Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Willst du eine schöne, gute grüne Farbe machen, so nimm Grünspan und reibe ihn gründlich mit scharfem Essig an.
Gib den Saft von getrockneten Wacholderbeeren oder Kranbeeren dazu. Schmelze ein wenig Gummi arabicum und gib es dazu.
Bildet sich ein Häutchen auf der Farbe, oder beginnt sie zu schäumen, so gib ein wenig Ohrenschmalz dazu. So ist die Farbe ganz bereit.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| spanngron | Grünspan | - | Künstlerbedarf, Online-Handel (giftig, kein Lebensmittel) | - |
| essich | Essig | - | - | - |
| safft von wechalltern oder krannbatperen | Wacholderbeersaft oder Kranbeersaft (mundartliche Doppelbenennung, vermutlich dieselbe Frucht) | - | - | - |
| gummi | Gummi arabicum | - | Künstlerbedarf, Online-Handel | - |
| orschwmerbs | Ohrenschmalz | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Handwerksanleitung zur Herstellung grüner Malfarbe aus Grünspan (Kupferacetat) für die Buchmalerei. Ein lebendes Pendant ist nicht ein Gericht, sondern die klassische Verdigris-Maltechnik, wie sie etwa in Cennino Cenninis Malerhandbuch Il Libro dell'Arte (um 1400) beschrieben ist; Gummi arabicum als Bindemittel lebt bis heute in Aquarell- und Gouachefarben fort.
Grünspan. Spanngron ist Grünspan (Kupferacetat), das historische Standardpigment für Grün in Buchmalerei und Anstrichen. Es scharf mit Essig anzureiben, ist in mittelalterlichen Farbrezepten die gängige Methode, das Pigment streichfähig zu machen.
Wacholderbeeren (oder Kranbeeren?). Das Original nennt wechalltern oder krannbatperen. CoReMA liest beide als Wacholderbeere (zwei mundartliche Namen für dieselbe Frucht) - dialektal passt dazu das alemannische 'Kranewitt' für Wacholder besser als das norddeutsche 'Kranbeere', das unabhängig davon aber echt als Name der Moos-/Preiselbeere belegt ist. Ob hier wirklich dieselbe Frucht doppelt benannt oder eine echte Ersatzfrucht angeboten wird, bleibt daher nicht ganz zweifelsfrei - siehe interpretive_choices. In jedem Fall dient der saure Beerensaft als Säure-Zusatz zur Farbmasse.
Ohrenschmalz. Orschwmerbs ist laut Sachglosse der Edition wörtlich Ohrenschmalz. Fett- und wachsartige Stoffe können die Oberflächenspannung von Schaum brechen - ein einfacher, nachvollziehbarer Mechanismus gegen die im Text beschriebene Häutchen- und Schaumbildung.
Praxis. Grünspan mit scharfem Essig zu einer streichfähigen Masse verreiben, den Saft getrockneter Wacholderbeeren dazugeben und ein wenig erhitztes Gummi arabicum einarbeiten. Bildet sich beim Anrühren ein Häutchen oder Schaum, hilft ein wenig Ohrenschmalz dagegen. Da Grünspan giftig ist, gehört diese Anleitung ausschließlich in den Handwerks-, nicht in den Küchenbereich - kein Verzehr, keine Zubereitung in Lebensmittel-Geschirr.
Nein. Es ist eine Anleitung zur Herstellung von grüner Malfarbe für Buchmalerei oder Anstriche. Grünspan ist giftig und darf nicht verzehrt werden.
Nein, es ist kein Speiserezept. Als Schauelement bei einer Buchmalerei- oder Schreibstuben-Vorführung im Lager ist es dagegen reizvoll, solange klar bleibt, dass nichts davon in den Mund kommt.
Grünspan ist Kupferacetat, ein giftiges grünes Pigment, das durch die Reaktion von Kupfer mit Essigdämpfen entsteht. Es war im Mittelalter das gebräuchlichste Grünpigment für Buchmalerei und Anstriche, ist aber für den Verzehr und den ungeschützten Hautkontakt schädlich.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Grünspan (Kupferacetat), das historische Standard-Grünpigment für Buchmalerei und Anstriche. Giftig, kein Lebensmittel.
CoReMA glossiert beide Begriffe getrennt, aber mit identischer Wikidata-Referenz (Q107246634, juniper berry juice) - liest sie also als dieselbe Beere, Wacholder, unter zwei Bezeichnungen. Unabhängige Wörterbücher (Grimm, Pritzel, Frischbier) belegen 'Kranbeere/Kronsbeere' allerdings auch robust als eigenständigen norddeutschen Namen für die Moos-/Preiselbeere (Vaccinium) - eine andere Pflanze als der Wacholder. Für das alemannisch-schwäbische Meister-Hans-Korpus passt lautlich eher 'Kranewitt/Kranawitt' (Pritzel, Tirol), die alpin-alemannische Dialektform für Wacholder, zur Schreibung 'krannbat-'. Die Wacholder-Lesart (mit CoReMA und der Dialektlage) bleibt daher die wahrscheinlichere, aber keine völlig zweifelsfreie.
Gummi arabicum, Bindemittel aus Akazienharz, damals wie heute Standard in der Farbherstellung.
Ohrenschmalz. Laut Sachglosse der Edition tatsächlich wörtlich gemeint, offenbar als Mittel gegen Schaumbildung in der angerührten Farbe.
Kleines Häutchen, das sich auf der Flüssigkeit bildet.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
dorrn prenn
Gewählte Lesart: Gelesen als zwei getrennte Anweisungsteile: 'dorrn' beschreibt den zuvor genannten Beerensaft als getrocknet, 'prenn' leitet einen neuen Satzteil ein ('schmelze/erhitze ein wenig Gummi dazu').
Andere mögliche Lesart:
spanngron
Gewählte Lesart: Gelesen als Grünspan (Kupferacetat), gestützt durch die CoReMA-Sachglosse (Wikidata Q421854, copper(II) acetate). 'Spangrün'/'Span(n)grön' ist im Deutschen (damals wie in älteren Wörterbüchern) ein feststehender Name speziell für Grünspan/Verdigris - anders als etwa 'Grünerde'/'Terra Verte' (ein unverwandtes, ebenfalls historisches Erdpigment aus Ton mit Celadonit/Glaukonit, z.B. bei Cennino Cennini belegt), das nie 'Spangrün' genannt wird und daher hier keine ernsthafte Alternative zu 'spanngron' ist.
orschwmerbs
Gewählte Lesart: Gelesen als Ohrenschmalz, gestützt durch die CoReMA-Sachglosse (Wikidata Q76418, earwax).
Andere mögliche Lesart:
wechalltern oder krannbatperen
Gewählte Lesart: Zwei mundartliche Namen für dieselbe Beere, den Wacholder: CoReMA glossiert beide Begriffe getrennt, aber mit identischer Wikidata-Referenz (Q107246634, juniper berry juice). Für das alemannisch-schwäbische Korpus passt dazu 'Kranewitt/Kranawitt' (Pritzel-Beleg aus Tirol) als alpin-alemannische Dialektform für Wacholder - lautlich näher an 'krannbat-' als das norddeutsche 'Kranbeere'.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 22.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.