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Wildschweinkopf mit schwarzer Weinbrühe

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit180 Min.Portionen6-10 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Einen Wildschweinkopf sollte man in Wasser gut sieden. Wenn er gegart ist, lege ihn auf einen Rost und bestreiche ihn mit Wein, so dass man meint, er sei im Wein gesotten worden. Danach macht man eine schwarze oder eine gelbe Brühe darüber.

Willst du zunächst die schwarze Brühe machen, so lass ein wenig Schmalz heiß werden und bräune darin einen Löffel voll feines Mehl. Gib danach einen guten Wein dazu und einen guten Kirschsatz, damit die Brühe schwarz wird, dazu Zucker, Ingwer, Pfeffer, Gewürznelken und Zimt, Rosinen und Zibeben, aus denen du zuvor die Kerne herausgenommen hast, und klein geschnittene Mandeln. Probiere sie ab, wie sie dir gut erscheint, und mach sie so.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
wilden schweinskopff Wildschweinkopf - Wildhändler oder Metzger mit Wildangebot, Vorbestellung empfehlenswert Schweinskopf vom Metzger, falls kein Wildschwein erhältlich
wasser Wasser - Leitung -
wein Wein zum Begießen - - -
schmaltz Schmalz - - -
ain leffellin voll schens mell 1 Löffel voll feines Mehl 1 EL - -
gúten wein Wein für die Brühe - - -
gúten kersseltz Kirschsatz - Feinkosthandel, gut sortierter Supermarkt (eingekochter Kirschsaft) Dunkles Kirschkonzentrat oder eingekochter Sauerkirschsaft
zúcker Zucker - - -
jmber Ingwer - - -
pfeffer Pfeffer - - -
negellen Gewürznelken - - -
rerlach Zimt - - -
weinber Rosinen - - -
ziwiben Zibeben - Gewürzhandel, Bio-Laden (große getrocknete Weinbeeren) Große Rosinen oder Sultaninen
mandel klain geschniten Klein geschnittene Mandeln - Supermarkt (Backregal) -

Welches Gericht ist das? Ein ganzer Wildschweinkopf wird in Wasser weichgegart und danach mit einer gebundenen Gewürzbrühe serviert - wahlweise schwarz mit Kirschsatz oder gelb (die gelbe Variante wird im Text angekündigt, aber nicht mehr ausgeführt). Die dunkle Weinbrühe aus gebräuntem Mehl, Wein, Kirschsatz, Gewürzen, Rosinen und Zibeben liegt in der Nähe der später geläufigen süß-sauren Bratensauce, wie man sie etwa vom rheinischen Sauerbraten kennt - nur dass hier Kirschsatz statt Lebkuchen für Farbe und Säure sorgt. Die aufwendige Präsentation eines ganzen Kopfes gehört in die verbreitete Tradition festlicher Kopf-Gerichte an vornehmen Tafeln.

Der Wein ist ein Trick, kein Sud. Der Kopf gart vollständig in Wasser; erst danach wird er auf dem Rost mit Wein bestrichen. Das durchdringt das Fleisch nicht wie ein echter Weinsud, sondern erzeugt nur den äußeren Eindruck - der Text sagt das selbst offen: 'so went man, er sey jm wein gesotten' (so glaubt man, er sei im Wein gesotten).

kersseltz bleibt offen. Der schwärzende Zutat ist im überlieferten Wortschatz sonst nicht belegt. Für die Praxis empfiehlt sich ein dunkler, eingekochter Kirschsaft oder ein Kirschkonzentrat - das ergibt die im Text verlangte schwarze Farbe und passt zur schwäbischen Lautform 'Kersch' für Kirsche. Eine belastbare historische Alternative gibt es nicht; jede andere Deutung bliebe reine Spekulation.

Praxis. Den Kopf in reichlich Wasser mehrere Stunden weichkochen, bis sich das Fleisch von den Knochen löst. Auf einen Rost legen und mit Wein bestreichen. Für die schwarze Brühe Schmalz erhitzen, einen Löffel Mehl darin bräunen, mit Wein und Kirschsatz ablöschen, Zucker, Ingwer, Pfeffer, Gewürznelken und Zimt einrühren, dazu Rosinen und entkernte Zibeben sowie klein geschnittene Mandeln geben. Abschmecken und in der gewünschten Dicke servieren.

Wo bekomme ich einen Wildschweinkopf?

Am besten beim Wildhändler oder bei einem Metzger mit Wildangebot vorbestellen. Ist kein Wildschwein zu bekommen, tut es auch ein gewöhnlicher Schweinskopf vom Metzger, wenn auch ohne den Wildgeschmack.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, als Schaugericht. Das lange Sieden des Kopfes gehört zuhause oder an den Vortag, am Markt selbst zeigt man nur die Wein-Begießung auf dem Rost und das Anrühren der dunklen Brühe, eine kompakte und sichtbare Vorführung von etwa einer Stunde.

Was bedeutet 'kersseltz' im Rezept?

