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Eingelegte grüne Walnüsse in Wein und Honig

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

Gewürz / SauceGewürz / SauceLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.1/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit90 Min.Portionen1 Glas (ca. 500 ml)BuchRheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Nimm grüne Walnüsse, solange ihre Schalen noch nicht hart geworden sind. Stich sie mit einer Ahle oder einem spitzen Gegenstand mehrfach durch und lege sie für acht Tage in gesalzenes Wasser. Dadurch wird ihnen die Bitterkeit entzogen.

Wasche die Walnüsse danach gründlich und koche sie sehr gut mit Wein und Honig. Bestreue die Walnüsse mit Gewürzen und würze auch den Sud kräftig. Bewahre die Walnüsse im Sud in einem glasierten Gefäß auf, sodass der Sud die Nüsse vollständig bedeckt, damit sie nicht schimmelig werden.

Würze sie zusätzlich mit Muskatnuss, Zimt oder Zimtrinde oder anderen Gewürzen nach Belieben.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
baumnusz die wyl die schalen nit vahent an czu harten Grüne Walnüsse Wochenmarkt (saisonal, Juni-Juli, vor der Schalenverholzung) oder selbst sammeln -
ingesalczen wasser Salz - -
ingesalczen wasser Wasser Leitung -
win Wein - -
honig Honig - -
muscaden Muskatnuss - -
kanel adir czymmenrynden Zimt oder Zimtrinde - Zimtrinde
ander sust wurcze andere Gewürze - -

Welches Gericht ist das? Eingelegte grüne Walnüsse - eine bis heute lebendige Delikatesse, die Schwarzen Nüsse. Unreife Walnüsse (gepflückt, solange die Schale noch weich ist) werden durchstochen, in Salzwasser entbittert, dann in Wein und Honig weichgekocht, gewürzt und im Sud eingelegt. Man reicht sie bis heute zu Wild, Käse und Braten; verwandt sind die englischen pickled walnuts und der italienische Nocino (Grünnuss-Likör).

Eingelegt in Wein und Honig - das kennen wir schon. Der Honig-Wein-Sud ist genau das Konservierungsprinzip aus rfk-061 (gewürzte Schlehen und Mispeln): herbe Frucht durch Süße (Honig) und Säure/Alkohol (Wein) zähmen und haltbar machen. Die Walnuss ist nur die anspruchsvollste Variante, weil sie zuvor entbittert werden muss.

Warum durchstechen und tagelang wässern? Grüne Walnüsse stecken voller Gerb- und Bitterstoffe (Juglon). Das Durchstechen mit der sule (Ahle/Pfriem) öffnet die Schale, das Salzwasser zieht die Bitterkeit heraus. Modern wechselt man die Salzlake mehrfach (alle 2-3 Tage über 1-2 Wochen). Achtung: Grüne Walnüsse färben Hände und Tücher tiefbraun-schwarz - Handschuhe tragen.

Konservieren im glasierten Gefäß. halt isz inder bruwe in eim glesen geschirre … das die bruwe die nusze bedecken - die Nüsse müssen vollständig vom Sud bedeckt sein, sonst schimmeln sie. Das glesen geschirre ist ein gläsernes oder (so Gloning) glasiertes, säurefestes Gefäß - exakt die Regel jeder modernen Einmach-Konserve. Muskat, Zimt(rinde) und weitere Gewürze geben das festliche Aroma.

Erntezeit. Wichtig: Grüne Walnüsse erntet man im Frühsommer (Juni bis Juli), traditionell um Johanni (24. Juni) - solange die Schale weich und mit einer Nadel durchstechbar ist. Ab August/September verholzt die Schale, dann sind sie für dieses Rezept zu spät.

Praxis. Junge Nüsse mehrfach anstechen, 1-2 Wochen in Salzlake legen, Wasser mehrfach wechseln, bis die Bitterkeit nachlässt. Abspülen, in Wein und Honig weich kochen, mit Muskat, Zimt und Nelken würzen, heiß in sterile Gläser füllen, vollständig mit Sud bedecken. Einige Wochen durchziehen lassen.

