<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Riesenei-Trick aus zwei Schweinsblasen</title>
        <author>Anonymus</author>
        <respStmt>
          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Fyndling.de</publisher>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
        </availability>
        <date when="2026-07-22">2026-07-22</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mha-260/</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <title>Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch</title>
          <date when="1460">1460</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.bs1/TEI_SOURCE.2021-01-15</idno>
          <note>Transkription: Astrid Böhm &amp; Helmut W. Klug, CoReMA TEI-Edition (Uni Graz, 2021, CC BY 4.0); Sekundäredition: Anton Birlinger, Alemannia 1, Bonn 1865 (Public Domain)</note>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <schemaRef type="interchangeODD" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.odd"/>
      <schemaRef type="interchangeRNG" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.rng"/>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="recipe" xml:id="mha-260">
        <head>Riesenei-Trick aus zwei Schweinsblasen</head>
        <div type="original" xml:id="mha-260-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mha-260-trans">
          <p>Von ainem abenteurigen aye des vergiss nit Item Nym zwaj sawplater vnd das ye aine grosser sej dann die anndern vnd mach sie schon mit wasser vnd nym dann ayer vnd schaid sy schon von ainannder das weiss besunder vnd den totter besunder vnd nym die klainen pletter das sy voll werden vnd den totter thue darein vnd nym dann die anndern platter vnd thue die klain darein vnd nym denn das weiss vnd thue es auch darein In die plater vnd schneid ein loch In die platteren vnd schel die platteren da von den toetteren das er In die plater hinein muge vnd naee die plattern wider zue vnd klopff das weiss zue samen vnd nym ain trachter vnd stoesz In oben In das loch vnd geuss das weiss oben auf das totter hinein das die plater voll werde vnd pind sy dann zue vnd thue sy In ainen hafen vnd lass sy aber sieden So wirt das ay daraus vnd gibs dann hin zue essen .</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mha-260-trans" xml:lang="de" corresp="#mha-260-orig">
          <p>Von einem wunderlichen Ei - das vergiss nicht: Nimm zwei Schweinsblasen, wobei die eine immer größer sein soll als die andere. Wasche beide gründlich mit Wasser.</p>
          <p>Nimm dann Eier und trenne sie sorgfältig: das Eiweiß in ein Gefäß, die Eigelbe in ein anderes. Fülle die kleine Blase mit den Eigelben, bis sie ganz voll ist, binde sie zu und lege sie in einen Topf mit Wasser. Lass sie sieden, bis das Eigelb darin fest geworden ist.</p>
          <p>Den Kern freilegen und einbetten: Schneide ein Loch in die kleine Blase und löse die Haut vorsichtig vom festen Eigelb-Kern, bis er ganz frei liegt. Nimm die große Blase, lege den Eigelb-Kern hinein und gieße etwas rohes Eiweiß dazu, sodass er darin liegt. Näh die Blase wieder zu und schlage das restliche Eiweiß gut auf.</p>
          <p>Auffüllen und fertig sieden: Nimm einen Trichter und stecke ihn oben in das Loch. Gieße das geschlagene Eiweiß hinein, oben auf das Eigelb, bis die Blase ganz voll ist. Binde sie fest zu, lege sie in einen Topf und lass sie noch einmal sieden. So entsteht daraus das Ei. Gib es dann zum Essen hin.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="zwaj sawplater">Schweinsblasen</ingredient> - 2</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ayer">Eier</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="wasser">Wasser</ingredient>
            </item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
    <back>
      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mha-260-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept im engeren Sinn, sondern ein Tafel-Trick der höfischen Festkultur: Aus mehreren Eiern entsteht mittels zweier ineinander geschachtelter Schweinsblasen ein einziges, überdimensioniertes „Ei" mit festem Eigelb-Kern und umgebendem Eiweiß, das vor den Gästen aufgeschnitten wird. Einen direkten lebenden Nachkommen kennt die heutige Küche nicht - am ehesten vergleichbar sind moderne Riesenei-Illusionstricks, wobei der Witz allein im Täuschungseffekt liegt, nicht in einer neuen Garmethode.

