<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Ritual zur Entlarvung eines Giftmischers</title>
        <author>Anonymus</author>
        <respStmt>
          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Fyndling.de</publisher>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
        </availability>
        <date when="2026-07-05">2026-07-05</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mon-157/</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <title>Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)</title>
          <date when="1480">1480</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.gr1/TEI_SOURCE</idno>
          <note>Transkription: CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Helmut W. Klug (Hg.), Universität Graz, Ms. GR1 (CC BY 4.0)</note>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <schemaRef type="interchangeODD" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.odd"/>
      <schemaRef type="interchangeRNG" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.rng"/>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="recipe" xml:id="mon-157">
        <head>Ritual zur Entlarvung eines Giftmischers</head>
        <div type="original" xml:id="mon-157-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mon-157-trans">
          <p>ITem wil dw Innen werden wan man dir auß ainem essen ist So nym ge= weychcz honig das an dem oster tag ge= weicht ist worden vnd s? vier pfabem federen die chlain spiegel haben vnd ein chochsilber das geweicht ist warnn an dem ostertag nym dw das ls alsamer yegliß ain ainIn haben vedt vnd streichs an drew endt auff das das man dir geessen hatt vnd sprich czw iglichen stucklen ain patter noster sand ele= na so sicz dw in ainer stuben vnd voderst das gancz hauß volck czam ist es genatnper das es von dem mut gett oder das dem leib so sprich so czw iglichem ich frag dich in sandt elena nam als der sich selber schuldig gab so wirstu gewar weligs das gethan hat so wird es von stund an oben vnd vntten vonn Im genn so wirt man In welicher das getan hatt</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mon-157-trans" xml:lang="de" corresp="#mon-157-orig">
          <p>Item, willst du erfahren, wenn dir jemand etwas in ein Essen getan hat: So nimm geweihten Honig, der am Ostertag geweiht worden ist, und suche vier Pfauenfedern, die kleine Spiegel haben, und ein Quecksilber, das am Ostertag geweiht worden ist.</p>
          <p>Nimm du es allesamt, jedes einzeln habend, und streiche es an drei Enden auf das, was man dir zu essen gegeben hat. Und sprich zu jedem Stücklein ein Vaterunser, Sankt Helena.</p>
          <p>Dann sitze du in einer Stube und versammle das ganze Hausvolk. Ist es so beschaffen, dass es vom Gemüt kommt oder den Leib betrifft, so sprich zu jedem: 'Ich frage dich im Namen der heiligen Helena, als der, der sich selbst schuldig gab.' So wirst du gewahr, wer das getan hat. Dann wird es von Stund an oben und unten von ihm gehen, so wird man ihn gewahr, welcher das getan hat.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ge=weychcz honig das an dem oster tag ge=weicht ist worden">Honig (geweiht am Ostertag)</ingredient>
            </item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="vier pfabem federen die chlain spiegel haben">Pfauenfeder (mit kleinen Spiegeln)</ingredient> - 4</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ein chochsilber das geweicht ist warnn an dem ostertag">Quecksilber (geweiht am Ostertag)</ingredient>
            </item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
    <back>
      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mon-157-trans" resp="#fyndling">Kein Kochrezept - ein magisches Ritual. Dieser Eintrag beschreibt keine Speise, sondern einen abergläubischen Zauber zur Enttarnung eines vermeintlichen Giftmischers: geweihter Honig, Pfauenfedern und geweihtes Quecksilber werden einzeln auf das verdächtige Essen gestrichen, dazu Gebete gesprochen und die Hausgemeinschaft verhört. Die Verwendung von echtem Quecksilber macht das Ritual selbst giftig - unabhängig davon, ob tatsächlich vergiftet wurde.

Für die Praxis (Reenactment): Dieses Ritual gehört nicht nachgestellt, weder mit echtem noch mit Ersatz-Quecksilber - es hat keinen kulinarischen oder harmlosen Schau-Nutzen wie die anderen Quecksilber-Einträge des Buchs (vgl. mon-154, mon-159, mon-160). Der Wert liegt allein in der Dokumentation: es zeigt, wie eng Aberglaube, Volksmedizin und Alltagsängste vor Vergiftung im spätmittelalterlichen Haushalt verwoben waren. Am besten als Anekdote erzählen, nicht vorführen.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="Innen werden" resp="#fyndling">Erfahren, gewahr werden.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="ausß ainem essen ist" resp="#fyndling">Wenn dir jemand etwas in ein Essen getan hat.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="ge=weychcz honig" resp="#fyndling">Geweihter Honig.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="pfabem federen" resp="#fyndling">Pfauenfedern.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="chlain spiegel" resp="#fyndling">Die augenähnlichen Flecken auf Pfauenfedern.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="chochsilber" resp="#fyndling">Quecksilber (hochgiftig!).</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="czw iglichen stucklen ain patter noster sand ele=na" resp="#fyndling">Ein Vaterunser zu jedem Stück, im Namen der Heiligen Helena.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="czam" resp="#fyndling">Zusammen.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="mut" resp="#fyndling">Gemüt, Geist.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="leib" resp="#fyndling">Körper.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="als der sich selber schuldig gab" resp="#fyndling">Als der, der sich selbst schuldig gab (eine Eidesformel, oft auf Christus bezogen).</note>
        <note type="gloss" target="#mon-157-orig" n="oben vnd vntten vonn Im genn" resp="#fyndling">Erbrechen und Durchfall.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-157-orig" n="weychcz honig" resp="#fyndling">‚Geweihter Honig' - die Formulierung ‚geweicht ist worden' im selben Satz stützt die Lesart als konsekrierter Honig.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-157-orig" n="s?" resp="#fyndling">‚Suche' - als Imperativ, um die Pfauenfedern zu beschaffen.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-157-orig" n="pfabem federen" resp="#fyndling">‚Pfauenfedern' - die Erwähnung von ‚chlain spiegel' (kleinen Spiegeln) passt zu den augenähnlichen Flecken auf Pfauenfedern.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-157-orig" n="ls alsamer yegliß ain ainIn haben vedt" resp="#fyndling">‚es allesamt, jedes einzeln habend' - eine Interpretation, die die Phrase als Anweisung zum Sammeln und Bereithalten der einzelnen Zutaten versteht.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-157-orig" n="genatnper" resp="#fyndling">‚so beschaffen' - im Sinne von ‚ist es so geartet/konstituiert'.</note>
      </div>
    </back>
  </text>
</TEI>
