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Ingwer in Zuckersirup einlegen

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

Gewürz / SauceGewürz / SauceLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit150 Min.Portionen1 Glas Ingwer in Sirup, 1 Glas Walnüsse in SirupBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm den weißesten und frischesten Ingwer. Wasche ihn sehr gründlich zwei- oder dreimal mit kalter Lauge. Lege ihn danach in eine frische kalte Lauge und lasse ihn dort drei Tage und drei Nächte liegen.

Danach nimm Kalk und gib ihn in ein Schaff (eine Wanne) mit Wasser. Wenn das Wasser vom Kalk klar geworden ist, gieße es sehr sauber ab, sodass es nicht trüb wird. Lege den Ingwer für einen Tag und eine Nacht in dieses Kalkwasser.

Ziehe ihn dann aus dem Kalkwasser in frisches Brunnenwasser und reibe ihn sehr gut ab. Lege ihn danach erneut für einen Tag und eine Nacht in Brunnenwasser. Aus dem Brunnenwasser nimm ihn heraus und lege ihn in einen guten Wein, wo er einen Tag und eine Nacht liegen soll.

Nimm Zucker, dazu wahlweise Rayffel-Wein, Malvasier oder welschen Wein. Gib ein wenig des Weins in eine Pfanne und füge viermal so viel Zucker hinzu, wie Wein vorhanden war. Lasse den Zucker im Wein gut sieden. Mache dir ein hübsches, gutes Schäfflein, mit dem du ihn (den Sirup) abschöpfst; wenn er zäh geworden ist, nimm ihn vom Feuer.

Gib den frischen Ingwer aus dem Wein in einen schönen, verglasten Krug und gieße den zubereiteten Zuckersirup darüber in den Krug. Verschließe den Krug sehr gut, damit nichts entweichen kann. Auf diese Weise kannst du auch Mischungen von Walnüssen zubereiten. Wenn die Walnüsse frisch sind, schäle die Kerne. Sind sie geschält, kannst du sie in denselben Sirup legen, in dem der Ingwer liegt.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
grun Ingwer / aller weissisten ingwer vnd der aller frischisten / chrun Ingwer Frischer, weißester Ingwer gut sortierter Supermarkt, Asialaden -
czwain oder auß drein chalt gussen / frischen chalten gusß Kalte Lauge Drogeriemarkt (z.B. Natriumhydroxid-Granulat) Natronlauge (Vorsicht im Umgang!)
chalch Kalk Baumarkt (ungelöschter Kalk) oder Apotheke (Calciumhydroxid) Calciumhydroxid
wasser / prunn wasser Wasser Leitung -
guetten wein / des weins ein wenig Guter Wein Supermarkt Rayffel-Wein, Malvasier, Südwein
czwcker / des czucker woll vierstundt als vill mer dan des weins ist gewessen Zucker (viermal so viel wie Wein) Supermarkt -
weillischen nussen / wellhisch nuß / cheren Frische, geschälte Walnusskerne (optional) Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Dies ist die spätmittelalterliche Vorstufe des noch heute erhältlichen kandierten Ingwers (Stem Ginger in Syrup): frischer Ingwer wird durch eine mehrtägige Lauge- und Kalkwasserbehandlung vorbereitet, in Wein eingelegt und schließlich in einem sehr dicken Zuckersirup konserviert. Fast identisch beschreibt das Tegernseer/Münchner Rezept „Wie man grün Ingwer machen sol“ (m725-022) dasselbe Verfahren - eine überregional geteilte Konfekttechnik, keine Mondsee-Eigenheit. Die angehängte Walnuss-Variante, bei der geschälte frische Kerne im selben Sirup eingelegt werden, ist die mitteleuropäische Verwandte der bis heute praktizierten Grünwalnuss-Konfitüren (frz. confiture de noix vertes, griech. glyko karydaki, balkanisch orahovo slatko).

