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        <title>Gebratene Gans nach humoraler Lehre</title>
        <author>Anonymus</author>
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          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
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        <publisher>Fyndling.de</publisher>
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        <date when="2026-06-26">2026-06-26</date>
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          <title>Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43 (CoReMA A1)</title>
          <date when="1450">1450</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.a1/TEI_SOURCE</idno>
          <note>Transkription: CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Helmut W. Klug (Hg.), Universität Graz, Ms. A1 (CC BY 4.0)</note>
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        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (bairisch, 15. Jh.)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
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      <div type="recipe" xml:id="meb-023">
        <head>Gebratene Gans nach humoraler Lehre</head>
        <div type="original" xml:id="meb-023-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#meb-023-trans">
          <p>Item Hienach volgt wie man ein ganß pratenn soll So laß sie vor zwenn oder drej tag wol hungernn das die bosen predenn die in ir sein her auß genn vnd soll sie dann nernn mit kornn vnd dar nach totte sie vnd prate sie pej dem fewerr vnd du solt dar ein stossen saluia vnd ander gut wuertz das der safft dardurch gee vnd man soll sie besprengenn mit wein oder mit essigk das daz schmaltz do vonn trieff Wann das genß schmaltz soll man nit essenn wann es macht den menschen krannck wann die feistenn kumbt vonn boeser feuchtigkeit vnd wer gesund ist der soll die gans also gebratenn essenn so schadt sie dester mynderr Wer aber krannck ist der soll wenig do von essenn Wenn man sie kocht vnd seudt in wasser so ist sie vngesund wann dann so mugenn die boesen preden nit herauß genn von verhinderung wegen des wassers</p>
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        <div type="translation" xml:id="meb-023-trans" xml:lang="de" corresp="#meb-023-orig">
          <p>Hiernach folgt, wie du eine Gans braten sollst:</p>
          <p>Lass die Gans zuvor zwei oder drei Tage gut hungern, damit die schlechten Säfte, die in ihr sind, herausgehen. Danach sollst du sie mit Korn nähren und anschließend töten. Brate sie dann bei offenem Feuer.</p>
          <p>Du sollst Salbei und andere gute Gewürze in die Gans stoßen, damit der Saft der Gans dadurch gehe. Besprenge sie mit Wein oder Essig, sodass das Schmalz davon tropft. Denn das Gänseschmalz soll man nicht essen, da es den Menschen krank macht, weil die Fettleibigkeit von böser Feuchtigkeit kommt.</p>
          <p>Wer gesund ist, der soll die Gans so gebraten essen, so schadet sie desto minder. Wer aber krank ist, der soll wenig davon essen. Wenn man sie kocht und in Wasser siedet, so ist sie ungesund, denn dann können die bösen Säfte wegen der Verhinderung durch das Wasser nicht herausgehen.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
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              <ingredient en="" commodity="" orig="ein ganß">Gans</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="kornn">Getreide (historische Mast, kein Kochschritt)</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="saluia">Salbei</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="ander gut wuertz">Gewürze (z.B. Pfeffer, Ingwer)</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="wein">Wein</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="essigk">Essig</ingredient>
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      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#meb-023-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Eine ganze Gans, am Spieß über offenem Feuer gebraten, innen mit Salbei und Gewürzen gefüllt und während des Bratens mit Wein oder Essig besprengt. Die lebende Verwandtschaft ist die Martins- und Festtagsgans: noch heute begleitet man die fette Gans mit Salbei, Beifuß oder Apfel - aromatische Beigaben, die das schwere Fleisch bekömmlicher machen sollen.

Würzung von innen: Der Schreiber lässt saluia vnd ander gut wuertz in die Bauchhöhle der Gans stoßen, das der safft dardurch gee - die aromatische Füllung und die Hitze des offenen Feuers treiben den Bratensaft und das Fett aus dem Tier heraus. Salbei zu fettem Geflügel ist periodentypisch; die verwandte Gebratene Gans oder Ente mit saurer Sauce nennt wohlriechende Kräuter im selben Sinn.

Schmalz abtropfen: Das besprengenn mit wein oder mit essigk, das daz schmaltz do vonn trieff ist zugleich Aroma und Technik - die Säure würzt, und das ablaufende Fett soll nicht am Vogel bleiben. Die verwandte ant-027 stellt dafür wörtlich eine Schale mit etwas Wasser unter den Vogel, um das Fett aufzufangen; dieselbe Methode trägt auch hier.

Praxis. Salbei und etwas Würze (Pfeffer, Ingwer, Nelken - die korpustypische Auswahl) in die Bauchhöhle geben. Die Gans am Spieß oder im offenen Dutch Oven über dem Feuer in rund 2,5 bis 3 Stunden garen, dabei regelmäßig mit Wein oder Essig besprengen und eine Fettauffangschale mit etwas Wasser darunterstellen. Keule und Schenkel vertragen mehr Hitze als die Brust - die Brust nicht übergaren. Die diätetischen Anweisungen des Schreibers (Hungern, Mästen, Schmalz meiden, nicht sieden) sind historische Gesundheitslehre, kein Kochschritt; siehe die Einordnung unten.</note>
        <note type="gloss" target="#meb-023-orig" n="Item" resp="#fyndling">Lateinisch für ‚ferner', ‚auch', ‚desgleichen'. Ein häufiger Beginn für neue Rezepte in mittelalterlichen Kochbüchern.</note>
        <note type="gloss" target="#meb-023-orig" n="bosen predenn / boeser feuchtigkeit" resp="#fyndling">Zwei Ausdrücke für dieselbe Vorstellung der mittelalterlichen Humoralpathologie: ‚schlechte Säfte, Dünste oder Ausdünstungen' im Körper des Tieres. Der Text parallelisiert die ‚bosen predenn' (zu mhd. brādem ‚Brodem, Dunst') ausdrücklich mit der ‚boeser feuchtigkeit' - durch Hungern und Braten sollen sie austreten, das Sieden in Wasser hingegen schlösse sie ein.</note>
        <note type="gloss" target="#meb-023-orig" n="saluia" resp="#fyndling">Salbei (Salvia officinalis) war ein beliebtes Kraut in der mittelalterlichen Küche, oft verwendet zu fettem Fleisch, da ihm verdauungsfördernde Eigenschaften zugeschrieben wurden.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#meb-023-orig" n="predenn" resp="#fyndling">Schlechte Säfte, Dünste oder Ausdünstungen im Sinne der Humoralpathologie - sprachlich am ehesten zu mhd. ‚brādem' (Brodem, Dunst, Ausdünstung). Der Text koppelt die ‚bosen predenn' selbst an die ‚boeser feuchtigkeit', die durch Hungern und Braten austreten und beim Sieden im Wasser eingeschlossen bleiben soll.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#meb-023-orig" n="wuertz" resp="#fyndling">Gewürze. Da Salbei (saluia) bereits explizit als Kraut genannt wird, ist es wahrscheinlich, dass hier weitere, meist importierte Gewürze wie Pfeffer, Ingwer, Nelken oder Muskat gemeint sind, die in der mittelalterlichen Küche üblich waren.</note>
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