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Johannisbeersaft und andere Fruchtsäfte fermentieren

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

RezeptKellerhandwerkEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit15 Min.PortionenVorratBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm mageren Apfelsaft, Johannisbeersaft und Weichselsaft und bereite sie ebenso zu: Presse die Beeren aus und fülle den Saft in eine Zinnflasche. Gib auf ein Pfund Zucker die sechsfache Menge Saft. Stelle die Flasche in die Sonne und rühre oft um. Wenn der Saft vollständig vergoren ist, stelle ihn an einen kühlen Ort.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
zucker Zucker 500 g - -
marger oͤpffel ſafft Magerer Apfelsaft - - -
Fiſchpersperlin ſafft Johannisbeersaft - Wochenmarkt, Gartencenter (Juli/August) Schwächer belegt: Mehlbeeren
weixel ſafft Weichselsaft - - -
beer Beeren - Wochenmarkt, Garten -
zintene fleſchen Zinnflaschen - - Glasflaschen

Welches Gericht ist das? Kein einzelnes Gericht, sondern eine Konservierungstechnik für Fruchtsäfte: Apfel-, Weichsel- und ein drittes, unsicher benanntes Beerensaft werden im Verhältnis von etwa sechs Teilen Saft auf ein Pfund Zucker angesetzt, in der Sonne durch die Wildhefe der Fruchthaut vergoren und anschließend kühl gelagert. Die lebende Entsprechung ist ein kalt angesetzter, wild vergorener Fruchtsirup oder -most, wie er in der Sonnensirup-Tradition und bei selbst angesetzten Fruchtweinen noch heute vorkommt - ein Gärprodukt, kein Kochprodukt.

Das Mengenverhältnis. Der Text nennt nur die Zahl sechs, ohne ein Bezugswort - "sechs Teile" ist eine plausible, aber nicht wörtlich belegte Ergänzung. Praktisch bedeutet das: auf ein Pfund Zucker kommt etwa die sechsfache Menge Saft.

Die Gärdauer. Eine feste Frist nennt das Rezept nicht - nur, dass der Saft in der Sonne bleibt, bis er "gar vergoren" ist. In der Praxis heißt das: abwarten, bis keine Bläschen mehr aufsteigen und sich die Oberfläche beruhigt hat - je nach Wärme und Frucht kann das einige Tage bis mehrere Wochen dauern.

Praxis. Presse reife Äpfel, Weichseln (Sauerkirschen) oder rote Johannisbeeren einzeln oder gemischt aus und fülle den ungefilterten Saft in ein verschließbares Glasgefäß. Gib auf sechs Teile Saft ein Pfund Zucker hinzu, stelle das Gefäß an einen sonnigen, warmen Ort und rühre täglich um, damit sich keine Schimmelhaut bildet. Sobald die Gärung sichtbar nachlässt, stelle den Saft kühl - er hält sich als leicht alkoholischer, gezuckerter Fruchtmost.

Was ist 'Fischpersperlin'?

Sehr wahrscheinlich Johannisbeere. Der Wortstamm '-(p)ersperl-' ist über sechs Belege hinweg (Augsburgisch, Pritzel, Fischer, sowie die Korpuszwillinge wo10-027/057/059) durchgehend als 'Eis-/Eys-persperl-' bezeugt - Fischer zitiert sogar eine fast wortgleiche Kochbuchstelle ('Hüener in weisen Eysperbeerlin einzumachen'). Unser 'Fisch-' ist darin der einzige Ausreißer und am ehesten eine Verschreibung oder Volksetymologie aus dem unvertrauten 'Eis-' - über die drei Jahrhunderte zwischen Original (1554) und Neudruck (1886) keine Seltenheit. Dazu passt: Johannisbeeren sind saftreich und damit fürs Pressen geeignet, wie es der Text verlangt ('die beer trucks auſs'). Eine schwächere Nebenspur über 'Fischbeere' (alter Name der Mehlbeere) passt schlechter, da Mehlbeeren kaum Saft geben.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein - Dieses Rezept beschreibt die Herstellung von fermentierten Fruchtsäften zur Vorratshaltung, die über Tage bis Wochen gären müssen und anschließend kühl gelagert werden. Nicht für die Zubereitung im Lager geeignet.

Was bedeutet 'sechs' im Mengenverhältnis?

Wahrscheinlich sechs Teile Saft auf ein Pfund Zucker, auch wenn der Text selbst kein Bezugswort für 'sechs' nennt - denkbar wäre auch ein zeitgenössisches Hohlmaß statt 'Teile'. Es ist in jedem Fall eine Mengenangabe für die Konservierung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Item marger oͤpffel ſafft, Fiſchpersperlin ſafft, weixel ſafft mach auch alſo nimb die beer trucks auſs, vnd thus in ain zintene fleſchen thu an ſechſs ain pfund zucker, ſetz an die ſonne riers offt vmb, vnd wanns gar vergeren hat, ſo ſetz in die keltin.
marger oͤpffel ſafft

‚Magerer Apfelsaft‘ bezieht sich wahrscheinlich auf einen klaren, weniger süßen oder dünnflüssigen Apfelsaft, möglicherweise aus unreifen Äpfeln.

weixel

Die Weichsel ist eine alte Bezeichnung für die Sauerkirsche.

zintene fleſchen

Flaschen aus Zinn oder Zinnlegierungen wurden zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten verwendet.

vergeren

Vergären, fermentieren. Ein natürlicher Prozess, der durch die Zugabe von Zucker und Wärme (Sonne) beschleunigt wird.

keltin

Kälte, ein kühler Ort zur Lagerung.

