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Grüne Malfarbe aus Grünspan herstellen

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit30 Min.PortionenErgibt ca. 1 kleines Gefäß FarbeBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Willst du eine schöne, gute grüne Farbe machen, so nimm Grünspan und reibe ihn gründlich mit scharfem Essig an.

Gib den Saft von getrockneten Wacholderbeeren oder Kranbeeren dazu. Schmelze ein wenig Gummi arabicum und gib es dazu.

Bildet sich ein Häutchen auf der Farbe, oder beginnt sie zu schäumen, so gib ein wenig Ohrenschmalz dazu. So ist die Farbe ganz bereit.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
spanngron Grünspan - Künstlerbedarf, Online-Handel (giftig, kein Lebensmittel) -
essich Essig - - -
safft von wechalltern oder krannbatperen Wacholderbeersaft oder Kranbeersaft (mundartliche Doppelbenennung, vermutlich dieselbe Frucht) - - -
gummi Gummi arabicum - Künstlerbedarf, Online-Handel -
orschwmerbs Ohrenschmalz - - -

Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Handwerksanleitung zur Herstellung grüner Malfarbe aus Grünspan (Kupferacetat) für die Buchmalerei. Ein lebendes Pendant ist nicht ein Gericht, sondern die klassische Verdigris-Maltechnik, wie sie etwa in Cennino Cenninis Malerhandbuch Il Libro dell'Arte (um 1400) beschrieben ist; Gummi arabicum als Bindemittel lebt bis heute in Aquarell- und Gouachefarben fort.

Grünspan. Spanngron ist Grünspan (Kupferacetat), das historische Standardpigment für Grün in Buchmalerei und Anstrichen. Es scharf mit Essig anzureiben, ist in mittelalterlichen Farbrezepten die gängige Methode, das Pigment streichfähig zu machen.

Wacholderbeeren (oder Kranbeeren?). Das Original nennt wechalltern oder krannbatperen. CoReMA liest beide als Wacholderbeere (zwei mundartliche Namen für dieselbe Frucht) - dialektal passt dazu das alemannische 'Kranewitt' für Wacholder besser als das norddeutsche 'Kranbeere', das unabhängig davon aber echt als Name der Moos-/Preiselbeere belegt ist. Ob hier wirklich dieselbe Frucht doppelt benannt oder eine echte Ersatzfrucht angeboten wird, bleibt daher nicht ganz zweifelsfrei - siehe interpretive_choices. In jedem Fall dient der saure Beerensaft als Säure-Zusatz zur Farbmasse.

Ohrenschmalz. Orschwmerbs ist laut Sachglosse der Edition wörtlich Ohrenschmalz. Fett- und wachsartige Stoffe können die Oberflächenspannung von Schaum brechen - ein einfacher, nachvollziehbarer Mechanismus gegen die im Text beschriebene Häutchen- und Schaumbildung.

Praxis. Grünspan mit scharfem Essig zu einer streichfähigen Masse verreiben, den Saft getrockneter Wacholderbeeren dazugeben und ein wenig erhitztes Gummi arabicum einarbeiten. Bildet sich beim Anrühren ein Häutchen oder Schaum, hilft ein wenig Ohrenschmalz dagegen. Da Grünspan giftig ist, gehört diese Anleitung ausschließlich in den Handwerks-, nicht in den Küchenbereich - kein Verzehr, keine Zubereitung in Lebensmittel-Geschirr.

Ist dies ein Rezept zum Essen?

Nein. Es ist eine Anleitung zur Herstellung von grüner Malfarbe für Buchmalerei oder Anstriche. Grünspan ist giftig und darf nicht verzehrt werden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein, es ist kein Speiserezept. Als Schauelement bei einer Buchmalerei- oder Schreibstuben-Vorführung im Lager ist es dagegen reizvoll, solange klar bleibt, dass nichts davon in den Mund kommt.

Was ist Grünspan (spanngron), und warum ist er gefährlich?

Grünspan ist Kupferacetat, ein giftiges grünes Pigment, das durch die Reaktion von Kupfer mit Essigdämpfen entsteht. Es war im Mittelalter das gebräuchlichste Grünpigment für Buchmalerei und Anstriche, ist aber für den Verzehr und den ungeschützten Hautkontakt schädlich.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Item Guot grune farb ze machen wiltu machen schone vnd guote grun So nym spanngron vnd reib die gar schon mit ainem scharpffen essich vnd den fafft safft von wechalltern oder krannbatperen dorrn prenn ain wenigen gummi thue dar zue vnd ist das pletterlein darauf werden oder das da schaimet . So thue dar zue ain wenig orschwmerbs So ist es gar beraitt .
spanngron

Grünspan (Kupferacetat), das historische Standard-Grünpigment für Buchmalerei und Anstriche. Giftig, kein Lebensmittel.

