Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Brühe über Huhn oder Wildbret

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm eine Scheibe Roggenbrot und drei Semmelschnitten. Dazu ein Stück Weichselsülze, so groß wie ein halbes Ei. Weiche alles in der Brühe vom Wildbret oder von den Hühnern ein.

Gib die eingeweichte Masse dann in ein Sieb und seihe sie durch. Fülle das Passierte in ein kleines Pfännchen, gib ein wenig Essig, Pfeffer, Zucker und Gewürznelken hinzu, von jedem ein wenig. Lass es sieden, dann ist es richtig zubereitet.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain Ruggine ſchniten brot Scheibe Roggenbrot, geschnitten 1 Supermarkt -
drey ſemel⸗ſchniten Semmelschnitten 3 Supermarkt Weißbrotscheiben
ain weixelſeltz alſo groſs, wie ain halb ayr Weichselsülze, so groß wie ein halbes Ei 1 Stück gut sortierter Supermarkt, Reformhaus Sauerkirschmus oder -gelee
die prie vom wildbret od der hoͤnner Wildbret- oder Hühnerbrühe - Metzger, Supermarkt kräftige Gemüsebrühe
ain wenig Eſſig etwas Essig - - -
pfeffer etwas Pfeffer - - -
zucker etwas Zucker - - -
negelen etwas Gewürznelken - - -

Welches Gericht ist das? Eine mit Roggenbrot und Semmelschnitten durchgesiebte, mit Weichsel-(Sauerkirsch-)Sülze angedickte Fleischbrühe, süß-sauer-scharf mit Essig, Pfeffer, Zucker und Nelken abgeschmeckt und über gekochtes Huhn oder Wildbret gegeben - keine eigenständige Speise, sondern eine Beigabe zum Braten. Lebende Verwandtschaft: eine fruchtig-süßsaure, brotgebundene Bratensauce, vergleichbar mit der bis heute verbreiteten Kombination von Wildbret mit Sauerkirsch- oder Preiselbeersauce.

Was der Titel wirklich sagt. Der Titel wurde bislang mit ‚Mus für Hühner oder Milchbraten‘ übersetzt - beide Kernwörter waren falsch gelesen. ‚Prile‘ ist keine eigene Speise (‚Mus‘), sondern eine Schreibvariante von ‚Brühe‘, die im Buch mehrfach für dieselbe brotgebundene Würzsauce steht (vgl. mst-040/042/046/052/055). Der Fließtext nennt fünf Zeilen weiter unten ‚wildbret od der hoͤnner‘ - dieselben zwei Fleischarten wie im Titel, nur umgestellt. Der Titel lautet daher richtig ‚Brühe über Huhn oder Wildbret‘.

Die Weichselsülze. ‚Weixelſeltz‘ ist vermutlich eine feste, eingekochte Sauerkirsch-Sülze, die der Brühe beim Durchtreiben durch das Sieb Süße, Säure und Bindung zugleich gibt. Die Lesart stützt sich auf dieselbe Wortbildung in einem anderen Buch desselben Korpus (Kochbuch der Sabina Welserin: ‚weixel‘ = Sauerkirsche, ‚seltz‘ konsequent als Fruchtsülze gelesen) und ist plausibel, aber nicht aus diesem Buch selbst belegbar.

Praxis. Eine Scheibe Roggenbrot und drei Semmelschnitten (etwa eine Semmel in Scheiben geschnitten) mit einem halben Ei großen Stück Weichselsülze in warmer Wildbret- oder Hühnerbrühe einweichen, bis alles weich ist. Durch ein feines Sieb oder Tuch in ein kleines Pfännchen treiben. Essig, Pfeffer, Zucker und Gewürznelken zu gleichen kleinen Anteilen zugeben und kurz aufkochen lassen, bis die Sauce eine glatte, sämige Konsistenz hat - Menge der Brühe und Siedezeit nennt der Text nicht, hier nach Augenmaß arbeiten. Über gegartes Huhn oder Wildbret geben.

Was ist ‚Weichselsülze‘ und woher bekomme ich sie?

