Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du eine Nuss-Zubereitung machen, so nimm die Nüsse acht Tage vor Sunnibenten. Nimm einen Pfriem und stich fünf Löcher in jede Nuss.
Lass die Nüsse acht Tage lang im Wasser liegen. Sie sollen dann im Wein nur einen winzigen Augenblick lang sieden, und lass sie dann einen Tag lang trocknen.
Siede die Nüsse anschließend in Honig und nimm sie dann wieder heraus. Spicke sie mit Ingwer und Zimtrinden. Nimm dann einen sauberen Honig und lass die Nüsse darin sieden. Schließe die Zubereitung ab, indem du sie mit Honig und gutem Ingwerpulver bestäubst.
Lege die Nüsse dann in den Honig und fülle alles in ein Fass.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| dy nuss | Nüsse | Supermarkt, Wochenmarkt | Walnüsse oder Haselnüsse |
| ein phriem | Pfriem | Baumarkt, Handwerksbedarf | Spitzer Gegenstand (z.B. Schaschlikspieß) |
| ym wasser | Wasser | Leitung | - |
| Im wein | Wein | Supermarkt | - |
| in honig / ein sawbers honig / mit honig | Honig | Supermarkt, Imker | - |
| ymber | Ingwer (ganz und gemahlen) | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| czimerrinten | Zimtrinde | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| ein fassel | Fass | Haushaltswaren, Online-Handel | Einmachglas |
Welches Gericht ist das? Eingelegte grüne, noch unreife Walnüsse in einem Wein-Honig-Sud - der mittelalterliche Vorfahr der bis heute bayerisch-österreichischen Schwarzen Nüsse und, über denselben Erntezeitpunkt, auch des italienischen Nocino-Walnusslikörs. Ein eng verwandtes Verfahren findet sich fast Schritt für Schritt in zwei weiteren Quellen des Korpus: Nüsse werden mit einer Ahle durchstochen, tagelang gewässert, in einem Honig-Sud gegart und mit Gewürz gespickt.
Das Rezept nennt die Nussart nicht ausdrücklich, doch die Anweisung passt nur zu grünen, noch weichen Walnüssen: Nur bei ihnen lässt sich die Schale überhaupt mit dem Pfriem durchstechen, und nur die grüne Schale enthält die Bitter- und Gerbstoffe, die das achttägige Wässern herauszieht. Reife, verholzte Nüsse im Herbst wären für dieses Verfahren ungeeignet.
Der Zeitpunkt „acht Tage vor Sunnibenten“ meint die Sommersonnenwende (Ende Juni) bzw. den volkstümlich damit gekoppelten Johannistag (24. Juni) - genau die Jahreszeit, in der die Walnussschale noch nicht verholzt ist. Das Wort selbst ist im Korpus nur hier belegt, der Erntezeitpunkt deckt sich aber mit einem verwandten Rezept im Korpus (m384-011).
Schälen oder Sieden - ein Lesefall. An der Stelle „schol sy dan Im wein“ zeigt das Digitalisat einen auf den ersten Blick unklaren letzten Buchstaben in „schol“: eine sichtbare Überschreibung/Nachbesserung, die wie eine Streichung aussehen kann. Die TEI-Transkription löst das auf - CoReMA markiert genau diesen Buchstaben mit dem Korrektur-Code „TR.TF.CO.OW“ (Textform-Korrektur durch Überschreiben, in-place), einem anderen Code als die echten Streichungen im selben Rezept (z.B. das getilgte „stp“ vor „stupp“ zwei Zeilen weiter unten, dort korrekt mit dem Streichungs-Code „TR.DL.WR.ST“ markiert). Der Buchstabe ist also geschrieben-und-korrigiert, nicht getilgt - an der Lesung „schol“ selbst besteht kein Zweifel.
