<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Apfel-Lebkuchen-Röllchen mit Sauce oder Gallerte</title>
        <author>Anonymus</author>
        <respStmt>
          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Fyndling.de</publisher>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
        </availability>
        <date when="2026-07-09">2026-07-09</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mon-199/</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <title>Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)</title>
          <date when="1480">1480</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.gr1/TEI_SOURCE</idno>
          <note>Transkription: CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Helmut W. Klug (Hg.), Universität Graz, Ms. GR1 (CC BY 4.0)</note>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <schemaRef type="interchangeODD" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.odd"/>
      <schemaRef type="interchangeRNG" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.rng"/>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="recipe" xml:id="mon-199">
        <head>Apfel-Lebkuchen-Röllchen mit Sauce oder Gallerte</head>
        <div type="original" xml:id="mon-199-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mon-199-trans">
          <p>ITem wil dw wurfell von ophfell machen so nym ein flossew phan die eben auff dem poden sey amb ersten laß ein smalcz auff dem poden vmb lawffen so nym ain ay do mach czway pletter auß vnd laß auch auff dem poden vmb lauffen wan dw dan der pletter genug hast pachen so pach der ophfell die nit Inn melb vnd In taig sind vmb czogen sind wann dich czymbt das dw ein genugen hast so geburcz das woll mit muscat vnd mit muscatplue mit Ingber vnd mit nagel vnd nym ain bening geribens leczelten dar vnder vnd ein honig vnd temperir das woll in ainer gluedt durch ein anderr wan dich czymbt das es sein genug hat so nymb dw die pletter die dw gema= cht hast vnd sewds czwayr vinger prait So nym dw die fuell die streich auff dy pleter mit ainem czucker vnd thue es dan vmb ein ander wan dw es dan hast als gemacht so ge hin vnd czerchloff czway ayr chlar Nym dw die furst ains nach dem anderen vnd pach in ainem smalcz + chuell ab da macht dw machen ein czy= seindel dar vber oder ein galraitt gib dw es czw essen fur ein prawtt essen etc.</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mon-199-trans" xml:lang="de" corresp="#mon-199-orig">
          <p>Wenn du Würfel von Äpfeln zubereiten möchtest, so nimm zuerst eine flache Pfanne, die eben auf dem Boden steht. Lass etwas Schmalz auf dem Boden zerlaufen.</p>
          <p>Nimm dann ein Ei, forme daraus zwei dünne Pfannkuchen und lass sie ebenfalls auf dem Boden der Pfanne zerlaufen. Wenn du genug Pfannkuchen gebacken hast, backe die Äpfel, die nicht in Mehl und Teig umhüllt sind. Wenn es dir genügt, würze die Äpfel gut mit Muskatnuss, Muskatblüte, Ingwer und Nelken. Gib ein wenig geriebenen Lebkuchen und Honig hinzu und temperiere dies alles gut miteinander über Glut.</p>
          <p>Wenn es dir genügt, nimm die Pfannkuchen, die du gemacht hast, und schneide sie zu zwei Finger breiten Streifen zu. Streiche die Füllung mit etwas Zucker auf die Pfannkuchen und rolle sie dann zusammen. Wenn du sie so zubereitet hast, gehe hin und zerklopfe zwei Eiklar.</p>
          <p>Nimm die ersten Röllchen, eines nach dem anderen, und backe sie in Schmalz. Kühle sie danach ab. Dazu kannst du eine Sauce oder eine Gallerte reichen. Gib es als Hochzeitsgericht zu essen.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="smalcz">Schweineschmalz</ingredient>
            </item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="ain ay">Ei</ingredient> - 1</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ophfell">Äpfel</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="muscat">Muskatnuss</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="muscatplue">Muskatblüte</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="Ingber">Ingwer</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="nagel">Nelken</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ain bening geribens leczelten">Lebkuchen, gerieben</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ein honig">Honig</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ainem czucker">Zucker</ingredient>
            </item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="czway ayr chlar">Eiklar</ingredient> - 2</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ein czyseindel">Sauce (zum Servieren)</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ein galraitt">Gallerte (zum Servieren)</ingredient>
            </item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
    <back>
      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mon-199-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das?

