Wo kam was her? Hauptachsen des Lebensmittel-Fernhandels im Mittelalter (12.-15. Jh.).
Mittelalterliche Warenrouten
Im Mittelalter (ca. 500-1500) war der Lebensmittel-Fernhandel
überraschend dynamisch und dicht vernetzt. Wer in einer Hansestadt,
am Hof oder in einem Kloster lebte, hatte regelmäßig Zugriff auf
Waren von weither: Wein aus Bordeaux,
Pfeffer aus Indien, Stockfisch aus
Norwegen, Reis aus Andalusien,
Mandeln aus Apulien. Die Vorstellung vom rein
lokal lebenden Bauern stimmt nur für die ärmste ländliche
Bevölkerung - und auch die kannte Senf-Pasten aus Dijon oder
Hering aus Skagen.
Die Karte oben zeigt die wichtigsten Hauptachsen
des spätmittelalterlichen Lebensmittelhandels (12.-15. Jh.). Mit den
Layer-Schaltern lassen sich Waren-Kategorien einzeln ein- und
ausblenden. Klick auf einen Hub-Marker oder eine Route öffnet
Detail-Informationen.
Wein
Wein war eines der wichtigsten Fernhandelsgüter. In gigantischen
Holzfässern (Tonneaux) per Schiff transportiert - haltbarer und
oft keimfreier als Wasser.
- Bordeaux ↔ England - der quantitativ größte
Wein-Handel des Hochmittelalters. Nachdem Eleonore von Aquitanien
1152 Heinrich II. Plantagenet heiratete, kontrollierte England
die Gascogne bis 1453. Im 14. Jh. wurden 20.000-100.000 Tonneaux
jährlich nach England verschifft.
- Malvasier aus Griechenland - süßer Hofwein
aus den Ägäischen Inseln und Kreta, benannt nach dem Hafen
Monemvasia. Nach dem 4. Kreuzzug (1204) von Venedig
kontrolliert.
- Italien über die Alpen - Wein aus Apulien,
Kampanien und der Toskana per Saumzug über Brenner, Septimer,
Großer Sankt Bernhard nach Süddeutschland und Frankreich.
- Rheinwein - Köln, Mainz und Frankfurt als
Umschlagplätze; gehobener Alltagswein des hansischen
Patriziats.
Pasta und Hartweizen
Die Erfindung der haltbaren getrockneten Nudel
verdanken wir dem arabisch-normannischen Sizilien. Der Geograph
al-Idrisi dokumentierte 1154 in seiner Tabula
Rogeriana, dass die Stadt Trabia bei Palermo
fadenförmige getrocknete Pasta (itriyya) in solchen Mengen
herstellte, dass sie „in alle muslimischen und christlichen Länder"
verschifft wurde. Später übernahmen Genua und Neapel die
Massenproduktion.
Für haltbare Pasta braucht es Hartweizen
(Triticum durum) - der wächst nicht gut im feuchten Norden,
aber prächtig in Sizilien, Apulien, Tunesien, Andalusien. Genua und
Venedig importierten Hartweizen aus den „Kornkammern des
Mittelmeers" in ihre eigenen Großstädte. Ohne diese
Importe wäre Florenz verhungert - die Stadt hatte ein
eigenes Getreide-Amt (Abbondanza) speziell für
Notfall-Importe. Genuesische Schwarzmeer-Faktoreien (Caffa auf
der Krim) lieferten Pontus-Weizen.
Salz und Salzfisch - die Hanse-Welt
Salz wurde im Mittelalter nicht primär zum Würzen gehandelt,
sondern als Konservierungsmittel - besonders für
Fisch, dessen Markt durch die katholische Fasten-Praxis riesig war
(~150 Fasten-Tage pro Jahr in weiten Teilen Europas).
