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Mittelalterliche Warenrouten

Wo kam was her? Hauptachsen des Lebensmittel-Fernhandels im Mittelalter (12.-15. Jh.).

Mittelalterliche Warenrouten

Im Mittelalter (ca. 500-1500) war der Lebensmittel-Fernhandel überraschend dynamisch und dicht vernetzt. Wer in einer Hansestadt, am Hof oder in einem Kloster lebte, hatte regelmäßig Zugriff auf Waren von weither: Wein aus Bordeaux, Pfeffer aus Indien, Stockfisch aus Norwegen, Reis aus Andalusien, Mandeln aus Apulien. Die Vorstellung vom rein lokal lebenden Bauern stimmt nur für die ärmste ländliche Bevölkerung - und auch die kannte Senf-Pasten aus Dijon oder Hering aus Skagen.

Die Karte oben zeigt die wichtigsten Hauptachsen des spätmittelalterlichen Lebensmittelhandels (12.-15. Jh.). Mit den Layer-Schaltern lassen sich Waren-Kategorien einzeln ein- und ausblenden. Klick auf einen Hub-Marker oder eine Route öffnet Detail-Informationen.

Wein

Wein war eines der wichtigsten Fernhandelsgüter. In gigantischen Holzfässern (Tonneaux) per Schiff transportiert - haltbarer und oft keimfreier als Wasser.

Pasta und Hartweizen

Die Erfindung der haltbaren getrockneten Nudel verdanken wir dem arabisch-normannischen Sizilien. Der Geograph al-Idrisi dokumentierte 1154 in seiner Tabula Rogeriana, dass die Stadt Trabia bei Palermo fadenförmige getrocknete Pasta (itriyya) in solchen Mengen herstellte, dass sie „in alle muslimischen und christlichen Länder" verschifft wurde. Später übernahmen Genua und Neapel die Massenproduktion.

Für haltbare Pasta braucht es Hartweizen (Triticum durum) - der wächst nicht gut im feuchten Norden, aber prächtig in Sizilien, Apulien, Tunesien, Andalusien. Genua und Venedig importierten Hartweizen aus den „Kornkammern des Mittelmeers" in ihre eigenen Großstädte. Ohne diese Importe wäre Florenz verhungert - die Stadt hatte ein eigenes Getreide-Amt (Abbondanza) speziell für Notfall-Importe. Genuesische Schwarzmeer-Faktoreien (Caffa auf der Krim) lieferten Pontus-Weizen.

Salz und Salzfisch - die Hanse-Welt

Salz wurde im Mittelalter nicht primär zum Würzen gehandelt, sondern als Konservierungsmittel - besonders für Fisch, dessen Markt durch die katholische Fasten-Praxis riesig war (~150 Fasten-Tage pro Jahr in weiten Teilen Europas).

Gewürze

Asiatische Gewürze kamen über zwei Hauptrouten in den Mittelmeerraum:

Venedig und Genua hatten ein effektives Duopol auf den Großhandel bis Vasco da Gama 1498 den Seeweg nach Indien eröffnete und Lissabon aufstieg.

Mehr zu konkreten Mischungen: siehe Mittelalterliche Gewürzpulver - die Poudres.

Olivenöl, Käse, Butter

Die Nord-Süd-Fett-Geographie ist eine der stabilsten Esskultur-Achsen Europas: Butter im Norden, Olivenöl im Süden.

Hopfen

Bis ins 12./13. Jh. wurden Biere mit Grut gewürzt (Kräuter-Mischung aus Gagel, Sumpfporst, Schafgarbe). Ab dem 13. Jh. setzt sich Hopfen durch - bessere Haltbarkeit und klarerer Geschmack. Hauptanbau-Gebiete: Hallertau (Bayern), Žatec / Saaz (Böhmen, höchste Qualität), Polen, Sachsen-Thüringen. Bremen wird im 14. Jh. die führende Bier-Stadt Nordeuropas - „Bremer Bier" wird Export-Marke.

Mandeln, Reis, Trockenfrüchte

Mediterrane Produkte, die in der nordeuropäischen Hofküche fest etabliert waren:

Zucker - von Damaskus bis Madeira

Kaum eine Ware hat ihre Handelsgeographie im Spätmittelalter so dramatisch verschoben wie Zucker. Über fünf Jahrhunderte wandert das Produktionszentrum vom arabischen Vorderasien über das Mittelmeer in den Atlantik - und bereitet damit die spätere Plantagenwirtschaft Brasiliens und der Karibik vor.

Was bedeutet das für Mittelalter-Rezepte? Zucker taucht im 13./14. Jh. in höfischen Rezeptbüchern wie Liber de Coquina, Viandier oder Forme of Cury auf - meist als feiner Akzent (eine Prise, auf den Teller bestreut, in blanc manger oder Mandelmus eingerührt). In bürgerlichen Quellen des 14./15. Jh. wird er zunehmend zugänglich, aber bleibt teuer. Erst im 16. Jh. mit dem Atlantik-Zucker fällt der Preis deutlich, und Zucker wandert aus der Apotheke in die normale Küche. Honig bleibt bis dahin das Alltags-Süßungsmittel des breiten Bürgertums und der ländlichen Bevölkerung. Siehe dazu auch den Eintrag Zucker - vom Apotheker-Gut zur Massenware.

Senf, Galgant, Süßholz

Was die Bauern aßen

Ein normaler Kleinbauer im Norden sah zeitlebens weder Muskatnuss noch Safran noch teuren Zimt. Für Würze griff er zu heimischen Alternativen:

Literatur

Die wichtigsten Standardwerke zur mittelalterlichen Lebensmittel-Handels-Geschichte:

Wichtige Primärquellen: al-Idrisi Tabula Rogeriana (1154) für die sizilianische Pasta-Industrie; Francesco Balducci Pegolottis La pratica della mercatura (~1340) für Gewürz- und Warenpreise; Marco Polos Il Milione (~1298) für Asien-Routen (vorsichtig zu verwenden, viele Aussagen sind Hörensagen).

- Die Fyndling-Redaktion

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