Lauge und Kalkwasser - zwei verschiedene Aufgaben. Die Lauge wäscht und weicht die Rhizomoberfläche über mehrere Tage auf und mildert die Schärfe der frischen Knolle. Das anschließende Kalkwasser wirkt entgegengesetzt: Es festigt über Calcium das Zellgewebe, damit der Ingwer das lange Sirupkochen übersteht, ohne matschig zu werden - eine Texturfixierung, keine „Neutralisierung“ der Lauge. Beide Reste müssen danach durch zwei Brunnenwasser-Bäder mit aktivem Abreiben restlos entfernt werden, sonst bleibt der Ingwer ungenießbar.

Der Sirup und das Schäfflein. Zucker ist in diesem Schritt nicht optional - er wird immer zusammen mit einer der drei genannten Weinsorten (Rayffel-, Malvasier- oder welscher Wein) im Verhältnis eins zu vier eingekocht. Das „hübsche, gute Schäfflein“ dient zum Abschöpfen des Sirups selbst, nicht zum Reinigen des Ingwers; sobald der Sirup zäh geworden ist, wird die Pfanne vom Feuer genommen - der Ingwer liegt zu diesem Zeitpunkt noch im Wein und wird erst danach zum ersten Mal wieder erwähnt, wenn er in den Krug kommt.

Praxis. Frischen, möglichst hellen Ingwer zwei- bis dreimal in kalter Lauge waschen, dann drei Tage und Nächte darin liegen lassen (Vorsicht im Umgang mit Lauge - Handschuhe, gut belüfteter Raum). Danach einen Tag und eine Nacht in klar abgegossenem Kalkwasser einlegen, anschließend zweimal je einen Tag und eine Nacht in frischem Brunnenwasser gründlich abreiben und spülen, bis keine Lauge- oder Kalkreste mehr spürbar sind. Einen Tag und eine Nacht in gutem Wein einlegen. Für den Sirup Wein und die vierfache Menge Zucker gemeinsam sirupartig einkochen, den Schaum abschöpfen und vom Feuer nehmen, sobald er zäh ist. Den Ingwer aus dem Wein in ein verglastes Gefäß geben, mit dem heißen Sirup übergießen und luftdicht verschließen. Nach demselben Muster lassen sich auch frische, geschälte Walnusskerne im selben Sirup kandieren.

Was bedeutet 'kalte Lauge' und 'Kalk' in diesem Rezept?

'Kalte Lauge' (chalt gussen) ist eine stark alkalische Lösung, die im Mittelalter zur intensiven Reinigung und Vorbehandlung von Lebensmitteln eingesetzt wurde, ähnlich wie moderne Natronlauge. 'Kalk' (chalch) wird verwendet, um Kalkwasser herzustellen, eine ebenfalls alkalische Lösung, die nach der Lauge nicht zur chemischen Neutralisierung, sondern zur Texturfestigung dient: Calcium vernetzt das Zellgewebe, damit der Ingwer beim anschließenden Sirupkochen nicht zerfällt. Diese Schritte waren Teil der damaligen Konservierungs- und Konfekttechniken. Beim Nachkochen ist äußerste Vorsicht im Umgang mit Lauge geboten!

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist für die Lagerküche nicht geeignet. Es erfordert chemische Vorbehandlungen mit Lauge und Kalkwasser über mehrere Tage, gefolgt von ausgiebigen Spül- und Einlegeprozessen. Die präzise Zubereitung des Zuckersirups und die Notwendigkeit einer luftdichten Versiegelung machen es für die improvisierte Küche im Lager unpraktikabel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und bietet Einblicke in die gehobene Küche des Spätmittelalters.

Was sind 'Rayffel', 'Malvasier' und 'welscher Wein'?

Dies sind verschiedene Weinsorten, die für die Zubereitung des Sirups vorgeschlagen werden - Zucker selbst ist dabei stets Pflichtzutat, nur die Weinsorte ist frei wählbar. 'Rayffel' (Rainval) ist ein historischer, seltener Weinname, 'Malvasier' (Malmasyer) ist ein bekannter süßer Dessertwein, und 'welscher Wein' (weylich wein) bezeichnete im Mittelalter oft Weine aus südlichen Regionen, insbesondere Italien. Sie wurden für ihren Geschmack und ihre Süße geschätzt.

