vnd ſchrey, dip, dip, dip, da ließ er ſein plaute fallen vnd ſprach: Ich gib mich, ich gib mich, ick ſy von Briln“. Georg Nigrinus Fegfeuers vngrund. 1582. 8. Bl. E8a. 2) Ameiſe, dieß jedoch nur in der Compoſition Sechummelsche, wie in den niederdeutſchen Gegenden Heſſens (ſ. seichen), in Oberheſſen. In Nieder⸗ heſſen heißt die Ameiße Omitze. un- dient in der Compoſition mit manchen Adjectiven und in manchen Gegenden zur Verſtärkung; ſo iſt unschlécht an der Schwalm und ſonſt ſo viel wie ſehr übel, vom körperlichen Befinden (ſ. schlecht), unstrippet (ſ. strippen) im Fuldaiſchen gleich uneinig; unbarbarisch im Hanauiſchen gleich ganz maß⸗ los, ungeheuer; warſcheinlich verhält es ſich eben ſo mit dem der Schrift⸗ ſprache wie dem Dialekt angehörigen unwirsch, falls daſſelbe von wirs herkommt. Unbaden msc. 1) Unglück; „es iſt ihm ein Unbaden paſſiert“; vorzüglich im Fuldaiſchen in dieſer urſprünglichen Bedeutung üblich (ſ. Backe). Dinge. Undern — Ungetlanken. 423 2) Unfug; „was treibt ihr für Unbaden?“ d. h. eigentlich: für unnütze 3) ein gelindes Schellwort für wilde Kinder: „du biſt doch ein rechter Urbaden“ Sehr üblich in ganz Heſſen, wie auf dem Weſterwald (Schmidt S. 280). Das Wort findet ſich bereits bei Herbort von Fritzlar v. 717: ir sit in grozzem rmbalen. v. 2296: Daz troylus mit umbaten vf eleno tribet sinen spot. Da Frommann zu Herbort S. 227 das Wort nur aus Schmidt kennt, ſo mag daſſelbe nicht große Verbreitung in Deutſchland haben. Undern, geſprochen Unnern, neutr., Nachmittag. Oberheſſen, nördlicher Theil der Grafſchaft Ziegenhain, Gegend der untern Schwalm und Edder bis über Gudensberg hinaus (Metze, Ermetheis) an die Grenze der niederdeutſchen Bezirke, im übrigen Heſſen völlig unbekannt. Ditz Unnern, heute Nachmittag; im eigentlichen Oberheſſen die ausſchließlich herſchende Formel. „Sagt Ja, ſolches ſey geſcheen, ſey im unnern zwiſchen zwey vnd drey geſcheen“. Marburger Criminalacten von 1601 (Ober Asphe). „Es wehre aber nachmittag geweſen, als ſie zu Unnern in die ſchule gangen“. Marburger Hexenproceſſacten von 1682 (Betziesdorf). Undernbrod, Vieruhrbrod; „Morgenrot gibt ein naßes Undernbrod“ iſt die oberheſſiſche Form dieſer bekannten Wetterregel. „das Underneßen“ Marburger Hexenproceſſacten von 1658. Undernirunk, Wein oder Bier, welcher beſonders dem dienenden Perſonal, namentlich den Jägern und Jagdknechten Nachmittags gereicht zu werden pflegte. Dieſer Underntrunk fehlt in keiner Schloßrechnung (z. B. von Rauſchenberg) von 1554 bis 1603. Undernstau, Undernplale, Ruheſtatt für das Weidevieh; auf dem Keller⸗ walde findet ſich z B. eine Oberurfer Undernſtatt, eine Densberger Un⸗ dernſtatt. undern, vom Vieh, Mittagsruhe halten und wiederkäuen. Das Wort iſt ſehr alt: goth. undaürni Luc. 14, 12; ahd. untarn, mhd. undern, altſächſ. undorn Hlel. 103, 3, ſcheint ſich jedoch in Niederdeutſchland nicht erhalten zu haben, während es in Baiern (Schmeller 1, 87), am Rhein, auf dem Weſterwald (Schmidt S. 128), in Franken (Reinwald Henneb. Id. 2, 131) ſich noch jetzt vorfindet. Eſtor hat es t. Rechtsgel. 3, 1421 verzeichnet: „Untern, das 4 uhr brod nehmen“. undig adr., unterhalb; noch jetzt, indes nur vereinzelt, im Gebrauche. „vf der Neſſelwieſe vndig des ſtigels“. Hainaer Crim. P. Acten v. 1582. „die Mühle vndig Hohenſolms“. Marb. Hexen Pr. A. v. 1682. uneszig, unappetitlich, unreinlich, unflätig, ekelhaft. Nur im Schmal⸗ kaldiſchen gebräuchlich. Untlat msc. 1) wie gemeinhochdeutſch. 2) ein Scheltwort, zunächſt ein ernſthaftes, um Jemanden als gemein unkeuſch, als ungezogen, als widerwärtig zu bezeichnen; indes wird es, wie manche andere Scheltworte, auch halb ſcherzhaft gebraucht, wie das Wort ſchon von Fiſchart (im Flohatz), und ſonſt, verwendet worden iſt. Ungedanken, Ortsbezeichnung, die ich in Heſſen zweimal finde: in dem Namen des bei Frißzlar an der Edder gelegenen Dorfes und in einer Flur⸗ gegend bei Beenhauſen. Das Wort iſt Plural und zwar warſcheinlich plurali⸗ ſcher Dativ von dem alten ungedone, Geiſtesabweſenheit, Unſinn, Unbeſonnenheit. 421 Ungeheuer — Uurät. Die Ortsnamen müßen entſtanden ſein aus Vorgängeu irgend bedenklicher Art; der Anbau des Dorfes in Folge etwa von Zerwürfniſſen in Fritzlar, welche zur Auswanderung führten, der Flurname in Folge von irgend einem unſinnigen Vornehmen (Aufruhr oder dergleichen), welches eben an der Stätte auch beſtraft wurde, denn neben den Ungedanken findet ſich dort der lebendige Galgen, d. h. der als Galgen verwendete Baum, an welchen auf der That ergriffene Verbrecher in früherer Zeit ohne Umſtände aufgeknüpft wurden. ungcheuer iſt jetzt meines Wißens nicht mehr volksüblich, muß es jedoch ehedem geweſen ſein, wie dieß die Bezeichnüngen von Oertlichkeiten be⸗ weiſen; ſo gibt es an verſchiedenen Orten, z. B. bei Josbach, einen „ungeheuren Graben“, bei Hombreſſen ſtand im Reinhardswald eine „ungeheure Eiche“ (16. Jarh.). Es verſteht ſich von ſelbſt, daß mit dieſem Prädicat nicht etwa die ungewöhnliche Größe des Grabens, der Eiche habe bezeichnet werden ſollen, wie das Wort ſeit der Mitte des vorigen Jarhunderts gemeinhochdeutſch in tadel⸗ hafter Weiſe verwendet wird, ſondern daß die betreffenden Gegenſtände dieß Prädicat noch im Sinne des mhd. ungehiure, fremdartig, unheimlich, tragen. Ungel fem., jetzt neutr., Talg; Niederheſſen, hauptſächlich in der Um⸗ gegend von Kaſſel gebräuchlich, beſonders in der Compofition Ungellicht, Talg⸗ licht. »würtz, was, ungel, oley, wyn, hering, bugkingk“. Emmerich Franken⸗ berger Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 698. „allerley bottern, kesze, spegk, finer ungel, fygin, reszin“. Ebdſ. S. 705. Friſch 2, 404, welcher aus Apherdianus Tyrocinium Ungelferz, candida candela sebacea citiert. Ungeld wurde, ſo lange das Wort überhaupt in Uebung war, denn jetzt iſt es im Abſterben begriffen, nicht, wie in der Bücherſprache von den öffentlichen Abgaben überhaupt, ſondern eigens nur von den unſtändigen Ab⸗ gaben, im Gegenſatz von Erbgülten und Zinſen, gebraucht (Vgl. Häfner Geſchichte von Schmalkalden 2, 156); zu den unſtändigen Abgaben gehörte in Heſſen vor allem die Trankſteuer, und dieſe führt in Schmalkalden noch jetzt den ſpeeifiſchen Namen Ungeld. Sonſt gehörten zu den Ungeldern auch die Landes⸗ ſchuldentilgungsſteuer (das Kopfgeld), die Löſegelder für Gefangene u. dgl. (Vgl. Kopp Gerichtsverfaßung 1, Beil. 101 u. 114). Vgl. Adelung 4, 857 —858. Unke fem., der uralte deutſche Name der Schlange (unc); er wird in Heſſen ausſchließlich von der Ringelnatter (coluber natrix), nicht von der Kröte (Feuerkröte, Bufo [Bombinator] igneus) gebraucht, und den „Unkenruf“ ſchreibt man irrig eben der Ringelnatter, nicht der Kröte zu. Die mancherlei Märchen von der Unke (dem gekrönten Unkenkönig u. dgl.) haben ausnahmslos eine Schlange zur Vorausſetzung. Die giftige Vipera berus, Kreuzotter, in Altheſſen ſehr ſelten, nur im Schmalkaldiſchen häufg, heißt Otter. unketunke, auf gerathewol. Oberheſſiſcher, ſchon von Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1421 (ungetunke) verzeichneter Ausdruck. Unmusze fem., dringende, läſtige Beſchäftigung; Beſchwerde, Be⸗ ſchwerlichkeit, Verdrießlichkeit. Ein in dieſen Bedeutungen ganz allgemein ge⸗ bräuchliches, äußerſt übliches Wort, meiſt ummust ausgeſprochen. Schmeller 2, 638. Schmidt Weſterw. Id. S. 284. Unxât msc. wurde ehedem und wird zum Theil noch jetzt auch in dem Sinne von Unglück, Unfall gebraucht, zumal von ſchwerem Unfall: „der große Unrat, in den er gekommen iſt“, womit ein dem Belroffenen ſchwer verletzender Unspotsam — ures. 425 Fall von einem Gerüſte gemeint war. „Wäre auch das mir unrad inſille, da Gott vor ſi“. Häfner Schmalkalden 2, 167. „Perditio, das verderben, vnrath“ Alberus Dict. Bl. E4a. unrdt adj., in Oberheſſen üblich für: unrätlich, nicht ratſam. unspotsam, unglücklich; verſtanden wird das Wort, wie es lautet: „nicht zu verſpotten“ d. h. wirklich (ernſtlich) unglücklich. Fulda. unstrippet, uneinig; „ſie ſind unſtrippet mit einander“. Im Ful⸗ daiſchen Land. Vgl. strippen und un-, denn vermutlich dient hier un zur Verſtärkung. unterjährig, noch unter ſeinen Jahren, unerwachſen. Oberheſſen. „ein vnderjärige dochter“. Wetter 1595. untern, ein nur im ſächſiſchen Heſſen gebräuchliches Wort: unterackern, nämlich den über das Land geſtreuten Miſt. Unthaetchen, ſehr übliches Deminutiv von Unthat, welches Wort ſelbſt gar nicht oder kaum im Gebrauch iſt. Es erſcheint beſonders in der Redensart: „es iſt auch kein Unthätchen daran“, d. h. nicht der allergeringſte Flecken oder Fehler. Schmeller 1, 461. Adelung 4,936. Schmidt Weſterw. Id. S. 285. unverkôren, kränkend, beleidigend; mitunter aber auch für: ohne Rückhalt, gerade heraus — derb, wodurch dann dieſe zweite Bedeutung ſich mit der erſten berührt. In der erſteren Bedeutung wird es meiſt mit Wort ver⸗ bunden: „ſag ihm ja kein unverkoren Wort, du machſts damit nur ärger“; „er hat ihr mehr wie ein unverkoren Wort geſagt, und nun will ſie nichts mehr von ihm hören“. In der zweiten Bedeutung iſt das Wort ſelbſtverſtändlich Adverbium: „ich ſag dirs unverkoren, darnach richt du dich“; „er hat gar unverkoren (geradezu, derb) mit ihm geſprochen“. Sehr üblich, am meiſten jedoch im weſtlichen Heſſen, wie auf dem Weſterwald (Schmidt Weſterw. Id. S. 285). Dieſe volksmäßige Verwendung des alten unverkorn (von verkiusen), wie daſſelbe bei Wolfram Parciv. 609, 28. 750, 23, und ſonſt noch vorkommt, ent⸗ wickelt ſich aus der urſprünglichen Bedeutung von unverkorn ganz leicht: ver- kiusen bedeutet: ſich nicht um etwas kümmern, für gering oder für nichts achten; unverkorn bedeutet folglich urſprünglich, wie auch in jenen Stellen zu Tage liegt: unvergeßen — der Haß iſt noch lebendig, Parc. 609, 28. Ein „unverkoren Wort“ iſt mithin ein ſolches, deſſen man nicht vergeßen kann, deſſen man (im Uebeln) gedenken muß; „unverkoren zu jemanden ſprechen“ heißt ſo zu ihm reden, daß er es nicht vergeßen kann: deutlich, nachdrucklich ſprechen. unwirsch, ein der Volksſprache geläuſiges, in neuerer Zeit auch in die Schriftſprache aufgenommenes Wort: unwillig auffarend; unwirſch werden, ärgerlich ſich äußern, eine unwirſche Antwort geben, eine unwillige, dabei kurze, Antwort geben. Möglich wäre es immer, daß das Stammwort wirs (übel, verkehrt, ſchlimm, eigentlich ein Comparativ), und un⸗ zur Verſtärkung hinzuge⸗ fügt wäre, wie in unschlecht, unstrippet, unharbarisch, zumal da man hin und wieder, in früheren Zeiten oft, auch wirſch in ganz gleichem Sinne wie unwirſch gebrauchen hörte. Warſcheinlicher iſt es indes, daß es eine Zuſammenziehung aus unwirdisch, unwerdisch (bei Cloſener unwürdesch) iſt. Schmeller 4, 149. ures, richtiger ures (ures), die oberheſſiſche Form eines in ganz Heſſen verbreiteten Wertes, welches verſchiedene Formen, je nach den Gegenden, an⸗ 426 Oddereszig — Urholz. nimmt, und eine ganze Wörterfamilie um ſich hat. Es bedeutet ures: des Eßens überdrüßig, und dann überdrüßig überhaupt; in letzterer Bedeutung iſt es in Oberheſſen am üblichſten, und hat es Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1422 ver⸗ zeichnet: „ures, überdrüßig“. Sehr häufig hört man in Oberheſſen: „das ſein ich aber ures“, das bin ich endlich ſatt und müde. uraes, die bis in die zwanziger Jahre in Kaſſel vorkommende Form, hauptſächlich von dem Ueberdruß an Speiſen gebraucht; jetzt ausgeſtorben, nur das abgeleitete Verbum iſt noch jetzt vorhanden, ſ. u. uresk, uressig, überesk, ſind die im Fuldaiſchen herſchenden Formen, vorzugsweiſe in dem Sinne: einer Speiſe, des Eßens, überdrüßig. unress, unresk, Formen im Haungrund bis nach Hersfeld hin, gleichfalls faſt nur in Beziehung auf den Ueberdruß an Speiſen gebraucht; „ich habe mich an dem Brei unreß gegeßen“. oddereszig, ſtatt ureszig, Form der Werragegend, meiſt in Be⸗ ziehung auf Speiſen, doch auch, dem oberheſſiſchen ures ahnlich, allgemein für überdrüßig verwendet. veruraesten, Speiſen, die man nicht mag, verſchleudern oder verderben; „die Kinder ſind ſatt, ſie veruräßen nur das Brod“. Kaſſel und Umgegend. orzen, Zuſammenziehung von uräszen, vom Vieh gebraucht: das Futler nicht mögen, nicht freßen wollen, verſchleudern, unter die Füße treten. Oeſtliches Heſſen (Sontra u. w.) und Schmalkalden. Dann aber bedeutet orzen eben daſelbſt (obere Werra) auch übrig laßen überhaupt. Oerzchen neutr., kleiner Ueberbleibſel, Reſt, zunächſt von Speiſen (Futter), dann aber auch von andern Dingen. Obere Werra, aber auch ſonſt vorkommend. S. Schmeller 1, 100. Schmidt Weſterw. Id. S. 129 und 286. Reinwald Henneb. Id. 1, 114 — 115. Brem. WB. 3, 272. Schmidt Schwäb. WB. 1844. S. 527. Stalder 2, 425. Schambach Gött. Id. S. 148. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 98 — 99. Urgicht fem., Ausſage, Bekenntnis, von ur, jetzt er, und jehon, gehen, ſagen. Bekanntlich wurde Urgicht eigens von dem durch die Tortur erpreſſten Bekenntnis als feſtſtehende juriſtiſche Bezeichnung gebraucht, und erſcheint ſo in allen Criminalproceſſacten des 16. und 17. Jarhunderts. Indes ſoll das Wort am Ende des vorigen und im Anfange des gegenwärtigen Jarhunderts auch im gemeinen Leben für Bekenntnis gebraucht, namentlich von einem mit Mühe er⸗ langten Geſtändnis (alſo mit Reminiſcenz an den eigentlichen Gebrauch) geſagt worden ſein. Ich ſelbſt habe es nicht mehr vernommen. Urholz neutr., ein jetzt erloſchener, zum Theil in Oberholz entſtellter Ausdruck. Derſelbe bezeichnet 1) das unfruchtbare Holz: Aspen, Buken und Hainbuchen, im Gegenſatze gegen die fruchtbaren Bäume Buchen und Eichen; ſo in dem Regierungsabſchied vom Jahr 1539 über Zweſten bei Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 500. Dieſe unfruchtbaren Bäume ſcheinen auch da, wo keine Markgenoßenſchaft beſtand, den Einwohnern zu beliebigem Gebrauche, Behufs ihrer Feuerungsbeholzigung überlaßen geweſen zu ſein; ſo ſcheint es noch in dem Friedewalder Weistum von 1436 (Grimm Wersth. 3, 331) urſprünglich ver⸗ ſtanden worden zu ſein; indes bedeutet es hier auch ſchon 2) Fallholz, Leſeholz, wie es in andern Weistümern und mitunter in Forſtregiſtern alter Zeit (15.— 16. Ih.) ohne Frage verſtanden werden muß. In dieſem Sinne ſcheint das Urholz dem Weißholz entgegen zu ſtehen, d. B. Marburger Hofgerichts Urteil 12. 1569. Urle — Urtat. 427 Grimm Weist. 3, 358. 3) Aeſte des gefällten Baumes, Eſtor teutſche Rechts⸗ gelahrtheit 1, 710 (§. 1761); dieß iſt nun eben das, was jetzt Oberholz heißt, aber hin und wieder von dem Volke richtig Orkols genannt wird (Rhön). „Klafterholz und Ohrholz“ werden in den alten Forſtregiſtern einander regel⸗ mäßig entgegen geſetzt, „Ohrholz“ aber wieder vom Reiſig unterſchieden. Gewöhnlich aber werden die Aeſte in den Forſtregiſtern und Forſtordnungen in Nieder⸗ und Oberheſſen im 16. u. 17. Jarhundert Afterſchläge genannt (ſ. d.); doch ſind dieſe von dem Urholz und dem Reiſig zwar nicht in der Sache, wol aber der Anwendung nach unterſchieden: Afterſchläge fallen vom Nutzholz ab, nicht vom Brennholz. Urle fem., Thürangel, das eiſerne Band mit Oehr, welches an die Thür angeſchlagen wird, und in deſſen Oehr der in den Thürpfoſten eingeſchlagene Angelhaken, Urlekrappe, eingreift. Oberheſſen, wo mehr als das einfache Wort die Compoſition Orlekrabbe, Angelhaken, in Uebung iſt. „xiiiij alb. vor zcwo hauwen, eyn karsten, eyn hepen, eyn par finster orlen (d. i. Fenſterurlen) vndk xix drappen nail gekauif“; „viij schuppen, vier hauwen, vi gabeln, eyn bicker, eyn kile, sesz par erlen, xx drappen neil“. Rechnungen des D. O.Hauſes zu Marburg v. 1497. „Drey Orlenkrappen an einem thor gemacht“. Quittung des Thonges Schmidt in Rauſchenberg v. Jacobitag 1563. Dieſes Wort ſcheint ſonſt nirgends vorzukommen; es fehlt in den Wörter⸗ büchern nicht allein, ſondern auch in den Idiotiken. Urschlechte fem., Ausſchlag, zu welehem Worte, gleiches Stammes mit demſelben, es ſich wie das Femininum zum Masculinum verhält. Das Wort iſt nur im Schmalkaldiſchen, wo es ehedem nach Reinwalds Zeugnis (1, 179; 2, 131) die Pocken, Kinderblattern bedeutete, und im Hanauiſchen ͤblich; hier bedeutet es Ausſchlag jeder Art, an Menſchen, Vieh, Baumblättern (z. B. die von Inſektenſtichen herrührenden Knoppern auf dem Buchenlaube u. dgl.). Urtat fem., vollſtändige, vollzogene That, abſchließende That, in dem modernen Miſchdeutſch: die Deſinitive. In heſſiſchen Urkunden iſt mir dieß, anderwärts nicht ſeltene, Wort (vgl. Haltaus s. v., Scherz⸗Oberlin s. v., Schmeller 1, 461) nur in der Formel zu urtete verkaufen vorgekommen, und doch nicht in niederheſſiſchen, ſondern zur Zeit nur in fuldaiſchen Urkunden. Die Formel zu urtete verkaufen bedeutet definitiv verkaufen, im Gegenſatz gegen den Wiederkauf, weshalb die Formel auch meiſt von der Formel: „zu einem ewigen Kaufe“ begleitet wird. Wir Heinrich, Ritter, Simon vnd Frische gebrüdere von Schletteszen — bekhennen dasz wir — verkaulft haben vnd verkauffen an diszem vffen brieffe 28 erihede vnd ewiglichen vnse theil die wir haben ete. Verkaufsurkunde der v. Schlitz über Neuenhain, Grebenhain, Saßen u. Holnſtein v. 30. November 1368 (Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 273). Ich Wilhelm von Rumerode Be- kennen — daz ich recht vnn redelich vorkoufft han vnn vorkouffen in macht diessis brieflis myn halb teil der wysen gelegen z2 Nuwenkirchen — mit allem irm nucze — — angeuerde zu ortete vnd czu eyme ewigen kouffe vuser lieben flrauwen eyme pferrer vnd eyme frümessir ezu dem Cryspans. Ungedr. Urk. von St. Veits Tag 1423. Ich Wilhelm, Rorich — — alie genant von Buchenawe — — bekennen daz wir daz selbe megenant gute czu musebach gelegen — czu orthede erplichen vnd ewiglichen verkoufft habin vusser lieben frauwen ezum Cruspans vnd eren formunden. Ungedr. Urk. v. St. Matthias u. Albans Tag 1441. Wir Hermau von gols guaden Apie au Fulde Behennen — So als voreyden der 428 Uschern — Valand. gestrenge herre Eberhart von Buchenauw vi widerkauff vnd darnach Wilhelar Rorich vnd Walther von Buchenaw zu ortet vnd zu ewigen lzyten verkaufft haben den formunder des gotshuses zu Cruspans eyn gut zu Musebach gelegen etc. Ungedruckte Beſtätigungsurkunde für die Urkunde von St. Matthias 1441, vem Allerheiligentag 1443. uschern, eine zitternde, ſchauernde Bewegung machen, welche durch Schmerz verurſacht wird. Das Thier (Pferd, Ochs) uschert, ſchüttelt ſich, zittert, wenn es eine Wunde hat, und man dieſelbe berührt; das Pferd uschert, wenn es ſchmerzhaft hinkt. Auch figürlich: vor etwas Abſcheu, Widerwillen haben: „er iſt von dem Pferdehandel weggegangen, denn er uſchert den Fehler (vor dem Fehler) am Auge des Pferdes“. Sehr üblich im ſüdlichen Theile von Oberheſſen. Usseln, Üsseln (lsseln) fem., meiſt als plur. lant. behandelt, die glühende Aſche, die Funken in der Aſche. Dieſes von Eſtor S. 1422 ver⸗ zeichnete alte Wort („üſſeln, was in der aſche glimmet vom feuer“) iſt in Ober⸗ heſſen, beſonders in deſſen ſüdlichem Theile, noch allgemein üblich, muß jedoch im Anfange dieſes Jarhunderts auch in Niederheſſen, wo es ſich jetzt nicht mehr will auffinden laßen, üblich geweſen ſein, denn die Funken, welche in verbranntem Papier hin und herlaufen (an derem Laufen, als an „den Leuten die aus der Kirche gehen“, ſich die Kinder zu ergetzen pflegen), hießen damals im öſtlichen Heſſen die Iſſeln. Hierher gehört der Name einer Quelle bei Römershauſen: der Iſſelnborn. Friſch 2, 411. Schmeller 1, 122. Uswick fem. (mit a); meiſt geſprochen Uschwick. So heißt in Ober⸗ heſſen der beßere Theil der Flachsabfälle, welche ſich bei dem Schwingen bilden, und welcher geſponnen werden kann, gegenüber dem ſchlechtern Theile, welcher Wödch genannt wird. Es iſt das alte Wort asuinga, das Abgeſchwungene. Faſt ganz in der alten Form kommt es noch bei Alberus vor: „Stupa, das gröbſt am flachs, ehſchwingen, werck“ (Dict. Bl. hhija). Eſtor deutſche Rechtsgel. 1, 644 (§. 1600) hat auch dieſes Wort in der Form Oschwicke, und gibt richtig an, daß daraus das gröbeſte Garn zu Sacktuch geſponnen werde, verhoch⸗ deutſcht aber daſſelbe zu „Aiſchwerk“. Mit Werg wird weder die äsuinge (üsnick) noch der wodch verwechſelt: Werg fällt nicht beim Schwingen ſondern deim Hecheln ab. Die Aſwinge und der Wodch zuſammen heißen in Nieder⸗ heſſen Hotten, Schwinghotten (. d.). Utsche ſ. Iische. Qzen, ſpotten, verſpotten, necken; in ganz Heſſen üblich, wie in Ober⸗ deutſchland und der Schweiz. Selbſt in den niederdeutſchen Bezirken nicht unbe⸗ kannt, wenn gleich ungebräuchlich. ausüixen, verſpotten. verüsen, verhöhnen; wenig üblich. Ue (üz) msc., Spott, aber auch Schwank, und Komik überhaupt; ſehr üblich, zumal in den oberdeutſchen Gegenden. V. Valand msc., Name des Teufels ſeit dem 12.— 13. Jarhundert. S. Grimm Mythol. 933— 934. Hent zu Tage iſt das Wort überhaupt nicht mehr üblich, mit Ausnahme der Herſchaft Schmalkalden, wo es jedoch in ſeiner voll⸗ ſtändigen Form nicht mehr Bezeichnung des Teufels, ſondern eines unbändigen, Verbombeisen — Viermann. 429 unruhigen, mutwilligen Knaben iſt: „du biſt ein rechter Valand (Völand)“. Soll der Teufel bezeichnet werden, ſo wird Pal oder Fael geſagt, wie ſchon Rein⸗ wald 1, 30 angibt. In den Hexenproceſſacten des 17. Jarhunderts kommt dagegen Valand häufig vor. „der Wein, ſo der Volant mitbracht, ſei vff einem kleinen wagen, ſo vier ſehwarze katzen gezogen, ankommen“. Marburger Hexenpr. Acten v. 1633. „ſie hab gefragt, ob er dem böſen Foland dienen wolte, hab der Jung Ja geſagt, ſei der Foland zu ihm kommen“. Franken⸗ berger Hexenproceſſacten v. 1648. „Zur Hexerei ſei ſie durch den böſen voland gekommen“. Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657. Als Familienname kommt Valand, Voland in Heſſen nicht ganz ſelten vor. Iℛ .. — : Ce de. verbombeisen ſ. Bombai.,it verleppern ſ. Lepper.f14: verhott ſ. putchen. 7. ½ † vermampeln ſ. mummeln. Bii vereigen ſ. Eigen.9 gu vermümpeln ſ. mummeln. verfaert ſ. faeren. 2 %upg vernäffen ſ. übich. 2 4 verhansen ſ. bänseln. Tjuij verpackeln ſ. pulscheln. b- verknulgen ſ. Knull. 2, M% Verraeter ſ. Rat. 9)14 verknutschen ſ. knetschen?'(werschmôhsam ſ. verschmähen. 94. verkruspeln ſ. Kruspel. 23° verschrumpeln ſ. Schrumpel.9. ;7⸗ verkutzeln ſ. Kutz. Aoz veruräszen ſ. ures. ZP: verlatschen ſ. Läische.!' verzippeln ſ. Zipfe. 7477 vernafr, vorab, vorzüglich, zumal. Im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen. u4 a7 Vierdung msc., älterer Ausdruck für Vierteil, Viertel; wurde ge⸗ wöhnlich, und in Heſſen, wie es ſcheint, ausſchließlich von dem vierten Theile der Mark gebraucht. Walther von Lyſen verkaufte 1354 ſeine Güter zu Steinharts⸗ hauſen (jetzt Sterzhanſen) an das Haus des deutſchen Ordens zu Marburg „umme sybin marg peunige vnd einen rierdunk“ (Ungedr. Urf.). „Wan man nouwe phenuige slaen wel, do sal me setzin czu der mark dy rechte lodig ist, eynen halben rierdung kuppers“. Stalulo Eschenwegensia b. Röſtell 1854. 