- Atlantik-Salz aus Bourgneuf (Bretagne/Vendée)
und später Sétubal (Portugal) - Massenware der Hanse-Koggen,
grob und billig, perfekt für Fisch-Pökel
- Lüneburger Steinsalz - über die Alte
Salzstraße Lüneburg→Lübeck nach Skandinavien. Lüneburger
Sülzschultheißen wurden zu eigener Adels-Klasse
- Stockfisch aus Norwegen - Lofoten-Kabeljau
luftgetrocknet, jahrelang haltbar; Hanse-Faktorei in Bergen
- Hering aus dem Skagerrak - bis ins 15. Jh.
gewaltige Schwärme an der Schonen-Küste, später Heringszug-
Verlagern in die Nordsee
Gewürze
Asiatische Gewürze kamen über zwei Hauptrouten in den
Mittelmeerraum:
- Levante-Route - Indischer Ozean → Persischer
Golf / Rotes Meer → Alexandria, Aleppo, Beirut → Venedig, Genua →
ganz Europa. Die Hauptstrecke für Pfeffer, Ingwer, Zimt, Muskat,
Nelken.
- Schwarzmeer-Achse (Seidenstraße) - über
Zentralasien → Tabriz → Schwarzes Meer → genuesische Kolonien
(besonders Caffa auf der Krim) → Genua. Wichtig solange die
Pax Mongolica (13./14. Jh.) die Route sicherte.
Venedig und Genua hatten ein effektives Duopol
auf den Großhandel bis Vasco da Gama 1498 den Seeweg nach Indien
eröffnete und Lissabon aufstieg.
Mehr zu konkreten Mischungen: siehe
Mittelalterliche Gewürzpulver - die
Poudres.
Olivenöl, Käse, Butter
Die Nord-Süd-Fett-Geographie ist eine der
stabilsten Esskultur-Achsen Europas: Butter im Norden,
Olivenöl im Süden.
- Olivenöl aus Apulien, Toskana, Andalusien,
Provence, Tunesien - besonders wichtig für die nordeuropäische
Fastenküche (Schmalz und Butter waren in der
Fastenzeit ausgeschlossen). Venezianische und genuesische
Galeeren brachten es in Tonkrügen nach Norden.
- Parmesan wurde ab dem 12./13. Jh. in
Klöstern Norditaliens gewerblich hergestellt; Boccaccio
beschreibt im Decameron (1350) einen „Berg geriebenen
Parmesan, auf dem Maccheroni gemacht werden" - eine der ältesten
Parmesan-mit-Pasta-Quellen.
- Roquefort ist schon 1070 schriftlich belegt
und bekam 1411 königlichen Schutz durch Charles VI.
- Holländische Hartkäse (Edam, Gouda) waren
Hanse-Massenware ab dem 14. Jh.
- Salzbutter aus Nordeuropa wurde über Brügge
als Hanse-Handelsgut exportiert - monatelang transportierbar.
Hopfen
Bis ins 12./13. Jh. wurden Biere mit Grut gewürzt
(Kräuter-Mischung aus Gagel, Sumpfporst, Schafgarbe). Ab dem
13. Jh. setzt sich Hopfen durch - bessere
Haltbarkeit und klarerer Geschmack. Hauptanbau-Gebiete:
Hallertau (Bayern), Žatec / Saaz
(Böhmen, höchste Qualität), Polen, Sachsen-Thüringen. Bremen wird
im 14. Jh. die führende Bier-Stadt Nordeuropas - „Bremer Bier"
wird Export-Marke.
Mandeln, Reis, Trockenfrüchte
Mediterrane Produkte, die in der nordeuropäischen Hofküche fest
etabliert waren:
- Mandeln aus Apulien, Sizilien, Spanien -
Grundlage für Mandelmilch, die wichtigste
Fastenspeise-Zutat des Mittelalters
- Reis kommt im 9./10. Jh. durch arabische
Einführung nach Andalusien und Sizilien, im 14./15. Jh. Anbau in
der Po-Ebene - Lodovico Sforza fördert die lombardische
Risotto-Tradition. Blancmanger (Kapaun + Reis +
Mandelmilch) ist pan-europäisches Hofgericht.
