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Damit die Petersilie sofort wächst

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofkücheVeganVegan
Zubereitungszeitca. 10 Min. KüchenzeitPortionenNicht zum Verzehr (Gartenanleitung)BuchRheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Damit die Petersilie sofort wächst: Nimm gebrannten Wein und lege Petersiliensamen drei Tage darin ein. Danach säe die Samen in heiße Asche oder in fette, fruchtbare Erde.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
gebrantten win Gebrannter Wein - Supermarkt (Spirituosen) Brandy oder Schnaps
peterlin samen Petersiliensamen - Gartencenter -
heisz esze Heiße Asche - - -
feist erde Fette Erde - Gartencenter Fruchtbarer Boden oder Komposterde

Was wird hier gemacht? Kein Speiserezept, sondern ein Kunststück mit Saatgut: Petersiliensamen liegen drei Tage in gebranntem Wein und werden dann in heiße Asche oder in fette Erde gesät. Die Überschrift verspricht, dass die Petersilie von stunt wächst, also sofort. Verwandte Einträge in anderen Handschriften machen daraus ein Schaustück: In n2-009 soll sie vor den Leuten binnen einer Stunde wachsen, in mon-242 und mha-050 auf Herd oder Tisch, während das Essen kocht.

Funktioniert das? Der Text nennt weder einen Grund für das Einlegen noch die Stärke des Weins. Ob drei Tage in gebranntem Wein die Keimung fördern oder ihr eher schaden, ist ungeprüft. Wörtlich heiße Asche wäre als Saatbett für Samen eher schädlich als förderlich. Wie bei den verwandten Einträgen steht der versprochene Effekt im Vordergrund.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Der Eintrag ist keine Kochanleitung, sondern eine Anweisung für Petersiliensamen. Es gibt nichts zu essen.

Was bedeutet „petirlin wasz von stunt“?

Das ist die Überschrift „Damit die Petersilie sofort wächst“: wasz ist das Verb „wachse“, von stunt heißt „sofort“.

Wozu dient die Behandlung der Samen mit gebranntem Wein und heißer Asche?

Das sagt der Text nicht. Er verspricht nur, dass die Petersilie danach sofort wächst. Ob drei Tage in gebranntem Wein die Keimung fördern oder eher schaden, ist ungeprüft. Verwandte Einträge in anderen Handschriften (n2-009, mon-242, mha-050) beschreiben dasselbe Motiv als Schaustück, bei dem Petersilie vor den Gästen wachsen soll.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rheinfränkisches Kochbuch (Mittelrhein). Sammlung von 76 Koch- und Backrezepten in rheinfränkischer Mundart, entstanden um 1445. Schwerpunkt Fastenspeisen: Krapfen, Fladen aus Fischrogen, Fasten-Schauspeisen (z.B. ein aus Fisch geformtes Rebhuhn-Imitat). Überliefert als Teil des astrologisch-astronomischen Sammelbands Ms. germ. fol. 244 der Staatsbibliothek zu Berlin (fol. 285r-294v). Akademisch erschlossen seit 2021 in der CoReMA-Edition (Böhm/Klug, Universität Graz, FWF-Projekt) als hyperdiplomatische Transkription. Die Fyndling-Edition ergänzt diese akademische Erschließung um die kulinarische Dimension: moderne Übersetzung, Zutaten-Listen mit Bezugsquellen, FAQ zur Zubereitung und Scan-Anzeige im Browser - damit erstmals als praktische Edition für Hobby-Köche und mediävistisch interessierte Laien.

