<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Goldtinte für die Feder herstellen</title>
        <author>Anonymus</author>
        <respStmt>
          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Fyndling.de</publisher>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
        </availability>
        <date when="2026-07-17">2026-07-17</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mha-172/</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <title>Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch</title>
          <date when="1460">1460</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.bs1/TEI_SOURCE.2021-01-15</idno>
          <note>Transkription: Astrid Böhm &amp; Helmut W. Klug, CoReMA TEI-Edition (Uni Graz, 2021, CC BY 4.0); Sekundäredition: Anton Birlinger, Alemannia 1, Bonn 1865 (Public Domain)</note>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <schemaRef type="interchangeODD" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.odd"/>
      <schemaRef type="interchangeRNG" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.rng"/>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="recipe" xml:id="mha-172">
        <head>Goldtinte für die Feder herstellen</head>
        <div type="original" xml:id="mha-172-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mha-172-trans">
          <p>Item Gold aus der verderen schreiben wiltu gold von der feder schreiben So soltu nemen geschlagen golt als vil du wild vnd nym ain reib stain der schon vnd trucken sej vnd leg ein we= nig sallcz darauf gleich als es dar auf gerissen sej vnd leg dann ein plat darauf vnd sae aber salcz dar vf auf das golt plat vnd als manig plat als manig salcz sae darauf vnd nym dann einen reib stain vnd reib dann das golt vnndereinannder als lanng als du des goldes nit geprufen magst So nym es dann von dem stain vnd thue es In ain glas vnd das glas thue voller wasser vnd rur es durch ainannder So wirt es vnd das sallcz alles zue wasser vnd das golt vellt alles zue poden . Dor= nach geuss das wasser ab dem gold vnd geusz ain annder wasser wider daran das schon vnd lautter sej vnd geuss als lanng daran vnd darab piss das lautter wasser darab geet So leit das gold zue poden recht als ain gelber laim vnd thue das gold aus dem glas vnd thue das In ain horrn vnd temperirs mit gummi vnd schreib dann damit was du wild vnd las es dann wol trucken vnd nym dann ain wolffs zannd vnd Balier es Rain vnd sauber damit So wirt es lautter vnd klar .</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mha-172-trans" xml:lang="de" corresp="#mha-172-orig">
          <p>Willst du mit der Feder Gold schreiben, so nimm geschlagenes Blattgold, so viel du magst.</p>
          <p>Nimm einen Reibstein, der sauber und trocken ist, und lege ein wenig Salz darauf, als wäre es schon darauf gezogen. Lege dann ein Blättchen Gold darauf und streue wieder Salz auf das Goldblättchen. So viele Blättchen du auflegst, so viel Salz streue jeweils darüber.</p>
          <p>Nimm dann einen Läuferstein und reibe das Gold damit so lange durcheinander, bis du das Gold nicht mehr als einzelne Teilchen erkennen kannst, sondern es zu feinstem Pulver zerrieben ist. Nimm es dann vom Stein und gib es in ein Glas. Fülle das Glas voll Wasser und rühre alles gut durcheinander. So löst sich das Salz vollständig im Wasser auf, und das Gold sinkt ganz zu Boden.</p>
          <p>Gieße danach das Wasser vom Gold ab und gieße frisches, klares und sauberes Wasser wieder dazu. Wiederhole das Auf- und Abgießen so lange, bis das abgegossene Wasser ganz klar bleibt. Dann liegt das Gold am Boden wie gelber Lehm.</p>
          <p>Nimm das Gold aus dem Glas und fülle es in ein Horn. Temperiere es mit Gummi arabicum und schreibe damit, was du willst. Lass es dann gut trocknen.</p>
          <p>Nimm dann einen Wolfszahn und poliere das Gold damit rein und sauber. So wird das Gold klar und rein.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="geschlagen golt als vil du wild">Blattgold</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="sallcz">Salz</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="wasser">Wasser</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="gummi">Gummi arabicum</ingredient>
            </item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
    <back>
      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mha-172-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Handwerksanleitung zur Herstellung von Schreibgold für Kalligraphie und Buchmalerei. Die gleiche Grundidee - Blattgold zu Pulver zerreiben, mit einem wasserlöslichen Bindemittel anrühren und mit einem harten, glatten Werkzeug polieren - ist bis heute unter dem Namen "Muschelgold" (shell gold) im Kalligraphie- und Buchmalerei-Bedarf erhältlich, hier nur in einem Horn statt in der namensgebenden Muschelschale aufbewahrt.

