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      <titleStmt>
        <title>Verlorene Eier aus Mandeln</title>
        <author>Anonymus</author>
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          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
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        <publisher>Fyndling.de</publisher>
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        <date when="2026-07-03">2026-07-03</date>
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          <title>Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)</title>
          <date when="1480">1480</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.gr1/TEI_SOURCE</idno>
          <note>Transkription: CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Helmut W. Klug (Hg.), Universität Graz, Ms. GR1 (CC BY 4.0)</note>
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        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
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      <div type="recipe" xml:id="mon-108">
        <head>Verlorene Eier aus Mandeln</head>
        <div type="original" xml:id="mon-108-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mon-108-trans">
          <p>ITem wil dw verlorene air vonn mandel auff ein schussel machen So nym ein . 1/2 . libra vnd stocz In wol vnd tail In in drey taill auß dem morsar nym das erst tail vnd mach In mit saffran vnd misch es mit stupp vnd mit honig vnd geriben semell vnd mach denn auß dem anderen taill ttotter als dw dich verstet daz doch czw ainer schussel sol sein vnd nym das trittail das ist weyß vnd mach dar ausss czetlein vnd verprig die totter dar ein sambs verlorenn vnd nym auch ein taill her dar auß mach ein milich mit czucker vnd mach es mit einem stocklein melbs vnd ein saffran dar an</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mon-108-trans" xml:lang="de" corresp="#mon-108-orig">
          <p>Wenn du verlorene Eier aus Mandeln auf einer Schüssel zubereiten willst, so nimm ein halbes Pfund Mandeln und stoße sie gut im Mörser.</p>
          <p>Teile die Masse aus dem Mörser in drei Teile. Nimm den ersten Teil und färbe ihn mit Safran. Mische ihn mit Gewürzpulver, Honig und geriebenem Weißbrot.</p>
          <p>Forme dann aus dem zweiten Teil Dotter, wie es dir beliebt, sodass es für eine Schüssel ausreicht. Nimm den dritten Teil, der weiß ist, und forme daraus kleine Fladen. Verberge die Dotter darin, wie es bei verlorenen Eiern üblich ist.</p>
          <p>Nimm auch einen Teil davon, mache daraus eine Mandelmilch mit Zucker und dicke sie mit einem kleinen Stück Mehl an. Gib etwas Safran hinzu.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="1/2 libra mandel">Mandeln, gemahlen</ingredient> - 250 g</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="saffran">Safran</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="stupp">Gewürzpulver</ingredient>
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            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="honig">Honig</ingredient>
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            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="geriben semell">Weißbrot, gerieben</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="czucker">Zucker</ingredient>
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            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="stocklein melbs">Mehl</ingredient>
            </item>
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      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mon-108-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Ein Trompe-l'œil-Spiegelei ganz ohne Ei: Mandelmasse wird gedrittelt und zu Safran-Dotter, weißem Eiweiß-Fladen und einer gesüßten Mandelmilch-Sauce als Spiegel verarbeitet. Es ist eine Imitation zweiter Ordnung - "verlorene Eier" (pochierte Eier) sind selbst schon ein bekanntes Gerichtsmotiv der Zeit, hier wird das ganze Konzept zusätzlich komplett aus erlaubter Fastenzutat nachgebaut. Der lebende Nachfahre ist weniger das pochierte Ei selbst als die Familie der Marzipan-Trompe-l'œil-Konditorei, wie man sie heute noch in der sizilianischen Frutta Martorana oder in Marzipan-Spiegeleiern zu Ostern findet.

Die Mengen-Crux. Der Text kündigt an, die Mandelmasse "in drey taill" zu teilen, verlangt am Ende aber einen vierten, nicht angekündigten Anteil für die Sauce ("nimm auch einen Teil davon"). Die Dreiteilung geht rechnerisch nicht mit vier Verwendungszwecken auf. Ob damit ein vierter, ursprünglich mitgedachter Teil oder ein Rest aus einem der drei bereits gebildeten Teile gemeint ist, bleibt im Text offen - vermutlich wurde mehr Grundmasse angesetzt, als die genannte Menge Mandeln hergibt, oder es wurde schlicht nicht genau gezählt.