‚Weichsel‘ ist der historische Name für Sauerkirsche. ‚Weichselsülze‘ ist demnach eine Art eingekochtes Sauerkirschmus oder -gelee, das hier als feste Zutat dient. Du findest sie in gut sortierten Supermärkten oder Reformhäusern, oft als Fruchtaufstrich oder Konfitüre. Alternativ eignet sich auch ein festes Sauerkirschmus oder -gelee.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, Goldstandard. Die Zubereitung ist schnell und unkompliziert. Die meisten Zutaten sind trocken lagerbar, und die Brühe kann von einem bereits zubereiteten Braten stammen oder vorbereitet mitgebracht werden.

Was bedeutet ‚prile‘ im Rezepttitel?

‚Prile‘ ist eine Schreibvariante von ‚Brühe‘ - im Buch mehrfach unter wechselnden Schreibungen (Brie, Bruͤe, prie, prile, prue) als Name derselben brotgebundenen Würzsauce belegt, die über verschiedenes Fleisch und Fisch gegeben wird. Kein seltener oder unsicherer Begriff, sondern eine feste, im Haus wiederverwendete Bezeichnung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain prile vber hönner oder Wilbredt. Item nim ain Ruggine ſchniten brot, vnnd drey ſemel⸗ ſchniten, vnnd ain weixelſeltz alſo groſs, wie ain halb ayr, waichs in die prie vom wildbret od der hoͤnner, vnnd thus dann inn ain ſeichlin, treibs durch, thu es in ain pfendlin, thu ain wenig Eſſig daran, vnd pfeffer, zucker, vnd negelen, yedes ain wennig laſs ſieden, alſo dann iſt es gerecht.
Ruggine ſchniten brot

Roggenbrot, hier als Bindemittel verwendet.

ſemel⸗ſchniten

Scheiben von Semmelgebäck, also Weißbrot oder Brötchen - keine ganzen Semmeln. Der Korpus-Beleg std-056 ('vier ſchnite von ainer ſemel') gibt die Ratio vor: eine Semmel liefert etwa drei bis vier Schnitten, drei Semmelschnitten entsprechen also ungefähr einer Semmel in Scheiben geschnitten.

negelen

Gewürznelken, auch als ‚Nägelein‘ bekannt.

prile / prie

Nicht Mus, sondern Brühe/Sauce (vgl. Lexer: brî, brîe = Brei/Brühe). Im Buch mehrfach als Name derselben brotgebundenen Würzsauce über wechselnde Fleisch- und Fischgerichte belegt, u. a. in mst-040/042/046/052/055 - der eigene Fließtext dieses Rezepts übersetzt dasselbe Wort in ‚die prie vom wildbret‘ bereits korrekt als ‚Brühe‘.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Fleisch, Fisch und Saucen
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

drey ſemel⸗ſchnitenwhite bread Q1501889
ain wenig Eſſigvinegar Q41354
pfefferpepper Q3143131
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
negelenclove Q15622897

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartweixelſeltz

Gewählte Lesart: Als ‚Weichselsülze‘ (Sauerkirsch-Sülze bzw. eingekochtes Sauerkirschmus) gelesen, hier in fester Form (‚so groß wie ein halbes Ei‘). ‚Weichsel‘ = Sauerkirsche, ‚seltz‘/‚sülze‘ = eingekochte, gallertartige Fruchtmasse.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine andere Fruchtzubereitung oder ein Gewürz. - Bleibt theoretisch offen, ist aber schwach gestützt: ‚weixel‘ ist im Buch der Sabina Welserin unabhängig als Sauerkirsche belegt (saw-046: ‚Weixelmusß‘), und ‚seltz‘ wird dort für dieselbe Konstruktion (‚kers‘+‚seltz‘ = Kirschmus/Kirsch-Sülze, saw-005/007) korpusintern konsequent als eingekochte Fruchtsülze gelesen. Die Zusammensetzung ‚weixel‘+‚seltz‘ in mst-062 ist strukturell identisch - eine andere Lesart ist möglich, aber nicht naheliegend.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 020, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Im Topf am Feuer in 20 Minuten fertig. Die Zutaten sind robust und die Brühe kann vom bereits gebratenen Fleisch verwendet werden.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch der Maria Stenglerin Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 15.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.