Das Kochbuch der Maria Stenglerin (Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen)
Weiße Hirschfett-Salbe herstellen
Moderne Übersetzung
Wenn du eine weiße Salbe herstellen willst, so nimm das Netzfett eines Hirsches, der im Dreißigsten gefangen ist. Lege es drei Tage und drei Nächte in eine Lauge.
Wasche es jeden Tag aus kaltem Wasser und lege es wieder in frische Lauge. Am dritten Tag lasse es trocknen, zerschneide es und zerlasse es in einer sauberen Pfanne. Danach gieße es in ein kleines Gefäß.
Nimm dann halb so viel Hirsch-Nierenfett und anderthalb Vierdung klein gestoßenes Bleiweiß. Rühre es gemächlich durcheinander. Nimm dann unter das alles ein halbes Quintlein Kampfer und rühre es gleich darein. Gib auch ein Quintlein gestoßenes Ingwer hinzu und rühre es darein, bis es glatt wird.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| das netz ainem hirſchen, der im dreiſſigſten gefangen iſt | Hirsch-Netzfett | - | Wildhändler (auf Bestellung) | Rinder-Netzfett |
| laug | Lauge | - | Drogerie (Kaliumhydroxid) oder selbst herstellen (Holzasche) | - |
| kalten waſſer | Kaltes Wasser | - | Leitung | - |
| halb hirſchen inſchlat | Hirsch-Nierenfett | - | Wildhändler (auf Bestellung) | Rinder-Nierenfett (Suet) |
| anderhalb vierdung klain geſtoſſen pleyweyſs | gestoßenes Bleiweiß (hochgiftig!) | 188 g | ⚠ Nicht im Handel erhältlich, hochgiftig. Nicht für den Verzehr oder Hautkontakt geeignet. | - |
| ain halbs quintlin gaffer | Kampfer | 1,9 g | Apotheke (als Reinsubstanz) oder Online-Handel | - |
| ain geſtoſſne imber ain quintle | 3,75 g gestoßenes Ingwer | 3¾ g | Supermarkt | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Keine Speise, sondern eine weiße Kosmetik- und Heilsalbe aus Hirschfett, Bleiweiß, Kampfer und Ingwer. Der nächste lebendige Verwandte ist eine Kampfer-Fettsalbe, wie sie bis heute als Erkältungs- oder Sportbalsam verkauft wird - nur ohne das hochgiftige Bleiweiß, das hier als historisches Weißpigment für den Teint diente.
Der Dreißigst. „Der im Dreißigsten gefangen ist" liest sich zunächst wie eine Altersangabe, meint aber vermutlich den „Dreißigst" - eine im Volksglauben als besonders kraftvoll geltende, dreißigtägige Zeitspanne zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und Mariä Geburt (8. September), in der laut schwäbischer Überlieferung auch andere Tiere gezielt gefangen wurden. Ganz sicher ist auch diese Lesart nicht, ein wörtlicher Beleg für den Hirsch im Dreißigst fehlt.
Vierdung, Quintlein und Lot. Drei verschiedene historische Gewichte kommen in diesem Rezept vor und dürfen nicht verwechselt werden: Ein Vierdung ist ein Viertelpfund, rund 125 Gramm. Ein Quintlein dagegen ist nur ein Viertellot, rund 3,75 Gramm - Faktor 30 Unterschied. Anderthalb Vierdung Bleiweiß sind damit knapp 190 Gramm, ein halbes Quintlein Kampfer dagegen nur rund 1,9 Gramm.
Praxis. Das Netzfett liegt drei Tage und Nächte in der Lauge und wird täglich mit kaltem Wasser gewaschen und in frische Lauge gelegt - ein reinigender, leicht verseifender Schritt, der das Fett heller und geruchsärmer macht. Danach wird es getrocknet, zerkleinert und in einer sauberen Pfanne ausgelassen, also geklärt, und in ein kleines Gefäß gefüllt. Das festere Nierenfett - die Textstelle nennt keine genaue Menge, für die Praxis kann man mit etwa einem halben Pfund rechnen - wird untergerührt, um die Salbe fester zu machen, bevor Bleiweiß, Kampfer und Ingwer eingearbeitet werden. Wegen des hochgiftigen Bleiweißes ist diese Anleitung als historisches Dokument zu lesen, nicht zum Nachmachen.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mst-097/
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