<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Martinos Leberbällchen im Netzmantel</title>
        <author>Anonymus</author>
        <respStmt>
          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Fyndling.de</publisher>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
        </availability>
        <date when="2026-06-24">2026-06-24</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mar-021/</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <title>Libro de arte coquinaria</title>
          <date when="1465">1465</date>
          <idno type="URI">https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb05/germanistik/absprache/sprachverwendung/gloning/tx/martino2.htm</idno>
          <note>Transkription: Thomas Gloning / Valeria Romanelli, Universität Giessen (Digitale Edition 2004)</note>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <schemaRef type="interchangeODD" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.odd"/>
      <schemaRef type="interchangeRNG" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.rng"/>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="it-med">Frühitalienisch (15. Jh.)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="recipe" xml:id="mar-021">
        <head>Martinos Leberbällchen im Netzmantel</head>
        <div type="original" xml:id="mar-021-orig" xml:lang="it-med" corresp="#mar-021-trans">
          <p>Per fare tomacelli.

Togli figatelli di porcho et altri figatelli et coceli allesso, ma non troppo; da poi gratali como se gratta il caso; et togli ventrescha de porcho secundo la quantità de figatelli et battila molto bene. Et togli un pocho de cascio vecchio et un pocho de cascio grasso et un pocha de maiorana et petrosillo et uva passa et spetie et doi o tre ova secundo la quantità, et pista tutte queste cose inseme con li figatelli. Et dapoi fa' li tomacelli grossi como una noce, overo como uno ovo et fascia ogniuno disperse con la rete del porcho. Dapoi coceli in la padella con bon lardo et devonosi cocere ad agio, et non siano troppo cotti.</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mar-021-trans" xml:lang="de" corresp="#mar-021-orig">
          <p>Nimm Schweineleber und andere Lebern, und siede sie, aber nicht zu lange; danach reibe sie, wie man Käse reibt; und nimm Schweinebauchfleisch entsprechend der Menge der Lebern und hacke es sehr fein. Und nimm ein wenig alten Käse und ein wenig fetten Käse, und ein wenig Majoran und Petersilie, und Rosinen und Gewürze, und zwei oder drei Eier je nach Menge, und zerstoße all diese Dinge zusammen mit den Lebern im Mörser. Und danach forme die Tomacelli so groß wie eine Walnuss oder wie ein Ei, und umwickle jede einzeln mit dem Schweinenetz. Danach brate sie in der Pfanne mit gutem Schmalz, und sie sollen langsam garen und nicht zu stark gebraten werden.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="figatelli di porcho">Schweineleber</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="altri figatelli">Andere Lebern</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ventrescha de porcho">Schweinebauchfleisch</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="cascio vecchio">Alter Käse</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="cascio grasso">Fetter Käse</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="maiorana">Majoran</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="petrosillo">Petersilie</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="uva passa">Rosinen</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="spetie">Gewürze</ingredient>
            </item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="doi o tre ova">Eier</ingredient> - 2</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="rete del porcho">Schweinenetz</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="bon lardo">Schweineschmalz</ingredient>
            </item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
    <back>
      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mar-021-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Das sind tomacelli - in Schweinenetz gewickelte Leberbällchen, gebraten in der Pfanne. Es ist die direkte italienische Schwester einer ganzen europäischen Familie: das rheinfränkische Clapworst (Leber-Adrio, rfk-033), die Klobwurst aus den Münchner Handschriften, die böhmisch-deutschen Figatelli des Bockenheim-Kochs (boc-022) und das fast wortgleiche Pfannen-Pendant aus dem Anonimo Toscano (ant-080). Heute lebt die Technik in der Crépinette, der Atriaux und im schwäbischen Netz-Adrio weiter - alles Hackfleisch- oder Innereien-Bällchen, die ihr eigenes Fettnetz als Mantel tragen.

