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Eingelegte Sauerkirschen aus dem Brunnen

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit15 Min.Portionen1 KrugBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm frische Sauerkirschen, die ganz frisch sind, und gib sie in einen Krug, der oben mit einem Rand versehen und eng ist. Gib die Kirschen mit Stielen und allem hinein, dazu ein wenig Kirschlaub und ein oder vier Rosen. Verschließe den Krug sehr gut, sodass auch kein Wasser eindringen kann. Befestige an das Ohr des Kruges einen Stein, damit er in das Wasser im Brunnen gezogen wird, und binde ihn an eine Schnur, damit du ihn wieder herausziehen kannst.

Am Weihnachtstag ziehe den Krug wieder heraus, zerschlage ihn und iss die frischen Sauerkirschen mit den Rosen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
frisch weichsell Frische Sauerkirschen - -
stingel mit all Kirschstiele - -
weichsell lawb Kirschblätter Wochenmarkt, eigener Garten -
ain rossen oder vier Eine Rose (oder vier) Gärtnerei, Bio-Laden (ungespritzt) -
chrueg 1 Krug Haushaltswarenladen -
stain 1 Stein - -
snur Schnur - -
wasser Wasser Leitung -

Welches Gericht ist das? Kein Gericht im eigentlichen Sinn, sondern eine reine Konservierungstechnik: Frische Sauerkirschen samt Stielen werden zusammen mit etwas Kirschlaub und ein bis vier Rosen in einen engen, oben mit einem Rand versehenen Krug gegeben, luftdicht verschlossen und mit einem Stein beschwert in einen Brunnen abgesenkt. Dort bleibt der Krug - an einer Schnur wiederauffindbar - bis Weihnachten, wenn er herausgezogen, zerschlagen und die Kirschen roh gegessen werden. Bemerkenswert ist das völlige Fehlen von Zucker, Honig oder Essig: Die Haltbarkeit soll allein durch Kälte und hermetischen Luftabschluss erreicht werden. Die lebendige Verwandtschaft liegt daher weniger bei einem Speiserezept als beim Prinzip der Brunnenkühlung, wie sie bis ins 20. Jahrhundert in Alpenregionen für Milch und Butter genutzt wurde - eine Vorstufe des Kühlschranks.

Der Krug und sein „Kragen“. Die Beschreibung „dar oben graglat vnd enng“ legt nahe, dass der Krug oben einen Rand oder Kragen besitzt und eng ist - eine Form, die sich mit Wachs, Lappen oder Pech leichter dicht verschließen lässt als eine weite Öffnung. „Graglat“ ist im Korpus ein Hapax legomenon und bleibt unbelegt; die Lesart „mit Kragen versehen“ stützt sich auf die bairische Wortfamilie „Kragen“, nicht auf einen externen Beleg.

Kälte statt Zucker. Das Wasser im Brunnen dient nur als Temperaturpuffer, nicht als Kontaktflüssigkeit - der dichte Verschluss trennt Frucht und Wasser strikt. Der Stein sorgt dafür, dass der leichte Tonkrug in die kühlere Zone des Brunnens untertaucht, die Schnur macht ihn wieder auffindbar, ohne den Brunnen zu leeren. Realistisch betrachtet ist das Versprechen des Rezepts optimistisch: Bei einem dicht verschlossenen, sauerstoffarmen Gefäß mit den natürlichen Hefen auf der Fruchthaut ist über fünf bis sechs Monate eine (Teil-)Fermentation deutlich wahrscheinlicher als ein Zustand, der von frisch gepflückten Früchten ununterscheidbar wäre - das Ergebnis dürfte eher einem weich gewordenen, leicht alkoholischen Kompott ähneln.

Praxis. Wer das nachvollziehen möchte, ohne einen eigenen Brunnen zu haben: Ein fest verschließbares Einmachglas mit Gummidichtung erfüllt denselben Zweck wie der luftdicht verschlossene Krug. Statt der Brunnenversenkung reicht ein kühler Keller oder der Kühlschrank (rund 4-8°C) für eine deutlich kürzere Lagerzeit von einigen Wochen - für die volle historische Zeitspanne von einem halben Jahr sollte man das Ergebnis eher als vergorenes Kompott denn als frische Frucht erwarten und entsprechend geöffnet direkt verkosten oder weiterverarbeiten.

Was ist der Zweck dieses Rezepts?

Dieses Rezept ist eine Methode zur Langzeitkonservierung von frischen Sauerkirschen. Durch die Lagerung in einem kühlen Brunnen sollten die Früchte bis zum Weihnachtstag frisch bleiben. In der Praxis dürfte das Ergebnis nach fünf bis sechs Monaten ungezuckerter Lagerung eher einem weich gewordenen, leicht vergorenen Kompott als tatsächlich frischen Kirschen geähnelt haben - das Rezept selbst spricht diese Grenze nicht an.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein - Dieses Rezept ist keine Kochanleitung, sondern eine Methode zur Langzeitkonservierung von Früchten über mehrere Monate in einem Brunnen. Es erfordert eine dauerhafte, kühle Lagerung und ist daher nicht für die Zubereitung oder den Verzehr im Rahmen eines Mittelaltermarkt-Lagers geeignet.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, verfasst im bairisch-österreichischen Dialekt, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee.

