<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Rehwurst mit Muskat und Ingwer</title>
        <author>Anonymus</author>
        <respStmt>
          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Fyndling.de</publisher>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
        </availability>
        <date when="2026-06-25">2026-06-25</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/m5919-094/</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <title>München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919</title>
          <date when="1505">1505</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.m9/TEI_SOURCE</idno>
          <note>Transkription: CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Helmut W. Klug (Hg.), Universität Graz, Ms. M9 (CC BY 4.0)</note>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <schemaRef type="interchangeODD" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.odd"/>
      <schemaRef type="interchangeRNG" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.rng"/>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, Regensburg, um 1500-1510)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="recipe" xml:id="m5919-094">
        <head>Rehwurst mit Muskat und Ingwer</head>
        <div type="original" xml:id="m5919-094-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#m5919-094-trans">
          <p>wildu machen ain gut wurst von Reheneren so nym Rerhuer vnd sweineis prat las das prat schon von Rehun vnd hastu nit sweines so nym klapprat dar= vnder vnd hack es klain dur ein ander vnd schneid speck klain wurfflat darunder vnd thue darvnder kum vnd wildu so kost ten lich haben so streich mustat dar vnder vnd nym dann einen sweinen darme vnd full dar ein vnd prot sy dann schon mach mandel vnd von wein von Imber gib es dann hin wegtt</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="m5919-094-trans" xml:lang="de" corresp="#m5919-094-orig">
          <p>Willst du eine gute Wurst machen, so nimm Rehfleisch und Schweinebraten. Löse das Fleisch schön vom Reh. Hast du kein Schweinefleisch, so nimm stattdessen Klappfleisch (minderwertiges Fleisch) dazu. Hacke alles klein durcheinander und schneide Speck klein gewürfelt darunter. Gib Kümmel hinzu. Willst du einen kräftigen Geschmack haben, so streiche Muskatnuss darunter. Nimm dann einen Schweinedarm und fülle die Masse hinein. Brate die Wurst dann schön. Mache dazu eine Sauce aus Mandeln, Wein und Ingwer und serviere es dann.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="Rerhuer">Rehfleisch</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="sweineis prat">Schweinebraten</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="klapprat">Klappfleisch</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="speck">Speck</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="kum">Kümmel</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="mustat">Muskatnuss</ingredient>
            </item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="einen sweinen darme">Schweinedarm</ingredient> - 1</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="mandel">Mandeln (für die Begleitsauce)</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="wein">Wein (für die Begleitsauce)</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="Imber">Ingwer (für die Begleitsauce)</ingredient>
            </item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
    <back>
      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#m5919-094-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Eine frische Wild-Bratwurst: mageres Rehfleisch wird mit fettem Schweinefleisch und gewürfeltem Speck gestreckt, in Schweinedarm gefüllt und gebraten - der direkte Vorfahr der Hirsch- und Reh-Bratwurst, wie sie heute beim Wildmetzger über die Theke geht, serviert mit einer süßlich-würzigen Mandel-Wein-Sauce. Sie ist der unmittelbare Zwilling von m5919-095 (Rebhuhn-Variante desselben Schreibers, gleiches Folio) und gehört zur weiteren Wurst-Familie um mar-022 (Cervelat).

Frisch gebraten, nicht gebrüht oder geräuchert. Anders als die Cervelat (mar-022, eine gebrühte Wurst) oder die Salami (mar-023, kalt geräuchert und getrocknet) ist dies eine Frischwurst zum Sofortverzehr. Der Text sagt klar prot sy dann schon ("brate sie dann schön") - keine Pökelung, keine Reifung, kein Geliermittel.

Mageres Wild braucht Fett. Reh ist sehr mager und würde als reine Wildwurst trocken und bröckelig. Deshalb der Schweinebraten und der gewürfelte Speck (speck klain wurfflat, gewürfelter Speck) - sie bringen Saft und Bindung. Als Faustzahl sollten etwa 25-30 Prozent Fettanteil in die Masse. Fehlt Schweinefleisch, nennt der Text Klappfleisch (klapprat, minderwertige Abschnitte) als Streck-Ersatz.

