Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Nimm ein halbes Pfund Mandeln, ein Viertelpfund Weinbeeren, ein halbes Pfund Zucker, ein Lot Safran, zwei Lot Ingwer, zwei gestoßene Zimtstangen, ein Lot Paradieskörner und ein Quentchen Muskat. Zu diesen Gewürzen nimm zweieinhalb Maß Rainfal und zwei Maß guten wälschen Wein.
Nimm fünf Pfund Karpfen und drei Pfund Hecht. Schneide die Haut vom Karpfen ab. Nimm ein Maß alten Wein und koche darin ein Lot Hausenblase. Koche es gut zusammen und seihe es durch ein Tuch ab. Wenn die Fische im oben genannten Wein gesotten sind, gib die Gewürze hinzu, wie oben beschrieben. Lass es einmal zusammen aufwallen und gieße es danach über den Fisch. So werden zwei große Schüsseln daraus.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ein halb pfund mandel | Mandeln, gemahlen | 250 g | Supermarkt (Backregal) | - |
| ain vierdung wein⸗berlen | Weinbeeren | 125 g | - | - |
| ain halb pfund zucker | Zucker | 250 g | - | - |
| ain lot ſaffren | Safran | 15 g | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| zway lot imber | Ingwer, gemahlen | 30 g | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| zway Rerla | Zimtstangen, gestoßen | 2 | - | - |
| ain lot paris kerner | Paradieskörner, gemahlen | 15 g | Online-Gewürzhandel | Langer Pfeffer oder eine Mischung aus schwarzem Pfeffer und Kardamom |
| ain quintl muſcat | Muskatnuss, gerieben | 3¾ g | - | - |
| drithalben maſs Rainfal | Rainfal (Süßwein) | 2,6 l | gut sortierter Weinhandel | Süßer Dessertwein (z.B. Tokajer, Sauternes) |
| zwu maſs guten welſchen wein | wälscher Wein | 2,1 l | gut sortierter Weinhandel | Kräftiger Weißwein (z.B. Pinot Grigio, Trebbiano) |
| fuͤnff pfunnd karpffen | Karpfen | 2½ kg | Fischhändler | - |
| drey pfundt hoͤcht | Hecht | 1½ kg | Fischhändler | - |
| ain alts maſs wein | Wein | 1,05 l | - | - |
| ain lot'hauſenbleter | Hausenblase | 15 g | - | Gelatine (Blattgelatine) |
Welches Gericht ist das? Eine kalt servierte Fischsülze aus Karpfen und Hecht in einem gewürzten Weinsud - verwandt mit der deutschen Fischsulze/Karpfen in Aspik der Silvester-Tradition, dem polnischen Karp w galarecie und dem englischen Jellied Eel. Kein Pastete-Rezept: Der Text nennt weder Teig noch Ofen, der gegarte Fisch wird schlicht mit der heiß aufgekochten Gewürzweinsauce übergossen und in zwei großen Schüsseln angerichtet. Die drei engsten Verwandten im Korpus - saw-062, std-110 und teg-009 - teilen dasselbe Kernverfahren und dieselben zwei Fischarten.
Die Sülze geliert tatsächlich. Die Zutat, die im Transkript als ‚hauſenbleter‘ steht, ist Hausenblase - die getrocknete Schwimmblase des Hausen (Stör), ein historisches Gelier- und Klärmittel. Sie wird separat in altem/gereiftem Wein aufgekocht und durch ein Tuch abgeseiht, um einen klaren, aromatisierten Sud zu bekommen. Das ist derselbe Handgriff wie bei std-110 und teg-009 - hier handelt es sich also um ein bewusst geliertes Gericht, keine bloß gewürzte Sauce.
Die eigentliche Fischgarung bleibt unausgesprochen. Der Text setzt nur voraus, dass der Fisch bereits im wälschen Wein gegart ist (‚wann die viſch geſotten ſend‘), beschreibt Stückgröße und Garzeit aber nie als eigenen Schritt - eine Lücke im Original selbst, keine Erfindung der Übersetzung.
Praxis. Karpfen und Hecht enthäuten (nur beim Karpfen ausdrücklich verlangt), in mundgerechte Stücke schneiden und im wälschen Wein köcheln, bis das Fleisch durchgegart und undurchsichtig ist - bei roher Süßwasserfisch-Menge von 4 kg auf eine sichere Garprobe achten. Parallel die Hausenblase (ersatzweise Blattgelatine) im zweiten Wein aufkochen und durch ein Tuch abseihen. Die Gewürze mit Rainfal und wälschem Wein ansetzen, mit dem geklärten Sud vereinen, einmal aufkochen und heiß über den Fisch gießen. Kühl bis kalt servieren; an heißen Tagen zieht die Gelierung nicht sicher an.
Rainfal ist ein historischer Süßwein, der heute nicht mehr unter diesem Namen erhältlich ist. Ein guter Ersatz wäre ein hochwertiger süßer Dessertwein wie Tokajer oder Sauternes. Wälscher Wein war ein allgemeiner Begriff für Weine aus romanischen Ländern, hier vermutlich Italien. Ein kräftiger Weißwein wie Pinot Grigio oder Trebbiano passt gut.