4. S. 4. Ob Vierdung, wie anderwärts (Schmeller 1, 633), in Heſſen die allgemeine Bezeichnung eines Theiles überhaupt geweſen iſt, kann bezweifelt werden; eine Münze iſt es gewis nicht geweſen. Mittellat. ferto, franz. ferlon, engl. farthing. Viergeheinze neute., oberheſſiſch Veiergebeinz, Veiergebins, heißen bei dem Volke alle kleinen Vierfüßler, welche ihm nicht ſpeciell bekannt ſind, be⸗ ſonders die Reptilien, etwa nur mit Ausnahme des Froſches und allenfalls der gemeinen Kröte. Viermann, Vierer. In Oberheſſen beſtand ehedem in den Dörfern ein aus vier Perſonen zuſammengeſetztes Vorſteheramt unter und neben dem Heimbürger oder Greben. Dieſe hießen die Vorſteher, Viermann, Vier⸗ männer, Vierer, auch bloß die Vier; der Einzelne ein Viermann. „Mit ſambt Nachgemelten greben, heymburgen, vierern vnd vorſtehern nachgemelter Dorffer“. Rauſchenberger Amtsregiſtratur von 1562. „2 ¼ fl. werden geſtraft der Heimberger vnd vier zu Stertzhauſen, das ſie nachis vber angelegt gebott jhre ſchlege nicht beſchließen laſſen“. Wetterer Bußregiſter von 1551. „Hans Schibermann zu Ohmenaw (wird um 2 ½ fl. geſtraft) dz er den Heimberger vnd 4 man nachts vſgefordert ohn einige vrſache“, Cbdſ. 1596. „1 fl. (wird ge⸗ 430 Viermünden — virkal. ſtraft) Hans Bolch zu Ohmenaw, das er geſagt, die vorige vierman da haben falſche einfart gehalten“. Ebdſ. 1591. „1] fl. Hans Schiffermann das er ſeine Pferde des nachts im Roder Korn Zehenden zu ſchaden hat gehen laſſen, wie ſolches der Schutz vnd vierman befunden“. Ebdſ. 1591. „Die Vorſteher vnd Vierer hetten die Gemein ans Einfahrt zuſammen leuthen laſſen“. Treisbacher Verhörprotokoll von 1609. „Er Zeug ſein vor zweien Jahren ein Vierman, vnd Hans Oligſchnitt Heimburger geweſen“. Ebdſ. Und ſo zu ungezälten Malen. Auch in den oberheſſiſchen Städten, namentlich in Marburg, beſtanden bis zur Einführung der Gemeindeordnung, 1834, Vierer, Ratsvierer, welche die Controle des Stadtrats bildeten. Viermünden, Dorf an der Eder in Oberheſſen, merkwürdig durch ſeinen mythologiſchen Namen. Derſelbe hat nämlich mit dem Begriffe ostium (wie Gemünden, Münden u. dgl.) nichts gemein, aber auch pielleicht nichts mit der Zal vier, ſondern lautet urſprünglich (im Jahr 1144, desgleichen 1215) Pirminni, Verminne, und iſt bis weit in das 17. Jarhundert ſtets Viermin geſchrieben und geſprochen worden. Dieſelbe Schreibung fand auch ſtatt hin⸗ ſichtlich des Namens des dort angeſeßenen und ſehr angeſehenen Adelsgeſchlechtes: es wurde, ſo lange es exiſtierte, geſchrieben und ſchrieb ſich ſelbſt Viermin. Der Name bedeutet, wenn die Schreibung Virminni, Verminne, als maßgebend betrachtet wird, Frau Minni, Schwanjungfrau, weiſſagendes Flußweib, wie der⸗ gleichen zwei (drei) im Nibelungenlied erſcheinen; wol ohne Zweifel hat man die Stätte dieſes Dorfes in der älteſten Zeit als die Wohnſtätte eines dieſer mythologiſchen Weſen angeſehen; warſcheinlich war es eine Merminni, Flußweib; doch iſt in jener dichtbewaldeten Gegend auch an eine Waltminni, einen weiblichen Waldgeiſt, zu denken ſehr wol möglich — ja die Schwanjungfrauen wohnten ganz eigens auf Seeen und Flüßen, die im tieſſten Walde ſich befanden. S. Grimm d. Meyth. S. 399. 401. 404 — 405. Wenn die Namensform, welche bei Schannat aus dem Jahr 850 vorkommt, echt iſt: Fiermenni, ſo wäre es freilich nicht der Aufentshaltsort einer Frau Menni, ſondern gleich ganzer viere, und in ſo weit würde die jetzige Schreibung dennoch berechtigt ſein. An ſich iſt dieß übrigens nichts Befremdendes: erſcheinen doch im Nibelungenliede auch drei ſolcher „Meer⸗ weiber“ zugleich, welche an einer und derſelben Stätte im Strome hauſen. Vgl. Siegwinden. Viertel neutr., ſehr übliche, den gröſten Theil von Niederheſſen be⸗ herſchende, nämlich überall wo nicht Malter (ſ. d.) üblich iſt, gebräuchliche Bezeichnung eines Getreidemaßes, im Weſentlichen dem Malter gleich. Die Be⸗ zeichnung war ſchon im 14. Ih. üblich (ſ. z. B. in einem niederheſſiſchen Ernte⸗ regiſter von 1391: „so virkouffte ich czwei frtel weisses vor xxviij sol. den., wante her was weich daz her nicht malen wolde“, aber dasjenige Getreidemaß, von welchem unſer Viertel der vierte Theil wirklich iſt, kommt in den heſſiſchen Fruchtrechnungen, ſelbſt in früher Zeit, niemals vor, ſo daß die Bezeichnung Piertel in Vergleichung mit der Bezeichnung Malter, ja mit Mött, als eine völlig unpaſſende Bezeichnung ſich darſtellt. — In Oberheſſen kennt man Biertel noch weit weniger als Malter. virful, vollſtändig. Dieſes Adverbium, ſonſt unerhört, erſcheint in einer Urkunde des Kloſters Anenberg von Barbaratag 1479, abgedruckt bei Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. S. 738 —739: „vnd wilches der ezweyen Gerdrud vnd Elizabelh des andern toit erlebet, dem sollen vnd wollen wir vnd vnser nachkummen soliche sechs malder rud zewelif probende brode alle vnd rirful Vogel — Volbort. 431 sine lebelage geben“; — „bis so lange das sie solicher zinse wie vorgeschriben rirful virnugit vnd beczalt sint“; — „was auch sache, — daz dar were ader worde misse wasz, hagel, brant, krich — daz der koiffern an solicher beczalunge der sechs malder gebroch ader sumenis worde — so sollen vnd wollen wir vnd vnser nachkummen yne die genanten sechs malder geliche woil rirful geben vnd beczalen vsz andern vnszern gudern, Kornhusen vnd schuren“. Es kann nichts anderes ſein, als die ſchon mhd. vorkommende Formel vür vol, die noch jetzt, wie damals, mit nehmen conſtruirt wurde, nur daß dieſelbe in ein ſelbſtändiges Adverbium abgekürzt worden iſt. Vogel heißt in Heſſen alles was fliegt, nicht nur die Vögel: Fleder⸗ mäuſe, Käfer, Schmetterlinge, Hymenopteren, ja ſogar Fliegen, Mücken u. dgl. werden mit dem allgemeinen Namen Vogel, im Deminutiv Veulchen, Veilchen bezeichnet. „iſt nicht ehr einem armen Mann ein Feulchen entflogen?“ Me- lander Jocoseria (Lich 1604) No. 589. Sprichwort: „die Veielrche die ze ſrih piffe, die ſteßt der Hopch“ (die Vögelchen, die zu früh pfeifen, die ſtößt der Habicht), d. h. große Munterkeit der Kinder in früher Tageszeit pflegt ſich in Traurigkeit aufzulöſen. Eben ſo Brem. W0B. 1, 332. Vogelheu, Name eines Unkrautes, oder mehrerer, im Getreide. Ge⸗ nauere Bezeichnung war für mich nicht zu erlangen, indes ſcheint man vorzugs⸗ weiſe verſchiedene Gräſer, namentlich Schmielen (Schmilmen) unter dieſem Namen zu bezeichnen, wenn gleich Andere das ihnen vorgezeigte Ervum parviflorum, ſonſt Windel'genannt, gleichfalls, und zwar ganz eigens, als Vogelheu anerkennen wollten. Der Ausdruck iſt alt; es erſcheint derſelbe ſchon in den, Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 3, 202 203 abgedruckten, Pachtregiſtern des deutſchen Oidens von 1470 und 1472. Volbort fem., ein ſehr übliches, mehr niederdeutſches als hochdeutſches, auch in heſſiſchen Urkunden bis in die neuere Zeit erſcheinendes Wort, deſſen richtiges Verſtändnis nicht ſelten von ſehr erheblicher rechtlicher Bedeutung, aber wegen der Entſtellungen, welchen es unterlegen, nicht immer leicht gefallen iſt. Der zweite Theil der Compoſition, bort (von ich bir, ich bringe zum Vorſchein, zur Wirklichkeit) bedeutet Hervorbringung, das Bringen zur Erſcheinung, zur Wirklichkeit, volbort alſo die vollſtändige Hervorbringung, das Bringen zur Aus⸗ führung. Es iſt mithin nicht genügend, volbort einfach als consensus, Einſtim⸗ mung, Einwilligung zu verſtehen; es bedeutet vielmehr entſcheidende, den Vollzug erſt möglich machende Einwilligung, die Auctorität, durch welche eine beſchloßene Sache erſt ausführbar wird, etwa wie wir jetzt die Vollziehung einer Urkunde oder das Wort „Genehmigung“ verſtehen. Gänzlich falſch und das Verſtändnis des Wortes beeinträchtigend war es, daß ſchon im 15. Jarhundert das -bort als Entſtellung von wort, verbum, angeſehen und hiermit auch das Genus geändert wurde; dieſem Misverſtändnis haben denn auch ſämtliche ältere Lexicographen (Wachter, Friſch, das Brem. WB., Adelung, Scherz⸗Oberlin) theils geradezu gehuldigt, theils Vorſchub geleiſtet. Doch war dieſe Entſtellung noch nicht die ärgſte: vol mußte ſich in wol umkleiden laßen, ſo daß ſtatt Volbort nun „Wohlwort“ zu Tage kam, und der Sinn ſich zu einer völlig nichtsſagenden Beiſtimmung verflachte. Die älteren heſſiſchen Urkunden haben in ihrer über⸗ wiegenden Zal die richtige Form Volbort; aber auch die letzterwähnte totale Corruption iſt nicht ganz unvertreten: „mit völligem Consens und⸗Wolwordt hochlöblicher Univerſität und deren Vogt“. (Verhandlung über Waldrecht mit Sibylla Stolzenbach in Homberg 1708). Die Formel, in welcher Volbort raph. instut, iaburg a. d. Labn 432 Volle — Vorred. gewöhnlich erſcheint, iſt: mit wiszen und volbort, oder mit wiszen, willen und volbort. colborten, die entſcheidende Zuſtimmung, Genehmigung geben. W. Gerſten⸗ berger bei Schmincke Monim. hass. 2, 381. Vgl. Müller mhd. WB. 3, 362. Nachdem Volbort, volborten, außer Uebung zu kommen begann, wurde, und zwar ſchon zeitig im 17. Jarhundert, Belieben, belieben, an ihre Stelle geſetzt, welche Wörter genau nach Maßgabe des Sinnes von Volbort und vol- borten auszulegen ſind: wer volbort zu geben hat, führt nicht bloß eine Stimme neben Andern und gleich dieſen, ſondern hat die entſcheidende Slimme zu geben; „mit Rat und Belieben“ bedeutet: mit Beteiligung bei der Beratung und mit Abgebung der entſcheidenden Stimme. Volle fem., das ganze Trinkmaß, der Malben (ſ. d.), dem halben Trinkmaß, entgegen geſetzt. „Zu Vollen und Halben zutrinken“ war die Hauptbeſchäftigung in den zügelloſen Trinkgelagen des 15. und 16. Jarhunderts, und kommt bei allen Schriftſtellern des 16. — 16. Jarhunderts, welche der damaligen Trinkerei, vielmehr wüſten Sauferei und Trunkſucht gedenken, vor. Die oberländiſchen und rheiniſchen Kurfürſten und Fürſten, unter ihnen Landgraf Philipp von Heſſen, vereinigten ſich im Jahr 1525: „Das ein yeder bey allen ſeinen Grauen, Herrn, Rittern, knechten, dienern vnd unterthanen mit höchſtem fleyß vnd ernſt verfügen vnd verſchaffen ſol, das niemands den andern zu vollen oder halben oder zu gleicher maß zutrincken, auch nit deutten oder wincken ſoll“. L. Philipps Reformation v. 18. Juli 1527. 4. Bl. Cirijb. Aus heſſiſchen Schriftſtellern möge nur an die Stellen bei Burghard Waldis erinnert werden, z. B. Päpſtiſch Reich (1555. 4.) Bl. Ppb: Ir vil zum Wiertshauß wider lauffen Zu halben vnd zu vollen ſauffen. Qqiia: Schleichen hin zu dem külen wein Zu halben, vollen, on geferd Biß keiner heim zu gehn begert. vorgängig. Dieſes Wort iſt im heſſiſchen Kanzleiſtil ein volles Jar⸗ hundert lang zu einer gänzlich ſinnloſen und abgeſchmackten Satzfügung verwendet worden. Wenn nämlich nach einer Anführung von einzelnen Umſtänden, welche als Vorbereitung, Vorausſetzung oder Bedingung des Folgenden dienen ſollen, geſagt werden müßte: „dieſes vorausgeſetzt“, „nachdem dieß vorausgegangen iſt“ „nachdem dieß geſchehen ſein wird“, oder: „nachdem dieß zum Voraus hat be⸗ merkt werden müßen“, ſo ſchreibt der heſſiſche Kanzleiſtil: „dieſem vorgängig“, alſo in unbegreiflicher Gedankenloſigkeit gerade das Gegenteil von dem, was er im Sinne hat und zu ſagen beabſichtigt. In den Acten finden ſich ſeit 1750 zalloſe Beiſpiele dieſes Unſinnes; das älteſte gedruckte Beiſpiel deſſelben, welches ich kenne, gewährt 1742 Kuchenbecker Anslecta hassiaca 12, 411; es folgt dann Eſtor teutſche Rechtsgelehrſamkeit 1, 775 (§. 1906), welcher ſich dieſer Fügung öfter bedient hat. Zwiſchen 1830 — 1840 ſtand dieſer Unſinn noch in höchſter Blüte, kam auch 1840—50 nicht ſelten vor; ſeitdem ſcheint derſelbe abzuwelken. Vorred fem., geſprochen wie Vor-ed, ein Stück Landes, welches am Ende des in der Länge gepflügten Ackers in die Quere gepflügt wird, nachdem jenes Pflügen vollendet iſt; während deſſelben liegt die Vorred einſtweilen unge⸗ pflügt, um auf derſelben den Pflug mit dem Zugvieh wenden zu können. Der Auseruck (ven eiden²) ſcheint nur im Amte Tregſa und in deſſen nächſten 433 Vorreiber — Waffen. Umgebungen vorzukommen; anderwärts wird ein ſolches Ackerſtück Anwand, Vorwand genannt. Vorreiber msc., Eiſen am Fenſterrahmen, welches ſich drehen läßt, und dazu dient, die Fenſterflügel zu verſchließen. Schmeller 3, 7. Vorreigen msc., 1) der Vortanz, der erſte Tanz auf der Kirmes. Niederheſſen, doch faſt nur in den öſtlichſten Gegenden gebräuchlich. 2) der aus künſtlichen Blumen verfertigte Strauß, welcher von den Kirmes⸗ burſchen den ausgewählten Mädchen gegeben wird; durch dieſe Gabe wird der erſte Tanz, Vorreigen, bedingt. An der Werra, Amt Netra. Vgl. Luststiel, Zuick. vorsetzen, vorſtrecken, vorſchießen, darleihen. Ueberall üblich, jedoch nur von baarem Gelde gebräuchlich. „wie ſie dan ihm vf ſein nachſuchen je zu weilen auch vier vnd mehr Thaler wohl vorgeſetzt gehabt“. Marburger Hexen⸗ proceſſacten von 1658. W. wAbern, ſich ſchnell aber wankend hin und her bewegen. „Ich ſah in der Dunkelheit ſo etwas wabern, aber ob es ein Menſch oder ein Thier war, konnte ich nicht erkennen“. „Die füſſe gehen vnd wabern“. J. Ferrarius von dem gemeinen nutze. 1533. 4. Bl. ixb. „damit wir diß vnſer leben alſo an⸗ ſtelten, vnd in der gemein wäbern, das es Gott zu gefallen ſey“. Ebdſ. Bl. 47a. Es ſcheint das Wort ein Frequentativ von weben zu ſein. Schmidt weſterw. Id. S. 323 hat nun wieder ein Frequentativ von wabern: wawrichen. Allge⸗ mein üblich, außer theilweiſe im Fuldaiſchen; vgl. waibeln. A. 4.— uℳ 7f.4. Schmeller 4, 7 hat webern in ganz gleicher Bedeutung. waffeln, ſoll in der Bedeutung plaudern, beſonders „laut ſchwatzen, haſelieren“ noch hier und da ſwo?) üblich ſein. „Aber ſo waffelt er herein, vnd rafft zuſammen was er findt“. G. Nigrinus Fegfeuers Vngrund 1582. 8. Bl. Dd8a. Auf dem Weſterwalde war es allerdings nach Schmidt Weſterw. Id. S. 318 üblich, oder iſt es noch. Vgl. Stalder 2, 427. Schmeller 4, 34. In der Bedeutung ſchimpfen erſcheint das Wort in einem Auszuge aus heſſiſchen Bußregiſtern des 15. Jarhunderts (Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. ꝛc. 2, 377) im Jahr 1484 als in Eſchwege gebräuchlich: „Henrich Schemelpfennig ex parte uxor. hatte ſich mit einer andern frauwen gewaffelt mit worten“. Möglicher Weiſe gehört hierher die Stelle aus dem Weistum von Wetter vom Jahr 1239 (Wenck heſſ. Landesgeſch. 2, Urk. B. S. 168): „ltem de Wapele. Item quicuuque impigerit convicem suum in Wapele, dabit indici xxx den.“ Waffen neutr., 1) ſowol Offenſiv⸗ als Defenſivwaffe, und 2) War⸗ zeichen. Die Unterſcheidung des gemeinhochdeutſchen Waffe und des nieder⸗ deutſchen, gleichfalls gemeinhochdeutſch gewordenen Wappen exiſtiert in der Volksſprache nicht. In Obetheſſen (Michelbach und Umgegend) wird die Axt und das Beil ſelten anders als das wöpen genannt; Axt und Beil zuſammen aber heißen niemals anders als das wöpen; „wan me in den Wald well, muß me e got Wöpen han, dan kan me och got erbete“. Die Axt (Barte, ſ. d.) war die regelmäßige Waffe der Bauern, jedenfalls ihre Hauptwaffe. In Niederheſſen ſindet ſich dieſer Gebrauch von Waffen nur noch ſehr ſelten. Vilmar, Jiotikon. 28 434 Wäg — woigern. In Urkunden aus Oberheſſen erſcheinen ſehr oft knoppen von den wapen = wepener, wepeler, armigeri, den Rittern gegenüber; z. B. Rudolſin schurnsloz knappin von den wupenin (1341); Volpracht vnd Eckart genant von Hohenfels knappen von den wapen (1354). Für Panzer, Harniſch, wurde Waffen (Wäpen) vor etwa funfzig Jahren noch häufig gebraucht: „das Nashorn hat eine dicke Haut wie ein ſtarkes Waffen“. Schulmeiſterbelehrung von 1808. „Auch hat es eine Art Thierer, heiſſen Dattu — iſt gewapnet allenthalben vmb⸗ den leib her — das Wapen iſt wie horn, ſchleuſſet auff einander mit gelencken wie Harniſch“. Hans Staden Reiſebeſchreibung (Weltbuch, Frankfurt 1567. fol. 2, 57b). 2. 75 P. Ein junger Bauer aus dem Dorfe Bortshauſen bei Marburg, Johannes Nau, ſtieß im Jahr 1822 mit dem Kopfe auf den Kopf eines gegen ihn an⸗ rennenden Schmalthiers, daß Beide, der Menſch und die junge Hirſchkuh, zu Boden fielen. Dem Thier war an dem eiſenfeſten Schädel des Menſchen die Hirnſchale zerſchmettert; es blieb auf der Stelle todt. Der junge Mann trug zwar eine Verletzung des Schädels davon, doch wurde dieſelbe ausgeheilt, blieb aber als ſtarke Schläfennarbe ſehr ſichtbar. Wenn dieſer Schädelheld ſpäter dieſe Begebenheit erzälte, was bis zu ſeinem Ende (er ſtarb 1859) oft geſchah, ſo zeigte er auf die Narbe mit den Worten: „das uöpen hon ich noch“. WVäg msc., Stromlauf, Flut, geſtauetes Waßer; mit verändertem Genus und verändertem Vocal gemeinhochdeutſch zu Woge geworden; ahd. wäg, mhd. wäc. Das Wort iſt im Abſterben begriffen, indes, wenn auch nur ſelten ge⸗ braucht, noch überall verſtanden. So heißt im Haunthal jedes geſtauete Fluß⸗ waßer Wag (oft freilich ſchon entſtellt: das Wab). Aehnlich in Hersfeld, in Oberheſſen und anderwärts. Bei Marburg heißt der Theil der Lahn, welcher oberhalb der Deutſchhausmühle durch das Wehr derſelben geſtauet iſt, der Wög; ein anderer Theil dieſes Flußes (zwiſchen der Eliſabethbrücke und der Weiden⸗ häuſerbrücke) hieß 1284 der krumbe wäg (Entdeckter Ungrund der — Einwendungen gegen des T.RitterOrdens Balley Heſſen Immedietät 1753. Beil. 58. Kopp Gerichtsverf. 1, 265), heißt aber jetzt mit ſtarker Entſtellung der Krummbogen. In Hersfeld hieß der zwiſchen der Fulda und Hauna unterhalb der beiden Fluß⸗ brücken befindliche fiſchreiche Tümpel der Wag (nicht „die Waake“ wie Matth. Weete im heſſ. Kalender auf 1730. Bl. F3b ſagt), und die Wieſe, welche aus dieſem Tümpel entſtanden iſt, heißt noch jetzt „im Wag“, und zwar weiß man, es führe dieſe Wieſe dieſen Namen darum, weil dieſelbe ehedem unter dem Stromlauf gelegen habe. Als Eigenname kommt Wag noch öfter vor, z. B. der Wögberg bei Frankenberg (Gerſtenberger bei Ayrmann Sylloge S. 650). Wahl. „Des (jetzt auch, mit ausſterbendem Genitiv: das) will'ich Wahl haben“, das will ich unentſchieden laßen, das eine kann ſo gut richtig ſein, wie das andere. Sehr gewöhnliche Redeform. „Vnd daß ſie ihr ein ſchwein oder kuh (welches er deponens wahl haben wolte) bezaubert hette“. Marburger Hexenproceſſacten von 1658. waibeln, ſich hin und her bewegen, namentlich ſich ſchwankend, wie ein Betrunkener, hin und her bewegen, ganz ähnlich wie wabern gebraucht. Im Fuldaiſchen, woher es auch Schmeller 4, 5 verzeichnet hat. Oft wird aber auch waibeln und wabern geſagt. waibelig, wankend, ſchwankend. waigern, jetzt wegern geſprochen, ſich bewegen, wie es ſcheint, im deminutiven Sinn: ſich ein wenig bewegen. Oberheſſen. „Als er aber geſehen, daß er ſich gegen den getroheten ſchoß nicht gewaigert oder gereget“. Marburger Hegenproceſſaeten von 1639: Wacke — Wald. 43⁵ Wacke, 1) kem. in Heſſen die einzige Bezeichnung des daſelbſt ſehr häufigen Baſaltes, welcher für blau angeſehen und deswegen meiſtens gemeine blaue Wacke genannt wird; woher denn auch Namen rühren wie „die blaue Kuppe“. 2) mase. im öſtlichen Heſſen, meiſt Wacken geſprochen, die aus gebranntem Thon oder aus Marmor verfertigte Spielkugel der Kinder. S. Merbel, Heucher, Klicker, Oller. wackeln, 1) wie gemeinhochdeutſch; doch ſpricht man, beſonders in Niederheſſen, weit lieber wuckeln, zumal wenn das Wort tranſitiv ver⸗ wendet wird. 2) prügeln; durchweacheln, durchprügeln. Schmidt Weſterw. Id. S. 318. walch, lau, hauptſächlich vom Waßer: walches wasser, laues Waßer; Nieder⸗ und Oberheſſen, wo lau wenig, in manchen Gegenden gar nicht ge⸗ bräuchlich iſt. Dieſes Wort durchlauft die drei Vocalſtufen in den verſchiedenen Gegenden: im Fuldaiſchen lautet es wilch, im untern Haungrund und im Eitra⸗ grund wulch. Mitunter wird walch, wilch, wulch auch von der lauen Luft gebraucht: wulches Wetter, d. h. laue Frühlingsluft; doch iſt im Haungrund eine wulche Stube eine ſtark durchwärmte Stube. Wald. Diejenigen langgeſtreckten Gebirgswaldungen, welche ohne her⸗ vorragende Höhen ſind, und deshalb nicht Eigennamen führen (wie Rhön, Keller, hohes Lohr u. dgl.), ſondern von Alters her als Wald bezeichnet worden ſind, tragen folgende Namen: Bürgwald, ſüdlich von dem Zuſammenfluß der Lahn und Ohm, nördlich von der Eder, weſtlich von der Wetſchaft, öſtlich von der Wohra begrenzt; Habichtswald, die Quellen der kleineren Zuflüße der Fulda in ihrem untern Laufe, der Bauna und Ahna, die Quelle des Ederzuflußes, der Ems, und die Quellen des Diemelzuflußes, der Warme, enthaltend: Hauſerwald, auch Kirſchenwald genannt, ein Bergrücken zwiſchen der Aula und Grenf, von dem Dorfe Hauſen benannt, und mit ſeinem ſteil ab⸗ fallenden nordweſtlichen Vorſprung, der Hauſerwaldskoppe, die ganze Grafſchaft Ziegenhain beherſchend; Reinhardswald (im 11. Jarhundert Reginhereswald) längs der Weſer von der Hanoveriſchen Stadt Münden bis zur Mündung der Diemel in die Weſer ſich erſtreckend; Sullingswald (Sulingeswald), auch, wenn ſchon irrig, Seilingswald, beßer Säulingswald genannt, hat ſeinen Namen von dem ehemals zwiſchen Oberſuhl, Großenſee und Kleinenſee vorhandenen großen Landſee, Sulingessee, an welchem er liegt; er erſtreckt ſich von der Herfa zwiſchen der Werra und der Fulda her bis zur Mündung der Ulfa in die Fulda; Trottenwald, von den ehemals alleinigen Eigentümern, den Trotten zu Solz, benannt, grenzt an den Süllingswald, und begreift einen großen Theil desRichelsdorfer Gebirges. Hierzu kommt denn noch einer der „vier Wälde des deutſchen Reiches“, der Thüringer Wald, welcher freilich nur zu einem Theile Heſſen angehört, und der Büdinger Wald, der alte Reichsforſt, deſſen Name indes im wirk⸗ lichen Leben nur noch ſelten vorkommt. Kleinere Waldſtrecken, deren Namen mit ⸗wald componiert ſind, gibt es nichl allzu viele; Eichwald und Buchwald kommen öfter vor, ſonſt noch Hauwald, Abtswald und wenige andere. 28 * 436 Waligeld — Waldrecht. Bewohnte Ortſchaften, deren Namen eine Compoſition mit Wald dar⸗ bieten, gibt es in Heſſen nur folgende: Friedewald (ſ. d.), Fürſtenwald, Königswald, Leiſenwald (im Büdinger Walde), Niederwald und Weſter⸗ wald; endlich das ganz moderne Friedrichswald. Die Formel: der wilde Wald iſt noch ſehr üblich; eben ſo üblich eine andere, welcher ich außer in Heſſen nicht begegnet bin: auf den Wald bekennen. Man ſagt von einer geſchwängerten Dirne, welche den Namen ihres Schwängerers nicht nennen will, ſondern vorgibt, im Walde von einem Unbekannten angegriffen worden zu ſein: ſie hat auf den Wald bekannt. Es kommt dieſer Ausdruck („auf den wilden Wald bekennen“) ſchon in Acten von 1594 vor. In einer ſpeciellen Bedeutung wird im Haungrund Wald gebraucht: für die Krone, das Laubwerk, der Waldbäume. Waldgeld, die ältere Bezeichnung des Rottzinſes, welche hin und wieder noch gegen das Ende des vorigen Jarhunderts volksüblich geweſen ſein ſoll. Rorbacher Weistum aus dem 14. Jarhundert Grimm Weisthimer 3, 329. S. Waldrecht. Waldis kem. iſt die Benennung einer Flurſtrecke bei Allendorf an der Werra, welche an dem Berge ſich hinzieht, an deſſen Fuße das bei Weidenbach entſpringende und bei dem preußiſchen Dorfe Wahlhauſen, kaum eine halbe Stunde unterhalb Allendorf, der Werra zugehende Flüßchen Walfe herfließt. Von dieſer Flurſtrecke führte eine, ehedem zalreiche, jetzt ausgeſtorbene Bürgerfamilie in Allendorf den Namen; es gehörte ihr der bekannte Dichter, Burghard Waldis, Probſt und Pfarrer zu Abterode, an. Das Wort Waldis ſelbſt aber verdient Beachtung. Genitiv kann es nicht ſein, wogegen ſchon das beharrliche Feſthalten des i in der Endung, vollends das Femininum ſpricht; denn welche femininiſche Ellipſe ſollte, um „des Waldes“ herauszubringen, gedacht werden können? Es wird vielmehr wegen des Namens Walke, welches nichts anderes iſt, als Wal-afa, aqua stragis, und Walhauſen, vicus stragis, für Waldis die Anlehnung an Wald aufzugeben und die Anlehnung an wal zu verſuchen ſein. Möglich wäre es nun, daß Waldis urſprünglich Wal-isa, gleicher Bedeutung mit Wal-aka, ge⸗ lautet hätte und das d nur ein euphoniſches Einſchiebſel wäre; indes iſt es kaum glaublich, daß das Flüßchen neben dem doch ſehr alten Namen Walafa noch den Namen Walisa (Walissa) geführt haben ſollte, und die Einſchiebung des eupho⸗ niſchen d behält immer einiges Bedenken gegen ſich; immer aber iſt die conſtante Beibehaltung des i damit nicht erklärt, denn Suulmisa, Suulmusa lautet eben nicht Schwülmis, ſondern längſt ſchon Schwülmes, und jetzt ſogar Schwülme. Kühn, aber keineswegs unwarſcheinlich, iſt folgende Hypotheſe, durch welche alle dieſe Schwierigkeiten beſeitigt werden. Waldis hat urſprünglich gelautet Wal⸗idis (d. h. Walachuria, Walküre), Schlachtjungfrau Wuotans; „die Waldis“ iſt die Stätte, wo die Wal-idis die Schlacht überſchaut (den Haft geheftet, das Heer aufgehalten) und das Wal für Wuotan gekürt, die Todten für den Schlachtgott in Empfang genommen hat. Vgl. Grimm d. Myth. (2) 312. 