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      <titleStmt>
        <title>Ritual und Speisen für eine Wöchnerin</title>
        <author>Anonymus</author>
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          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
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        <publisher>Fyndling.de</publisher>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
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        <date when="2026-07-09">2026-07-09</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mon-200/</idno>
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          <title>Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)</title>
          <date when="1480">1480</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.gr1/TEI_SOURCE</idno>
          <note>Transkription: CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Helmut W. Klug (Hg.), Universität Graz, Ms. GR1 (CC BY 4.0)</note>
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        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
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      <div type="recipe" xml:id="mon-200">
        <head>Ritual und Speisen für eine Wöchnerin</head>
        <div type="original" xml:id="mon-200-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mon-200-trans">
          <p>ITem als chochs wil dw ein frawenn besechen czw einem kindt czw ersten= mall wan dw an wilt heben so fleiss dich das dw habst ein news tuech das ainer ellen lanck sey das dw dan habst czway laybell frisch wax das nye genucz sey worden das leg in ain phann die auch nye genucz sey worden vnd czer gews dar Inn so nym dan ein hassen fueß den nye genucz sey worden vnd streichs auff das tuech halbs czw der ain seytten wan es dan ge stercht ist so fleiss dich das dw habst ain frischen saffrann In ainem puchslein als groß als ein hassell nuss das waxein ert ain ckich das leg der frawen auff den leib vnd den saffran gib ir in die ain hannt das sy In pey ir behalt vnd dar czw smeck / was dw dan der frawen czw essen gibst das ist der frawen czymlich zwm ersten mall das dw czw essen wilt geben Ist es czw der czeit das man fleisch ist so gib ir ain guttew hunr prue vnd ain snitell prott dar ein zw dem anderen mal mach + ir ain phanczel vndter das phanczel nym ein guetten malmasyr wil dw machen von czwain airen so nymb des weissen ain= wenig dar vndter machs vndter drew air nym ain smalcz das als groß sey als ein hasell nuß In ein sawbers phandel das dw gemacht hast von denn ayren das gewß dar ein wan es hayß wirdt vnd secz es in ain gluetel das es chuell werdt so gett es auff in dem phandlen ein wenig gen ainer frischen gluedt so wirt + es aber auch prawen das macht tu geben der + frawen In ainer wein suppen oder ploß / czwm anderen mal wildw der frawenn ain gestozzens geben von den voglein so nym aineer Iung da chain ander vogel bey sey mach ir ain wenigs gestossens dar auß etc.</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mon-200-trans" xml:lang="de" corresp="#mon-200-orig">
          <p>Das Ritual: Wenn du als Koch eine Frau nach der ersten Geburt versorgen willst: Willst du damit beginnen, so bemühe dich, ein neues Tuch zu haben, das eine Elle lang ist. Dann nimm zwei Laibchen frisches Wachs, das noch nie benutzt worden ist. Lege es in eine Pfanne, die ebenfalls noch nie benutzt wurde, und schmelze es darin. Nimm dann einen Hasenfuß, der noch nie benutzt wurde, und streiche das Wachs halb auf eine Seite des Tuches. Wenn es dann fest geworden ist, bemühe dich, frischen Safran in einem Büchschen zu haben, das so groß wie eine Haselnuss ist. Das wächserne Herz, ein Küchlein, lege der Frau auf den Leib, und den Safran gib ihr in die eine Hand, damit sie es bei sich behält und daran riecht.</p>
          <p>Die Speisen: Was du dann der Frau zu essen gibst, das ist ihr zum ersten Mal zuträglich, das du ihr geben willst. Ist es zu der Zeit, dass man Fleisch isst, so gib ihr eine gute Hühnerbrühe und eine Schnitte Brot hinein.</p>
          <p>Zum zweiten Mal mache ihr einen Pfannkuchen. Für den Pfannkuchenteig nimm einen guten Malvasier. Willst du ihn aus zwei Eiern machen, so nimm etwas Eiweiß dazu und bereite ihn mit insgesamt drei Eiern zu. Nimm Schmalz, so viel wie eine Haselnuss groß ist, in eine saubere Pfanne, die du für die Eier benutzt hast, und gieße es hinein. Wenn es heiß wird, setze sie auf eine milde Glut, damit diese mild bleibt; dann geht der Teig in der Pfanne ein wenig auf. Nähert man ihn einer frischeren Glut, so wird er auch braun. Das kannst du der Frau in einer Weinsuppe oder pur geben.</p>
          <p>Zum zweiten Mal, willst du der Frau ein Mus von Vögelchen geben, so nimm einen jungen Vogel - nur eine einzige Art, ohne eine andere beizumischen -, und mache ihr ein wenig Mus daraus.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="news tuech das ainer ellen lanck sey">Tuch</ingredient> - 1 Stück</item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="czway laybell frisch wax">Wachs (frisch)</ingredient> - 2 Stück</item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="ein hassen fueß den nye genucz sey worden">Hasenfuß</ingredient> - 1 Stück</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ain frischen saffrann">Safran</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ain guttew hunr prue">Hühnerbrühe</ingredient>
            </item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="ain snitell prott">Brot</ingredient> - 1 Scheibe</item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="drew air">Eier</ingredient> - 3</item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ain guetten malmasyr">Malvasier (Wein)</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ain smalcz das als groß sey als ein hasell nuß">Schmalz</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ainer wein suppen">Weinsuppe</ingredient>
            </item>
            <item><ingredient en="" commodity="" orig="Iung da chain ander vogel bey sey">Junger Vogel (Art nicht spezifiziert)</ingredient> - 1 Stück</item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
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      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mon-200-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das?
