<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Kirschtrunk mit Gewürzen</title>
        <author>Anonymus</author>
        <respStmt>
          <resp>Modernisierung, Übersetzung, Anmerkungen</resp>
          <name xml:id="fyndling">Fyndling.de</name>
        </respStmt>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Fyndling.de</publisher>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">CC BY-SA 4.0 (Übersetzung &amp; Anmerkungen)</licence>
        </availability>
        <date when="2026-07-11">2026-07-11</date>
        <idno type="url">https://fyndling.de/rezepte/mon-238/</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <title>Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)</title>
          <date when="1480">1480</date>
          <idno type="URI">https://gams.uni-graz.at/o:corema.gr1/TEI_SOURCE</idno>
          <note>Transkription: CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Helmut W. Klug (Hg.), Universität Graz, Ms. GR1 (CC BY 4.0)</note>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <schemaRef type="interchangeODD" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.odd"/>
      <schemaRef type="interchangeRNG" url="https://fyndling.de/rezepte-data/tei/fyndling.rng"/>
    </encodingDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="fnhd">Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)</language>
        <language ident="de">Neuhochdeutsch (Übersetzung)</language>
      </langUsage>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="recipe" xml:id="mon-238">
        <head>Kirschtrunk mit Gewürzen</head>
        <div type="original" xml:id="mon-238-orig" xml:lang="fnhd" corresp="#mon-238-trans">
          <p>WElt ir haben ain ckerssen tranck So nempt czeytig weyssel sewd dy vnd slags durch czwier oder treystundt lasss woll gessen vnd lass ligen vn?z vncz das lessen kumpt So nym Suessen most sewd das laz In vergessen geus + dar In so beleib er bey seiner varib will + dw das tranck guett haben So tue Ingwer galgant Tandel czyment vnd peyll vnd vermachs woll wurdes czestarck vnd nagel In ain sackel vnd henck das hin ain ein czw dem peyll vnd vermachs woll wurd es czestarck so nym das sackel her auß vnd ir trucken es pey dem offen Vnde duodecimade mensis etc.</p>
        </div>
        <div type="translation" xml:id="mon-238-trans" xml:lang="de" corresp="#mon-238-orig">
          <p>Wollt ihr einen Kirschtrunk zubereiten, so nehmt reife Sauerkirschen. Siedet sie und schlagt sie zwei oder drei Mal durch ein Tuch. Lasst die Flüssigkeit gut durchziehen und dann ruhen, bis sich die Trübstoffe gesetzt haben.</p>
          <p>Nehmt dann süßen Most und siedet ihn. Lasst ihn abkühlen, bevor ihr ihn zu den Kirschen gießt, damit der Trunk seine Farbe gut behält. Wollt ihr den Trunk besonders gut haben, so gebt Ingwer, Galgant, Sandelholzpulver und Zimt durch das Spundloch hinzu.</p>
          <p>Verschließt es gut. Sollte der Trunk zu stark gewürzt sein, so gebt die Nelken in ein kleines Säckchen und hängt dieses an das Spundloch in den Trunk. Verschließt es erneut gut. Wird der Trunk dann immer noch zu stark, nehmt das Säckchen heraus und trocknet es bei dem Ofen für eine spätere Verwendung.</p>
        </div>
        <div type="ingredients">
          <list type="ingredients">
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="ckerssen / weyssel">Sauerkirschen</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="Suessen most">Süßer Most</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="Ingwer">Ingwerpulver</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="galgant">Galgantpulver</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="Tandel">Sandelholzpulver</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="czyment">Zimtpulver</ingredient>
            </item>
            <item>
              <ingredient en="" commodity="" orig="nagel">Gewürznelken</ingredient>
            </item>
          </list>
        </div>
      </div>
    </body>
    <back>
      <div type="annotations">
        <note type="preparation_tip" target="#mon-238-trans" resp="#fyndling">Welches Gericht ist das? Ein passierter, gewürzter Sauerkirsch-Trunk, der mit abgekühltem süßem Most verlängert und über ein herausnehmbares Gewürzsäckchen nachjustierbar gewürzt wird - ein naher Verwandter der Hypocras-Tradition, nur auf Frucht- statt Weinbasis. Die Klärtechnik und das entnehmbare Gewürzsäckchen folgen demselben Grundprinzip wie der klassische Würzwein-Beutel.