389. Daß aus Walidis in der einfachſten Weiſe ſich Waldis bilden, Femininum bleiben und das i bewahren konnte, ja mußte, iſt leicht einzuſehen. Will man noch weiter gehen, ſo würde ſogar gegen die nordiſche Form dis (ſtatt itis, idis) nicht allzu⸗ viel einzuwenden ſein; dann iſt Waldis einfach Wal-dis. Waldrecht. Ein, ſo viel man bis jetzt weiß, nur in Heſſen vor⸗ kommendes Rechtsverhältnis des Landbauers zu dem Obereigentümer des Grund⸗ ſtückes wird durch Waldrecht begeichnet. In lateiniſchen Urkunden des 13. Jar⸗ Waldrecht. 437 hunderts wird daſſelbe jus sylvaticum (1233 Anal. hass. 3, 194), jus sylveslre (1258 Lennep Leihe zu LSR. Cod. prob. No. 413), in Urkunden des 14. Jar⸗ hunderts auch jus nemorale (1353 Anal. hass. 3, 191) genannt, wodurch die ohnehin ſichere Ableitung von Wald, sylva, unzweifelhaft gemacht und Eſtors Ableitung von walten, dominari, administrare, zurückgewieſen wird. In der Mitte des 14. Jarhunderts kommt auch die römiſche Bezeichnung emphyteusis, jus emphyteuticum vor. Der Strich in Heſſen, in welchem das Waldrecht, ſo viel man bis jetzt weiß, vorkommt, begreift das nördliche Oberheſſen (die im ſüdlichen Oberheſſen liegenden Klöſter Caldern und Hachborn, ſo wie die geiſtlichen Stiftungen der Stadt Marburg haben keine Urkunden über Waldrecht), die Grafſchaft Ziegen⸗ hain, den ganzen Lauf der Efze, Kaſſel mit Umgegend, Zierenberg und Wolf⸗ hagen. Die Klöſter Haina, Cappel am Spieß, Haſungen, Anenberg, Nordshauſen, Weißenſtein und St. George, ſo wie die Pfarrei Homberg, die Stadt Wolfhagen und wenige adliche Familien (die von Twiſte, die Krengel) ſind diejenigen Grundbeſitzer, von welchen Güter zu Waldrecht ausgethan worden ſind. Doch mag das Waldrecht auch noch ſonſt vorgekommen ſein, und es nur an Belegen dafür fehlen; eine Urkunde des Abts Giſelher zu Blankenheim vom Jahr 1286 (Lennep Leihe zu LeR. Cod. prob. No. 147, von Lennep unrichtig erklärt), in welcher dem Eckehard von Benhauſen Güter in Aue zu Waldrecht verliehen werden, kann leicht noch mehrere Verwandte aus dortiger Gegend haben. Das Waldrecht, welches wenigſtens hin und wieder, z B. in Homberg, bis in die neueſte Zeit, wenn auch zuletzt nur auf dem Papier der Leihebriefe, beſtanden hat, bezog ſich urſprünglich auf Rottländereien (Urkunde von Duden⸗ hauſen aus dem 13. Jarhundert Anal. hass. 3, 192—193), auf Mühlen (Haſunger Urt. v. 1258 über Langela Lennep a. a. O. No. 413; Hainaer Urk. über Röddenau von 1303 Anal. hass. 3, 194; über Münchhauſen von 1340 ebdſ. 188 — 190; Haſunger Urk. v. 1351 ebdſ. 3, 192; Urkunde Widekinds von Twiſte v. 1353 ebdſ. 191; Cappeler ungedr. Urk. über Falkenhain v. 1431; desgl. über Frielendorf von 1432 und 1459), auf Gärten (Weißenſteiner Urk. über Zierenberg v. 1321 Lennep No. 414; desgleichen von 1322 Lennep No. 415; ungedruckte Urkunde des Landgrafen Heinrich vom 22. Nov. 1346; Anenberger Urk. v. 1405 über Heiligenrode Lennep No. 277; Anenberger Urk. v. 1438 Lennep No. 247; Pfarrurkunde von Homberg v. 1460 Lennep No. 185; Anenberger Urkunde über Kaſſel von 1466 Lennep No. 255; Cappeler ungedr. Urk. über Homberg v. 1513; desgl. von 1534 und weiter bis in die neueſte Zeit über dieſelben Gärten; desgl. des Kloſters St. Georg über Gärten, welche ſpäter landesherrlichen oder Univerſitäts⸗Eigentums waren, bis in die neueſte Zeit); auf Waldſchmieden (Anenberger Urk. über Weimar bei Kaſſel von 1390 Lennep No. 406), auf Teiche (Wolfhager Urk. v. 1477 Lennep No. 410), und auf Wieſen (Cappeler ungedr. Urk. Über Unshauſen v. 1440). Außerdem ſind zalreiche Waldrechtsurkunden über bebauete Güter vorhanden, doch können letztere, da die betreffenden Urkunden erſt mit dem Ausgange des 13. Jar⸗ hunderts erſcheinen, recht wol urſprünglich Rottländereien geweſen ſein. Das Weſen des Waldrechts, wodurch ſich daſſelte von jeder andern Location, namentlich auch von der Landſidelleihe älterer Zeit auf das Beſtimteſte unter⸗ ſchied, war die erbliche Verleihung des Grundſtücks. So wird daſſelbe in der älteſten bis jetzt bekannten Urkunde, welche des Waldrechts Erwähnung thut (Ziegenhainer Urkunde vom Jahr 1233 Aual. hass. 3, 194) bezeichnet: jus rusticorum silvaticum, quod ad ipsorum perlinet hereditatem, und mit der aus⸗ 438 Waldrecht. drücklichen Bezeichnung des Erbrechtes erſcheint daſſelbe in faſt allen Urkunden, welche über das Waldrecht ſprechen. Es iſt mit Grund anzunehmen, nicht allein daß das Waldrecht das einzige Erbrecht war, welches in Heſſen den Bauern an Grundſtücken, die nicht ihr Eigentum waren, zuſtand, ſondern auch, daß alle Erbleihen, welche in älterer Zeit vorkommen, nichts anderes waren, als Ver⸗ leihungen zu Waldrecht, wenn gleich dieſe Bezeichnung nicht ausdrücklich in die Verleihungsurkunde aufgenommen wurde. So beſaß das Kloſter Cappel ein Gut zu Wasmutshauſen, welches im Jahr 1372 erblich, ohne nähere Bezeichnung des Erbrechts, im Jahr 1492 aber zu Waldrecht erblich ausgethan wurde (die Urkunde von 1372 iſt abgedruckt bei Lennep No. 199, die von 1492 noch ungedruckt). Mitunter finden ſich auch Beiſpiele, daß ein Grundſtück zu Wald⸗ recht auf gewiſſe Bedingungen, und erſt wenn dieſe erfüllt waren, erblich aus⸗ gethan wurde; vgl. die Anenberger Urkunden bei Lennep No. 222 und 223 von 1323 und 1328 über ein am Todtenhof zu Kaſſel liegendes Grundſtück, welches unter der Bedingung, daß ein Gebäude auf demſelben errichtet werden ſollte, zu Waldrecht verliehen wurde, aber die Erblichkeit erſt erhielt, nachdem das Gebäude bis zum Jahr 1328 errichtet war. Dieſer Erblichkeit entſprach die andere Eigentümlichkeit des Waldrechts, daß bei Einziehung des Gutes wegen nicht entrichteten Waldrechtzinſes oder bei der Aufgebung des Gutes, der Verzichtleiſtung, keine Oberbeßerung vergütet wurde, wie dieß die meiſten Urkunden in der beſtimteſten Weiſe ausſprechen. Uebrigens war das Erbrecht nur für die Leibeserben zuläßig, wie dieß viele Urkunden beſtimt angeben; dem gemäß ſagt auch das Homberger Stadtbuch in der im Jahr 1567 aufgenommenen Beſchreibung des Waldrechts, daſſelbe erbe nicht zur Seite, ſondern in der ſtracken Linie unter ſich; ſei dieſe nicht vorhanden, ſo falle das Gut heim. Dieſes Stadtbuch enthält übrigens noch die aus den mir bekannt gewordenen Urkunden nicht nachzuweiſende Beſtimmung: nach des Waldrechtsmannes Tode müßen ſich die Erben vereinigen und Einem unter ihnen das Gut überlaßen, doch muß auch dieſer Eine mit des Waldrechtsherren Be⸗ willigung erkoren werden. Verzicht war, wie auch bei der Landſidelleihe, möglich, auch der Verkauf des Waldrechtsgutes unter Zuſtimmung des Waldrechtsherrn, doch war nach dem Homberger Stadtbuche der Verkauf beſchränkt: Eheleute können daſſelbe verkaufen, ſo lange beide noch am Leben ſind, nicht, wenn ein Ehegatte geſtorben iſt; kauft ein Witwer oder eine Witfrau ein Waldrechtgut, ſo können dieſe es wieder ver⸗ kaufen; auch iſt nachgelaßenen Kindern des Waldrechtbeſtänders der Verkauf erlaubt. Die Urkunden geben über dieſe Beſtimmungen nur einige Andeutungen. Der Zinsrückſtand wurde nach den Urkunden gar nicht, nach dem Stadt⸗ buche von Homberg nur drei Jahre, geduldet; durch die Säumnis nach Ablauf des Jahres (Homberg: des dritten Jahres) hatte ſich der Zinsmann ſelbſt ent⸗ ſetzt. So ſprechen die älteren Urkunden; ſpätere enthalten indes zuweilen nur das Bekentnis des dem Obereigentümer unbeſchränkt zuſtehenden Pfändungsrechtes mit dem Verzicht des Beſtänders auf Gericht und Notrecht. Zuweilen, und am häufigſten bei Mühlen, wird die Erhaltung des Gutes in gutem Stand und Weſen zur Bedingung gemacht; würde dieſelbe nicht erfüllt werden, ſo ſoll das Gut heimfallen. Theilung des Gutes zog den Verluſt deſſelben nach ſich, falls nicht der Waldrechtsherr in die Theilung ausdrücklich eingewilligt hatte. Auch war, nach dem Homberger Stadtbuch, zu einer Verreinung und Verſteinung des Gutes die Bewilligung des Waldrechisherrn erforderlich. Daß, ſo lange der Waldrechtszins enirichtet und das Güt nicht willkürlich vertheilt wurde, der Wald⸗ Waldschmid. 439 rechtsherr keine Befugnis hatte, daſſelbe mit höherem Zins zu beſchweren, oder gar den Zinsmann ſeines Gefallens zu entſetzen, ſei es auch, daß er ſelbſt des Gutes bedürftig wäre, verſteht ſich aus der Erblichkeit von ſelbſt, und ſollen durch die Clauſel „obgleich er ſelbſt des Gutes bedürftig wäre“, wie ſie das Homberger Stadtbuch hervorhebt, die Waldrechtsgüter von den Landſidelgütern offenbar augenfällig unterſchieden werden. Nicht ſelten wird bei der Verleihung zu Waldrecht die Abgabe des beſten Hauptes für den Todesfall ſtipuliert; zumal enthalten die ältern Urkunden dieſe Beſtimmung. Laudemien kommen häufig, doch nicht ausnahmslos vor. Die Formeln, welche ſeit der Mitte des 14. Jarhunderts bei Verleihungen zu Waldrecht, meiſt nur zur Verſtärkung, und ohne eigentliche, rechtliche Bedeu⸗ tung, vorkommen, ſind: zu rechtem Waldrecht geben (1351); zu Wald⸗ recht und nach Waldrechtsrecht geben (1431); zu waldrechtem Rechte geben (1460); nach Waldrechts Recht geben (1492 und nachher ſehr oft). verwaltrechten und verwaltrechten und vererben erſcheint in einem Schiedsſpruche des Landvogts, Erbmarſchalls Eckhart von Rörenfurt in einem Streite des Abts Johann Rotmul zu Cappel mit den Männern des Virnegaus vom Jahr 1430. Der Waldrechtszins heißt in der ältern Zeit regelmäßig Waldrechtsgülde, der Beſtänder ausnahmslos Waldrechtsmann. Daß übrigens das Waldrecht, wenigſtens die Bezeichnung dieſes Rechtes, einen größern Umfang gehabt haben müße, als die Grenzen, in welchen wir daſſelbe kennen, ergeben die Aeußerungen Luthers, in denen er ſich des Wortes Waldrechter („ich bin der grobe Waldrechter“) und waldrechten für Ausroder, ausroden in figürlichem Sinne bedient (letzteres aus einem Manuſcript Hieronymus Wellers bei Löſcher Hist. mot. 3, 137). Vgl. Joh. Wilhelm Waldſchmidt de bonis zu Waldrecht concessis. Marburg 1714 Eſtor harmonia juris civilis et hassiaci in emphyteusi Waldrecht dicta in Kuchenbecker Analecta hassiaca 3, 146 ff. und teutſche Rechtsgelahrt⸗ heit 1, §. 1971. Lünig Corpus juris feudalis 3, 715 —719, wo eine Be⸗ ſchreibung des Waldrechts nach dem Homberger Stadtbuch ſich findet. v. Buri Abhandlung von Bauerngütern S. 597. Lennep Von der Leihe zu Landſiedel⸗ recht 1767. 4. Cod. proh. No. 187. Am beſtimteſten hat Eſtor die Natur des Waldrechts erkannt; am vagſten äußert ſich Lennep, welcher in der unklarſten Weiſe Landſidelleihe und Waldrecht mit einander vermengt. Waidschmid. Eiſenerzgräber, Bergmann, welcher zugleich das gewonnene Eiſen ſchmelzte und hämmerte, in den älteſten Zeiten auch — worauf ſich noch die Sagen von Wieland dem Schmid, von Sigfrid u. ſ. w. beziehen — in der Waldschmide zu Waffen verſchmiedete. So hatte das Kloſter Anenberg in Kaſſel eine Waldſchmiede bei Weimar in der Nähe von Kaſſel, welche zu Waldrecht ausgethan war (Urk. v. 1390 bei Lennep Leihe zu Landſiedelrecht, Urk. No. 406), und der Abt von Hersfeld hatte Waldſchmide am Eiſenberg und Kredenberg (ſetzt Kredekoppe) oberhalb Obergeis; es werden in der betreffenden Urkunde (v. 1467 Wenck 2,486) Jacob Waltſmid und Hans Potze der Walt⸗ ſchmidt genannt, mit welchen der Abt einen Vertrag über den Eiſenbergbau abſchloß. Außer dem Familiennamen Waldſchmidt, welcher in Heſſen nach⸗ weislich aus den Dörfern des Knüllgebirges (Raboldshauſen, Rengshauſen, Beisheim) ſtammt, gibt nur noch der Ortsname Neuenſchmitten bei Wächtersbach (es befindet ſich bei N. ein Eiſenhammer) Kunde von dieſer uralten Zuſtänden. Ein Nachbild dieſer in den einſamen Gründen des tiefſten Walddickichts gelegenen Waldſchmieden iſt die bei Nentershauſen gelegene Stollenſchmiede. 440 Walken — Wampe. walken. 1) beſonders in der Compoſition einwalken, ſtark und gierig eßen. Hin und wieder, am meiſten in Oberheſſen gebräuchlich, von wo es auch Eſtor S. 1422 verzeichnet; in Niederheſſen dafür lieber breffen (ſ. d.). 2) durchprügeln; neben wackein gebräuchlich; doch wol ſeltener. Walpertsmännchen. So hieß in dem Dorfe Salzberg am Eiſenberge derjenige Gemeindsmann, welcher den, ſechs Gnacken (ſ. d.) betragenden 4 14 Rutſcherzins der Gemeinde jährlich am Walburgistage an die von Buchenau nach Buchenau zu liefern hatte. Derſelbe mußte am 1. Mai frühmorgens um ſechs Uhr ſich in dem, etwa ſieben Wegſtunden von Salzberg entfernten Buchenau einfinden, und mit dem Schlage ſechs bereits, es mochte Witterung ſein, welche es wollte, auf einem beſtimten Steine der Brücke vor dem Buchenauiſchen Schloße ſitzen. Verſpätete er ſich, ſo wuchs der Zins in geometriſcher Progreſſion; „auf Walburgis Abend hätte die ganze Gemeinde den Zins nicht mehr bezalen können“ (es würde derſelbe, da der Gnake 6 Heller betrug, um ſechs Uhr Abends auf 384 Thaler unſeres jetzigen Geldes angewachſen geweſen ſein). Deshalb ver⸗ warnte auch der Beamte auf dem Neuenſtein jedesmal die Gemeinde, und dieſe gab dem Walpertsmännchen zwei Begleiter mit, auf den Fall, daß ihm ein Un⸗ glück begegnete. Saß aber das Walpertsmännchen zur rechten Zeit auf dem Steine, ſo mußten es die von Buchenau begrüßen laßen, worauf es die Gnaken zalte. Darauf wurde es mit vorgeſchriebenen Speiſen reichlich bewirtet, und wenn es hierbei in drei Tagen nicht einſchlief, mußten es die Zinsherren lebens⸗ lang verpflegen. Schlief es aber ein, ſo wurde es ungeſäumt aus der Burg weggeſchafft. — Dieſer Gebrauch, welcher ſich bis in das 15. Jarhundert zuruck verfolgen läßt, hat ſich bis zum Jahr 1806 erhalten. Hersfelder Intelligenzblatt 1802, St. 9. Hieraus Grimm Rechtsalter- thümer S. 388. Noch im Jahr 1836 war dieſer Gebrauch in Salzberg in beſtimteſter Erinnerung, nur wollte der hauptſächlichſte Referent, deſſen Erzälung ſonſt genau mit vorſtehender Darſtellung übereinſtimmte, und deſſen Vater mehr als einmal Walpertsmännchen geweſen war, von den Folgen des Nichteinſchlafens niemals etwas gehört haben. Walstag, der Schmaustag der Zimmerleute beim Hausbau, nach Vollendung des Nichtens, Hebens; die Hebekirmes. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1422. Es iſt dieſes Wort zwar noch jetzt in Oberheſſen bekannt, aber wenig mehr gebräuchlich. Wammes neutr. Dieſes Wort iſt zwar nirgends in Heſſen unver⸗ ſtändlich oder auch nur unbekannt, eigentlich volksüblich aber doch nur im ſächſi⸗ ſchen und vorab im weſtfäliſchen Heſſen, wo es das Kamiſol, die Jacke, der weiblichen Kleidung bedeutet, während das entſprechende männliche Kleidungsſtück Rücheln (ſ. d.) heißt. Wol ohne Zweifel eine Ableitung von Wambe, Wampe, ſ. d. Vgl. Schmeller 4, 77. Wampe fem., ſelten Wambe geſprochen, Bauch, meiſt in verachtendem Sinne: „ſich die Wampe (lieber pluraliſch: Wampen) voll eßen“. Sehr ge⸗ wöhnlich aber wird Wampe auch für Weiche gebraucht, und alsdann, dem alten wamba analog, ohne allen verachtenden Nebenbegriff, aber auch lieber pluraliſch als ſingulariſch; ſehr gewöhnlich iſt übrigens auch die Formel: „einem einen (Treff) in die Wampen geben“. In ganz Heſſen, wie auch anderwärts, üblich. Schmidt Weſterw. Id. S. 320. Schmeller 4, 77. Wgl. Wammes und wamschen. Wamschen — Worlosigkeit. 441 wamschen. 1) Schläge geben; „einen durchwamſchen“. Sicher⸗ lich eine Ableitung von Wammes: einem das Wams ausklopfen. 2) viel und gierig eßen: „in ſich wamſchen“. Ohne Zweifel von Wanpe abgeleitet, und an ſich identiſch mit „ſich die Wampen voll eßen“. Schmidt Weſterw. Id. hat S. 13 bamſchen. wan, ſtets wön geſprochen, aus wan verlängert, findet ſich noch jetzt in Olerheſſen im — wenn gleich abſterbenden — Gebrauche, und zwar in der Bedeutung, welche Eſtor S. 1423 verzeichnet hat: mangelhaft, fehlerhaft, un⸗ haltbar, namentlich von fehlerhaft gearbeiteten Geräten, welche keine Dauer heben: „das Schloß iſt aber auch ganz wohn gemacht, das konnte nicht halten“. Vgl. Adelung 4, 1341. Wand mse., Tuch, Kleiderſtoff aus Wolle; nur zuweilen wird auch Leinwand mit dieſem Worte bezeichnet. Nur im weſtſäliſchen und ſächſiſchen Heſſen üblich. Vgl. Wöt und Beiderwand. 2./3¾ ga— 1% uyys. wandern, im Volksmunde allenfalls nur vom Wandern der Hand⸗ werksburſchen gebräuchlich, ſonſt nur in der Redensart: es wandert (wünert) d. h. es gehen Geſpenſter um. Göwanerds neutr., Geſpenſt. Marburger Hexenproceſſacten von 1673. Gewaenerz, Geſpenſt; Grafſchaft Ziegenhain. Wanderding neutr. (Wänerding), Geſpenſt; die üblichſte Bezeichnung. Das Wort Geſpenſt iſt dem Volke gänzlich fremd. Wandlaus fem., Wanze. Das Wort war ehedem (bis in die zwan⸗ ziger Jahre dieſes Jarhunderts) auf dem Lande durchgängig allein üblich, und iſt neben dem aus „Wandlaus“ gebildeten Worte „Wanze“ daſelbſt noch immer, in theilweiſe bevorzugtem, Gebrauche. Das Wort „Wendel“ für Wanze findet ſich dagegen in Heſſen nicht. Wanne fem. 1) wie gemeinhochdeutſch: ein offenes, ziemlich flaches Faß (Badewanne u. dgl.). 2) ein kleiner flacher Korb; Nieder⸗ und Oberheſſen. Im Stift Hersfeld Kreiz, in den niederdeutſchen Bezirken Rispe genannt.714 3) Grenze ſ. wenden. wanne. Die ſächſiſche halb ſcherzhafte Drohformel: „wanne!“ meiſt doppelt: „wanne! wanne!“ hört man in Heſſen an der Weſer noch häufig, außer⸗ dem iſt ſie völlig unbekannt. Ehedem aber muß ſie ziemlich tief in Heſſen üblich geweſen ſein; der Pfarrer zu Grünberg, Hartmann Braun, welcher aus Melſungen gebürtig war, predigte in Grünberg im Jahr 1615: „Wanne, wanne, was mag Carlſtadt gepredigt haben?“ M. H. Braun Labia Sacerdolis 1615. 4. Bl. Bb. wannehr, Frage⸗Correlativum, weit üblicher, als das einfache wann. Holländiſch. Richey S. 334. Schmidt Weſterw. Jd. S. 321. Warf msc., der noch im vorigen Jarhundert da und dort gebräuchliche jetzt aber völlig außer Uebung gekommene Ausdruck für denjenigen Theil des Gewebes, den wir jetzt Zettel nennen. „Wolnweber gewichte ist ein halp phunt warſſt“ Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schmincke Monim. hass. 2, 705. Schmeller 4, 150. Vgl. Webel. Warlosigkeit, Achtloſigkeit, Unachtſamkeit. In Eſchweger Hexen⸗ proceſſacten von 1657 ſindet ſich regiſtriert, daß der Stadtknecht, welcher die gefeßelte Mutter der eigentlich angeklagten Zauberin aus der Keite und dem Gefängnis hatte entwiſchen laßen, wegen ſeiner Warloſigkeit an Händen und Füßen geſchloßen und in den Blobach geführt worden ſei. 412 Wärsch — Walz. 4z Wärsch, Wärschi (Wersch, Waersch) fem., Quere; auch figürlich. Verkehrtheit, Unordnung, Verwirrung. Schwalmgegend und Oberheſſen. „Er macht alles die (der) Wärſcht“ d. h. verkehrt. „Der Heubaum lag die (der) Wärſcht über den Weg“. 5,i de Wärſch u i de Leng“ kreuz und quer, Schwäl⸗ merlied. Eſtor S. 1406: „der werſt, zwerch über“. PTeit⸗ Es ſcheint dieſes Wort eins von den ziemlich zalreichen mit dem (tief⸗ niederrheiniſchen Dialect übereinſtimmenden heſſiſchen Wörtern zu ſein, ſ. Friſch 1, 497a, wo aus der Jülichſchen Policeiordnung angeführt wird: „es ſollen zu Werſch durch die Wege Buck oder Kallen gelegt werden“. wärzig, werzig (im Haungrunde meiſt wetsig geſprochen), eine Be⸗ teurungsformel: warlich! gewis! Im Fuldaiſchen, Schmalkaldiſchen und Hanaui⸗ ſchen äußerſt üblich, im übrigen Heſſen unbekannt. Wasen msc., die in Mittelheſſen und Oberheſſen, ſo wie in Fulda und der Obergrafſchaft Hanau herſchende Form des gemeinhochdeutſchen Wortes Raſen, cespes Es beruht dieſe Form auf der Eliſion des dieſem Worte (wraso) urſprünglichen R, während das Wort Raſen umgekehrt das W abgeſtoßen hat. Im nördlichen Heſſen, ſchon von der untern Edder an, behält man beide Laute, w und r, vergröbert aber w in f und ſpricht Fraſen (ſ. d.). „Im Felde am obern Hains Waſen“ Kirchhain 1654. Wulwaſen, Schindanger ſ. Wul. In älterer und neuerer Zeit ſtößt nicht ſelten die Schreibung Wassum auf. Wasenmeister, die hieſigen Landes (außer Filler) regelmäßige und amt⸗ liche Bezeichnung des Abdeckers, Schinders. Es findet ſich dieſelbe bereits im Anfange des 16. Jarhunderts. watchen, unſicher gehen, ſich mit ſichtlicher Anſtrengung fortbewegen, auch wankeln, taumeln. Oberheſſen. Eſtor S. 1422. Watschar fem., kommt in Urkunden aus der Obergrafſchaft Hanau, aus dem Iſenburgiſchen und der Umgegend in dem Sinne eines Vergehens, und nur in dieſem Sinne, vor; nicht in der ſonſt nicht ungewöhnlichen Bedeutung einer Parcelle von einem größern, nunmehr verteilten Grundſtück, und des von dieſen Parcellen zu entrichtenden Zinſes, wie das Wort bei Haltaus Sp. 2044, Scherz⸗Oberlin Sp. 1953, Schmeller 4, 194 erſcheint. Es alliteriert ſtets mit dem Worte Wunden, und kann, wie Oberlin Sp. 1953 auch richtig anmerkt, nichts anderes bedeuten als Kleiderzerreißung. „vnd soln rügen tzu den dryn gerichten drü stücke, wonden vnd watschur, heilallgeschrey vnd diepstall“. Weisthum von Lichenrode v. J. 1388 Grimm Weisthümer 3, 401. „was busse gevallen sollen von wunden vnd watscher“ Ulmbacher Weistum von 1415 Grimm Weisth. 3, 397. „verbüzen vmb wunden vnd watschar“ Weistum von Schlüchtern aus der 2. Hälfte des 15. Ih. in der Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 280. „so sich lute in eins wirtes huss zu Sluchtern rueften oder slugen ader sich vbel handelten mit worten, an wunden vnd watsthar vnd messer rueffen Ebdſ. ebdſ. S. 283. „vmb wonden ader vmb walschar“ Gudenus Cod. dipl. 5, 1003. Letztern Beleg hat auch Scherz⸗Oberlin Sp. 1954. Watsche fem., in den meiſten Gegenden Heſſens der gebräuchlichſte, in mehreren die einzige Bezeichnung der Maulſchelle, Ohrfeige. Vgl. Husche, Flanz, Ohrdachtel. Watz msc., männliches zahmes Schwein, Eber. Das Wort herſcht durch ganz Mittelheſſen (Fulda, Werragegend, obere Fuldagegend, Ziegenhain, 4/7 Oberheſſen), ſodann im ganzen Hanauiſchen, wogegen an der untern Schwalm und Eder ſo wie von da weiter nach der Diemel und überhaupt im weſtfäliſchen 413 Webel — Wegsetzer. Heſſen der Eber Ber heißt (ſ. d.), an der Weſer aber, im eigentlich ſächſiſchen Heſſen, Kämpe genannt wird (ſ. d.); Eber iſt nirgends volksüblich. Eſtor S. 1422: Watz, der ſchweinenbeſteiger. Schmidt Weſterw. Id. S. 323. Schmeller 4, 204, deſſen Ableitung des Wortes ohne Zweifel die richtige iſt. Grimm bringt Geſch der d. Spr. 1, 36 dieſes Wort in Zuſammenhang mit dem nordiſchen Worte Baſſe, welches den Wildeber bezeichnet, und ſich allerdings nach Deutſchland verpflanzt haben maß, da die v. Baſſewitz einen Eber im Wappen führen. Sonſt aber klingt Watz weit eher ſlaviſch; es iſt jedoch ſicherlich deutſch, von huaz, ſcharf, ſ. Schmeller. Vgl. Waz. 7 41½ Wehel msc., die ſchwerlich noch jetzt volksübliche, weil ſchon im An⸗ fange dieſes Jarhunderts zwar noch bekannte aber für gänzlich veraltet geltende Benennung desjenigen Theiles des Gewebes, welchen wir jetzt Einſchlag nennen. „Wolnweber gewichte ist ein halb phunt warifs, sal ein margkt punt wigen unde nit me, unde eyu phunt webils 2 margkt pumt“ Emmerich Frankenberger Ge⸗ wonheiten bei Schmincke Monim. hass. 2, 705. Althochd. weval. Schmeller 4, 35. Vgl. Warf. Wechsel mse, Tauſch. In dieſem Sinne kommt das Wort Wechſel in den heſſiſchen Urkunden bis gegen das Ende des 14. Jarhunderts vor; von da an verſchwindet es, und es tritt das niederdeutſche butung an ſeine Stelle (ſ. beuten). „Ich Arnold beseleyth vud fye sin eliche husfroue bekennen an diseme keinwertigen brybe daz wir mit guden willin vnd mit samindin handiu eynin rehtin wessil getan han“. Ungedr. Urk. vom J. 1341 im Deutſchordens⸗ archiv zu Marburg; und ſo öfter. Wede fem., Waede, We (zuweilen auch, doch ſelten, weden msc.), Haufe, Menge. Im ganzen Fuldaiſchen Land, zumal im Kreiße Hünfeld, bis nach Friedewald und Hersfeld, ſo wie an der obern Werra (Vacha, Heringen) äußerſt üblich, im übrigen Heſſen unbekannt. Heuwede, Schneewede, Heu⸗ haufen, Schneehaufen. „eine Weet Leute“; auch metaphoriſch: „eine Weet Geld“, „eine Weet Schulden“, doch iſt die Metapher nicht allgemein im Gebrauche. Es iſt nicht unmöglich, daß dieſes wede ein von dem Verbum wehen (goth. vdian, ahd. wäjan, wähan, mhd. waejen) abgeleitetes Subſtantivum wäre. Weg. Dieſes ſonſt dem gemeinhochdeutſchen Gebrauche ſich in der heſſiſchen Volksſprache völlig anſchließende Wort hat in zwei einander parallelen Redensarten, welche in ganz Heſſen üblich ſind, femininiſches Genus: auf der Wege ſein, im eigentlichen und figürlichen Sinne, beſonders im letztern, im Begriffe ſein etwas zu thun; „auf der Wege“, unterwegs; und: aus der Wege gehen, ausweichen. „Vff der wege hab ſie mit ihm wegen Henſels Annen dochter geredt“ Marburger Protokoll von 1596. Wegetrehe fem., oberheſſiſcher Name des Wegerichs, plantago. Wegscheiszer msc., Geſchwür am Rande des Augenlids, ſonſt auch Wern, Wer, Werner genannt. Dieſes Geſchwür gilt als Strafe dafür, daß man ſeine Notdurft am Wege verrichtet habe. Oeſtliches Heſſen und Schmal⸗ kalden! Vſe 7 ſ Wegsetzer msc., daſſelbe, was ſonſt Steinſetzer iſt: Pflaſterer. Das Wort kommt in den niederheſſiſchen wie oberheſſiſchen Rechnungen im 16. und 17. Jarhundert, bis in den Anfang des 18., äußerſt häuſig vor, und wurde im gemeinen Leben noch in der neueſten Zeit gebraucht. 