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        <title>Gebratenes Kalbsgehirn mit süßen Gewürzen</title>
        <author>Anonymus</author>
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          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
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        <publisher>Fyndling.de</publisher>
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        <date when="2026-06-24">2026-06-24</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mar-031/</idno>
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          <title>Libro de arte coquinaria</title>
          <date when="1465">1465</date>
          <idno type="URI">https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb05/germanistik/absprache/sprachverwendung/gloning/tx/martino2.htm</idno>
          <note>Transkription: Thomas Gloning / Valeria Romanelli, Universität Giessen (Digitale Edition 2004)</note>
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        <language ident="it-med">Frühitalienisch (15. Jh.)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
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      <div type="recipe" xml:id="mar-031">
        <head>Gebratenes Kalbsgehirn mit süßen Gewürzen</head>
        <div type="original" xml:id="mar-031-orig" xml:lang="it-med" corresp="#mar-031-trans">
          <p>Per conciar el cervello d'un vitello.

Quando la testa è cotta allesso caccia fore il cervello, et rompilo molto bene. Dapoi togli doi rossi d'ova, un pocho de pepe pisto, un pocho de agresto, et un pocho di sale; et ogni cosa miscola inseme col dicto cervello. Et ponilo a frigere ne la padella con un pocho di strutto. Et como se comencia a prendere caccialo fore in una scutella, et ponvi di sopra de le spetie dulci. Et questa cosa vole essere magnata subito.</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mar-031-trans" xml:lang="de" corresp="#mar-031-orig">
          <p>Wenn der Kalbskopf gesotten ist, nimm das Gehirn heraus und zerdrücke es sehr gut. Danach nimm zwei Eigelb, etwas gemahlenen Pfeffer, etwas Verjus (unreifer Traubensaft) und etwas Salz; vermische alles zusammen mit dem Gehirn. Gib es in eine Pfanne mit etwas Schmalz und brate es. Sobald es zu stocken beginnt, nimm es heraus in eine Schüssel und streue süße Gewürze darüber. Dieses Gericht soll sofort gegessen werden.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="cervello d'un vitello">Kalbsgehirn</ingredient> - 1</item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="doi rossi d'ova">Eigelb</ingredient> - 2</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="un pocho de pepe pisto">etwas gemahlener Pfeffer</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="un pocho de agresto">etwas Verjus</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="un pocho di sale">etwas Salz</ingredient>
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            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="un pocho di strutto">etwas Schmalz</ingredient>
            </item>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="spetie dulci">süße Gewürze</ingredient>
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      </div>
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      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mar-031-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Im Kern ein gewürztes Hirn-Rührei - frisches Kalbshirn, mit Eigelb, Pfeffer, einem Spritzer Säure und Salz verrührt und in Schmalz sanft gestockt. Der nächste lebende Verwandte ist die cervelle au beurre noir der französischen Küche und das italienische cervella fritte; verfahrenstechnisch steht es einem cremigen Rührei näher als einem Braten. Es gehört in dieselbe Hirn-Familie wie das deutsche „Hirnmus mit Eiern" (vgl. rfk-066, m384-055) und das gebratene Hirn der „Guten Speise" (vgl. bgs-006); Martino entnimmt das Hirn dabei demselben gesottenen Kalbskopf, der in ri15632-015 ganz auf dem Rost geröstet wird.

Warum erst sieden? Der Kopf wird ganz pochiert (allesso), dann das Hirn herausgelöst. Das Vorgaren stabilisiert das sonst butterweiche, leicht zerfließende Hirn und macht es überhaupt erst zerdrückbar (rompilo molto bene) - roh wäre es eine schlüpfrige Masse, die in der Pfanne nur zerläuft. Das vorgekochte Hirn lässt sich dagegen wie eine Paste mit dem Ei verrühren und stockt sauber.

Die Säure. Der Spritzer agresto (Verjus, Saft unreifer Trauben) ist kein Zufall: Säure schneidet das fette, fast schon süßlich-cremige Hirn und hält die Masse frisch im Geschmack - dieselbe Logik wie Zitrone zur Kalbsmilke. Verjus ist milder und runder als Essig; ersatzweise Weißweinessig sehr sparsam oder ein paar Tropfen Zitrone.

Süße Gewürze zum Schluss. Die spetie dulci kommen erst nach dem Garen über das fertige Gericht - eine Renaissance-Mischung aus Zimt, Nelke, Muskat und Zucker. Sie sind hier kein Würzschritt im Topf, sondern das aromatische Finish, das den Charakter zwischen herzhaft und süß-würzig kippen lässt.

Praxis. Ein gesottenes Kalbshirn (vorher 20-30 Min. häuten und in Salzwasser mit etwas Verjus/Essig wässern, dann in leicht siedender Brühe ca. 15 Min. pochieren) gut zerdrücken, mit 2 Eigelb, einer Prise Pfeffer, 1-2 TL Verjus und Salz verrühren. In einer Pfanne 1 EL Schmalz (ersatzweise Butter) erhitzen, die Masse bei mittlerer Hitze unter Rühren stocken lassen - nur bis sie eben bindet (como se comencia a prendere), nicht trockenbraten. Sofort auf einen Teller, mit den süßen Gewürzen bestäuben und gleich servieren; Martino warnt ausdrücklich, dass es subito gegessen werden muss.</note>
        <note type="gloss" target="#mar-031-orig" n="allesso" resp="#fyndling">gesotten, pochiert</note>
        <note type="gloss" target="#mar-031-orig" n="pepe pisto" resp="#fyndling">gemahlener Pfeffer</note>
        <note type="gloss" target="#mar-031-orig" n="agresto" resp="#fyndling">Verjus (Saft unreifer Trauben)</note>
        <note type="gloss" target="#mar-031-orig" n="strutto" resp="#fyndling">Schmalz (tierisches Fett)</note>
        <note type="gloss" target="#mar-031-orig" n="spetie dulci" resp="#fyndling">süße Gewürze (typisch Zimt, Nelke, Muskat, Zucker)</note>
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