Wo bekomme ich grüne Walnüsse?

Grüne Walnüsse erntet man im Frühsommer (Juni bis Juli), traditionell um Johanni (24. Juni) - solange die Schale noch weich und mit einer Nadel leicht durchstechbar ist. Ab August verholzt die Schale, dann sind sie zu spät. Du findest sie saisonal auf Wochenmärkten, bei Walnussbauern oder sammelst sie selbst. Tipp: Sie färben stark ab, daher Handschuhe tragen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Dieses Rezept ist als Schaugericht gut geeignet. Die achttägige Einlegephase in Salzwasser muss zu Hause vorbereitet werden. Die anschließende Koch- und Würzephase in Wein und Honig lässt sich jedoch hervorragend am Lagerfeuer demonstrieren und bietet ein schönes Erlebnis für Besucher.

Was bedeutet 'sulen' im Rezept?

Eine 'Sule' (Ahle) ist ein spitzes Werkzeug, das verwendet wird, um Löcher in die grünen Walnüsse zu stechen. Dies ist wichtig, damit das Salzwasser während der achttägigen Einlegezeit besser in die Nüsse eindringen und die Bitterstoffe effektiv entziehen kann.

Warum müssen die Walnüsse acht Tage in Salzwasser liegen?

Die grünen Walnüsse enthalten viele Bitterstoffe und Gerbstoffe, die durch das lange Einlegen in Salzwasser herausgelöst werden. Dieser Schritt ist entscheidend, um die Nüsse genießbar zu machen und ihnen einen milderen, angenehmeren Geschmack zu verleihen, bevor sie gesüßt und gewürzt werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rheinfränkisches Kochbuch (~1445, Mittelrhein). Sammlung von 76 Koch- und Backrezepten in rheinfränkischer Mundart, entstanden um 1445. Schwerpunkt Fastenspeisen: Krapfen, Fladen aus Fischrogen, Fasten-Schauspeisen (z.B. ein aus Fisch geformtes Rebhuhn-Imitat). Überliefert als Teil des astrologisch-astronomischen Sammelbands Ms. germ. fol. 244 der Staatsbibliothek zu Berlin (fol. 285r-294v). Akademisch erschlossen seit 2021 in der CoReMA-Edition (Böhm/Klug, Universität Graz, FWF-Projekt) als hyperdiplomatische Transkription. Die Fyndling-Edition ergänzt diese akademische Erschließung um die kulinarische Dimension: moderne Übersetzung, Zutaten-Listen mit Bezugsquellen, FAQ zur Zubereitung und Scan-Anzeige im Browser - damit erstmals als praktische Edition für Hobby-Köche und mediävistisch interessierte Laien.

Nym baumnusz die wyl die schalen nit vahent an czu harten vnd dorch stich sie mit einre sulen vnd lege sie ingesalczen wasser viij tage So czuhet isz yme die bitterkeit usz dar nach wesche sie suber vnd sude sie mit win vnd honig garwol bestrauwe sij mit worczen vnde wurcze die bruwe auch vnd halt isz inder bruwe in eim glesen geschirre also das die bruwe die nusze bedecken das sij nit schymmelich werden Also bewurcze mit muscaden kanel adir czymmenrynden adir ander sust wurcze
baumnusz die wyl die schalen nit vahent an czu harten

Die jungen, noch weichen grünen Walnüsse, die im Frühsommer (etwa Juni/Juli, traditionell um Johanni, 24. Juni) geerntet werden - solange die Schale noch weich und mit einer Nadel durchstechbar ist. Ab August verholzt die Schale.

sulen

Eine Ahle oder ein spitzer Dorn, der zum Durchstechen der Walnüsse dient, damit das Salzwasser besser eindringen und die Bitterstoffe entziehen kann.

ingesalczen wasser viij tage

Das Einlegen in Salzwasser über acht Tage ist ein wichtiger Schritt, um die adstringierenden und bitteren Gerbstoffe aus den grünen Walnüssen zu entfernen oder zumindest zu mildern.