414 Weich — Weimbro. Weich msc., auch Waich, Waig, die ſchmutzige, zum Reinigen beſtimmte und in der Reinigung (Waſche) befindliche Wäſche; das zu waſchende Linnenzeug. Fulda und Schmalkalden; anderwärts unerhört. weiden (meiſt wsden, zuweilen auch widen geſprochen), Unkraut aus⸗ jäten. Nur im weſtfäliſchen Heſſen gebräuchlich. Altſächſiſch weodian Hlel. 78, 13. Bei Schottel Haubtſpr. S. 1441 und Brem. WB. 5, 216: weden, ausweden. Vgl. Widerich (Weiderich). Weier msc., vivarium, Fiſchteich. Dieſes Wort iſt nur im Fuldaiſchen üblich, wo durch daſſelbe das deutſche Wort Teich faſt ganz verdrängt worden iſt. Ehedem muß es auch im öſtlichen Heſſen üblich geweſen ſein, da ſich an mehreren Orten (z. B. Solz) noch Feldplätze finden, welche im Weier, am W., genannt werden, und Wieſen, welche aus ausgetrockneten Teichen entſtanden ſind, und Weierwieſen heißen. Im übrigen Heſſen ſcheint das Wort nicht im Gebrauche geweſen zu ſein, und iſt im weſtlichen Heſſen unverſtändlich, wiewol es auch hier an künſtlich angelegten Fiſchteichen nicht fehlte: bei Beſſa, bei Michelsberg, bei Leimsfeld, bei Germershauſen und anderwärts. Weife fem., das im öſtlichen Heſſen und im Schwarzenfelſiſchen aus⸗ ſchließlich gebrauchte Wort für Haspel, Garnhaspel; dieß letztere, in Oberheſſen wie in der Schriftſprache übliche Wort iſt im öſtlichen Heſſen völlig unbekannt. Schottel Haubtſpr. S. 1441. weifen, haspeln. Weifstecken msc. Das Wort iſt mir bis dahin, gleich Speile und Speilstecken, nur in den Baurechnungen der Univerſitätsvogtei Singlis aus dem 16. Jarhundert begegnet, und zwar als eine Synonyme von Speilſtecken, namentlich auch in der Beziehung, daß das Wort gleich Speile, Speilſtecken die⸗ jenigen Stecken (Breter) bezeichnet, welche in die Böden (Decken) eingelaßen werden. 1 fl 14 alb vor 2 eichen beume geben, ſollen weiffſtecken zu zweyen bodden darauß gemacht werden“. Singl. V. R. 1570. „12 alb kleinhen vnd Lentze braun geben haben ein ieder drei tage weiffſtecken gehawen vnd ein newen boden vber den ſtall geſchlagen“. Ebdſ. ebdſ. „Jacob kreintz hat 3 tage vff dem langen bauwe Weiff ſtecken eingehauwen“. Ebdſ. 1577. „4 f 22 alb Curtt harſten geben zue Verne hat 18 tage am boden gegrubelt, wieff Stecken ingehauwen“. Ebdſ. 1588. Und ſo öfter. Daß Weifſtecken den Speilſtecken ſynonym ſeien, geht beſonders daraus hervor, daß unmittelbar auf die ſo eben aus der Rechnung von 1588 ausgehobene Stelle diejenige folgt, welche zu Speile ausgehoben worden und worin Speilſtecken als eingehauen vorkommen. Aus dieſer Stelle geht aber auch hervor, daß, da wiefſtecken geſchrieben iſt, Wifstecken und nicht etwa Waifstecken zu verſtehen ſind; alſo wol Stecken, um welche der Strohlehm gewickelt (gewift) wird. Vgl. Schmeller 4,35 f. Brem. WB. 5,269. Weimhrô fem., ſtatt Wintpru, jetzt Wimper. „Vnd ſchorn mit dem⸗ ſelbigen Chriſtallen die Weimbron an den augen ab“. Hans Staden Reiſe⸗ beſchreibung (Weltbuch 1567 kol. 2, 36a). Noch jetzt iſt dieſe Form, namentlich in den niederdeutſchen Bezirken, üblich, aber auch ſonſt in Niederheſſen gebräuchlich: Wembro, Wembaer; auch meine ich, im Anfange des Jarhunderts Wendbaer gehört zu haben. Brem. WB. 5, 261: Wienbraan, Wiembraan. Es werden übrigens mit dieſem Worte nicht nur die Wimpern, ſondern auch die Augen⸗ brauen gemeint. (Das Wort brawa, brà, welches in unſerm Worte ſich noch ſo beſtimt hörbar macht, bedeutet Hervorragung, Erhöhung). 5 Weisen — Weck. 445 weisen, das in ganz Heſſen ausſchließlich übliche Wort für das gemein⸗ hochdeutſche zeigen, welches Wort nirgends volksüblich iſt, wenn es gleich aus dem Munde der „Gebildeten“ vom Volke verſtanden wird; „weiß, was haſt du vor Strümpff an?“ Eſchweger Hexenproceſſacten von 1657. beweisen wird in mehreren Theilen Heſſens (in der Knüllgegend, im Schwarzenfelſiſchen und ſonſt) in einem eigentümlichen Sinne gebraucht: „ich wills mit ihm ſelbſt beweiſen“ = ich will ihn ſchwören laßen, ihm den Eid zuſchieben; „ich wills mit mir ſelbſt beweiſen“ = ich will ſchwören, den deferierten Eid annehmen; ich erbiete mich zum Eidſchwur. Weiszpfennig, die mehrere Jarhunderte lang ausſchließlich gebräuch⸗ liche, mit dem I. April 1835 gänzlich verſchwundene kleine Baar⸗ und Rechenmünzo Heſſens. Der niederheſſiſche Weißpfennig, in großer Menge in Silber zuletzt unter Landgraf Friedrich II. geſchlagen, betrug 12 Heller oder vier Dreier, drei Kreuzer, zwei Sechſer ſchwer Geld und 32 Weißpfennige (Albus) gehörten zu einem Thaler (von 24 guten Groſchen), 26 zu einem Kammergulden. Der oberheſſiſche Weißpfennig, (Albus), welcher jedoch ſchon im Anfange dieſes Jar⸗ hunderts nur noch eine Rechenmünze war, und zuletzt, um 1820, bloß noch als Bieteform, unter welche nicht herabgegangen werden durfte, auf den Auctionen vorkam, hatte nur den Wert von zwei Kreuzern leichten Geldes. Der nieder⸗ heſſiſche Bürger und Bauer rechnete im Kleinverkehr nur nach Weißpfennigen, und reducierte alle Groſchenrechnungen auf Weißpfennige, beſtimte auch Ein⸗ kommen und Reichtum nach Weißpfennigen. Sehr üblich war es, zu ſagen: „der N. N. kriegt ganze Metzen voll Weitzpfennige auf einmal“, wenn ein reich⸗ liches Einkommen beſchrieben werden ſollte. In einem Marburger Hexenproceſſ von 1658 kommt ein im Keller ſtehendes Bäumchen vor, welches die angebliche Hexe, ſo oft ſie gewollt, geſchüttelt, worauf dann Weißpfennige herab gefallen ſeien. Ein andermal (1655) iſt der einzige teufliſche Lohn, zu welchem ſich eine Hexe bekennt, ein Weißpfennig. „Den Thaler auf dreizehn Weißpfennige bringen“ (d. h. auf einen halben Kammergulden) war eine äußerſt geläufige Redensart, um auszudrücken: ſich in nachteilige Unternehmungen einlaßen, ſich ſelbſt den äußerſten Schaden thun. In Oberheſſen hieß der unter Landgraf Friedrich II. geprägte doppelte Weißpfennig (das Zweialbusſtück), Mise kem., weil ſo viel der einfache Einſatz (franzöſ. mise) in das unter der Regierung des gedachten FFürſten beſtehende Lotto betrug. Dieſe Benennung erhielt ſich, trotz dem daß das Lotto bereits 1786 aufgehoben worden war, bis zum Untergange der Weißpfennige, wird aber jetzt, mehr als dreißig Jahre nach der, übrigens keinesweges vorteilhaften, Weg⸗ ſchaffung dieſer Münze faſt von niemanden mehr gekannt. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 100 — 101. weiteln, ſich hin und her bewegen; sich weiteln, ſich ſchaukeln. Im Haungrund üblich, anderwärts unbekannt. Weck msc., bedeutet nirgends in Heſſen den eigentlichen Keil, ſondern nur das ehedem (doppelt) keilförmige Gebäck; Strietzel und Semmel ſind hier zu Lande gänzlich unbekannt, ſo daß die Dienſtboten ſolcher Herſchaften, welche aus Gegenden wo Semmel herſcht, hierher kommen, wenn ſie ausgeſchickt werden „Semmeln“ zu holen, in der Regel Zimmet mitbringen. In Oberheſſen heißt auch die keilförmig geformte Maſſe Butter, wie ſie zum Verkauf gebildet wird, Weck, Butterweck, während dieſes letztere Wort in Niederheſſen nur ein, jetzt ſelten gewordenes Gebäck (Weckteig mit Butter 446 Welk — Welger. beſtrichen und gebacken) bezeichnet; übrigens auch gewöhnlichen Weck mit Butter geſchmiert (wie Butterbrod). In letzterm Sinne ſcheint Butterweck auch von dem Oberheſſen Eiſermann (Ferrarius) gebraucht zu ſein: „bittet den armen man vmb ein dienſt, vmb ein keiſſe, botterweck, hüner, genſſe, vnd dero gleichen“. Von dem gemeinen nutz 1533. 4. Bl. 38a. Welf neutr., junger, namentlich neugeborener Hund, ahd. huelf. Das Wort war in den erſten 20 Jahren dieſes Jarhunderts im Kreiße der Forſtleute und Jäger noch in voller Uebung, wurde jedoch nicht mehr verſtanden, indem man ſich ſogar in eben dieſen Kreißen wunderte, wie es doch kommen möge, daß man die jungen Hunde Wölfe nenne; und in der That habe ich für meine Perſon den richtigen Plural Welfer meines Erinnerns niemals gehört, obgleich derſelbe doch nicht ganz außer Gebrauch gekommen ſein ſoll, wenigſtens nicht in Oberheſſen, wo man noch jetzt die jungen Hunde häufig Welfercher nennen hört. Wißbegierige Knaben, welche nach der Bedeutung dieſer Bezeichnung der jungen Hunde fragten, pflegten auch wol damit abgefertigt zu werden, die Hunde kämen als Wölfe zur Welt und würden erſt mit dem Oeffnen der Augen zu Hunden. „zu wißen, das wir gegenwertigen vnſern Jegerknecht abgefertigt vnd jme beuolen haben das er hin vnd wider vnſern waſenmeiſtern Etzliche junge welfer lifern vnd zuſtellen ſoll. Iſt derhalben an Euch vnſere Amptknechte — vnſer beuelch, das Ir — auch Ime ſo vil vnſerer vnderthanen zuordnet, als er deren bedarff, die ime ſolche junge Welfer von Ampten zu Ampten tragen. Ir ſollet auch die waſenmeiſter für Euch befordern vnd jnen von vnſert wegen Ernſtlich vferlegen, das ſie ſolche Junge Welfer von vnſerm Jegerknecht annehmen vnd wol vferziehen — — vnſern Vnderthanen eines jedeu Orts — Ernſtlich beuelhen das ſie ſolche vnſere hunde vf der gaßen nicht ſchlagen“. Befehl L. Philipps, Marburg 18. Merz 1566. ſpelſin fem., junge Hündin. welfen, von der Hündin: Junge werfen. Im Jahr 1578 zeigt Landgraf Georg von Darmſtadt ſeinem Bruder Wilhelm den Empfang der überſchickten „dreyen Jagthunde und zweyer jungen Welffen“ an, und verſpricht, „wan die kleine Welffin welffen wird, alsdan der Hundlin eins“ abzulaßen. (Vom Original). wélgern, 1) wälzen. „Der Stein war ſo ſchwer, daß ihn kaum zwei Mann welgern konnten“; die Knaben „welgern den Schnee“; „ſich im Gras herum welgern“; beſonders heißt das Kindervergnügen, ſich eylindermäßig einen ſteilen Abhang herunter zu wälzen, ſich welgern; den leichten Boden welgert man nach der Einſaat mittels der Ackerwelger (Bodenwelger, Landwelger), um ihm die Feſtigkeit zu gewähren, welche zum Keimen der Fruchtkörner er⸗ forderlich iſt. Ausdruck iſt welgernz mangen iſt dort unbekannt, wie umgekehrt welgern in dieſem Sinne in Oberheſſen unbekannt iſt. Welger, 1) ſem. eine zuſammengewälzte, zuſammen gewickelte Menge Heu, Grummet, Werg. Wenn das Heu (Grummet) aufgeladen werden ſoll, wird es von der Breite nicht erſt wieder in Haufen geſetzt, ſondern in Welgern zuſammengerecht. Das Werg, wie es zuſammengewickelt zum Abſpinnen zuge⸗ richtet iſt, wird gleichfalls Welger (im Fuldaiſchen Wälter msc.) oder lieber Wickel genannt. Acerwelger, der ſchwere Cylinder, mit welchem der leichte Saatboden überfahren wird. 447 Genelig — Wemher. 2) msc. a) was Welger kem., iſt Walker msc. im Fuldaiſchen vom Werg; ſ. vorher. b) der Cylinder nebſt Schlagbret, welcher zum Mangen der Wäſche dient; im Schmalkaldiſchen. Im übrigen Heſſen, wo welgern gebräuchlich iſt, ſagt ſagt man lieber das Welgerholz. Schottel Haubtſprache S. 1442: „welgen, den Boden überwelgen. Welgerholtz, eylindrus“. Adelung hat das Wort unter „walgen“. gewelig, heiter, munter, umgänglich. Dieſes niederdeutſche Wort (welig, üppig, wollüſtig, mutwillig, ausgelaßen, Richey S. 236, Brem. WB. 5, 223), welches durch Voß in der fehlerhaften Form wählig auch in die Schriftſprache übergegangen iſt, findet ſich in Altheſſen nicht, und ſoll ſelbſt in den niederdeutſchen Bezirken nicht vorkommen. Um ſo auffallender iſt es, daß daſſelbe im Kreiße Hünfeld wieder erſcheint, wo es in der angegebenen Bedeutung, welche gegen die urſprüngliche nur um etwas geſchwächt worden, ganz üblich iſt. S. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. LK. 4, i0l. wellen wird in Heſſen mitunter in dem Sinne verwendet, in welchem bei Adelung 4, 1478 wellern verzeichnet iſt: die Schalhölzer, Stickſtecken, mit Strohlehm umwickeln; gewöhnlich aber bedeutet wellen den Kuchenteig mittels eines Cylinders, welcher ſich um ſich ſelbſt drehet, des Wellholzes, platt walzen: Kuchen uellen. „Haben ſie ihn nackent außgezogen, vber eine banck geleget, vnd mit einem wellholz ſo armßdick geweſen ganz lam geſchlagen“. Bittſchrift der Gemeinden Kirchbracht und Mauswinkel von 1626. In älterer Zeit kommt wellen auch für wallen, im Zuſtande der Flüßig⸗ keit, des Siedens, des Geſchmolzenſeins ſich befinden, vor. So z. B. in den Statala Eschenwegensia S. 5: denjenigen, welche auf das Schreien einer genot⸗ züchtigten Frauensperſon nicht gehört hatten, und des überwieſen wurden, ſollte man wellende biy (geſchmolzenes Blei) in die Ohren gießen. welschen, in unverſtändlicher Sprache (eigentlich: in welſcher, fran⸗ zöſiſcher, italieniſcher, keltiſcher) reden, undeutlich und unverſtändlich ſprechen. lleberall gebräuchlich. Gewelche peulr., unverſtändliches Schwatzen. Allgemein üblich, wenn gleich nicht in häufigem Gebrauch. Vgl. Schmeller 4, 70. Wember kem., ein nur in Niederheſſen, jetzt jedoch nur noch äußerſt ſelten vorkommende Bezeichnung einer gleichfalls Außerſt ſelten noch vorkommenden baulichen Einrichtung; richtiger (wie auch mitunter geſprochen wird) Wimber, und dieß aus winiwer Schmeller 4, 110, wie dieſe Vorrichtung in Süddeutſch⸗ land heißt, oder, weniger warſcheinlich, aus dem alten wintberga (pinna) ent⸗ ſtanden. An die Giebelſeite der Häuſer, meiſt nur an der Wetterſeite (Weſtſeite) werden längs des Randes des Dachgibels ſchmale Dielen, Breter, oder Stangen befeſtigt, welche über die Gibelſpitze hinausragen, ſich dort kreuzen und in ihren Enden Pferdeköpfe darſtellen. Dieſe Vorrichtung dient dazu, die Windſtöße von dem Dache, namentlich dem Strohdache, für welches dieſelbe faſt unentbehrlich iſt, abzuhalten, woher denn auch die Namen Windwehr und Windberge entſtanden ſind. „Vor 2 Reidel zu wembern geſchnieden Ider 8 alb. dem furſter zu Almßhaußen geben“. „Dem Dihln Schneider zu Naßenerfurt von den 2 wembern zu ſchneiden geben 15 albs.“ „Hanß Lößekam von Dilche geben von den wembern zu richten vnd vf zu hencken 8 alb.“ Singliſer Vogteirechnung von 448 Wemerichen — Wandstein. 1599. Die vorhin erwähnten Pferdeköpfe haben mythologiſche Bedeutung Grimm Myth. (2) 626. 600. In Oberheſſen, wo dieſe Vorrichtung, gleich den Strohdächern, noch ziemlich häufig vorkommt, führt ſie den Namen Windſcheide, w. ſ. wemerichen, Frequentativ von wimmern. „Denn ſie hab geſehen, daß er die hende gefalten vnd elendiglich gewemericht“. Marburger Hexenproceſſ⸗ acten von 1579. Wenden. Daß Wenden in Heſſen ſeßhaft geweſen ſind, läßt ſich nach den urkundlich vorhandenen Bezeichnungen von Gegenden und Orten kaum in Abrede ſtellen. Die von Holzheim wurden noch im Jahr 1496 mit dem ehedem von Schlutwinsdorfiſchen Gute zu Bergkerſſen (Bergkirſa, zwiſchen Meckels⸗ dorf und Hetzerode, jetzt Bergſode genannt) „in der wyndiſchen Margk“ belehnt. Bei Melſungen findet ſich, nach Rörenfurt hin, der Wendsberg, auf welchem bis zum Ende des 14. Jarhunderts das Dorf Wendinsdorf lag; unterhalb des Wendsbergs befand ſich die Wendisowe. Bei Pfiefe liegt die Wüſtung Gosenwinden (Kuchenbecker Analecta hass. 9, 150), und es iſt ſehr möglich, daß dieſer Name, ſo wie die ähnlichen Namen Eizicheswinden (Kuchen- becker Anal. hass. 9, 153), Hauptſchwende, welcher vielleicht identiſch mit Eizicheswinden iſt, und Windiberc (1182, bei Hersfeld, jetzt Wehneberg) auf wendiſchen Urſprung hinweiſen. Vgl. Landau Wüſtungen S. 74. 77. 87. Schmeller 4, 111—112. Möglich, daß hierher auch der Name Siegwinden gehört (Hof auf der Höhe über Hermansſpiegel an der Hauna); doch iſt es warſcheinlicher, daß der⸗ ſelbe eigentlich Sigiminne (wie Viermünden Viexminni) gelautet hätte, und auf die älteſte heidniſche Mythologie zurück wieſe. 7fi 11ei 7711, 1ierltaut wenden, grenzen. Jenes Wort iſt im weſtlichen Heſſen allgemein üblich, in Oberheſſen ausſchließlich; das ſlaviſche Wort grenzen iſt in ganz Heſſen theils unüblich, theils ſogar völlig unverſtändlich, aber im öſtlichen Heſſen iſt wenden zwar noch nicht, wie in der Schriftſprache, völlig ausgeſtorben, doch dem Ausſterben nahe; man braucht dort mehr ſtoßen (anſtoßen) als wenden. „Der Acker wendet mit der Spitze auf Johannes Feusner“. Amtl. Bekannt⸗ machung von Stauſebach 1834, und ſo unzälige Male in den amtlichen Sub⸗ haſtationsanzeigen. „Dort, wo das Korn wendet“, d. h. ein Ende nimmt, wo die Grenze des Kornſtückes iſt. „Seys acker landes an eyme stüche gelegen vor dem Bunsberge stossen vnd wenden yff ackern Hansen Lormanns“. Altenbaunger Reversbrief von 1518 bei Lennep Leihe zu LSR. C. prob. S. 649. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4,101—102. Pfeiffer Germania 5, 208 f. 217 f. Wanne fem., im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen die Grenze zwiſchen zwei Grundſtücken.“ Gewann kem., ſelten neutr., eigentlich: die Grenze der Gemarkung, dann: die Gemarkung ſelbſt. Das Wort dient jetzt als Eigenname zu einer äußerſt häufig vorkommenden Flurbezeichnung, wenn ſich gleich ſehr oft nicht nach⸗ weiſen läßt, ja es unbegreiflich erſcheint, wie die jetzt mit dieſem Namen bezeichnete Flurgegend in irgend einer Weiſe habe die Grenze abgeben oder die ganze Ge⸗ markung ausmachen können. S. das Wort im Eliſabethleben Graff Diutista 1, 401. 404. 428. 457. Schmeller 4, 102 f. Vgl. Grimm WB. 1, 514. Wandstein msc., ehedem neben Lochstein (ſ. d.) die Bezeichnung des Grenzſteins. Kommt z. B. in den Sportelordnungen vom 20. Juli 1653 4⁴9 Thorgewende — werben. (VO. 2, 238) und 16. Mai 1656 (LO. 2, 314. 317) vor: „von Wandſtein zu ſetzen 2 alb.“ Jetzt faſt nur noch als Nom. propr. übrig. „am hohen Wand⸗ ſtein“ (Burguffeln). Anwand, Anwender ſ. im A. Thorgewende, Thürgewende, Thorflügel, Thürflügel. Das Wort kommt in den Rechnungen des 16. Jarhunderts häufig vor, z. B. „22¼ alb. von dreyen thorgewenden zu machen, in koſt vnd lohn verdingt, Ein thorgewende vor die ſcheuer, das andere vor den kueſtall, vnd das dritte vor den kelberſtall“. Rauſchenberger Schloßrechnung von 1562. „1 fl. 1 alb. 6 hlr. hans hecken dem Zimmerman mit ſeinem knecht, haben in 5 tagen eine neue trapfe vnd 2 newe turgewende gemacht. Singliſer Vogteirechnung von 1578. wenderlich, unruhig, ſich oft umwendend. Ein bezeichnendes Wort für das Verhalten kranker Perſonen, von welchen es im Schmalkaldiſchen geſagt wird. wendig, andern Sinnes; ſehr üblich, am meiſten in Oberheſſen. „Es were denn, das der cleger oder appellant alsdann wendig würde, vnd ein andere elag thun wölt“. Landg. Philipps Reformation, geſetze vnd ordnung v. 18. Juli 1527. Marburg 1528. 4. Bl. Ba. Bauernreim im Amt Fronhauſen: Mei schatz der is mer wennig worn im Argensteiner feld; eich wolt dasz ihn der Schinger heu un ich ein Beu'l voll geld. Die Schriftſprache (die nur noch „abwendig“ gebraucht) hat ſich dieſes Wort ſehr zu ihrem Nachteil entgehen laßen. Wenzel mse., im Kartenſpiel, Soloſpiel, der ſogenannte „beſte Mann“. Uebliche Bezeichnung in der Rhön, wie auch weiterhin an der obern Werra, in Henneberg und Thüringen. Gewepel neutr., ein in Oberheſſen ſehr geläuſiger Ausdruck, mit welchem man eine ungewöhnliche Menge Kleidungsſtücke bezeichnet, die Jemand auf dem Leibe trägt, entweder aus Pralerei, oder um ſich gegen nachteilige Ein⸗ flüße der Witterung (Näße, Froſt) zu ſchützen: „der hat ein Gewepel um ſich herum“. Möglich, daß es von Wäpen abgeleitet iſt (ſ. d.), welches noch immer da und dort die Schutzbekleidung bedeutet. Eſtor t. Rechtsgl. 3, 1409: „Ge⸗ wäpel, allerhand kleidung tragen derſelben auf einmal viele“. Werbe lem., Umdrehung. Es wurde dieſes Wort in älteren Zeiten in Heſſen wie anderwärts in dem Sinne gebraucht, wie das gemeinhochdeutſche Mal, und in Heſſen das Wort Ritt (ſ. d.) noch jetzt verwendet wird. Oefter erſcheint es in Wigand Gerſtenbergers Chronik, z. B. Schminke Monim. 2, 497: zweyhundert werbe zwey hundert tusent gulden (= 40 Millionen): 2, 505: anderwerbe zum zweitenmal. Dieſe letztere Formel ſcheint ſich am längſten, jedenfalls bis in die Mitte des vorigen Jarhunderts, erhalten zu haben und iſt vielleicht noch jetzt hier und da im Gebrauche. werben an jemanden, an jemanden etwas beſtellen; ehedem hier wie anderwärts üblich, und erſt im vorigen Jarhundert außer Gebrauch gekommen. „ſie hetten ihren Abgeſandten drei Menner nachgeſchickt, vnd ihnen ſagen laſſen, ſie ſolten die Gemeine nicht in ſchaden führen; die Menner ſagten, ſie hettens an ſie geworben“. Treisbacher Verhörprotokoll von 1609, und ſonſt öfter. Bilmar, Jsistiken. 29 450 Werd — Weslerhaube. Werd neutr. (urſprünglich wert, Masculinum), meiſt Werr und noch öfter Wehr geſprochen, grün bewachſener Flußrand, Raſenſtrecke am Fluße (ur⸗ ſprünglich Flußinſel). Die niederdeutſche Form Werder iſt ſelbſt im ſächſiſchen Heſſen, wo das Dorf Gieſelwerder darnach genannt iſt, nicht üblich. Da⸗ gegen findet ſich bei vielen, wol bei den meiſten an Flüßen gelegenen Städten in Heſſen ein Werd (Werr, Wehr), welches als Bleichplatz dient; ſo bei Kaſſel, bei Hersfeld, bei Eſchwege, bei Frankenberg. „das werr uff dem weydlande“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schmincke Monim. hass. 2, 693. „Catter thöle wehre heut vff dem wertgen (bei der Auflegung des Bleichtuches) aller dattelecht gangen“. Eſchweger Hegenproceſſacten von 1657. Ortsnamen, welche mit werd (wert) zuſammengeſetzt ſind, finden ſich in Heſſen außer Gieſel⸗ werder, welcher Name ſich jedoch früher Gysilwert geſchrieben findet, Ermeswert, jetzt Ermſchwerd an der Werra, und Buochenenwert, jetzt Büchenwerra, an der Fulda. Hierher gehört auch das Esselswerd an der Lahn bei Werda, Grimm Myth. (2) 1218, deſſen Ausſprache im Volksmunde: Iischwerd übrigens noch eine andere Deutung zuläßt, als auf den Rieſen Essel. Werl neutr., 1) wird ſehr gewöhnlich gebraucht für Grundbeſitz, bäuer⸗ liches Beſitztum, Haus und Hof, Aecker und Wieſen nebſt dem Viehſtand. „Er hat ein großes Werk“. Bei projectierten Verheiratungen pflegt ſich die Umworbene, oder auch die bereits Verlobte, mit ihren Eltern und allenfalls auch ſonſtigen Verwandten an den Wohnort des Heiratsluſtigen zu begeben, „um ſich das Werk anzuſehen“. „Sust ander vroevil ob ymants in sinen vier wenden, ader uff dem synen worth ader wergke geschen sunder toidslag“. Emmerich Frankenberger Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 722. 2) plar, Ungelegenheit, Weitläufigteit, Ausſlüchte: „mach mir keine Werke“. Sehr üblich. 