ITem von grun Ingwer nym der aller weissisten ingwer vnd der aller frischisten Vnd wasch den ausß czwain oder auß drein chalt gussen gar woll vnd dar nach payß In einen frischen chalten gusß vnd laß dar Innen drey tag vnd drey nacht dar Innen ligen nach dem so nymb chalch vnd thw In In ein schaff mit wasser wan das wasser lawtter ist worden an dem chalch So gew es gar seyberlich her ab das es nicht truebich werdt vnd payß den Ingwer dar ein ein tag vnd ein nacht so czewch In awß dem wasser In ein frischen prunn wasser vnd reib In gar woll auß dem wasser vnd leg In dar nach mer In ein prunn wasser vnd laß dar Innen ligenn ein tag vnd ein nacht vnd auß dem prunnn wasser leg in In einen guetten wein vnd laß ein tag vnd ein nacht dar Innen ligen Nym czwcker oder rayffel oder malmasyer oder weylich wein vnd nym des weins ein wenig in ein phan vnd nym des czucker woll vierstundt als vill mer dan des weins ist gewessen dar ein vnd laß den czucker woll sieden In dem wein vnd mach dir ein hubsches guecz schafflein da mit dw in rainest wan es czach ist worden so heb In her ab vnd thew den chrun Ingwer auß dem wein In ein schons verglastew ckrawssen vnd gewß den czwcker den dw gemacht hast dar vber in die chrawssen vnd vermach die chrawssen gar woll das es nicht awß riech Also machstw woll mischeren von weillischen nussen awch machen den Ingwer wellhisch nuß dy well sy frisch sindt so laß den cheren schellen vnd wan sy ge= schellett sindt So machtw sy woll in dy selbig pru legen da der grunn Ingwer In ist etc.
chalt gussen

Lauge. Eine stark alkalische Lösung, die im Mittelalter zur Reinigung, zum Enthäuten (z.B. von Mandeln) oder zur Texturveränderung von Lebensmitteln verwendet wurde. Hier dient sie wahrscheinlich dazu, die äußere Schicht des Ingwers zu reinigen und seine Fasern aufzubrechen. Vorsicht im Umgang mit Lauge!

chalch

Kalk. Hier zur Herstellung von Kalkwasser verwendet. Anders als der Wortlaut nahelegt, „neutralisiert“ das ebenfalls stark alkalische Kalkwasser die vorherige Lauge nicht chemisch, sondern festigt über Calcium das Zellgewebe des Ingwers, damit dieser das anschließende lange Sirupkochen übersteht, ohne zu zerfallen - eine Texturfixierung vor dem Kandieren, wie sie auch bei anderen kandierten Früchten der Zeit üblich war.

prunn wasser

Brunnenwasser. Frisches, klares Wasser aus einem Brunnen, das zum gründlichen Spülen nach den chemischen Behandlungen verwendet wird.

rayffel / malmasyer / weylich wein

Verschiedene Weinsorten, die für den Sirup verwendet werden können. „Rayffel“ (Rainval) ist ein historischer, seltener Weinname - die CoReMA-Glossierung des inhaltlich entsprechenden Nachbarrezepts bestätigt diese Lesart (Q107262739) und löst damit die im Manuskript vermerkte Randnotiz-Verwunderung („* Rayffel ?!“) auf. „Malvasier“ ist ein süßer Dessertwein, „welscher Wein“ (weylich wein) bezeichnete oft südliche, insbesondere italienische Weine.

vierstundt als vill mer

Wörtlich 'vier Stunden so viel mehr', hier im Sinne von 'viermal so viel'. Eine sehr hohe Zuckerkonzentration, die für die Konservierung notwendig ist.

schafflein

Diminutiv von Schaff, ein kleines Gefäß. Bezieht sich auf das Abschöpfen des Sirups selbst während des Kochens, nicht auf ein Reinigen des Ingwers - Korpusparallelen (mon-003, mon-039) zeigen dieselbe Formulierung für das Kochgut, das „her ab“ (vom Feuer) genommen wird, sobald es zäh geworden ist.

