Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° · Entstehungsort unbekannt · 1543
Nimm Vögel oder Hühner und gib sie in einen Topf. Füge getrocknete Damaszener-Pflaumen, Zitronen, Ingwer, Butter, einen guten Teil weiße Johannisbeeren und etwas Wein hinzu. Lasse die Pastete eine gute Stunde oder länger backen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| vogel oder honer | Vögel oder Hühner | - | Metzger, Geflügelhändler | Hähnchen |
| gedorrt damast | Getrocknete Damaszener-Pflaumen | - | gut sortierter Supermarkt, türkischer/orientalischer Supermarkt | Datteln oder getrocknete Aprikosen |
| lemoni | Zitronen | - | - | - |
| Imber | Ingwer | - | - | - |
| botter | Butter | - | - | - |
| ain gutten theil weiss Eysperborlen | Ein guter Teil weiße Johannisbeeren | - | Gartencenter, Wochenmarkt (Juli/August), eigener Garten | Rote Johannisbeeren oder Stachelbeeren |
| ein wenig wein | Ein wenig Wein | - | - | - |
| hafen | Pastetenteig (Teighülle) | - | Blätterteig oder Mürbeteig aus dem Supermarkt als moderne Behelfslösung | Fester Wasser-Fett-Teig (Sandteig, siehe wo10-051) - selbsttragend genug für eine Topfform mit Deckel; Mürbeteig ist dafür zu brüchig |
Welches Gericht/Konfekt ist das? Eine süß-saure Vogel- oder Hühnerfüllung für eine Teighülle („hafen“), mit gedörrten Damaszener-Pflaumen, Zitrone, Ingwer, Butter und vermutlich weißen Johannisbeeren - eine von mehreren Würz-/Füllvarianten aus einer Pasteten-Serie derselben Handschrift (wo10-055 bis wo10-059), die zu einem hier nicht ausgeschriebenen Grundrezept unterschiedliche Fleischsorten und Gewürzmischungen notiert. Das Grundrezept wo10-055 verweist selbst auf den vorbereiteten Teighafen („mach am ersten den hafen wieuor dauon gemelt ist“, vgl. wo10-051) - der „hafen“, in den hier die Vögel oder Hühner kommen, ist also dieselbe Teighülle, nicht ein bloßer Kochtopf. Als entfernte lebende Verwandtschaft - eine Analogie, keine Abstammungsbehauptung - lässt sich die ursprünglich fleischhaltige Form der englischen Mince Pie nennen, die dieselbe Kombination aus Fleisch, Trockenfrucht und Gewürz in einer Teighülle fortführt.
Was bedeuten die weißen Eysperborlen? Der Text nennt „ain gutten theil weiss Eysperborlen“ - vermutlich weiße Johannisbeeren, gestützt durch das nahezu wortgleiche Nachbarrezept wo10-057 derselben Handschrift, das dieselbe Fruchtbezeichnung ausdrücklich als saisonal beschreibt. Das Wort taucht im Korpus aber nur in diesen beiden Rezepten auf; eine ältere Lesart als Zuckerperlen ist damit nicht restlos widerlegt (siehe interpretative Anmerkungen).
Ganze oder zerteilte Vögel, und wie lange wirklich backen? Der Text nennt weder eine Zerteilung des Geflügels noch ein Garprobe-Kriterium, nur die Richtzeit „ein gutten stund bachen oder mer“. Historisch ist ein Garen im Ganzen (kleine Vögel oder ein junges Huhn) mit fester Stundenangabe als alleinigem Maßstab plausibel; das lässt sich heute nicht mit Sicherheit rekonstruieren.
Praxis. Geflügel zusammen mit den gedörrten Pflaumen, Zitrone, Ingwer, Butter, den weißen Beeren (oder ersatzweise Johannis-/Stachelbeeren) und etwas Wein in die vorbereitete Teighülle (fester Wasser-Fett-Teig, siehe wo10-051 und wo10-055) geben und mindestens eine Stunde backen - die Butter hält das Geflügel während der langen Garzeit saftig, der Wein liefert zusätzliche Flüssigkeit, die Pflaumen quellen dabei auf und geben Süße ab. Ob das Geflügel roh oder vorgegart eingelegt und der Deckel dabei verschlossen war, sagt dieser knappe Zusatzvermerk nicht ausdrücklich - das Grundrezept wo10-055 beschreibt für dieselbe Serie das Schließen und Bestreichen des Deckels (siehe interpretative Anmerkungen); für zuverlässiges Durchgaren empfiehlt sich heute, das Geflügel vorher zu zerteilen und unabhängig von der genannten Stunde mit Garprobe oder Fleischthermometer zu prüfen, statt starr bei 60 Minuten zu stoppen - der Text selbst lässt mit "oder mer" ohnehin Spielraum nach oben.