3) plor., Menſtruation; „ſie hat ihre Werke“. Im öſtlichen Heſſen, wie weiter im Hennebergiſchen und in Thüringen, doch iſt dieſe Bezeichnung nicht allzu häufig. Wérkg (d. h. Werh, oft aber Waerk geſprochen) neuie., ziupa, der gröbere, bei dem Hecheln ausgeſchiedene Theil des Flachſes, wie auch ſonſt in Deutſchland: das Werg. In Heſſen herſcht übrigens Werc nur in den ſüdlichen Theilen von Niederheſſen, in Ziegenhain, Hersfeld und Fulda; ſchon an der untern Edder herſcht ſlede (ſ. d.) und Werg iſt kaum verſtändlich; in Ober⸗ heſſen auch Uschwick. wirhen adj, aus Werg verfertigt; „wirken Garn“, „wirten Tuch“, d. h. grobe Leinwand, „Sacktuch“. iv erm mee., auch Werner und wer genannt, bei Alberus wurn. Blutgeſchwür am Augenlid, ſogenanntes Gerſtenkorn. Hier wie anderwärts üblich: Schmidt weſterw. Id. S. 319. Schmeller 4, 156. Vgl. Wegscheiszer. †. W(/5. weslich, munter, aufgeweckt, körperlich und geiſtig lebhaft. Schwalm⸗ gegend. Schmidt Weſterw. Id. S. 322: wäslich (weslich), freundlich, zu⸗ vorkommend höflich, geſprächig. Westerhaube, Westerhemd. Dieſe alten Bezeichnungen des dem Täufling alsbald nach vollzogenem Taufact von dem taufenden Pfarrer aufgeſetzten Mützchens oder übergebreiteten Hemdes (Tuches) ſind zwar auch in Heſſen wie anderwärts in Deutſchland ohne Zweifel üblich geweſen, aber, da ſich dieſelben nicht einmal in den Taufritualen der heſſiſchen Kirchenordnungen finden, frühzeitig Wett — wichsen. 451 untergegangen, während ſie, in andere Kirchenordnungen aufgenommen, ſich da. wo dieſelben gelten, im allgemeinen Gebrauche ſehr lange, und zum Theil bis auf den heutigen Tag, erhalten haben. Ueblicher mag die Weſterhaube geweſen ſein, da die alte Mainzer Agende nur von einer ſolchen (coppa) weiß; indes waren in Heſſen und ſind noch die weißen, im vorigen Jarhundert äußerſt koſtbar geſtickten „Tauftücher“, mit welchen die Kinder nach der Taufe bedeckt zu werden pflegen, und die eben nichts anderes ſind, als Weſterhemden, allge⸗ mein üblich. Außerdem muß jedoch Weſterhaube in abergläubiſchem Sprachgebrauch als identiſch mit Glückshaube gegolten haben. Als Beleg für die Ferocität des 16. Jarhunderts möge die hierher gehörige Stelle hier verzeichnet werden. Im Jahr 1579 ſaß in Münden ein Raubmörder im Gefängnis, Ambroſius Füller, ein Schmiedegeſelle, welcher mit ſeinem Meiſter, den er Kunz nannte, in Heſſen eine Reihe gräulicher Thaten verübt hatte. Unter anderm bekannte er: dieſer ſein Meiſter Kunz habe bei Neukirchen in Heſſen einer Frau „das Herz ab⸗ geſtochen“, darauf „die frauwen vffgeſchnitten, vnd eyne weſterhauben von ir genommen“, hierbei auch zu ſeinem Geſellen Ambroſius geſagt, „das er darüber drei Meſſen wolte halten laſſen, alsdann wolte er ſie zum ſpielen gebrauchen“. wett, in der Redensart wett machen, ausgleichen, vergelten, ſehr üblich. Im Fuldaiſchen ſpricht man wetch machen, welche Form richtiger iſt (mhd. weltec) als wett, eine unorganiſche Adjectivbildung aus dem Subſtantivum Wette. Wette kem., bedeutet eigentlich Pfand, Unterpfand (goth. vadi). und in dieſem Sinne wird es in einer Redensart verwendet, welche wol noch jetzt volksüblich iſt, wenigſtens im Anfange dieſes Jarhunderts ſehr häufig gehört wurde: „ich will es zur Wette ſetzen“, für: ich will darauf wetten. wetterlüenisch, launig, mismutig; „er guct, wie eine wetter⸗ lüenſche Katz“. Allgemein üblich. Wewe fem., am öfterſten in der Compoſition Schneewéwe, Windwcwe, zuſammengeweheter Haufe Schnee. Niederheſſen, Ziegenhain, auch in Oberheſſen nicht ungebraͤuchlich. Das Wort iſt ein Beiſpiel für den Wechſel der Spiranten unter ſich; das goth. vdian zeigt ſich ſchon ahd. neben wäjan auch als wahan, und hier tritt nun auch w neben j und h auf. Außerdem kann man etwa mit in Anſchlag bringen, daß väian der Reduplication zugehörte: väian, väivo. wibbeln, wiwweln, wie das gemeinhochdeutſche wimmeln, von der Bewegung zalreicher kleiner Thiere, namentlich der Käfer und ſonſtiger Inſekten, und der Würmer gebraucht. Am üblichſten iſt es in Verbindung mit kribbeln: es kriwwelt und wiwwelt von Würmern (Maden). S. kribbeln und krimmeln. Vgl. Schmidt Weſterw. Id. S. 331. Wibel msc., Käfer. Das Wort iſt jetzt außer den Compoſitionen Pferdswibel (gewöhnlich entſtellt in Pferdszwibbel), Miſtkäfer, und Kornwibel, ſchwarzer Kornwurm, welche jedoch meines Wißens nur in Oberheſſen vorkommen (Eſtor t. Rechtsgel. 1,576 (§. 1407]), nicht mehr üblich. Ehedem ſcheint Wibel jedoch auch hier, wie anderwärts, gebräuchlich geweſen zu ſein; G. Nigrinus braucht das Wort oft, ſehr häufig z. B. in ſeinem Vexamen 1582, und zwar ſtets für Miſtkäfer. wichisen, geſpr. wiekren, Schiäge geben, beſonders Kindern gegenüber gebräuchlich. Wickse, Schläge. 29 452 Gewicht — Wide. auſwichsen, aufwicksen, 1) putzen, ſchmücken, beſonders reflexiv ge⸗ bräuchlich: sich aufwichsen. 2) auftiſchen. Schmidt Weſterw. Id. S. 328. Gewicht neutr., die ältere, auch in Heſſen üblich geweſene, theilweiſe (am Knüll) noch immer übliche Form des neueren Wortes Gewelh, Hirſch⸗ geweih. So kommt es z B. vor bei Iſaak Gilhauſen Crammatica. Frank⸗ furt 1597. 8. S. 64: Ach hett ich jetzt in meiner gicht Gleich einem Hirſch ein ſtarck gewicht, Mit macht wolt ichs in dein Hertz ſtoſſn. S. 83: (zu Actaeon) Du haſt ein Hirſchkopff vnd Gewicht, Vnd gantz nicht ein Menſchlich geſicht. Der um dieſelbe Zeit lebende Pfarrer Hirzwig in Michelbach bei Marburg latiniſierte ſeinen Namen in Cervicornus. Schmeller 4, 19, welcher mit Recht die Wörter Geweih und Gewicht auf veihan, wigan, kämpfen, zurückführt. Wichtel msc. und neutr., gewöhnlich Wichtelmännchen, auch verderbt Wispelmännchen genannt (Wichtelfrau, Wichlelleute), Elben, Berg⸗ und Haus⸗ kobolde. Vgl. Grimm deutſche Mythologie (2) S. 409. 428, und über die durch ganz Heſſen verbreiteten Sagen von den Wichtelmännchen: Lynker Deutſche Sagen und Sitten in heſſiſchen Gauen 1854. S. 42-— 56. Eine andere Be⸗ nennung dieſer mythiſchen Weſen iſt in Heſſen nicht üblich, vgl. jedoch Elbe und Heinzelmännchen; nach Grimm Myth. S. 409 an der Diemel: gute Holden. Im übertragenen Sinne nennt man auch ein kleines, unruhig umher⸗ laufendes Kind Wichtelmännchen, Wispelmännchen, Wispelfrauchen; desgleichen iſt Wichtelmännchen oder lieber Wispelmännchen (auch Heinzelmännchen, wo dieſe Bezeichnung überhaupt üblich iſt) die Benenuung des Kinderſpielzeugs, welehes aus einem Stück Hollundermark mit eingeſetztem breitköpfigem Nagel beſteht. Ortsnamen, welche mit Wichtel zuſammengeſetzt ſind, gibt es in Heſſen viele; ſo gibt es mehrere Wichtelſteine (bei Rosbach A. Witzenhauſen, bei Süß und ſonſt), Wichtelhäuſer (z. B. zwei Klippen am Wollenberg, zwiſchen Warzenbach und Kernbach, am Chriſtenberg bei Ernſthauſen), Wichtellöcher, Wichtelkammern, ſogar eine Wichtelkirche. Wide, ſidde fem., zu einem Strang gedrehete Gerte (Wurzelſchoß, nicht leicht Baumzweig) von Buchen, Hainbuchen, Haſeln, Weiden, mit welcher Reiſigwellen, Getreidegarben u. dgl. zuſammengebunden werden. Auch nennt man wol die zum Garbenbinden gebrauchten Strohſeile Widden, doch ſagt man dann meiſt Strohwidden; dieſer Gebrauch findet ſich jedoch nur in Nieder⸗ heſſen, da in Oberheſſen das Strohſeil Lenſel heißt. Altes und überall gebräuchliches Wort, auch im heſſiſchen Dialect genau von witu (Witt und Wed geſprochen) und wide (oberheſſ. weide) salix, unter⸗ ſchieden. Wie man gemeinhochdeutſch das Wort ſchreibt und ſpricht: Wiede, wide, wird es bei uns nirgends und niemals geſprochen. Wide kem., auch wid, und in Niederheſſen wed geſprochen, iſt das alte witu, Holz, jetzt nur noch in einigen Compoſitionen übrig: Lancwit, die Hinterdeichſel; in ganz Heſſen ſo genannt. Pſlugwit, der Pflugbaum, ſonſt Grendel genannt, in den ſüdlichſten Dörſern von Oberheſſen. Wider. 453 Weder das eine noch das andere dieſer Wörter darf, trotz dem daß beide zu Femininen geworden ſind, mit ahd. wid, mhd. wide, fascia, zuſammengeſtellt oder ſogar darauf zurückgeführt werden; ohnehin komt einmal in Grimms Weis⸗ tümern 3, 667 (aus Troſtberg in Oberbaiern) das langwitt vor. Wenn Schmeller 4, 32 geltend macht, gegen witu Holz ſpreche das Genus und die ältere Schreibung mit d, ſo iſt dagegen der Umſtand entſcheidend, daß weder lancwit noch pflugwit Bänder, Stränge, vinculs, ſondern eben Bäume ſind. Der Dialect in Heſſen ſcheidet auch wid, wed ſehr beſtimt von widde, vinculum, fascia. Witiag (Wid-tag), Holztag, d. h. Wochentag, an welchem aus dem Walde (der gemeinen Mark) Holz zu holen erlaubt war. Im Hanauiſchen. Kopp Handb. 2, 230. Warſcheinlich gehört hierher auch die anſcheinende Tautologie: Wiedhols (? Witholz?) „ein kurhube sal geben des jares IX fuder wiet- holzes“ Schlüchterner Weistum aus der 2. Hälfte des 15. Jarh. in der Zeit⸗ ſchrift f. heſſ. Geſch. u. Landeskunde 4, 285. Widemarke, Holzmark; Recht, die Holzmark zu benutzen. Gottfried Graf von Ziegenhain und ſeine Gemalin Mathilde verſprechen 1300 am Sonnabend vor Quaſimodogeniti, daß den an das Kloſter Haina abgetretenen Colonen Sibodo und Heinrich Wetter zu Wambach in den Wäldern Langendorf und Werherberg quoddam jus quod Widemarke vulgariter muncupatur, juxta consuetudinem debitam et consuetam für alle Zeiten bleiben ſolle. Es kann dieß nichts anderes, als Beholzigungsgerechtigkeit, Holzrecht, in der Mark bedeuten, an ſich aber muß der Ausdruck die Mark ſelbſt bezeichnet haben. — Eben dahin gehört auch der Familienname Widemarker (Widemarkter), welcher den Theilnehmer an der Widemark, den Holzmärker, oder auch den Aufſeher über die Holzmark, den Holz⸗ förſter bezeichnet. wider, Präpoſ. mit Accuſativ und Dativ, in den meiſten Fällen ge bräuchlich, wo man im Gemeinhochdeutſchen an, zu, ſagt. 1) ſich wider einen Gegenſtand ſtoßen, wider einen Gegenſtand ſtoßen; „ſtoß nicht wider den Tiſch“; „ſtoß dich nicht wider die Ecke“. 2) etwas wider die Wand, Mauer u. dgl. ſtellen; hierher gehört der Schwarzenbörner Schwank: es ſoll derjenige Bürger Burgemeiſter in Schwarzen⸗ born werden, welcher bei dem Eintritt in das Ratszimmer den beſten Reim macht; einem derſelben wird von dem Stadtpoeten der geiſtreiche Reim eingeprägt: „ich heiße Hans Hildebrand und ſtell den Steckel (Stock) wider die Wand“, aber auch dieſen Reim zu behalten, iſt er unvermögend; er tritt ein und ſagt: „Ich heiße Hans Hildebrand, und ſtell den Steckel wider die Mur“. Mit dem Dativ wird wider in demſelben Sinne conſtruiert, wenn es in Verbindung mit ſtehen geſetzt wird: „der Rechen ſteht wider der Hecke“; „ich ſtund hart wider der Wand“. 3) etwas wider jemanden ſagen, eben ſo üblich wie „vor jemanden etwas ſagen“, während die Verwendung des zu in der Verbindung mit „ſagen“ gänzlich unüblich iſt. Schmeller 4, 33 verzeichnet dieſen, in alterer Zeit all⸗ gemein üblichen Sprachgebrauch als in Franken (nicht in dem übrigen Vaiern) vorhanden. Schmidt Weſterw. Id. S. 328. 4) etwas wider jemanden kaufen (jetzt: von jemanden kaufen) findet ſich in den älteſten heſſiſchen Urkunden, bis zur Mitte des 14. Jarhunderts, äußerſt häufig: mit der zweiten Hälfte des 14. Jarhunderts tritt um an die Stelle des „wider“. „einn acker den wir wider die swiber kauflen vnd daz land dag wir widder Johannen wypadeu kouften“; „ein land rif dem Sledeberge, 454 Verwidern-. Wimen. das wir widder Plecken kauflen“, Urkunde des Andreas Wetzel zu Wetter vom Jahr 1350 (Copialbuch des Kloſters Caldern). verwidern, älterer, in den Criminalacten des 16. und des angehenden 17. Jarhunderts öfter aus dem Munde des Volkes vorkommender Ausdruck: durch Vergehungen Strafe verſchulden: „was ſie (er) verwiddert, das gonne er ihr (jhm), vnd ferner nicht“ 1596. Widerich msc., auch wol Weiderich geſprochen, ein in den Gärten und hin und wieder auf den Aeckern gemeines und läſtiges Unkraut: polygonum persicaria. Altſächſiſch uueod (Hel. 77, 24), Unkraut. Vgl. weiden; doch wird der Name der Pflanze als von der Aehnlichkeit ihrer Blätter mit denen der Weide hergenommen verſtanden. Widerscheit neute., in der Obergrafſchaft Hanau die Bezeichnung des Vorderbalkens am Pfluge, des Gegenſtückes des Reiſcheits (Reibſcheits) ſ. d. In dem Widerſcheit befindet ſich ein Loch, in welches ein Riegel (Schöller ſ. d.) paſſt, und vermittels dieſes Schöllers wird die Vorrichtung zur Anbringung der Pflugdeichſel (Zetter ſ. d.), das Gezög, an das Widerſcheit befeſtigt. Wiesenkrätzer msc., im Fuldaiſchen der Name des Wachtelkönigs; ſonſt auch bei uns Wieſenſchnarcher, Wieſenſchnarre genannt. Wike, Wicke msc. und fem. 1) zuſammengelegte leinene Faden, Charpiebüſchel, die man in Wunden legt. Allgemein üblich. 2) Docht (ahd. wicco, cicindela); dieß nur im weſtlichen Heſſen, während im öſtlichen Heſſen nur Dächt gebräuchlich iſt. Schottel Haubtſpr. S. 1443 hat „Wiek f. ſo man in die wunden ſtekket, terunda“ und „Wikk m. floccus“. Schmidt Weſterw. Id. S. 325 hat beide Bedeutungen unter einer Form, wie auch bei uns üblich, und als Femininum, welches wol auch in Heſſen überwiegen ſoll, namentlich in dem Sinne von Docht. Schmeller 4, 21. wicken. 1) einen Gegenſtand raſch und kräftig hin und herziehen; z. B. einen Pfahl wicken, um ihn los zu machen und aus dem Boden zu ziehen; — auf der vorderen Rhön, im Haungrund. 2) zaubern — eine Bedeutung, welche möglicher Weiſe aus der eben angegebenen Bedeutung entwickelt worden iſt; — nur in den niederdeutſchen Bezirken vorkommend, und zwar im Abſterben begriffen, aber noch immer ge⸗ bräuchlich, indes pflegt dieſes Wort vor den „Gebildeten“, den „Großen“ (dem Pfarrer) auf das Sorgfältigſte vermieden, ja eigens verhehlt zu werden. Daß es ehedem in weitem Umfange in Heſſen gebräuchlich geweſen ſein muß, beweiſt das hier folgende Wort. Wickeler msc., Zauberer, Warſager. „Wilcher Balaam dan was eyn Ariolus, dat dudet, eyn wickeler“. Wig. Gerſtenberger bei Schmincke Monim. hass. 1, 282. Auch dieſes Wort vegetiert in den niederdeutſchen (zumal den weſtfäliſchen) Bezirken noch im Geheimen. verwimbeln, vereitelt werden, ſich zerſchlagen. Haungrund. Das Wort kommt in der Hauptſache mit dem Jägerausdruck wimbeln (womit das Auseinanderſchlagen der Ameiſenhaufen, welches der Hirſch zu thun pflegt, bezeichnet wird), welches Adelung 4, 1551 hat, überein. Wimen msc. wird in den niederdeutſchen Bezirken Heſſen (Weſer und Diemelbezirk) nur für Hühnerhaus, Hühnerſtiege, gebraucht, hat auch nicht die Br. 2B. 5, 259 verzeichnete, wol richtigere, Form Wim, ſondern nur Wimen. Windel — wisellös. 455 wie dieſelbe auch bei Voß erſcheint. Die „Gebildeten“ jener Bezirke machen nicht ſelten aus Hünerwimen: Hühnerbäumen. Südlich von Kaſſel iſt das Wort gänzlich unverſtändlich, in Kaſſel aber ſoll es im vorigen Jarhundert noch im Gebrauche geweſen ſein. Windel msc., ervrum parvillorum, ein läſtiges Unkraut im Getreide, ſo genannt, weil es ſich an den Stengeln emporwindet und die Halme unauflöslich zuſammen zu wickeln pflegt. Indes wird nicht ſelten auch die Ackerwinde (eon- volrulus arvensis) Windel genannt und ſogar mit jener Pflanze verwechſelt, was namentlich in Oberheſſen der Fall iſt. Windscheide fem., meiſt im Plural gebraucht, Windscheiden, ſchmale Breter, welche an der Giebelſpitze der Strohdächer der Bauerhäuſer an⸗ gebracht werden, über der Giebelſpitze, die ſie um 1—2 Fuß überragen, ſich kreuzen, und in dieſen ihren hervorragenden Enden die Geſtalt von Pferdeköpfen tragen. In Niederheſſen findet ſich dieſe Verzierung — denn dafür gilt dieſe Einrichtung nunmehr ziemlich allgemein — nur noch ſehr einzeln, jetzt faſt nur noch an ältern Häuſern, und wird Wember, Wimber genannt; in Oberheſſen wo der Name Windſcheide eigens zu Hauſe iſt, iſt ſie noch ziemlich häuſig. „j eichenſtangen zu windtſcheiden“ Wetterer Forſtregiſter von 1560. „v geringe eichenſtangen zu windtſcheiden“ Ebdſ. 1560. 1569. „ein eichen heiſtern zur windſched“ Ebdſ. 1572. „i eichen reidel zue windtſcheiden“ Ebdſ. 1574. Es reicht dieſe Sitte noch in das Heidentum zurück, und iſt in ganz Nieder⸗ deutſchland noch jetzt verbreilet, findet ſich aber auch in Süddeutſchland: Schmeller 4, 110, hier unter dem Namen Windwer, auch ſind daſelbſt die Pferdeköpfe zu Schlangenköpfen geworden, wie man bei uns jetzt hin und wieder die Pferdeköpfe bei Neubauten in Sterne u. dgl. umgewandelt ſieht. Der heſſiſche Name Windſcheide wie der baieriſche Name Windwer bezeichnet deutlich den Urſprung dieſer Sitte: die Köpfe der geopferten heiligen Thiere, der Pferde, ſollten Wind und Wetter von dem Hauſe ſcheiden, abwehren. S. Grimm d. Mythol. (2) S. 626. 600. — Oft hört man das Wort Windschewe aus⸗ ſprechen, ſo daß man verſucht wird, an Windscheue, — scheuche zu denken. Die mythologiſche Bedeutung der Windſcheiden wird nicht mehr verſtanden; es ſoll dieſe Vorrichtung vielmehr dazu dienen, den Sturm zu verhindern, unter den Giebel des Strohdachs zu faßen, und die Schaube auseinander zu werfen, was ſich auch recht gut hören läßt. Vgl. Wember. gewinnen, auf Taglohn nehmen, als Taglöhner mieten; „ich habe mir einen Holzhauer gewonnen“, „ich dachte den N. zum Mäder (Heumäher) zu gewinnen“. Nur in der Obergrafſchaft Hanau gebräuchlich. Winze, Winze fem. (auch Winz, Winz), Katze, als Lockruf und Schmeichelwort in ganz Altheſſen gebräuchlich; zuweilen, namentlich an der Diemel, wo auch Pusse vorkommt, in Mins, Minz verändert. Sehr oft deminutiv: Winzchen, und in abundanter Compoſition Winzekatze, gleich dem niederdeutſchen Puſekatze. Wipstèrt msc., Bachſtelze. In den niederdeutſchen Bezirken Heſſens der ausſchließliche gebräuchliche Name dieſes Vogels (im übrigen Niederheſſen Ackermännchen ſ. d.); in uneigentlicher Beziehung pflegt das Wort nicht ver⸗ wendet zu werden. Brem. WB. 5, 269 —270. wisellôs, gewöhnlich wiselos geſprochen, vaterlos, vater⸗ und mutterlos; wisellose kinder, Waiſen. Dieſer alte, ehedem ſehr gebräuchliche, in der Schrift⸗ 0 456 Wispeln — Wodch. ſprache abet längſt beſeitigte, wiewol richtige Ausdruck, aus welchem das Work Waiſe erſt durch Abkürzung und Verderbnis entſtanden iſt, findet ſich im innern Heſſen, namentlich aber in der Grafſchaft Ziegenhain, und vor allem im Gebirgs⸗ theil derſelben (Knüll) in volleſter Uebung. Friſch 2, 417 — 418. Schmeller 4, 178. Vgl. Zeitſchrift f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 102. wispeln, ſich eilig hin und her bewegen, wie kleine Kinder thun. Schmidt weſterw. Id. S. 330. Vgl. wuspeln. Wispelmännchen ſ. Wichtel. Wiss msc., in Oberheſſen auch Wisch geſprochen, urina. Vorzugsweiſe in Beziehung auf Kinder gebräuchlich; auch verdoppelt: Wiss Wiss. Wiss machen, urinsre. Mitunter auch Wis geſprochen. wissen, wisen, urinare. Eſtor S. 1422. Schmeller 4, 188. wisse adv. Dieſes gemeinniederdeutſche Wort, kein anderes als das hochdeutſche gewis, welches nicht von „wißen“ abzuleiten iſt, ja mit demſelben nicht die mindeſte Gemeinſchaft hat, findet ſich in den niederdeutſchen Bezirken Heſſens in der Bedeutung feſt, beſonders wenn von dem Feſthalten einer Sache, in körperlicher wie in geiſtiger Beziehung die Rede iſt: „halt wiſſel“ Weniger gebräuchlich iſt wisse für certe, indem man dafür auch in jenen Gegenden oft gewis hört, ſowol für certe im eigentlichen Sinne, als für quod pro certo habeo; „er ſoll gewis unklug geworden ſein“. Mit jener Bedeutung: feſt, welche dem Etymon (von einem Verbum vithan, binden, wie uns die gothiſchen Derivata belehren) ohnehin am nächſten liegt, iſt dann nahe verbunden die Bedeutung strenue: „wiſſe arbeiten“ anhaltend arbeiten, welche ziemlich überall im ſäch⸗ ſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen gehört wird. Im übrigen Heſſen unbekannt, wo nur gewis für certe und quod pro certo habeo gilt. Brem. WB. 5, 274—275. Wissenschaft kem. iſt in ganz Heſſen noch in der urſprünglichen Bedeutung des Wortes: Kenntnis, und zwar vorzugsweiſe Kenntnis aus eigener Erfarung, im volleſten Gebrauche. „Ich tab davon keine Wißenſchaft“; „wer Wißenſchaft davon (einem vermuteten Verbrechen u. dgl.) hat, ſoll Anzeige machen“ oft gehörte Bekantmachung der Greben, Schulzen (jetzt: Bürgermeiſter) unter der Linde. „Er hab ſeine Wißenſchaft geſagt“, in den ältern Protokollen des 16. 17. 18. Jarhunderts oft vorkommende Formel der Zeugen bei dem Abſchluße des Verhörs. Welche Kluft trennt den modernen, abſtracten Gebrauch dieſes Wortes, durch welchen daſſelbe zu einem Fluchworte für alles warhafte Leben geworden iſt, von dieſem urſprünglichen, einfachen, eoncreten Gebrauche deſſelben! witschein, ſich, zumal beim Sitzen und Stehen, unruhig hin und her bewegen, wie beſonders Kinder thun. witschelig, unruhig. Oberheſſen und weiter ſüdlich; aber auch ſonſt in Heſſen nicht unbekannt; oft wulscheln geſprochen. Wittfot mse., Weißfuß, heißt im weſtfäliſchen Heſſen derjenige, welcher bei Feſten — Hochzeiten, Kindtaufen — das Geſchäft hat, die Gläſer zu füllen. wiwwelblau (wiwwelblos), ganz blau, vorzüglich vom liror ge⸗ bräuchlich: „einen wiwwelblo ſchlagen“. In ganz Heſſen üblich. Neben wiwwelblo kommt auch wimmelblô vor. Wôdch msc., in Oberheſſen der gröbſte Theil des Flachſes, welcher, zum Spinnen untauglich, beim Schwingen abfällt. Der etwas feinere Theil des Wocke — Wolf. 457 Flachſes, welcher beim Schwingen abfällt, heißt äsuinga (geſprochen üswiek), der bei dem Hecheln ſich bildende Abfall des Flachſes iſt Werg. In Niederheſſen iſt wödch ſowol wie äsuinga unbekannt, und man bezeichnet wodch und asuinga zuſammen durch Hotten, Schwinghotten (ſ. d.). Unſer Wort ſchließt ſich da⸗ gegen ziemlich nahe an das Naßauiſche Hlödch an, Schmidt weſterw. Idiot. S. 73, nur daß der naßauiſche Hodch doch geſponnen und zu Hodch⸗Tuch ver⸗ webt werden kann. (Irrig hat Kehrein Volksſpr. in Naßau S. 19 den Hodch als beim Hecheln abfallend bezeichnet). Wocke msc., Wochen, Spinnrocken, die faſt ausſchließlich geltende Bezeichnung, ſo daß Rocken kaum vorkommt. wocke, colus Mone Quellen und Forſchungen 1, 209. Schottel Haubtſpr. S. 1445. Fockenband, breites, meiſt ſehr buntes Band aus Wolle oder Seide, mit welchem der Flachs am Wocken, zumal im öſtlichen Heſſen, umwunden zu werden pflegt. Mit dieſem Wockenband machen die Spinnerinnen großen „Staai und ſuchen ſich durch glänzende Wockenbänder gegenſeitig zu überbieten. Mit⸗ unter werden denſelben noch beſondere Zierraten z. B. Figuren aus Meſſing, an welchen Glasperlen, Schellchen u. dgl. herabhängen, beigegeben. den Wocken stehlen, Scherz der jungen Mannsperſonen gegen die Spin⸗ nerinnen; reißt denſelben der Faden, ſo gilt es, augenblicklich und ehe der Faden wieder angeſponnen wird, den Wocken aus dem Galgen herauszunehmen. Iſt dieß gelungen, ſo muß derſelbe von der Spinnerin ausgelöſt werden. wol und wehe, alte Alliteration, zwar noch jetzt ziemlich allgemein üblich, doch nicht ganz mehr in dem ehemaligen Umfange, in der Redeusart: „es ſoll mir das wol und wehe thun“, d. h. es ſoll mir gleichviel ſein, wie es ausfällt, gut oder ſchlimm; ich will mir den Vorteil wie den Nachteil gefallen laßen. In einem Treisbacher Unterſuchungsprotokoll von 1609 kommt dieſe Formel wiederholt vor: „ſie wolten den Brieff v. gn. F. vnd Hrn vor⸗ tragen laſſen, waß dann J. F. Gn. daruber wurden erkennen, daſſelb ſolt ihnen woll vnd wehe thun“; daneben ſteht die Ausſage eines Vierten, Fünften: „wären ſie zu etwas berechtigt, ſo wäre es gut, wo nicht, ſo müſten ſie auch pleiben laſſen“. Woelbrake msc., ein wüſter, unordentlicher Menſch. Im weſt⸗ fäliſchen Heſſen eine übliche tadelnde Bezeichnung; anderwärts gänzlich unbekannt (angeblich ſelbſt an der Weſer nicht bekannt).Das Brem. WB. hat 5, 284 das Verbum woolbruken, ſaure Handarbeit thun, ſich mit ſtätiger Arbeit abquälen. Wolk. Eigentümliche, auf den Wolf bezügliche Redeweiſen, welche ander⸗ wärts nicht gleichfalls vorkämen, finden ſich zur Zeit in Heſſen nicht mehr, wie⸗ wol der Wolf ehedem in Heſſen nicht minder häufig war, als in andern Gegenden. Nur das verdient angemerkt zu werden, daß die Schäfer, welche den Wolf hier ſo wenig wie anderwärts mit ſeinem eigentlichen Namen zu nennen pflegten, ihn im innern Heſſen Wul (ſ. d., Aa“), im weſtfaͤliſchen Heſſen Hennike nannten ſ. Kirchhof Wendunmut 1602 S. 375. Der letzte Wolf in Altheſſen iſt im Jahr 1805 in der Nähe von Wolfershauſen von einem Wolf (v. Gudenberg), der letzte im jetzigen Kurheſſen am Stallberge bei Leibolz von dem Förſter Lamm im Jahr 1812 erlegt worden. Ortsbezeichnungen, welche von dem Wolfe ent⸗ lehnt ſind, gibt es dagegen in Heſſen in großer Anzal, unter ihnen ſogar mehrere, welche einfach der Wolf oder die Wölfe heißen. Bemerkenswert in ſprachlicher Hinſicht iſt die eigentliche Compoſition Wolfhagen (der Name dieſer Stadt er⸗ ſcheint ſchon im 13. Jarhundert in dieſer Form), Wolfhain und Wolfthal; 458 Wöllehät — Wölpe. Wolfgang wird kaum in Anſchlag kommen können, da dieſer Ortsname recht wol der bekannte Mannsname („Held, dem der Wolf des Sieges vorangeht“ Grimm d. Myth. (2) S. 1093) ſein kann, indes, da der Ort mitten im Bulauwalde liegt, immerhin auch den Gang nach dem Wolfe bezeichnen könnte. Daneben aber erſcheint auch Wolfsgang, und mehrere Male Wolfshain. Die uneigentlichen Compoſitionen ſind ſehr zalreich; theils von dem Aufenthalt, theils von dem Fange des Wolfes hergenommen. So gibt es eine ganze Anzal von Wolfsbergen, und einige Wolfsburgen, Wolfsanger (einer der älteſten Namen von Ortſchaften, die uns aus Heſſen überliefert ſind) Wolfs⸗ graben, Wolfshaus, Wolfshauſen (Dorf), Wolfshart (das Dorf Wolferts am Stellberge in der hohen Rhön hieß 814 Wolfeshart), Wolfs⸗ hecke, Wolfsholz, Wolfskaute (öfter), Wolfskopf, Wolfskammer, Wolfstannen u. dgl. mehr; auch ein Wolfskehl und ein Wolfsſchlich (Wotfsſchleich) findet ſich. Den Fang des Wolfes bezeichnen: Wolfsangel, Wolfsgarten und Wolfsſtall, Wolfsgrube, Wolfsbaum und Wolfs⸗ galgen (lebendig gefangene Wölfe pflegte man bekanntlich gleich Dieben aufzu⸗ knüpfen). Dagegen gibt es mehrere Namen von Dörfern, welche den Namen vom Wolfe zu tragen ſcheinen, aber nicht wirklich direct vom Wolfe, vielmehr nur von Menſchennamen, die vom Wolfe entlehnt ſind, erhalten haben. Dahin ge⸗ hören die vier einander fehr ähnlichen Dorfnamen Wölfterode (A. Sontra, im 13. Jarhundert Waldolverode), Wolferode (A. Rauſchenberg, gleichfalls Waldolverode), Wolfterode (A. Abterode, Wolkhartrode 1114) und Welferode (A. Homberg), welcher Name warſcheinlich überhaupt nicht hierher, ſondern zu Welf (huelf) gehört. Eben ſo wenig, wie Wölfterode, Wolferode, Welferode gehört hierher endlich Wolfershauſen, welches eigentlich (1123) Warolfeshusen heißt, und der Fuldaiſche Ort Wölf. Werwolf, d. i. Mannwolf, eine noch immer, in manchen Gegenden mit großer Beharrlichkeit feſtgehaltene altheidniſche Vorſtellung. Im Schaumburgiſchen heißt übrigens dieſes mhthiſche Weſen Boxenwoulwo (Wolf, welcher Buxen, Hoſen trägt). Wöllehat msc., Schmalkaldiſche Bezeichnung des „Herſcheklas⸗ (ſ.7d4sdas heißt, des am Nikolausabend herumgehenden Nikolaus (Klas), welcher die Kinder unter gelinden Rutenhieben anruft: „willſt du beten“, d. h. den Katechismus aufſagen. Aus dieſem Satze iſt ein perſönliches Sub⸗ ſtantivum gebildet worden, Wollebät, welches übrigens nachgerade auch die all⸗ gemeinere Bedeutung Geſpenſt erhalten hat. VP,ke 7. 