Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445
Mntphach meydauwe mit eime lilachen vnd lege peterlyn sa men dar in ein nacht adir einen dag vnd beysz yn dar in dan so nym bonen vnd stoisz sie czu puluer lege daz puluer war du wilt vnd werff den peterseligen samen dar in so wyst er
Primäre wissenschaftliche Vergleichs-Edition: Böhm, A. & Klug, H. W. (2021): CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, ms. B1 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. fol. 244). Hyperdiplomatische Transkription, Universität Graz, FWF I 3614, hdl:11471/562.10.1791, CC BY 4.0. Zusätzlich: Thomas Gloning, Sample-Edition (Universität Gießen, rfk1.htm) mit den ersten 5 Rezepten. Volltext-Print-Edition Adelmann/Ehlert/Gloning 1998 (Auer Verlag, ISBN 3-403-03131-4, Tupperware-Stiftungsausgabe, vergriffen).
Lagerküche-Tipp: Kein Kochrezept, sondern ein Garten-Trick zum schnellen Keimen von Petersilie. Nicht für die Lagerküche geeignet, höchstens als historisches Kuriosum vorführbar.
Sammle Maitau mit einem Leintuch (Leilachen) und lege Petersiliensamen eine Nacht oder einen Tag hinein, sodass er darin einweicht. Nimm dann Bohnen und stoße sie zu Pulver, lege das Pulver, wohin du willst, und wirf den Petersiliensamen hinein - so wächst er.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| meydauwe | Maidau | - | - |
| lilachen | Leintuch / Bettlaken zum Maitau-Sammeln | - | - |
| peterlyn sa men | Petersiliensamen | Gartencenter | - |
| bonen | Bohnen | Supermarkt | - |
Kein Kochrezept, sondern ein Garten-Trick. Wie das unmittelbar folgende rfk-076 ist auch dies kein Gericht, sondern ein Kunststück, um die notorisch langsam keimende Petersilie schnell zum Aufgehen zu bringen. Beide stehen als nicht-kulinarische Kniffe am Ende des Kochbuchs.
'so wyst er' = 'so wächst er'. Der Schluss bedeutet 'dann wächst/kommt er auf' - parallel zur Überschrift von rfk-076 (wasz = wachse). Der Zweck ist also schnelles Keimen.
'lilachen' = Leilachen (Leintuch). Maitau (der Tau der Mainächte) galt als besonders kräftig fürs Wachstum. Man sammelte ihn, indem man frühmorgens ein Leintuch/Bettlaken (Leilachen) über das taunasse Gras zog und auswrang. Der Petersiliensamen wird darin eingeweicht (beysz = beize, einweichen).
Der Trick. Vorgequollener (eingeweichter) Samen keimt schneller; das Bohnenmehl dient als lockeres, nährstoffreiches Saatbett. Folkloristisch verstärkt der 'magische' Maitau die Wirkung - real hilft vor allem das Vorquellen des Samens, genau das, was moderne Gärtner mit handwarmem Wasser tun.
Praxis (Garten, nicht Küche). Petersiliensamen über Nacht in (Mai-)Tau oder schlicht handwarmem Wasser einweichen, dann in lockere, gut gedüngte Erde aussäen und feucht halten.
‚Sammle/empfange Maitau mit einem Leilachen (Leintuch)‘. ‚Mntphach‘ = empfange/sammle (verschrieben); ‚meydauwe‘ = Maitau (galt als wachstumsfördernd); ‚lilachen‘ = Leilachen, also ein Lein-/Betttuch, mit dem man den Tau vom Gras streift.
‚beysz‘ = beize ihn darin, also den Samen einweichen. Vorgequollener Samen keimt schneller.
‚So wächst er‘ (kommt er auf) - parallel zur Überschrift von rfk-076 (‚wasz‘ = wachse). Es geht ums Keimen der Petersilie.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Mntphach
Gewählte Lesart: Als Verballhornung oder Variante von „Empfang“ (empfangen, sammeln) interpretiert, was als Imperativ den Beginn der Anweisung bildet.
Andere mögliche Lesart:
lilachen
Gewählte Lesart: „Leilachen“ = Lein-/Betttuch. Maitau wurde gesammelt, indem man frühmorgens ein Tuch über das taunasse Gras zog und auswrang - genau das ist hier gemeint.
Gesamtzweck des Rezepts
Gewählte Lesart: Ein Garten-Trick, um die langsam keimende Petersilie schnell zum Aufgehen zu bringen: Samen in Maitau einweichen, dann in ein Bohnenmehl-Saatbett säen - ‚so wyst er‘ = ‚so wächst er‘. Parallel zum Schwester-Rezept rfk-076 (Branntwein statt Maitau).
Nein, dieses Rezept ist kein Kochrezept, sondern ein Garten-Trick, um die langsam keimende Petersilie schnell zum Aufgehen zu bringen. Es ist nicht zum Verzehr gedacht und daher nicht für die Lagerküche geeignet, es sei denn als historisches Kuriosum in einer Schauvorführung.
Maitau ist der Tau der Mainächte, gesammelt mit einem Leintuch übers nasse Gras. Ihm wurden magische, heilende und wachstumsfördernde Kräfte zugeschrieben. Hier soll er - in den eingeweichten Petersiliensamen - das schnelle Keimen der sonst sehr langsam aufgehenden Petersilie bewirken.
Dieses Rezept stammt aus dem „Rheinfränkischen Kochbuch“, das um 1445 verfasst wurde. Es ist Teil einer Sammlung von Rezepten und Haushaltstipps, die Einblicke in die mittelalterliche Küche und das Alltagsleben geben.
„So wyst er“ heißt „so wächst er“ (dann geht der Samen auf) - parallel zur Überschrift von rfk-076 (‚wasz‘ = wachse). Es ist die Pointe des Garten-Tricks: Die so behandelte Petersilie keimt schnell.