win vnd honig

Eine klassische mittelalterliche Süß-Sauer-Kombination, die hier zur Konservierung und Aromatisierung dient. Der Wein sorgt für Säure und Aroma, der Honig für Süße und Haltbarkeit.

worczen / bewurcze mit muscaden kanel adir czymmenrynden adir ander sust wurcze

Gewürze waren im Mittelalter ein Statussymbol. Muskatnuss und Zimt waren teure Importwaren. Die Anweisung 'andere Gewürze' lässt Raum für individuelle Vorlieben, wie Nelken, Ingwer oder Galgant.

glesen geschirre

‚gläsern‘ oder - so Gloning - ‚glasiert‘: ein glasiertes (keramisches) Gefäß, das die säurehaltige Konserve nicht angreift. Glasierte Steingut-Töpfe waren zeittypischer als klares Glas. Modern: Einmachglas oder glasierter Topf - Hauptsache dicht und säurefest, damit nichts schimmelt.

Handschrift
Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v)
Folio
Fol. 294v
Sprache
Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)
Entstehung
Mittelrhein, 1445

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbaumnusz die wyl die schalen nit vahent an czu harten

Gewählte Lesart: Dies wurde als 'grüne Walnüsse' übersetzt, da der Text explizit die noch nicht verhärteten Schalen erwähnt, was auf die unreife Frucht hinweist, die für diese Art der Konservierung verwendet wird.

Lesartsulen

Gewählte Lesart: Der Begriff 'sulen' wurde als 'Ahle oder spitzer Gegenstand' übersetzt, da eine Ahle ein passendes Werkzeug zum Durchstechen der Walnüsse ist. Andere spitze Werkzeuge wie eine dicke Nadel oder ein Holzspieß wären ebenfalls denkbar.

Lesartworczen / muscaden kanel adir czymmenrynden adir ander sust wurcze

Gewählte Lesart: Die allgemeine 'worczen' (Gewürze) wurde durch die spezifischen Nennungen von Muskatnuss und Zimt konkretisiert. 'Ander sust wurcze' wurde als 'Gewürze (nach Wahl)' interpretiert, um die Freiheit des Kochs bei der weiteren Aromatisierung zu betonen, typisch für mittelalterliche Rezepte.

Andere mögliche Lesart:

  • Man könnte 'worczen' als eine generische Gewürzmischung interpretieren, die über die genannten hinausgeht. - Mittelalterliche Gewürzmischungen (Poudre fine, Poudre forte) waren üblich und hätten auch Ingwer, Galgant oder Nelken enthalten können, die hier nicht explizit genannt werden.

Lesartkanel adir czymmenrynden

Gewählte Lesart: Dies wurde als 'Zimt oder Zimtrinde' übersetzt, da 'Kanel' oft das gemahlene Gewürz meinte, während 'Czymmenrynden' explizit die Rinde bezeichnet. Beide Formen waren gebräuchlich und konnten je nach Verfügbarkeit oder gewünschter Intensität verwendet werden.

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 294v, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), fol. 285r-294v - Public Domain Mark 1.0 (Digitalisierung 2014, gefördert durch DFG) Quelle öffnen
Transkription
Primäre wissenschaftliche Vergleichs-Edition: Böhm, A. & Klug, H. W. (2021): CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, ms. B1 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. fol. 244). Hyperdiplomatische Transkription, Universität Graz, FWF I 3614, hdl:11471/562.10.1791, CC BY 4.0. Zusätzlich: Thomas Gloning, Sample-Edition (Universität Gießen, rfk1.htm) mit den ersten 5 Rezepten. Volltext-Print-Edition Adelmann/Ehlert/Gloning 1998 (Auer Verlag, ISBN 3-403-03131-4, Tupperware-Stiftungsausgabe, vergriffen). Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Allgemein nein: Das Einlegen braucht acht Tage Salzwasser-Entbitterung und ein glasiertes Vorratsgefäß - kein Gericht für den Marktstand. Nur wenn gerade Saison ist (grüne, noch weichschalige Walnüsse, etwa um Johanni/Ende Juni), ließe sich das Verarbeiten - Durchstechen, Ansetzen, das Kochen in Wein und Honig - als Vorführung am Feuer zeigen.
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