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Grüne Mai-Kräutersalse

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 811 · Schwaben · 1440

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10VeganVegan
Zubereitungszeit60 Min.Portionen1 Blase getrocknetes KräuterpulverBuchMünchner Kochbuchhandschriften (Cgm 811) (~1440)

Willst du eine gute Mai-Salse zubereiten, so nimm Petersilie, Pfefferkraut, Salbei und junge Mangoldblätter. Hacke dies alles sehr fein untereinander.

Am frühen Morgen fange den Tau auf ein Tuch und lege die Kräuter hinein. Gib es dann in einen Trog und setze es in die Sonne, damit es den Tau verliert und wie ein trockenes Gestäube wird. Gib es dann in eine Blase.

Wann immer du im Jahr damit essen möchtest, so befeuchte das Kräuterpulver mit Wein oder mit Essig, wie du es auch mit einer anderen Salse tun würdest.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
peterlein Petersilie - - -
pfeffer krawt Bohnenkraut - - -
salway Salbei - - -
iung piessen pleter junge Mangoldblätter - Wochenmarkt, Supermarkt junger Mangold / Blattbete; ersatzweise junger Spinat
tau Morgentau - - destilliertes Wasser
wein oder essig Wein oder Essig - - Essig

Welches Gericht ist das? Eine getrocknete grüne Kräuterwürze auf Vorrat - eine 'Mai-Salse'. Junge Frühlingskräuter (Petersilie, Bohnenkraut/Pfefferkraut, Salbei und junge Mangoldblätter) werden fein gehackt, mit aufgefangenem Morgentau angesetzt, in der Sonne zu einem trockenen Pulver ('Gestäube') getrocknet und in einer Blase aufbewahrt. Bei Bedarf rührt man das Pulver mit Wein oder Essig zur frischen Salse an - mittelalterliches 'Instant'-Kräutergrün für die kräuterlose Jahreszeit.

Der Morgentau dient zum Anfeuchten und Reinigen der Kräuter (mit volkstümlich-symbolischem Beiklang); ersetzbar durch sauberes bzw. destilliertes Wasser.

Praxis. Kräuter sehr fein hacken, leicht befeuchten, dünn ausgebreitet in einem Trog oder auf einem Tuch der Sonne aussetzen (oder im Dörrgerät bei niedriger Temperatur), bis sie vollständig durchtrocknen und von selbst zu einem krümeligen Pulver zerfallen; luftdicht aufbewahren. Zum Servieren mit Wein oder Essig zu einer Salse anrühren.

Was sind die 'jungen Blätter' (iung piessen pleter)?

Junge Mangoldblätter. Die nah verwandte Handschrift Clm 15632 schreibt an dieser Stelle ausdrücklich ‚mangold pleter‘, was die Lesart als weißen Mangold (Beta vulgaris) bestätigt. Du kannst jungen Mangold bzw. Blattbete verwenden, ersatzweise zarten Spinat.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, als Schaugericht ist es sehr gut geeignet. Die Sammlung von Morgentau und das Trocknen der Kräuter in der Sonne sind aufwendige, aber visuell interessante Schritte, die sich gut über ein Wochenende demonstrieren lassen. Das fertige Kräuterpulver lässt sich dann einfach im Lager mit Wein oder Essig anrühren und zu Speisen reichen.

Was bedeuten 'Morgentau', 'Gestäube' und 'Blase' im Rezept?

‚Morgentau‘ wurde gesammelt, um die Kräuter zu befeuchten und zu reinigen, möglicherweise auch aus symbolischen Gründen. ‚Gestäube‘ (geppupp) bezeichnet das Endprodukt der getrockneten Kräuter - ein feines Pulver. Eine ‚Blase‘ (plater), meist eine gereinigte Schweinsblase, diente als luftdichter und flexibler Behälter zur Aufbewahrung von getrockneten Lebensmitteln oder Pasten.

Was bedeutet die Phrase 'gegen der schrat elsen'?

