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      <titleStmt>
        <title>Rinderleber als Hirschfleisch-Ersatz</title>
        <author>Anonymus</author>
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          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
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        <publisher>Fyndling.de</publisher>
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        <date when="2026-07-13">2026-07-13</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mha-069/</idno>
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          <title>Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch</title>
          <date when="1460">1460</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.bs1/TEI_SOURCE.2021-01-15</idno>
          <note>Transkription: Astrid Böhm &amp; Helmut W. Klug, CoReMA TEI-Edition (Uni Graz, 2021, CC BY 4.0); Sekundäredition: Anton Birlinger, Alemannia 1, Bonn 1865 (Public Domain)</note>
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        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
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      <div type="recipe" xml:id="mha-069">
        <head>Rinderleber als Hirschfleisch-Ersatz</head>
        <div type="original" xml:id="mha-069-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mha-069-trans">
          <p>Aber Item von einer gemachten leberen ain frische Rindleber die nicht stainig sej Schneid sy zue funff stucken prat sy an ainem spiss Als sie sich geseubert hat So wasch In der prue oder In wasser drey stund vnd prat sy dann gar lass sy dann kalten Beschneid sy dann schon stoeß der stuck ains In ainem morser vnd thue dar zue pfeffer ymber aniß mal das klain mit essigk erwelle das mit eben dick werd lass es kallten vnd leg die leberen darein vnd gib es hin fur hirsein .</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mha-069-trans" xml:lang="de" corresp="#mha-069-orig">
          <p>Für eine zubereitete Leber nimm eine frische Rinderleber, die nicht steinig ist, also keine harten, grobkörnigen Stellen hat. Schneide sie in fünf Stücke und brate sie an einem Spieß. Sobald sie gesäubert ist, wasche sie dreimal in der Brühe oder in Wasser. Brate sie danach vollständig gar und lass sie dann auskühlen.</p>
          <p>Schneide die Leber anschließend sauber zurecht. Stoße eines der Stücke im Mörser und gib Pfeffer, Ingwer und Anis dazu, fein gemahlen, zusammen mit Essig. Lass die Mischung aufkochen, bis sie gleichmäßig dick wird.</p>
          <p>Lass die Sauce erkalten, lege die restlichen Leberstücke hinein und serviere das Ganze als Hirschfleisch.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="ain frische Rindleber die nicht stainig sej">Rinderleber</ingredient> - 1</item>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="In der prue oder In wasser">Brühe</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="pfeffer">Pfeffer</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="ymber">Ingwer</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="aniß">Anis</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="essigk">Essig</ingredient>
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      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mha-069-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Ein Verwandlungsgericht: Rinderleber wird durch Doppelbraten und eine kräftige Pfeffer-Ingwer-Anis-Essig-Sauce, die zum Teil mit der eigenen gestoßenen Leber gebunden wird, geschmacklich und optisch an Wildbret angenähert und als Hirschfleisch aufgetischt. Das Rezept gehört zur selben Gerichtsfamilie wie das nahezu wortgleiche bgs-029 aus dem Buch von guter Speise - kein Einzelfall, sondern ein im Korpus mehrfach belegtes Genre der spätmittelalterlichen Tafelkultur. Die Grundidee erinnert entfernt an die bis heute in Süddeutschland und Österreich verbreitete Saure Leber (geschnittene Leber in essigsaurer, kräftig gewürzter Sauce) - eine plausible, aber nicht dokumentierte Kontinuität, keine belegte Abstammungslinie.

"Drey stund" - dreimal oder drei Stunden? Der Text sagt "wasch In der prue oder In wasser drey stund". "Stund/stunt" ist im Mittelhochdeutschen ein gängiges Zählwort ("driu stunt" = dreimal), das im Korpus auch in mha-199 ("Schlah In zwirund oder drej stund durch") und mon-044 ("stoß den visch treystundt") als feste Multiplikativ-Formel neben "zwirund" (zweimal) auftaucht. Diese Lesart ergibt für ein Waschen der Leber mehr praktischen Sinn als ein dreistündiges Wässern, das das Fleisch eher auslaugen würde. Wir folgen deshalb in der Praxis der Lesart "dreimal waschen"; die Alternative ist als interpretive_choice festgehalten.

Warum wird schon gebratene Leber wieder gewaschen? Das erste Anbraten am Spieß dient dem Röstaroma, das anschließende Waschen in Brühe oder Wasser dem Entfernen von Blut- und Bitterresten, bevor die Leber ein zweites Mal fertig gegart wird. Küchentechnisch ist das eigenwillig, weil dabei auch etwas vom gerade gewonnenen Röstaroma wieder ausgewaschen wird - der Text beschreibt diesen Doppelschritt aber eindeutig, es handelt sich um keine Fehlinterpretation.

Praxis. Rinderleber ohne grobkörnige, harte Stellen ("nicht steinig") wählen, in fünf Stücke schneiden und am Spieß oder auf dem Rost scharf anbraten. Danach dreimal in Brühe oder Wasser waschen, anschließend vollständig gar braten und auskühlen lassen. Sauber zurechtschneiden. Ein Stück im Mörser mit fein gemahlenem Pfeffer, Ingwer und Anis sowie Essig zu einer Paste stoßen, aufkochen bis die Masse gleichmäßig dick wird, dann kalt stellen. Die restlichen Leberstücke in die kalte Sauce einlegen und als Hirschfleisch servieren.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-069-orig" n="stainig" resp="#fyndling">'Steinig' meint hier keine echten Steine, sondern grobkörnige, harte Stellen im Lebergewebe, wie sie bei älteren oder minderwertigen Lebern vorkommen können. Für das Rezept soll die Leber gleichmäßig weich sein.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-069-orig" n="drey stund" resp="#fyndling">Kann 'dreimal' oder 'drei Stunden' bedeuten, im Mittelhochdeutschen ist 'stund/stunt' häufig ein Zählwort ('driu stunt' = dreimal). Belegt im Korpus auch in mha-199 ('Schlah In zwirund oder drej stund durch') und mon-044 ('stoß den visch treystundt') als feste Multiplikativ-Formel. Für ein Waschen der Leber ergibt 'dreimal' mehr praktischen Sinn als ein dreistündiges Wässern.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-069-orig" n="morser" resp="#fyndling">Gemeint ist ein großer Fleischmörser aus Stein oder Metall, kein kleiner Gewürzmörser. Siehe FAQ.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-069-orig" n="gib es hin fur hirsein" resp="#fyndling">'Serviere es als Hirschfleisch' - die Rinderleber wird durch die kräftige Würzsauce so aufbereitet, dass sie an Wildbret erinnert. Ein typisches Täuschungs- oder Ersatzgericht der mittelalterlichen Küche.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-069-orig" n="drey stund" resp="#fyndling">Als 'dreimal' gelesen, im Sinne eines mehrfachen Waschens der Leber in Brühe oder Wasser.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-069-orig" n="hirsein" resp="#fyndling">Als 'Hirschfleisch/Wildbret' gelesen, im übertragenen Sinn von 'serviere es als Wildbretgericht'.</note>
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