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Eigelbmus mit Wein und Honig

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 6/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit20 Min.Portionen2-4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du ein Mus aus Eidotter zubereiten möchtest, dann nimm dazu welschen Wein und eine kleine Semmel (geriebenes Weißbrot) darunter. Streiche es miteinander durch ein Tuch. Gib Zucker hinzu. Hast du keinen Zucker, so nimm stattdessen Honig.

Gib es in ein kleines Häfchen und setze es auf ein Kohlenbecken. Rühre es fortwährend. Sobald es dick wird, nimm es herunter und versalze es nicht.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
air tutter Eidotter Supermarkt -
walisch wein welscher Wein Supermarkt -
winczige semel eine kleine Semmel Supermarkt -
czuckerr Zucker Supermarkt Honig

Welches Gericht ist das? Eine warme, süße Weincreme aus Eidotter - ein früher Verwandter des italienischen Zabaglione und des französischen Sabayon: Eigelb, Wein und Zucker werden über sanfter Hitze cremig-dick gerührt. Gebunden wird hier nicht mit Mehl, sondern mit ein wenig geriebenem Weißbrot, was die Speise in die Familie der mittelalterlichen Muse einreiht. Auch dem englischen Caudle und Posset - warmen, weingebundenen Eierspeisen für Genesende - ist das Gericht nah verwandt.

Warum welscher Wein? Der welsche (südländisch-romanische, meist italienische) Importwein bringt Volumen und eine feine Säure, die die Creme frisch hält. Ein kräftiger, etwas süßerer Weißwein trifft den Charakter am besten. Die kleine Semmel ist bewusst knapp gehalten: Das eigentliche Bindemittel sind die Dotter, das Brot gibt nur Körper und puffert das Gerinnen ab, weil die Stärke aus dem Brot die Gerinnungsschwelle der Dotter leicht anhebt.

Was ist das Kohlenbecken? Das kollerr ist die Glut beziehungsweise ein Kohlenbecken, auf das das kleine Häfchen zum sanften Erhitzen gestellt wird - keine offene Flamme, sondern gebändigte, indirekte Hitze. Die Schwestertexte lösen die im Original mit einem Fragezeichen versehene Stelle eindeutig: an gleicher Stelle steht dort auf ein kol beziehungsweise auf ein glut.

Praxis. Wein und geriebene Semmel unter die Eidotter rühren und den rohen Ansatz durch ein Tuch streichen - das entfernt Hagelschnüre und Brotklümpchen, damit eine glatte Creme entsteht. Faustregel fürs Lager, weil das Rezept keine Mengen nennt: pro 100 ml Wein etwa drei bis vier Dotter, sonst bindet es nicht und bleibt Suppe. Zucker (ersatzweise Honig, der etwas mehr Eigengeschmack und Flüssigkeit mitbringt) einrühren. Dann das kleine Häfchen an den Rand der Glut stellen - nicht in die Flamme - und fortwährend rühren. Die Dotter binden bei etwa 65-70 Grad; sobald die Masse sichtbar andickt, sofort herunternehmen. Das Zeitfenster zwischen sämig und Rührei ist schmal, weil es ohne Wasserbad direkt über der Glut gart - das erste Häfchen kann kippen, also lieber zu früh als zu spät abheben. Eine Prise Salz rundet ab, mehr nicht. Frisch und warm essen: Die fertige Creme ist wie jede Eier-Legierung nicht lagerfähig und bei Sommerhitze am Markt binnen Stunden verderblich.

Was bedeutet 'kollerr' im Rezept?

Das Wort 'kollerr' bezieht sich auf ein Kohlenbecken oder ein Glutbett. Das kleine Häfchen mit dem Eidottermus wird daraufgesetzt, um es sanft und gleichmäßig zu erhitzen, ohne dass es anbrennt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Grundsätzlich ja - die Zutaten sind einfach zu beschaffen und zu transportieren, und die Zubereitung in einem kleinen Topf über dem Feuer oder auf einem Kohlenbecken geht schnell. Es ist aber eine Eidotter-Creme, die man nicht vorkochen und nicht lagern kann: Sie wird direkt auf der Glut ohne Wasserbad gebunden, das verlangt etwas Übung, und das Zeitfenster zwischen sämig und Rührei ist schmal. Am Markt daher am besten portionsweise frisch anrühren und sofort warm servieren.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen Sammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.

