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        <title>Die Tugenden des Branntweins</title>
        <author>Anonymus</author>
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          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
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        <publisher>Fyndling.de</publisher>
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        <date when="2026-07-16">2026-07-16</date>
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          <title>Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch</title>
          <date when="1460">1460</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.bs1/TEI_SOURCE.2021-01-15</idno>
          <note>Transkription: Astrid Böhm &amp; Helmut W. Klug, CoReMA TEI-Edition (Uni Graz, 2021, CC BY 4.0); Sekundäredition: Anton Birlinger, Alemannia 1, Bonn 1865 (Public Domain)</note>
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        <head>Die Tugenden des Branntweins</head>
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          <p>Die tugent von dem geprenten wein Item all prunnen oder zach wein sch= meckennd die kumend all zue Irem rechten stat vnd dkrafft ob man sein ein wenig darein geust Item Er hat auch die tugennd wenn allen wurczen behalt er die krafft In allen Appodegken Besprenngt man sy damit Item all Inwenndig geschwer die pricht er das sy durch den menschen gennd . So man sein ain wenig trinckt Item alle auswenndige geschwer pricht er Ist das man sich damit bestreicht vnd salbt Item allerlaj mail vnnder den augen vergennd wer sich damit bestreicht Item lungel vnd leber macht er auch gesunt vnd das milcz Item er macht auch kuppfer vnd silber weiss Item er schaidet quecksilber vnd silber von einannder wer es dar ein legt Item er haillt auch all wunden wer sich damit bestreicht Item er wert auch dem tropffen von den flussen Item er vertreibt all vnsaubre vergifft Item all fluss von dem hieren vertreibt er wer sich damit salbet Item er vertreibt auch all darmm gicht wer sein ein wenig trinckt Item wer prechen In dem mund hat welherlaj der ist der trinck In vnd salcz In dem mund vnd spricz In wider aus vnd auch In den zennden Item wem die nass vnd der mund schmeckt der trinck In vnd lass sein ain we= nig In die naslocher . So werden sy wol geschmach Item den menschen macht er wol gedachtig vnd frolich wer In trinckt Item . So vertreibt er die sprennglos vnd auch die posten oder postetten vnd auch den krampff wer sich damit salbet Item was dem menschen Inwenndig gepricht trinckt er In So ist er genesen . Ist es aber aus wenndig so salb sich damit Er wirt gesunt von allen seinem ge= prechen Also das er kains arcz bedarff die weyl er lebt Noch bedarff annder ercznej nemen .</p>
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        <div type="translation" xml:id="mha-153-trans" xml:lang="de" corresp="#mha-153-orig">
          <p>Über die Tugenden des gebrannten Weins</p>
          <p>Alle Weine, die brandig oder zäh schmecken, kommen wieder in ihren rechten Zustand und ihre Kraft, wenn man ein wenig Branntwein hineingießt.</p>
          <p>Er hat auch die Tugend, dass er allen Gewürzen in den Apotheken ihre Kraft bewahrt, wenn man sie damit besprengt.</p>
          <p>Alle inneren Geschwüre bricht er auf, so dass sie durch den Menschen abgehen, wenn man ein wenig davon trinkt. Alle äußeren Geschwüre bricht er ebenso auf, wenn man sich damit bestreicht und einsalbt.</p>
          <p>Allerlei Flecken unter den Augen vergehen bei dem, der sich damit bestreicht. Lunge, Leber und Milz macht er gesund. Er macht auch Kupfer und Silber weiß. Er trennt Quecksilber und Silber voneinander, wenn man sie hineinlegt.</p>
          <p>Er heilt auch alle Wunden, wenn man sich damit bestreicht. Er wehrt dem Tropfen aus den Flüssen (dem Katarrh). Er vertreibt alles unreine Gift. Er vertreibt allen Fluss vom Hirn, wenn man sich damit einsalbt. Er vertreibt auch alle Darmgicht, wenn man ein wenig davon trinkt.</p>
          <p>Wer im Mund ein Gebrechen hat, welcher Art auch immer: der trinke davon, halte etwas Salz dazu im Mund, spritze es wieder aus und ebenso auf die Zähne. Wem Nase und Mund übel riechen, der trinke davon und lasse ein wenig in die Nasenlöcher, so werden sie wieder wohlriechend.</p>
          <p>Er macht den Menschen auch gedächtnisstark und fröhlich, wer ihn trinkt. Er vertreibt Sommersprossen, auch Pusteln oder Blattern und den Krampf, wenn man sich damit einsalbt.</p>
          <p>Was dem Menschen innerlich fehlt: trinke ihn davon, so wird er gesund. Ist es aber äußerlich, so salbe sich damit. Er wird gesund von allen seinen Gebrechen, so dass er keines Arztes bedarf, solange er lebt, noch andere Arznei nehmen muss.</p>
        </div>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="geprenten wein">Branntwein</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="salcz">Salz</ingredient>
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      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mha-153-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Kein Gericht, sondern ein Branntwein-Tugendtraktat - eine Werbeschrift für aqua vitae als Allheilmittel, wie sie im 15. Jahrhundert häufig neben echten Rezepten in Kochbüchern stand. Ein lebendes Pendant gibt es dennoch: Franzbranntwein, bis heute in Apotheken als äußerliches Einreibemittel gegen Muskel- und Gelenkbeschwerden verkauft - genau die im Text beschriebene Anwendung des Bestreichens und Einsalbens bei äußeren Gebrechen. Eine zweite, verblasste Linie sind Kräuterschnäpse und Magenbitter als Hausmittel-Digestif, die noch ein Echo des hier aufgezählten Allheilmittel-Versprechens tragen.