Ein zusammengesetztes Wort aus 'kers' (Kirsche) und 'seltz' (Sülze bzw. eingekochtes Dickobst) - also eine Kirsch-Sülze oder ein Kirschmus, das der Brühe ihre schwarze Farbe gibt. Der Begriff selbst ist in keinem externen Wörterbuch belegt, aber im eigenen Kochbuch gut gestützt: An anderer Stelle (saw-046) übersetzt das Buch bloßes 'seltz' eindeutig als Sülze, und zwei weitere Rezepte (saw-007, saw-007a) lesen 'kersseltz' konsequent als Kirschmus.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Wie man ain wilden schweinskopff sieden soll, aúch wie man ain brie dariber machen soll@ Ain wilden schweinskopff soll man jnn ainem wasser woll sieden vnnd, wan er gesotten jst, aúff ainen rost legen vnnd jn mit wein treffen, so went man, er sey jm wein gesotten, darnach soll man ain schwartz oder ain gelbs brielin dariber machen, erstlich wan man das schwartz brielin will machen, soll man ain wenig schmaltz lassenn haisß werden vnnd ain leffellin voll schens mell jm schmaltz brennen vnnd darnach ain gúten wein daranthon vnnd ain gúten kersseltz, das es schwartz werd, vnnd zúcker, jmber, pfeffer, negellen vnnd rerlach, weinber, ziwiben, die kerenlen heraústhon, vnnd mandel klain geschniten/ vnnd versuchs, wie es dich gút dúnckt, also machs.
brielin

Brühlein, eine kleine, gebundene Sauce, die über das gegarte Fleisch gegeben wird. Kein Bezug zum französischen Weichkäse.

treffen

Hier im Sinn von 'mit Wein bestreichen/begießen' - ein Trick, damit der Kopf aussieht, als sei er im Wein gegart worden.

kersseltz

Zusammengesetzt aus 'kers' (Kirsche, frühnhd. 'kersche/kirsche') und 'seltz' (Sülze bzw. eingekochtes Dickobst) - Kirsch-Sülze oder Kirschmus, das die Brühe schwärzt. Kein Wortlaut-Beleg in externen Wörterbüchern, aber corpus-intern gut gestützt: saw-046 übersetzt bloßes 'seltz' im selben Buch eindeutig als Sülze, saw-007/saw-007a lesen 'kersseltz' konsequent als Kirschmus.

ziwiben

Zibeben, große getrocknete Weinbeeren, im Buch neben den kleineren 'weinber' (Rosinen) genannt.

rerlach

Zimt, wörtlich 'Zimmet-Röhrlein' nach der gerollten Form der Zimtstangen - einer der häufigsten Begriffe im ganzen Buch.

dünckt

Von 'dünken' = scheinen/erscheinen, nicht von 'dick'. 'wie es dich gút dúnckt' heißt 'wie es dir gut scheint' - dieselbe Ermessens-Formel findet sich wortnah auch in mon-167 ('als vill dich bedunckt das dw sein genugen habst') und so1-129 ('so uil als dich dunckt gnuog').

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 2 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

wasserwater Q283
weinwine Q282
schmaltzanimal fat Q1423543
gúten weinwine Q282
zúckerunrefined cane sugar Q57656231
jmberginger Q15046077
pfefferpepper Q3143131
rerlachcinnamon Q28165
weinberraisin Q13186

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartkersseltz

Gewählte Lesart: Als Kompositum aus 'kers' (Kirsche) und 'seltz' (Sülze/Dickobst) gelesen: eine Kirsch-Sülze bzw. ein Kirschmus, das die Brühe schwärzt - gestützt durch die schwäbische Lautform 'Kersch' für Kirsche, durch saw-046 (bloßes 'seltz' im selben Buch eindeutig als Sülze übersetzt) und durch saw-007/saw-007a (dieselbe Zusammensetzung konsequent als Kirschmus gelesen).

Andere mögliche Lesart:

  • Verbranntes oder geröstetes Brot als Schwärzungsmittel - Klassische Technik für 'schwarze Saucen' im Spätmittelalter, aber im Text ist bereits gebranntes Mehl im Schmalz für die Bindung vorgesehen - eine zusätzliche Brotzugabe wäre redundant.

Lesartdich

Gewählte Lesart: Als Pronomen 'dich' (dir) gelesen: 'wie es dich gút dúnckt' = 'wie es dir gut scheint' - eine Ermessens-Formel am Rezeptende, passend zu 'versuchs' (probiere/koste). Dieselbe wortnahe Formel ('...dich dunckt/bedunckt...') findet sich auch in mon-167 und so1-129.

Andere mögliche Lesart:

  • Als 'dick' (dickflüssig) gelesen: die Brühe wird auf ihre Konsistenz hin geprüft, nicht auf den Geschmack. - Naheliegend durch den Bezug auf die Brühen-Dicke im Satz davor, aber die einzige Korpus-Stützung dieser ck/ch-Schwund-Schreibung ist als bairisch markiert, nicht Augsburgisch-spezifisch verifiziert - während die Pronomen-Lesart durch zwei wortgleiche Parallelformeln im Korpus gestützt wird.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 2 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Der Kopf muss stundenlang vorgekocht werden, das geschieht am besten zuhause oder am Vortag im Lager. Am Markttag selbst bleibt nur die eindrucksvolle Wein-Begießung auf dem Rost und das Anrühren der dunklen Brühe direkt vor Publikum, das lässt sich gut in eine Stunde packen.
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.