<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Gedämpfter Karpfen mit Gewürzsauce</title>
        <author>Anonymus</author>
        <respStmt>
          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Fyndling.de</publisher>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
        </availability>
        <date when="2026-06-20">2026-06-20</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/men-178/</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <title>Le Ménagier de Paris</title>
          <date when="1393">1393</date>
          <idno type="URI">https://gitlab.huma-num.fr/bfm/bfm-textes-diffusion/-/raw/main/TEIP5-BFM/menagier.xml</idno>
          <note>Transkription: Base de Français Médiéval, ENS Lyon (Etalab Open License)</note>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <schemaRef type="interchangeODD" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.odd"/>
      <schemaRef type="interchangeRNG" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.rng"/>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="fro">Moyen Français</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="recipe" xml:id="men-178">
        <head>Gedämpfter Karpfen mit Gewürzsauce</head>
        <div type="original" xml:id="men-178-orig" xml:lang="fro" corresp="#men-178-trans">
          <p>Carpes. Aucuns aiment mieulx la laictié que l'ouvee, et e contrario. Et nota que la brehaigne vault mieulx que nulle des deux autres. La carpre qui a l'escaille blanche, et non mye jaune ne rousse, est de bonne eaue. Celle qui a gros yeulx saillans hors de la teste et le palaiz et la langue mol et onny est grasse. Item, se vous voulez porter une carpe vive par tout ung jour, entortilliez la en foing moullié et la portez le ventre dessus, en la portant sans luy donner air; c'est assavoir en bouges ou en sac. Item, a l'appareiller ostez luy l'amer qui est droictement ou gouctron de la gorge, et, ce fait, l'en peut mectre cuire la teste toute entiere et elle se cuira tout nectement. Et se l'amer n'y estoit ostee, la teste demorroit tousjours sanglante et amere. Et pour ce, quant l'amer n'est osté entier et sans crever, l'en doit tantost laver la place et froter de sel. Et se l'amer est osté entier, ne doit point laver la teste ne autre chose, maiz couvient mectre premierement boulir la teste, et assez tost apres la queue, et puis apres le remenant, et tout a petit feu. La carpe cuicte se mengue a la saulse vert. Et se demourant en y a, l'en en met en galentine. Item, carpe a l'estouffee. Primo mectez des ongnons minciez en ung pot cuire avec de l'eaue. Et quant les ongnons seront bien cuiz, gectez la teste, et assez tost apres la queue, dedens, et assez tost apres les tronçons, et couvrez fort sans ce qui s'en ysse point d'alaine. Et quant elle sera cuicte, si ayez fait vostre affaictement de gingembre, canelle et saffran, alayé de vin et ung petit de vertjus - c'est assavoir le tiers - et faictes tout boulir ensemble et bien couvert, et puis dreciez par escuelles. Nota que les Alemans dient des Françoiz qu'ilz se mectent en grant peril de mengier leurs carpes si pou cuictes. Et a l'en veu que se Françoiz et Alemans ont ung queux françoiz qui leur cuise carpes - icelles cuictes a la guise de France - les Alemans prendront leur part et la feront recuire plus assez que devant, et les Françoiz, non.</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="men-178-trans" xml:lang="de" corresp="#men-178-orig">
          <p>Manche bevorzugen den Rogen (laictié) gegenüber der Milch (ouvee), und umgekehrt. Beachte, dass der unfruchtbare Karpfen (brehaigne) besser ist als die beiden anderen. Ein Karpfen mit weißen, nicht gelben oder rötlichen Schuppen stammt aus gutem Wasser. Ein Karpfen mit großen, hervorstehenden Augen und einem weichen, feuchten Gaumen und Zunge ist fett.</p>
          <p>Wenn du einen lebenden Karpfen einen ganzen Tag lang transportieren möchtest, wickle ihn in feuchtes Heu und trage ihn mit dem Bauch nach oben, ohne ihm Luft zu geben; das heißt, in Säcken oder Beuteln.</p>
          <p>Zur Zubereitung: Entferne das Bittere (amer), das sich direkt im Kehlkopf befindet. Ist dies geschehen, kann der Kopf ganz gekocht werden, und er wird sauber garen. Wäre das Bittere nicht entfernt, bliebe der Kopf immer blutig und bitter. Wenn das Bittere nicht ganz und unversehrt entfernt wurde, wasche die Stelle sofort und reibe sie mit Salz ein. Ist das Bittere ganz entfernt, wasche weder den Kopf noch etwas anderes, sondern koche zuerst den Kopf, bald darauf den Schwanz und dann den Rest, alles bei kleiner Flamme.</p>
          <p>Der gekochte Karpfen wird mit grüner Sauce (saulse vert) gegessen. Bleibt etwas übrig, lege es in Galantine ein.</p>
          <p>Gedämpfter Karpfen (Carpe a l'estouffee): Lege zuerst fein geschnittene Zwiebeln mit Wasser in einen Topf und lasse sie kochen. Wenn die Zwiebeln gut gar sind, gib den Kopf hinein, bald darauf den Schwanz und kurz danach die Stücke des Rumpfes. Decke den Topf fest zu, sodass kein Dampf entweichen kann. Wenn der Karpfen gar ist, bereite deine Würzmischung aus Ingwer, Zimt und Safran vor, mit Wein und einem kleinen Teil Verjus - nämlich einem Drittel - vermischt. Lasse alles zusammen gut zugedeckt aufkochen und richte es dann in Schüsseln an.</p>
          <p>Beachte, dass die Deutschen über die Franzosen sagen, sie setzten sich in große Gefahr, ihre Karpfen so wenig gar zu essen. Man hat gesehen, dass, wenn Franzosen und Deutsche einen französischen Koch haben, der ihnen Karpfen nach französischer Art zubereitet, die Deutschen ihren Anteil nehmen und ihn viel länger nachkochen lassen als zuvor, die Franzosen jedoch nicht.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="Carpes">ganzer Karpfen</ingredient> - 1</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="foing moullié">feuchtes Heu</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="sel">Salz</ingredient>
            </item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="ongnons minciez">Zwiebeln, fein geschnitten</ingredient> - 2</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="eaue">Wasser</ingredient>
            </item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="gingembre">Ingwerpulver</ingredient> - 1 TL</item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="canelle">Zimt</ingredient> - 1 TL</item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="saffran">Safranfäden</ingredient> - 1 Prise</item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="vin">Weißwein</ingredient> - 100 ml</item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="vertjus">Verjus</ingredient> - 50 ml</item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
    <back>
      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#men-178-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Geschmorter Karpfen unter dichtem Deckel - carpe a l'estouffee, ein direkter Vorfahr des Schmorfischs im geschlossenen Topf. Der Monsieur de Paris liefert dazu eine ungewöhnlich ausführliche Warenkunde: woran man einen guten Karpfen erkennt, wie man ihn lebend transportiert und wie man das Bittere entfernt - bei Martino (mar-240) steht zum selben Fisch nur eine knappe Aufzählung dreier Garmethoden.