Ein zweifach gebackenes, gefülltes Röllchen: Ein dünner, reiner Eier-Fladen ohne Mehl wird mit einer heiß temperierten Apfel-Lebkuchen-Gewürzfüllung bestrichen, gerollt, in geschlagenes Eiklar getunkt und noch einmal in Schmalz ausgebacken. Der nächste lebende Verwandte ist die gefüllte Palatschinke - allerdings eine Vorform davon, denn die Hülle ist hier ein reines Omelett statt eines Mehlteigs. Durch das zweite Ausbacken steht das Gericht zugleich der Familie der frittierten Apfelröllchen und -küchlein nahe, eine Zwischenform zwischen Pfannkuchen und Krapfen.

Die Fladen: ein Ei, zwei dünne Omeletts.

Aus einem einzigen, gut verschlagenen ganzen Ei werden zwei dünne, mehlfreie Fladen gebacken - flach in die heiße, geschmalzte Pfanne gegossen und ungerührt gestockt, nicht wie ein Rührei zerstört. Eine ebene, flache Pfanne ist dafür wichtig, sonst wird die Schicht ungleich dick.

Die Füllung: Lebkuchen statt Mehlschwitze.

Die Apfelstücke werden in derselben geschmalzten Pfanne angebraten, dann mit Muskatnuss, Muskatblüte, Ingwer und Nelken gewürzt und mit geriebenem Lebkuchen und Honig über Glut - also sanfter, nicht offener Hitze - vermischt und erwärmt. Der Lebkuchen bindet die Feuchtigkeit von Äpfeln und Honig ganz ohne Mehlschwitze; sanfte Glut statt offener Flamme ist hier die richtige Wahl, weil eine honighaltige Masse auf offener Flamme schnell anbrennt.

Die schwierigste Stelle: zwei Finger breite Streifen.

Bevor die Fladen gefüllt und gerollt werden, müssen sie auf eine handliche Größe gebracht werden - der Originaltext spricht hier wörtlich von zwei Finger breiten Streifen, das Verb selbst ist aber ein ungelöster Crux (siehe Annotation). Wir übersetzen praktisch als Schneiden, auch ohne direkten Wortbeleg dafür: Die Fladen werden zu schmalen, zwei Finger breiten Streifen zugeschnitten, bevor die Füllung mit etwas Zucker aufgestrichen und alles zusammengerollt wird.

Die Textlücke: geschlagenes Eiklar.

Der Originaltext nennt nach dem Verquirlen von zwei Eiklar keinen ausdrücklichen Verwendungszweck, bevor er direkt mit dem Ausbacken der Röllchen fortfährt. Am naheliegendsten ist, dass die Röllchen vor dem zweiten Ausbacken durch das Eiklar gezogen werden - das verschließt die Rollnaht und ergibt eine glänzende Kruste beim Braten in Schmalz.

Praxis.