- Korinthen (kleine Rosinen aus Korinth) -
bei Meister Hans als „welisch weinper" (italienische Rosinen)
benannt
- Feigen und Datteln aus dem Mittelmeer-Raum
und der Levante
Zucker - von Damaskus bis Madeira
Kaum eine Ware hat ihre Handelsgeographie im Spätmittelalter
so dramatisch verschoben wie Zucker. Über fünf Jahrhunderte
wandert das Produktionszentrum vom arabischen
Vorderasien über das Mittelmeer in den
Atlantik - und bereitet damit die spätere
Plantagenwirtschaft Brasiliens und der Karibik vor.
- 10.-13. Jh. - Damaskus, Akkon, Alexandria.
Die frühesten Zuckerraffinerien liegen in Khuzestan
(Südpersien) und Ägypten (ab 7./8. Jh.);
Damaskus wird im 9./10. Jh. zur wichtigen
Raffinerie- und Konditorei-Metropole. Damaszener Zucker (raffiniert
in Zucker-Hüten) gelangt über die Kreuzritter-Häfen
Akkon und Tyrus auf
venezianische Galeeren nach Venedig. Im 13. Jh. ist Zucker noch
Apotheker-Ware: in Hospitälern verschrieben, gemischt
in Sirupe (siropi), Latwergen und Konfekt-Pasten.
- 13.-15. Jh. - Famagusta auf Zypern. Nach
dem Fall Akkons (1291) übernimmt Famagusta die östliche
Zucker-Drehscheibe. Die venezianische Cornaro-Familie
betreibt riesige Zuckerrohr-Plantagen bei Episkopi (Zypern) bis
zur osmanischen Eroberung 1571. Zyprischer Zucker beliefert
Venedig und von dort weiter Mitteleuropa.
- 10.-15. Jh. - Sizilien und al-Andalus. Mit
der arabischen Eroberung Siziliens (ab 827, abgeschlossen ~902)
wird der Zuckerrohr-Anbau nach Trapani, Palermo,
Mazara gebracht und im Lauf des 10./11. Jh. etabliert,
von den Normannen ab 1071 fortgeführt. Parallel baut
Al-Andalus Zucker in der Region Valencia (besonders Gandía
und Oliva) an, solide belegt ab dem 13. Jh., mit
möglichen früheren Wurzeln unter den Tāʾifa-Königreichen.
Westmittelmeer-Zucker wird über Genua und
Marseille verhandelt und gelangt per
Rhône-Saône-Achse nach Mitteleuropa.
- 1420er-1500 - Madeira, der Wendepunkt. Ab
den 1420er Jahren besiedeln die Portugiesen Madeira gezielt für
den Zuckerrohr-Anbau. Die erste Zuckermühle steht 1452, ab den
1470er Jahren ist Madeira größter Zuckerproduzent
Europas. Portugiesische Karavellen bringen den
Atlantik-Zucker direkt nach Lissabon; von dort
übernimmt Antwerpen die Verteilung in
Nordeuropa und löst Brügge nach der Versandung des Zwin als
Hanse-Drehscheibe ab.
- 1485-1540er - São Tomé. Die portugiesische
Atlantik-Insel vor der westafrikanischen Küste wird 1485 besiedelt,
die Zuckerrohr-Großproduktion folgt im frühen 16. Jh. (um 1550 ca.
150 Mühlen). Kurzzeitig größter atlantischer
Zucker-Produzent, ab den 1540er Jahren von Pernambuco/
Brasilien überholt. São Tomé ist der
Prototyp der späteren brasilianischen und karibischen
Plantagenwirtschaft - mit allem was dazugehört:
Versklavung afrikanischer Menschen, Monokultur,
Kolonial-Gewalt. Das ist die Schattenseite der europäischen
Zucker-Geschichte, die in der Reenactment-Romantik gerne
übergangen wird, in den Quellen aber unübersehbar ist.