Die eigentliche Doppeldeutigkeit steckt nicht in der Schrift, sondern im Wort: Grimms Wörterbuch bucht „scholn“ auch als Verb für „schälen“ („opfel zu scholn“ = Äpfel schälen) - dieselbe Lautfolge könnte also „schäle sie dann im Wein“ bedeuten. Im Korpus selbst kommt „schol“ aber noch sechsmal vor (Mondseer Kochbuch mon-214, fünf Rezepte aus Cgm 5919) und ist dort jedes Mal eindeutig das Modalverb „sollen“ - „das schol man essen“ = „das soll man essen“, „schol man nuss milich ein machen“ = „soll man Nussmilch machen“. Diese 6:0-Konsistenz im eigenen Korpus, dazu die Küchenpraxis (grüne Walnüsse werden für Schwarze Nüsse/Nocino angestochen, nicht geschält), sprechen klar für „sollen“: „[man] soll sie dann im Wein nur einen winzigen Augenblick sieden“ - eine auseinandergezogene Modalverb-Konstruktion, kein Schälschritt. Die Nüsse bleiben also ganz, wie es für grüne Walnüsse in dieser Konservierungsart auch kulinarisch plausibel ist. Der kurze Wein-Sud gibt Aroma und fixiert die Textur, das anschließende Trocknen entzieht Wasser, damit die Nüsse im folgenden Honigbad nicht verdünnen. Das doppelte Sieden in Honig - erst ein Vorsud, dann ein frischer, „sauberer“ Honig nach dem Spicken - ist klassische Zuckerkonservierung mit steigender Süße-Konzentration. Ingwer und Zimtrinde beim Spicken sowie Honig mit Ingwerpulver beim Bestäuben sind reine Würz- und Oberflächenschritte.
Praxis. Grüne, noch weiche Walnüsse (ersatzweise unreife Haselnüsse) mit einem Schaschlikspieß mehrfach durchstechen, acht Tage in Wasser wässern (Wasser gelegentlich wechseln), dann kurz in Wein aufkochen (ganz lassen, nicht schälen), einen Tag antrocknen lassen. In Honig weich sieden, herausnehmen, mit Ingwerstücken und Zimtrinde spicken, in frischem Honig erneut sieden. Zum Schluss mit Honig und gemahlenem Ingwer bestäuben und mit dem Sud in ein Glas oder kleines Fass füllen. Kühl und dunkel lagern.
Das Rezept nennt die Nussart nicht ausdrücklich, doch das Durchstechen mit dem Pfriem und das Auswässern von Bitterstoffen ergeben nur bei grünen, noch unreifen Walnüssen mit weicher Schale Sinn - reife Nüsse im Herbst wären dafür ungeeignet. Verwandte Rezepte im Korpus bestätigen diese Nussart. Ersatzweise lassen sich auch unreife Haselnüsse verwenden.
„Sunnibenten“ bezieht sich auf die Sommersonnenwende (Ende Juni) bzw. den volkstümlich eng damit gekoppelten Johannistag (24. Juni) - den traditionellen Erntezeitpunkt für grüne, noch weiche Walnüsse, solange die Schale nicht verholzt ist. Das Wort selbst ist im Korpus nur hier belegt, doch der Zeitpunkt passt exakt zur beschriebenen Technik und zu einem verwandten Rezept im Korpus (m384-011), das denselben Erntezeitpunkt beschreibt.
Vermutlich dient das Durchstechen mit dem Pfriem dazu, die noch weiche grüne Schale für das anschließende Wässern zu öffnen, und das achttägige Wässern zieht die darin enthaltenen Bitter- und Gerbstoffe heraus. Diese Erklärung ist küchenpraktisch plausibel, im Text selbst aber nicht ausdrücklich begründet.
Ein Pfriem ist ein spitzer Gegenstand, ähnlich einer Ahle oder einem kleinen Dorn, der zum Durchstechen von Materialien verwendet wird. Für dieses Rezept kannst du einen Schaschlikspieß oder einen anderen spitzen Gegenstand verwenden, um die Löcher in die Nüsse zu stechen.
'Sauberer Honig' bezieht sich vermutlich auf einen geklärten, reinen Honig ohne Verunreinigungen - im Unterschied zum ersten Sud, der bereits Trübstoffe aus den Nüssen aufgenommen hat.
Im Kontext des Spickens und Bestäubens ist hier sowohl ganzer Ingwer (zum Spicken) als auch gemahlener Ingwer (zum Bestäuben) gemeint.
Mhd. 'stuben' oder 'stüpfen' bedeutet 'stauben' oder 'mit Staub/Pulver bedecken'. Hier ist das Bestäuben mit feinem Ingwerpulver gemeint.
Gemeint sind vermutlich grüne, noch unreife Walnüsse mit weicher Schale, nicht reife Nüsse im Herbst - nur so lassen sich Durchstechen und das Auswässern von Bitterstoffen sinnvoll erklären. Ein eng verwandtes Rezept im Korpus (m384-011) benennt diese Nussart und den Erntezeitpunkt ausdrücklich.
