Kochbuch des Meisters Hans (Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch)
Grüne Malfarbe aus Grünspan herstellen
Moderne Übersetzung
Willst du eine schöne, gute grüne Farbe machen, so nimm Grünspan und reibe ihn gründlich mit scharfem Essig an.
Gib den Saft von getrockneten Wacholderbeeren oder Kranbeeren dazu. Schmelze ein wenig Gummi arabicum und gib es dazu.
Bildet sich ein Häutchen auf der Farbe, oder beginnt sie zu schäumen, so gib ein wenig Ohrenschmalz dazu. So ist die Farbe ganz bereit.
Zutaten
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| spanngron | Grünspan | - | Künstlerbedarf, Online-Handel (giftig, kein Lebensmittel) | - |
| essich | Essig | - | - | - |
| safft von wechalltern oder krannbatperen | Wacholderbeersaft oder Kranbeersaft (mundartliche Doppelbenennung, vermutlich dieselbe Frucht) | - | - | - |
| gummi | Gummi arabicum | - | Künstlerbedarf, Online-Handel | - |
| orschwmerbs | Ohrenschmalz | - | - | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Handwerksanleitung zur Herstellung grüner Malfarbe aus Grünspan (Kupferacetat) für die Buchmalerei. Ein lebendes Pendant ist nicht ein Gericht, sondern die klassische Verdigris-Maltechnik, wie sie etwa in Cennino Cenninis Malerhandbuch Il Libro dell'Arte (um 1400) beschrieben ist; Gummi arabicum als Bindemittel lebt bis heute in Aquarell- und Gouachefarben fort.
Grünspan. Spanngron ist Grünspan (Kupferacetat), das historische Standardpigment für Grün in Buchmalerei und Anstrichen. Es scharf mit Essig anzureiben, ist in mittelalterlichen Farbrezepten die gängige Methode, das Pigment streichfähig zu machen.
Wacholderbeeren (oder Kranbeeren?). Das Original nennt wechalltern oder krannbatperen. CoReMA liest beide als Wacholderbeere (zwei mundartliche Namen für dieselbe Frucht) - dialektal passt dazu das alemannische 'Kranewitt' für Wacholder besser als das norddeutsche 'Kranbeere', das unabhängig davon aber echt als Name der Moos-/Preiselbeere belegt ist. Ob hier wirklich dieselbe Frucht doppelt benannt oder eine echte Ersatzfrucht angeboten wird, bleibt daher nicht ganz zweifelsfrei - siehe interpretive_choices. In jedem Fall dient der saure Beerensaft als Säure-Zusatz zur Farbmasse.
Ohrenschmalz. Orschwmerbs ist laut Sachglosse der Edition wörtlich Ohrenschmalz. Fett- und wachsartige Stoffe können die Oberflächenspannung von Schaum brechen - ein einfacher, nachvollziehbarer Mechanismus gegen die im Text beschriebene Häutchen- und Schaumbildung.
Praxis. Grünspan mit scharfem Essig zu einer streichfähigen Masse verreiben, den Saft getrockneter Wacholderbeeren dazugeben und ein wenig erhitztes Gummi arabicum einarbeiten. Bildet sich beim Anrühren ein Häutchen oder Schaum, hilft ein wenig Ohrenschmalz dagegen. Da Grünspan giftig ist, gehört diese Anleitung ausschließlich in den Handwerks-, nicht in den Küchenbereich - kein Verzehr, keine Zubereitung in Lebensmittel-Geschirr.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mha-176/
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