Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Nimm Nüsse, ehe sie hart werden, und schäle sie gründlich. Wenn die Nüsse geschält sind, beize sie in einer kalten Lauge drei Tage und Nächte lang.
Danach lege sie in frisches Wasser und wässere sie sechs Tage und Nächte lang. Wechsle dabei jeden Tag dreimal das Wasser: morgens einmal, mittags einmal und abends einmal.
Danach lege die Nüsse einen Tag und eine Nacht in Wein. Nimm sie anschließend aus dem Wein und lege sie in einen heißen, siedenden Honig. Lass sie auch darin einen Tag und eine Nacht stehen.
Danach ziehe sie aus dem Honig und lege sie auf ein sauberes Sieb, damit sie gut trocknen können. Bestecke sie anschließend mit Zimtrinden, Muskatnuss, Nelken und Ingwer.
Danach bereite einen frischen, wallenden und gut siedenden Honig zu. Lege die Nüsse hinein und verschließe sie gut, damit nichts davon entweicht oder entweichen kann.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| nuß ee das sy hertt werden | Grüne Walnüsse (unreif) | Nicht käuflich - nur Selbstsammeln vom Baum, kurzes Fenster um die Sommersonnenwende (ca. Ende Juni) | - |
| chalt guß | Kalte Lauge | Apotheke (Kaliumhydroxid oder Natriumhydroxid), Baumarkt (Ätznatron) | Alternativ: mehrtägiges Wässern mit täglichem Wasserwechsel, um Bitterstoffe zu entfernen (weniger effektiv) |
| frisch wasser | Frisches Wasser | Leitung | - |
| wein | Wein | Supermarkt | - |
| honig | Honig | Supermarkt | - |
| czymmerrintten | Zimtrinden | Supermarkt | - |
| muscat | Muskatnuss | Supermarkt | - |
| nagl | Nelken | Supermarkt | - |
| Ingwer | Ingwer | Supermarkt | - |
Welches Gericht ist das? Diese eingelegten, unreif geernteten Walnüsse in Honig und Gewürzen sind ein früher Vorläufer der bis heute lebendigen Grünnuss-Konfitüre: Auf dem Balkan als slatko/recel od oraha, in Griechenland als karydaki glyko und in der Türkei als ceviz reçeli wird noch immer die weiche, unreife Walnuss entbittert und in Sirup haltbar gemacht - dieselbe Grundidee wie hier, nur mit Zucker statt Honig. Eine entferntere, saure Seitenlinie sind die britisch-deutschen „Pickled Walnuts", die dieselbe grüne Nuss in Essig statt Honig einlegen.
Die Lauge. Statt der in den Zwillingsrezepten üblichen Salzwasser-Entbitterung setzt das Mondseer Kochbuch eine kalte Lauge ein - textkritisch klar belegt, da die Quelle den Begriff ausdrücklich als Lauge verglost. Das ist eine schärfere, aber ebenso etablierte Entbitterungstechnik, wie man sie auch von Oliven oder Laugengebäck kennt: Sie zieht Bitterstoffe aus der noch grünen Nuss und macht das Gewebe weicher. Der anschließende sechstägige Wasserwechsel, dreimal täglich, ist keine Übertreibung, sondern zwingend - die ätzende Lauge muss vor dem Verzehr restlos ausgewaschen werden.
Das doppelte Honigbad. Die Nüsse ziehen zunächst einen Tag in heißem Honig, werden dann auf einem Sieb abgetropft und getrocknet, bevor sie mit Zimtrinden, Muskatnuss, Nelken und Ingwer bestückt und ein zweites Mal in frischen, ungewässerten Honig gelegt werden. Diese Zweiteilung ist klug gebaut: Im ersten Bad zieht die Nuss durch Osmose Wasser, was den Honig verdünnt; erst der zweite, frische Honig sichert mit seiner niedrigen Wasseraktivität die Langzeitlagerung - vergleichbar dem mehrstufigen Kandieren von Früchten in ansteigender Zuckerkonzentration.
Praxis. Wer nachkochen will, braucht vor allem Geduld und Vorsicht: Der Umgang mit Lauge erfordert Schutzhandschuhe und -brille, und der gesamte Prozess zieht sich über mindestens elf Tage plus Trocknungszeit. Zimtrinden, Muskatnuss und Ingwer lassen sich am ehesten in kleine, stechbare Stücke schneiden, ganze Gewürznelken dagegen direkt wie kleine Nägel in die Nuss einstechen - daher wohl auch ihr Name „nagl". Das fertige Glas hält sich dank der doppelten Honigkonservierung sehr lange und eignet sich als edle Beilage zu Käse oder kaltem Braten ebenso wie als süße Delikatesse für die gehobene Tafel.