CoReMA-GAMS glossiert diese Eröffnungsstelle rezeptspezifisch mit der Sachkategorie 'walnut', nicht mit der generischen Bedeutung 'Mus/Brei'. 'Mueß' fungiert hier also als allgemeiner Begriff für 'Zubereitung/Confekt', passend zum gesamten übrigen Rezept, das durchgehend ganze, angestochene Nüsse beschreibt - keine Mus-Konsistenz.
Seh-Befund am Digitalisat: der Buchstabe 'l' am Ende von 'schol' zeigt eine sichtbare Überschreibung/Nachbesserung, die auf den ersten Blick wie eine Streichung wirkt. Transkript-Befund (TEI): CoReMA kodiert genau diesen Buchstaben mit ana='TR.TF.CO.OW' (Textform-Korrektur durch Überschreiben, IN-PLACE) - ein anderer Code als echte Streichungen im selben Rezept (ana='TR.DL.WR.ST', z.B. beim getilgten 'stp' vor 'stupp' zwei Zeilen weiter unten). Der Buchstabe gilt damit als geschrieben-und-korrigiert, nicht als getilgt; die Lesung 'schol' selbst steht nicht infrage. Bedeutungs-Befund: 'schol' ist trotzdem doppeldeutig, aber aus einem ganz anderen Grund - nicht der Schrift, sondern dem Wort selbst. Grimms Wörterbuch bucht 'scholn' als Verb für 'schälen' ('opfel zu scholn' = Äpfel schälen), dieselbe Lautfolge könnte also 'schälen' bedeuten. Im Korpus selbst kommt 'schol' aber noch sechsmal vor (mon-214, fünf Rezepte in Cgm 5919) und ist dort jedes Mal eindeutig das Modalverb 'sollen' ('das schol man essen' = 'das soll man essen'). Diese interne 6:0-Konsistenz plus die Küchenpraxis (grüne Walnüsse werden für Schwarze Nüsse/Nocino angestochen, nicht geschält) sprechen für 'sollen': '[man] soll sie dann im Wein sieden', keine Schäl-Anweisung.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
gmacht mueß
Gewählte Lesart: 'Eine Zubereitung/ein Confekt' - CoReMA-GAMS glossiert die Stelle mit der Sachkategorie 'walnut' statt mit der generischen Wortbedeutung 'Mus/Brei'. Passt zum gesamten übrigen Rezept, das durchgehend ganze, angestochene Nüsse beschreibt.
Andere mögliche Lesart:
sunnibenten
Gewählte Lesart: Die Sommersonnenwende (Ende Juni) bzw. der volkstümlich damit gekoppelte Johannistag (24. Juni) - der traditionelle Erntezeitpunkt für grüne, noch weiche Walnüsse, solange die Schale nicht verholzt ist. Ein verwandtes Rezept im Korpus (m384-011) datiert denselben Verarbeitungsschritt auf genau diese Jahreszeit; volkstümlich sind Sonnenwende und Johannistag als Zeitmarke ohnehin gekoppelt (vgl. Idiotikon-Beleg „vor St. Johannis Tag zur Sonnenwende“).
Gewählte Lesart: '[Man] soll sie dann im Wein nur einen winzigen Augenblick sieden.' - 'schol' ist hier NICHT 'schälen', sondern das Modalverb 'sollen' (3. Pers., wie in 'schol' konsequent im übrigen Korpus, z.B. m5919-031 'das schol man essen' = 'das soll man essen', mon-214 'schol man nuss milich ein machen' = 'soll man Nussmilch machen'). 'schol ... sewd' bildet eine auseinandergezogene Modalverb-Konstruktion ('soll ... sieden'), 'dan' und 'Im wein' stehen dazwischen. Es gibt also GAR KEINEN Schäl-Schritt im Rezept - passt zur Praxis bei Schwarzen Nüssen/Nocino, wo grüne Nüsse angestochen, aber nicht geschält werden. Paläographische Gegenprobe: Die TEI markiert den letzten Buchstaben ('l') mit ana='TR.TF.CO.OW' (Korrektur/Überschreibung durch den Schreiber, IN-PLACE - kein Streichungscode 'TR.DL...'), die Lesung 'schol' ist also auch am Original keine Streichung, sondern ein vom Schreiber selbst korrigierter, gültiger Buchstabe.
Andere mögliche Lesarten:
einen winczigen
Gewählte Lesart: Einen 'winzigen' Augenblick, also sehr kurz.
Andere mögliche Lesart:
czimerrinten
Gewählte Lesart: Ganze Zimtrindenstücke, die zum Spicken der Nüsse verwendet werden.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.