Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4°
Osterfladen mit Eier-Rosinen-Füllung
Moderne Übersetzung
Wie man einen Osterfladen zubereitet:
Nimm drei Eier und bereite den Boden wie gewohnt zu. Nimm danach zwölf Eier und schlage sie gut auf. Gib geriebenes Weißbrotmehl (Semmelmehl) hinzu, wie für ein Bolsterlin, das nicht zu fest sein soll, und ein halbes Pfund Weinbeeren. Füge Butterfett im Wert von vier Pfennig hinzu. Gieße diese Mischung auf den Boden und backe es knusprig.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| drey Ayr | Eier | 3 | - | - |
| 12 Ayr | Eier | 12 | - | - |
| geribes semelmel | Geriebenes Weißbrotmehl | - | Supermarkt (Backregal) | Selbst aus altbackenem Weißbrot gerieben |
| 1/2 pfund weinberlen | Rosinen | 250 g | - | - |
| 4 pfening Botter schmaltz | Butterfett (im Wert von 4 Pfennig) | - | Supermarkt | Geklärte Butter (Ghee) oder eine Mischung aus Butter und Schweineschmalz |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Ein eierreicher Osterfladen: eine locker geschlagene Füllung aus zwölf Eiern, geriebenem Weißbrot, Weinbeeren und Butterfett, gegossen auf einen vorbereiteten Boden und knusprig gebacken. Die drei zusätzlich genannten Eier gehören zum Boden, nicht zur Füllung. Von der Struktur her steht das Gericht näher bei einer eierreichen Tarte nach Custard-Prinzip als bei einem Hefe-Osterkuchen; der Name „Osterfladen" steht so im Text und ist nicht erschlossen.
Weinbeeren: Rosinen oder frische Trauben? Das Wort bleibt offen. Die CoReMA-Glossen im Korpus ordnen „weinber" durchgehend dem Weinbau/frischen Trauben zu, nicht der Trockenfrucht. Im selben Buch listet ein anderes Rezept (Nr. 55, eine Vogelpastete) „weinberlen" und „zibiben" (Zibeben, ebenfalls Rosinen) als zwei getrennte Zutaten im selben Satz - wären beide Wörter Synonyme, wäre die Doppelung sinnlos -, und übersetzt „weinberlen" dort im Fließtext selbst mit „Weinbeeren", nicht mit Rosinen. Dagegen steht ein Zwillingsrezept aus einem anderen Kochbuch (Sabina Welserin): dort bezeichnet dasselbe Wort in einer sehr ähnlichen Eier-Fladen-Struktur eindeutig Rosinen. Beide Lesarten sind belegt, keine sticht die andere aus.
Bolsterlin. Der Vergleich meint eine weiche, nicht zu feste Konsistenz der Füllung. Das Wort ist ein Diminutiv zu „Bolster" (Kissen, Polster); ein Rezept aus dem Kochbuch der Sabina Welserin („Ain epffelbolster") verwendet denselben Wortstamm für einen in Fett aufgehenden, aufplusternden Backteig - das stützt die Lesart als lockere, aufgehende Konsistenz zusätzlich zur reinen Kissen-Metapher.
Praxis. Wie der Boden genau herzustellen ist, sagt der Text nicht - „wie sonst" setzt eine im Haushalt geläufige Standardzubereitung voraus, die hier nicht extra beschrieben wurde. Ein anderes Rezept desselben Buchs verweist ebenso knapp auf „wie an einem Osterfladen" als bekannten Bezugspunkt, führt ihn aber auch dort nicht aus - diese Lücke bleibt hier offen, statt sie mit einer modernen Teigsorte zu füllen. Für die Füllung zwölf Eier gut verquirlen, geriebenes Weißbrot einrühren, bis die Masse gerade eben bindet, aber nicht fest wird - dem Hinweis „nit zustarck" folgend lieber zu wenig als zu viel Brot. Ein halbes Pfund Weinbeeren unterheben, dazu Butterfett (der Text nennt nur einen Wert, keine Menge). Die Masse auf den Boden gießen und offen backen, bis die Oberfläche knusprig ist - das ist die einzige Garprobe, die der Text nennt.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/wo10-069/
fyndling.de/rezepte/wo10-069/