Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wenn du ein Mus aus Eidotter zubereiten möchtest, dann nimm dazu welschen Wein und eine kleine Semmel (geriebenes Weißbrot) darunter. Streiche es miteinander durch ein Tuch. Gib Zucker hinzu. Hast du keinen Zucker, so nimm stattdessen Honig.
Gib es in ein kleines Häfchen und setze es auf ein Kohlenbecken. Rühre es fortwährend. Sobald es dick wird, nimm es herunter und versalze es nicht.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| air tutter | Eidotter | Supermarkt | - |
| walisch wein | welscher Wein | Supermarkt | - |
| winczige semel | eine kleine Semmel | Supermarkt | - |
| czuckerr | Zucker | Supermarkt | Honig |
Welches Gericht ist das? Eine warme, süße Weincreme aus Eidotter - ein früher Verwandter des italienischen Zabaglione und des französischen Sabayon: Eigelb, Wein und Zucker werden über sanfter Hitze cremig-dick gerührt. Gebunden wird hier nicht mit Mehl, sondern mit ein wenig geriebenem Weißbrot, was die Speise in die Familie der mittelalterlichen Muse einreiht. Auch dem englischen Caudle und Posset - warmen, weingebundenen Eierspeisen für Genesende - ist das Gericht nah verwandt.
Warum welscher Wein? Der welsche (südländisch-romanische, meist italienische) Importwein bringt Volumen und eine feine Säure, die die Creme frisch hält. Ein kräftiger, etwas süßerer Weißwein trifft den Charakter am besten. Die kleine Semmel ist bewusst knapp gehalten: Das eigentliche Bindemittel sind die Dotter, das Brot gibt nur Körper und puffert das Gerinnen ab, weil die Stärke aus dem Brot die Gerinnungsschwelle der Dotter leicht anhebt.
Was ist das Kohlenbecken? Das kollerr ist die Glut beziehungsweise ein Kohlenbecken, auf das das kleine Häfchen zum sanften Erhitzen gestellt wird - keine offene Flamme, sondern gebändigte, indirekte Hitze. Die Schwestertexte lösen die im Original mit einem Fragezeichen versehene Stelle eindeutig: an gleicher Stelle steht dort auf ein kol beziehungsweise auf ein glut.
Praxis. Wein und geriebene Semmel unter die Eidotter rühren und den rohen Ansatz durch ein Tuch streichen - das entfernt Hagelschnüre und Brotklümpchen, damit eine glatte Creme entsteht. Faustregel fürs Lager, weil das Rezept keine Mengen nennt: pro 100 ml Wein etwa drei bis vier Dotter, sonst bindet es nicht und bleibt Suppe. Zucker (ersatzweise Honig, der etwas mehr Eigengeschmack und Flüssigkeit mitbringt) einrühren. Dann das kleine Häfchen an den Rand der Glut stellen - nicht in die Flamme - und fortwährend rühren. Die Dotter binden bei etwa 65-70 Grad; sobald die Masse sichtbar andickt, sofort herunternehmen. Das Zeitfenster zwischen sämig und Rührei ist schmal, weil es ohne Wasserbad direkt über der Glut gart - das erste Häfchen kann kippen, also lieber zu früh als zu spät abheben. Eine Prise Salz rundet ab, mehr nicht. Frisch und warm essen: Die fertige Creme ist wie jede Eier-Legierung nicht lagerfähig und bei Sommerhitze am Markt binnen Stunden verderblich.
Das Wort 'kollerr' bezieht sich auf ein Kohlenbecken oder ein Glutbett. Das kleine Häfchen mit dem Eidottermus wird daraufgesetzt, um es sanft und gleichmäßig zu erhitzen, ohne dass es anbrennt.
Grundsätzlich ja - die Zutaten sind einfach zu beschaffen und zu transportieren, und die Zubereitung in einem kleinen Topf über dem Feuer oder auf einem Kohlenbecken geht schnell. Es ist aber eine Eidotter-Creme, die man nicht vorkochen und nicht lagern kann: Sie wird direkt auf der Glut ohne Wasserbad gebunden, das verlangt etwas Übung, und das Zeitfenster zwischen sämig und Rührei ist schmal. Am Markt daher am besten portionsweise frisch anrühren und sofort warm servieren.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen Sammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.
Im Mittelalter war es üblich, auch süße Speisen mit einer Prise Salz zu würzen, um den Geschmack zu intensivieren und auszubalancieren. Die Warnung 'versalze es nicht' ist ein allgemeiner Hinweis, es mit dem Salz nicht zu übertreiben, da zu viel den süßen Charakter des Gerichts zerstören würde.
Bairische Dialektform für Eidotter (mhd. toter/doder). Eine belegte Lesefalle - nicht ‚Hälfte'; die Lesart ist im Korpus cross-source gesichert.
Hier ist geriebenes Weißbrot zur Bindung gemeint, nicht Mehl. Mehlbindung war in dieser Zeit unüblich.
Welscher Wein, also importierter Wein aus romanischem (meist italienischem) Anbaugebiet. walisch/welsch bezeichnete im Spätmittelalter allgemein das Romanisch-Fremde (vgl. walisch nuss = Walnuss in mon-036). Der Zwillingstext m5919-014 schreibt an dieser Stelle ausdrücklich welhisch wein. Gemeint ist ein südländischer Importwein, nicht die moderne Rebsorte gleichen Namens.
Ein kleines Töpfchen oder Kochgefäß (zu mhd. haven = Kochtopf).
Kohlenglut beziehungsweise ein kleines Kohlenbecken, auf das das Häfchen zum sanften Erhitzen gestellt wird. Die Lesart ist durch den Korpus gesichert: An gleicher Stelle schreiben die Schwestertexte kol/Kohle (m5919-014) beziehungsweise glut (ri15632-027), die Mondseer Doublette mon-003 hat choller. Wortverwandt mit mhd. kol = Kohle; kein Bezug zum gleichlautenden koller = Halsbekleidung.
Bedeutet ‚fortwährend' oder ‚weiter', also ‚rühre es fortwährend'.
Formelhafte Schlussfloskel der Gattung. Auch süße Musspeisen wurden mit einer Prise Salz abgerundet; die Warnung mahnt, es damit nicht zu übertreiben.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
kollerr
Gewählte Lesart: Wir interpretieren 'kollerr' als 'Kohlenbecken' oder 'Glutbett', eine flache Schale mit glühenden Kohlen zum sanften Erhitzen.
Andere mögliche Lesart:
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