Ein oder zwei Reibsteine? Im Transkript steht "reib stain" zweimal wortgleich: einmal als saubere, trockene Unterlage für Salz und Blattgold, einmal als das Werkzeug, mit dem darübergerieben wird. Die CoReMA-Glosse übersetzt beide Stellen gleich mit "Reibstein" (quern-stone), ohne zwischen Unterlage und Reibwerkzeug zu unterscheiden. Dass es praktisch zwei getrennte Steine sind - eine Platte und ein Läufer, wie beim Anreiben von Farben üblich - ist naheliegend, bleibt aber eine Interpretation und kein im Text eigens benanntes Detail.

Praxis. Blattgold wird mit Salz als Schleifmittel auf einem sauberen, trockenen Reibstein mit einem zweiten Stein zu feinstem Pulver zerrieben, bis keine einzelnen Goldflitter mehr zu erkennen sind. Das Pulver kommt in ein Glas mit Wasser; das Salz löst sich auf, das schwerere Gold sinkt zu Boden. Das Wasser wird mehrfach abgegossen und durch frisches ersetzt, bis es klar bleibt - erst dann ist das Salz vollständig entfernt und das Gold liegt wie gelber Lehm am Boden. Das gereinigte Pulver wird mit Gummi arabicum angerührt (vergleichbar mit heutiger Aquarellfarbe), zum Schreiben verwendet und nach dem Trocknen mit einem harten, glatten Gegenstand - hier einem Wolfszahn - poliert, bis die Schrift klar und rein ist.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-172-orig" n="verderen" resp="#fyndling">Unklare, möglicherweise verschriebene Form. CoReMA glossiert die Stelle als 'nib' (Federkiel/Feder), passend zum Rezepttitel 'Gold von der Feder schreiben'. Vermutlich eine fehlerhafte Doppelung oder Vorform von 'der Feder'.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-172-orig" n="plat" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#plat">Hier NICHT 'Eierkuchen' (wie sonst im Korpus üblich), sondern 'Blatt' im Sinne von Blattgold, ein dünnes Goldblättchen. So auch von der CoReMA-Sachglosse (Wikidata: gold) bestätigt.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-172-orig" n="reib stain" resp="#fyndling">Ein Reib- bzw. Läuferstein zum Zerreiben von Blattgold mit Salz als Schleifmittel. Die CoReMA-Sachglosse gibt allgemein 'Reibstein' (quern-stone) an; die Zuordnung zu einer Vergolder- oder Malwerkstatt statt zu einem gewöhnlichen Haushaltsgerät ist naheliegend, aber eine Einordnung, keine durch die Glosse belegte Tatsache.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-172-orig" n="horrn" resp="#fyndling">Ein kleines Horn als Behältnis, hier für die fertige Goldfarbe, vergleichbar einem Tintenfass.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-172-orig" n="wolffs zannd" resp="#fyndling">Ein Wolfszahn diente als Polier- bzw. Brünierwerkzeug, um die aufgetragene Goldschrift glänzend zu reiben. Vergleichbar mit dem später üblichen Achat-Poliersteinen der Vergolder. Dieses Wort ist im Korpus ein Hapax, also nur an dieser einen Stelle belegt.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-172-orig" n="verderen" resp="#fyndling">Vermutlich verschriebene oder doppelte Form im Sinne von 'der Feder', gestützt durch die CoReMA-Sachglosse (nib). Im Text_modern als Titel 'mit der Feder Gold schreiben' übernommen.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-172-orig" n="plat" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#plat">Blattgold-Blättchen, gestützt durch die CoReMA-Wikidata-Verlinkung (gold) für diese Textstelle.</note>
      </div>
    </back>
  </text>
</TEI>
