Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Ebenso sollst du Schlüsselblumen, Ochsenzungenkraut und Eibisch auf dieselbe Weise in Zucker einmachen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| patengern | Schlüsselblume | - | Wochenmarkt, Kräuterhandel, Garten | - |
| Oxenzungen | Ochsenzungenkraut | - | Kräuterhandel, Garten | Borretschblüten |
| ypſchper | Eibisch | - | Kräuterhandel, Apotheke | - |
Welches Gericht ist das? Keine eigenständige Anleitung, sondern ein Verweis: "Ebenso sollst du Schlüsselblumen, Ochsenzungenkraut und Eibisch in Zucker einmachen" - gemeint ist dieselbe Methode wie im unmittelbar vorangehenden Rosmarin- und Lavendelblüten-Zucker: Blüten oder Kraut im Mörser klein stoßen, mit Zucker vermengen, in ein Glas füllen und in die Sonne stellen.
Woher kommen die Lesarten? 'patengern' und 'ypschper' sind über die im Druck frei verwendete oberdeutsche p/b-Vertauschung zu erschließen (derselbe Lautwandel, der 'plomen' für 'Blumen' im vorangehenden Rezept erklärt): 'patengern' zu Batenge, einem schwäbisch-bairischen Namen für die Echte Schlüsselblume, 'ypschper' zu Ybesch/Eibisch, mittelhochdeutsch mehrfach belegt.
Warum Eibisch kandieren? Kandierte Eibischwurzel war ein gängiges Konfekt und ist der historische Ursprung des heutigen Marshmallows - die Wurzel enthält von Natur aus schleimige, gelierende Stoffe, die dem Süßwerk seine charakteristische Textur geben.
Praxis. Schlüsselblumenblüten und Ochsenzungenblüten (ersatzweise Borretschblüten) im Verhältnis etwa 1:2 mit Zucker im Mörser klein stoßen, in ein Glas füllen und mehrere Tage bis zwei Wochen an einem sonnigen Platz ziehen lassen, gelegentlich umrühren. Eibischwurzel für sich lässt sich alternativ in Zuckersirup einkochen.
'Batenge' (im Text 'patengern') ist ein süddeutscher, besonders schwäbisch-bairischer Name für die Echte Schlüsselblume (Primula veris) - direkt im bairischen Dialektwörterbuch belegt. 'ypschper' geht über die im Oberdeutschen übliche p/b-Vertauschung auf 'ybesch/ibesch' zurück, mittelhochdeutsch mehrfach belegt als Eibisch (Althaea officinalis).
Ja, Goldstandard - dieselbe robuste Kandiertechnik wie beim vorangehenden Rosmarin- und Lavendelblüten-Zucker, nur mit anderen Pflanzen.
Kandierte Eibischwurzel war im deutschsprachigen Raum ein gängiges Konfekt und ist der historische Ursprung des heutigen Marshmallows - die Wurzel enthält von Natur aus schleimige, gelierende Stoffe.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Über oberdeutsche p/b-Vertauschung (vgl. 'plomen' = Blumen im selben Rezeptpaar) zu 'Batenge/Pattenge' gestellt - ein süddeutscher, besonders schwäbisch-bairischer Name für die Echte Schlüsselblume (Primula veris). Direkt belegt im bairischen Dialektwörterbuch (BWB) als 'Batenge: Echte Schlüsselblume Primula veris'; das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch bestätigt unter 'betonie' die Vermischung des verwandten Namens mit der Primel.
Ochsenzungenkraut (Anchusa officinalis), ein mit Borretsch verwandtes Wildkraut - dessen Blüten wurden, ähnlich wie Borretschblüten, kandiert.
Über oberdeutsche p/b-Vertauschung zu 'ybesch/ibesch' gestellt - mittelhochdeutsch direkt und mehrfach belegt (Benecke/Müller/Zarncke, Lexer, Pritzel) als 'eibisch, pappelkraut' (Althaea officinalis, Echter Eibisch). Kandierte Eibischwurzel ist der historische Ursprung des heutigen Marshmallows.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
patengern
Gewählte Lesart: Über oberdeutsche p/b-Vertauschung (der Druck verwendet sie erwiesenermaßen frei, vgl. 'plomen' = Blumen im selben Rezeptpaar) zu 'Batenge/Pattenge' gestellt - süddeutscher, besonders schwäbisch-bairischer Name für die Echte Schlüsselblume (Primula veris).
Andere mögliche Lesart:
ypſchper
Gewählte Lesart: Über oberdeutsche p/b-Vertauschung zu 'ybesch/ibesch' gestellt - mittelhochdeutsch direkt belegt (BMZ, Lexer, Pritzel) als 'eibisch, pappelkraut' (Althaea officinalis).
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Stand dieser Fassung: 18.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.