Praxis. Zum Nachkochen taugt dieser Text nicht - es gibt keine Zutatenliste im Kochsinn, keine Zubereitungsschritte, keine servierbare Speise. Die im Text genannten Anwendungen sind Trinken (bei inneren Leiden, Darmgicht, Mundgebrechen, Mundgeruch), Bestreichen und Einsalben (bei äußeren Geschwüren, Wunden, Flecken, Sommersprossen, Krampf, Hirnfluss) sowie Besprengen (zur Kraftbewahrung von Apotheker-Gewürzen) und ein alchemistischer Zusatz (Kupfer/Silber weiß machen, Quecksilber von Silber trennen). Am ehesten taugt der Text als Vorlesetext am Marktstand - die Heilversprechen sind historisch belegte Behauptungen des Traktats, keine geprüften Wirkmechanismen.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-153-orig" n="geprenten wein" resp="#fyndling">Gebrannter Wein, also destillierter Alkohol, mittelalterlich als 'aqua vitae' (Wasser des Lebens) verehrt. CoReMA-Sachglosse bestätigt die Lesart 'Branntwein'.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-153-orig" n="tugent" resp="#fyndling">Tugend im Sinne von 'Wirkkraft, positiver Eigenschaft', nicht moralische Tugend im heutigen Sinn. Der Titel meint also 'Die Heilkräfte/Wirkungen des Branntweins'.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-153-orig" n="prunnen" resp="#fyndling">Verbform von 'brinnen' (brennen), hier partizipial 'brandig/brenzlig schmeckend' - ein Weinfehler (Brandgeschmack), nicht 'abgestanden'. Beleg: Fischer, Schwäbisches Wörterbuch Bd. 1 ('geprunnen' = 'gebrannt'). Homograph-Achtung: in mha-043 ('prunnen wasser') bezeichnet dieselbe Zeichenfolge das Substantiv 'Brunnen' (Quellwasser) - hier aber die Verbform von 'brennen'; der Kontext (Wein vs. Wasser) entscheidet.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-153-orig" n="wurczen" resp="#fyndling">Gewürze, nicht 'Wurzeln und Kräuter' - das CoReMA-Glossenkorpus taggt 'wurczen' korpusweit konsistent als 'spice' (nie als 'Wurzel' oder 'Kraut').</note>
        <note type="gloss" target="#mha-153-orig" n="appodegken" resp="#fyndling">Apotheken. Der Text behauptet, Branntwein bewahre die Wirkkraft von Gewürzen im Apothekervorrat, wenn man sie damit besprengt.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-153-orig" n="hieren" resp="#fyndling">Hirn (Kopf). 'Fluss vom Hirn' meint Katarrh bzw. Schleimfluss, der in der Humoralmedizin vom Kopf herabsteigt.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-153-orig" n="tropffen" resp="#fyndling">Der 'Tropfen' bezeichnet in der älteren Medizin eine Fluss-/Gicht-Erkrankung, vermutlich verwandt mit Rheuma oder Schlagfluss - keine moderne Entsprechung eindeutig zuzuordnen.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-153-orig" n="sprennglos" resp="#fyndling">Sommersprossen - bereits im Fließtext übersetzt; hier als eigener Begriff verzeichnet, da er zusammen mit 'posten'/'postetten' (Pusteln) und 'krampff' das hautmedizinische Wirkspektrum des Traktats markiert.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-153-orig" n="salcz In dem mund" resp="#fyndling">Als Substantiv 'Salz' gelesen, gestützt durch die CoReMA-Sachglosse, die 'salcz' explizit als Speisesalz (Wikidata Q11254) verlinkt: man trinkt Branntwein und hält zugleich etwas Salz im Mund.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-153-orig" n="tropffen von den flussen" resp="#fyndling">Eine Fluss-/Katarrh-Erkrankung mit tropfenartigem Ausfluss, sinngemäß als 'Tropfenleiden aus den Flüssen' übersetzt.</note>
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