Kochen und Klären. Das Sieden löst das Fruchtfleisch der Kirschen auf, das zwei- bis dreimalige Durchschlagen durch ein Tuch presst den Saft heraus und trennt Kerne und Schalenreste ab. Das anschließende Ruhenlassen dient der Klärung: Die Trübstoffe setzen sich am Boden ab, sodass ein klarer Trunk entsteht.

Most getrennt kochen und abkühlen. Der süße Most wird eigens gesiedet und vor dem Zumischen vollständig abgekühlt. Das schont die Farbe des Kirschsafts - weitere Hitzeeinwirkung würde sie ausbleichen - und macht den frischen Most zugleich haltbarer.

Das Gewürzsäckchen. Ingwer, Galgant, Sandelholzpulver und Zimt kommen lose in den Trunk, zugegeben über das Spundloch des Fasses. Die Nelken dagegen bekommen ein eigenes Säckchen: Als kräftigstes Gewürz der Mischung würden sie lose zugegeben den Trunk schnell übergewürzt schmecken lassen. Das Säckchen wird ebenfalls am Spundloch eingehängt und lässt sich jederzeit wieder herausnehmen, sobald die gewünschte Würzstärke erreicht ist.

Praxis. Für 4-6 Personen etwa 500 g Sauerkirschen mit wenig Wasser weich kochen und zwei- bis dreimal durch ein Tuch oder ein feines Sieb streichen, dann ruhen lassen, bis sich der Saft klärt. Süßen Most (ca. 250-300 ml, ersatzweise Apfelsaft) separat aufkochen, vollständig abkühlen lassen und erst dann zum geklärten Kirschsaft geben. Ingwer, Galgant, eine Prise Sandelholzpulver (ersatzweise etwas zusätzlicher Zimt für die Farbe) und Zimt nach Geschmack einrühren, Gefäß verschließen und ziehen lassen. Die Nelken in ein kleines Stoffsäckchen binden, ins Gefäß hängen und das Gefäß erneut verschließen; das Säckchen nach Geschmack früher oder später wieder herausnehmen und für die nächste Charge trocknen.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="ckerssen / weyssel" resp="#fyndling">Beide Begriffe bezeichnen Sauerkirschen. Die Verwendung von zwei synonymen Begriffen ist im Mondseer Kochbuch häufig und dient oft der stilistischen Variation oder Betonung.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="sewd dy vnd slags durch czwier oder treystundt" resp="#fyndling">‚Sieden‘ bedeutet hier kochen, ‚durchschlagen‘ ist das Passieren durch ein Tuch oder Sieb, um die Flüssigkeit von Fruchtfleisch und Kernen zu trennen. Die Wiederholung ‚zwei oder drei Mal‘ betont die Gründlichkeit des Vorgangs.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="lasss woll gessen vnd lass ligen vn?z vncz das lessen kumpt" resp="#fyndling">‚Lasst gut durchziehen‘ bedeutet, die Flüssigkeit nach dem Passieren ruhen zu lassen. ‚Bis das Verlesen kommt‘ bezieht sich auf das Absetzen von Trübstoffen, die dann ‚abgelesen‘ oder abgeschöpft werden können, um einen klaren Trunk zu erhalten.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="laz In vergessen" resp="#fyndling">Diese ungewöhnliche Formulierung bedeutet hier sinngemäß ‚lasst ihn (den Most) unbeachtet stehen, bis er abgekühlt ist‘. Der Kontext der Farberhaltung im Folgesatz legt nahe, dass ein zu schnelles Vermischen mit noch heißem Most vermieden werden soll, um die Farbe der Kirschen zu bewahren.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="varib" resp="#fyndling">Bezeichnet die Farbe des Trunks. Im Mittelalter war die Erhaltung oder gezielte Färbung von Speisen und Getränken ein wichtiges Qualitätsmerkmal.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="Tandel" resp="#fyndling">Ein bislang ungeklärtes Gewürz (Hapax legomenon). In Anbetracht der anderen Gewürze und der Funktion als Färbemittel (‚varib‘) könnte es sich um Sandelholzpulver handeln, das sowohl würzt als auch eine rötliche Farbe verleiht. Es könnte aber auch eine lokale Bezeichnung für ein anderes Gewürz sein.