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Kochbuch des Meisters Hans (Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch)

Württemberg / Basel, 1460 · Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)

Starker Essig aus unreifen Weintrauben

Moderne Übersetzung

Von gutem Essig, wie man ihn herstellen soll.

Nimm Weintrauben um den Sankt-Michaelstag (29. September), bevor sie richtig reif werden, und zerdrücke sie mit den Händen. Gib die zerdrückten Trauben in ein glasiertes Becken und stelle es in die Sonne. Lass es gut reifen und vergären.

Entferne danach die Schalen und gieße den klaren Saft in ein sauberes, schönes Fässchen. Schwenke das Fässchen mit dem besten Wein aus, den du bekommen kannst, und lass es danach wieder trocken werden. Gib den zuvor beschriebenen Wein in das Fässchen, fülle es aber nicht ganz voll, und lass es an einem warmen Ort stehen.

So erhältst du den allerstärksten Essig, den man in der Apotheke Acetum fortissimum nennt.

Zutaten

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
weinper Weintrauben, unreif - Wochenmarkt, Weinbaubetrieb Handelsübliche unreife/grüne Trauben aus dem Weinanbau, notfalls saure Tafeltrauben
dem aller pesten wein Wein, bester verfügbarer - - -

Zubereitungshinweis

Welches Gericht ist das?

Kein Gericht im eigentlichen Sinn, sondern eine zweistufige Anleitung zur Herstellung von starkem Weinessig aus unreifen Trauben: zunächst Sonnengärung des zerdrückten Mostes, danach Reifung im mit bestem Wein ausgeschwenkten Fass. Der lebendige Nachfahre ist der traditionell im Holzfass mit einer Essigmutter gereifte Weinessig. Das Konditionieren des Fasses durch Ausschwenken mit Wein erinnert an das Prinzip, das später unter dem Namen Orléans-Methode bekannt wurde - ein einzelner Ansatz in einem Fass, kein gestaffeltes System mehrerer Fässer und Jahrgänge wie beim (deutlich jüngeren, spanischen) Solera-Verfahren.

Warum unreife Trauben?

Unreife, saure Trauben liefern mehr Säure und weniger Zucker als reife - das begünstigt die Vergärung zu Essig statt zu Wein. Die Traubenidentität ist hier über den Küchenkontext hinaus auch durch eine rezeptspezifische Sachglosse gestützt: CoReMA verzeichnet für genau diese Stelle 'weinper' als grape (frische Traube), nicht als Rosine, wie das Wort in anderen Rezepten des Korpus meist gelesen wird.

Das Ausschwenken des Fasses.

Der Text erklärt nicht, warum das leere Fässchen zuerst mit bestem Wein ausgeschwenkt und wieder trocken werden gelassen wird, bevor der eigentliche Essig-Ansatz hineinkommt. Naheliegend ist eine Konditionierung: Essigbakterien siedeln sich im Holz gebrauchter Wein- oder Essigfässer an, das Ausschwenken mit Wein reaktiviert diese Kultur, bevor der Ansatz hineinkommt. Diese Funktionserklärung ist eine plausible Rekonstruktion, keine Aussage des Originaltextes selbst - der Text beschreibt nur die Abfolge, nicht ihren Grund.

Praxis.

Zum Ansetzen ein modernes, garantiert lebensmittelechtes glasiertes Steingut-, Keramik- oder Glasgefäß verwenden, keine historisierende bleiglasierte Irdenware - Blei kann bei wochenlangem Kontakt mit saurem, gärendem Fruchtsaft auslaugen. Das Fässchen bewusst nicht randvoll füllen: Der Luftraum ist nötig, damit die Essigbakterien arbeiten können. Wer das Rezept im Lager zeigen will, bereitet den fertigen Essig vorab zu Hause vor und zeigt vor Ort nur die Verkostung oder das letzte Umfüllen - der komplette Vorgang dauert Wochen bis Monate.

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