57) Wollenberg, anſehnlicher Bergwald zwiſchen Wetter und Warze⸗ bach, nach jetziger Ausſprache. In der ältern Zeit, wie namentlich in den Rentereirechnungen und Forſtregiſtern von Wetter aus den Jahren 1560— 1610 aber heißt derſelbe regelmäßig Walberg oder Wolberg: „Ich bernhart Henckel zu Wartzbach furſter des Walbergs vnd Hawwalds“ 18. November 1566. Gegen Ende des 16. Jarhunderts findet ſich allmälich die Form Wolnberg, und um 1620 iſt dieſelbe die allein herſchende. So viel iſt gewis, daß Wolle (lans) das Compoſitionswort nicht iſt; vermutlich iſt auf wal, strages, zurück⸗ zugehen, und wird der Walberg bei Walburg, welcher ſeinen alten Namen bewahrt hat, die Norm für den Namen des Vergwaldes bei Wetter abzugeben haben. Wölpe fem., meiſt aber pluraliſch: die Wölpen, die Miene, welche durch Heruntergiehen der Stirnhant und der Augenbrauen hervorgebracht wird, Worre — Wöt. 459 finſterer drohender Geſichtsausdruck; am gewöhnlichſten in der Formel: ein paar Wölpe (Woſpen) machen, finſter, ſauer ſehen. Schmalkalden. Vgl. Nückel. worre, eine in der Grafſchaft Ziegenhain und in Oberheſſen übliche Fragpartikel, für: iſt es nicht wahr? Im Ziegenhainiſchen beſteht nur der Unterſchied, daß man mit worre Leute fragt, die man mit Du, mit wort aber, welche man mit de'(ſ. d. = Ihr) anredet; in Oberheſſen, wo de unbekannt iſt, findet dieſe Unterſcheidung nicht Statt. Weigand (Großh. heſſ. Prov. Bl. 1845. No. 52 S. 209) erklärt dieſes worre für einen niederländiſchen Eindringling. Eſtox t. Rechtsg. 3, 1422— 1423. Schmidt Weſterw. Jd. S. 321, wo warre und wurre aufgeführt ſind. Schöne oberheſſiſche Liebesformel, deren erſte Hälfte ſchon von Eſtor a. a. O. S. 1423 verzeichnet iſt: eich ha dich herze gille leib, ei worre du meich äch? wann eich deich sehn, dö lächerts meich, ei worre dich doch äch? Noch heute iſt dieſe Formel allgemein bekannt, vorzugsweiſe deren erſte Hälfte, welche ſich auch außer bei Eſtor noch mehrfach abgedruckt ſindet z. B. im Fleischträger Römer. Eine beachtenswerte Variante der letzten Zeilen iſt folgende: — do lächerst meich (d. h. da bringſt du mich zum Lachen), jo worre, eich deich äch? (d. h. ich bringe dich doch auch zum Lachen). Wort. In Fritzlar, übrigens auch in andern Städten des nördlichen Heſſenlandes, wurden die Worthalter (prolocutores, anderwärts Rats⸗Vierer u. dgl., jetzt Ausſchuß, außerhalb Heſſens „Stadtverordnete“, die Vertreter der Stadt dem Stadtrat gegenüber) abgekürzt die Worte, die gemeinen Worte genannt. Sie wurden „zum Wort verordnet“ (Haltaus Sp. 2130), von der Gemeinde „an ihr Wort gewählt“, woraus ſich die abkürzende Bezeichnung hin⸗ reichend erklärt. Falckenheiner Geſchichte heſſiſcher Siädte und Stifter 2, 96 — 97. 1, 279. verworten (sich an jemanden), ſich mit Jemanden in Unterhandlung einlaßen. Oefter in Fuldaiſchen Urkunden; z. B. verſpricht Friedrich von Lies⸗ berg am Himmelfartstage 1365 dem Dechant und Capitel zu Fulda „und ensal mich an sie (die Gegner des Capitels, den Abt und die Seinigen) nicht for⸗ worten, friden ader sunen“. Schannat Hist. Fuld. Cod. prob. S. 273. Wöt neutr., Kleidungsſtücke, ein in Oberheſſen, ſonſt nirgends, vorkom⸗ mender Ausdruck, das alte wat, ſo jedoch, daß das kurze a in o verwandelt iſt. Schon Eſtor t. Rechtsg. 3, 1423 hat dieſes Wort nebſt dem noch üblichen Reime: mer (nicht: iner) hält sich en göder wot, so wess niemes wos mer hôt. (ou faſt wie au geſprochen, verzeichnet. Vgl. Wand. e faſt wie ae). Wodsack, ſtatt Wadsack, Sack zum Transportieren der Kleidungsſtücke, ſpäter Felleiſen, dann Reiſetaſche genannt; jetzt auch bei dem Volke ausgeſtorben, bis etwa 1820 noch gebräuchlich. „15 u Clos wampach, Hans Wagener, vndt Clos wampachs knecht von Halßdorff, von des wegen, daß ſie einen wothſack, ſo ihnen vertrawet geweſen, nicht widder geliffert, wie ſie denſelbigen empfangen haben“. Rauſchenberger Bußregiſter von 1385. 460 Woteru — Wal. wotern, wötern, oberheſſiſcher Ausdruck für eine heftige, ungeſtüme Bewegung, in welcher alles durcheinander geht. Eſtor hat S. 1423 das Wort in den zwei Beziehungen verzeichnet, in welchen es vorzugsweiſe vorkommt: „wotern, wenn das ſchneegeſtöber wütet. Wenn alle leute im hauß arbeiten“. Wol nichts anderes, als eine Frequentativform von wüten. wrangeln, gewönlich jetzt ſchon brangeln geſprochen, mit Jemanden ringen, auch bloß ſich balgen. An der Diemel üblich; Frequentativ von ringen (richtig: wringen). Der Anlaut w in der Conſonantenverbindung wr iſt faſt nur noch in dieſen beiden Wörtern wringen und wrangeln im weſtfäliſchen Heſſen vorhanden, und vergröbert ſich in wrangeln, wie eben geſagt, gegenwärtig ſchon in ſehr merklicher Weiſe; wraso aber iſt zu Fraſen, wrist zu Friſt (ſ. dieſe Wörter) geworden. 1 W Vgl. Brem. WB. 5, 296 wrangen. 42 Wül msc. iſt jetzt nur noch in Oberheſſen, und zwar widerum nur in der Compoſition Wülwasen, Schindraſen, Schindanger, üblich, welches Wort bereits Eſtor verzeichnet hat: T. Rechtsgel. 1, §. 1013: „der ſchindanger oder wulwaſen“; 3, S. 1423: „Wouhlwaſe, ſchindraſen“. Ein alter Wieder⸗ täufer in Gemünden an der Wohra wies 1626, als ihm zugeredet wurde, er möge ſich mit der Kirche verſöhnen, damit er ein ehrliches Begräbnis erhalte, dieſe Zumutung mit den Worten zurück: „er ſeye wol zufrieden, daß er vff die salva reverentig Wuhlskaute begraben werde“. Im 16. Jarhundert aber war das Wort in der Bedeutung pestis, pernicies, Aas, in Heſſen, namentlich in Oberheſſen, ſehr üblich, und findet ſich häufig bei George Nigrinus: Von Bruder Johan Naſen Eſel (v. O. u. J. 4. [1570]): Ob man ja ſchon fürt in die Schul, So lernt doch nichts der faule wulh. Ebdſ. B4a: Iſt Rom der Apoſtoliſch Stul? Tarauff geſeſſen ſo manch Wul, Der nicht wehrt das er Menſch genant. Ebdſ. Ib: Man ſolt billich den groben wulh Wider fürn in die Schützen Schul. Vexamen 1582.4. B2b. Ebdſ. Cb. — — Bapſtes Stul, Welcher der Antichriſtiſch Wuhl. — — Bepſtliches Stuls, Ein groſſer Wuhl des gröſten Wuhls. Auch wurde Wul als eine Art von Euphemismus für Wolf in Heſſen und zwar in Niederheſſen gebraucht: Kirchhof Wendunmut 1602. S. 375. Alle dieſe Stellen und Ausdrücke zeigen indes, daß man unter Wal nicht einen Zu⸗ ſtand, nicht etwas Abſtractes, ſondern etwas ſehr Concretes, Perſönliches, nicht ein Verderben, ſondern einen Verderber, verſtanden habe. Es iſt kein Zweifel, daß dieſes Wort ein anderes nicht ſein könne, als das ahd. wuol, strages (Graff Sprachſch. 1, 801), altſ. wö! Hel. 132, 4, agſ. röl, mhd. wuol. So komt das Wort gerade bei einem heſſiſchen Dichter Herbort von Fritzlar, vor: v. 6466 —6167: man saget uns von wule (: phule) wie mochte grozzer wul wesen? da enkonde nieman genesen. In demſelben Sinne, sirages, erſcheint wuol auch in einem Gedichte des 11. Jar⸗ hunderts, welches Schmeller unter dem Titel: Das himelriche in Haupt Zeitschr. 8, 145 f. hat abdrucken laßen, S. 148 v. 109—110: Walch — Wurm. 461 in dere witen umbeverten des hohstuoles ce sicherheite hinnen mere des viantlichen wuoles den der tiuvel unter den engilen wilen begie. Nicht ohne Warſcheinlichkeit hat auch Haupt im Servatius (Zeilschr. 5, 96 v. 612), anſtatt des unverſtändlichen dol, wuol (wiederum im Reim auf stuol) geſetzt. Schottel Haubtſpr. S. 1445: wul, cadaver. Vgl. Müller Mhd. Wörterbuch 3, 467. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. LK. 4, 102. S. auch Wulch. Wulch msc., dicker, unbehülflicher Menſch; Scherzwort; „dicker Wulch“, „fauler Wulch“. Ob daſſelbe, was ehedem Wul war? Vgl. Wäl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. ꝛc. 4, 102. Wulle fem., in Heſſen das üblichſte Lockwort für die Gans, zumal in Oberheſſen für die junge Gans (Eſtor S. 1423), während die alten Gänſe hier mit Wusse gelockt werden (Eſtor ebdſ.). Auch werden die Gänſe geradezu, wenn gleich ſcherzweiſe und Kindern gegenüber, als Wulle, Wusse, Wullegans und Wussegans bezeichnet. wulle machen, urinare, von Kindern. Oberheſſen. Eſtor S. 1423. Vgl. bullern. Wunder msc., in einer Redensart, in welcher das Wort irgend ein Ungetüm, in alter Weiſe, zu bezeichnen ſcheint: „mich frißt der Wunder“, d. h. ich bin vor Verwunderung außer mir. Es iſt dieſelbe ziemlich überall in Heſſen im Gebrauche, am üblichſten im inneren Heſſen. Wird Wunder neutral gebraucht, ſo tritt das Wort völlig in die ge⸗ meinhochdeutſche Bedeutung ein. WVurd neutr., Word fem., Eigentum an Grundbeſitz, area. Vgl. Achtword. Dieſes im Altſächſiſchen und Angelſächſiſchen, nicht im Hochdeutſchen vorkommende Wort iſt ſeit dem 16.— 17. Jarhundert auch in den niederdeutſchen Gegenden, und nicht bloß in den heſſiſchen, als Appellativum ausgeſtorben, und findet ſich nur noch in Eigennamen der Flur⸗ und Waldſtücke. Ehedem, und noch am Ende des 15. Jarhunderts aber war daſſelbe in Heſſen noch in appella⸗ tiviſcher Uebung. „Sust ander vroevil ob ymauts in sinen vir wenden, ader ull dem synen worih ader wergke geschen sunder ioidslag“. Emmerich Franken⸗ berger Gewonheiten bei Schminke Monim. hass. 2, 722. Die Verwendung von Wurd zu Eigennamen hat gegenwärtig den Gebrauch des Femininums überwiegend begünſtigt: „auf der Worth“, ſo bei Wolfhagen, Zierenberg, Hofgeismar, Ermnſchwerd. Hin und wieder leuchtet die appellativiſche Bedeutung noch durch; ſo werden z. B. in Zierenberg die uneingefriedigten Grabländereien, welche zwiſchen den Gärten und dem Ackerfelde liegen, mit dieſem Worte bezeichnet, ſo daß hier die Word ſich mit der hochdeutſchen Biunde (Binde, Beune, ſ. d.) berührt. würken iſt, mit einziger Ausnahme der Compoſition auswürken, nir⸗ gends in Heſſen volksüblich (kein würken, kein einwirken, erwirken, bewirken, mitwirken, nachwirken, verwirken; zerwirken iſt techniſch). . auswürken, geſpr. auswirken, bedeutet Laibe aus dem Teig bilden: das Brod auswürken. Eben ſo Schmidt Weſterw. Id. S. 329. Wurm msc., 1) wie gemeinhochdeutſch. Gewürmse neulr., das Gewürm. 2) Bezeichnung von Krankheiten. Am meiſten iſt jetzt noch üblich, krebs⸗ artige Krankheiten der Thiere, z. B. der Kühe am Schweif, der langohrigen 462 Wurschel — Zahl. Hunderacen an den Ohrrändern u. dgl. den Wurm zu nennen, dieſelben auch wol noch immer einem wirklichen, wenn ſchon unerfindlichen Wurme zuzuſchreiben. Vor nicht gar langer Zeit, und hin und wieder vielleicht noch jetzt, nannte man aber auch Krankheiten der Menſchen, zumal Erweiterungen und Verknorpelungen des Herzens, mitunter auch Zehrkrankheiten, den Wurm, und ſchrieb dieſelben ganz ernſtlich einem Wurme zu. Daher rührte der, in älterer Zeit ungemein häufig vorkommende Fluch: „daß dich der Wurm beſteh“, „daß dir der Wurm drein fahr“, welche Formeln jetzt nicht mehr gehört werden. Wurschel fem., unordentliche, in Kleidern ſich übel haltende und einen wüſten Haushalt führende Frauensperſon. wurschelig, unordentlich, alles durcheinander werfend. Sehr übliche Ausdrücke in der Obergrafſchaft Hanau; in Altheſſen unbekannt. Wurstwackel msc., Spitzname für den Bewohner der Stadt Schmalkalden, welcher von ſeiner Lieblingsſpeiſe, der Blutwurſt, hergenommen iſt. Daher denn auch der, den Spitznamen begleitende Schwank: Ein Fremder fragt nach dem Wege nach Schmalkalden, und der Gefragte antwortet ihm: er ſolle nur den Wurſtſchalen nachgehen. wuseln, wusseln, ſich eilig, aber halb kriechend, unſicher bewegen; am meiſten von kleinen Kindern gebraucht, um deren Anfänge im Laufen zu bezeichnen. Allgemein üblich, wie auch anderwärts, Schmidt Weſterw. Id. S. 334. Schmeller 4, 188. wusselich, lebhaft beweglich, beſonders von kleinen Kindern gebräuchlich. wuspeln (wuschpeln), durch Herumgehen in der Nacht Geräuſch er⸗ regen. „Der Kranke ſtund auf und wuſchpekt die ganze Nacht in der Stube herum“. Hersfeld, Haungrund, auch wol ſonſt. Die Bedeutung iſt etwas ver⸗ ſchieden von wispelnz ſ. d. Wuz, Wutz fem., das Schwein, in ſchmeichelnder, lockender Beziehung; ſehr gewöhnlich iſt in Ziegenhain, Oberheſſen und Fulda (nicht nördlich von der Eder, ſ. Kimmchen, und auch weniger gebräuchlich im ſüdlichen und öſtlichen Niederheſſen, ſ. Riiz) der Lockruf an die Schweine: Wuz komm, Wüzchen, Wutzchen. Im Plural die Wuzerchen, Wutserchen, womit man am regel⸗ mäßigſten die Ferkel bezeichnet. //4inz 1. WV1/r4 ⸗Rit 2 127 Schmeller 4, 208. 3. Zahl kem. Bei den Spinnern wird eine Anzal (zehn oder zwanzig) von Gebinden eine Zahl genannt, ſo daß dann wieder eine Anzal (zehn oder zwanzig) von Zalen einen Strang (eine Zaſpel) ausmacht. In manchen Gegenden findet ſich aber auch weder Strang noch Zaſpel (ſ. d.) im Gebrauch, und es wird Zahl für dieſelbe Anzal Faden gebraucht, welche ſonſt Strang oder Zaſpel heißt. Aber eine Anzal von zwanzig Strängen heißt dann wieder eine Zahl. Es liegt nahe, hierin den Gebrauch von Zahl als numerus zar' 4Foxyr zu ſuchen, und auf die alte, urſprünglich keltiſche, Grundzal von zwanzig (ſ. Steige) zurückzugehen. Seltſamer Weiſe aber findet ſich in einer Waldauer Rechnung von 1488: XVI czabeln garnsz zu spinde. Iſt dieſe Aufzeichnung richtig, woran ein Zweifel nicht wol aufkommen kann, ſo iſt an zäla, numerus, bei unſerm Spinnerworte Zahl nicht zu denken, und es muß dieſes Wort der Spinner, zäl, aus zabel Zahlschaf — zackern. 463 zuſammen gezogen ſein. Aber was bedeutet zabel? An tabula, wie in Schachzabel, iſt kein Gedanke. Sollte etwa zabel = Zopf ſein? Schmeller hat 4 217 zobeln in der Bedeutung: bei den Haaren ziehen, was der Sache nach von Zopf und der Form nach von zabel nicht allzu weit abläge. Sonſt wird Zahl auch von jeder beſtimmten Anzal gebraucht: das kleine Mädchen muß ſeine Zahl (an Stöcken, Mal herum, Nätchen) ſtricken; eine Zahl (11, 25, 50) Schafe (ſ. Zahlſchaf) u. dgl. Zahlschaf iſt in den älteren Renterei⸗, Vogtei⸗ u. dgl. Rechnungen das, was heut zu Tage Schnitthammel genannt wird: die Abgabe des elften, meiſt jedoch nur des fünfundzwanzigſten, ja des funfzigſten Schafes Seitens der zum Schafhalten berechtigten Schafhalter unter den Unterſaßen, welche für die Benutzung der herrſchaftlichen Weiden geleiſtet werden muß. In jenen Rechnungen erſcheint regelmäßig die Rubrik: „Inname Zalſchafe“ (wol zu unterſcheiden von dem Blutzehnden, den Zehndlämmern). Der Landknecht zu Rauſchenberg, Kurt Fettmilch, ſagt in ſeinem der Rentereirechnung von 1578 beigegebenen „Regiſterlin“ über dieſe auszuzälenden Schafe Folgendes: „wenne der Rentmeiſter die ſchaeffe zehelet, vnd die weydehemell hebett, gibt man in der ſtaitt Rauſchenbergk von Einem halben Hundert ſchaeffe Einen ziemlichen hamell, nit den beſten auch nit den boſeſten mit dere wullen; wanne dan etliche ſchaeff ein man hait vber das halbe Hundert, das das halb Hundert nicht erlanget, da gibt man von ye do einem ſchaeffe ij Junge [scil. Heller). Item die ampts vnderſaeſſen in denen dorffern vff dem lande geben von Einem viertell ſchaeffen, das ſeint zwanczigt vnd fünff ſchaeffe Einen zimlichen weydehamell, nit den beſten auch nit den boſten, vnd wanne vber oder vnder zalige ſchaeffe oder Noeſſer ſeint vnder oder vber die viertell das das viertell nicht erreichet, dieſelbigen ſchaeffe nennet man Einczelle ſchaeffe, da giebt man von ye do einem ſchaeffe vier junge heller“. Auf den Univerſitätsgütern (Singlis) wurde zwar das elfte Schaf genommen, dagegen gewöhnlich für daſſelbe Zalung geleiſtet, und zwar mit ſechs Albus; freilich koſtete dann auch das „einzelne Schaf“ einen halben Albus. Vgl. Hammelschnift. Zahnbrecher. „Er ruft (ſchreit) wie ein Zahnbrecher“ war noch bis in die zwanziger Jahre dieſes Jarhunderts eine der üblichſten Vergleichungen für ein ungefüges lautes Rufen, wie ſie es ſeit dem Ende des 17. Jarhunderts durch ganz Deutſchland, doch vorzugsweiſe das nördliche, geweſen war. „He röpt aſſen Teinnebrecker“. Strodimann Idiot. Osnabr. 1755. S. 241. Jetzt ſind die ehemaligen Zahnbrecher völlig vergeßen und die auf ſie ſich beziehenden Redensarten faſt gänzlich erloſchen, auch die hier aufgeführte; nur das Adjectivum „marktſchreieriſch“ dauert in der Schriftſprache bis jetzt noch fort. Zahnraffel fem., Schimpfwort für alte Weiber, deren Zähne wackeln. Schmidt weſterw. Id. S. 157. Reinwald hat 2, 146 das Wort nach Schmal⸗ kalder Ausſprache als „Zehraffel“, ohne es zu verſtehen. zacken (sich), ſich necken. Im Fuldaiſchen. Es iſt dieß Wort ohne Zweifel daſſelbe, welches Reinwald 1, 198 als zäcken (ſich mit einem z.), mit ihm im Scherze zanken, und Schmeller 4, 222 als „zecken, dretzen, raitzen, lacesso“ aus Aventin und aus Reimen von 1545, wo zecken auf necken reimt, anführt, und gehört zu dem Kinderſpiel Zeck bei Friſch 2, 467, dem Ziggi bei Stalder 2, 471, dem Zeckel bei Schmeller a. a. O. und zu zicken ebdſ. S. 223. zackern bedeutet in Heſſen, jedoch mit Ausnahme der ſüdlichen ober⸗ heſſiſchen und fuldaiſchen ſowie der hanauiſchen Bezirke, nicht „zu Acker fahren“, 464 Zäl — zammen. wie am Main und Rhein (Schmeller 1, 28. 4, 222), ſondern das Laufen eines ſchlechten Pferdes im kurzen Trabe, woher ſolche Pferde ſpottweiſe „Zacker⸗ gäulchen“ genannt werden, ſodann aber auch das wackelnde, ſchlechte Reiten, bei welchem der Schluß fehlt. Jenes „zackern“ in der Bedeutung von ackern wird jetzt im kaſſeliſchen Oberheſſen nur in den Grenzdörfern nach Süden und Weſten, und auch hier nur vereinzelt gehört, und iſt auch wol in früherer Zeit nicht häufig geweſen; in Urkunden iſt es mir nur einmal begegnet, in einem Rüge⸗ gerichtsprotokoll von 1741 aus Hadamshauſen: „Hans Henrich Rau von Hadams⸗ hauſen rügte Konrad Gieß weil er ihm im weydenbach 3 forchen abgezackert“. Gleich darauf aber folgt von derſelben Handlung die Bezeichnung abgeackert. Zàl, Zael msc., das zuſammengezogene zagel, ahd. zakal, goth. togls, vom Thierſchwanze, doch hauptſächlich nur der wilden Thiere (Eichhörnchen, Fuchs, Vögel), und vom penis (O. Melander Jocoseria [Lich 1604] S. 603) gebräuchlich; hin und wieder wird es auch von der Spitze des gefällten Baums gebraucht. „Henchen Dreſcher ſampt ſeinen Consorten vor Zähle vnd Affter⸗ ſchlege von dem brennholtz ſo vffs Haus Marpurg iſt gemacht worden“. Rauſchen⸗ berger Forſtregiſter von 1585. „eichen zogel“, „latten zogel“, „4 latten zel“, „3 latten zehl“, „ezliche ſtumpff vnd Zehel zu den Weinpelen⁴. Wetterer Forſt⸗ regiſter von 1569—1602; oft. Ochsenzael, Farrenſchwanz, Ochſenziemer. Sauzael, Sauſchwanz, Name des Wirbelwindes, oder eigentlich des Teufels, indem der Wirbelwind als eine dämoniſche Wirkung, als eine That des perſönlich gegenwärtigen Teufels angeſehen wird; in ganz Heſſen in dieſem Sinne üblich. Vosszael, Familienname in Heſſen aus dem 13. und 14. Jarhundert; Hasenzdl, noch jetzt vorhandener Familienname. Rotzaelchen, der gewöhnliche Name des Gartenrötlings. Zaelmeise, Schwanzmeiſe, meiſt nur im Schmalkaldiſchen vor⸗ kommend. „Du Jung, du wilt roch? Du ſalt der Katz am Zael roch“! Hers⸗ felder Scheltrede gegen einen Knaben, welcher Tabak raucht. Vgl. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. 2K. 4, 102. Adelung 4, 1644. Schmeller 4,229. Rein⸗ wald Henneb. Id. 1, 198. 