Zwei Bindetechniken, zwei Zwecke. Die Dotter-Masse wird mit Honig und geriebenem Weißbrot gebunden - die zeittypische Brotbindung für feste, formbare Massen. Die Mandelmilch-Sauce dagegen wird mit einem kleinen Stück Mehl angedickt: kein Widerspruch, sondern eine andere Aufgabe. Hier dickt Mehl gezielt eine dünne Flüssigkeit an, während die feste Dotter-Masse ihre Bindung aus Brot bezieht.

Praxis. Mandeln fein im Mörser zerstoßen, bis eine glatte, formbare Paste entsteht. Die Masse in drei Teile teilen. Den ersten Teil mit Safran gelb färben und mit Gewürzpulver, Honig und geriebenem Weißbrot zu einer festen Masse verarbeiten - daraus haselnussgroße Dotter formen. Aus dem zweiten, weißen Teil kleine Fladen formen und die Dotter darin einschließen, wie bei einem pochierten Ei. Aus dem dritten Teil eine Mandelmilch mit Zucker ansetzen, mit dem Mehlstück andicken und mit etwas Safran gelb färben. Der eigentliche Aufwand liegt nicht im Kochen, sondern im sauberen Formen: Die Dotter-Kugeln müssen rund und die Fladen exakt genug sein, um sie vollständig zu umschließen, sonst bricht die Ei-Illusion.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-108-orig" n="verlorene air vonn mandel" resp="#fyndling">Doppelte Imitation: "Verlorene Eier" (pochierte Eier) sind selbst schon ein Standardmotiv der Fastenküche, hier aber komplett aus Mandelmasse nachgebildet - eine Fastenspeise, die ein bereits bekanntes Ei-Gericht ganz ohne Ei nachstellt.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-108-orig" n="libra" resp="#fyndling">Ein Pfund, im Spätmittelalter regional unterschiedlich, meist um die 500 Gramm.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-108-orig" n="stocz In wol" resp="#fyndling">Die Mandeln sollen im Mörser sehr fein zerstoßen werden, um eine glatte Paste zu erhalten.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-108-orig" n="morsar" resp="#fyndling">Hier ist ein großer Fleischmörser gemeint, nicht der kleine Gewürzmörser. Er diente als mittelalterliche Küchenmaschine zum Zerkleinern und Pürieren von Zutaten.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-108-orig" n="stupp" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#stupp">Bezeichnet hier ein feines Gewürzpulver, das zum Würzen verwendet wird. Für weiße Speisen wurde oft eine "Poudre Blanche" aus hellen Gewürzen wie weißem Pfeffer, Ingwer und Muskatblüte verwendet.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-108-orig" n="geriben semell" resp="#fyndling">Geriebenes Weißbrot, das als Bindemittel und zur Texturgebung dient. Mehlbindung war für feste Massen in dieser Zeit noch unüblich.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-108-orig" n="czetlein" resp="#fyndling">Diminutiv von "Zettel" oder "Zeltlein", hier im Sinne von kleinen Formen oder Fladen, die aus der Mandelmasse geformt werden.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-108-orig" n="verprig" resp="#fyndling">Das Verb "verbergen" oder "einbetten". Die geformten Dotter werden in die "Eiweiß"-Fladen gelegt und darin eingeschlossen.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-108-orig" n="stocklein melbs" resp="#fyndling">Ein kleines Stück Mehl, das hier als Bindemittel zum Andicken der Mandelmilch-Sauce dient.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-108-orig" n="ttotter" resp="#fyndling">Dotter (Eigelb).</note>
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