<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Gartenzauber: Petersilie mit Maitau sofort wachsen lassen</title>
        <author>Anonymus</author>
        <respStmt>
          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Fyndling.de</publisher>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
        </availability>
        <date when="2026-07-23">2026-07-23</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mha-284/</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <title>Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch</title>
          <date when="1460">1460</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.bs1/TEI_SOURCE.2021-01-15</idno>
          <note>Transkription: Astrid Böhm &amp; Helmut W. Klug, CoReMA TEI-Edition (Uni Graz, 2021, CC BY 4.0); Sekundäredition: Anton Birlinger, Alemannia 1, Bonn 1865 (Public Domain)</note>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <schemaRef type="interchangeODD" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.odd"/>
      <schemaRef type="interchangeRNG" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.rng"/>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="recipe" xml:id="mha-284">
        <head>Gartenzauber: Petersilie mit Maitau sofort wachsen lassen</head>
        <div type="original" xml:id="mha-284-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mha-284-trans">
          <p>Von ainer Sallsen ze vahen In dem tawe Item Nym ain plachen vnd praitz In ainen garten vnd fach mayen taw darauf vnd truck den In ain geschier darein leg peterling samen ain nacht oder ainen tag vnd paisss dar Inne Dornach nym ponen vnd zer stoesz die vnd leg das pulluer wo du wild vnd wurff den petersill samen darauf So waechst er gleich ze stunden</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mha-284-trans" xml:lang="de" corresp="#mha-284-orig">
          <p>Von einer Sauce, im Tau zu fangen: Nimm ein Tuch und breite es in einem Garten aus. Fange darauf den Maitau. Drücke den Tau in ein Gefäß und lege darin Petersiliensamen eine Nacht oder einen Tag lang ein, so dass er darin einweicht.</p>
          <p>Nimm danach Bohnen und zerstoße sie zu Pulver. Lege das Pulver, wohin du willst, und wirf den Petersiliensamen darauf. So wächst er sogleich.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="mayen taw">Maitau</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="peterling samen">Petersiliensamen</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ponen">Bohnen</ingredient>
            </item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
    <back>
      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mha-284-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern ein Garten-Aberglaube: eine Anleitung, mit der Petersiliensamen angeblich augenblicklich keimen sollen, wenn man sie in aufgefangenem Maitau einweicht und anschließend auf zerstoßenem Bohnenpulver aussät. Die "Sallsen" (Sauce) des Titels ist rein bildlich gemeint - gemeint ist der im Tuch gesammelte Tau, keine echte Speisesauce. Die lebende Verwandtschaft liegt nicht in der Küche, sondern in der Gattung der Garten-Volksüberlieferung, wie sie bis heute in Bauernkalendern und Hausmittel-Sammlungen fortlebt.

Die eingeweichten Samen. Ob "paisss dar Inne" wörtlich "einweichen" oder eher "einwirken lassen" meint, bleibt sprachlich nicht ganz eindeutig - praktisch läuft beides auf dasselbe hinaus: Die Samen liegen eine Nacht oder einen Tag im gesammelten Tau. Ein Vor-Einweichen von Petersiliensamen vor der Aussaat ist tatsächlich eine bis heute gebräuchliche Gartentechnik, weil Petersilie notorisch langsam und ungleichmäßig keimt - allerdings beschleunigt das die Keimung um Tage, nicht um Stunden.

Praxis. Wer den Vorgang nachvollziehen will: ein Tuch im Garten auslegen, den Morgentau darin auffangen und in ein Gefäß auswringen, Petersiliensamen darin eine Nacht oder einen Tag einweichen, danach getrocknete Bohnen zu Pulver zerstoßen, als Saatbett auslegen und die eingeweichten Samen darauf aussäen. Ein sofortiges oder auch nur binnen Stunden sichtbares Keimen findet dabei nicht statt - Petersilie braucht unabhängig von diesem Verfahren mehrere Wochen. Der Text beschreibt einen Volksglauben, keine funktionierende Gartentechnik.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-284-orig" n="Sallsen" resp="#fyndling">Wörtlich 'Sauce/Tunke'. Hier metaphorisch für den im Garten aufgefangenen Tau gebraucht, nicht als tatsächliche Speisesauce.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-284-orig" n="mayen taw" resp="#fyndling">Tau, der im Mai-Morgen gesammelt wird. Dem Maitau wurden im Volksglauben besondere, fast magische Kräfte für das Pflanzenwachstum zugeschrieben.</note>
        <note type="gloss" target="#mha-284-orig" n="plachen" resp="#fyndling">Ein Tuch oder eine Plane, die im Garten ausgebreitet wird, um den Morgentau aufzufangen. Das Wort kommt im Korpus sonst nicht vor (Hapax legomenon). Die Tuch-Lesart wird gestützt durch den Zwilling rfk-075, der an derselben Stelle 'lilachen' (Leintuch) nennt, sowie durch das Schwäbische Wörterbuch (Fischer): 'Blahe' als Tuch zum Durchseihen - passend zum Württemberger Hofkontext des Buchs. CoReMA glossiert das Wort abweichend als 'sheet pan' (Backblech).</note>
        <note type="gloss" target="#mha-284-orig" n="ponen" resp="#fyndling">Bohnen, hier zu Pulver zerstoßen, die im magischen Ablauf zusammen mit den eingeweichten Samen ausgebracht werden.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-284-orig" n="plachen" resp="#fyndling">Ein Tuch oder eine Plane, die zum Auffangen von Tau im Garten ausgebreitet wird - naheliegend im Kontext von 'praitz In ainen garten' (im Garten ausbreiten) und zusätzlich gestützt durch den Zwilling rfk-075 ('lilachen'/Leintuch an derselben Stelle) sowie das Schwäbische Wörterbuch ('Blahe' = Tuch zum Durchseihen).</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mha-284-orig" n="paisss dar Inne" resp="#fyndling">Lass die Petersiliensamen darin einweichen/liegen (Verb zu 'beizen', hier im Sinne von einweichen lassen).</note>
      </div>
    </back>
  </text>
</TEI>