Bindung nur über Fett und feines Hacken. Anders als der Zwilling 095, der geriebene Semmel als Binder zugibt, kommt diese Wurst ohne Brotbinder aus - sie bindet allein über das Fett und das feine Hacken. Für eine grobe Bratwurst ist das völlig in Ordnung.

Die Sauce ist separat. Mach mandel vnd von wein von Imber ist - wie die ausdrücklich genannte salssen im Zwilling 095 - eine eigens angesetzte Mandel-Wein-Ingwer-Sauce zum Anrichten, keine Zutat in der Wurstmasse. Mandeln, Wein und Ingwer gehören also in die Sauce, nicht in die Farce. Ein eigenständiges, voll ausgeführtes Rezept genau dieser Sauce - Mandeln, Wein und weißer Ingwer - steht im Korpus als foc-127 (Kalte Mandel-Gewürz-Sauce).

Praxis. Reh und gut durchwachsenes Schweinefleisch im Verhältnis etwa 2:1 fein hacken oder grob durch den Wolf lassen, Speck in feine Würfel schneiden und unterheben, mit Kümmel und frisch geriebener Muskatnuss würzen. In gewässerten Naturdarm füllen, abdrehen und über mäßiger Glut rundum ~20-30 Minuten braten. Für die Sauce gemahlene Mandeln mit Wein angießen, mit Ingwer würzen, kurz aufkochen und zur Wurst reichen.</note>
        <note type="gloss" target="#m5919-094-orig" n="klapprat" resp="#fyndling">Klappfleisch - minderwertige Fleischabschnitte, die als Streck-Ersatz dienen, wenn kein Schweinebraten zur Hand ist. Ein echtes Metzger-Fachwort der Zeit.</note>
        <note type="gloss" target="#m5919-094-orig" n="wurfflat" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#wurfflat">Gewürfelt, in kleine Würfel geschnitten (hier auf den Speck bezogen). Das 'b' für 'w' ist eine typische mittelbairische Schreibweise dieser Zeit; im Schwesterrezept m5919-095 steht dasselbe Wort als 'wurflat'.</note>
        <note type="gloss" target="#m5919-094-orig" n="mustat" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#mustat">mustat = Muskatnuss (Status-/Importgewürz). Bei „streich mustat darunter“ wäre auch Muskatblüte (Macis) denkbar - die teurere Würze passt zum betonten „kostlich“, mit etwas Wein/Rosenwasser im Mörser zur Paste gerieben. Blankes mustat ist im Korpus aber meist die Nuss (Cgm 725: muscat vs muscatplud). Senf ist es nicht (Schreiber nutzt senft).</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#m5919-094-orig" n="reheneren / Rerhuer / Rehun" resp="#fyndling">Alle drei Formen meinen schlicht Reh bzw. Rehfleisch - es sind Schreib- und Flexionsvarianten durch die mittelbairische Orthographie des Schreibers. 'las das prat schon von Rehun' heißt 'löse das Bratfleisch sauber vom Reh'.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#m5919-094-orig" n="klapprat" resp="#fyndling">Klappfleisch, also minderwertiges oder weniger begehrtes Fleisch, das oft für Wurst oder Füllungen verwendet wurde, wenn kein hochwertigeres Fleisch zur Verfügung stand.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#m5919-094-orig" n="wurfflat" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#wurfflat">Gewürfelt, also in kleine Würfel geschnitten (auf den Speck bezogen). Das 'b' für 'w' ist eine typische mittelbairische Schreibweise dieser Zeit. Das Schwesterrezept m5919-095 hat in derselben Specksyntax 'speck klain wurflat' - auch dort gewürfelter Speck.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#m5919-094-orig" n="hin wegtt" resp="#fyndling">Stehende Schlussformel 'gib es dann hinweg' = trag es auf, gib es weiter zum Servieren. Der Zwilling m5919-095 hat wortgleich 'gib es dann hin weg'; das doppelte 't' in 094 ist eine Schreiber-Eigenheit. Da die Wurst gebraten und mit frischer Sauce gereicht wird, ist Konservierung ausgeschlossen.</note>
      </div>
    </back>
  </text>
</TEI>
