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        <title>Starker Essig aus unreifen Weintrauben</title>
        <author>Anonymus</author>
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          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
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        <publisher>Fyndling.de</publisher>
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        <date when="2026-07-16">2026-07-16</date>
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          <title>Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch</title>
          <date when="1460">1460</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.bs1/TEI_SOURCE.2021-01-15</idno>
          <note>Transkription: Astrid Böhm &amp; Helmut W. Klug, CoReMA TEI-Edition (Uni Graz, 2021, CC BY 4.0); Sekundäredition: Anton Birlinger, Alemannia 1, Bonn 1865 (Public Domain)</note>
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        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
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      <div type="recipe" xml:id="mha-160">
        <head>Starker Essig aus unreifen Weintrauben</head>
        <div type="original" xml:id="mha-160-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mha-160-trans">
          <p>von guotem essich wie man den machen sol . Item Nym weinper vmb sand michels tag ee sy recht czeittig werden vnd ze knor oder zer knusch die mit den hennden vnd nym dann ain glasirtes peck vnd thue das darein vnd secz es an die sonnen vnd lass es wol ver= Iaren vnd thue dann die hullsen da= uon vnd geuss das lautter In ain fass= lein das sauber vnd schon sein . vnd schwenngcks mit dem aller pesten wein so du In gehaben macht vnd lass das fasslein wider trucken werden vnd thue den vor geschriben wein In das fasslein nit gar zue vol vnd las es sten an der wirem So hastu den den aller sterckisten essich vnd der haist In der Appodecken Acetum fortissimum .</p>
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        <div type="translation" xml:id="mha-160-trans" xml:lang="de" corresp="#mha-160-orig">
          <p>Von gutem Essig, wie man ihn herstellen soll.</p>
          <p>Nimm Weintrauben um den Sankt-Michaelstag (29. September), bevor sie richtig reif werden, und zerdrücke sie mit den Händen. Gib die zerdrückten Trauben in ein glasiertes Becken und stelle es in die Sonne. Lass es gut reifen und vergären.</p>
          <p>Entferne danach die Schalen und gieße den klaren Saft in ein sauberes, schönes Fässchen. Schwenke das Fässchen mit dem besten Wein aus, den du bekommen kannst, und lass es danach wieder trocken werden. Gib den zuvor beschriebenen Wein in das Fässchen, fülle es aber nicht ganz voll, und lass es an einem warmen Ort stehen.</p>
          <p>So erhältst du den allerstärksten Essig, den man in der Apotheke Acetum fortissimum nennt.</p>
        </div>
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          <list type="ingredients">
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="weinper">Weintrauben, unreif</ingredient>
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              <ingredient en="" commodity="" orig="dem aller pesten wein">Wein, bester verfügbarer</ingredient>
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        <note type="preparation_tip" target="#mha-160-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das?

Kein Gericht im eigentlichen Sinn, sondern eine zweistufige Anleitung zur Herstellung von starkem Weinessig aus unreifen Trauben: zunächst Sonnengärung des zerdrückten Mostes, danach Reifung im mit bestem Wein ausgeschwenkten Fass. Der lebendige Nachfahre ist der traditionell im Holzfass mit einer Essigmutter gereifte Weinessig. Das Konditionieren des Fasses durch Ausschwenken mit Wein erinnert an das Prinzip, das später unter dem Namen Orléans-Methode bekannt wurde - ein einzelner Ansatz in einem Fass, kein gestaffeltes System mehrerer Fässer und Jahrgänge wie beim (deutlich jüngeren, spanischen) Solera-Verfahren.

Warum unreife Trauben?

Unreife, saure Trauben liefern mehr Säure und weniger Zucker als reife - das begünstigt die Vergärung zu Essig statt zu Wein. Die Traubenidentität ist hier über den Küchenkontext hinaus auch durch eine rezeptspezifische Sachglosse gestützt: CoReMA verzeichnet für genau diese Stelle 'weinper' als grape (frische Traube), nicht als Rosine, wie das Wort in anderen Rezepten des Korpus meist gelesen wird.

Das Ausschwenken des Fasses.

Der Text erklärt nicht, warum das leere Fässchen zuerst mit bestem Wein ausgeschwenkt und wieder trocken werden gelassen wird, bevor der eigentliche Essig-Ansatz hineinkommt. Naheliegend ist eine Konditionierung: Essigbakterien siedeln sich im Holz gebrauchter Wein- oder Essigfässer an, das Ausschwenken mit Wein reaktiviert diese Kultur, bevor der Ansatz hineinkommt. Diese Funktionserklärung ist eine plausible Rekonstruktion, keine Aussage des Originaltextes selbst - der Text beschreibt nur die Abfolge, nicht ihren Grund.

Praxis.

Zum Ansetzen ein modernes, garantiert lebensmittelechtes glasiertes Steingut-, Keramik- oder Glasgefäß verwenden, keine historisierende bleiglasierte Irdenware - Blei kann bei wochenlangem Kontakt mit saurem, gärendem Fruchtsaft auslaugen. Das Fässchen bewusst nicht randvoll füllen: Der Luftraum ist nötig, damit die Essigbakterien arbeiten können. Wer das Rezept im Lager zeigen will, bereitet den fertigen Essig vorab zu Hause vor und zeigt vor Ort nur die Verkostung oder das letzte Umfüllen - der komplette Vorgang dauert Wochen bis Monate.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-160-orig" n="weinper" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#weinper">CoReMA glossiert diese Stelle rezeptspezifisch als 'grape' (frische Weintrauben), nicht als getrocknete Rosine, wie das Wort in anderen Rezepten des Korpus meist gelesen wird. Der Erntekontext (vor der Reife, Zerdrücken mit den Händen, Sonnengärung) passt zu frischen, sauren Trauben, wie sie auch für Verjus verwendet werden.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-160-orig" n="hullsen" resp="#fyndling">Die Traubenschalen (Häute), die nach der Sonnengärung entfernt und verworfen werden, bevor der klare Saft ins Fass abgefüllt wird.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-160-orig" n="glasirtes peck" resp="#fyndling">Ein glasiertes (verglastes) Tongefäß oder Becken, in dem die Trauben zur Gärung in die Sonne gestellt werden.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-160-orig" n="Appodecken" resp="#fyndling">Dativform von 'Apotheke'. Der fertige Essig trug in der Apotheke den lateinischen Namen Acetum fortissimum (stärkster Essig) und wurde auch als Arzneimittel-Grundstoff verwendet.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-160-orig" n="sand michels tag" resp="#fyndling">Sankt-Michaels-Tag, der 29. September, ein üblicher Zeitpunkt für die Weinlese unreifer Trauben zur Verjus- und Essigherstellung.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-160-orig" n="knor oder zer knusch" resp="#fyndling">Zerdrücken oder zerquetschen der Trauben mit den Händen.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-160-orig" n="glasirtes peck" resp="#fyndling">Ein glasiertes Tongefäß oder Becken zum Ansetzen der Trauben in der Sonne.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-160-orig" n="verIaren" resp="#fyndling">Verjähren lassen im Sinne von über längere Zeit reifen/gären lassen, abgeleitet von 'Jahr'.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-160-orig" n="schwenngcks" resp="#fyndling">Schwenke es (Imperativ mit angehängtem Pronomen -s für 'das Fässlein').</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-160-orig" n="wirem" resp="#fyndling">Wärme, das Fässchen wird an einem warmen Ort zur Reifung aufgestellt.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-160-orig" n="Appodecken" resp="#fyndling">Apotheke (Dativform), Bezug auf den lateinischen Fachnamen Acetum fortissimum.</note>
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