wechalltern oder krannbatperen

CoReMA glossiert beide Begriffe getrennt, aber mit identischer Wikidata-Referenz (Q107246634, juniper berry juice) - liest sie also als dieselbe Beere, Wacholder, unter zwei Bezeichnungen. Unabhängige Wörterbücher (Grimm, Pritzel, Frischbier) belegen 'Kranbeere/Kronsbeere' allerdings auch robust als eigenständigen norddeutschen Namen für die Moos-/Preiselbeere (Vaccinium) - eine andere Pflanze als der Wacholder. Für das alemannisch-schwäbische Meister-Hans-Korpus passt lautlich eher 'Kranewitt/Kranawitt' (Pritzel, Tirol), die alpin-alemannische Dialektform für Wacholder, zur Schreibung 'krannbat-'. Die Wacholder-Lesart (mit CoReMA und der Dialektlage) bleibt daher die wahrscheinlichere, aber keine völlig zweifelsfreie.

gummi

Gummi arabicum, Bindemittel aus Akazienharz, damals wie heute Standard in der Farbherstellung.

orschwmerbs

Ohrenschmalz. Laut Sachglosse der Edition tatsächlich wörtlich gemeint, offenbar als Mittel gegen Schaumbildung in der angerührten Farbe.

pletterlein

Kleines Häutchen, das sich auf der Flüssigkeit bildet.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 067r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdorrn prenn

Gewählte Lesart: Gelesen als zwei getrennte Anweisungsteile: 'dorrn' beschreibt den zuvor genannten Beerensaft als getrocknet, 'prenn' leitet einen neuen Satzteil ein ('schmelze/erhitze ein wenig Gummi dazu').

Andere mögliche Lesart:

  • 'dorrn' und 'prenn' als zusammenhängende Verbkette ('dörren, dann brennen/erhitzen'), bezogen auf den Saft selbst. - Der Originaltext hat keine Satzzeichen, daher ist die Grenze zwischen den Klauseln nicht zweifelsfrei zu ziehen.

Lesartspanngron

Gewählte Lesart: Gelesen als Grünspan (Kupferacetat), gestützt durch die CoReMA-Sachglosse (Wikidata Q421854, copper(II) acetate). 'Spangrün'/'Span(n)grön' ist im Deutschen (damals wie in älteren Wörterbüchern) ein feststehender Name speziell für Grünspan/Verdigris - anders als etwa 'Grünerde'/'Terra Verte' (ein unverwandtes, ebenfalls historisches Erdpigment aus Ton mit Celadonit/Glaukonit, z.B. bei Cennino Cennini belegt), das nie 'Spangrün' genannt wird und daher hier keine ernsthafte Alternative zu 'spanngron' ist.

Lesartorschwmerbs

Gewählte Lesart: Gelesen als Ohrenschmalz, gestützt durch die CoReMA-Sachglosse (Wikidata Q76418, earwax).

Andere mögliche Lesart:

  • Denkbar wäre auch eine Verschreibung für ein pflanzliches Harz oder Wachs. - Das Wort ist ein Hapax legomenon ohne weiteren Wörterbuchbeleg; die Sachglosse der Edition ist die einzige Stütze für die Ohrenschmalz-Lesart.

Lesartwechalltern oder krannbatperen

Gewählte Lesart: Zwei mundartliche Namen für dieselbe Beere, den Wacholder: CoReMA glossiert beide Begriffe getrennt, aber mit identischer Wikidata-Referenz (Q107246634, juniper berry juice). Für das alemannisch-schwäbische Korpus passt dazu 'Kranewitt/Kranawitt' (Pritzel-Beleg aus Tirol) als alpin-alemannische Dialektform für Wacholder - lautlich näher an 'krannbat-' als das norddeutsche 'Kranbeere'.

Andere mögliche Lesart:

  • 'krannbatperen' als eigenständige zweite Frucht, die Moos-/Preiselbeere (Vaccinium), mit 'oder' als echte Alternative ('Wacholderbeeren ODER [ersatzweise] Kranbeeren'). - Unabhängig von CoReMA belegen Grimm, Pritzel, Frischbier und das Mittelniederdeutsche Wörterbuch 'Kranbeere'/'Kronsbeere' robust als norddeutschen Namen für Vaccinium oxycoccos/vitis-idaea - eine echte, andere Pflanze als der Wacholder. Diese Lesart ist damit keine Strohmann-Alternative (echter, unabhängiger Wörterbuchbeleg vorhanden), aber dialektal schlechter zum alemannisch-schwäbischen Meister-Hans-Korpus passend als die Kranewitt/Wacholder-Lesart.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 067r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zur Herstellung giftiger Malfarbe aus Grünspan (Kupferacetat). Als Schauvorführung zur mittelalterlichen Buchmalerei denkbar, aber ohne jede Verzehr-Option.
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Stand dieser Fassung: 22.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.