Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du eine Sauce für Fisch zubereiten, so nimm Salbei, Zimt und Walnüsse. Reibe diese mit gutem Wein ab und passiere sie mit Essig. So wird die Sauce gut.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| saluan | Salbei | - | - | - |
| zinamey | Zimt | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| walisch nuss | Walnüsse | - | - | - |
| guetten wein | Guter Wein | - | - | - |
| esseich | Essig | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine kalte, ungekochte Würztunke - eine salse - zu Fisch: Salbei, Zimt und Walnüsse werden im Mörser zerstoßen, mit gutem Wein zu einer streichfähigen Masse abgerieben und mit Essig durch ein Sieb passiert. Sie gehört zur großen spätmittelalterlichen Familie der grünen Salsen, kalter Kräuter-Essig-Saucen zu Fisch (vgl. foc-136). Das Besondere: Statt des sonst fast überall üblichen eingeweichten Brotes bindet hier die Walnuss - eine nussgebundene Kaltsauce, die im Korpus selten ist. Heute erinnert sie unmittelbar an die ligurische salsa di noci und, über die Achse Salbei-Nuss-Fisch, an moderne kalte Kräuter-Nuss-Saucen.
Die Walnuss ist hier Körper und Bindemittel zugleich, nicht bloß Aroma: Ihr Öl und ihre Zellmasse geben der sonst dünnen Wein-Essig-Flüssigkeit Substanz und eine leichte Emulsion. Sie übernimmt damit die Rolle, die im übrigen Salse-Genre das Weißbrot spielt (vgl. m5919-104, das mit Wein oder Essig getempert wird). Der Essig senkt zugleich den pH-Wert und setzt einen frisch-sauren Kontrast gegen den öligen Fisch, während der Zimt die süß-warme, prestigeträchtige Note liefert.
Praxis. Salbei, Zimt und Walnüsse fein im Mörser zerstoßen, dann mit gutem Wein zu einer geschmeidigen Paste abreiben. Anschließend mit Essig durch ein Sieb oder Tuch streichen - das entfernt Walnusshäutchen und faserige Salbeistiele und ergibt eine glatte Tunke. Am offenen Lager darf man das Passieren auch weglassen und die Sauce fein gemörsert rustikaler lassen. Zwei Kippgefahren: Salbei sehr zurückhaltend dosieren, sonst wird die Sauce bitter-medizinal; Essig vorsichtig zugeben, sonst wird sie zu scharf. Eine Prise Salz gehört küchenpraktisch dazu, auch wenn der knappe Text sie nicht nennt - im Salse-Genre ist Salz oft stillschweigend vorausgesetzt. Für eine üppigere Sauce einfach mehr Walnuss nehmen. Serviert wird sie kalt als Beilagen-Tunke zu Fisch, nicht als gekochte, sämige Sauce - das ist bewusst eine rohe Frischtunke.
Ja, dieses Rezept ist ideal für die Lagerküche. Es benötigt nur wenige Zutaten und kann schnell mit einem Mörser zubereitet werden. Eine Kühlung der fertigen Sauce ist nicht zwingend erforderlich.
Im mittelalterlichen Kontext bezeichnet 'Salse' (von lateinisch 'salsa') eine würzige Tunke oder Sauce, die zu verschiedenen Speisen gereicht wird, nicht Speisesalz.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Bairische Schreibweise für Salbei (Salvia officinalis).
Eine würzige Tunke oder Sauce, nicht Speisesalz. Cross-source bestätigt durch foc-136 (Verde sawse) und m5919-104 (Ein andre salssen).
Wälsche oder welsche Nuss = Walnuss; wörtlich die romanische, italienische Nuss (belegt bei Pritzel: walisch nuss - mitthd.). Der Name spiegelt die südländische Herkunft und passt zur italienischen Verwandtschaft dieser Nuss-Sauce.
Zimt (Zimmet), ein prestigeträchtiges Fernhandelsgewürz. Die Lesart ist gegenüber der theoretisch möglichen Deutung als Zinnkraut eindeutig, da Zimt in Fischsaucen der Zeit üblich war.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| saluan | common sage Q1111359 |
| zinamey | cinnamon Q28165 |
| walisch nuss | walnut Q208021 |
| guetten wein | wine Q282 |
| esseich | vinegar Q41354 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
esseich durch
Gewählte Lesart: ‚und passiere sie mit dem Essig durch (ein Sieb)' - das Verb ist elliptisch ausgelassen; sinngemäß ‚durchtreiben' oder ‚durchseihen'.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 02.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.