Mondseer Kochbuch (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1))
Petersilie auf dem Herd ziehen
Moderne Übersetzung
Wenn du Petersilie auf dem Herd oder auf einem Tisch ziehen willst, während du das Essen zubereitest, damit sie in der Zwischenzeit wächst:
Nimm den Samen und lasse ihn am dritten Tag in einem guten Wein einweichen. Verbrenne Knochen und Bohnenstroh zu Asche. Nimm sehr verrottete Erde und mische sie so, dass nichts Ganzes mehr darin ist.
Mische alles untereinander und säe es auf den Herd oder auf den Tisch. Gib den Samen hinein und besprenge es immer wieder, so wächst es in kurzer Zeit und Weile.
Zutaten
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| pettersill | Petersilie (Anzucht) | - | - |
| den sam | Petersiliensamen | Gartencenter, Online-Handel | - |
| ainem guetten wein | Guter Wein | - | - |
| pain | Knochen | Metzger (als Schlachtabfall) | - |
| pan strau | Bohnenstroh | Gartencenter, Bauernhof | anderes Stroh oder getrocknete Pflanzenreste |
| faulcz erdreich | Verrottete Erde (Humus) | Gartencenter | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern eine Garten-/Anzuchtanleitung: Petersiliensamen sollen auf einer warmen Fläche - dem Herd oder dem Tisch - schneller zum Keimen gebracht werden. Der lebende Verwandte ist folglich nicht kulinarisch, sondern gärtnerisch: Das heutige Vorquellen harter Samenschalen und die anschließende Keimung auf einer Wärmequelle (Anzuchtheizmatte, Fensterbank über der Heizung) folgen demselben Prinzip. Petersilie keimt wegen ätherischer Öle in der Samenschale notorisch langsam und unregelmäßig - Einweichen und Wärme sollen das abkürzen.
Asche als Dünger. Knochen und Bohnenstroh werden zu Asche verbrannt (im Text „vsell“, ein bairisch-österreichisches Dialektwort für Glutasche). Knochenasche liefert Phosphor und Kalzium, Strohasche Kalium - zusammen mit fein zerkleinertem, vollständig verrottetem Humus entsteht ein nährstoffreiches, klumpenfreies Saatbett.
Einweichen des Samens. Der Petersiliensamen wird in gutem Wein eingeweicht, damit sich die harte, wachsig-ölige Samenschale löst und Feuchtigkeit später leichter eindringen kann. Ein eng verwandter Trick im Rheinfränkischen Kochbuch verwendet für denselben Zweck gebrannten Wein (Branntwein) - der höhere Alkoholgehalt löst die Wachsschicht wirksamer als einfacher Tafelwein.
Praxis. Petersiliensamen für einige Tage in gutem Wein einweichen (das Transkript spricht wörtlich vom „dritten Tag“, ein Vergleich mit dem Zwillingsrezept legt aber eher eine mehrtägige Einweichdauer nahe). Parallel Knochen- und Strohreste zu Asche verbrennen und mit feinkrümeligem, vollständig verrottetem Humus mischen. Das Gemisch in ein flaches Gefäß auf eine warme, aber nicht heiße Fläche geben - etwa den abkühlenden Herdrand -, den eingeweichten Samen einbringen und regelmäßig besprengen, bis er nach kurzer Zeit keimt.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mon-242/
fyndling.de/rezepte/mon-242/