Warum die Warnung 'versalze es nicht' in einem süßen Gericht?

Im Mittelalter war es üblich, auch süße Speisen mit einer Prise Salz zu würzen, um den Geschmack zu intensivieren und auszubalancieren. Die Warnung 'versalze es nicht' ist ein allgemeiner Hinweis, es mit dem Salz nicht zu übertreiben, da zu viel den süßen Charakter des Gerichts zerstören würde.

ITem wil dw ein gmuß von air tutter machen so nymb dar czw walisch wein vnd ein winczige semel dar vntter vnd streich es durch ein tuech mit ein ander vnd thue dar ein czuckerr hast dw des czucker nicht so nym ein honig an dy stat vnd thue es in ein chlains heffen vnd secz auff ein kollerr vnd ruer es furstar vnd paldt es dick wird so heb es her ab vnd versalcz nicht
tutter

Bairische Dialektform für Eidotter (mhd. toter/doder). Eine belegte Lesefalle - nicht ‚Hälfte'; die Lesart ist im Korpus cross-source gesichert.

semel

Hier ist geriebenes Weißbrot zur Bindung gemeint, nicht Mehl. Mehlbindung war in dieser Zeit unüblich.

walisch wein

Welscher Wein, also importierter Wein aus romanischem (meist italienischem) Anbaugebiet. walisch/welsch bezeichnete im Spätmittelalter allgemein das Romanisch-Fremde (vgl. walisch nuss = Walnuss in mon-036). Der Zwillingstext m5919-014 schreibt an dieser Stelle ausdrücklich welhisch wein. Gemeint ist ein südländischer Importwein, nicht die moderne Rebsorte gleichen Namens.

chlains heffen

Ein kleines Töpfchen oder Kochgefäß (zu mhd. haven = Kochtopf).

kollerr

Kohlenglut beziehungsweise ein kleines Kohlenbecken, auf das das Häfchen zum sanften Erhitzen gestellt wird. Die Lesart ist durch den Korpus gesichert: An gleicher Stelle schreiben die Schwestertexte kol/Kohle (m5919-014) beziehungsweise glut (ri15632-027), die Mondseer Doublette mon-003 hat choller. Wortverwandt mit mhd. kol = Kohle; kein Bezug zum gleichlautenden koller = Halsbekleidung.

furstar

Bedeutet ‚fortwährend' oder ‚weiter', also ‚rühre es fortwährend'.

versalcz nicht

Formelhafte Schlussfloskel der Gattung. Auch süße Musspeisen wurden mit einer Prise Salz abgerundet; die Warnung mahnt, es damit nicht zu übertreiben.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 019r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartkollerr

Gewählte Lesart: Wir interpretieren 'kollerr' als 'Kohlenbecken' oder 'Glutbett', eine flache Schale mit glühenden Kohlen zum sanften Erhitzen.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine andere Lesart könnte 'Kessel' oder 'Topf' sein. - Die Formulierung 'secz auff ein kollerr' (setze auf ein kollerr) legt jedoch eher eine Heizquelle nahe, auf die ein Gefäß gestellt wird, als das Gefäß selbst - das Gefäß ist bereits das 'chlains heffen'. Die Schwestertexte bestätigen dies: m5919-014 hat 'auf ein kol', ri15632-027 'auff ein glut'.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 019r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am Feuer oder Kohlenbecken in etwa 15-20 Minuten fertig, die Zutaten sind einfach und gut zu transportieren. Wichtig: Die fertige Eidotter-Creme muss frisch und warm serviert werden - sie lässt sich nicht vorproduzieren und ist nicht haltbar, bei Sommerhitze binnen weniger Stunden verderblich. Fürs Lager heißt das: portionsweise auf Zuruf frisch anrühren, keine Vorratshaltung.
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