Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187
Kalb zerlegen und verwerten
Moderne Übersetzung
Ich kam herein, da fand ich nichts anderes als ein Kalb und musste doch davon ein Essen zubereiten.
So nimm ein Kalb und schlachte es und fange das Blut in einem heißen Wein auf. Häute das Kalb ganz und gar und schlage ihm den Kopf ab. Zerlege den Kopf und nimm das Hirn heraus. Wasche die übrigen Teile des Kopfes gründlich und siede sie rein. Daraus mache eine Kopf-Sülze.
Nun nimm die Füße und mache daraus eine Sülze. Nimm das Gekröse, den Reis und bereite es gründlich zu. Nun nimm die Wampen und den Magen.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ein Kalb | Kalb | 1 | Metzger (auf Bestellung) | - |
| den Swaiss | Kalbsblut | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| ain haissen wein | heißer Wein | - | - | - |
| das haubt | Kalbskopf | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| das hyernn | Kalbsgehirn | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| die fuesss | Kalbsfüße | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| das krass | Kalbsgekröse | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| das reyzz | Reis | - | - | - |
| die wamppen | Kalbswampen | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| den magen | Kalbsmagen | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Keine einzelne Speise, sondern eine Anleitung zur Ganzverwertung eines frisch geschlachteten Kalbes: Kopf-Sülze, Fuß-Sülze und eine Gekröse-Reis-Zubereitung, dazu Wampen und Magen als weitere Ausgangsstoffe. Die direkte lebende Nachfahrin ist der Presskopf/die Sülze, wie sie bis heute bei Metzgereien in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhältlich ist - keine Wiederbelebung, sondern ununterbrochene Tradition. Verwandt über dasselbe Grundprinzip (kollagenreiche Teile auskochen, kalt gelieren lassen) sind das französische fromage de tête und das englische brawn/headcheese.
Blut in heißem Wein. Der Text lässt offen, wozu das beim Schlachten aufgefangene Blut-Wein-Gemisch weiterverwendet wird - das Rezept bricht ab, bevor dazu etwas gesagt wird. Heißer Wein würde Blut eher gerinnen lassen als es flüssig zu halten, anders als das sonst übliche Auffangen in kaltem, gerührtem Zustand; ob das im Text so beabsichtigt war, bleibt unklar.
Gekröse und Reis. Der Text nennt für diesen Schritt nur "mach es schon" (sauber/gründlich machen), aber weder Kochmethode noch Endkonsistenz. Ob daraus ein Mus, eine Fülle oder etwas anderes wurde, ist aus dem Text nicht ersichtlich.
Praxis. Kopf und Füße gründlich waschen und in reichlich Wasser weich auskochen, bis sich das Fleisch vom Knochen löst; die ausgekochte Flüssigkeit enthält genug Kollagen, um beim Erkalten von selbst zu einer Sülze zu binden - Fleisch und Sud in eine Form geben und kühl fest werden lassen. Das Hirn vor dem Verzehr vollständig durchgaren, wie es der heutige Lebensmittelsicherheits-Standard verlangt; der Text macht dazu keine Angabe. Ebenso sollte ein Blut-Wein-Gemisch vor dem Verzehr erhitzt werden. Für Gekröse und Reis bleibt die genaue Zubereitung offen; Wampen und Magen benennt das Rezept nur noch, ohne eine Anweisung dazu zu geben - der Text bricht hier ab.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/b4-238/
fyndling.de/rezepte/b4-238/