Das Verfahren beruht auf einer einfachen Eigenschaft: Eigelb gerinnt beim Sieden zu einer festen, formstabilen Kugel und lässt sich dadurch aus der Blasenhaut schälen. Als fester Kern behält es seine Form, wenn es anschließend in der großen Blase von rohem Eiweiß umgeben und ein zweites Mal gesiedet wird - erst dieses zweite Sieden verschweißt Kern und Hülle zu einem einzigen festen Stück.

Praxis. Reinige beide Schweinsblasen gründlich, die eine deutlich größer als die andere. Trenne die Eier sorgfältig in Eiweiß und Eigelb. Fülle die kleine Blase mit den Eigelben, binde sie zu und siede sie im Wassertopf, bis das Eigelb fest geworden ist. Schneide ein Loch in die kleine Blase und löse die Haut vom festen Kern, bis er frei liegt. Bette ihn in die große Blase, gieße etwas rohes Eiweiß dazu, näh die Blase zu und schlage das restliche Eiweiß auf. Fülle es per Trichter durch das Loch nach, bis die Blase ganz voll ist, binde sie fest zu und siede sie ein zweites Mal.

Für dieses zweite Sieden nennt der Text weder Zeit noch Hitzegrad - eine große Menge rohen Eiweißes braucht aber deutlich länger zum Durchgaren als ein gewöhnliches Ei. Sieh lieber zu lang als zu kurz: Rechne, je nach Blasengröße, mit 30 bis 45 Minuten oder mehr, bis auch die Mitte der Blase durchgegart ist, und nimm die Blase nicht zu früh aus dem Topf, damit kein rohes Eiweiß im Inneren bleibt.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-260-orig" n="abenteurigen" resp="#fyndling">Wunderlich, kurios, staunenswert - hier nicht 'gefährlich', sondern die Ankündigung eines Tafel-Tricks für die Gäste.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-260-orig" n="sawplater / pletter / platter / platteren / plater" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#plater">Alles Schreibvarianten für 'Schweinsblase', die hier als natürliche Gussform für das Riesenei dient.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-260-orig" n="totter / toetteren" resp="#fyndling">Eigelb / die Eigelbe. Dialektale Doppelform desselben Wortstamms.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-260-orig" n="trachter" resp="#fyndling">Trichter, benutzt um das geschlagene Eiweiß durch eine kleine Öffnung in die große Blase zu füllen.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-260-orig" n="hafen" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#hafen">Kochtopf, nicht Mörser. Alemannisch-schwäbische Bezeichnung für das Kochgefäß, in dem die Blase gesiedet wird.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-260-orig" n="abenteurigen" resp="#fyndling">Wunderlich, kurios, ein Staunen erregendes Kunststück, passend zum Charakter eines Tafel-Tricks.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-260-orig" n="schneid ein loch In die platteren vnd schel die platteren da von den toetteren das er In die plater hinein muge" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#plater">Der Eigelb-Kern wird zuerst aus der kleinen Blase geschält, bis er frei liegt, und erst danach in die große Blase gelegt - so übersetzt, weil eine bereits geschälte, feste Kugel sich außerhalb, in der Hand, leichter häuten lässt als eingetaucht in eine halbgeschlossene Blase voller rohem Eiweiß.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-260-orig" n="lass sy aber sieden (Dauer des zweiten Siedens)" resp="#fyndling">Der Text nennt keine Zeit- oder Hitzeangabe für das zweite Sieden. In der Praxis empfiehlt sich eine großzügige Siedezeit von 30 bis 45 Minuten oder mehr, je nach Blasengröße, bis auch der Kern der großen Blase vollständig durchgegart ist.</note>
      </div>
    </back>
  </text>
</TEI>