Eingeschränkt geeignet. Die Zubereitung am Feuer selbst ist unkompliziert und in rund 90 Minuten machbar, die Mandeln können fertig gemahlen mitgebracht werden. Der Engpass ist die Zutatenseite: 2,5 kg Karpfen und 1,5 kg Hecht müssen roh bis zur Zubereitung durchgehend gekühlt werden. Zusätzlich geliert die Sülze bei Sommerhitze nicht immer zuverlässig, wie bei eng verwandten Rezepten mit demselben Geliermittel (Hausenblase) bekannt.
‚Rerla‘ sind Zimtstangen, die in gerollter Form gehandelt wurden. ‚Paris kerner‘ sind Paradieskörner, ein pfefferähnliches Gewürz aus Westafrika, das heute im Online-Gewürzhandel erhältlich ist.
‚Hauſenbleter‘ (Hausenblase) ist die getrocknete Schwimmblase des Hausen, eines großen Störs, und diente als klassisches Gelier- und Klärmittel. Sie wurde in Wein aufgekocht und durch ein Tuch abgeseiht, damit die Sülze fest wird. Heute ersetzt man sie am einfachsten durch Gelatine, etwa Blattgelatine.
Ein ‚Pfund‘ entsprach im 16. Jahrhundert etwa 500 Gramm. Ein ‚Lot‘ war ein Viertel einer Unze oder etwa 15 Gramm. Eine ‚Vierdung‘ war ein Viertel Pfund, also etwa 125 Gramm. Ein ‚Quentchen‘ war ein Viertel Lot, also etwa 3,75 Gramm. Eine ‚Maß‘ Wein fasste in Augsburg rund 1,05 Liter (Schenkmaß, 1538 normiert und bis 1810 unverändert). Die Wendung ‚ain alts maſs wein‘ könnte auf ein älteres, vor 1538 gültiges Maß zielen - das ist nicht weiter bestimmbar, hier wurde deshalb ebenfalls mit 1,05 Litern gerechnet.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Eine ‚Sülze‘ bezeichnete eine kalt servierte Fischspeise in gewürzter Sauce. Dieses Rezept nennt mit der Hausenblase tatsächlich ein klassisches Geliermittel - wie die Buchzwillinge saw-062, std-110 und teg-009, die denselben Stoff im selben Arbeitsschritt einsetzen.
Ein ‚Viertelpfund‘, also etwa 125 Gramm.
Ein ‚Lot‘ war eine historische Gewichtseinheit, die in Süddeutschland etwa 15 Gramm entsprach.
Ingwer. Im Mittelalter ein weit verbreitetes und geschätztes Gewürz.
Zimtstangen, auch als ‚Röhrlein‘ bezeichnet, da Zimt in gerollter Form gehandelt wurde.
Paradieskörner (Aframomum melegueta), ein pfefferähnliches, scharfes Gewürz aus Westafrika.
Ein ‚Quentchen‘ war eine kleine Gewichtseinheit, meist ein Viertel Lot, also etwa 3,75 Gramm.
Ein historischer Süßwein, oft aus der Malvasier-Traubenfamilie, der in Italien angebaut wurde.
Wälscher Wein bezeichnete im deutschsprachigen Raum Weine aus romanischen Ländern, hier vermutlich aus Italien.
Ein feines Tuch zum Abseihen oder Passieren von Flüssigkeiten.
Eine frühneuhochdeutsche Formulierung für ‚zusammen aufwallen lassen‘ oder ‚einmal aufkochen lassen‘.
Hausenblase, die getrocknete Schwimmblase des Hausen (Stör) - ein historisches Gelier- und Klärmittel. Die Zwillinge belegen denselben Begriff im selben Arbeitsschritt, in Wein aufgekocht und durch ein Tuch geseiht: saw-062 ‚haúsenblater‘, std-110 ‚Hawſen blatern‘, teg-009 ‚hausenplaten‘.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ein halb pfund mandel | almond Q184357 |
| ain vierdung wein⸗berlen | raisin Q13186 |
| ain halb pfund zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| ain lot ſaffren | saffron Q25434 |
| zway lot imber | ginger Q15046077 |
| zway Rerla | cinnamon Q28165 |
| ain lot paris kerner | grain of paradise Q1503476 |
| ain quintl muſcat | nutmeg Q83165 |
| drithalben maſs Rainfal | rainval Q107262739 |
| zwu maſs guten welſchen wein | wine Q282 |
| fuͤnff pfunnd karpffen | carp Q83355448 |
| drey pfundt hoͤcht | northern pike Q83363026 |
| ain alts maſs wein | wine Q282 |
| ain lot'hauſenbleter | isinglass Q1255331 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
ain alts maſs wein
Gewählte Lesart: ‚Alts‘ wird als Qualitätsangabe zum Wein gelesen: ein alter, gereifter Wein, der zum Kochen der Hausenblase verwendet wird - gestützt durch den Zwilling saw-062, der an derselben Stelle wörtlich ‚guten altten wein‘ (guten alten Wein) schreibt.
Andere mögliche Lesart:
wann die viſch geſotten ſend
Gewählte Lesart: Der Fisch wird vermutlich in portionierbare Stücke geschnitten und im wälschen Wein gegart, bis er durchgegart und undurchsichtig ist - das Transkript nennt nur das Ergebnis (‚wann die viſch geſotten ſend‘), nie die Handlung selbst.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 15.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.