Was bedeuten 'graglat' und 'czer slach den' im Rezept?

'Graglat' bezieht sich auf den Krug und bedeutet 'mit einem Kragen oder Rand versehen', was auf eine spezielle Form des Krugs oder dessen Verschluss hindeutet. 'Czer slach den' ist die Anweisung, den Krug am Ende der Lagerzeit zu 'zerschlagen', um an die konservierten Kirschen zu gelangen.

ITem mer von weichsellen So nym frisch weichsell die gar frisch sein vnd thue Sy ineinen chrueg dar oben graglat vnd enng sey mit stingel mit all vnd ye ein wenig weichsell lawb dar czw ain rossen oder vier thw auch dar czw vnd vermach Den chrueg gar woll das auch kain wasser dar ein gee vnd mach an das or des + chruegs ein stain das er In In das wasser cziech in den prunn vnd pindt In an ein snur da mit dw In her wider auß mugst cziechen an dem weinnacht tag so czwech den chrueg her wider ausß vnd czer slach den vnd frisch weichsell czw essenn vnd leg die rosen dar czw etc.
weichsellen

Sauerkirschen (Prunus cerasus).

chrueg

Ein Krug, ein Gefäß aus Ton oder Keramik.

stingel

Die Stiele der Kirschen.

lawb

Blätter, hier von den Kirschbäumen.

rossen

Rosen(-blüten). Über die CoReMA-Objektseite der Nachbarseite gr1.180 als „Rose“ (Wikidata Q34687) bestätigt, trotz lexikalischer Nähe zu „ros“ (Pferd).

stain

Ein Stein, der als Gewicht dient, um den Krug unter Wasser zu halten.

snur

Eine Schnur, um den Krug in den Brunnen herabzulassen und wieder heraufzuziehen.

or

Das Ohr (Griff/Henkelöse) des Kruges, an dem Stein und Schnur befestigt werden.

prunn

Brunnen (Gewässer/Wasserstelle) - nicht zu verwechseln mit dem Homograph „Brünn“ als Stadtname.

graglat

Hapax im Korpus (nur hier belegt); vermutlich „mit einem Kragen/Rand versehen“, gestützt auf die bairische Wortfamilie „Kragen“ (Lexer/Grimm/Idiotikon) - kein externer Beleg.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 061r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgraglat

Gewählte Lesart: ‚mit einem Kragen/Rand versehen‘. Dies beschreibt die obere Öffnung des Kruges und ist konsistent mit der Notwendigkeit, ihn dicht zu verschließen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚gekrümmt/gebogen‘. Dies wäre eine Beschreibung der Form, aber weniger relevant für den Verschluss. - Die Lautung könnte auf ‚kragen‘ (Kragen, Rand) oder ‚krümmen‘ (biegen) hindeuten. Der Kontext des Verschlusses macht ‚Kragen/Rand‘ plausibler.

Lesartv? enng sey

Gewählte Lesart: ‚und eng sei‘. Das ‚v?‘ wird als ‚vnd‘ (und) gelesen, und ‚enng sey‘ beschreibt die gewünschte Dichtheit der Krugöffnung.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚verenge es‘. Hier würde ‚v?‘ als Präfix ‚ver-‘ gelesen, was eine aktive Handlung des Verengens bedeuten würde. - Die hyperdiplomatische Transkription ‚v?‘ lässt Raum für Interpretation. ‚Und eng sei‘ ist eine deskriptive Ergänzung zur Krugform, während ‚verenge es‘ eine redundante Anweisung wäre, da das Verschließen später explizit genannt wird.

Lesartczer slach den

Gewählte Lesart: ‚zerschlag den‘ (den Krug). Dies ist eine direkte Anweisung, den Krug zu zerbrechen, um an die konservierten Kirschen zu gelangen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚zerlege den‘. Obwohl ‚zerlegen‘ auch ‚auseinandernehmen‘ bedeuten kann, ist ‚zerschlagen‘ für einen Keramikkrug die passendere und direktere Handlung. - ‚Czer slach‘ ist eine klare Form von ‚zerschlagen‘. Das Zerbrechen des Kruges ist der logische Weg, um die Früchte nach monatelanger Lagerung zu entnehmen.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 061r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Dieses Rezept ist keine Kochanleitung, sondern eine Methode zur Langzeitkonservierung von Früchten über mehrere Monate in einem Brunnen. Es erfordert eine dauerhafte, kühle Lagerung und ist daher nicht für die Zubereitung oder den Verzehr im Rahmen eines Mittelaltermarkt-Lagers geeignet.
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