Schmalz in einer flachen Pfanne zerlaufen lassen, aus einem verschlagenen Ei zwei dünne, ungerührte Fladen backen. Apfelwürfel in derselben Pfanne weich braten, mit den Gewürzen, geriebenem Lebkuchen und Honig über sanfter Hitze zu einer klebrig-formbaren Masse verrühren. Die Fladen zu zwei Finger breiten Streifen zuschneiden, mit der Füllung und etwas Zucker bestreichen, aufrollen. Die Röllchen durch geschlagenes Eiklar ziehen und in Schmalz knusprig ausbacken, danach abkühlen lassen. Mit einer Sauce oder einer kalten Gallerte servieren - eine warme Gallerte würde beim Anrichten sofort schmelzen. Die Fladen sind fragiler als ein klassischer Crêpe, also beim Füllen und Rollen mit Geduld arbeiten, besonders am offenen Feuer mit schwankender Hitze.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-199-orig" n="pletter" resp="#fyndling">Im Kern ein dünnes, ungefaltetes Omelett - kein Mehl nötig, das ist ja gerade der Unterschied zum Pfannkuchen/Crêpe. Aus nur einem einzigen, gut verschlagenen ganzen Ei werden zwei dünne Fladen gebacken, flach ausgegossen statt gefaltet, damit sie sich später rollen lassen. Der Text stellt die Mehlfreiheit später im selben Rezept explizit klar - die Äpfel werden 'nit Inn melb vnd In taig ... vmb czogen' (nicht in Mehl und Teig gehüllt) zubereitet, ein bewusster Gegensatz zu einer anderen, mehlbasierten Apfel-Zubereitung. Ganzes Ei (nicht nur Eiklar): Der Text schreibt hier nur 'nym ain ay' (nimm ein Ei, unqualifiziert), während er später für die separaten zwei Eier am Ende explizit 'czway ayr chlar' (zwei Eier-Weiß) schreibt - der Schreiber kennt und benutzt 'chlar' also nachweislich, wenn nur das Weiß gemeint ist, und lässt es hier bewusst weg. Das spricht für ein ganzes Ei (Gelb + Weiß), was praktisch auch die bessere Wahl ist: Ganzes Ei ergibt ein zarteres, besser rollbares Omelett, reines Eiklar wird beim Garen eher gummig-fest. Wichtig für die Praxis: Rühreier (verquirlt und beim Garen zerstoßen) funktionieren hier nicht - das Ei muss dünn ausgegossen und UNGERÜHRT stocken, damit ein zusammenhängendes, rollbares Omelett entsteht.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-199-orig" n="leczelten" resp="#fyndling">Eine Form von Lebkuchen oder gewürztem Honigkuchen, der hier gerieben als Gewürz und Bindemittel verwendet wird.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-199-orig" n="gluedt" resp="#fyndling">Glut, also die heißen, glühenden Kohlen eines Feuers, über denen die Apfelfüllung schonend erhitzt und vermischt wird.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-199-orig" n="sewds czwayr vinger prait" resp="#fyndling">Eine der schwierigsten Stellen des Rezepts, ungelöster Crux. Wörtlich genommen steht 'sewds' (auch 'sewdt'/'sewd' geschrieben) im Mondseer Kochbuch sonst durchgehend für 'sieden' - für 'schneiden' verwendet derselbe Schreiber an anderer Stelle das eigene, klar unterscheidbare Wort 'sneyd'. Gegen die Lesart 'siede' spricht aber, dass sich eine Breitenangabe ('zwei Finger breit') kaum sinnvoll mit Sieden verbinden lässt - Sieden erzeugt keine Breite. Die CoReMA-GAMS-Quellenseite zu diesem Rezept (gr1.198) glossiert die Stelle nicht - hier liegt keine externe Bestätigung für eine bestimmte Lesart vor. Klar ist nur das praktische Ergebnis: Die gebackenen Fladen sollen vor dem Füllen und Rollen auf einen zwei Finger breiten Streifen gebracht werden, ob durch Schneiden oder Falten bleibt offen.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-199-orig" n="czerchloff czway ayr chlar" resp="#fyndling">Echte Textlücke: Nach dem Verquirlen der zwei Eiklar nennt der Text keinen Verwendungszweck, bevor er direkt mit dem Ausbacken der Röllchen fortfährt. Naheliegendste Lesart: Die Röllchen werden vor dem Braten durch das Eiklar gezogen, um sie zu verschließen und eine leicht glänzende Kruste zu erhalten - im Übersetzungstext bewusst nicht ergänzt, um keinen nicht belegten Schritt als Originaltext auszugeben.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-199-orig" n="prawtt essen" resp="#fyndling">Ein ‚Brautessen‘ war ein festliches Gericht, das zu Hochzeiten oder anderen besonderen Anlässen serviert wurde und oft aufwendig zubereitet war.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-199-orig" n="czyseindel / galraitt" resp="#fyndling">Das Gericht kann entweder mit einer Sauce (‚Czyseindel‘) oder einer Gallerte (‚Galraitt‘, also einer Sülze) serviert werden, was auf eine süß-saure oder süß-herzhafte Geschmacksrichtung hindeutet.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-199-orig" n="flossew" resp="#fyndling">‚flach‘ - Die Pfanne soll eine ebene, flache Oberfläche haben, ideal zum Backen dünner Pfannkuchen.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-199-orig" n="czymbt" resp="#fyndling">‚genügt‘ - ‚Wenn es dir genügt, dass du genug hast‘, also wenn die Menge ausreichend ist.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-199-orig" n="muscat" resp="#fyndling">‚Muskatnuss‘ - Die getrocknete Samenkern des Muskatnussbaums, als Gewürz.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-199-orig" n="sewds czwayr vinger prait" resp="#fyndling">Ungelöster Crux, keine der beiden lexikalisch möglichen Lesarten ist eindeutig belegt. Klar ist nur das praktische Ergebnis: Die gebackenen Fladen sollen vor dem Füllen und Rollen auf eine zwei Finger breite Streifenform gebracht werden - ob durch Schneiden oder ein anderes Verfahren, bleibt offen.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-199-orig" n="czerchloff" resp="#fyndling">‚zerklopfe‘ - Die Eiklar sollen geschlagen oder verquirlt werden.</note>
      </div>
    </back>
  </text>
</TEI>