Getrocknete Damaszener-Pflaumen sind heute nicht mehr unter diesem Namen im Handel erhältlich. Du kannst sie durch getrocknete Datteln oder Aprikosen ersetzen, die du in gut sortierten Supermärkten oder orientalischen Lebensmittelgeschäften findest.
Eingeschränkt geeignet. Das Backen einer Pastete im Dutch Oven erfordert eine konstante und gut regulierte Hitze über eine Stunde oder länger, was am offenen Feuer aufwendig sein kann. Zudem benötigen die frischen Zutaten wie Geflügel und Butter eine Kühlkette. Eine gute Vorbereitung des Füllguts zu Hause kann den Aufwand im Lager reduzieren.
Vermutlich weiße Johannisbeeren - eine im 16. Jahrhundert belegte Bezeichnung für diese Beerenfrucht, gestützt durch ein fast identisches Rezept aus derselben Handschrift (wo10-057), das dieselbe Frucht ausdrücklich als saisonal beschreibt. Ganz sicher ist die Lesart nicht: Das Wort taucht im Korpus nur zweimal auf, eine ältere Deutung als Zuckerperlen ist damit nicht restlos ausgeschlossen. Ersatzweise passen weiße oder rote Johannisbeeren, notfalls Stachelbeeren.
Dieses Rezept stammt aus dem Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° (Entstehungsort unbekannt). CoReMA-Handschrift Wo10 (Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5 Aug. 4°): "Kunst- und Artzneibuch von Ludwigen Neer zusamengetragenn. Anno 1543" - ein 1543 datiertes Kunst- und Arzneibuch mit Kochrezept-Anteil. Enthält ein gewürztes Met-Rezept ("Wie man ain Met sieden soll") mit ganzer Muskatnuss und Zimtstangen, im Wasser eingekocht und mit geläutertem Honig fertiggestellt.
Hier der mit Teig ausgekleidete Pastetenhafen aus dem Grundrezept dieser Serie (wo10-055), das ausdrücklich sagt: „mach am ersten den hafen wieuor dauon gemelt ist“ (mach zuerst den Hafen, wie zuvor beschrieben) - verweist auf die Teighülle aus wo10-051. Kein bloßer Kochtopf.
Getrocknete Damaszener-Pflaumen, eine süße Zutat, die oft in mittelalterlichen Rezepten verwendet wurde. Sie stammen ursprünglich aus der Region um Damaskus.
Ingwer, ein beliebtes Gewürz im Mittelalter, das sowohl in süßen als auch in herzhaften Speisen zum Einsatz kam.
Im Mittelalter waren Pasteten gebackene Teighüllen, die mit verschiedenen Füllungen aus Fleisch, Fisch oder Gemüse zubereitet wurden. Die Hülle diente oft auch als Konservierung.
Vermutlich weiße Johannisbeeren - dieselbe seltene Wendung findet sich nur noch im Nachbarrezept wo10-057 derselben Handschrift, dort im Zusammenhang mit einer Jahreszeitangabe.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| vogel oder honer | poultry Q178559 |
| gedorrt damast | prune Q6766526 |
| lemoni | lemon Q1093742 |
| Imber | ginger Q15046077 |
| botter | butter Q34172 |
| ain gutten theil weiss Eysperborlen | white currant Q621670 |
| ein wenig wein | wine Q282 |
| hafen | pie crust Q5190246 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
lemoni
Gewählte Lesart: Zitronen
Andere mögliche Lesart:
ain gutten theil weiss Eysperborlen
Gewählte Lesart: Ein guter Teil weiße Johannisbeeren
Andere mögliche Lesarten:
Garzustand des Geflügels vor dem Backen
Gewählte Lesart: Der Text beschreibt nur, was in den Hafen (Topf) kommt und wie lange gebacken wird - ob das Geflügel roh oder vorgegart hineingegeben wird, sagt er nicht.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 13.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.