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        <title>Der Biber: Tierbeschreibung und Castoreum</title>
        <author>Anonymus</author>
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          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
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        <publisher>Fyndling.de</publisher>
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        <date when="2026-06-23">2026-06-23</date>
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          <title>Koch vnd Kellermeysterey von allen Speisen vnd Getrencken</title>
          <date when="1574">1574</date>
          <idno type="URI">https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb05/germanistik/absprache/sprachverwendung/gloning/tx/kochkell.htm</idno>
          <note>Transkription: Thomas Gloning, Universität Giessen (Digitale Edition)</note>
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        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch</language>
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        <head>Der Biber: Tierbeschreibung und Castoreum</head>
        <div type="original" xml:id="kkm-020-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#kkm-020-trans">
          <p>Vom Biber.

DEr Biber ist ein Thier/ wie ein Meerhund/ lang vnd schwanger/ hat sehr lange Zeen/ er mag nicht lang leben/ er hab dann den Schwantz im Wasser/ dann er ist halb Fleisch/ vnd das ander theil am Schwantz ist Fisch/ der Schwantz ist etwan einer Elen lang/ vnd hat viel fettigkeit in jm/ hat hinden Füss wie ein Gans/ die fördern als ein Hund. Solchs hat jn [&gt;jm] die Natur geben/ das er hinden wie ein Fisch im Wasser schwimmet/ vnd mit den förderen wie ein ander Thier gehen mag.
Des Bibers Hoden abgeschnitten/ vnd an ein dunckele statt auffgehencket/ vnd behalten zu der Artzney/ genandt Castorium/ das sein die Biberhoden/ die sein gut wider den fallenden Siechtag des Haubts/ wider den Schlag der Zungen/ sein Pulffer gelegt vnter die Zung/ daruon es zergehet vnd verstöret wird. Es benimpt auch das stechend Bauwehe [&gt;Bauchwehe] mit Essig getruncken/ vnd vertreibt die blest im leibe/ bringt der Frawen Zeit/ vnd dringt aus die ander Geburt.</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="kkm-020-trans" xml:lang="de" corresp="#kkm-020-orig">
          <p>Der Biber ist ein Tier, ähnlich einem Seehund, lang und massig gebaut. Er besitzt sehr lange Zähne. Er kann nicht lange leben, es sei denn, er hat seinen Schwanz im Wasser, denn er ist halb Fleisch, und der andere Teil am Schwanz ist Fisch. Der Schwanz ist etwa eine Elle lang und hat viel Fett in sich. Er hat hinten Füße wie eine Gans, die vorderen wie ein Hund. Solches hat ihm die Natur gegeben, dass er hinten wie ein Fisch im Wasser schwimmt und mit den vorderen Füßen wie ein anderes Tier gehen kann.</p>
          <p>Die Hoden des Bibers werden abgeschnitten, an einem dunklen Ort aufgehängt und zur Arznei, genannt Castoreum, aufbewahrt. Dies sind die Biberhoden, die gut sind gegen den fallenden Siechtag des Hauptes (Epilepsie) und gegen den Schlag der Zunge (Zungenlähmung oder Schlaganfall). Als Pulver unter die Zunge gelegt, zergeht es und vertreibt die Krankheit. Es nimmt auch das stechende Bauchweh, wenn es mit Essig getrunken wird, und vertreibt die Blähungen im Leibe. Es bringt der Frau die Zeit (Menstruation) und treibt die Nachgeburt aus.</p>
        </div>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="DEr Biber">Biber</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="Des Bibers Hoden / Castorium">Biberhoden</ingredient>
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      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#kkm-020-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern ein Bestiarium-Eintrag mit Heilkunde: eine naturkundliche Beschreibung des Bibers und der Arznei Castoreum aus seinen Drüsen. Das eigentliche Biber-Gericht steht woanders im Korpus, etwa der gekochte Biberschwanz in Wein-Gewürz-Sauce (vgl. sev-060).

Warum der Biber als Fisch galt. Der Text teilt das Tier kurzerhand in halb Fleisch, halb Fisch und betont den fetten, ellenlangen Schwanz. Das ist kein Irrtum, sondern Fasten-Logik: was im Wasser lebte, durfte in der Fastenzeit gegessen werden. Der Biberschwanz war damit ein gefragter Fasten-Braten, und genau deshalb steht der Biber in einem Kochbuch.

Castoreum. Das Bibergeil - in Wahrheit ein Drüsensekret, nicht die Hoden, auch wenn der Text sie so nennt - galt als Allheilmittel: gegen Fallsucht, Lähmung, Bauchweh und zur Geburtshilfe. Pharmazeutisch ist es heute bedeutungslos; in der Parfümerie lebt es als (meist synthetischer) Duftstoff weiter.

Praxis. Nichts nachzukochen. Biber sind in Deutschland und der EU streng geschützt und tabu. Wer die Textur des historischen Schwanzbratens probieren will, weicht auf die invasive Nutria (Sumpfbiber) aus, die der Wildhändler legal führt; zweite Wahl ist Kaninchen. Die Zubereitung steht bei sev-060.</note>
        <note type="gloss" target="#kkm-020-orig" n="Meerhund" resp="#fyndling">Historische Bezeichnung für Seehund oder Robbe.</note>
        <note type="gloss" target="#kkm-020-orig" n="schwanger" resp="#fyndling">Im frühneuhochdeutschen Kontext hier: dick, schwer, massig gebaut (nicht 'trächtig' im modernen Sinne).</note>
        <note type="gloss" target="#kkm-020-orig" n="Elen" resp="#fyndling">Elle, ein historisches Längenmaß, das je nach Region zwischen 50 und 70 cm variierte.</note>
        <note type="gloss" target="#kkm-020-orig" n="fallenden Siechtag des Haubts" resp="#fyndling">Epilepsie.</note>
        <note type="gloss" target="#kkm-020-orig" n="Schlag der Zungen" resp="#fyndling">Zungenlähmung, oft im Kontext eines Schlaganfalls.</note>
        <note type="gloss" target="#kkm-020-orig" n="Bauwehe" resp="#fyndling">Bauchweh.</note>
        <note type="gloss" target="#kkm-020-orig" n="blest im leibe" resp="#fyndling">Blähungen, Winde im Leib.</note>
        <note type="gloss" target="#kkm-020-orig" n="der Frawen Zeit" resp="#fyndling">Die Menstruation der Frau.</note>
        <note type="gloss" target="#kkm-020-orig" n="die ander Geburt" resp="#fyndling">Die Nachgeburt.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#kkm-020-orig" n="schwanger" resp="#fyndling">massig, schwer gebaut - im Frühneuhochdeutschen ein gängiger Sinn von schwanger (schwer beladen), hier auf die Statur des Tieres bezogen.</note>
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