Weinbuch im Codex Donaueschingen (Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol])
Trick beim Weinverkosten erkennen
Moderne Übersetzung
Merke auch: Manche Leute wollen eingeführten bzw. gehandelten Wein ausschenken oder verkaufen. Sie betrügen denjenigen, der den Wein verkostet, beim Geschmack, indem sie ihm Lakritze zu essen geben, oder Nüsse, oder alten Käse, oder gesalzene Speise.
Danach hat der Wein einen süßen Geschmack.
Zubereitungshinweis
Was leistet dieses Kapitel? Kein Kochrezept, sondern ein kurzer Verbraucherhinweis aus dem Kellermeisterei-Traktat des Weinbuchs. Er warnt davor, dass unehrliche Weinverkäufer den Verkoster täuschen, indem sie ihm vor der Probe kräftig schmeckende Speisen zu essen geben, damit ein minderwertiger Wein süßer erscheint, als er ist. Weder eine Herstellungstechnik noch ein technisches Prüfverfahren wird gelehrt, sondern reine Wachsamkeit beim Weinkauf geschärft.
Zur Deutung von „gefürten win”. Der Text nennt den betroffenen Wein „gefürten wine”. Lexikalisch ist „gefürt/gefurt” durchgängig zum Verb „vüeren/gevüeren” (führen, transportieren, Handel treiben) belegt, nicht zu „machen”, der Wurzel des im Korpus belegten Begriffs „gemachter wein” für gepanschten Wein. Näher liegt daher die Lesart „eingeführter bzw. gehandelter Wein” - passend zu zeitgenössischen Weinordnungen, die das Einführen, Feilhalten und Verkaufen von Wein regeln. Am beschriebenen Betrugstrick ändert das nichts: Auch ein bloß gehandelter, minderwertiger Wein unbekannter Herkunft braucht aus Käufersicht eine Prüfung.
Vergleich mit Hirnkofen 1478. Wilhelm von Hirnkofens gedrucktes Weinbuch (Esslingen 1478) beschreibt in einem eigenen Abschnitt fast denselben Trick mit denselben vier Zutaten (Lakritze, Nüsse, alter/gesalzener Käse). Die Donaueschinger Handschrift ist gut zwei Jahrzehnte jünger; ob sie Hirnkofen kennt, auf eine gemeinsame Vorlage zurückgeht oder unabhängig dieselbe Tradition bezeugt, ist offen und hier nicht zu klären.
Praxis. Der Text beschreibt keinen Zubereitungsschritt, sondern benennt nur die vier Täuschungs-Zutaten und das behauptete Ergebnis - „Danach hat der wine ein süßen gesmacke.” Warum kräftige, salzige oder bittere Vorspeisen den nachfolgenden Weingeschmack milder und süßer wirken lassen, erklärt der historische Text selbst nicht; das ist eine moderne Ergänzung, siehe FAQ.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/wbd-006/
fyndling.de/rezepte/wbd-006/