Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du Latwerge aus Weintrauben zubereiten, so nimm die Weintrauben und brich sie von den Stielen. Gib sie in einen Kessel und stelle diesen auf einen Dreifuß. Lege Glut darunter und gieße nichts hinzu.
Wenn es zu sieden beginnt, lass es kalt werden. Dann streiche es durch ein Tuch und gib es wieder in den Kessel. Setze ihn erneut auf einen Dreifuß und lass es gut sieden. Würze es dann gut ab mit guten Gewürzen und gieße es wieder auf ein Brett. Lass es dort kalt werden.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| weinperen | Weintrauben | Supermarkt, Wochenmarkt | - |
| gburcz | Gewürze | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Eine Mischung aus Zimt, Nelken, Ingwer und Kardamom |
Welches Gericht ist das? Ein schnittfestes Trauben-Fruchtbrot - die Weintrauben-Schwester des Quittenbrots. Selten im Korpus: Hier werden ausdrücklich frische Weintrauben verarbeitet, nicht Rosinen - von rund 70 Rezepten mit "Weinbeeren" im Korpus sind mon-035 und sein Zwilling ri15632-043 die einzigen zwei, die das explizit machen. Das Entstielen allein wäre kein zwingender Beweis (getrocknete Rosinen wurden mittelalterlich auch als ganze, am Stiel getrocknete Dolden gehandelt), aber die Kochanweisung entscheidet es: Ohne zugesetztes Wasser "zu sieden" zu beginnen, setzt den hohen Wasseranteil frischer Trauben voraus - trockene Rosinen würden dabei verkohlen statt zu kochen. Es ist keine streichfähige Konfitüre, sondern eine wasserlos und lang eingekochte Fruchtpaste, die auf ein Brett gegossen erstarrt und sich schneiden lässt. Lebende Verwandtschaft sind das spanische membrillo (Quittenbrot), ostösterreichische und südtiroler Fruchtbrote sowie das moderne Fruchtleder.
Der pfiffigste Kniff steckt gleich am Anfang: Es wird ausdrücklich nichts angegossen. Trauben bestehen zu rund vier Fünfteln aus Wasser und ziehen über milder Glut von selbst ihren Saft - so muss man später keine zugesetzte Flüssigkeit wieder austreiben. Das Entstielen ist kein Schönheitsschritt: An den Stielen sitzen Bitter- und Gerbstoffe, die ins Mus gehen und das Passieren erschweren.
Das erste Aufkochen mit anschließendem vollständigem Erkalten ist funktional: Erst nach dem Aufkochen lösen sich Schalen und Kerne, und die kalte Maische lässt sich durch ein Tuch streichen, ohne sich die Hände zu verbrühen. Das Tuch trennt Schalen und Kerne ab und liefert reinen Saft mit Pulpe. Gebunden wird ausschließlich durch das natürliche Pektin der Trauben und durch Verdunstung beim zweiten, langen Sieden - kein Mehl, keine Schwitze.
Die Schlussanweisung stupp es dan wol ab mit guetten gburcz heißt abwürzen, nicht eindicken. Das Eindicken ist im vorausgehenden laß es wol sieden längst erledigt; stupp ist im Bairischen feines Pulver, hier also Gewürzpulver. Der nahezu wortgleiche Zwilling aus dem Rheinfränkischen Kochbuch schreibt an genau dieser Stelle wurtz ez wol ab mit gutem gewurtz. Küchenpraktisch ergibt das auch mehr Sinn: Die Gewürze kommen erst zum Schluss, damit ihr Aroma nicht über die lange Siedezeit verfliegt. Gut sind wärmende Importgewürze wie Zimt, Nelken, Ingwer.
Praxis. Frische, reife Trauben von den Stielen zupfen und ohne Wasserzusatz im Topf bei milder Hitze langsam erhitzen, bis sie aufzukochen beginnen. Vom Feuer nehmen, vollständig erkalten lassen, dann durch ein Tuch oder feines Sieb streichen, sodass Schalen und Kerne zurückbleiben. Den durchgestrichenen Saft zurück in den Topf geben und unter zunehmendem Rühren lange einkochen, bis eine dicke, pastenartige Masse entsteht (gegen Ende Anbrenngefahr - aufmerksam rühren). Erst jetzt mit den Gewürzen abschmecken, dann flach auf ein geöltes Brett oder Backpapier ausgießen. Plane mehr Zeit ein als eine knappe Stunde: Zwei Siedephasen, das vollständige Abkühlen und die lange Reduktion brauchen realistisch mehrere Stunden aktive Arbeit. Die ausgegossene Paste muss anschließend einige Tage erkalten und trocknen, bis sie schnittfest ist - der Zwilling sagt es ausdrücklich: sechs Tage erkalten lassen, dann nach Belieben schneiden.
