Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Pastete von Vögeln oder Hühnern

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit30 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm Vögel oder Hühner und gib sie in einen Topf. Füge Zwetschgen, Limonen, Ingwer, einen guten Teil Butter, weiße Johannisbeeren und ein wenig Wein hinzu. Lass es eine gute Stunde oder länger backen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
voͤgel oder hiener Vögel oder Hühner - Metzger, Geflügelhändler -
zweſchgen Zwetschgen - - -
Leomony Limonen - - Zitronen
Imber Ingwer - - -
putter ain guttayl Ein guter Teil Butter - - -
weyſſe Eiſperſperlen Weiße Johannisbeeren - Gartencenter, Wochenmarkt (Juli/August), eigener Garten Rote Johannisbeeren oder Stachelbeeren
wein Ein wenig Wein - - -

Welches Gericht ist das? Eine süß-saure Vogel- oder Hühnerfüllung mit Zwetschgen, Limonen, Ingwer, Butter und vermutlich weißen Johannisbeeren, laut Transkript im Hafen (Topf) gegart. Ob dazu eine Teighülle gehörte, sagt der Text nicht - er nennt nur „thus jnn hafenn“ (in einen Topf geben), keinen Teig. Auffällig: die unabhängig überlieferte Parallelfassung wo10-059 (andere Handschrift, dieselbe Zutatenfolge und Backformel) erwähnt an derselben Stelle ebenfalls keine Teighülle - zwei unabhängige Textzeugen, die beide schweigen, sind ein stärkerer Hinweis auf eine tatsächlich crustlose Zubereitung als bei den anderen Basteten-Rezepten dieses Buchs, aber immer noch kein Beweis: beide Fassungen könnten unabhängig voneinander dieselbe "selbstverständliche" Auslassung teilen. Als entfernte, rein assoziative Verwandtschaft - keine Abstammungsbehauptung - lässt sich die ursprünglich fleischhaltige Füllung der englischen Mince Pie nennen, die dieselbe Kombination aus Fleisch, Trockenfrucht und Gewürz kennt, dort mit charakteristischer Kruste - ob auch hier eine Kruste dazugehörte, bleibt wie oben offen.

Was bedeuten die weißen Eiſperſperlen? Der Text nennt „weyſſe Eiſperſperlen“ - vermutlich weiße Johannisbeeren, gestützt durch das nahezu wortgleiche Rezept wo10-059 („weiss Eysperborlen“) und dessen Schwesterrezept wo10-057, das dieselbe Fruchtbezeichnung ausdrücklich als saisonal beschreibt. Das Wort ist im Korpus selten belegt; eine ältere Deutung als Zuckerperlen ist damit nicht restlos ausgeschlossen (siehe interpretative Anmerkungen).

Garzustand des Geflügels und Abdeckung des Topfes. Der Text sagt nur, was in den Hafen kommt und wie lange gebacken wird - nicht, ob das Geflügel roh oder vorgegart eingelegt und ob der Topf dabei abgedeckt wurde.

Praxis. Geflügel zusammen mit Zwetschgen, Limonen, Ingwer, einem guten Teil Butter, den weißen Beeren (oder ersatzweise Johannis-/Stachelbeeren) und etwas Wein in den Topf geben und mindestens eine Stunde oder länger backen - Butter und Wein halten das Geflügel über die lange Garzeit saftig, während die Frucht zu einer süß-sauren Sauce zerfällt. Für zuverlässiges Durchgaren empfiehlt es sich heute, das Geflügel vorher zu zerteilen und mit Garprobe oder Fleischthermometer zu prüfen statt starr auf eine Stunde zu vertrauen - der Text selbst lässt mit „oder mer“ ohnehin Spielraum nach oben.

Was bedeuten die weißen Eiſperſperlen?

Vermutlich weiße Johannisbeeren - eine im 16. Jahrhundert belegte Bezeichnung für diese Beerenfrucht, gestützt durch ein nahezu wortgleiches Rezept aus einer anderen Handschrift (wo10-059: „weiss Eysperborlen“) und dessen Schwesterrezept wo10-057, das dieselbe Frucht ausdrücklich als saisonal beschreibt. Ganz sicher ist die Lesart nicht: Das Wort ist im Korpus selten belegt, eine ältere Deutung als Zuckerperlen ist damit nicht restlos ausgeschlossen. Ersatzweise passen weiße oder rote Johannisbeeren, notfalls Stachelbeeren.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt (Aufwand): Die Pastete muss eine Stunde oder länger im Ofen backen, was im Lager einen gut kontrollierten Dutch Oven oder Backofen erfordert. Die Zutaten sind ansonsten robust.