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="peyll" resp="#fyndling">Kein Gewürz, sondern das Spundloch (auch ‚Peilloch‘ genannt) des Fasses - die Öffnung, an der man den Füllstand ‚peilte‘ (vgl. nhd. ‚Pegel‘, ‚peilen‘; Grimms Wörterbuch führt ‚Peil‘ als Eichmaß/Wasserstandsmesser). Über diese Öffnung werden die Gewürze zugegeben und das Nelken-Säckchen eingehängt - dieselbe Technik zeigt das bereits verlinkte men-299 (‚hänge es an einer Schnur in das Spundloch‘). Im Manuskript stand ursprünglich ‚pell‘, vom Schreiber selbst durchgestrichen und zu ‚peyll‘ korrigiert (CoReMA-TEI: „&lt;del&gt;pell&lt;/del&gt; peyll“) - unsere Transkriptions-Pipeline hatte das gestrichene Wort fälschlich mitgeführt, wodurch ein Phantom-Gewürz ‚Pfeffer‘ in den Text geriet.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="vermachs woll" resp="#fyndling">‚Vermachen‘ bedeutet in Rezepten dieser Zeit durchgehend ‚verschließen, zumachen‘ (ein Gefäß fest zumachen) - nicht ‚vermischen‘. Das Gefäß mit den Gewürzen wird also zugemacht, damit der Trunk ziehen kann.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="ain sackel" resp="#fyndling">Ein kleines Säckchen, in das die Nelken gegeben werden - das kräftigste Gewürz der Mischung. So lässt sich die Würzstärke jederzeit durch Herausnehmen des Säckchens regulieren, eine praktische Methode, die auch heute noch angewendet wird.</note>
        <note type="gloss" target="#mon-238-orig" n="Vnde duodecimade mensis etc." resp="#fyndling">Lateinische Datumsangabe, die ‚Und am zwölften des Monats etc.‘ bedeutet. Solche Vermerke waren in mittelalterlichen Handschriften üblich und dienten dem Schreiber zur Dokumentation des Abschriftzeitpunkts oder als Notiz für eine bestimmte Zubereitung.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-238-orig" n="ckerssen / weyssel" resp="#fyndling">Beide Begriffe wurden als ‚Sauerkirschen‘ übersetzt, basierend auf der CoReMA-Glosse und dem kulinarischen Kontext eines Trunks.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-238-orig" n="lasss woll gessen" resp="#fyndling">Als ‚lasst gut durchziehen‘ übersetzt, im Sinne eines Klärungs- und Absetzvorgangs nach dem Durchschlagen.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-238-orig" n="vn?z vncz das lessen kumpt" resp="#fyndling">Als ‚bis sich die Trübstoffe gesetzt haben‘ übersetzt, wobei ‚lessen‘ hier im Sinne von ‚verlesen‘ oder ‚absetzen‘ verstanden wird, um eine klare Flüssigkeit zu erhalten.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-238-orig" n="laz In vergessen" resp="#fyndling">Als ‚lasst ihn (den Most) unbeachtet stehen, bis er abgekühlt ist‘ übersetzt, um die Farberhaltung zu gewährleisten.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-238-orig" n="Tandel" resp="#fyndling">Als ‚Sandelholzpulver‘ interpretiert, da es ein bekanntes Gewürz und Färbemittel der Zeit war und gut in die Liste der anderen Gewürze passt.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-238-orig" n="wurdes czestarck vnd nagel In ain sackel" resp="#fyndling">Als vorausschauende Maßnahme gelesen: Die Nelken kommen von vornherein in ein eigenes Säckchen, weil sie lose zugegeben den Trunk zu stark würzen würden. Das Säckchen ist damit eine Dosierkontrolle von Anfang an, keine nachträgliche Notmaßnahme.</note>
        <note type="interpretive_choice" target="#mon-238-orig" n="duodecimade mensis etc." resp="#fyndling">Als lateinische Datumsangabe ‚Und am zwölften des Monats etc.‘ identifiziert, die nicht Teil der Kochanleitung ist.</note>
      </div>
    </back>
  </text>
</TEI>
