Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553
Einen Wildschweinkopf sollte man in Wasser gut sieden. Wenn er gegart ist, lege ihn auf einen Rost und bestreiche ihn mit Wein, so dass man meint, er sei im Wein gesotten worden. Danach macht man eine schwarze oder eine gelbe Brühe darüber.
Willst du zunächst die schwarze Brühe machen, so lass ein wenig Schmalz heiß werden und bräune darin einen Löffel voll feines Mehl. Gib danach einen guten Wein dazu und einen guten Kirschsatz, damit die Brühe schwarz wird, dazu Zucker, Ingwer, Pfeffer, Gewürznelken und Zimt, Rosinen und Zibeben, aus denen du zuvor die Kerne herausgenommen hast, und klein geschnittene Mandeln. Probiere sie ab, wie sie dir gut erscheint, und mach sie so.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wilden schweinskopff | Wildschweinkopf | - | Wildhändler oder Metzger mit Wildangebot, Vorbestellung empfehlenswert | Schweinskopf vom Metzger, falls kein Wildschwein erhältlich |
| wasser | Wasser | - | Leitung | - |
| wein | Wein zum Begießen | - | - | - |
| schmaltz | Schmalz | - | - | - |
| ain leffellin voll schens mell | 1 Löffel voll feines Mehl | 1 EL | - | - |
| gúten wein | Wein für die Brühe | - | - | - |
| gúten kersseltz | Kirschsatz | - | Feinkosthandel, gut sortierter Supermarkt (eingekochter Kirschsaft) | Dunkles Kirschkonzentrat oder eingekochter Sauerkirschsaft |
| zúcker | Zucker | - | - | - |
| jmber | Ingwer | - | - | - |
| pfeffer | Pfeffer | - | - | - |
| negellen | Gewürznelken | - | - | - |
| rerlach | Zimt | - | - | - |
| weinber | Rosinen | - | - | - |
| ziwiben | Zibeben | - | Gewürzhandel, Bio-Laden (große getrocknete Weinbeeren) | Große Rosinen oder Sultaninen |
| mandel klain geschniten | Klein geschnittene Mandeln | - | Supermarkt (Backregal) | - |
Welches Gericht ist das? Ein ganzer Wildschweinkopf wird in Wasser weichgegart und danach mit einer gebundenen Gewürzbrühe serviert - wahlweise schwarz mit Kirschsatz oder gelb (die gelbe Variante wird im Text angekündigt, aber nicht mehr ausgeführt). Die dunkle Weinbrühe aus gebräuntem Mehl, Wein, Kirschsatz, Gewürzen, Rosinen und Zibeben liegt in der Nähe der später geläufigen süß-sauren Bratensauce, wie man sie etwa vom rheinischen Sauerbraten kennt - nur dass hier Kirschsatz statt Lebkuchen für Farbe und Säure sorgt. Die aufwendige Präsentation eines ganzen Kopfes gehört in die verbreitete Tradition festlicher Kopf-Gerichte an vornehmen Tafeln.
Der Wein ist ein Trick, kein Sud. Der Kopf gart vollständig in Wasser; erst danach wird er auf dem Rost mit Wein bestrichen. Das durchdringt das Fleisch nicht wie ein echter Weinsud, sondern erzeugt nur den äußeren Eindruck - der Text sagt das selbst offen: 'so went man, er sey jm wein gesotten' (so glaubt man, er sei im Wein gesotten).
kersseltz bleibt offen. Der schwärzende Zutat ist im überlieferten Wortschatz sonst nicht belegt. Für die Praxis empfiehlt sich ein dunkler, eingekochter Kirschsaft oder ein Kirschkonzentrat - das ergibt die im Text verlangte schwarze Farbe und passt zur schwäbischen Lautform 'Kersch' für Kirsche. Eine belastbare historische Alternative gibt es nicht; jede andere Deutung bliebe reine Spekulation.