Eine Latwerge ist eine Art dickes Mus oder eine Konfitüre, die durch langes Einkochen von Früchten, oft mit Zucker oder Honig und Gewürzen, hergestellt wird. Sie diente als Brotaufstrich, Süßigkeit oder auch als Heilmittel.
Ausdrücklich frische Weintrauben - und das ist im Korpus eine echte Seltenheit: Von rund 70 Rezepten, die "weinper"/"Weinbeeren" als Zutat nennen, ist die Standardlesart praktisch überall Rosinen (getrocknete Trauben). mon-035 gehört mit seinem Zwilling ri15632-043 zu den einzigen zwei Rezepten im ganzen Korpus, die das Gegenteil explizit machen: Die Anweisung, die Beeren "von den Stielen" (dem Traubenkamm) zu brechen, ist ein Verfahrensschritt, der nur bei frischer Traube überhaupt Sinn ergibt - Rosinen haben keine Stiele mehr. Das macht dieses Rezept zu einem der ganz wenigen Belege für die Verarbeitung frischer Trauben (statt der viel gebräuchlicheren Rosinen) in der spätmittelalterlichen Küche dieses Korpus.
Das Rezept nennt keine spezifischen Gewürze, aber typisch für eine süße Latwerge im 15. Jahrhundert wären wärmende Gewürze wie Zimt, Nelken, Ingwer, Kardamom oder Muskatblüte. Experimentiere mit einer Mischung, die dir schmeckt.
Im Topf am Feuer in etwa 60 Minuten zubereitet. Robuste Zutaten, die fertige Latwerge ist gut haltbar und braucht keine Kühlung. Ideal für die Lagerküche.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen Sammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche der Zeit wider.
Ein Dreifuß ist ein dreibeiniges Gestell, das über einer Feuerstelle platziert wird, um einen Topf oder Kessel darauf zu stellen.
Die Traubenstiele beziehungsweise Kämme (Rappen) - das Gerüst, an dem die Beeren sitzen. sy ab dem chempten brechen heißt die Beeren vom Stiel zupfen. Gemeint sind ausdrücklich frische Trauben, nicht Rosinen; der wortgleiche Zwilling schreibt ab dem kammen.
Latwerge (mittelhochdeutsch latwârje, letztlich aus lateinisch electuarium): ursprünglich eine medizinische Honigpaste der Klosterapotheke, im Spätmittelalter zur süßen, lang eingekochten und haltbar gemachten Fruchtpaste geworden - hier so fest eingekocht, dass sie schnittfest wird.
Würze es dann gut ab mit feinem Gewürzpulver. stupp ist im Bairischen Staub beziehungsweise feines Pulver und korpusweit als Gewürzpulver belegt; der nahezu wortgleiche Zwilling hat an genau dieser Stelle wurtz ez wol ab mit gutem gewurtz. Nicht eindicken - das Reduzieren steckt im vorausgehenden laß es wol sieden.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: ‚Stielen' - die Stiele, Kämme oder Rispen der Weintrauben, an denen die Beeren sitzen. Das bairische ch- steht hier für k-; der nahezu wortgleiche Zwilling ri15632-043 schreibt an derselben Stelle ‚kammen'. Die Beeren werden vom Stiel gebrochen, weil Stiele Bitter- und Gerbstoffe abgeben.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: ‚Würze es dann gut ab' - die Masse mit feinem Gewürzpulver abschmecken. stupp ist im Bairischen ‚Staub/feines Pulver' und korpusweit als Gewürzpulver belegt; der nahezu wortgleiche Zwilling ri15632-043 hat an genau dieser Verfahrensstelle ‚wurtz ez wol ab mit gutem gewurtz'. Das Eindicken ist bereits durch das vorausgehende ‚laß es wol sieden' abgedeckt, und die Gewürze kommen bewusst erst zum Schluss, damit ihr Aroma nicht verfliegt.
Andere mögliche Lesart:
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