Was bedeutet das für Mittelalter-Rezepte?
Zucker taucht im 13./14. Jh. in höfischen Rezeptbüchern wie
Liber de Coquina, Viandier oder
Forme of Cury auf - meist als feiner Akzent (eine Prise,
auf den Teller bestreut, in blanc manger oder Mandelmus
eingerührt). In bürgerlichen Quellen des 14./15. Jh. wird er
zunehmend zugänglich, aber bleibt teuer. Erst im 16. Jh.
mit dem Atlantik-Zucker fällt der Preis deutlich, und
Zucker wandert aus der Apotheke in die normale Küche. Honig
bleibt bis dahin das Alltags-Süßungsmittel des breiten
Bürgertums und der ländlichen Bevölkerung. Siehe dazu auch den
Eintrag Zucker - vom
Apotheker-Gut zur Massenware.
Senf, Galgant, Süßholz
- Senf war das Alltagsgewürz Nr. 1 - überall
lokal anbaubar. Dijon entwickelt im 13. Jh. eine
eigene Senf-Pasten-Tradition mit Verjus; der Name moutarde
kommt von moût ardent („brennender Most"). Italienische
Mostarde aus Cremona/Mantova vermischt Senf mit
kandiertem Obst.
- Galgant (Alpinia officinarum, aus
Südchina und Java) war im Mittelalter so populär wie Ingwer und
gibt der Sauce Galentyne ihren Namen. Heute aus
der europäischen Küche fast verschwunden, in der
thailändischen Küche standard.
- Süßholz war im Mittelalter primär
Apotheker-Ware, kaum Küchen-Zutat - in unserem
Korpus von rund 1400 Rezepten erscheint es nur in zwei
(Heil-Senf, Heil-Tisane). Hauptanbau: Kalabrien, Andalusien,
später Bamberger Region.
Was die Bauern aßen
Ein normaler Kleinbauer im Norden sah zeitlebens weder
Muskatnuss noch Safran noch teuren Zimt. Für Würze griff er zu
heimischen Alternativen:
- Schärfe aus Senf,
Meerrettich, Knoblauch,
Zwiebeln
- Kräuter aus Garten und Wildsammlung:
Petersilie, Dill, Beifuß, Majoran, Thymian, Salbei,
Liebstöckel, Bohnenkraut, Pimpinelle
- Säure aus Verjus (Saft
unreifer Weintrauben), Essig, Sauerampfer, Sauerkraut-Salzlake.
Zitronen waren bis ins 17. Jh. teurer Luxus im Norden.
Literatur
Die wichtigsten Standardwerke zur mittelalterlichen
Lebensmittel-Handels-Geschichte:
- Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18.
Jahrhunderts, 3 Bde., München 1985-86
- Roberto Lopez: The Commercial Revolution of the Middle
Ages, 950-1350, Cambridge UP 1971
- Peter Spufford: Power and Profit: The Merchant in
Medieval Europe, Thames & Hudson 2002
- Massimo Montanari: Der Hunger und der Überfluss.
Kulturgeschichte der Ernährung in Europa, München 1993
- Silvano Serventi & Françoise Sabban: Pasta: The
Story of a Universal Food, Columbia UP 2002
- Paul Freedman: Out of the East: Spices and the Medieval
Imagination, Yale UP 2008
- Susan Rose: The Wine Trade in Medieval Europe,
1000-1500, Bloomsbury 2011
- Philippe Dollinger: Die Hanse, 5. Aufl. Stuttgart
1989
Wichtige Primärquellen: al-Idrisi Tabula
Rogeriana (1154) für die sizilianische Pasta-Industrie;
Francesco Balducci Pegolottis La pratica della mercatura
(~1340) für Gewürz- und Warenpreise; Marco Polos
Il Milione (~1298) für Asien-Routen (vorsichtig zu
verwenden, viele Aussagen sind Hörensagen).
- Die Fyndling-Redaktion