Das ist eine verderbte Textstelle, die in der gesamten Parallelüberlieferung als unverständlich gilt bzw. dort fehlt. Sinngemäß meint sie ‚wann immer du im Jahr davon essen willst‘; den genauen Wortlaut kann man heute nicht mehr sicher auflösen. Für die Zubereitung ist sie ohne Belang: Man rührt das Kräuterpulver einfach bei Bedarf mit Wein oder Essig an.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Münchner Kochbuchhandschriften (Cgm 811) (2. Viertel 15. Jh., Schwaben). Vier Kochrezepte, eingestreut in das berühmte 'Liederbuch des Jakob Käbitz' (Cgm 811) - eine schwäbische Lieder- und Spruchsammlung des 2. Viertels des 15. Jh. Eine Hand notierte hier drei Selsen (fruchtig-saure Würzsaucen: aus Weintrauben und sauren Äpfeln; aus Äsche; eine grüne Kräuter-Selse, die mit Morgentau angesetzt und zu Pulver getrocknet wird) sowie eine Weichsel-Latwerge mit Honig und geriebenem Brot. Einzige schwäbische Quelle im Korpus und ein seltenes Beispiel für Kochrezepte in einer Liederhandschrift. Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Handschrift M7 ediert; Teil der Ehlert-Edition der Münchner Kochbuchhandschriften.

Wiltu machen ein gut maysche selcz so nym peterlein vnd pfeffer krawt vnd salway vnd iung piessen pleter vnd hack das gar klain vnder ein ander vnd an dem morgen frue so fach den tau auff ein tuoch vnd leg das krawt dar ein vnd tuo es denn in ein muoltern vnd ses secz es an dye sunnen so uerleusset es den taw vnd la eß trucken werden als ein geppupp vnd tuo eß denn in ein plater vnd wan du wilt in dem iar so gegen der schrat elsen mit der selchen so necz esz ab mit wein oder mit essig als ein ander selßen
selcz

Mittelhochdeutsch für ‚Salse‘ oder ‚Sauce‘, eine würzige Tunke, oft fruchtig-sauer, die zu Fleisch oder Fisch gereicht wird. Nicht zu verwechseln mit ‚Sülze‘.

muoltern

Ein Trog oder eine Mulde, wie er sonst zum Kneten von Teig oder Reinigen von Getreide verwendet wurde. Hier dient er lediglich als flaches Gefäß, in das die angefeuchteten Kräuter zum Trocknen in die Sonne gestellt werden - kein Mörser und keine Stoß- oder Reibhandlung.

geppupp

Ein ‚Gestäube‘, also ein trockenes Pulver oder feiner Staub. Hier bezieht es sich auf die in der Sonne getrockneten Kräuter, die von selbst krümelig werden.

plater

Eine ‚Blase‘, meist eine Schweinsblase, die im Mittelalter als luftdichter Behälter zur Aufbewahrung von Pulvern, Pasten oder Flüssigkeiten diente.

pfeffer krawt

Trotz des Namens nicht das Gewürz Pfeffer, sondern ein Gartenkraut (Bohnenkraut, Satureja hortensis), das im Mittelalter oft als Ersatz für den teuren, nicht immer verfügbaren echten Pfeffer diente.

gegen der schrat elsen

Eine im Original verderbte Stelle, die in der gesamten Parallelüberlieferung als unverständlich gilt bzw. dort fehlt. Sinngemäß: ‚wann immer du im Jahr davon essen willst‘ - der genaue Wortlaut bleibt ungeklärt.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 811
Folio
Fol. 035v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-bairisch, Liederbuch des Jakob Käbitz)
Entstehung
Schwaben, 1440

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgegen der schrat elsen

Gewählte Lesart: Verderbte, in der gesamten Parallelüberlieferung als unverständlich geltende Stelle (fehlt dort ganz). Sinngemäß: ‚wann immer du im Jahr davon essen willst‘.

Originalwerk (~1440) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 035v, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 811 (Liederbuch des Jakob Käbitz, 2. Viertel 15. Jh.); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M7 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 811), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Die Sammlung von Morgentau und das mehrtägige Trocknen der Kräuter in der Sonne bis zum Pulver sind aufwendige, aber visuell interessante Schritte, die sich gut über ein Wochenende demonstrieren lassen. Das fertige Kräuterpulver lässt sich dann einfach im Lager mit Wein oder Essig anrühren.
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