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Getränk gegen den Stich

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit5 Min.Portionen1 PersonBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Gegen den Stich.

Nimm ein Stück Ysop-Zucker, so groß wie eine Walnuss, und ein wenig Safran. Löse es in Mariendistelwasser auf (Konjektur, der Druck liest wörtlich 'Sechdistelwasser'), sodass es trinkbar wird. Wenn der Stich befällt, gib es ihm zu trinken.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain yſpen zucker Ysop-Zucker, so groß wie eine Walnuss - Reformhaus, Online-Apotheke Zucker mit Ysop-Extrakt
ain wenig ſaffren ein wenig Safran - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
ſechdiſtel waſſer Mariendistelwasser (Konjektur für 'Sechdistelwasser') - Apotheke, Reformhaus, Kräuterhandel -

Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern ein Hausmittel: Ysop-Zucker und eine Prise Safran werden in einem mit einer distelartigen Pflanze angesetzten Wasser aufgelöst und bei akutem Seitenstechen zu trinken gegeben. Im Buch reiht sich das Getränk neben andere angesetzte Kräuterwässer wie Rosen- oder Melissenwasser ein - hier dient das Kräuterwasser als Trägerstoff für ein Heilgetränk, nicht als eigenständiges Erzeugnis.

Das "Sechdistelwasser" bleibt in seiner genauen Pflanzenherkunft offen: gesichert ist nur, dass eine distelartige Pflanze angesetzt wurde, die botanische Art lässt sich aus dem Wortlaut allein nicht sicher bestimmen.

Praxis. Ysopzucker (ersatzweise Zucker mit ein paar Tropfen Ysopsirup, wallnussgroß, das sind grob 20-30 g) zusammen mit einer kleinen Prise Safran in einem kräuterig angesetzten Wasser auflösen - mangels gesicherter Pflanzenidentität eignet sich ersatzweise ein starker Ysop-Aufguss als Basis. Kein Erhitzen nötig; bei Bedarf, also beim Auftreten des Stechens, sofort trinken.

Was ist ein 'Stich', gegen den dieses Rezept helfen soll?

Im mittelalterlichen Kontext bezeichnet 'Stich' einen plötzlichen, stechenden Schmerz, der verschiedene Ursachen haben konnte, ähnlich wie heute Seitenstechen oder ein stechender Schmerz in der Brust. Es war ein allgemeiner Begriff für akute, scharfe Beschwerden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dies ist ein medizinisches Rezept und kein Lebensmittel. Es ist nicht für die Zubereitung oder den Verzehr im Rahmen einer Lagerküche gedacht.

Was ist 'Sechdistelwasser', und warum steht hier eine Konjektur?

Der Neudruck von 1886 liest eindeutig 'ſechdiſtel' - dafür gibt es aber in keiner Quelle einen unabhängigen Beleg als Pflanzenname. Sehr wahrscheinlich ist eine Verschreibung für 'Fechdistelwasser' gemeint: Mariendistelwasser, mehrfach als Heilmittel speziell gegen Stechen/Seitenstechen bezeugt. Da die zugrundeliegende Handschrift verschollen ist, lässt sich nicht mehr klären, ob der Fehler schon dort stand oder erst beim Druck 1886 entstand - die Lesart bleibt deshalb eine begründete Konjektur, keine gesicherte Tatsache.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Für den stechen. Item nimb ain yſpen zucker, ſo gtoſs wie ain welſchen nuſs, vnd ain wenig ſaffren, machs mit ſechdiſtel waſſer an das man es moͤge trincken, vnd wan ain der ſtech ankompt ſo gibs ime zu drincken.
stechen

Ein plötzlicher, stechender Schmerz, oft im Brust- oder Seitenbereich, vergleichbar mit modernem Seitenstechen oder Herzstechen.

yſpen zucker

Ysop-Zucker: "yſpen" ist eine belegte Schreibvariante von Ysop (Hyssopus officinalis), die auch in anderen Rezepten des Korpus in ähnlicher Form auftaucht. Ysopzucker galt als Heilkonfekt gegen Brust- und Seitenstechen.

welschen nuſs

Walnuss.

ſechdiſtel waſſer

Wörtlich 'Sechdistelwasser' - dafür findet sich in keiner Quelle ein unabhängiger Beleg als Pflanzenname. Sehr wahrscheinlich eine Verschreibung für 'Fechdistelwasser' (f/ſ sind im Druckbild leicht zu verwechseln): 'Fechdistel/vechdistel/fehdistel' ist über mehrere Wörterbücher (BMZ, Lexer, Schmeller, Pritzel, Grimm) als Mariendistel (Carduus/Silybum marianum) bezeugt, Grimm zitiert sogar 'fechdistelwasser' direkt aus einem Arzneibuch. Historisch ist Mariendistelwasser speziell gegen Herz-/Seitenstechen belegt (u.a. im Kontext der Philippine-Welser-Arzneibuchüberlieferung, demselben Augsburger Milieu des 16. Jh.) - passt zur Indikation dieses Rezepts. Der 1886er Neudruck selbst liest eindeutig 'ſechdiſtel' (long ſ, kein f) - ob der Fehler schon in der verschollenen Handschrift, beim Lesen durch den Herausgeber oder beim Setzen entstand, lässt sich nicht mehr feststellen.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain wenig ſaffrensaffron Q25434

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartſechdiſtel waſſer

Gewählte Lesart: Konjektur: Fechdistelwasser = Mariendistelwasser (Silybum/Carduus marianus). 'Sechdistel' ist in keiner Quelle als Pflanzenname belegt; 'Fechdistel/vechdistel/fehdistel' dagegen durchgehend (BMZ, Lexer, Schmeller, Pritzel, Grimm/DWB, Campe) als Mariendistel bezeugt, mit einem direkten Zitat 'fechdistelwasser' aus einem Arzneibuch (Grimm/DWB, Gersdorf). Mariendistelwasser ist historisch spezifisch gegen Herz-/Seitenstechen belegt - passt zur Indikation. Der Druck selbst liest eindeutig 'ſechdiſtel' (verifiziert am Scan: long ſ, nicht f) - die Emendation bleibt eine Konjektur, kein Lesefehler unsererseits.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich 'Sechdistel', unbekannte Pflanze - Ohne jeden Wörterbuchbeleg - nur die diplomatisch treue Wiedergabe des Drucks, keine positive Evidenz für eine eigenständige Pflanze dieses Namens.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 038, Rezept läuft bis seite-039, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern ein medizinisches Getränk. Nicht für die Lagerküche geeignet.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch der Maria Stenglerin Alle Kochbücher

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Stand dieser Fassung: 18.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.