Kein einzelnes Gericht, sondern ein dreiteiliger Speiseplan für die Aufbauphase nach der Geburt: zuerst eine kräftigende Hühnerbrühe mit Brot, danach ein mit Wein und Eiweiß angereicherter Pfannkuchen, zuletzt ein feines Taubenmus. Der Pfannkuchen gehört zur Palatschinken-/Schmarrn-Familie, das Taubenmus zur Gruppe der passierten Geflügelspeisen für Schonkost.

Die zwei Glutstufen des Pfannkuchens.
Der Text unterscheidet lexikalisch zwei Hitzestufen: erst eine kleine, milde Glut ("gluetel", im Korpus nur hier belegt), auf der der dünne Ei-Wein-Teig schonend aufgehen soll, ohne anzubrennen; danach eine "frische", also heißere Glut zum Bräunen. Das ist eine reale Zwei-Zonen-Feuerstellentechnik und keine bloße Stilfigur - wer den Pfannkuchen nachkocht, sollte ihn entsprechend erst auf kleiner, dann auf größerer Flamme garen.

Der Malvasier gehört in den Teig.
Der gute Malvasier wird nicht zum fertigen Pfannkuchen gereicht, sondern in den Teig selbst gemischt - ebenso wie kurz darauf das zusätzliche Eiweiß, das den Teig streckt und leichter macht.

Praxis.
Für den Pfannkuchen drei Eier (davon eines nur als zusätzliches Eiweiß) mit einem guten Schluck süßem Likörwein (Malvasier oder vergleichbar) verschlagen. Haselnussgroßes Schmalz in einer sauberen Pfanne erhitzen, den Teig eingießen und zunächst auf kleiner Flamme stocken lassen, bis er aufgeht, dann auf etwas größerer Flamme fertig bräunen. Pur oder in einer Weinsuppe servieren. Für das Taubenmus die Taube zunächst gar kochen (im Text nicht ausgeschrieben, aber korpusüblich vorausgesetzt) und anschließend fein stoßen oder pürieren, ohne Beimischung anderen Geflügels.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="chochs" resp="#fyndling">Hier im Sinne eines Haushaltsvorstands oder einer erfahrenen Person, die sich um die Wöchnerin kümmert.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="frawenn besechen czw einem kindt czw ersten=mall" resp="#fyndling">Eine rituelle und pflegerische Handlung nach der Entbindung, wörtlich 'eine Frau nach der ersten Geburt besuchen/versorgen'.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="tuech" resp="#fyndling">Ein feines Leinentuch, ähnlich einem Käsetuch, hier für rituelle Zwecke verwendet.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="laybell" resp="#fyndling">Diminutiv von Laib, hier für kleine Wachsstücke.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="genucz sey worden" resp="#fyndling" ref="https://fyndling.de/rezepte/glossar/#sey">Die Betonung auf 'nie benutzt' unterstreicht den rituellen Reinheitsanspruch der Materialien.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="czer gews" resp="#fyndling">'Zergieße' im Sinne von schmelzen.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="hassen fueß" resp="#fyndling">Im Text liegt die Betonung darauf, dass der Hasenfuß noch nie benutzt worden sein darf - wie auch Tuch und Pfanne. Tragendes Motiv ist ein Reinheits- und Unberührtheitsprinzip des Materials, nicht der Hasenfuß als eigenständiger Glücksbringer (dieses Motiv ist vor allem ein späterer, überwiegend angloamerikanischer Volksglaube des 19./20. Jahrhunderts).</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="ge stercht" resp="#fyndling">'Gestärkt' oder 'fest geworden' - bezieht sich auf das Erstarren des Wachses.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="puchslein" resp="#fyndling">Diminutiv von Büchse, ein kleines Gefäß.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="waxein ert ain ckich" resp="#fyndling">'Wächsernes Herz, ein Küchlein' - ein aus Wachs geformtes, herzförmiges Amulett.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="smeck" resp="#fyndling">'Riecht' - hier im Sinne von riechen/duften, da Safran auch für seinen Duft geschätzt wurde.