2, 144. Zalg msc., Zalgen msc., auch Zelg, Zelgen, niederdeutſch Telgen, ramus, Zweig, auch wol Aſt. In ganz Heſſen, die niederdeutſche Form im ſächſiſchen und weſtfäliſchen Heſſen, theils ausſchließlich gebräuchlich, theis üblich, theils wenigſtens bekannt. Mhd. zelch und zelge, niederdeutſch (angelſ. telga) nur ſchwach declinierend; in letzterer Form iſt es in Heſſen üblich; die Form mit a, wenn gleich im größeren Theile von Heſſen die gebräuchlichere, ſcheint nur eine Vergröberung des Dialects zu ſein. Vgl. Brem. WB. 5, 51. Friſch 2, 471. Schmeller 4, 255. Richey S. 306: nach Strodtmann ldiot. Osnabr. S. 244 bedeutet im Osnabrückiſchen Telge nicht einen Zweig, ſondern einen jungen Eichbaum, und in dieſem Sinn, von einem ſ. g. Einſchößling, wird Zalg, Zelg auch in Heſſen mitunter gebraucht. Zalke msc., ein Büſchel ineinander gewirrter, beſonders auch zuſammen⸗ klebender Haare. Im Fuldaiſchen; im Haungrund in der Form Zölhe. Vgl. das baieriſche Zolch und Zolk, welches ziemlich ähnliche Bedeutung hat. Schmeller 4, 255. Auch Reinwald 2, 148 hat Zolk, Zolken in ganz gleicher Bedeutung wie unſer Zalke, Zölke. zallern, ſäumen, ſäumig ſein, zaudern, zögern. Zallerer, Zauderer. Nur im Fuldaiſchen Land, hier aber durchgängig üblich. zammen, zucken, zumal ſchmerzlich zucken, im Schmerz zuſammenzucken, wie z. B. bei chirurgiſchen Operationen. Zamm mge., das Zucken, der Zuck. Im Haungrund ſehr üblich. Lampen — Zehr. 465 Zmmmete kem., doch meiſt nur pluraliſch gebraucht, der vorzüglich im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen, aber auch in der Werragegend und ſonſt noch hier und da übliche Name einer dort heimiſchen Speiſe: Kartoffelſchnitte in Oel oder Speck im Tiegel gebraten. Im Fuldaiſchen ſpricht man jedoch Semmele und behandelt das Work nur als plurale tantum. Sehr gebräuchlich iſt auch die Compoſition: Kartolfelzammete, Karlolfelsemmete, um hierdurch (wenigſtens in Schmalkalden) jene Schnitte von den eigentlichen Kartoffelklößen zu unterſcheiden, welchen Mehl beigemiſcht iſt und die deshalb Mehlzammete heißen. Schmeller hat 3, 248 Semete in gleicher Bedeutung aus Aſchaffenburg. zampen, mit einzelnen Schlägen läuten, mit der Glocke die Sturm⸗ zeichen geben, ſtürmen. Fulda. Zankel ſ. Zinkel. Zarge kem., üblicher Zargen msc., Rand des Siebes, des Radkaſtens, des Mühlgerinnes u. dgl. Die Siebdreher des 16. u. 17. Jarhunderts ſteckten eine Schafſcheere in die Zargen des Siebes und hängten die Scheere an einen Finger. Dieſes uralte Wort iſt wol durch ganz Deutſchland verbreitet. Zaspel kem., im öſtlichen Heſſen und in Schmalkalden der Name für einen Strang, eine Zahl (ſ. d.) Linnengarn. Vgl. Adelung 4, 1657 (wo je⸗ doch das irrig iſt, daß Zaſpel auch Haſpel ſheſſiſch Weife] bedeute). Die Zaspel hält zwanzig Gebinde, das Gebinde aber wieder zwanzig Faden von je vier Ellen. An ſich ſcheint die Ableitung dieſes Wortes leicht zu ſein, und ſich dieſelbe ſehr einfach aus dem mhd. zaspen, auseinanderziehen, zerſtreuen u. ſ. w. (Haupt Zeitschr. f. d. A. 7, 337) zu ergeben. Höchſt auffallend aber iſt es, daß dieſe Stränge in ältern heſſiſchen Linnenordnungen, vom 24. Nov. 1681 (LO. 3, 151 — 153) und vom 27. October 1683 (2. 3, 249 — 251) Zahlſpielen und Zalspeln genannt werden. Vgl. Kopp Handb. 4, 258. Möglich bliebe freilich immer noch, daß dieſe Formen der Verordnungen nur Entſtellungen ſuperkluger Halbweisheit wären; indes wie ſollte wol auch der verkehrteſte Halbwißer gerade auf jene Formen verfallen ſein? Wären ſie richtig, ſo müßte Zalſpiel eine Menge von Zahlen bedeuten, Zahl aber dann freilich auch ſo viel bedeuten wie Gebinde. zauen (sich), ſich eilen. Dieſes alte Wort war ehedem in ganz Heſſen volksüblich, jetzt iſt es, wenige Reſte, beſonders in Oberheſſen, wo der Imperativ zau dich! noch einzeln gehört wird, ausgenommen, überall bis auf die Herrſchaft Schmalkalden ausgeſtorben; im Schmalkaldiſchen iſt es noch in voller Uebung, wie auch anderwäris im weſtlichen Oberdeutſchland. Schmeller 4, 209 f. (wornach übrigens das Wort ſelbſt in Baiern nicht mehr volksüblich zu ſein ſcheint). Schmidt weſterw. Id. S. 337. Reinwald 2, 145. Klein Prov. WB. 2, 242 (aus Coblenz). Wgl. W. Muller mittelhochd. WE. 3, 941—943. zaulich, eilig; du tzog er gewaldiclichen unde tsauwlichin zu siner swester. W. Gerſtenberger b. Schminke Monim. hass. 2, 308. Gezau neutr., Geräte. Gezauwagen unde karne. Gerſtenberger bei Schminke Monim. hass. 2, 507. Zehr msc., die hochdeutſche Form des in der niederdeutſchen Form ſchrift⸗ deutſch gewordenen Wortes Teer (wie noch Friſch ſchreibt), Theer. Bis vor Kurzem war dieſe hochdeutſche Form die in Heſſen ganz allgemein übliche (Hans von Buchenau, Bürger zu Wetter, liefert 19. Juli 1566 „vier feßgen ſchwartz Wagen Zehr ides vor ſieben alb.“), wie denn die heſſiſchen Poſtordnungen regelmäßig Wagenzehr (Wagenſchmiere) ſchreiben, und herſcht noch ausſchließlich Vilmar, Idiotikon. 30 466 Zeichenheber — Zeite. in den Gegenden an der untern Schwalm (Wabern u. Umgegend). Angelſächſ. 1éru, pix fluida, engl. tar. Hochdeutſch zär, Harz. Vgl. Schmeller 4,239.280. Zehrbaum, Fichte; jetzt nicht mehr üblich. „bei dem Zherbaum“, Be⸗ zeichnung eines Feldplatzes bei Amenau 1550. Zeichenheher, ältere Bezeichnung der Function, welche wir jetzt mit dem läſtigen Fremdworte Controleur, Zollcontroleur benennen. Es hatte der Zeichenheber die Zollzeichen zu erheben, was freilich jetzt nicht mehr Statt findet. „Ein halb malter korn Zeichenheber belohnunge hat — — der Rent⸗ meiſter zum Rauſchenbergk mir Curt Stroſack zu Spexwinckell gütlich entricht vnd bezalt, deswegen das die Zeichen genantes orts dis Jahr 603 von mir erhaben“. zeihen, 1) objectin mit Acc. der Perſon und Genitiv der Sache, wie gemeinhochdeutſch. 2) refleziv, gleichfalls mit Acc. des Subjects und urſprünglich gleichfalls mit Genitiv der Sache, wofür ſpäter gleicher Weiſe der Accuſativ eintrat: ich zeihe mich des (das), ſich etwas einbilden; gewöhnlich in einer unwilligen Frage: wes (was) zeihet ihr euch? wes (was) zeihet sich der? was bildet ihr euch ein? was für ungereimte Gedanken hat der? Dieſe Conſtruction, ehedem ſehr üblich (Reinh. Fuchs S. 331, v. 1096, Müller mittelhochd. WB. 3, 878) iſt jetzt gänzlich untergegangen, muß aber hier wegen einer höchſt bezeichnenden Aeußerung des Landgrafen Philipp während des Religionsgeſpräches zu Marburg 1529 verzeichnet werden. Matheſius in den Hiſtorien von Luthers Anfang, Lehr ꝛc. (1568. 4. Bl. 73a) erzält nämlich Folgendes: „Ich hab von Petro Plateano, ewrem alten Schulmeiſter (ſ. Strieder 11, 97) gehört, der es am Heſſiſchen Hoff erfahren, Landgraff ſol ſich faſt be⸗ mühet, vnd etliche ſondere geſprech mit Ecolampadio von dieſen Sachen gehalten, vnd vnter andern geſagt haben: Mein Er Doctor, die von Wittenberg ſtehen dennoch auff gewiſſem Text, ihr aber habt nur Gloſen vnd deutungen, Nun hat eines warlich mehr grunds, denn das ander, was zeicht jhr euch? Darauff ſoll D. Ecolampadius mit einem ſeufftzer geantwort haben: Gnediger Fürſt vnd Herr, Ich wolte daß mir diſe Fauſt abe wer geweſen, ehe ich hieuon ein Buch⸗ ſtaben geſchrieben“. Vgi. Gründliche Außführung ff. Marburg 1636. fol. S. 701. (In einigen Ausgaben von des Matheſius Hiſtorien Luthers ſteht zeucht ſt. zeicht, was auf einer Verwechſelung des zeihen mit ziehen beruhet, die ſchon früh hin und wieder, z. B. in Carlſtadts Schriften, vorkommt). Im 16. Jarhundert er⸗ ſcheint dieſe Formel noch öfter, namentlich bei Matheſius; im 17. Jarhundert iſt ſie mir nicht mehr begegnet. zeinen iſt in Schmalkalden der terminus technicus für das Korbflechten, außerdem bedeutet es auf den dortigen Eiſenwerken wie ſonſt überall: das Eiſen zu Stäben ſchmieden. Das Wort iſt von Zein (Zain), dünner Stab, abgeleitet. zeisen (eigentlich zaisen), zupfen, auseinander zupfen, z. B. Wolle oder Haare. In Niederheſſen unbekannt, in Oberheſſen (wo zesen geſprochen wird), Fulda und Schmalkalden allgemein üblich. Es iſt ein altes, urſprünglich reduplicierendes Verbum, und hin und wieder lautet auch noch jetzt das Participium nicht gezeiſt, ſondern gezeiſen (die Wolle iſt fertig gezeiſen“). zucken und seisen kommt auch bei W. Gerſtenberger vor: Sehminke Monim. hass. 2,363. Schmeller 4, 287. Zeite fem. (wol eher Zeute, ſ. u.), die hervorragende Mündung der Brunnenröhre, die ausgehogene Mündung (Schauze) eines Gefäßes; in den Zeitlose — hezemcn. 467 Städten wird der Röhrbrunnen geradezu (ſynekdochiſch) die Zeite genannt. „Die Mägde ſtehen an der Zeite“; „Zeitengeſchwätz“. In ganz Heſſen üblich; nur wird im Fuldaiſchen und Schmalkaldiſchen Zott geſprochen; dieſe Form hat auch E. Alberus: „ein Zott, fistula“, Friſch 2, 481 „Zote, vulgo die Röhre an einer Kanne, labus“, und Schmeller 4, 296 als „Zutte“ aus Aſchaffenburg und eben als „Zott“ von der Rhön. Klein Prov. Wb. 2, 250 hat als Henne⸗ bergiſch Züttich, die Mündung des Halſes an einem Krug oder Flaſche; bei Reinwald fehlt das Wort. Zeitenwaßer wird ſehr gewöhnlich dem Brunnenwaßer (Quellwaßer) als das ſchlechtere, weil durch lange Leitungsröhren gelaufene und halb abge⸗ ſtandene, entgegengeſetzt. Das Wort, welches auf einen nicht allzu großen Umkreiß beſchränkt zu ſein ſcheint, iſt offenbar daſſelbe, was Strodtmann Id. Osnabr. S. 249 als Töte, Richey Id. Hamb. als Teute in der Bedeutung Bierkanne aufführen, vgl. Brem. WB. 5, 56 —57, und es iſt dieſes T6te, Teute, holl. Tuyt, ein niederdeutſches Sprachelement, bei uns nur mit hochdeutſchem Anlaut verſehen worden. Zeitlose fem. iſt in dem gemeinhochdeutſchen Sinn, als Name der Pflanze colchicum autumnale, nicht volksüblich; die Pflanze heißt gewöhnlich „nackte Jungfer“, im Schmalkaldiſchen „Schulblume“, oder auch bloß „Herbſt⸗ blume“, welche letztere Benennung ſchon Alberus hat. In der ältern Zeit muß jedoch dieſer Name üblich geweſen, und die Blume ganz allgemein für eine vor⸗ züglich ſchöne gehalten worden ſein, denn ſie erſcheint in einem Gedichte, deſſen Urſprung auf Heſſen hinweiſt („Die Erlöſung“, 1858 von Burtſch her⸗ ausgegeben), in Verbindung mit Lilien, Violen und Roſen (v. 2529. 5709); in erſterer Stelle wird die Jungfrau Maria „du zarte zulosa“ genannt, in der andern blühen die genannten Blumen der Maria zu Ehren. Vgl. W. Grimm Goldene Schmiede S. XLIII. Daher kam es, daß im 15. 16. und noch im 17. Jarhundert Zeitlose ein in Heſſen ziemlich üblicher Frauenname war; ſo hieß die Letzte des Stammes der Riedeſel (Ritesel) zu Josbach, verheiratet an Rein⸗ hard Schenk zu Schweinsberg, Zeitloſe († nach 1610). Der Name muß die außer der Zeit blühende Blume bedeuten; man ſcheint jedoch unter dieſem Namen auch noch andere Blumen, z. B. bellis perennis, den Crocus, ſogar die Narciſſen u. dgl., verſtanden zu haben (Schmeller 4, 203; Alberus Dict. Bl. EEda), wenn auch der älteſte Gebrauch des Wortes beſtimmt auf den Hermodactylus, eine Art Colchicum, hinweiſt. Auffallend iſt es, daß die Blume, früher in Ehren ſtehend, jetzt mit dem, doch wol als Schmachwort zu verſtehenden, Namen „nackte Jungfer“, auch: „nackte Hure“ belegt wird. 7 J, hezemen, meiſt nur in der Form bezemen laszen (einen), iſt noch jetzt in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Gegenden Heſſens, ſo wie in deren Grenzbezirken theils üblich theils wenigſtens verſtändlich. „Nach 5 tagen ſei ſie einmal mit ihrer lehrmeiſterin in den Wald gegangen, ſei ein Ding wie ein ſchwarz Pferd zu ihnen kommen, hab die Fraw geſagt, ſchweige du ſtill vnd laß mich mit ihm bezehmen, vnd ſie allein gelaſſen“. Frankenberger Hexenproceſſ⸗ acten v. 1648 (wider die Dietzen Elſe aus Bottendorf, Ausſage derfelben). Auch bei B. Waldis erſcheint „einen bezemen laßen“ öfter, z. B. „er ſprach, laß mich ein weil bezemen (: nemen) das ich mein teſtament mög machen“ 3, 25; einmal jedoch auch auffallender Weiſe mit dem Dativ: „bei mir laſſend dir wol bezemen“ 2, 26; indes hat den Dativ auch Richey S. 306 (late dem betämen). 30* 468 Zergen — Liege. Es iſt dieß aus Luthers Bibelüberſetzung (2. Sam. 16, 11, vgl. D. v. Stade Erläuterung ꝛc. S. 130 f.) bekannte Wort ein dem Worte ziemen, geziemen (w. ſ.) paralleles intranſitives (nicht tranſitives, und mit bezähmen, domare, nicht zu verwechſelndes) Verbum, in der Bedeutung: ſich in dem Zu⸗ ſtande, welcher uns anſteht (ziemt) befinden; ſich eines Dinges ziemen be⸗ deutet: die Sache für ſich paſſend, angemeßen halten, wie mir die Formel „der arme Mann zemt ſich keines Bratens“ aus dem Volksmunde (doch freilich nicht in Heſſen) begegnet iſt, ganz eben ſo wie Richey S. 305. „Einen mit einem andern bezemen laßen“ bedeutet mithin: einen mit dem andern fertig werden laßen, wie es ihm gut dünkt, ihn mit dem andern ſich verſtändigen, zurecht kommen laßen, wie auch Luthers Formel den Sinn hat: laß ihn ſeiner Luſt zu fluchen, die er nun einmal hat, folgen. Vgl. Schmeller 4, 259. Strodtmmann Id. Osnabr. S. 383. Brem. WB. 5, 17. Schütze Holſt. Id. 1, 96. Stieler S. 2594. Sicherlich iſt bezemen kein anderes Wort als zimen, gezimen, ſondern nur die niederdeutſche Form deſſelben. Jedenfalls hat es Grimm WB. 1,1794 irrig nnter „bezähmen, domare“, wenn er auch die Bedeutung und den Gebrauch von bezemen vollkommen richtig angibt. Vgl. Müller mhd. WB. 3, 889. Vgl. geziemen. zergen, in bösartiger Weiſe necken, zum Zorn reizen durch wiederholte aufregende Neckerei. „den Hund (oder an dem Hund) zergen“; „zerg nicht an dem Kind“; „der böſe Junge lann das zergen nicht laßen“. Das Wort iſt allgemein, in der Form terjen auch in den niederdeutſchen Bezirken üblich. Reinwald Henneb. Id. 1, 199. 2, 145. Auch in Naßau (Schmidt weſterw. Id. S. 336) und am Rhein iſt es üblich (Klein Prov. WB.), in der Graf⸗ ſchaft Hohenſtein (Journ. v. u. f. D. 1786, 2, 118), kommt in der holländiſchen Sprache vor, und iſt ein altes Wort: tergen, irritare, Hoffmann horae beig. 7, 35. zetten, ſtreuen, zerſtreuen; meiſt von dem Auseinanderwerfen der Gras⸗ ſchwaden (wofür auch ziſſeln gebraucht wird) und der Düngerhaufen auf dem Acker (Miſt zetten, aber auch Miſt breiten) gebräuchlich. Schmidt weſterw. Id. S. 338. Stalder ſchw. Id. 2, 469. Zetter fem., Deichſel, zumal die Vordeichſel, an welche das vordere unter einem Joch gehende Ochſenpaar angeſpannt wird. Im Fuldaiſchen, um Schlüchtern, Steinau, Schwarzenfels üblich, wie in Baiern, wo zieter geſprochen wird. Das Wort iſt aus ziuh-triu, Ziehholz, Ziehbaum, entſtanden, und dem⸗ nach, gleich dem identiſchen niederdeutſchen tüder, ſicher uralt. Schmeller 4, 295. Zeitſchr. für heſſ. Geſch. u. Landesk. 4, 103. Zeuna, ein Frauenname, welcher ſich in älterer Zeit hin und wieder in Heſſen, zumal im Baunagrunde, fand, und hier (in Altenbauna) noch im Jahr 1720 vorkam. Es iſt derſelbe ſonſt unerhört, auch vielleicht entſtellt, aber auf keinen Fall ein latiniſierter, ſondern ein deutſcher Name. Ziege fem., geſprochen Zege, iſt in Niederheſſen üblicher, als Geiß. Emmerich in ſeinen Frankenberger Gewonheiten, schmincke Monim. hass. 2, 698 ſchreibt tzigeln, S. 707 ſogar tzeygeln. 1550 führte ein Einwohner in Frankenberg den Namen Zacharias Zigelnheupt. Eine auffallend magere Perſon, namentlich eine Frauensperſon, wird ſcherzend, aber auch ſchimpfend eine Ziege, eine dürre Ziege genannt, das Schimpfwort für die Schneider iſt Ziegenbock (Geißbock giit für etwas derber Liegenschinder — zijöne. 469 ſchimpfend); eine auffallend dürftige Wohnung wird mit Ziegenſtall bezeichnet, und eine dunkle und enge Straße in der Unterneuſtadt in Kaſſel führt den Namen „im Ziegenſtall“, nach der Veränderung der Straßennamen durch L. Friedrich II. zwar officiell den Namen „St. Chriſtophs Straße“, welchen indes im gemeinen Leben niemand kennt, geſchweige denn gebraucht. Daß das Wort in Heſſen von älteſter Zeit her das herſchende, Geiß nicht oder doch wenig üblich geweſen iſt, beweiſen die uralten Namen Ziegenhain, Ziegenberg und Ziegenhagen, während kein einziger heſſiſcher Ortsname mit Geiß componiert iſt (Obergeis und Geismar ſind ganz andern Stammes, ſ. d.). Nur hin und wieder finden ſich Berge, welche Geißkopf heißen. Im Fuldaiſchen bis nach Hersfeld und in Oberheſſen iſt dagegen Geiß üblicher als Ziege, und nur die jungen Geißen heißen Zickel, Zecke; in Niederheſſen heißen ſie Zickelämmchen. Redensart: „er hats innerlich, wie die Ziegen“ von einer Perſon, welche unbedeutend iſt, durchaus kein Aeußeres beſitzt, dennoch aber für klug, einſichtig, geiſtig bedeutend gelten will, ohne dieſe angebliche Klugheit an den Tag geben zu können. „Das iſt ſo feſt wie Ziegenhain“, Redensart, um die Unabänderlichkeit eines Beſchlußes, in mehr eigentlicher Bedeutung auch die Feſtigkeit, Dauerhaftigkeit eines Productes, einer Arbeit, z. B. eines Baues u. dgl. zu bezeichnen. Hergenommen von der ehemaligen Feſtungsbeſchaffenheit des Städtchens Ziegenhain, welches, weil leicht unter Waßer zu ſetzen, für unein⸗ nehmbar galt, iſt dieſe Redensart, ehedem ungemein üblich, jetzt ſchon im Er⸗ löſchen und wird nach Ablauf eines Decenniums wol gänzlich vergeßen ſein. Ziegenschinder heißt in Schmalkalden der Nordoſtwind, weil er den Ziegen im hohen Grade empfindlich iſt. Ziegling. „Ihr Mann hatte die Staudingerſche gefragt, ob Sie dem Mägdgen welches ſie lahm behext, wieder helffen könne, darauff ſie ihm geant⸗ worktek, er ſolte Reichardt von Schrick vnd die dicke Schmiddin am Steinweg brauchen, die möchten ihm vielleicht helffen können, die Schmiddin wehre ein Ziegling, weil er nuhn die Hexe befragt, hab ihn der Oberſchultheis ins ge⸗ fangnüs geſetzt“. Marb. Hexenproceſſacten von 1655. Dieſes ſonſt nicht erfindliche Wort muß die eigentümliche Bezeichnung einer Perſon geweſen ſein, welcher die Kraft zu heilen, namentlich Schadenzauber zu heilen, eigen geweſen iſt; die Hexen verſicherten völlig einſtimmig, ſie könnten den Schaden den ſie angerichtet, nicht ſelbſt wieder heilen. Das Wort muß von zeugen abgeleitet ſein, und dieſes Wort wol „etwas ausrichten, zu Stande bringen“ im Gegenſatz gegen die zer⸗ ſtörende Wirkſamkeit des Zaubers, bedeutet haben. Zichbetzel fem., die weiße (an der Schwalm: blaue) Obermütze, welche die Frauen auf den Dörfern in Heſſen über die eigentliche Mütze ziehen (hin und wieder ſo, daß dann noch ein ſchwarzſamtnes Mützchen auf die Zieh⸗ betzel geſetzt wird), wenn ſie zum h. Abendmal gehen oder einen Leichenzug be⸗ gleiten. Der Ausdruck iſt nur in Mittelheſſen üblich, anderwärts heißt die Ziehbetzel entweder nach ihrem Urſprung Schleier, oder auch Stülpe; letztere Benennung kommt, wo jene ſchwarzen Mützen üblich ſind, dieſen zu. geziemen, ſich in Ruhe, in ſeinem angemeßenen Zuſtande befinden, ungehindert ſein. „Er, ſin Erben noch Niemandt von ſinent wegen ſollen auch fürter mehr keinerley Gerechtigkeit, forderunge noch anſprache daran haben noch behalten in keiner wiſe, ſündern die Herren damide gäntzlichen geziemen vnd ongehindert gewerden laſſen“. Schiedſpruch von 1467 bei Lennep Leihe zu Land⸗ ſiedelrecht Cod. prob. S. 243. S. besemen, deſſelben Sinnes. zijone ſ. Jäne. 470 Zimber — Zils. zimber, Adjectivum und Adverbium, in Oberheſſen gewöhnlich anſtatt des gemeinhochdeutſchen zimperlich: „das Kind iſt gar ein zimber Dingelchen“ iſt gar ein zartes, zärtliches Weſen; „du mußt den Käs zimber eßen“, d. h. in kleinen Stückchen, nicht dem Brode gleich in Brocken. Zime kem, Katze, in der Diemelgegend neben Minze gebräuchlich. Zimmermann iſt in manchen Gegenden, z. B. von Oberheſſen, einer von den Namen, mit welchen das Fhalangium opilio (Müllermaler ſ. d.) bezeichnet wird; hier und da kommen nämlich noch andere, wie es ſcheint, ziemlich willkürlich gewählte Namen für dieſes Thier vor, z. B. Ackermann, Zackermann, Zappelmann u. dgl. zingern, auch mitunter zingeln, bezeichnet das ſchmerzhafte Gefühl, welches die in der Kälte erſtarrten Hände durchzieht, ſobald ſie plötzlich in eine warme Temperatur kommen, oder wenn die Glieder „eingeſchlafen“ ſind: „die Hände zingern mir“, oder: „es zingert mich mein Fuß“, „die Hände zingern mich“. Außerdem wird es auch zuweilen von dem Brennen auf der Zunge, welches von ſcharfen Speiſen, vom Pfeffer u. dgl. bewirkt wird, gebraucht. „Sie hat ſie (die Fiſche) gar wol gepfiffert, ſie zingern rechtſchaffen“. O. Melandri Jocoseria. Lich 1604. 8. no. 533. S. 488 (Schmalk. 1611.12. 2,133. S. 169). Eben ſo auch in Baiern. Schmeller 4, 270. Das Wort hat mit Zange eine Wurzel (zinge, zung, zungen), und es iſt deshalb fehlerhaft, es ſengeln (Schmidt Weſterw. Id. S. 218, Klein Prov. 2B. 2,155) oder gar ſonkeln (Reinwald henneb. Id. 1, 155) zu ſprechen. E t⸗ Zinkel msc., ein einzelnes Reis, kleiner Zweig. Fulda. Gerinkel neutr., Reiſig. Marburg. Vgl. Schottel S. 1448. Zankel msc., langer dünner, hervorſtehender oder herabhängender Zweig. Haungrund. Zinkel iſt das Deminutiv von goth. käins, ahd. zein, Zweig, Rute. Vgl. seinen und zinn. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landest. 4, 103. Zinn kem., gewöhnlich im Deminutiv Zinnchen, Handkorb mit Henkel und Deckel; marburgiſche Ausſprache des goth. lainjö, ahd. zeinna, oberdeutſch Zaine. Dieß in Oberdeutſchland ſehr gewöhnliche Wort (Klein Prov. WB. 2, 241; Schmeller 4, 265; Stalder ſchweiz. Id. 2, 468) iſt in Heſſen nur in Marburg (wenn nicht etwa in Schmalkalden, da Reinwald 2, 147 das Wort hat; im Leben iſt es mir dort nicht vorgekommen) und in deſſen nächſter Umgebung üblich, und zwar für die ſo eben bezeichneten Körbe ausſchließlich, ſo daß das Fremdwort Korb nur für unbedeckte Körbe mit Griffen, z. B. die zur Wäſche, zur Aufſamlung des Kehrichts beſtimten, gebraucht wird. S. Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Lk. 4, 103. Vgl. zeinen, Zinkel. Zins mse. und Zinse kem., erſteres in Oberheſſen und Fulda, letzteres in Niederheſſen üblicher; in älterer Zeit hatte nur das Masculinum Geltung, wie auch im Munde des Volkes in den üderwiegend meiſten Gegenden Deutſchlands noch jetzt. Das Wort iſt ſchon in ſehr alter Zeit aus dem lat. ceusus in die deutſche Sprache herüber genommen worden. Bauzins, Abgabe von Häuſern. „Ich Volpracht von Kerenbach — be⸗ kennen — das wir vnd vnſer Erben geben ſollen den erbaren geiſtlichen Jung⸗ frawen der Aptiſchen — von Caldern zu rechtem buwen zinß zwelff ſchilling pfennig geldes — von der hobeſtadt zu Marburg in der Werdergaſſen gelegen“. Urk. v. 1019. Zinserlich — Ziwwe. 471 Bodensins, Grundzins. „Sechs pfennige geldes erpliches vnd ewiges bodenzinſes vß den drei ſchilling pfennig geldes, die wir han vff dem hauß, Keller vnd Hobeſtadt zu Marburg. Urk. v. 1388. „von altem erſtem erplichen Bodenzins. Urk. v. 1401. „wei Pfund Heller zu rechtem altem erſtem Bodenzins. Urk. v. 1404. widerkäufliche Zinsen, Capitalzinſen, den erblichen Zinſen (Bauzins, Bodenzins) gegenüber. zinserlich wird hin und wieder ſo gebraucht wie das gemeinhochdeutſche zimperlich, zärtlich, ſchwächlich, arbeitsſcheu. Reinwald 1, 201. 2, 147. Ein altes Wort: zinzerlich. Schmeller 4, 276. W. Müller mittelh. WB. 3, 901. Zipfe msc., gewöhnlich Zippe und Zippen geſprochen, wie gemeinhoch⸗ deutſch. Redensart älterer Zeit: „dem Schalk die Zippen abſchneiden“, dem Narren ſeine Narrenkleidnng zerſtören, d. h. der Büberei durch eine ernſtliche Handlung ein Ende machen. „wo ſich ein beuelhaber nit allenthalben wol vorſihet, vnd dem ſchalck den zyppen abſchneit, mag er ſich leichtlich verlauffen“. J. Ferrarius von dem gemeinen nitz. 1533. 4. Bl. 23b. Vue verzippeln, einzeln verſtreuen; „ich habe mein Geld ſo verzippelt ausgegeben“; „er hat ſein Gut verzippelt“ vereinzelt; „wir wollen uns doch nicht verzippeln“ vereinzeln, ſo daß wir uns verlieren, einander nicht wieder finden. Die Theilnehmer an einer Verſamlung, die Schulkinder kommen „ver⸗ zippelt“. Hier ſteht der Zippel dem Ganzen erkennbar gegenüber. Schmidt Weſterw. Id. S. 314. Zipolle fem., Zwiebel, meiſt im ſächſiſchen Heſſen, doch auch ander⸗ wärts üblich. Sehr ſelten wird Zwiebel, meiſtens Zippel, Zibbel geſprochen. Zisz (oder wol eher Ziss?) kem. heißt im Fuldaiſchen, im Haungrund, bis nach Hersfeld hin und darüber hinaus, das Weibchen der Katzen, Kaninchen, Haſen, Eichhörnchen. Schmeller 4, 289 hat das Wort von der Röhn, aber als bloßes Rufwort. zisseln, aus einander ſtreuen, ausſchütteln. Das in Schwaden liegende Gras wird, damit es dürr (zu Heu, Grummet) werden könne, geziſſelt, welches ſowol mit der Hand wie mit dem Rechen geſchieht. „Den Rock ziſſeln“, ſignificante Bewegung der Weiber niedrigſten Standes, um eine gewiſſe Einladung zu bezeichnen. Marb. Hexenpr. A. v. 1655. verziſſeln, verſtreuen, verlieren. Vgl. Schmidt Weſterw. Id. S. 338— 339. ausziſſeln, z. B. das Tiſchtuch, um die Krumen abzuſtreuen, ſchütteln. Alle dieſe Ausdrücke ſind allgemein üblich. zisseln ſcheint übrigens ein Frequentativum von zeisen (ſ. d.) zu ſein. ziwes, zumal, beſonders. „Es iſt nicht gut, viel Leut am Tiſch haben, ziwes bei der theuren Zeit“. Oberheſſiſcher, beſonders ſüdlich von Marburg einheimiſcher Ausdruck. Ziwwe fem., Hündin. In ganz Nieder⸗ und Oberheſſen die gebräuch⸗ liche Bezeichnung, während Hündin niemals gebraucht wird. Es iſt die halb niederdeutſche Form des hochdeutſchen zoha, niederdeutſch teue, canicula (Diutiska 2, 204a). Im Fuldaer Land heißt die Hündin Zopp. Schmeller 4, 277, welches gleichfalls ein altes Wort iſt, indes doch wol zu demſelben Stamm ge⸗ hört, welchem Zoha und Tewe angehören. In den niederdeutſchen Bezirken Heſſens hört man auch téwe fem., es wird aber dieß Wort dann auch als epiedenum, für Hund überhaupt, gebraucht 472 Zogen — züchten. (nicht vorzüglich für den männlichen Hund, wie nach Schambach S. 229 in Göttingen ꝛc.). In allen dieſen Formen iſt das Wort eine ſchimpfende Bezeichnung für eine lüderliche Weibsperſon; ſtärker: läufiſche Ziwwe. Vgl. Zeitſchrift für heſſ. Geſch. u. Landeskunde 4, 103. zogen, übel behandeln, eigentlich: hin und her ziehen, zerren, wie Nibel. 