Was bedeutet 'ain guttayl'?

‚Ain guttayl‘ bedeutet ‚ein guter Teil‘ und ist eine Mengenangabe, die eine großzügige, aber unbestimmte Menge einer Zutat beschreibt.

Was ist 'Leomony'?

‚Leomony‘ ist eine frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Limonen oder Zitronen, die dem Gericht eine säuerliche Note verleihen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review.

Ain Basteten von vögel od. hiener. Item nimb voͤgel oder hiener, thus jnn hafenn, vnnd nimb zweſchgen, Leomony, Imber, putter ain guttayl, weyſſe Eiſperſperlen, vnd ain wenig wein, vnd las ain gutten ſtund bachen od. mer.
Wasteten (Titelzeile, OCR)

OCR-Fehllesung für „Basteten“ (Pastete). Am Original-Scan (BSB bsb00076173, Seite 006) eindeutig lesbar, wie im Fließtext desselben Rezepts und in den Titeln der Nachbarrezepte auf derselben Seite. Ob zur Zubereitung eine Teighülle gehörte, bleibt unklar - das Transkript nennt nur „thus jnn hafenn“ (in einen Topf geben), keinen Teig; dieselbe Lücke zeigt auch die unabhängige Parallelfassung wo10-059.

hafenn

Ein Topf oder Kochgefäß.

Leomony

Frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Limonen oder Zitronen.

Imber

Ingwer, ein beliebtes Gewürz der Zeit, oft in süß-sauren Gerichten verwendet.

Eiſperſperlen

Vermutlich weiße Johannisbeeren, nicht Zuckerperlen - gestützt durch das nahezu wortgleiche Rezept wo10-059 („weiss Eysperborlen“) und dessen Schwesterrezept wo10-057 derselben Handschrift, das dieselbe Fruchtbezeichnung ausdrücklich als saisonal beschreibt. Ganz sicher ist die Lesart nicht: Das Wort ist im Korpus selten belegt.

bachen

Backen, hier im Sinne von Garen in einem geschlossenen Gefäß oder Ofen.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Imberginger Q15046077
weinwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartEiſperſperlen

Gewählte Lesart: Weiße Johannisbeeren.

Andere mögliche Lesart:

  • Weiße Zuckerperlen - eine ältere, wahrscheinlich falsche Lesart. - Vermutlich eine Verwechslung von ‚beeren‘ und ‚perlen‘ bei der Lautvariante. Der nahezu wortgleiche Twin wo10-059 (‚weiss Eysperborlen‘) und dessen Schwesterrezept wo10-057 derselben Handschrift lesen dieselbe Wendung anhand von Wörterbuchbelegen (Diefenbach/Wülcker 1885, Lautvarianten ‚eis-/eysper-/ejspers-beeren‘ = lat. ‚ribes‘) als weiße Johannisbeeren; wo10-057 datiert dieselbe Frucht zudem saisonal, was gegen ein Zuckerdekor spricht. Restunsicherheit bleibt: Das Wort ist im Korpus selten belegt.

LesartGarzustand des Geflügels und Abdeckung des Hafens

Gewählte Lesart: Der Text beschreibt nur, was in den Hafen (Topf) kommt und wie lange gebacken wird - ob das Geflügel roh oder vorgegart hineingegeben und ob der Topf abgedeckt wurde, sagt er nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Rohes oder großteiliges Geflügel wird direkt mit allen Zutaten in den Hafen gegeben und gart während der genannten Stunde oder länger vollständig in Butter, Wein und Fruchtsaft durch. - Zeittypische Praxis bei ausreichender Backzeit, im Text nicht ausdrücklich benannt - offene historische Möglichkeit, kein belegter Fakt. Der textgleiche Twin wo10-059 führt dieselbe Unsicherheit als eigene interpretive_choice, nicht als Fakt.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 006, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Die Pastete muss eine Stunde oder länger im Ofen backen, was im Lager einen gut kontrollierten Dutch Oven oder Backofen erfordert.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch der Maria Stenglerin Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 08.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.