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Kochbuch des Meisters Hans (Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch)

Württemberg / Basel, 1460 · Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)

Kräuter-Tau-Salse für das ganze Jahr

Moderne Übersetzung

Wer eine Salse machen will, die man übers ganze Jahr aufheben kann, geht so vor.

Im Mai Petersilie, Bohnenkraut, Salbei und junge Mangold-Blätter sammeln. Alles zusammen fein hacken und gut vermengen.

Vor Sonnenaufgang den Morgentau in einem Tuch auffangen. Die gehackten Kräuter nehmen und zusammen mit dem Tau durch ein Tuch pressen, so kräftig wie nur möglich.

Die ausgepresste Masse in ein kleines Abtropfgefäß geben und in die Sonne stellen, bis daraus kleine Klümpchen werden; diese in einer Schweinsblase aufbewahren.

Will man die Salse im Laufe des Jahres verwenden, die getrocknete Masse mit Wein und Essig anfeuchten, wie bei jeder anderen Salse.

Zutaten

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
peterling oder petersill Petersilie - - -
pfeffer kraut Bohnenkraut - - -
Saluan Salbei - - -
jung piessen kraut oder pletter junge Mangold-Blätter - - -
taues Morgentau - - Ersatzweise destilliertes Wasser oder gesammeltes Regenwasser, wenn kein Tau zu sammeln ist
wein Wein - - -
essich Essig - - -

Zubereitungshinweis

Welches Gericht ist das?

Eine getrocknete Kräuter-Salse-Grundlage zum Selbstanrühren: Petersilie, Bohnenkraut, Salbei und junge Mangold-Blätter werden fein gehackt, mit Morgentau ausgepresst, in der Sonne zu kleinen Klümpchen gedörrt und in einer Schweinsblase das ganze Jahr über vorrätig gehalten. Erst beim Gebrauch wird die getrocknete Masse mit Wein und Essig zu einer fertigen grünen Sauce angerührt - im Kern ein haltbar gemachtes Sauce-Konzentrat zum Selbstanrühren. In der Handschrift Cgm 811 (München, Liederbuch des Jakob Käbitz) findet sich unter dem nahezu wortgleichen Rezept ‚m811-003' dasselbe Verfahren Schritt für Schritt - Kräuterauswahl, Tau-Sammlung, Sonnentrocknung, Blasen-Lagerung, Wein-Essig-Reaktivierung - eine unabhängige Bestätigung, dass es sich um eine tatsächlich überlieferte, keine vereinzelte Technik handelt.

‚Stupffs weiss' - Klümpchen oder Pulver?

Der Text beschreibt das Ergebnis des Sonnentrocknens nur mit ‚stupffs weiss' - wörtlich in Dab- bzw. Tupf-Form. Das Zwillingsrezept hat an genau dieser Stelle ein eigenes, sonst unbelegtes Wort (‚geppupp'), dessen dortige Lesart als Pulver oder Gestäube wiederum nur eine Interpretation ist. Beide Handschriften haben an dieser Stelle also ein Hapax ohne externe Wörterbuch-Bestätigung. Die Lesart ‚kleine Klümpchen' bleibt die naheliegendste - gestützt durch die Position im Verfahren unmittelbar vor dem Einfüllen in die Blase, aber nicht zweifelsfrei bewiesen.

Wie kräftig oder wie oft auspressen?

‚Als dick du mugest' lässt zwei Lesarten zu: ‚so kräftig wie möglich' (hier verwendet) oder ‚so oft du kannst' im Sinne von mehrfachem Auspressen. Beide Bedeutungen sind für mittelhochdeutsch ‚dicke' belegt; der Text selbst entscheidet nicht eindeutig zwischen ihnen.

Praxis.

Im Mai die vier Kräuter frisch sammeln und möglichst fein hacken - das vergrößert die Angriffsfläche für den späteren Saftaustritt. Vor Sonnenaufgang, an einer trockenen und klaren Nacht, den Morgentau in einem Tuch auffangen; wer keinen Tau sammeln kann, behilft sich ersatzweise mit destilliertem Wasser oder Regenwasser. Die gehackten Kräuter zusammen mit dem Tau in einem Tuch auspressen, die austretende Masse in einem kleinen Abtropfgefäß auffangen und mehrere sonnige Tage draußen trocknen lassen, bis eine feste, klümpchenartige Masse entsteht. Vor dem luftdichten Einlagern (modernes Ersatzgefäß: verschließbares Glas oder Dose statt Schweinsblase) sollte die Masse vollständig durchgetrocknet sein und keine Restfeuchte mehr enthalten - der Text selbst nennt nur die Form, keinen bestimmten Trocknungsgrad, und zu feuchte Masse in einem luftdichten Gefäß birgt ein reales Schimmelrisiko. Zum Gebrauch die getrocknete Masse einfach mit Wein und Essig zu einer streich- oder gießfähigen grünen Sauce anrühren - die Säure trägt zusätzlich zur Haltbarkeit und Würze bei.

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