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="czymlich" resp="#fyndling">'Zuträglich' oder 'passend' - im Sinne von bekömmlich und förderlich für die Genesung.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="hunr prue" resp="#fyndling">Hühnerbrühe galt als stärkend und leicht verdaulich.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="snitell prott" resp="#fyndling">Eine Scheibe Brot, oft geröstet oder in die Brühe getunkt.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="phanczel" resp="#fyndling">Pfannkuchen, hier als nahrhafte und leicht verdauliche Speise.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="malmasyr" resp="#fyndling">Malvasier, ein süßer, kräftiger Wein, der als stärkend galt und oft in der Krankenpflege verwendet wurde.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="vndter das phanczel nym ein guetten malmasyr" resp="#fyndling">'Vndter' meint hier nicht räumlich 'unter/unterhalb', sondern 'hinein/in den Teig gemischt' - derselbe Wortgebrauch wie kurz darauf bei 'des weissen ... dar vndter' (das Eiweiß in den Teig gemischt).</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="smalcz" resp="#fyndling">Tierisches Fett, hier zum Ausbacken des Pfannkuchens.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="gluetel" resp="#fyndling">Diminutiv zu Glut - eine kleine, milde Glut (im Korpus nur hier belegt), auf der der Pfannkuchenteig zunächst schonend aufgehen soll, bevor er einer zweiten, 'frischen' (heißeren) Glut zum Bräunen genähert wird.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="chuell werdt" resp="#fyndling">Wörtlich 'kühl/mild wird' - bezieht sich auf die zuvor genannte kleine Glut ('gluetel') selbst, die mild bleiben soll, damit der Teig schonend aufgeht, bevor er später an eine heißere Glut zum Bräunen kommt.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="wein suppen" resp="#fyndling">Eine Weinsuppe, oft mit Brot und Gewürzen, galt als stärkend.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="gestozzens" resp="#fyndling">Ein Mus oder Püree, hier aus Geflügel, leicht verdaulich.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="voglein" resp="#fyndling">Diminutiv von Vogel, hier allgemein für kleine Speisevögel. Die konkrete Art wird im Folgesatz nicht mehr benannt (siehe Annotation zu 'Iung da... [gestrichen]').</note>
        <note type="gloss" target="#mon-200-orig" n="czwm anderen mal (drittes Gericht)" resp="#fyndling">Die Handschrift wiederholt hier 'zum anderen Mal' - dieselbe Zählung wie zuvor beim Pfannkuchen - statt 'zum dritten Mal'. Wahrscheinlich ein Schreiberfehler durch Wiederholung, kein Hinweis auf ein viertes Gericht.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-200-orig" n="saffrann In ainem puchslein als groß als ein hassell nuss" resp="#fyndling">'Safran in einem Büchschen, so groß wie eine Haselnuss'.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-200-orig" n="des weissen ain= wenig dar vndter machs vndter drew air" resp="#fyndling">'etwas Eiweiß darunter, mache es unter drei Eier'.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-200-orig" n="Iung da [gestrichen: dachlain, das]" resp="#fyndling">Der Schreiber hat hier zweifach korrigiert: 'dachlain' vollständig gestrichen, danach beim Ersatzwort 'das' zusätzlich das 's' getilgt. Übrig bleibt nur 'da', was auch die CoReMA-Edition (o:corema.gr1.199) explizit als 'unsolved' kennzeichnet. Die Vogelart bleibt in der endgültigen, vom Schreiber selbst korrigierten Fassung unbenannt - vermutlich eine bewusste Verallgemeinerung (irgendein junger Vogel, solange keine zweite Art beigemischt wird), keine ungelöste Lesefalle unsererseits.</note>
      </div>
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