Praxis. Den Kopf in reichlich Wasser mehrere Stunden weichkochen, bis sich das Fleisch von den Knochen löst. Auf einen Rost legen und mit Wein bestreichen. Für die schwarze Brühe Schmalz erhitzen, einen Löffel Mehl darin bräunen, mit Wein und Kirschsatz ablöschen, Zucker, Ingwer, Pfeffer, Gewürznelken und Zimt einrühren, dazu Rosinen und entkernte Zibeben sowie klein geschnittene Mandeln geben. Abschmecken und in der gewünschten Dicke servieren.
Am besten beim Wildhändler oder bei einem Metzger mit Wildangebot vorbestellen. Ist kein Wildschwein zu bekommen, tut es auch ein gewöhnlicher Schweinskopf vom Metzger, wenn auch ohne den Wildgeschmack.
Ja, als Schaugericht. Das lange Sieden des Kopfes gehört zuhause oder an den Vortag, am Markt selbst zeigt man nur die Wein-Begießung auf dem Rost und das Anrühren der dunklen Brühe, eine kompakte und sichtbare Vorführung von etwa einer Stunde.
Ein zusammengesetztes Wort aus 'kers' (Kirsche) und 'seltz' (Sülze bzw. eingekochtes Dickobst) - also eine Kirsch-Sülze oder ein Kirschmus, das der Brühe ihre schwarze Farbe gibt. Der Begriff selbst ist in keinem externen Wörterbuch belegt, aber im eigenen Kochbuch gut gestützt: An anderer Stelle (saw-046) übersetzt das Buch bloßes 'seltz' eindeutig als Sülze, und zwei weitere Rezepte (saw-007, saw-007a) lesen 'kersseltz' konsequent als Kirschmus.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).
Brühlein, eine kleine, gebundene Sauce, die über das gegarte Fleisch gegeben wird. Kein Bezug zum französischen Weichkäse.
Hier im Sinn von 'mit Wein bestreichen/begießen' - ein Trick, damit der Kopf aussieht, als sei er im Wein gegart worden.
Zusammengesetzt aus 'kers' (Kirsche, frühnhd. 'kersche/kirsche') und 'seltz' (Sülze bzw. eingekochtes Dickobst) - Kirsch-Sülze oder Kirschmus, das die Brühe schwärzt. Kein Wortlaut-Beleg in externen Wörterbüchern, aber corpus-intern gut gestützt: saw-046 übersetzt bloßes 'seltz' im selben Buch eindeutig als Sülze, saw-007/saw-007a lesen 'kersseltz' konsequent als Kirschmus.
Zibeben, große getrocknete Weinbeeren, im Buch neben den kleineren 'weinber' (Rosinen) genannt.
Zimt, wörtlich 'Zimmet-Röhrlein' nach der gerollten Form der Zimtstangen - einer der häufigsten Begriffe im ganzen Buch.
Von 'dünken' = scheinen/erscheinen, nicht von 'dick'. 'wie es dich gút dúnckt' heißt 'wie es dir gut scheint' - dieselbe Ermessens-Formel findet sich wortnah auch in mon-167 ('als vill dich bedunckt das dw sein genugen habst') und so1-129 ('so uil als dich dunckt gnuog').
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| wasser | water Q283 |
| wein | wine Q282 |
| schmaltz | animal fat Q1423543 |
| gúten wein | wine Q282 |
| zúcker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| jmber | ginger Q15046077 |
| pfeffer | pepper Q3143131 |
| rerlach | cinnamon Q28165 |
| weinber | raisin Q13186 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Als Kompositum aus 'kers' (Kirsche) und 'seltz' (Sülze/Dickobst) gelesen: eine Kirsch-Sülze bzw. ein Kirschmus, das die Brühe schwärzt - gestützt durch die schwäbische Lautform 'Kersch' für Kirsche, durch saw-046 (bloßes 'seltz' im selben Buch eindeutig als Sülze übersetzt) und durch saw-007/saw-007a (dieselbe Zusammensetzung konsequent als Kirschmus gelesen).
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Als Pronomen 'dich' (dir) gelesen: 'wie es dich gút dúnckt' = 'wie es dir gut scheint' - eine Ermessens-Formel am Rezeptende, passend zu 'versuchs' (probiere/koste). Dieselbe wortnahe Formel ('...dich dunckt/bedunckt...') findet sich auch in mon-167 und so1-129.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.