Fiſchpersperlin

Wahrscheinlich Verschreibung/Volksetymologie aus 'Eisperberlin' (Johannisbeere) - der Wortstamm ist sonst durchgehend mit 'Eis-/Eys-' bezeugt (Augsburgisch, Pritzel, Fischer, zwei Korpuszwillinge), nie mit 'Fisch-'. Eine schwächere Nebenspur über 'Fischbeere' (alter Name der Mehlbeere, Sorbus) passt schlechter zum Presskontext des Rezepts.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

zuckerunrefined cane sugar Q57656231

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartFiſchpersperlin

Gewählte Lesart: Johannisbeere (Ribes rubrum). Der Wortstamm '-(p)ersperl-' ist über sechs unabhängige Belege (Augsburgisch: 'eisperbere'; Pritzel: 'eisperbeer' für Oberschwaben; Fischer: 'Eisper-ber', mit einer Kochbuch-Zitatstelle fast wortgleich zu diesem Rezept; sowie die Korpuszwillinge wo10-027/057/059) durchgehend als 'Eis-/Eys-persperl-' bezeugt. 'Fisch-' ist darin der einzige Ausreißer - am ehesten eine Verschreibung/Volksetymologie aus dem unvertrauten 'Eis-' zum vertrauten 'Fisch-', plausibel über die drei Jahrhunderte zwischen Original (1554) und Neudruck (1886). Zusätzlich spricht der Presskontext des Rezepts (saftreiche Beere nötig) für Johannisbeere.

Andere mögliche Lesarten:

  • Johannisbeere (eventuell auch Ebereschenbeere) - Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch führt 'eisperbere' als Johannisbeere (Ribes rubrum), Pritzel belegt 'eisperbeer' für Oberschwaben (Nachbardialekt zu Augsburg). Im Korpus tragen wo10-027 ('Eyspersperlen', dort als Ebereschenbeeren gelesen) und wo10-059/wo10-057 ('Eysperborlen'/'Eysperssberlen', dort als weiße Johannisbeeren gelesen) denselben Wortstamm '-(p)ersperl-/-sperber-'. Zusätzliches Argument für Johannisbeere in diesem Rezept: Der Text presst die Beeren ausdrücklich zu Saft ('die beer trucks auſs') - Johannisbeeren sind dafür geeignet saftreich, was für diese Lesart spricht. Keiner der Korpus-Belege ist selbst ein Fruchtsaft-Rezept - die Übertragung bleibt eine Hypothese, keine bestätigte Lesart.
  • Mehlbeere (über 'Fischbeere' als älteren Namen) - Adelung/Campe belegen 'Fischbeere' als älteren Namen der Mehlbeere (Sorbus aria u.a.). Gegen diese Lesart spricht der Presskontext: Mehlbeeren sind mehlig-trocken und für Fruchtsaft praktisch ungeeignet, während im Rezept ausdrücklich Saft gepresst wird. Ein möglicher Anschluss von '-sperlin' an 'Spierling' (Sorbus domestica, verwandt mit Mehlbeere) ist nur über ein Krünitz-Lemma 'Sperling (Baum=)' angedeutet, dessen Artikeltext sich nicht abrufen ließ - unbestätigt.

Lesartan ſechſs

Gewählte Lesart: Mengenverhältnis - der Text nennt kein Bezugswort zu 'sechs' (kein 'Teile', kein 'Maß').

Andere mögliche Lesart:

  • sechs Maß Saft auf ein Pfund Zucker - Ein thematisch verwandtes Rezept mit derselben Grundzutat (Weichsel) und ähnlichem Sonnenansatz verwendet ausdrücklich 'ain maß safft' als Bezugsgröße - legt nahe, dass auch hier ein zeitgenössisches Hohlmaß statt 'Teile' gemeint sein könnte, ist aber nicht direkt belegt.

Lesartwanns gar vergeren hat

Gewählte Lesart: Keine feste Frist genannt - gemeint ist vermutlich: bis die Gärung sich erkennbar beruhigt hat (keine Bläschenbildung mehr, ruhige Oberfläche).

Andere mögliche Lesart:

  • Orientierung an Kalenderfristen wie Bartholomäus (24. August) oder Michaelis (29. September) - Ein thematisch verwandtes Rezept mit derselben Grundzutat (Weichsel) und verwandtem Sonnenansatz nennt solche Fristen - nicht direkt auf dieses Rezept übertragbar, da dort ein anderer Zielzustand (Eindicken statt Gärung) beschrieben wird, aber als grobe Zeitorientierung brauchbar.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 038, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nein - Dieses Rezept beschreibt die Herstellung von fermentierten Fruchtsäften zur Vorratshaltung, die über Tage bis Wochen gären müssen und anschließend kühl gelagert werden. Nicht für die Zubereitung im Lager geeignet.
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Stand dieser Fassung: 18.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.