466, 2 u. a. St. Ein altes, ehedem hier wie überall übliches Wort, jetzt ſelbſt im Volksmunde ausgeſtorben. Schmeller 4, 235. Gezog msc. Hader mit Thätlichkeiten, Schlägerei; „daß her eynen gezog erhabin hatte“. Bußregiſter des 15. Ih. in der Zeitſchr. f. heſſ. Geſch. u. Landeskunde 2, 373 u. a. St. zoglich, ſich zoglich gegen jemanden ſtellen, Thätlichkeiten gegen jemanden verüben oder wenigſtens zu verüben im Begriff ſein. Ebdſ. zöpeln (zoepeln), empfindlich züchtigen. Nur im Schmalkaldiſchen üblich. Reinwald Henneb. Id. 1, 201. Zopf msc., 1) wie gemeinhochdeutſch. 2) das Geäſte des Baumes, im Gegenſatz gegen den Baumſtamm. Zopfreisig, im Gegenſatz von Stammreiſig, hier wie faſt überall in Deutſchland. In den niederdeutſchen Bezirken wird iop eben ſo gebraucht, es bezeichnet aber vorzugsweiſe nur die Spitze, den äußerſten Gipfel des Baumes, und ſodann auch die Spitze eines einzelnen Baumaſtes. zöschen, auch wol zotschen geſprochen, mit nicht genug gehobenen Füßen auf dem Boden hin rutſchen, ſchlurfen, die Füße ſchleifen; nachzöschen, nachgezotscht kommen, langſam und zu ſpät hinterdrein kommen. Reinwald 1, 202. 2, 143. Nur im Schmalkaldiſchen üblich. zubringen, verderben, vernichten; „bring das liebe Brod nicht ſo zu“ wird zu dem Kinde geſagt, wenn es das Brod verkrümelt, anſtatt es zu eßen. In Marburger Criminalproceſſ⸗Acten von 1680 rät ein Schwängerer dem von ihm geſchwängerten Mädchen, „es ſolle das Kind zubringen“, ein Rat, welcher von der Unglücklichen nur zu buchſtäblich befolgt wurde, ſo daß ſie (freilich als die Letzte in Heſſen) mit der Todesſtrafe des Säckens belegt wurde. züchten, in ganz Heſſen wie in dem gröſten Theil des übrigen Deutſch⸗ lands: der Braut am Hochzeittag, der jungfräulichen Gevatterin bei der Taufe als Geſellſchafterin unter dem Kranze, dem Aufſatz, Schapel (als Züchtmägde, Scheppelmägde, Schnatzmägde, d. i. Kranzjungfrauen) zur Seite ſtehen. Die Sitte, durch welche dieſes Wort entſtanden iſt, iſt jedoch ſchon am Ende des vorigen Jarhunderts faſt, in dem gegenwärtigen Jarhundert gänzlich erloſchen. Dieſe Mädchen mußten nämlich in beſcheidener, durch Zucht und Sitte gebotener Ferne und Enthaltſamkeit von dem Gaſtmahl ſtehen, und durften mit der Ge⸗ ſamtheit der Gäſte zugleich weder eßen noch trinken; vgl. Friſch 2, 483: „züchten, abstinere pudoris causa, als einige bei den Hochzeiten unter den Jungfern und Frauen prangen, modestum se praebere, os egregie ducere“; und Eſtor d. Rechtsgel. 3, 1423: „züchten, nicht eſſen, nicht trincken auf hochzeiten“. Zeſen braucht in der Aſſenat (1672) S. 191 züchten ſynonym mit prunken und ernſten; Fiſchart aber überhaupt nicht züchten, ſondern ſchmollen, welches gleiche Bedeutung hat (Schottel Haubtſpr. S. 1404: ſchmollen, zucht halten, abstinere a risu). Vgl. zumpen. In uneigentlichem Sinne wird das Wort für warten, harren, zumal wenn damit ein unnüßes und langweiliges Harren bezeichnet werden ſoll, ſehr häufig Zuge — zützen. 473 gebraucht. So ſchon bei Luther: „mußten alle Juden ſich zichten, bis das er (Chriſtus) kam“. Ausl. des 7. Cap. des 1. Br. an die Korinther. 1523. (Jen. Ausg. 1555 2, 293b). Zuge fem. Das Eiſenwerk an der Zetter. Fulda. Aehnlich iſt Gezoeg neutr., im Schwarzenfelſiſchen die Kette, welche den Pfluggrendel (Pflugrähe) an den Pflugkarren, und zwar an den Pfälf (Schemel, Aftertrach) befeſtigt; übrigens auch, ähnlich wie im Fuldaiſchen, das Kettenglied, durch welches die Zelter mit dem Widerſcheit verbunden wird. zugehen, der elliptiſche, ausſchließlich gebräuchliche Ausdruck für: zum h. Abendmal gehen, namentlich auch für: zum erſten Mal zum Abendmal gehen; „ich bin vor zwei Jahren zugegangen“, ſtatt in der Kirchenſprache: „ich bin vor zwei Jahren confirmiert worden“. Letzteres Fremdwort iſt durchaus nicht volks⸗ üblich. zuckeln, ſäumig, zögernd, langſam gehen. nachzuckeln, aus Nach⸗ läßigkeit, Trägheit, hintennach kommen, zu ſpät kommen. Schottel Haubtſpr. S. 1449. In Niederheſſen am üblichſten; im Schmalkaldiſchen und Fuldaiſchen lieber zotten, nachzotten, zotteln. zulchen, müßig herumſtreichen; „mit einer Geſellſchaft angezulcht kommen; auch in dem Sinne, in welchem ſonſt dinſen gebraucht wird: „ſich mit einer (unehrbaren) Perſon zulchen“, „ein Gesulch mit ihr haben“. Daher denn Zulch fem., ein lüderliches Weibsbild. Fulda. In Oberheſſen iſt das Verbum zwar nicht üblich, wol aber ein aus dem Participium gebildetes Adjectivum verzolcht, welches bedeutet: verſchleudert, verloren, verſchuldet, dem Untergang anheimgefallen. zumpen ſoll „in einigen Ortſchaften an der Grenze des Darmſtädtiſchen“ in dem Sinne von züchten (ſ. d.) üblich ſein. Ich zweifle kaum an der Richtig⸗ keit dieſer mir vor langen Jahren gemachten unbeſtimten Mitteilung, da das Wort in dem angegebenen Sinne in der That auf dem Vogelsberge vorkommt. zupfen, 1) zupfen gehen, ſchmarotzen, und zwar ſo, daß man unter irgend einem Vorwand einen Gaſt bei einem Gelag aufſucht, um bei dieſer Ge⸗ legerheit einen guten Bißen zu erſchnappen. Sache und Bezeichnung findet ſich nur im Schmalkaldiſchen. Reinwald 1, 202 u. 58. 2) zoppen, abzoppen, ukzoppen, abzucken, eine Pauſe machen, zumal im Trinken: „er trinkt einen Schoppen Bier, ohne uff zu zoppen“. Hünfeld, Haun⸗ grund, Hersfeld. Zuschlag msc., Kundſchaft eines Wirtes, eines Handwerkers, Kauf⸗ manns. „das Wirtshaus hat guten Zuſchlag“, d. h. wird ſtark beſucht. Ueberall üblich. zusetzen, der Zuſage entſprechen, das Verſprechen halten. „1 fl. wird Friedrich Ausrißer zu Steinerzhauſen geſtraft, das er dem Wirt zu Caldern etzliches geltz zu bezahlen bei benampter bueß mit Handtgelobnuß zugeſagt vnd demſelben nicht zugeſetzt hat“. Wetterer Bußregiſter 1591. Das Wort wird noch jetzt zuweilen in dieſer Bedeutung gebraucht; ſonſt aber wie gemeinhochdeutſch. zustellen. Sehr üblich in der Redensart: „einer ein Kind zuſtellen“, ſie ſchwängern. Schmidt weſterw. Id. S. 7 hat in dieſem Sinne „anſtellen“, hier nicht üblich. zützen, ſaugen an der Mutterbruſt, von Kindern und jungen Thieren In Schmalkaldiſchen gebräuchlich, wo auch das ſonſt dem Volke nicht geläuſige. 471 Zwackel — zwiden. Wort Zitse, Warze der Mutterbruſt, gehört wird. Reinwald hat zwar zützen nicht, wol aber 2, 150 Zutzglas und Zutzlappe, welche Wörter das Verbum zützen vorausſetzen. Zwackel kem., gabelförmiger Aſt, zweiſpitziger Berg, und überhaupt Gabel; ſehr üblich im Fuldaer Land, wie ſchon Schmeller 4, 300 angemerkt hat. die Eberszwackel, bekannte Ruine der Burg Ebersberg in der hohen Rhön, durch ihre zwei hohen Thürme weithin ausgezeichnet. Zwalger fem., Gabel an Gewächſen, gabelförmige Aeſte. Haungrund. Vgl. Zwackel. Zwehle fem., niederdeutſch, in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Be⸗ zirken Tweile, Tiſchtuch, Tuch aus linnenem Bildzeug, welches die Frauens⸗ perſonen auf den Dörfern beim Gehen über Feld, zumal bei dem Gehen zu Markte, über Kopf und Köze hängen. Iſt außer der Diemelgegend nur noch in der Gegend von Kaſſel bis an die untere Schwalm (Wabern) üblich. „Von den Zweln zu waſchen“. Wolfhager Rechnung von 1563. Handzwehle, Handtuch, in Oberheſſen, Schmalkalden, Fulda, Schwarzen⸗ ſels; doch wird in Oberheſſen und im Fuldaiſchen das Wort ſchon ſo corumpiert geſprochen, daß man das Stammwort, den zweiten Theil der Compoſition, kaum noch hört, nämlich Hanswl, Hanſpel. An ſich bedeutet ahd. duahila, altſ. thushila ein Tuch um den Kärper zu duahan (thüahan, zwagen), d. h. waſchen; das Wort waſchen wurde niemals vom menſchlichen Körper, ſondern nur von Sachen (Kleidern, Linnen) gebraucht; alſo ein Tuch, um den Körper nach dem Bade, die Hände nach dem zur Malzeit unerlaßlichen Zwagen (Waſchen) abzutrocknen. zweideln (sich), ſich in zwei Theile theilen. „und wo ein bus gewist wird, das acht tornus sind, die zieidelt sich, unsern hern im stifft wird die helflte, und unsern junckern die hellte“. Salzſchlirfer Weistum von 1506 bei Grimm Weistümer 3, 376. Das Wort ſoll in dieſer Gegend noch jetzt zu⸗ weilen vorkommen. zweien, zweigen (sich), einander und miteinander, ältere einſache Form ſtatt des jetzigen Compoſiti entzweien. „Wibel theis zu vnderſt Sinbtzhauſen vnd Wibel Herman zu Ohmenaw haben ſich in theilung eines Ackers einander gezweigt“. „Matern Darmſtatt, das er ſich mit Johannes Henckeln zweigt mit wortten“. Wetterer Bußregiſter von 1583 und öfter. Das Wort wird noch jetzt ſo gebraucht, wiewol nicht ſehr häufig. Zu zweien, zweideln, Zweig, Zwiesel, Zwackel u. ſ. w, welche gleich dem Worte Zweifel das Zalwort zwei in ſich enthalten, gehört auch der Name eines Baches bei Hofgeismar, de Twiwele, der zweigeteilte Bach. Falkenheiner Städte und Stifter 2, 448. zwihbeln (zwiebeln), plagen, und zwar in der läſtigſten und empfind⸗ lichſten Art; prügeln, beſonders in ſo fern die Schläge eine Züchtigung ſein ſollen. Schmidt weſterw. Jd. S. 343. Reinwald 2, 151. zwiden, zwigen, concedere, dare, mit dem Aceuſativ der Perſon und dem Genitiv der Sache. Dieſes niederdeutſche, jetzt ausgeſtorbene, und mir auch in den ſächſiſchen und weſtfäliſchen Gegenden Heſſens bis dahin nicht vorgekom⸗ mene Wort muß ehedem auch in den niederdeutſchen Grenzbezirken von Heſſen vorgekommen ſein. Wenigſtens erſcheint es öfter in Wigand Gerſterbergers Frankenbergiſcher Chronik: „Veles ſoen genannt Loas bath den vater, das Zwieren — zwilzern. 473 er en wulde loiß geben. Beles getzwigete ſinen ſon, unde gab en ledig unde loiß“. Schminke Monim. hass. 1, 112. „das er ſie wulde erer rechten bede getzwigen ebdſ. S. 143. 2, 385 u. a. St. zwedig machen (tzwingen und tzwedig machen) geneigt machen. Ebdſ. 1, 241. Vgl. Brem. WB. 5, 143. Müller mhd. WB. 3, 958. zwieren mit Merbeln (Uellern, Wacken, Schoßern) ſpielen. Ein nur im Schmalkaldiſchen gebräuchlicher Ausdruck. Reinwald Henneb. Id. 1, 205. Vgl. Schmeller 4, 308. Zwviesel fem., gabelförmig gewachſener Aſt, wie man dergleichen zu Rechenſtielen, Sätteln u. dgl. gebraucht. Allgemein üblich, auch in der Schrift⸗ ſprache nicht ungebräuchlich. Schmeller 4, 309. Von der Gabelform, welche die Beine am menſchlichen Rumpfe bilden, und die anderwärts auch mit Zwieſel bezeichnet wird, ſcheint Zwiesel in Heſſen nicht gebraucht zu werden. Dagegen erſcheint das Wort gar nicht ſelten als geographiſche Bezeichnung: die Zwiſſel (Zweſſel), Name eines Baches in der breiten Strut, und eines Flurſtückes bei Friedrichshauſen, der Zwiſſelacker (öfter, z. B. bei Niederwald). swieselicht, zweiteilig, gabelförmig; „das zwieſelichte Thal“ am Burg⸗ wald 1560. Hierher gehören auch, wenn gleich nicht unmittelbar, indes eben ſo den Begriff der Zweiheit ausdrückend, noch manche andern Namen, wie Zwesten (noch im 16. Jarhundert oft Twesten geſchrieben), Zwest, Zwist, Zwistchen (Flurbezeichnungen), und die Namen der beiden Flüßchen Zwesterahn und Twiste. Vgl. Twiwele unter zweien. Zwick mse. (im Haungrunde Zwiek), der Strauß aus Rosmarin, künſtlichen („gebackenen“) Blumen und Bändern, welchen die Kirmesburſche und die Bräutigame, in neuerer Zeit auch die zu dem Militär gezogenen Burſche am Ausnahmetag tragen. In Altheſſen (doch mehr im Nieder⸗ als im Oberfürſtentum) und im Fuldaiſchen. Vgl. Luſtſtiel, Luſt. Möglich daß dieſes Wort nichts anderes iſt, als das gemeinhochdeutſche Zweig, welches ſonſt dem Munde des Volkes fremd, wenigſtens durchaus nicht geläufig iſt. verzwickt, verzwickst, 1) im hohen Grade verdrießlich, fatal; von Sachen gebraucht. 2) ſchlau, verſchlagen, von Perſonen gebraucht. Eben ſo auf dem Weſterwald Schmidt S. 315. zwilgen, zirpen, zwitſchern, zumal vom Laute des Sperlings gebraucht. Haungrund. zwinzen (geſprochen zweinzen), blinzen, mit den Augen zwicken. der Augenzweins, das Augenzucken. Im Schmalkaldiſchen, aber auch im öſtlichen Heſſen hin und wieder. zwirbeln, ſich im Kreiße herumdrehen; ſo am üblichſten an der untern Rhön (Kreiß Hünfeld). Schmeller 4, 308. Reinwald 1, 206. verzwirbeln, vor Ungeduld außer ſich kommen, (ſcherzhafter Weiſe) in Verzweiflung geraten wollen. Allgemein üblich. Schmidt weſterw. Id. S. 344. zwitzern, micare, palpitare, mit den Augen blinzeln, oder ſonſt zuckende Bewegungen machen: der Stern zwitzert, der Schmetterling zwitzert mit den Flügeln. Sehr allgemein. Vgl. Schottel Haubtſpr. S. 1450. Friſch 2, 489. Als ein Ausdruck für das Gehör (eine Lautbezeichnung), in welchem Sinne das Wort in der Form zwitſchern gemeinhochdeutſch geworden iſt, iſt es nicht volksüblich, wiewol dem Volke bekannt. 476 Zwitavogel — Lylunder. Zwitzvogel, Schmetterling, von dem flatternden Flug deſſelben, ſ. zwitsern. In einigen Gegenden üblich: Rotenburg, Grandenborn, Greben⸗ dorf u. a.; gewöhnlich Buttervogel. Zuweilen wird auch Zwicksvogel geſprochen. verzwunzeln, verzwinseln, wird in ähnlichem, nur noch mehr ſcherzhaften Sinne gebraucht, wie rerzwibbeln (ſ. zwibbeln). In gleichem Sinne ſagt man im Fuldaiſchen (Hünfeld) verzwatzeln; dieſe Form hat auch Schmidt Weſterw. Id. S. 315. Zylunder msc., der im Schmalkaldiſchen übliche Name von Daphne mezereum, ſonſt in Heſſen gewöhnlich Kellerhals, auch Seidelbaſt genannt, während dieſer Strauch in Süddeutſchland ähnlich wie im Schmalkaldiſchen, Zillind, Zwillind, Zeiland genannt wird. Der Name Zilunder iſt mythologiſch und trägt den Namen des Gottes der deutſchen Heidenzeit, Ziu, des Kriegsgottes, in ſich; er lautet eigentlich Ziolinta, d. i. Linde oder Baſt des Ziu, und aus dieſem Ziolinta iſt auch das Wort Seidelbaſt entſprungen. S. Grimm deutſche Mythologie 2. Ausg. S. 1144 — 1145. Als ein Curioſum muß erwähnt werden, daß Reinwald Henneb. Id. 1, 108 dieſes Wort allerdings aufführt, aber in der Form Cylinder, mit der Bemerkung „vermuthlich verfälſcht von Xylander“, und dieß meint er darum, weil der Strauch auch den Namen „Holzmännchen“ führe, während dieſer Name erſt aus dem, in Kplander von der Halbgelehrſam⸗ keit verunſtalteien Zplunder entſprungen ſein kann. Uachtrüge und Berichtigungen. S. 7. Achermännchen heißen in Oberheſſen auch die kleinen Quarzconglomerate von oft auffallend menſchenähnlicher Form und ungemeiner Härte, welche zuweilen, namentlich in der Dammerde des Uebergangsgebirges, beim Pflügen gefunden werden. Außerdem iſt Ackermann eine neben Müllermaler da und dort gebräuchliche Benennung des Phalangium opilio. S. 13. anschneiden iſt in einigen Ortſchaften der untern Werra (Ziegenhagen) noch jetzt gebräuchlich, um die Stückzahl des Weideviehes zu bezeichnen, nach welcher („nach dem Anſchneiden“) dem Hirten der Lohn beſtimt wird; die Formel iſt: „dem Schwein wird angeſchnitten“, d. h. dem Schweinhirt wird der Lohn nach ſeinem Anſchnitt, einem noch in vollem Gebrauche be⸗ findlichen Kerbholz, gegeben. S. 22. 29. baehen findet ſich im Fuldaiſchen, wie im Schmalkaldiſchen in der Bedeutung: am heißen Ofen wärmen, beſonders vom Brode gebräuchlich; der Schmalkaldiſche Baewes heißt jedoch im Fuldaiſchen nur Baehbrod. S. 23. backern, fuldaiſcher Ausdruck für ſterben, meiſt ſcherzhaft und verächtlich. Es wird zwar dieſes Wort nicht als aus der Judenſprache ent⸗ lehnt überall empfunden, ſtammt aber doch wol aus dem hebräiſchen pigger, matt, hinfällig ſein, wovon peger der Leichnam. Es gewinnt durch dieſes fuldaiſche baekern die von mit S. 30 abgelehnte Anſicht, auf die Herr Profeſſor Weigand mich aufmerkſam gemacht hat, große Warſcheinlichkeit, daß das Wort beiern (S. 30 unter 1) nur eine Verſchleifung von bekern ſein möge. S. 26. Barn msc. iſt im Fuldaiſchen noch in einer warſcheinlich ſehr alten Bedeutung üblich, aus welcher ſich die Bedeutung von Krippe, Raufe, Trog erſt entwickelt haben mag. Es bedeutet dort Barn der Theil der Scheuer, in welcher das Heu aufbewahrt wird, den Raum neben dem Tenn, wo dieſe Aufbewahrung Statt findet. I / N. l, Inn . Zu S. 40. Blatze fem., die Mohnblüte. Im Fuldaiſchen. Zu S. 55. brinen, von der Sau, hitzig ſein, nach dem Eber verlangen; hauen (S. 154) bedeutet im Fuldaiſchen die Begattung der Schweine. Zu S. 58. Büchel fem., im Fuldaiſchen die Bezeichnung der Frucht des Buchbaums, der Ecker. Letztere Bezeichnung iſt zwar im Fuldaiſchen auch bekannt, aber nicht geläuſig. 478 Nachträge und Verichtigungen. Zu S. 66. därchen, umherſchlendern, ſich müßig herumtreiben. Gedarch neutr., das müßige Umherſchlendern, Flanieren. Im Fuldaiſchen ſehr übliche Ausdrücke. Zu S. 68. Deichen (faſt wie Deichen, doch zweiſilbig geſprochen) neutr., geweihete Medaille; Abkürzung und Deminution von Agnus Dei. Fulda. S. 80. Hung iſt ein in Oberheſſen noch jetzt ſehr übliches Kinderwort, welches ein mit Butter oder Honig (Mus) beſtrichenes Stück Brod bedeutet: Butter⸗ dung, Honigdung. Die beliebteſten Dunge der Kinderwelt ſind die Reiter⸗ dunge, d. h. die mit doppelter Zuthat belegten Brode, namentlich die Honig⸗ dunge, auf welche Klümpchen Butter aufgelegt werden. S. 90. Eller, Hebamme; es iſt vergeßen worden, zu bemerken, daß in und um Hünfeld, im Haungrund, hier und da im Gebirgsteil der Grafſchaft Ziegen⸗ hain, wie auf dem Vogelsberg, die Hebamme den Kindern gegenüber ge⸗ wöhnlich Borneller genannt wird, weil ſie die Kinder aus dem Kinderbrunnen ſchöpft. Zu S. 102. Finkeljochen msc., Glas oder Schluck Brantewein. Die Bezeichnung iſt zwar im Abſterben begriffen, aber in vielen Gegenden noch verſtändlich. Sehr üblich war ſie im vorigen Jarhundert, namentlich zur Zeit des ſiebenjährigen Krieges, wie denn auch eine der komiſchen, freilich meiſt nur komiſch ſein wollenden, im Stile des alten Teſtamentes abgefaßten Beſchreibungen dieſes Krieges, übrigens unter ihnen die verhältnismäßig beſte: „Das Buch Fiſcher“ (z. B. S. 151), ſich dieſes Ausdrucks öfter bedient. Zu S. 103. fitzen, mauſen, ſtibitzen. Fulda. S. 107. flittern iſt auch anderwärts, z. B. in Kaſſel gebräuchlich, wo den zum Lachen geneigten Kindern und jungen Mädchen die Warnung erteilt zu werden pflegt: „auf ein Flitterchen gibts ein Gewitterchen“, d. h. auf gedankenloſes unaufhörliches Kichern folgt Betrübnis. Zu S. 107. Fiurtag, im Fuldaiſchen die Bezeichnung des Tages, an welchem um die Flur gewallfartet wird (meiſt Chriſti Himmelfart, oder am Bittſonntag), und an welchem denn auch die Flurwurſt, der Flurgünter, auf dieſen Tag aufgeſpart, verzehrt wird. S. 128. Glecke, in der nächſten Nähe des kaſſeliſchen Oberheſſen, in der Rabenau, wie auf dem Vogelsberg üblich, will ſich auch auf die allerneueſten Nachfragen in Oberheſſen bis jetzt nicht finden. Dagegen ſoll das Wort im Anfange dieſes Jarhunderts in der Nähe von Kaſſel (Frommershauſen, Niedervelmar), und zwar beſonders vom Wintergetreide, gebraucht worden ſein. Zu S. 158.185. Heilerjé, offenbar eine Zuſammenfügung von heilal und jö, wird noch jetzt im Fuldaiſchen als luſtiger Ausruf in Wirtshäuſern gehört. Ehedem ſoll dieſes Wort bei den Wallfarten am Charfreitag von der zu dieſen Wallfarten gehörigen vermummten Perſon fortwährend ausgerufen worden ſein. S. 177. huidern, hodern wird auch von dem hörbaren Lodern der Flamme gebraucht. S. 181. Jäne iſt in Oberheſſen oft noch Masculinum, und wird auch hier meiſt Jün geſprochen. S. 188. Kabe“wird in einzelnen oberheſſiſchen und ziegenhainiſchen Ortſchaften, wo daneben auch Held vorkommt, vorzugsweiſe von der Haferſpreu verſtanden. Nachträge und Berichtigungen. S. 214. Das Wort leiern 2) iſt in der Form lieren, auslieren (d. h. liuren, lüren) auch im Fuldaiſchen üblich: den Weich lieren, auslieren bedeutet: die ſchwarze Wäſche im Waßer ausſpülen, reinigen. S. 250. Das Wort lisse iſt in der Form Lössen plur. tant. auch im Fuldaiſchen, und in derſelben Bedeutung, wie das niederheſſiſche Lieser üblich. Zu S. 262. Markolwes iſt, wie ich jetzt nicht mehr zweifeln kann, in einigen oberheſſiſchen Dörfern der Name des Hehers. Die lateiniſche Endung (Marcolkus) beweiſt jedoch, daß der Name nicht urſprünglich volksmäßig, ſondern ein fremder Eindringling aus der Gelehrtenwelt ſein mag. Zu S. 269. Mider neutr., das Weibchen des Kaninchens. Oberheſſen. S. 274. Mullermaler iſt im Fuldaiſchen, wie in Baiern, Bezeichnung des Schmetterlings. S. 278 Durch ein Verſehen im Manuſeript iſt in dem Artikel Münster nach dem Worte „gebräuchlich“ folgende Stelle im Drucke ausgefallen: Dagegen iſt es merkwürdig genug, daß gerade einer verhältnismäßig unbedeutenden Kirche der Name Münſter bis auf dieſen Tag geblieben iſt, der zwiſchen Obermöllrich und Fritzlar liegenden Kirche, welche den Namen Frauen⸗ Münſter (entſtellt gewöhnlich: „Frau Münſterkirche“) führt. S. 300. Einen erheblichen Beleg zu dem Artitel Pfui theilt mir Herr Dr. Crecelius zu Elberfeld aus Iſenburg⸗Büdingiſchen Bußregiſtern von 1475—1482 freundlichſt mit: „Keysers Gobel hat die burgermeistern verphyet vnder ire augen“. Es ſcheint mit dieſem verphyen noch geradezu das Speien ins Angeſicht bezeichnet zu ſein; jedenfalis enthält verphyen (verpfien), wenn es auch nur „Pfui ſagen“ bedeuten ſollte, eine ſctwere Injurie. Zu S. 336. Samen msc., im Fuldaiſchen als Deminutiv: Saemchen, ſpecieller: Wintersamen, Sommersamen, iſt die in Altheſſen und Fulda aus⸗ ſchließlich geltende Bezeichnung von Brassica napus, Oelſamen, Oelſaat, Rübſamen; die Contraction aus Rübſamen: Raps, Reps, welche übrigens Adelung noch nicht kennt, iſt in Heſſen völlig unverſtändlich. Zu S. 342. schatimbern, ein fuldaiſcher Ausdruck: es schatimbert, die Sonne geht unter. Etwa aus schate, umbra, und dimber, obscurus, gebildet? S. 378. Schwein, Schweinhirte, auch wol Kuhhirte (Hirte überhaupt) findet ſich noch in mehreren dem ſächſtſchen Heſſen angrengenden Dörfern um Kaſſel und Wihzenhauſen. 479 41: Druckſehler. S. 29 Z. 1 ſind die Worte: den Namen zu ſtreichen. S. 31 Z. 9 v. u. lies Böddiger ſt. Böddingen. S. 32 . 23 fehlt zwiſchen richtiger und Birkicht das Wort als. S. 33 Z 2 v. u. muß der letzte hebräiſche Conſonant H, nicht x, ſein. S. 36 Z. 10 v. u. lies den ſtatt der. S. 38 Z. 8 v. u. lies Seckbach ſt. Steckbach., S. 42 Z. 28 ſchleiffenplawel ſt. ſchleiſſenſlawel. S. 44 Z. 8 lies Blobach ſt. Blobah. S. 55 Z. 7 lies 1582 ſt. 1852. S. 59 Z. 25 v. u. lies Höfe ſt. Höhe. S. 85 Z. 15 lies Einfart ſt. Einfort. S. 86 Z 2 lies Hueten ſt. Hunten. S. 135 Z. 21 lies graetſchelt ſt. geraetſchelt. S. 138 Z.H. v. u. fehlt hinter WB. die Ziffer 2. S. 154 Z. 19 lies Olberode ſt. Alberode. S. 160 Z. 15 lies wie ſt. nie. S. 188 J. 3 v. u. lies den ſt. der. S. 197 Z. 5 lies 1521 ſt. 1821. S. 207 Z. 21 lies Fels ſt. Feld. S. 208 Z. 1 v. u. lies Kluter ſt. Klute. S. 209 Z. A lies Ob ſt. 2. S. 215 Z. 3 ſetze hinter Erbkoden ein) ſtatt des Kommas. S. 241 Z. 24 lies dem ſt. den. S. 266 Z. 10 lies mich ſt. mich. S. 284 Z. 9 v. u. lies b3e ſt. 634. S. 298 Z. S lies denrée ſt. denré. S. 310 Z. 6 v. u. lies Niedermeiſſer ſt. Niedermeiſſen. S. 332 Z. 13 v. u. lies ziemlich ſt. heimlich. S. 341 Z. 18 v. u. lies Form ſt. Formel. (1 S. 345 Z. 7 v. u. lies Str. ſt. Nr. Is ti w