Das Bittere (amer). Der wichtigste Handgriff: Im Kehlbereich des Karpfens sitzt die Gallenblase. Wird sie beim Ausnehmen unversehrt entfernt, gart auch der Kopf sauber mit; platzt sie, zieht Bitterkeit in den ganzen Fisch. Reißt sie doch, sofort die Stelle waschen und mit Salz einreiben. Das ist bis heute beim Ausnehmen von Süßwasserfisch gute Praxis.

Die Schmormethode (estouffee). Zuerst werden fein geschnittene Zwiebeln in Wasser weichgekocht, dann kommen die Fischteile nach Garzeit gestaffelt hinein - zuerst der Kopf (braucht am längsten), bald der Schwanz, zuletzt der Rumpf. Der Topf wird fest verschlossen, "sodass kein Dampf entweicht" (sans ce qui s'en ysse point d'alaine) - das eingeschlossene Garklima macht den Namen aus. Zum Schluss eine Würzbindung aus Ingwer, Zimt und Safran, abgelöscht mit Wein und etwas Verjus.

Praxis. Zwiebeln in wenig Wasser glasig kochen, Karpfenstücke gestaffelt einlegen, Deckel dicht auflegen und bei kleiner Flamme garen. Am Ende 1 TL Ingwer, 1 TL Zimt, eine Prise Safran in etwa 100 ml Weißwein und 50 ml Verjus (oder Weißweinessig) verrühren, angießen, kurz mit aufkochen, in Schüsseln anrichten. Der Schluss-Absatz der Quelle - dass die Deutschen den Franzosen vorwarfen, ihren Karpfen zu roh zu essen - ist ein hübsches Detail: gar ihn lieber durch.</note>
        <note type="gloss" target="#men-178-orig" n="laictié" resp="#fyndling">Rogen (Fischeier des Weibchens).</note>
        <note type="gloss" target="#men-178-orig" n="ouvee" resp="#fyndling">Milch (Samen des männlichen Karpfens).</note>
        <note type="gloss" target="#men-178-orig" n="brehaigne" resp="#fyndling">Unfruchtbar - der laichlose Karpfen galt als der wohlschmeckendste.</note>
        <note type="gloss" target="#men-178-orig" n="amer" resp="#fyndling">Das Bittere: die Gallenblase im Kehlbereich des Karpfens, die beim Ausnehmen unversehrt entfernt werden muss, damit der Fisch nicht bitter wird.</note>
        <note type="gloss" target="#men-178-orig" n="saulse vert" resp="#fyndling">Grüne Sauce, eine typische Kräutersauce mit Essig/Verjus.</note>
        <note type="gloss" target="#men-178-orig" n="galentine" resp="#fyndling">Galantine - hier ein gewürzter Sud zum Einlegen gekochter Fischreste zur Haltbarmachung.</note>
        <note type="gloss" target="#men-178-orig" n="estouffee" resp="#fyndling">Geschmort/gedämpft unter dichtem Verschluss (wörtlich "erstickt") - das Garen im eingeschlossenen Dampf.</note>
        <note type="gloss" target="#men-178-orig" n="vertjus" resp="#fyndling">Verjus, Saft unreifer Weintrauben, säuernd.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#men-178-orig" n="ung petit de vertjus - c'est assavoir le tiers" resp="#fyndling">"ein wenig Verjus - nämlich ein Drittel": der Verjus macht ein Drittel der gesamten Säure-Flüssigkeit aus, also Verhältnis Wein zu Verjus etwa 2:1.</note>
      </div>
    </back>
  </text>
</TEI>