Das Netz (rete del porcho). Das Schweinenetz (Omentum, Netzfett) ist die ganze Pointe: ein hauchdünnes, von Fettäderchen durchzogenes Häutchen, das die Bällchen formt, beim Braten schmilzt und sie von innen heraus saftig hält - eine essbare Bardierung. Beim Metzger vorbestellen (kalt halten, vor Gebrauch kurz in lauwarmem Wasser oder Wein-Wasser einweichen, damit es sich entfaltet). Ersatzweise dünne Scheiben Bauchspeck, aber das Netz ist authentisch und besser.

Leber vorgaren (coceli allesso, ma non troppo). Martino lässt die Leber zuerst kurz sieden - ma non troppo, nicht zu lange. Das macht sie fest genug, um sie wie Käse reiben zu können (gratali como se gratta il caso), und nimmt ihr die Bitterkeit. Zu langes Garen macht sie dagegen krümelig und trocken. Das Bauchfleisch dagegen kommt roh und fein gehackt (battila) dazu - sein Fett bindet die Masse.

Süß-herzhaft. Rosinen (uva passa), zwei Käse - ein alter, würziger (cascio vecchio, Parmesan/Grana) und ein junger, fetter (cascio grasso, junger Pecorino) - dazu Majoran, Petersilie und die Gewürzmischung: das ist die typische Renaissance-Achse von süß gegen herzhaft. Die Eier binden alles zu einer streichfähigen Farce.

Praxis. Auf ~500 g Leber etwa 200 g Schweinebauch, 40 g geriebenen alten plus 40 g jungen Käse, 1 EL Rosinen, je 1 EL gehackten Majoran und Petersilie, 2-3 Eier, eine kräftige Prise süße Gewürze (Zimt, Ingwer, Nelke, Muskat, Pfeffer). Leber 3-4 Minuten in siedendem Wasser blanchieren, abkühlen, reiben oder durch den Wolf. Alles zur Farce verkneten, walnuss- bis eigroße Bällchen formen, jedes in ein Stück Netz einschlagen. In der Pfanne mit reichlich Schmalz bei mittlerer Hitze ad agio (gemächlich) rundum braten - nicht zu heiß, sonst platzt das Netz und die Leber wird hart. Innen noch leicht rosa ist ideal.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-021-orig" n="figatelli" resp="#fyndling">Kleine Leberwürstchen oder Leberstücke, hier im Sinne von Leberstücken, die zu einer Farce verarbeitet werden.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-021-orig" n="ventrescha" resp="#fyndling">Schweinebauchfleisch, oft fettreich und hier zur Bindung und Geschmacksgebung verwendet.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-021-orig" n="cascio" resp="#fyndling">Käse. Hier wird zwischen altem (würzigem) und fettem Käse unterschieden.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-021-orig" n="uva passa" resp="#fyndling">Rosinen, eine typische süße Komponente in herzhaften mittelalterlichen Gerichten.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-021-orig" n="spetie" resp="#fyndling">Gewürze, eine generische Bezeichnung für eine Mischung aus gängigen Gewürzen der Zeit.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-021-orig" n="pista" resp="#fyndling">Zerstoßen oder stampfen, typischerweise in einem großen Mörser, um eine feine Farce zu erhalten.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-021-orig" n="tomacelli" resp="#fyndling">Kleine, gewürzte Bällchen aus Leber und Fleisch, in Schweinenetz gewickelt und gebraten - der Vorläufer der Crépinette und des Netz-Adrio.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-021-orig" n="rete del porcho" resp="#fyndling">Schweinenetz, das feine Fettnetz, das die inneren Organe des Schweins umgibt und zum Umwickeln von Farcen oder Fleischbällchen verwendet wird, um sie saftig zu halten.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-021-orig" n="lardo" resp="#fyndling">Schweineschmalz, ein häufig verwendetes Bratfett im Mittelalter.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mar-021-orig" n="figatelli" resp="#fyndling">„Leber“ - figatelli (von fegato, Leber) meint hier die Leberstücke selbst, die gesiedet, gerieben und zur Farce verarbeitet werden. Anderswo bezeichnet dasselbe Wort die fertigen, gebratenen Leberbällchen (so auch der Titel Per fare tomacelli): die Zutat und das Endprodukt teilen sich den Namen.</note>
      </div>
    </back>
  </text>
</TEI>
