Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Gegen den Stich.
Nimm ein Stück Ysop-Zucker, so groß wie eine Walnuss, und ein wenig Safran. Löse es in Mariendistelwasser auf (Konjektur, der Druck liest wörtlich 'Sechdistelwasser'), sodass es trinkbar wird. Wenn der Stich befällt, gib es ihm zu trinken.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain yſpen zucker | Ysop-Zucker, so groß wie eine Walnuss | - | Reformhaus, Online-Apotheke | Zucker mit Ysop-Extrakt |
| ain wenig ſaffren | ein wenig Safran | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| ſechdiſtel waſſer | Mariendistelwasser (Konjektur für 'Sechdistelwasser') | - | Apotheke, Reformhaus, Kräuterhandel | - |
Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern ein Hausmittel: Ysop-Zucker und eine Prise Safran werden in einem mit einer distelartigen Pflanze angesetzten Wasser aufgelöst und bei akutem Seitenstechen zu trinken gegeben. Im Buch reiht sich das Getränk neben andere angesetzte Kräuterwässer wie Rosen- oder Melissenwasser ein - hier dient das Kräuterwasser als Trägerstoff für ein Heilgetränk, nicht als eigenständiges Erzeugnis.
Das "Sechdistelwasser" bleibt in seiner genauen Pflanzenherkunft offen: gesichert ist nur, dass eine distelartige Pflanze angesetzt wurde, die botanische Art lässt sich aus dem Wortlaut allein nicht sicher bestimmen.
Praxis. Ysopzucker (ersatzweise Zucker mit ein paar Tropfen Ysopsirup, wallnussgroß, das sind grob 20-30 g) zusammen mit einer kleinen Prise Safran in einem kräuterig angesetzten Wasser auflösen - mangels gesicherter Pflanzenidentität eignet sich ersatzweise ein starker Ysop-Aufguss als Basis. Kein Erhitzen nötig; bei Bedarf, also beim Auftreten des Stechens, sofort trinken.
Im mittelalterlichen Kontext bezeichnet 'Stich' einen plötzlichen, stechenden Schmerz, der verschiedene Ursachen haben konnte, ähnlich wie heute Seitenstechen oder ein stechender Schmerz in der Brust. Es war ein allgemeiner Begriff für akute, scharfe Beschwerden.
Nein. Dies ist ein medizinisches Rezept und kein Lebensmittel. Es ist nicht für die Zubereitung oder den Verzehr im Rahmen einer Lagerküche gedacht.
Der Neudruck von 1886 liest eindeutig 'ſechdiſtel' - dafür gibt es aber in keiner Quelle einen unabhängigen Beleg als Pflanzenname. Sehr wahrscheinlich ist eine Verschreibung für 'Fechdistelwasser' gemeint: Mariendistelwasser, mehrfach als Heilmittel speziell gegen Stechen/Seitenstechen bezeugt. Da die zugrundeliegende Handschrift verschollen ist, lässt sich nicht mehr klären, ob der Fehler schon dort stand oder erst beim Druck 1886 entstand - die Lesart bleibt deshalb eine begründete Konjektur, keine gesicherte Tatsache.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Ein plötzlicher, stechender Schmerz, oft im Brust- oder Seitenbereich, vergleichbar mit modernem Seitenstechen oder Herzstechen.
Ysop-Zucker: "yſpen" ist eine belegte Schreibvariante von Ysop (Hyssopus officinalis), die auch in anderen Rezepten des Korpus in ähnlicher Form auftaucht. Ysopzucker galt als Heilkonfekt gegen Brust- und Seitenstechen.
Walnuss.
Wörtlich 'Sechdistelwasser' - dafür findet sich in keiner Quelle ein unabhängiger Beleg als Pflanzenname. Sehr wahrscheinlich eine Verschreibung für 'Fechdistelwasser' (f/ſ sind im Druckbild leicht zu verwechseln): 'Fechdistel/vechdistel/fehdistel' ist über mehrere Wörterbücher (BMZ, Lexer, Schmeller, Pritzel, Grimm) als Mariendistel (Carduus/Silybum marianum) bezeugt, Grimm zitiert sogar 'fechdistelwasser' direkt aus einem Arzneibuch. Historisch ist Mariendistelwasser speziell gegen Herz-/Seitenstechen belegt (u.a. im Kontext der Philippine-Welser-Arzneibuchüberlieferung, demselben Augsburger Milieu des 16. Jh.) - passt zur Indikation dieses Rezepts. Der 1886er Neudruck selbst liest eindeutig 'ſechdiſtel' (long ſ, kein f) - ob der Fehler schon in der verschollenen Handschrift, beim Lesen durch den Herausgeber oder beim Setzen entstand, lässt sich nicht mehr feststellen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain wenig ſaffren | saffron Q25434 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
ſechdiſtel waſſer
Gewählte Lesart: Konjektur: Fechdistelwasser = Mariendistelwasser (Silybum/Carduus marianus). 'Sechdistel' ist in keiner Quelle als Pflanzenname belegt; 'Fechdistel/vechdistel/fehdistel' dagegen durchgehend (BMZ, Lexer, Schmeller, Pritzel, Grimm/DWB, Campe) als Mariendistel bezeugt, mit einem direkten Zitat 'fechdistelwasser' aus einem Arzneibuch (Grimm/DWB, Gersdorf). Mariendistelwasser ist historisch spezifisch gegen Herz-/Seitenstechen belegt - passt zur Indikation. Der Druck selbst liest eindeutig 'ſechdiſtel' (verifiziert am Scan: long ſ, nicht f) - die Emendation bleibt eine Konjektur, kein Lesefehler unsererseits.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 18.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.