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Maitau-Trick: Petersilie schnell zum Keimen bringen

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10BeilageBeilageHöfische KücheHofkücheHülsenfrüchteHülsenfrüchteVeganVegan
Zubereitungszeit10 Min.BuchRheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Sammle Maitau mit einem Leintuch (Leilachen) und lege Petersiliensamen eine Nacht oder einen Tag hinein, sodass er darin einweicht. Nimm dann Bohnen und stoße sie zu Pulver, lege das Pulver, wohin du willst, und wirf den Petersiliensamen hinein - so wächst er.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
meydauwe Maidau - -
lilachen Leintuch / Bettlaken zum Maitau-Sammeln - -
peterlyn sa men Petersiliensamen Gartencenter -
bonen Bohnen Supermarkt -

Kein Kochrezept, sondern ein Garten-Trick. Wie das unmittelbar folgende rfk-076 ist auch dies kein Gericht, sondern ein Kunststück, um die notorisch langsam keimende Petersilie schnell zum Aufgehen zu bringen. Beide stehen als nicht-kulinarische Kniffe am Ende des Kochbuchs.

'so wyst er' = 'so wächst er'. Der Schluss bedeutet 'dann wächst/kommt er auf' - parallel zur Überschrift von rfk-076 (wasz = wachse). Der Zweck ist also schnelles Keimen.

'lilachen' = Leilachen (Leintuch). Maitau (der Tau der Mainächte) galt als besonders kräftig fürs Wachstum. Man sammelte ihn, indem man frühmorgens ein Leintuch/Bettlaken (Leilachen) über das taunasse Gras zog und auswrang. Der Petersiliensamen wird darin eingeweicht (beysz = beize, einweichen).

Der Trick. Vorgequollener (eingeweichter) Samen keimt schneller; das Bohnenmehl dient als lockeres, nährstoffreiches Saatbett. Folkloristisch verstärkt der 'magische' Maitau die Wirkung - real hilft vor allem das Vorquellen des Samens, genau das, was moderne Gärtner mit handwarmem Wasser tun.

Praxis (Garten, nicht Küche). Petersiliensamen über Nacht in (Mai-)Tau oder schlicht handwarmem Wasser einweichen, dann in lockere, gut gedüngte Erde aussäen und feucht halten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist kein Kochrezept, sondern ein Garten-Trick, um die langsam keimende Petersilie schnell zum Aufgehen zu bringen. Es ist nicht zum Verzehr gedacht und daher nicht für die Lagerküche geeignet, es sei denn als historisches Kuriosum in einer Schauvorführung.

Was ist Maitau und wofür wurde er verwendet?

Maitau ist der Tau der Mainächte, gesammelt mit einem Leintuch übers nasse Gras. Ihm wurden magische, heilende und wachstumsfördernde Kräfte zugeschrieben. Hier soll er - in den eingeweichten Petersiliensamen - das schnelle Keimen der sonst sehr langsam aufgehenden Petersilie bewirken.

Was bedeutet „so wyst er“ am Ende des Rezepts?

„So wyst er“ heißt „so wächst er“ (dann geht der Samen auf) - parallel zur Überschrift von rfk-076 (‚wasz‘ = wachse). Es ist die Pointe des Garten-Tricks: Die so behandelte Petersilie keimt schnell.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rheinfränkisches Kochbuch (~1445, Mittelrhein). Sammlung von 76 Koch- und Backrezepten in rheinfränkischer Mundart, entstanden um 1445. Schwerpunkt Fastenspeisen: Krapfen, Fladen aus Fischrogen, Fasten-Schauspeisen (z.B. ein aus Fisch geformtes Rebhuhn-Imitat). Überliefert als Teil des astrologisch-astronomischen Sammelbands Ms. germ. fol. 244 der Staatsbibliothek zu Berlin (fol. 285r-294v). Akademisch erschlossen seit 2021 in der CoReMA-Edition (Böhm/Klug, Universität Graz, FWF-Projekt) als hyperdiplomatische Transkription. Die Fyndling-Edition ergänzt diese akademische Erschließung um die kulinarische Dimension: moderne Übersetzung, Zutaten-Listen mit Bezugsquellen, FAQ zur Zubereitung und Scan-Anzeige im Browser - damit erstmals als praktische Edition für Hobby-Köche und mediävistisch interessierte Laien.

Mntphach meydauwe mit eime lilachen vnd lege peterlyn sa men dar in ein nacht adir einen dag vnd beysz yn dar in dan so nym bonen vnd stoisz sie czu puluer lege daz puluer war du wilt vnd werff den peterseligen samen dar in so wyst er
Mntphach meydauwe mit eime lilachen

‚Sammle/empfange Maitau mit einem Leilachen (Leintuch)‘. ‚Mntphach‘ = empfange/sammle (verschrieben); ‚meydauwe‘ = Maitau (galt als wachstumsfördernd); ‚lilachen‘ = Leilachen, also ein Lein-/Betttuch, mit dem man den Tau vom Gras streift.

beysz yn dar in

‚beysz‘ = beize ihn darin, also den Samen einweichen. Vorgequollener Samen keimt schneller.

so wyst er

‚So wächst er‘ (kommt er auf) - parallel zur Überschrift von rfk-076 (‚wasz‘ = wachse). Es geht ums Keimen der Petersilie.

Handschrift
Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v)
Folio
Fol. 294v
Sprache
Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)
Entstehung
Mittelrhein, 1445

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMntphach

Gewählte Lesart: Als Verballhornung oder Variante von „Empfang“ (empfangen, sammeln) interpretiert, was als Imperativ den Beginn der Anweisung bildet.

Andere mögliche Lesart:

  • Als „manchfach“ (vielfältig) oder „mannigfach“ (in vielerlei Hinsicht) interpretiert, was die Art der Tausammlung beschreiben würde. - Die Schreibweise ist ungewöhnlich, aber „manchfach“ ist ein bekanntes mittelhochdeutsches Wort, das hier als Adverb zur Tausammlung passen könnte.

Lesartlilachen

Gewählte Lesart: „Leilachen“ = Lein-/Betttuch. Maitau wurde gesammelt, indem man frühmorgens ein Tuch über das taunasse Gras zog und auswrang - genau das ist hier gemeint.

LesartGesamtzweck des Rezepts

Gewählte Lesart: Ein Garten-Trick, um die langsam keimende Petersilie schnell zum Aufgehen zu bringen: Samen in Maitau einweichen, dann in ein Bohnenmehl-Saatbett säen - ‚so wyst er‘ = ‚so wächst er‘. Parallel zum Schwester-Rezept rfk-076 (Branntwein statt Maitau).

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 294v, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), fol. 285r-294v - Public Domain Mark 1.0 (Digitalisierung 2014, gefördert durch DFG) Quelle öffnen
Transkription
Primäre wissenschaftliche Vergleichs-Edition: Böhm, A. & Klug, H. W. (2021): CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, ms. B1 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. fol. 244). Hyperdiplomatische Transkription, Universität Graz, FWF I 3614, hdl:11471/562.10.1791, CC BY 4.0. Zusätzlich: Thomas Gloning, Sample-Edition (Universität Gießen, rfk1.htm) mit den ersten 5 Rezepten. Volltext-Print-Edition Adelmann/Ehlert/Gloning 1998 (Auer Verlag, ISBN 3-403-03131-4, Tupperware-Stiftungsausgabe, vergriffen). Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern ein Garten-Trick zum schnellen Keimen von Petersilie. Nicht für die Lagerküche geeignet, höchstens als historisches Kuriosum vorführbar.
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