Mondseer Kochbuch (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1))
Eingelegte grüne Walnüsse mit Honig und Gewürzen
Moderne Übersetzung
Nimm Nüsse, ehe sie hart werden, und schäle sie gründlich. Wenn die Nüsse geschält sind, beize sie in einer kalten Lauge drei Tage und Nächte lang.
Danach lege sie in frisches Wasser und wässere sie sechs Tage und Nächte lang. Wechsle dabei jeden Tag dreimal das Wasser: morgens einmal, mittags einmal und abends einmal.
Danach lege die Nüsse einen Tag und eine Nacht in Wein. Nimm sie anschließend aus dem Wein und lege sie in einen heißen, siedenden Honig. Lass sie auch darin einen Tag und eine Nacht stehen.
Danach ziehe sie aus dem Honig und lege sie auf ein sauberes Sieb, damit sie gut trocknen können. Bestecke sie anschließend mit Zimtrinden, Muskatnuss, Nelken und Ingwer.
Danach bereite einen frischen, wallenden und gut siedenden Honig zu. Lege die Nüsse hinein und verschließe sie gut, damit nichts davon entweicht oder entweichen kann.
Zutaten
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| nuß ee das sy hertt werden | Grüne Walnüsse (unreif) | Nicht käuflich - nur Selbstsammeln vom Baum, kurzes Fenster um die Sommersonnenwende (ca. Ende Juni) | - |
| chalt guß | Kalte Lauge | Apotheke (Kaliumhydroxid oder Natriumhydroxid), Baumarkt (Ätznatron) | Alternativ: mehrtägiges Wässern mit täglichem Wasserwechsel, um Bitterstoffe zu entfernen (weniger effektiv) |
| frisch wasser | Frisches Wasser | Leitung | - |
| wein | Wein | Supermarkt | - |
| honig | Honig | Supermarkt | - |
| czymmerrintten | Zimtrinden | Supermarkt | - |
| muscat | Muskatnuss | Supermarkt | - |
| nagl | Nelken | Supermarkt | - |
| Ingwer | Ingwer | Supermarkt | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Diese eingelegten, unreif geernteten Walnüsse in Honig und Gewürzen sind ein früher Vorläufer der bis heute lebendigen Grünnuss-Konfitüre: Auf dem Balkan als slatko/recel od oraha, in Griechenland als karydaki glyko und in der Türkei als ceviz reçeli wird noch immer die weiche, unreife Walnuss entbittert und in Sirup haltbar gemacht - dieselbe Grundidee wie hier, nur mit Zucker statt Honig. Eine entferntere, saure Seitenlinie sind die britisch-deutschen „Pickled Walnuts", die dieselbe grüne Nuss in Essig statt Honig einlegen.
Die Lauge. Statt der in den Zwillingsrezepten üblichen Salzwasser-Entbitterung setzt das Mondseer Kochbuch eine kalte Lauge ein - textkritisch klar belegt, da die Quelle den Begriff ausdrücklich als Lauge verglost. Das ist eine schärfere, aber ebenso etablierte Entbitterungstechnik, wie man sie auch von Oliven oder Laugengebäck kennt: Sie zieht Bitterstoffe aus der noch grünen Nuss und macht das Gewebe weicher. Der anschließende sechstägige Wasserwechsel, dreimal täglich, ist keine Übertreibung, sondern zwingend - die ätzende Lauge muss vor dem Verzehr restlos ausgewaschen werden.
Das doppelte Honigbad. Die Nüsse ziehen zunächst einen Tag in heißem Honig, werden dann auf einem Sieb abgetropft und getrocknet, bevor sie mit Zimtrinden, Muskatnuss, Nelken und Ingwer bestückt und ein zweites Mal in frischen, ungewässerten Honig gelegt werden. Diese Zweiteilung ist klug gebaut: Im ersten Bad zieht die Nuss durch Osmose Wasser, was den Honig verdünnt; erst der zweite, frische Honig sichert mit seiner niedrigen Wasseraktivität die Langzeitlagerung - vergleichbar dem mehrstufigen Kandieren von Früchten in ansteigender Zuckerkonzentration.
Praxis. Wer nachkochen will, braucht vor allem Geduld und Vorsicht: Der Umgang mit Lauge erfordert Schutzhandschuhe und -brille, und der gesamte Prozess zieht sich über mindestens elf Tage plus Trocknungszeit. Zimtrinden, Muskatnuss und Ingwer lassen sich am ehesten in kleine, stechbare Stücke schneiden, ganze Gewürznelken dagegen direkt wie kleine Nägel in die Nuss einstechen - daher wohl auch ihr Name „nagl". Das fertige Glas hält sich dank der doppelten Honigkonservierung sehr lange und eignet sich als edle Beilage zu Käse oder kaltem Braten ebenso wie als süße Delikatesse für die gehobene Tafel.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mon-183/
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