Das Kochbuch der Maria Stenglerin (Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen)
Brühe über Huhn oder Wildbret
Moderne Übersetzung
Nimm eine Scheibe Roggenbrot und drei Semmelschnitten. Dazu ein Stück Weichsel-Dicksaft, so groß wie ein halbes Ei. Weiche alles in der Brühe vom Wildbret oder von den Hühnern ein.
Gib die eingeweichte Masse dann in ein Sieb und seihe sie durch. Fülle das Passierte in ein kleines Pfännchen, gib ein wenig Essig, Pfeffer, Zucker und Gewürznelken hinzu, von jedem ein wenig. Lass es sieden, dann ist es richtig zubereitet.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain Ruggine ſchniten brot | Scheibe Roggenbrot, geschnitten | 1 | Supermarkt | - |
| drey ſemel⸗ſchniten | Semmelschnitten | 3 | Supermarkt | Weißbrotscheiben |
| ain weixelſeltz alſo groſs, wie ain halb ayr | Weichsel-Dicksaft, so groß wie ein halbes Ei | 1 Stück | Reformhaus, Bioladen oder online (Sauerkirsch-Dicksaft oder -Konzentrat, möglichst fest) | Sauerkirsch-Konzentrat, weiter eingekocht; Konfitüre nur als Notlösung (viel Zucker), dann den Zucker im Rezept kürzen |
| die prie vom wildbret od der hoͤnner | Wildbret- oder Hühnerbrühe | - | Metzger, Supermarkt | kräftige Gemüsebrühe |
| ain wenig Eſſig | etwas Essig | - | - | - |
| pfeffer | etwas Pfeffer | - | - | - |
| zucker | etwas Zucker | - | - | - |
| negelen | etwas Gewürznelken | - | - | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Eine mit Roggenbrot und Semmelschnitten durchgesiebte, mit Weichsel-(Sauerkirsch-)Dicksaft angedickte Fleischbrühe, süß-sauer-scharf mit Essig, Pfeffer, Zucker und Nelken abgeschmeckt und über gekochtes Huhn oder Wildbret gegeben - keine eigenständige Speise, sondern eine Beigabe zum Braten. Lebende Verwandtschaft: eine fruchtig-süßsaure, brotgebundene Bratensauce, vergleichbar mit der bis heute verbreiteten Kombination von Wildbret mit Sauerkirsch- oder Preiselbeersauce.
Was der Titel wirklich sagt. Der Titel wurde bislang mit ‚Mus für Hühner oder Milchbraten‘ übersetzt - beide Kernwörter waren falsch gelesen. ‚Prile‘ ist keine eigene Speise (‚Mus‘), sondern eine Schreibvariante von ‚Brühe‘, die im Buch mehrfach für dieselbe brotgebundene Würzsauce steht (vgl. mst-040/042/046/052/055). Der Fließtext nennt fünf Zeilen weiter unten ‚wildbret od der hoͤnner‘ - dieselben zwei Fleischarten wie im Titel, nur umgestellt. Der Titel lautet daher richtig ‚Brühe über Huhn oder Wildbret‘.
Der Weichsel-Dicksaft. ‚Weixelſeltz‘ ist fest eingekochter Sauerkirschsaft (Weichselselz), so dick, dass der Text ihn nach der Größe nimmt: „so groß wie ein halbes Ei“. Das Schweizerische Idiotikon kennt solchen Selz als „gestandenen und gestockten Saft“. Er gibt der Brühe beim Durchtreiben durch das Sieb Frucht, Säure und Bindung. Selz als eingekochter Fruchtsaft ist durch Grimm, das Idiotikon und Birlingers Augsburger Wörterbuch belegt; dass es Weichsel ist, sagt das Wort „weixel“.
Praxis. Eine Scheibe Roggenbrot und drei Semmelschnitten (etwa eine Semmel in Scheiben geschnitten) mit einem halben Ei großen Stück Weichsel-Dicksaft in warmer Wildbret- oder Hühnerbrühe einweichen, bis alles weich ist. Durch ein feines Sieb oder Tuch in ein kleines Pfännchen treiben. Essig, Pfeffer, Zucker und Gewürznelken zu gleichen kleinen Anteilen zugeben und kurz aufkochen lassen, bis die Sauce eine glatte, sämige Konsistenz hat - Menge der Brühe und Siedezeit nennt der Text nicht, hier nach Augenmaß arbeiten. Über gegartes Huhn oder Wildbret geben.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mst-062/
fyndling.de/rezepte/mst-062/