Grüne Walnüsse sind unreife Walnüsse, die noch weich sind und deren Schale noch nicht verholzt ist - zu diesem Zeitpunkt lässt sich die ganze Nuss mitsamt Schale schneiden und essen. Sie werden im regulären Handel nicht angeboten und müssen selbst gesammelt werden, meist von einem eigenen oder zugänglichen Baum. Das Zeitfenster ist kurz: klassischerweise um die Sommersonnenwende Ende Juni, bevor sich die harte Schale bildet.
Kalte Lauge ist eine stark alkalische Lösung, die hier verwendet wird, um die extrem bitteren Gerbstoffe aus den unreifen Walnüssen zu entfernen und sie weicher zu machen. Im Mittelalter wurde Lauge oft aus Holzasche gewonnen. Heute verwendet man dafür meist Kaliumhydroxid (Ätzkali) oder Natriumhydroxid (Ätznatron). Der Umgang mit Lauge erfordert äußerste Vorsicht und Schutzkleidung, da sie stark ätzend ist. Für moderne Nachkocher ist dies der kritischste Schritt.
Nein, dieses Rezept ist für die Lagerküche ungeeignet. Die Zubereitung erstreckt sich über mehrere Tage mit komplexen Schritten wie dem Beizen in Lauge, mehrtägigem Wässern mit häufigen Wasserwechseln und dem sorgfältigen Trocknen. Dies ist im Rahmen eines Mittelaltermarkt-Wochenendes nicht praktikabel. Das fertige Produkt könnte jedoch als historische Spezialität mitgebracht und präsentiert werden.
'Bestecken' bedeutet hier, die Nüsse mit den genannten Gewürzen - Zimtrinden, Muskatnuss, Nelken und Ingwer - zu spicken oder zu umhüllen. Dies dient nicht nur der Aromatisierung, sondern auch der optischen Präsentation der eingelegten Nüsse.
'Schön' bedeutet hier nicht ästhetisch schön, sondern 'sauber/gründlich' im Sinne einer sorgfältigen Vorbereitung.
Eine 'kalte Lauge' (CoReMA: lye) wurde verwendet, um die Bitterstoffe aus den unreifen Walnüssen zu ziehen und sie weicher zu machen. Dies erfordert äußerste Vorsicht im Umgang mit ätzenden Substanzen.
Von mhd. giezen ('gießen') - der Begriff bezeichnet allgemein eine gegossene Flüssigkeit oder einen Aufguss, nicht zwingend eine Lauge. Dass hier tatsächlich eine alkalische Lösung gemeint ist, bestätigt die CoReMA-Objektseite zum inhaltlich passenden Parallelrezept, die 'chalt guß' ausdrücklich als Lauge verglost. Nicht jedes 'guß' im Korpus ist automatisch Lauge - der Kontext entscheidet.
'Czewch' (ziehen) bedeutet hier das Herausnehmen der Nüsse aus dem Honig und das Abziehen des überschüssigen Honigs, nicht das Formen oder Ziehen eines Teiges.
Das 'Bestecken' der Nüsse bedeutet, sie mit den genannten Gewürzen zu spicken oder zu umhüllen, um ihnen Aroma und eine ansprechende Optik zu verleihen. 'Czymmerrintten' sind Zimtrinden, 'muscat' ist Muskatnuss und 'nagl' sind Nelken.
Diese Anweisung bedeutet, die Nüsse im Honig gut zu verschließen, damit der Inhalt (oder der Honigsirup) nicht entweicht und die Haltbarkeit gewährleistet ist.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
hays siedungs honig / wallundes honig vnd wol syedundes
Gewählte Lesart: Die Begriffe 'siedungs', 'wallundes' und 'syedundes' wurden als Adjektive interpretiert, die den Honig als 'heiß siedend', 'wallend' und 'gut siedend' beschreiben. Dies betont die Notwendigkeit, den Honig aufzukochen, um die Nüsse darin zu konservieren.
czymmerrintten
Gewählte Lesart: Obwohl CoReMA 'cinnamon' glossiert, wurde 'czymmerrintten' als 'Zimtrinden' übersetzt, da das 'Bestecken' der Nüsse eher mit ganzen Stücken als mit Pulver erfolgt und 'Rinden' die Form präzisiert.
Andere mögliche Lesart:
muscat nagl
Gewählte Lesart: Die CoReMA-Glossen für 'muscat' (nutmeg apple) und 'nagl' (clove) wurden als separate Gewürze 'Muskatnuss und Nelken' interpretiert, da sie in einer Aufzählung mit Ingwer und Zimt stehen.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Der Begriff 'ruck' in 'das der ruck da von nit gee oder gen mug' wurde als 'Inhalt' oder 'Rückstand' interpretiert, im Sinne von 'damit nichts davon entweicht oder entweichen kann'. Dies bezieht sich auf das dichte Verschließen des Gefäßes zur Konservierung.
Andere mögliche Lesart:
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