czach

Zäh, dickflüssig. Bezieht sich auf die Konsistenz des Zuckersirups, wenn er ausreichend eingekocht ist.

ckrawssen

Ein Gefäß oder Krug, hier verglast, zur luftdichten Aufbewahrung des eingelegten Ingwers.

pru

CoReMA glossiert als 'ginger broth'. Im Kontext der Walnuss-Variante bezieht sich dies auf den fertigen Ingwer-Zuckersirup, in dem die Walnüsse ebenfalls eingelegt werden können.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 061v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartchalt gussen

Gewählte Lesart: Kalte Lauge. CoReMA glossiert 'chalt gussen' als 'lye'.

Andere mögliche Lesart:

  • Kaltes Gießwasser - Obwohl 'Guss' auch Gießwasser bedeuten kann, ist die CoReMA-Glossierung als 'lye' (Lauge) und der Kontext einer mehrtägigen chemischen Behandlung für Ingwer die plausiblere Lesart.

Lesartgrun Ingwer / chrun Ingwer

Gewählte Lesart: Frischer Ingwer. Im Kontext von 'weißestem und frischestem' Ingwer ist die Lesart als 'frisch, ungetrocknet' wahrscheinlicher, da frischer Ingwer oft eine grünlich-gelbe Tönung hat.

Andere mögliche Lesart:

  • Grüner Ingwer (spezifische Sorte) - Während 'grün' auch eine spezifische Ingwersorte bezeichnen könnte, ist die allgemeine Beschreibung 'weißest und frischest' ein stärkerer Indikator für den Zustand 'frisch' im Gegensatz zu 'getrocknet'.

Lesartmach dir ein hubsches guecz schafflein da mit dw in rainest wan es czach ist worden so heb In her ab

Gewählte Lesart: Mache dir ein hübsches, gutes Schäfflein, mit dem du ihn (den Sirup) reinigst/abschöpfst; wenn er (der Sirup) zäh geworden ist, nimm ihn (die Pfanne) vom Feuer. Korpusparallelen in mon-003 und mon-039 ('so heb es her ab' / 'heb es her ab') zeigen dieselbe Idiom-Konstruktion für 'vom Feuer nehmen, sobald es eingedickt ist' - bezogen auf das Kochgut, nicht auf den Ingwer, der an dieser Stelle noch im Wein liegt.

Andere mögliche Lesart:

  • Bereite dir ein Gefäß, mit dem du den Ingwer reinigst; wenn der Sirup zäh geworden ist, hebe den Ingwer heraus. - Diese ältere Lesart verlagert die Reinigung fälschlich vom Sirup auf den Ingwer und erzeugt eine unlogische Doppelhandlung, da der Ingwer laut Folgesatz erst danach zum ersten Mal seit dem Wein-Einlegen wieder erwähnt wird. Durch die Korpusparallelen widerlegt, aber als früher publizierte Lesart hier dokumentiert.

Lesartpru

Gewählte Lesart: Ingwer-Sirup (oder die Flüssigkeit, in der der Ingwer zuvor lag). CoReMA glossiert 'pru' als 'ginger broth'.

Andere mögliche Lesart:

  • Ingwer-Brühe (im Sinne einer salzigen Kochflüssigkeit) - Obwohl 'Brühe' (Brü) auch salzig sein kann, ist im Kontext der Konservierung in Zuckersirup und der Verwendung für Walnüsse die süße Sirupflüssigkeit die plausiblere Lesart für 'pru' in diesem spezifischen Fall.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 061v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nein - Dieses Rezept erfordert chemische Vorbehandlungen mit Lauge und Kalkwasser über mehrere Tage, gefolgt von ausgiebigen Spül- und Einlegeprozessen. Die präzise Zubereitung des Zuckersirups und die Notwendigkeit einer luftdichten Versiegelung machen es für die Lagerküche ungeeignet.
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