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Petersilie auf dem Herd ziehen

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.4/10
Zubereitungszeit15 Min.PortionenEine AnzuchtflächeBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du Petersilie auf dem Herd oder auf einem Tisch ziehen willst, während du das Essen zubereitest, damit sie in der Zwischenzeit wächst:

Nimm den Samen und lasse ihn am dritten Tag in einem guten Wein einweichen. Verbrenne Knochen und Bohnenstroh zu Asche. Nimm sehr verrottete Erde und mische sie so, dass nichts Ganzes mehr darin ist.

Mische alles untereinander und säe es auf den Herd oder auf den Tisch. Gib den Samen hinein und besprenge es immer wieder, so wächst es in kurzer Zeit und Weile.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
pettersill Petersilie (Anzucht) - -
den sam Petersiliensamen Gartencenter, Online-Handel -
ainem guetten wein Guter Wein - -
pain Knochen Metzger (als Schlachtabfall) -
pan strau Bohnenstroh Gartencenter, Bauernhof anderes Stroh oder getrocknete Pflanzenreste
faulcz erdreich Verrottete Erde (Humus) Gartencenter -

Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern eine Garten-/Anzuchtanleitung: Petersiliensamen sollen auf einer warmen Fläche - dem Herd oder dem Tisch - schneller zum Keimen gebracht werden. Der lebende Verwandte ist folglich nicht kulinarisch, sondern gärtnerisch: Das heutige Vorquellen harter Samenschalen und die anschließende Keimung auf einer Wärmequelle (Anzuchtheizmatte, Fensterbank über der Heizung) folgen demselben Prinzip. Petersilie keimt wegen ätherischer Öle in der Samenschale notorisch langsam und unregelmäßig - Einweichen und Wärme sollen das abkürzen.

Asche als Dünger. Knochen und Bohnenstroh werden zu Asche verbrannt (im Text „vsell“, ein bairisch-österreichisches Dialektwort für Glutasche). Knochenasche liefert Phosphor und Kalzium, Strohasche Kalium - zusammen mit fein zerkleinertem, vollständig verrottetem Humus entsteht ein nährstoffreiches, klumpenfreies Saatbett.

Einweichen des Samens. Der Petersiliensamen wird in gutem Wein eingeweicht, damit sich die harte, wachsig-ölige Samenschale löst und Feuchtigkeit später leichter eindringen kann. Ein eng verwandter Trick im Rheinfränkischen Kochbuch verwendet für denselben Zweck gebrannten Wein (Branntwein) - der höhere Alkoholgehalt löst die Wachsschicht wirksamer als einfacher Tafelwein.

Praxis. Petersiliensamen für einige Tage in gutem Wein einweichen (das Transkript spricht wörtlich vom „dritten Tag“, ein Vergleich mit dem Zwillingsrezept legt aber eher eine mehrtägige Einweichdauer nahe). Parallel Knochen- und Strohreste zu Asche verbrennen und mit feinkrümeligem, vollständig verrottetem Humus mischen. Das Gemisch in ein flaches Gefäß auf eine warme, aber nicht heiße Fläche geben - etwa den abkühlenden Herdrand -, den eingeweichten Samen einbringen und regelmäßig besprengen, bis er nach kurzer Zeit keimt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist keine Kochanleitung, sondern eine Anleitung zum Anbau von Petersilie. Es ist für die langfristige Anzucht gedacht und daher nicht für die schnelle Zubereitung im Lager geeignet.

Warum soll ich Knochen und Stroh verbrennen?

Das Verbrennen von Knochen und Stroh erzeugt Asche, die als Dünger dient. Knochenasche ist reich an Phosphor und Kalzium, während Strohasche Kalium und andere wichtige Mineralien liefert, die das Pflanzenwachstum fördern.

Warum soll der Samen in Wein eingeweicht werden?

Der Wein weicht die harte, wachsig-ölige Schale des Samens auf und löst keimhemmende Stoffe - dadurch kann Feuchtigkeit später leichter eindringen und die Keimung beschleunigt sich. Ein eng verwandtes Rezept nutzt für denselben Zweck gebrannten Wein, dessen höherer Alkoholgehalt die Wachsschicht noch wirksamer löst.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

ITem will dw pettersill pawnn auff dem herdt oder auff ainem tisch dy weill dyw dw essen beraiczt das er dy weill wachs So nym den sam vnd lass den an dem tritten tag waickchen in ainem guetten wein vnd prenn pain pan strau czw vsell vnd nym gar er faulcz erdreich misch das nichcz ganczs In sey vnd misch das vndter einander vnd saa es auff den herdt oder auff den tisch vnd den + sam dar Inn vnd sprengs ye vnd ye so wachs es in ckurczer czeit vnd weill etc.
herdt

Im Mittelalter war der Herd oft eine offene Feuerstelle oder eine gemauerte Kochstelle, die auch als wärmende Fläche für andere Zwecke genutzt wurde. Hier dient er als warmer Untergrund für die Anzucht.

waickchen

Das Einweichen des Samens in Wein löst die harte, wachsig-ölige Samenschale und keimhemmende Stoffe - dasselbe Prinzip nutzt das Zwillingsrezept rfk-076 mit gebranntem Wein (Branntwein), der aufgrund des höheren Alkoholgehalts stärker wirkt als einfacher Tafelwein.

prenn pain pan strau czw vsell

Das Verbrennen von Knochen und Stroh zu Asche ist eine Methode zur Herstellung von Dünger. Knochenasche liefert Phosphor und Kalzium, Strohasche Kalium und andere Mineralien.

faulcz erdreich

Verrottete Erde, also Humus, ist reich an organischen Nährstoffen und verbessert die Bodenstruktur.

vsell

Bair.-österr. „Usel/Ussel“ = glühende Asche/Glutasche (belegt bei Lexer, Idiotikon, Grimm und MHDBDB unter dem Lemma „üsele“) - ein eigenständiges Dialektwort, nicht einfach das nhd. „Asche“. Auch die CoReMA-Objektseite (o:corema.gr1.241) lässt „vsell“ ungeglosst; es bleibt ein Hapax im Korpus.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 082r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartpawnn

Gewählte Lesart: ‚pflanzen/anbauen‘ - im Kontext des Petersilienanbaus die plausibelste Lesart.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚bauen‘ (im Sinne von errichten) - Diese Lesart ist im Kontext von Petersilie und Wachstum weniger plausibel.

Lesartan dem tritten tag

Gewählte Lesart: „am dritten Tag“ - der Same wird an einem bestimmten Tag (dem dritten) behandelt.

Andere mögliche Lesart:

  • „drei Tage lang“ (Dauerangabe statt Stichtag) - Das eng verwandte Zwillingsrezept rfk-076 hat an vergleichbarer Stelle explizit eine Einweichdauer von drei Tagen. Bei wörtlicher Stichtag-Lesart bliebe offen, was an den Tagen 1-2 mit dem Samen geschieht - die Dauer-Lesart ist praktisch schlüssiger, aber nicht restlos sicher.

Lesartfaulcz

Gewählte Lesart: ‚verrottet‘ - im Kontext von Erde als Nährboden positiv konnotiert.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚faul‘ (im Sinne von schlecht/übelriechend) - Obwohl ‚faul‘ auch ‚verrottet‘ bedeuten kann, ist ‚verrottet‘ im Kontext von Erde als Nährboden positiver konnotiert.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 082r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zum Anbau von Petersilie. Für die Lagerküche nicht relevant, da es sich um eine langfristige Anzucht handelt.
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