Das petirlin wasz von stunt Nim gebrantten win vnd lege peterlin samen dar in dry tag vnd sehe den samen in heisz esze adir feist erde
petirlin wasz von stunt

wasz = wachse (zu wachsen), von stunt = sofort, auf der Stelle. Die Überschrift heißt also „Damit die Petersilie sofort wächst“. Ähnlich endet rfk-075 mit so wyst er = „so wächst er“.

gebrantten win

Gebrannter Wein = Branntwein, durch Brennen aus Wein gewonnen. Der Text sagt nicht, wozu die Samen darin liegen. n2-009 nennt ebenfalls gebrannten Wein, mon-242 und mha-050 nur gewöhnlichen Wein.

sehe

sehe = säe (mhd. sæjen, säen), nicht „sehen“.

heisz esze

Heiße Asche (esze = Asche, mhd. asche/esche). In mon-242 wird dafür Bohnenstroh zu Asche gebrannt und mit Erde gemischt.

feist erde

Fette, nährstoffreiche Erde.

Handschrift
Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v)
Folio
Fol. 294v
Sprache
Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)
Entstehung
Mittelrhein, 1445
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

peterlin samenparsley seed Q96756023

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartDas petirlin wasz von stunt (andere Hand)

Gewählte Lesart: Der ganze Eintrag stammt von einer zweiten Hand: Die CoReMA-Edition setzt den Handwechsel an den Anfang der Überschrift, also hinter das Ende von rfk-075. rfk-076 ist damit ein von anderer Hand angefügter Schlusseintrag.

Andere mögliche Lesart:

  • Schreiberwechsel im selben Arbeitsgang, also kein zeitlich späterer Nachtrag. - Ein Handwechsel allein datiert nicht. Ohne Datierung der zweiten Hand bleibt offen, ob der Eintrag gleichzeitig mit dem Buch oder später entstand.

Lesartwasz

Gewählte Lesart: wasz = wachse (Konjunktiv von wachsen, mit geschwundenem h wie wyst = wächst in rfk-075): „Damit die Petersilie wachse“. n2-009 formuliert dieselbe Absicht mit wachse.

Andere mögliche Lesart:

  • was = war (Präteritum von sein). - Formal möglich, ergibt aber zusammen mit von stunt und der folgenden Saatanweisung keinen Satz; alle Parallelen sprechen vom Wachsen.

Lesartvon stunt

Gewählte Lesart: Sofort, auf der Stelle: stunt steht in adverbialen Wendungen für den Zeitpunkt, den Augenblick.

Andere mögliche Lesart:

  • Binnen einer Stunde. - n2-009 verspricht ausdrücklich Wachsen in eyner stunde, und stunt kann auch die Stunde als Zeitspanne meinen. Für die Übersetzung ändert sich nur die Zeitangabe, nicht der Sinn des Versprechens.

Lesartin heisz esze adir feist erde

Gewählte Lesart: Zwei Möglichkeiten zur Wahl: entweder in heiße Asche oder in fette Erde säen; heisz wird wörtlich als „heiß“ übersetzt.

Andere mögliche Lesarten:

  • Warme oder abgekühlte Asche. - Wörtlich heiße Asche wäre als Saatbett für Samen eher schädlich. Der Text sagt aber heisz, deshalb bleibt die Übersetzung beim Wortlaut.
  • Asche und Erde gemischt. - mon-242 und mha-050 mischen Asche mit Erde. rfk-076 trennt beides jedoch mit adir (oder).

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 294v, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), fol. 285r-294v - Public Domain Mark 1.0 (Digitalisierung 2014, gefördert durch DFG) Quelle öffnen
Transkription
Primäre wissenschaftliche Vergleichs-Edition: Böhm, A. & Klug, H. W. (2021): CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, ms. B1 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. fol. 244). Hyperdiplomatische Transkription, Universität Graz, FWF I 3614, hdl:11471/562.10.1791, CC BY 4.0. Zusätzlich: Thomas Gloning, Sample-Edition (Universität Gießen, rfk1.htm) mit den ersten 5 Rezepten. Volltext-Print-Edition Adelmann/Ehlert/Gloning 1998 (Auer Verlag, ISBN 3-403-03131-4, Tupperware-Stiftungsausgabe, vergriffen). Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rfk-076
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept - dies ist eine Anleitung zur Vorbereitung von Petersiliensamen für die Aussaat. Daher nicht für die Lagerküche geeignet.
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Stand dieser Fassung: 01.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.